Walther von der Vogelweide: Ein altdeutscher Dichter
Part 4
Ihr Fürsten tugnet eure Sinne mit reiner Güte, Seyd gegen Freunde sanfte, gegen Feinde traget Hochgemüthe, Stärket Recht, und danket Gott der großen Ehren, Daß mancher Mensch seinen Leib, sein Gut muß euch zu Dienste kehren! Seyd milde, friedebar, laßt euch in Würde schauen! So loben euch die reinen süßen Frauen. Scham, Treue, ehrebringende Zucht sollt ihr gerne tragen! Minnet Gott und richtet, was die Armen klagen! Glaubt nicht, was euch die Lügenere sagen, Und folget gutem Rathe, so möget ihr im Himmelreiche bauen! (I 132b)
=tugnet=, machet tüchtig, veredlet. =minnet=, liebet; =Minne= ist Liebe in jeder Bedeutung. =bauen=, wohnen, dereinst Bürger des Himmelreichs werden.
Noch in andern Liedern warnt er die Fürsten vor falschem Rathe. Er will sie lehren, wie sie jeglichen Rath wohl mögen erkennen. Der guten Räthe sind drei, drei böse stehen zur linken Hand dabei. =Frommen=, =Gottes Huld= und =weltliche Ehre=, das sind die guten. Wohl ihm, der diese lehret! den möchte ein Kaiser nehmen an seinen höchsten Rath. Die drei bösen heißen: =Schade=, =Sünde= und =Schande= (I 105b).
Besonders wird Derjenige, wes Standes er sey, für einen Schalk erklärt, der seinen Herren lehre, zu lügen oder das Angelobte nachher zu versagen, und der so die Biedern schamlos mache:
Erlahmen müssen ihm die Beine, so er sich zu dem Rathe biege! Sey aber er so hehr, daß er dazu sitze, So wünsche ich, daß sein' ungetreue Zunge müsse erlahmen. (I 130b)
Die Herren selbst, welche so durch glänzende Versprechungen täuschen, vergleicht Walther den Gaucklern, die unter dem Hute jetzt einen wilden Falken, jetzt einen stolzen Pfau, jetzt gar ein Meerwunder vorweisen, am Ende aber ist es weiter nichts, als eine Krähe. Wär' ich dir stark genug, ruft er solchem Gauckler zu, ich schlüge dir die falsche Gauckelbüchse an dein Haupt (I 132b).
Der Umgang mit den Mächtigen hat das Urtheil des Dichters über die wahren Vorzüge der Menschen keineswegs getrübt. Er sucht diese nicht in der Geburt. Kräftig spricht er sich über den Ursprung aller Sterblichen aus gleichem Lehm und über ihre Gleichheit vor dem höchsten Herren aus:
Wer ohne Furcht, o Herr Gott! Will sprechen deine zehn Gebot', Und brichet die, das ist nicht wahre Minne. Dich heisset =Vater= Mancher viel, Der mich zum =Bruder= doch nicht will; Der spricht die starken Wort' aus schwachem Sinne. Wir wachsen all' aus gleichem Dinge, Speise frommet uns, sie wird ringe, So sie durch den Mund hin fährt. Wer kann den Herren von dem Knechte scheiden, Der ihr Gebeine bloßes fünde, (Hatt' er gleich der Lebenden Kunde,) So Gewürme das Fleisch verzehrt? =Ihm= dienen Christen, Juden und Heiden, Der alle lebende Wunder nährt. (I 128b)
Der Teufel, wenn er sichtbar daher käme, sagt Walther ein andermal, wäre mir nicht so verwünscht, als des Bösen böser Sohn. Von der Geburt kommt uns weder Frommen noch Ehre (I 129a).
