Walther von der Vogelweide: Ein altdeutscher Dichter
Part 5
Er ermahnt die Jugend, nach Herzeliebe zu werben (I 108a). Wer Würde und Freude erwerben will, der diene um gutes Weibes Gruß (I 109b). Wer gutes Weibes Minne hat, der schämt sich aller Missethat. Was hat die Welt zu geben Lieberes, denn ein Weib? (I 108b). Den Fürsten hält er als Lohn ihrer Tugenden vor, von den reinen, süßen Frauen gelobt zu werden (I 133a). Er verwahrt sich gegen die Anschuldigung, als hätte er in seinem Gange guter Frauen übel gedacht, und er ruft männiglich zu Zeugen auf, ob deutschen Weiben Jemand je besser gesprochen? Daß er die Guten von den Bösen scheide, das nur erzeuge den Haß (I 120b). Sein begeistertes Lob deutscher Frauen, worauf er sich hier beziehen mag, ist zuvor ausgehoben worden. Man soll alle Weiber ehren, aber doch die besten baß, behauptet er anderswo (I 110b). Die Regeln der Weisheit und Ehre, die er in einem seiner Lieder giebt, schließt er mit den Worten: »willt du das Alles übergülden, so sprich wohl den Weiben!« (I 133b). Von der Frau seines Herzens sagt er: sie entfremde ihm alle andre, nur daß er um ihretwillen alle ehren müsse (I 124a). Der Gedanke an gute Frauen ist ihm ein Trost in böser Zeit:
Wer verhohl'ne Sorge trage, Der gedenke an gute Weib, er wird erlost, Und gedenke an lichte Tage! =Die= Gedanken waren stets mein bester Trost. Gegen den finstern Tagen hab' ich Noth, Nur daß ich mich richte nach der Heide, Die sich schämt vor Leide, So sie den Wald sieht grünen, so wird sie immer roth. (I 114b)
=erlost=, erlöst. =gegen=, vor. =hab' ich Noth=, banget mir.
Gleichwohl ist es nicht die tiefere und anhaltende Leidenschaft, die zärtliche Innigkeit, das Versinken in =einem= Gefühle, was Walthers Minnelieder auszeichnet, zumal wenn sie in dieser Beziehung mit den Liedern andrer vorzüglichen Minnesänger, z. B. =Reinmars= des =Alten= oder =Heinrichs= von =Morunge=, verglichen werden. Es ist sogar nicht zu läugnen, daß mehrere an einer gewissen Trockenheit leiden. Das Selbstbewußtseyn, die Ueberlegung ist in manchen sehr vorherrschend. Einige Male giebt er der Geliebten zu verstehen, wenn sie ihm nicht hold seyn wolle, so werde er sich anderwärts zu helfen wissen. Sie möge aber bedenken, daß nicht leicht Jemand besser, denn er, sie loben könne (I 123b). Doch drückt er dieses noch zärtlich genug aus, wenn er sagt: Ihr Leben hat meines Lebens Ehre, tödtet sie mich, so ist sie todt (I 124b). Er vermißt sich sogar, um die schönen Tage zu klagen, die er an ihr versäumt habe. Noth und Ungemach um der Liebe willen zu leiden, würde ihn nicht so sehr bekümmern, als verlorene Zeit (I 118a). Ja! er sagt einmal: Minne habe von ihm in der Woche je nur den siebenten Tag (I 120a).
Hiebei darf nun aber nicht übersehen werden, daß er den Minnesang bis in ein sehr vorgerücktes Alter fortgesetzt. Auch in der Minne vermißt er eine verschwundene bessere Zeit: Hiebevor, da man so recht minnigliche warb, da waren meine Sprüche auch freudenreich; seit daß die minnigliche Minne also verdarb, seit sang auch ich ein Theil unminniglich (I 116b). Er klagt, daß Falschheit überhandgenommen. Seit man falscher Minne mit so süßen Worten gehrt, kann ein Weib nicht wissen, wer sie meine. Der die Weiber allererst betrog, der hat an Männern und Weibern missefahren (I 104a). Aber auch die Frauen erkennt der Dichter schuldig: daß die Männer so übel thun, das ist gar der Weiber Schuld. Hievor stand der Frauen Muth auf Ehre, jetzt sieht man wohl, daß man ihre Minne mit Unfuge erwerben soll (I 107b). Das thut uns Männern den meisten Schaden, daß wir den Weibern gleich lieb sind, wir seyen übel oder gut. Unterschieden sie uns, wie vormals, und ließen auch sich unterscheiden, das frommte uns vieles mehr, Männern und Weibern beiden (I 116b).
Walther bedauert ein schönes Weib, daß ihr die Schönheit nichts nütze, seit man nicht mehr gewohnt sey, innern Werth bei Schönheit zu finden:
Ich will Einer helfen klagen, Der doch Freude ziemte wohl, Daß in also falschen Tagen Schönheit Tugend verlieren soll. Hiebevor wär' ein Land erfreuet über ein so schönes Weib: Was soll =Der= nun schöner Leib? (I 140a)
Aber nicht bloß in diesem Rückblick auf verlebte Zeiten zeigt sich uns der Dichter als einen bejahrten Mann. Er giebt es noch näher. =Minne=, sagt er, hat einen Brauch, damit sie Manchen beschwert, den sie nicht beschweren sollte. Ihr sind vier und zwanzig Jahr viel lieber, denn ihr vierzig sind, sie stellt sich viel übel, sieht sie irgend graues Haar[39]. =Minne= war so ganz die Meine, daß ich wohl wußte all ihre Geheimniß. Nun ist mir so geschehen: kommt ein Junger jetzo her, so werde ich mit zwerchen Augen schielend angesehen. Armes Weib! wes mühet sie sich? Weiß Gott! ob sie auch Thoren trüget, sie ist doch älter viel, denn ich (I 120a).
[39] »Die Weiber hassen graues Haar« -- führt schon =Heinrich= von =Veldecke= (=Man.= I 20a) als ein altes Sprichwort an.
Noch mehr! Walther versichert, wohl vierzig Jahre und drüber habe er von Minne gesungen (I 122b). Darum auch kein Wunder, wenn manche seiner Lieder nicht mehr die Frische jugendlichen Lebens athmen! Er sagt sich am Ende feierlich von der Minne los; sein Minnesang möge nun Andern dienen und ihre Huld werde dafür sein Theil. Er segnet sich, daß er auf der Welt so Manche froh gemacht, Mann und Weib. Aber von der vergänglichen Minne, die nichts weiter ist, als vom Fische der Grat, wendet er sich jetzt zu der steten, ewigen (I 123a).
Wir müssen jedoch zurückkehren, um nun auch die Lichtseite seines Minnesanges darzulegen. Wenn dieser Dichter nicht in derjenigen Gattung von Minneliedern voransteht, deren Seele die innigste Empfindung ist, so ergreift er dagegen auch hier durch die sinnliche Kraft seiner Darstellung, durch die Anschaulichkeit und den Farbenglanz seiner Lebensbilder; Vorzüge, die er uns schon anderwärts bewährt hat. Es sind in dieser Beziehung einige etwas muthwillige Lieder nicht minder auszuheben, als andre von würdiger hoher Art.