Die erworbenen, selbstverdienten Freunde zieht er den angebornen, den =Magen=, vor:
Mann, hochgemagt, an Freunden krank, Das ist ein schwacher Habedank; Baß hilfet Freundschaft ohne Sippe. Laß Einen seyn geborn von Königes Rippe, Er habe denn Freunde, was hilfet das? =Magschaft= ist selbstgewachs'ne Ehre, So muß man Freunde verdienen sehre. =Mag'= hilfet =wohl=, =Freund= vieles =baß=. (I 126b)
=hochgemagt=, der hohe Magen, Blutsverwandte, hat. =krank=, schwach, arm. =Habedank=, Entgelt, Ersatz. =So=, den Gegensatz bezeichnend. =verdienen=, durch Dienst, mühsam erwerben.
Den wahren Werth des Mannes begründen ihm drei Eigenschaften: =Kühnheit=, =Milde=, besonders aber =Treue=. An Weibes Lobe, meint er, stehet wohl, daß man sie =schön= heiße. Manne stehet es übel, es ist zu weich und oft zum Hohne. =Kühn= und =mild= und daß er dazu =stete= sey, so ist er viel gar gelobt. Ihr müsset =in= die Leute sehen, wollt ihr sie erkennen; Niemand soll aussen nach der Farbe loben (I 134a). Gewissen Freund, versuchtes Schwerdt, soll man zu Nöthen sehen (I 131b)[31].
[31] Die =Pf. Hds.= 357 Bl. 20 hat das Lied, welches mit diesem Satze schließt, unter denen des Truchs. von St. Gallen. »Getreuer Freund, versuchtes Schwerdt, die zweene sind in Nöthen gut!« sagt auch =Bruder Werner= (LVIII). Die Rede ist sprichwörtlich, wie jenes Lied selbst andeutet. Walther läßt zuweilen ein Sprichwort (=ein alt gesprochen Wort=, wie =Ulrich v. Winterstetten= sich ausdrückt, =Benecke's= Ergänz. S. 220. Vgl. _Fragm. de bell. Carol. M. contr. Sarac. v. 1011._) einfließen, als: »In der Mühle harpfen.« (I 122) (Vgl. =Freigedank=, V. 1559 f.) »Guter Mann ist guter Seiden werth.« (I 115a) »Sind je doch Gedanken frei.« (I 121b) Vgl. =Dietmar= von =Ast=: »Gedanken, die sind ledig frei.« (I 40a)
Ihm grauset, wenn ihn die Lächler anlachen, denen die Zunge honiget und das Herz Galle hat. Freundes Lächeln soll seyn ohne Missethat, lauter wie das Abendroth, das liebe Mähre kündet. Wes Mund mich trügen will, der habe sein Lachen hin! Von dem nähme ich ein wahres =Nein= für zwei gelogene =Ja= (I 131a).
Gott, der ein rechter Richter heißet in der Schrift, sollte das geruhen, daß er die Getreuen von den Falschen schiede; hienieden noch, denn jenseits werden sie wohl gesondert. Gerne sähe ich an ihrer Etlichem ein Schandenmal, der sich dem Manne windet aus der Hand, recht wie ein Aal. O weh! daß Gott nicht zorniglich an denen wundert! Wer mit mir fährt von Hause, der fahr' auch mit mir heim! Des Mannes Muth soll fest seyn, als ein Stein, an Treue grad und eben, wie der Stab am Pfeile (=W. Hds.= S. 151).