Zuerst eine Tanzweise, ein Reigen:
»Nehmet, Fraue, diesen Kranz!« -- Also sprach ich zu einer wohlgethanen Magd -- »So zieret ihr den Tanz Mit den schönen Blumen, so ihr's auf euch tragt. Hätt' ich viel edel Gesteine, Das müßt' auf euer Haupt, Ob ihr mir es glaubt. Seht meine Treue, daß ich es meine!«
»Fraue! ihr seyd so wohlgethan, Daß ich euch mein Schapel gerne geben will, Das allerbeste, das ich kann. Weißer und rother Blumen weiß ich viel; Die stehn so ferne in jener Heide, Da sie schön entsprangen Und die kleinen Vögel sangen, Da soll'n wir sie brechen Beide.«
Sie nahm, das ich ihr bot, einem Kinde viel geleich, dem Ehr' geschieht. Ihre Wangen wurden roth, Wie die Rose, da man sie bei Lilien sieht; Des mußten die lichten Augen sich schämen. Da neigte sie mir viel schöne, Das ward mir zu Lohne; Wird mir noch mehr, das will ich schweigend nehmen. (I 125a)
=seht meine Treue=, man denke sich hiebei die Bewegung des Schwörens oder des Handschlags. =meine=, ernstlich meine. =Schapel=, Kranz, Kopfschmuck. =geleich=, gleich.
Wie es mit dem Blumenbrechen[40] gemeint sey, verräth ein weiteres Lied, an dem der hörbare Wohllaut der Singweise zu bewundern ist:
Unter der Linden, ~ an der Heide, Da unser Zweier Bette was, Da möget ihr noch finden, ~ schöne beide, Gebrochen Blumen unde Gras, Vor dem Walde, in einem Thal, Tandaradai! Schöne sang die Nachtigall.
Ich kam gegangen ~ zu der Aue, Da war mein Friedel kommen eh'. Da ward ich empfangen, ~ hehre Fraue! Daß ich bin selig immermeh. Er küßte mich wohl tausendstund, Tandaradai! Seht, wie roth mir ist der Mund!
Da hatt' er gemachet, ~ also reiche, Von Blumen eine Bettestatt. Des wird noch gelachet, ~ innigliche, Kommt Jemand an denselben Pfad; Bei den Rosen er wohl mag -- Tandaradai! Merken, wo das Haupt mir lag.
Daß wir da lagen, ~ wüßt' es Jemand, Das hüte Gott! so schämt' ich mich. Wes wir da pflagen, ~ nimmer Niemand Befinde das, denn er und ich Und ein kleines Vögelein! Tandaradai! Das mag wohl getreue seyn. (I 115b)
=was=, war. =schöne beide=, Beiwort des nachfolgenden: Blumen und Gras. =Friedel=, Liebster. =hehre Fraue=! wohl nicht Anrede an eine Vertraute, sondern Ausruf zu Marien. =immermeh=, immermehr, immerfort. =tausendstund=, tausendmal. =getreue=, verschwiegen.
[40] Anderswo singt Walther:
Müßte ich noch erleben, daß ich die Rosen Mit der Minniglichen sollte lesen, So wollt' ich mich so mit ihr erkosen, Daß wir immer Freunde müßten wesen. (I 137b)
Ein andrer Dichter wendet sich so an ihn:
Hör' an, Walther, wie es mir staht, Mein traut Geselle von der Vogelweide! Hülfe suche ich und Rath, Die Wohlgethane thut mir viel zu Leide. Könnten wir ersingen beide, Daß ich mit ihr müßte brechen Blumen an der lichten Heide! (I 140a)
Vgl. =Reinmar=, I 81b; =Nithart=, II 81a; =Hadloub=, II 194b 195b. Schön sagt König =Wenzel= von Beheim, I 2b:
Ich brach der Rosen nicht und hatt' ihr doch Gewalt.
Wir lassen noch einige der kleineren Liebeslieder folgen:
Mich däuchte, daß mir nimmer Lieber würde, denne mir zu Muthe was. Die Blumen fielen immer Von dem Baume bei uns nieder in das Gras. Seht! da mußte ich vor Freuden lachen. Da ich so innigliche War im Traume reiche, Da taget' es und mußt' ich wachen. (I 137a)
* * * * *
Daß ich dich so selten grüsse, Das ist ohn' alle arge Missethat. Ich will wohl, daß zürnen müsse Lieb mit Liebe, wo es von Freundes Herzen gaht. Trauren und werden froh, Sanfte zürnen, sehre sühnen: Das ist der Minne Recht, die Herzeliebe will also. (I 123b)
* * * * *
In einem zweifelichen Wahn War ich gesessen und gedachte, Ich wollte von ihrem Dienste gahn, Nur daß ein Trost mich widerbrachte. Trost mag es doch nicht heißen, es Ist viel kaum ein Tröstelein, So kleine, wenn ich euch das sage, ihr spottet mein; Doch freuet sich selten Jemand, der nicht wisse: wes.
Mich hat ein Halm gemachet froh, Er sagt: ich solle Gnade finden. Ich maß dasselbe kleine Stroh, Wie ich zuvor gesehn bei Kinden. Höret und merket, ob sie's denne thu'? Sie thut nicht, sie thut! sie thut nicht, sie thut! sie thut nicht, sie thut! Wie oft ich also maß, war stets das Ende gut. Da gehört auch Glaube zu. (I 142)
Einen höheren Schwung nimmt das nachfolgende Mailied:
So die Blumen aus dem Grase bringen, Gleich als lachten sie gegen der spiel'nden Sonnen, In einem Maien, an dem Morgen fruh, Und die kleinen Vögelein wohl singen In der besten Weise, die sie können: Was Wonne kann sich da vergleichen zu? Es ist wohl halb ein Himmelreiche, Nun sprechet Alle, was sich dem vergleiche! So sage ich, was mir ofte baß In meinen Augen hat gethan und thäte auch noch, ersähe ich das:
Wo eine edele Fraue, schöne, reine, Wohl bekleid't und dazu wohl gebunden, Um Kurzeweile zu viel Leuten geht, Höfelichen, hochgemuth, nicht eine, Um sich sehend ein wenig unterstunden, Gleich wie die Sonne gegen den Sternen steht. Der Maie bringe uns alle sein Wunder! Was ist denn da so Wonnigliches unter, Als ihr viel minniglicher Leib? Wir lassen alle Blumen stehn und gaffen an das werthe Weib.
Nun wohlauf! wollt ihr die Wahrheit schauen, Gehn wir zu des Maien Hochgezeite! Der ist mit aller seiner Wonne kommen. Seht an: ihn! und seht an: schöne Frauen! Welches hie das Andre überstreite? Das bessre Spiel, ob ich das habe genommen? Wer mich hie Eines wählen hieße, Daß ich das Eine um das Andre ließe: Ahi! wie schnell ich dann köre! Herr Mai! ihr müßtet Märze seyn, eh' ich meine Fraue da verlöre. (I 116a)
=wohl gebunden=, mit schönem Gebände, Kopfband. =zu viel Leuten=, unter die Leute, zu einer festlichen Versammlung. =nicht eine=, nicht allein, mit Begleitung. =unterstunden=, zuweilen. =Hochgezeite=, Fest. =köre=, wählte.
Die Reihe der Minnelieder schließen wir mit zwei Gesätzen, welche, ganz ihrem Inhalt gemäß, in einer von jenen volltönenden Weisen gedichtet sind, womit sonst der Dichter die Könige zu begrüssen pflegt:
Durchsüsset und geblümet sind die reinen Frauen, Es ward nie nichts so wonnigliches anzuschauen In Lüften, auf Erden, noch in allen grünen Auen. Lilien, Rosenblumen, wo die leuchten Im Maienthaue durch das Gras, und kleiner Vögelein Sang, Das ist gegen solcher wonnereicher Freude krank. Wo man ein' schöne Fraue sieht, das kann trüben Muth erfeuchten Und löschet' alles Trauren an derselben Stund'. So lieblich lachet in Liebe ihr süßer rother Mund, Und Strale aus spiel'nden Augen schießen in Mannes Herzensgrund. (I 130a)
=krank=, schwach. =erfeuchten=, erfrischen. =Strale=, Pfeile.