So streng der Dichter hier und anderwärts gegen Alles eifert, was er für schlecht erkannt hat, so scharf er auch zu spotten versteht, so erscheint dennoch sein Innerstes ungemein weich und milde. In sittlicher Beziehung zeichnet ihn das Zartgefühl, ja die Aengstlichkeit aus, womit er vorzubeugen sucht, daß sein Straflied nicht mit dem Schuldigen zugleich den Unschuldigen verletze (z. B. I 107b 6, 120b 3). Er ist den Bösen versöhnlich, wenn sie sich bessern wollen (I 115b 4). Er duldet manche Unfuge, obwohl er sich rächen könnte (I 121b 2). Denen, die im Winter ihm Freude benommen, wünscht er doch, daß die Sommerzeit ihnen wohl bekommen möge. Er kann nicht fluchen, als das üble Wort: =unselig=! das wär' aber allzuviel (I 136b 3),
Seine gedrückte Lage, seine Abhängigkeit von der Gunst oder Ungunst Andrer, hat ihn eingeschüchtert und er lebt sein wahrstes Leben nur in der Einsamkeit und Heimlichkeit des Gemüths. Er hütet sich, daß nicht die Leute sein verdrieße, mit den Frohen ist er froh und lacht ungerne, wo man weinet (I 117a 1). Er ist unschädlich froh, daß man ihm wohl zu leben gönne. Heimlich steht sein Herze hoch (I 114a 3). Er scheut sich froh zu seyn, wenn es nicht Andre mit ihm sind, damit er nicht ihr Fingerzeigen leide (I 140a 1 v. u.) So verhehlt er auch sein Leid und stellt sich freudenreich (I 140b 2 v. u.); damit hat er oft sich selbst betrogen und um der Welt willen manche Freude erlogen, dieß Lügen war aber löblich (I 139b 2).
Seiner selbst mächtig zu seyn, gilt ihm für eine vorzügliche Tugend:
Wer schlägt den Löwen? wer schlägt den Riesen? Wer überwindet jenen und diesen? Das thut Jener, der sich selber zwinget. (I 127a)
Vierter Abschnitt.
Otto IV. und Friedrich II. Walther empfängt ein Reichslehen. Der Truchseß von Singenberg.
Nach dem Tode Philipps von Schwaben wurde Otto von Braunschweig allgemein als König anerkannt. Um sich der Anhänger des hohenstaufischen Hauses zu versichern, beschloß er, sich mit Philipps verwaister Tochter Beatrix zu verloben. Auf der Fürstenversammlung zu Würzburg, 1209, empfieng Beatrix, von den Herzogen Leopold von Oesterreich und Ludwig von Baiern eingeführt, des Königs Kuß und Ring. Das Hinderniß der Verwandtschaft hatte der Pabst, auf den hohenstaufischen Friedrich in Sicilien argwöhnisch, gerne gehoben. Doch blieb die Vermählung ausgesetzt. Otto trat den Römerzug an und wurde im Weinmond 1209 von Innocenz III. als Kaiser gekrönt. Die Ansprüche der päbstlichen und der kaiserlichen Gewalt, der =Platte= und der =Krone=[32], waren sich aber zu sehr entgegengesetzt, als daß jemals ein gutes Vernehmen in die Dauer bestanden hätte. Die von Otto vorgenommene Herstellung der Reichsrechte in Italien war der Anlaß, daß sein bisheriges Einverständniß mit Innocenz sich in heftige Zwistigkeiten auflöste. Weil Otto befürchten mußte, daß der Pabst ihm in dem jungen Friedrich von Sicilien einen Gegenkönig aufstellen würde, brach er mit Heeresmacht in Apulien ein. Dagegen warf Innocenz auf ihn den Bannstral und erweckte in Deutschland durch den Erzbischof von Mainz eine Partei für den sicilischen Friedrich. Der König von Böhmen, die Herzoge von Oesterreich und von Baiern, der Landgraf von Thüringen und viele Andre erklärten den für den rechten König, dem man einst Treue geschworen, als er noch in der Wiege lag. Es wurden Boten abgeschickt, um Friedrichen nach Deutschland einzuladen.
[32] So bezeichnet =Reinmar d. Alte= (=Man.= I 80b) die geistliche und die weltliche Macht.
Otto, der in Apulien große Fortschritte gemacht hatte, sah sich jetzt genöthigt, nach Deutschland zurückzukehren. Er beschleunigte seine Vermählung mit Beatrix, aber diese starb am vierten Tage nach der Hochzeit, und nun verließen auch die schwäbischen und bairischen Vasallen sein Heer.