* * * * *
Viel süße Fraue, hochgelobt mit reiner Güte! Dein keuscher Leib giebt schwellend Hochgemüthe. Dein Mund ist röther, denn die lichte Rose in Thaues Blüthe. Gott hat gehöhet und gehehret reine Frauen, Daß man ihn'n wohl soll sprechen und dienen zu aller Zeit. Der Welte Hort mit wonniglichen Freuden leit An ihnen. Ihr Lob ist lauter und klar. Man soll sie schauen; Für Trauren und für Ungemüthe ist nichts so gut, Als anzusehn ein' schöne Fraue, wohlgemuth, Wenn sie aus Herzensgrund ihrem Freunde ein lieblich Lachen thut. (I 130b)
=wohl sprechen=, Gutes von ihnen sprechen. =leit=, liegt. =Ungemüthe=, Unmuth.
Ein Ueberblick über diese Minnelieder giebt uns den Eindruck, daß in denselben der Dichter nicht von seinem Gegenstande beherrscht sey, sondern diesen mit Freiheit ausser sich stelle. Zumal in den ausgehobenen Gedichten höheren Styls betrachtet er die Schönheit und den Werth der Frauen, fast ohne eigenen Anspruch, als eine glänzende Erscheinung, die er in das Ganze seiner Weltanschauung aufnimmt.
Sechster Abschnitt.
Der Hof zu Wien. Leopold VII. Der Kärnthner. Der Patriarch. Ulrich von Lichtenstein.
In welcher Gegend das Leben gelegen, das Friedrich II. dem Dichter ertheilte, darüber giebt dieser keinen Aufschluß. Auch die Zeit der Belehnung ist ungewiß. Geraume Zeit nach Friedrichs Ankunft in Deutschland läßt Walther sich wieder am Hofe von Oesterreich treffen.
Es mag seyn, daß er am Hofe Leopolds VII., der seinem Bruder Friedrich, dem Gönner des Dichters, im Herzogthum nachgefolgt war, mehrmals und zu sehr verschiedenen Zeiten sich aufhielt. In Ermanglung bestimmterer Anzeigen müssen wir uns jedoch begnügen, die Gedichte, welche den Hof zu Wien betreffen, um den einen Zeitpunkt zu sammeln, der mit einiger Sicherheit angegeben werden kann. Diejenigen, welche sich auf den benachbarten Hof von Kärnthen beziehen, stehen mit erstern in genauem Zusammenhang.
Leopold VII. (der =Glorreiche=), Herzog von Oesterreich und Steier, ist derjenige, den im Kriege auf Wartburg Heinrich von Ofterdingen vor allen Fürsten preist. Er legt Leopolds Tugend auf die Wage und fordert die andern Sänger auf, solche mit dreier Fürsten Milde aufzuwägen. Der von Oesterreich wünsche sich vier Hände, damit, während er mit zweien gegen die Feinde kämpfe, zwei andre den gehrenden Leuten Gabe spenden können. Als er gegen den König von Ungarn den Schild an den Arm genommen, habe er zugleich zu seinem Kämmerer gesprochen: Nun schaffe, daß den Gehrenden ihre Pfänder gelöst werden! (=Man.= II 1a 4a)
Drei Sorgen hat unser Dichter sich genommen, dreierlei Dinge möcht' er gewinnen. Das eine ist Gottes Huld, das andre seiner Frauen Minne, das dritte, das sich mit Unrecht manchen Tag seiner erwehrt, ist der wonnigliche Hof zu Wien. Er will nimmer rasten, bis er diesen verdient. Dort sah man Leopolds Hand geben, ohne daß sie des erschrack (I 105b).
Näher rückt er mit folgendem Liede:
Mir ist versperrt des Heiles Thor, Da steh' ich als ein Waise vor, Mich hilfet nicht, was ich daran auch klopfe. Wie möcht' ein Wunder größer seyn: Es regnet beidenthalben mein, Daß mir des alles nimmer wird ein Tropfe! Des Fürsten Milde aus Oesterreich Freuet, dem süssen Regen gleich, Beide: Leute und auch das Land. Er ist eine schöne wohlgezierte Heide, Darab man Blumen brichet wunder. Und bräche mir ein Blatt da herunter Seine viel milde, reiche Hand, So möchte ich loben die viel süsse Augenweide. Hiemit sey er an mich gemahnt! (I 128a)
=beidenthalben mein=, zu meinen beiden Seiten. =wunder=, wunderviel.