Während er in Thüringen den Landgrafen, seinen vormaligen Anhänger, bekriegte, im Sommer 1212, kam Friedrich, jetzt fünfzehn Jahre alt, vom Segen des Pabstes begleitet, nach Ueberstehung großer Gefahren und Mühseligkeiten, über das unwegsamste Alpgebirge zu Chur in Rhätien an. Der dortige Bischof und der Abt von Sankt Gallen geleiteten ihn nach Konstanz. Zu gleicher Zeit erschien am andern Ufer des Sees, zu Ueberlingen, Otto mit seinem Heer. Aber von Vielen verlassen, konnte dieser sich nicht mit seinem Gegner messen. Friedrich begab sich nach Basel, unter dem Beistand des Grafen von Kiburg und Andrer, denen er freigebig Lehen ertheilte. Von da zog er mit stets wachsendem Anhang den Rhein hinab. Otto mußte nach Sachsen entweichen und Friedrich empfieng auf dem Hoftage zu Mainz die Huldigung der Fürsten. Zu Frankfurt traf der Landgraf Hermann von Thüringen zu ihm. Friedrich ritt diesem Fürsten mit großem Gefolg entgegen, umarmte ihn, nannte ihn seinen Vater und führte ihn auf das ehrenvollste in die Stadt.
Auf welchem Wege Walther von der Vogelweide dem neuen Könige nahe gekommen seyn mag, wir treffen ihn jetzt, wie er in zwei Liedern zwischen Friedrich und Otto Vergleichung anstellt.
In dem einen versichert er spottweise: Herr Otte werde ihn noch reich machen. Ein Vater hat weiland seinem Sohne die Lehre gegeben: dem bösesten Manne zu dienen, damit der beste ihm lohne. Walther ist der Sohn, Otto ist der böseste Mann, denn so recht bösen Herrn hat der Dichter nie gehabt, König Friedrich aber ist der beste, der nun lohnen wird (I 130a). Es erhellt aus diesem Liede, daß Walther zuvor auch Ottos Dienste nachgezogen.
Otto IV., stolz und kriegerisch, dabei allzu sehr von Geld entblößt, war freilich nicht der Mann nach dem Sinne der begehrlichen Sänger[33]. Auch finden wir ihn nirgends unter den Beförderern des Gesanges aufgeführt. Friedrich II., dessen Vortheil es mit sich brachte, gefällig und freigebig aufzutreten, mußte unsrem Dichter um so mehr zusagen, als sich dieser vorher schon als einen Freund des hohenstaufischen Hauses gezeigt hatte.
[33] Auf ihn und seine Sparsamkeit zielt vielleicht auch das weitere Spottgedicht Walthers: »Der König, mein Herre &c.« (I 130a).
Noch anschaulicher, als in dem vorerwähnten Liede, mißt Walther in dem nachstehenden die beiden Könige mit dem Maßstab der Milde gegen einander ab und zeigt, wie der junge Friedrich seinem Gegner über das Haupt gewachsen sey. Zum Verständniß dieses Gedichts muß bemerkt werden, daß Otto durch hohen Wuchs ausgezeichnet war. Der Abt von Ursperg führt sogar Ottos Stärke und hohe Gestalt als einen Grund an, der die Fürsten bewogen habe, ihn zum Throne zu berufen[34].
[34] »-- _pro eo, quod superbus et stultus, sed fortis videbatur viribus, et statura procerus_.« Chron. Ursp. Der Verfasser dieser Chronik ist ein eifriger Anhänger der hohenstaufischen Partei.
Ich wollte Herrn Otten Milde nach der =Länge= messen, Da hatt' ich mich an der Maße ein Theil vergessen, Wär' er so mild, als lange, er hätte der Tugend viel besessen. Viel schiere maß ich ab den Leib nach seiner =Ehre=, Da ward er viel gar zu kurz, wie ein verschroten Werk, Mildes Muthes minder viel, denn ein Gezwerg, Und ist doch von den Jahren, daß er nicht wachset mehre. Da ich dem Könige brachte das Maß, wie er aufschoß! Sein junger Leib ward beides: stark und groß. Nun seht, was er noch wachse erst jetzo über ihn wohl riesengroß! (I 130a)
=schiere=, bald, schleunig. =verschroten=, verhauen. =Werk=, irgend eine Kunstarbeit, eine Waffe &c.
Dießmal aber ist es dem Dichter nicht um bloße Hofgunst, nicht um ein Geschenk an Geld oder Kleidern zu thun. Er ist des irren Lebens müde, ein Heimwesen soll ihm die Huld des Königs begründen. Lange genug ist er Gast gewesen, er sehnt sich darnach, Wirth zu heißen. Ein Reichslehen, wie wir bald sehen werden, ist es, worauf er abzielt:
=Seyd willekommen, Herre Wirth=! dem Grusse muß ich schweigen. =Seyd willekommen, Herre Gast=! da muß ich sprechen oder neigen. =Wirth= und =heim= sind zween unschämeliche Namen. =Gast= und =Herberge= muß man sich viel ofte schamen. Noch müsse ich erleben, daß ich den Gast auch grüsse, So daß er mir, dem Wirthe, danken müsse! =Seyd heutnacht hie, seyd morgen dort=! was Gauckelfuhre ist das! =Ich bin heim oder ich will heim=, das tröstet baß. =Gast= und =Schach= kommt selten ohne Haß: Herre! büsset mir des Gastes, daß euch Gott des Schaches büsse. (I 131b)
=Wirth=, Hausherr, Bewirther. =da muß ich sprechen= &c., auf solchen Gruß muß ich antworten oder mich dankend verneigen. =unschämeliche=, deren man sich nicht zu schämen hat. =schamen=, schämen. =Gauckelfuhre=, Gauckelwesen, Gauckelei. =Schach=, das Schachbieten. Das Gegenüberstehn der beiden Könige, Friedrich und Otto, wird dem Schachspiele (worauf Walther auch sonst anspielt, I 137a 138b) verglichen. Der Dichter wünscht dem Erstern, daß ihn der Letztere nicht in Schach setze. =kommt selten ohne Haß=, wird selten gerne gehört. =büsset mir= &c., erlöset mich &c.
Noch dringender spricht der Dichter sein Anliegen mit Folgendem aus:
Von Rome Vogt, von Pulle König! laßt euch erbarmen, Daß man bei reicher Kunst mich lässet also armen![35] Gerne wollte ich, möchte es seyn, bei eigenem Feuer erwarmen. Ahi! wie ich dann sänge von den Vögeleinen, Von der Heide und von den Blumen, wie ich weiland sang! Welch schönes Weib mir gäbe dann ihr =Habedank=, Der ließe ich Lilien und Rosen aus dem Wänglein scheinen. Nun reite ich früh und komme nicht heim; =Gast=, weh dir, weh! So mag der =Wirth= wohl singen von dem grünen Klee. =Die= Noth bedenket, milder König, daß =eure= Noth zergeh'! (I 131a)
[35] »Soll ich so bei reicher Kunst verarmen und verderben!« =Der Mysnere.= (DXCIV)
=Von Rome Vogt=, häufig vorkommende Benennung der römischen Kaiser oder Könige. =Pulle=, Apulien, das jetzige Königreich Neapel. =Heide=, Aue.
Die Lieder rühren des Königes Herz. Der Wunsch ist erfüllt. Hören wir des Dichters Freude!
Ich hab' mein Lehen, all die Welt! ich hab' mein Lehen! Nun fürchte ich nicht den Hornung an die Zehen Und will alle böse Herren desto minder flehen. Der edle König, der milde König, hat mich berathen, Daß ich den Sommer möge Luft, den Winter Hitze han. Nun dünke ich meinen Nachbarn vieles daß gethan Sie sehen mich nicht mehr an in Unholds Weise, wie sie weiland thaten. Ich bin zu lange arm gewesen, ohne meinen Dank, Ich war so voller Scheltens, daß mein Athem stank, Den hat der König gemachet rein und dazu meinen Sang. (I 150b)
=den Hornung &c.= die Winterkälte, das Erfrieren der Zehen. =baß gethan=, Comparativ von =wohl-gethan=, wohlgemacht, schön. =ohne meinen Dank=, wider meinen Willen. =Ich war so= &c. Der Dichter drückt aus, wie anhaltendes Ungemach ihn menschenfeindlich gemacht und sein Lied verbittert. Die frohere Stimmung wird jetzt auch seinen Gesang freundlicher machen.