Es ist wahrscheinlich, daß Walther einmal von Kärnthen aus gegen Wien angedrungen. In Kärnthen war Bernhard, aus dem Geschlechte der Grafen von Lavantthal, von 1202 bis 1256 am Herzogthum[41]. In ihm finden wir den =Kärnthner= unsres Dichters, den fürstlichen Freund des Gesanges, auf welchen auch im =Titurel= angespielt wird[42]. Der Aufenthalt am Hofe dieses Fürsten wurde Walthern, wie es scheint, durch Hofränke und Kunstneid verleidet. Er hat des Kärnthners Gabe oft empfangen, aber einmal geschah es, daß ihm die Kleider nicht gegeben wurden, die ihm der Fürst bestimmt hatte. Daraus entstanden Mißverständnisse, deren Erzählung der Dichter mit den Worten schließt:
Dieser Zorn ist ohn' alle Schulde, weiß Gott, unser beider. (I 132a)
[41] Frölich, _Specimen Archontologiæ Carinthiæ, Vienn. etc. 1758 p. 4_.
[42] »Ob mir ein Fürst aus Kärnthen giebt die Miethe.« =Titur.= Cap. 15
Freilich kann der =Titurel= in seiner jetzigen Gestalt nur mit Vorsicht gebraucht werden.
Ein andermal beklagt er sich, daß man am Hofe seinen Sang =verkehre=[43]. Er eifert gegen solche Schälke, zeigt sich zum weitern Gefechte gerüstet, bittet jedoch den Fürsten, selbst die Sache zu untersuchen:
Frage, was ich habe gesungen, und erfahr' uns, wer's verkehre! (=Ebd.=)
[43] Ueber das =Verkehren= des Gesanges, d. h. das Mißdeuten, Entstellen, wohl auch Parodiren desselben, hat auch der =Hardegger= zu klagen:
Wer mir verkehret, das ich heure von dem Kaiser sang &c. (=Man.= II 121b)
Vgl. v. =Singenberg= (I 156b 3)
Die Gegner scheinen aber gesiegt zu haben und hieher kann es bezogen werden, wenn der Dichter sich jetzt an den Herzog von Oesterreich wendet:
_In nomine domini!_ ich will beginnen, sprechet _Amen!_ das ist gut für Ungelücke und für des Teufels Samen. Daß ich nun singen müsse in dieser Weise also, Wer höfischen Sang und Freude störe, daß der werde unfroh! Ich habe wohl und hofelich daher gesungen, Mit der Höfischheit bin ich nun verdrungen, Daß die Unhöfischen nun zu Hofe werther sind, denn ich. Das mich ehren sollte, das unehret mich. Herzog aus Oesterreiche, Fürste, nun sprich! Du wendest es alleine, sonst verkehre ich meine Zungen. (I 131b)
=verkehre ich= &c. d. h. singe auch ich unhofelich.
In einem ähnlichen Liede droht er, sich jetzt auch des =scharfen Sanges= befleißen zu wollen:
Da ich stets mit Furchten bat, da will ich nun gebieten, Ich sehe wohl, daß man Herrengut und Weibesgruß Gewaltiglich und ungezogenlich erwerben muß.
Er beschwert sich weiter, wenn er seinen höfischen Sang singe, so klagen sie es =Stollen=, vermuthlich einem von den unhöfischen Verkehrern seines Gesangs. Der Schluß des Liedes geht wieder auf den Herzog Leopold:
Zu Oesterreiche lernte ich singen und sagen, Da will ich mich allererst beklagen. Finde ich an Lüpold höfischen Trost, so ist mir mein Muth entschwollen. (I 131b f.)
Mehrere Lieder zeigen uns nun den Dichter wirklich an dem ersehnten Hofe zu Wien. Einige derselben gestatten eine ungefähre Zeitbestimmung, namentlich beziehen sich zwei davon auf den Kreuzzug des Herzogs.
Leopold VII. ließ sich schon 1208 mit mehreren Edeln des Landes zu Neuenburg mit dem Kreuze zeichnen. Im Jahr 1213 begab er sich mit großem Gefolge nach Spanien, um die Mauren zu bekriegen. Sodann im Jahr 1217 fuhr er mit dem Könige von Ungarn und vielen Andern nach dem heiligen Lande. Dort betrieb er die Belagerung von Damiata, kehrte aber, bevor noch diese Stadt eingenommen war, im Jahr 1219 nach Oesterreich zurück[44]. Walther feiert des Herzogs glückliche Heimkehr. Ihr seyd wohl werth, sagt er, daß wir die Glocken gegen euch läuten, dringen und schauen, als ob ein Wunder kommen sey; ihr kommet uns sünden- und schandenfrei, drum sollen wir Männer euch loben und die Frauen sollen euch kosen. Im Uebrigen geht das Lied darauf hinaus, daß der ehrenvolle Empfang den Herzog für den Vorwurf entschädigen solle, als hätte es seiner Ehre angestanden, noch länger über Meer zu bleiben (I 135).
[44] _Chron. Claustro-Neoburg. ad ann. 1208-1219._
Nach der Rückkehr des Herzogs ist ein Lied gedichtet, worin die Kargheit des österreichischen Adels gerügt wird. Als Leopold spart' auf die Gottesfahrt, da sparten sie alle, als wagten sie nicht zu geben. Das war billig, daß sie ihn an Milde nicht überhöhen wollten; man soll immer nach dem Hofe leben. Die Helden aus Oesterreich hatten stets gehofeten Muth. Sie =behielten= ihm zu Ehren, das war gut. Nun =gebet= ihm zu Ehren, wie er nun thut, und lebet nach dem Hofe, so ist eure Zucht unbescholten! (I 132b)
In einem andern Gedichte lehnt Walther es ab, den Herzog nach dem Walde zu begleiten. Zu Felde folgt er ihm gern, zu Walde nicht. Zu Walde will ihn der Herzog, Walther hat stets bei Leuten gelebt. Selig sey der Wald und die Heide, da möge Leopold mit Freuden leben! Zieh' er dahin, Walthern lass' er bei Leuten, so haben sie Wonne beide (I 132b).
Aeusserst wohl ergeht es dem Dichter um diese Zeit. Er benennt dreier Fürsten Höfe, so lange er diese weiß, braucht er nicht um Herberge fern zu streichen, sein Wein ist gelesen und seine Pfanne sauset. Die drei Fürsten sind: der biderbe Patriarch; zuhand dabei Leopold, der Fürst zu Steier und Oesterreich, dem Niemand lebender zu vergleichen; der dritte: des vorigen Vetter, der wie der milde Welf gemuth ist, des Lob nach dem Tode besteht (I 133b).
Den Herzog Leopold kennen wir. Sein Vetter ist wohl niemand anders, als seines Vaters einziger Bruder, =Heinrich=, der bis in das Jahr 1223 lebte[45]. Der biderbe Patriarch aber ist uns der Patriarch von Aquileja, =Berthold=, aus dem Geschlechte der Grafen von Andechs, der von 1218 an diese geistliche Würde bekleidete und erst 1251 starb[46].
[45] _Chron. cit. ad ann. 1223._ Wer der =milde Welf= sey, mit welchem Leopolds Vetter verglichen wird, getraue ich mir nicht zu bestimmen. Auch der =Tanhuser= (=Man.= II 64a) gedenkt eines =Welf von Schwaben= unter den verstorbenen Fürsten, welche manchem Mann viel reicher Kleider gaben.
[46] Frölich I. _c. Tab. IV_