Noch ein andres Lied, dessen wir früher schon zu erwähnen hatten, feiert den glücklichen Wechsel des Schicksals. Wir sehen hier den Sänger mit der Geige, eine Tanzweise aufspielend:
Da Friedrich aus Oesterreiche also warb, Daß er an der Seele genas und ihm der Leib erstarb, Da führt' er meiner Kraniche Tritt in die Erde. Da gieng ich schleichend wie ein Pfau, wohin ich gieng. Das Haupt mir nieder bis auf meine Kniee hieng: Nun richt' ich es auf nach vollem Werthe. Ich bin wohl zu Feuer kommen, Mich hat das Reich und auch die Kron' an sich genommen. Wohlauf! wer tanzen wolle nach der Geigen! Mir ist meiner Schwere Buß', Erst will ich eben setzen meinen Fuß Und wieder in ein Hochgemüthe steigen. (W. =Hds.= S. 170)
=Da führt' er= &c. da macht' er, daß ich meine =Kraniche=, Schnabelschuhe, nachdenklich in die Erde drückte. =nach vollem Werthe=, mit vollem Rechte. =meiner Schwere Buß'=, meiner Noth Erleichterung. =eben setzen=, das Gegentheil des vorigen =in die Erde führen=.
Diese Liederreihe dürfen wir nicht verlassen, ohne ein Gedicht des Sankt Gallischen Truchsessen von =Singenberg=[36] anzuführen, das einem der vorstehenden nachgebildet ist und sich auf dasselbe bezieht. Wie dort Walther den Vogt von Rom und König von Apulien anruft, so hier der Truchseß den Vogt der Welt und König des Himmels. Der Truchseß stellt dem mißlichen Loose Walthers sein eigenes behagliches und unabhängiges Leben gegenüber und bittet Gott, ihm dieses zu erhalten:
[36] Ein Truchseß =Ulrich= von Singenberg erscheint in Sankt Gallischen Urkunden von 1219 und 1228 v. =Arx= I 458, 459. =Ulrich= hieß auch, nach Tschudy, der Letzte des Geschlechts, der um 1267 starb. »_Obitus_ Rudolfi _Dapiferi militis de Eggon inter Blidegge et Singinberc_« kömmt in dem 1272 geschriebenen _Necrolog. Tuifburg._ (Goldast, _Script. Rer. Alam. T. I p. 100_) vor. -- In dem scherzhaften Gespräche zwischen Vater und Sohn, welches sich unter den Liedern des Truchsessen von St. Gallen (=Pf. Hds.= Nr. 357 Bl. 18b) findet, wird der Sohn: =Rüdelin=! angeredet.
Der Welte Vogt, des Himmels König! ich lob' euch gerne, Daß ihr mich habt erlassen, daß ich nicht lerne, Wie Dieser und Der an fremder Statt zu meinem Gesange scherne. Mein Meister klaget so sehre =von der Vogelweide=, Ihn zwinge dieß, ihn zwinge das, das mich noch nie bezwang; Das machet, daß ich mich so kaume von dem Meinen scheide, Mir geben denn hohe Herren und ein schönes Weib ihr Habedank. So reite ich spät und komme doch heim; mir ist nicht zu weh, Da singe ich von der Heide und von dem grünen Klee. Das stetet ihr mir, milder Gott, daß es mir nicht zergeh'! (W. =Hds.= S. 149)[37]
=an fremder Statt=, an fremdem Orte. =scherne=, blicke, drein schaue, urtheile. =zwinge=, quäle. =so kaume= &c. nicht leicht mein Heimwesen verlasse. =stetet=, erhaltet, festigt.
[37] In der =Maness.= Samml. I 154a ist die Reimstellung des Lieds auf die Form des Gedichts von Walther zurückgeführt, welchem jenes nachgebildet ist.
Fünfter Abschnitt.
Walthers Minnesang.
Walther hat den König versichert, wenn er seines Wunsches gewährt, wenn ihm eine Heimath geschaffen würde, dann wollte er singen von Vögelein, von der Heide, von Blumen und von schönen Frauen. Er bezeichnet damit die Bestandtheile des Minnesangs und giebt uns Anlaß, nunmehr seine eigentlichen Minnelieder zu betrachten.
Wir finden denn auch bei ihm jene bekannten Gattungen und Formen des Minnelieds: spielende Wonne und sehnendes Leid in Sommer und Winter, dienstliches Werben, Gespräch zwischen Ritter und Frau, Meldung des Boten, Trennung der Liebenden, wenn der Tag durch die Wolken scheint, Hülfruf an Frau Minne, Klage über die Merker, ein verhaßtes Geschlecht, das die Freuden der Liebe belauert und stört.
Gerne jedoch würden wir selbst den Merker spielen, wenn wir hoffen könnten, auch hier etwas Geschichtliches aus dem Leben des Dichters zu erspähen. Aber er ist behutsam, er führt uns irre und verspottet uns.
Mancher fragt ihn: wer die Liebe sey, der er diene und bis daher gedient? Wenn ihn dieses verdrießt, so spricht er: »ihrer sind drei, denen ich diene, und nach der vierten habe ich Wunsch.« Doch weiß es sie alleine wohl, der er vor ihnen allen dienen soll (I 110b).
Ein andermal fertigt er die Neugierigen so ab:
Sie fragen und fragen aber allzuviel Von meiner Frauen, wer sie sey? Das mühet mich so, daß ich sie ihnen nennen will, So lassen sie mich doch darnach frei. =Genade= und =Ungenade=, diese zweene Namen Hat meine Fraue beide, die sind ungeleich: Der eine ist arm, der andre reich. Der mich des reichen irre, der müsse sich des armen schamen! (I 122a)
=Genade=, Gnade, Liebesgunst, Erhörung. =ungeleich=, ungleich. =irre=, hinderlich sey. =schamen=, zu schämen haben.
Dennoch scheinen die Merker auf eine Spur gekommen zu seyn. Man wirft ihm vor: daß er seinen Sang so nieder wende. Er muß sich und die Geliebte vertheidigen. Die, sagt er, traf die Minne nie, die nach dem Gute und nach der Schöne minnen. Doch du bist schön und hast genug. Was sie reden, ich bin dir hold und nähme dein gläsen Fingerlein[38] (Fingerring) lieber als einer Königin Gold (I 117a).
[38] Ein =gläsen Fingerlein= bezeichnet auch im =Tristan= (v. =Grootes= Ausg. V. 16883) eine Sache von sehr geringem Werth.
Auch ein Name wird genannt:
Meines Herzens tiefe Wunde, Die muß immer offen stehn, Sie werde denn heil von =Hiltegunde=. (I 136b)
Von sich selbsten gesteht Walther, daß er nicht aller Männer schönster sey; sein Haupt sey nicht allzu wohlgethan. Es nimmt ihn Wunder, was ein Weib an ihm ersehen. Sie hat doch Augen, hat ihr Jemand von ihm gelogen, so beschaue sie ihn baß. Wo sie wohnt, da wohnen wohl tausend Männer, die viel schöner sind. Nur daß er auf =Fuge= (Sitte, auch Kunst) sich ein weniges versteht. Will sie aber Fuge für die Schönheit nehmen, so ist sie viel wohlgemuth (I 139a)
Im Allgemeinen hat er von der Minne allerdings einen hohen Begriff. Der verlieret seine Tage, dem nie von rechter Liebe ward weder wohl noch weh. Minne ist ein Hort aller Tugenden, ohne Minne wird nimmer ein Herz recht froh. Ja! ohne Minne kann Niemand Gottes Huld erwerben (I 104a 127a).