Walther von der Vogelweide: Ein altdeutscher Dichter
Part 3
Auch hatte Philipp mit all seiner Freigebigkeit nicht verhindern können, daß gleich nach seiner Krönung Otto von Braunschweig als Gegenkönig aufgestellt wurde, mit dem er bis an seinen Tod zu kämpfen hatte. Wie einst in den Vätern, Friedrich dem Rothbart und Heinrich dem Löwen, so standen jetzt in den Söhnen, Philipp und Otto, Gibelinen und Welfen sich drohend gegenüber.
Wir haben zuvor gesehen, in welch heiterem Lichte unsrem Dichter seine frühere Lebenszeit erscheint. Mit stets düsterern Farben malt er die Gegenwart. Er klagt um die alte Ehre, um die alten getreuen Sitten. Treue und Wahrheit sind viel gar bescholten. Leer stehen die Stühle, wo Weisheit, Adel und Alter saßen ehe. Recht hinket, Zucht trauert und Scham siechet. Die Sonne hat ihren Schein verkehret, Untreue ihren Samen ausgestreut auf allen Wegen, der Vater findet Untreue bei dem Kinde, der Bruder lügt dem Bruder, geistlicher Orden selber trüget, der uns doch zum Himmel leiten sollte. Der Dichter erkennt hierin die schreckbaren Zeichen des nahenden Weltgerichts (I 121a, 107b, 112a, 128a).
Mit tiefem Kummer hält er dem politischen und sittlichen Verfalle seines Vaterlands dessen früheren Glanz entgegen: »O weh! was Ehren sich fremdet von deutschen Landen! Witz und Mannheit, dazu Silber und Gold!« (I 103b). »Ich sah hievor einmal den Tag, da unser Lob war gemein allen Zungen, wo kein Land uns nahe lag, es begehrte Sühne oder es war bezwungen. Reicher Gott! wie wir nach Ehren da rungen!« (I 106a).
Er rügt hiebei die Entartung und Zuchtlosigkeit des jüngeren Geschlechts. Vormals riethen die Alten und thaten die Jungen. Jetzt haben die Jungen die Alten verdrungen und spotten ihrer. Junge Altherren sieht man und alte Jungherren. Und wenn gleich Walther einmal behauptet: Niemand könne mit Gerten Kindeszucht behärten, wen man zu Ehren bringen möge, dem sey ein Wort als ein Schlag; so tadelt er doch anderswo die Väter, daß sie Salomons Lehre brechen, nach welcher den Sohn versäume, wer den Besen spare (I 106, 126b, 129a).
Unrecht würde dem Dichter geschehen, wenn wir in seinem Lobe der Vergangenheit und Tadel der Gegenwart die bloße Vorliebe für verlebte Jugendzeit erblicken wollten. Die gleichzeitigen Geschichtschreiber sind in vollkommener Uebereinstimmung mit seiner Schilderung des Zustandes, in welchen Deutschland durch die doppelte Königswahl versetzt wurde.
»Damals -- sagt der Abt von Ursperg -- fiengen die Uebel an, sich auf der Erde zu vervielfältigen. Denn es entstand unter den Menschen Feindschaft, Trug, Untreue, Verrath, womit sie sich gegenseitig in Tod und Untergang hingeben, Raub, Plünderung, Verheerung, Landesverwüstung, Brand, Aufruhr, Krieg. Jedermann ist jetzt meineidig und in die vorbesagten Frevel verstrickt. Wie das Volk, so auch die Priesterschaft. Die Verfolgung ist so groß, daß Niemand mit Sicherheit von seinem Wohnort ausgehen kann, auch nur in den nächsten Ort.«
In dem allgemeinen Zwiespalt nahmen auch die Sänger verschiedene Wege. Wenn Walther von der Vogelweide Philipps Krönung feierte, so geleitet Wolfram von Eschenbach den Gegenkönig Otto zu seiner Weihe[18].
[18] =Oranse= S. 176b, vgl. =Titurel= Kap. 27 Str. 4096.
Zu den Anhängern Philipps gehörten der Herzog Bernhard von Sachsen, früher selbst Bewerber um den Thron, und der Erzbischof von Magdeburg[19]. Nach dem thüringischen Feldzug im Jahr 1204, der sich mit der Unterwerfung des Landgrafen Hermann endigte, oder als im Jahr 1207 Philipp, mit Otto unterhandelnd, sich in jener Gegend befand[20], mag es geschehen seyn, daß er die Weihnachten zu Magdeburg feierte. Walther war bei dieser Feier anwesend, in einem farbenhellen Gemälde, den altdeutschen auf Goldgrund ähnlich, zeigt er uns den Kirchgang des Königs mit seiner Gemahlin, der griechischen Irene, und dem Gefolge der Thüringer und Sachsen.
[19] »_De Saxonia quidem habuit (Philippus)_ Ducem Bernhardum, _Marchionem Moesiæ et alios principes sæculares potentissimos, insuper Archiepiscopos_ Magdeburgensem _et Bremensem et suffraganeos eorumdem_.« Chron. Ursp.
[20] Diese Zeit vermuthet =Köpke= a. a. O. S. 16.
Es gieng ein's Tages, als unser Herre ward geborn Von einer Magd, die er sich zur Mutter hat erkorn, Zu Magdeburg der König Philippe schöne. Da gieng ein's Kaisers Bruder und ein's Kaisers Kind In =einer= Wat, wie auch der Namen zweene sind; Er trug des Reiches Zepter und die Krone. Er trat viel leise, ihm war nicht jach; Ihm schlich eine hochgeborne Königinne nach, Rose ohne Dorn, eine Taube sonder Gallen. =Die= Zucht war nirgend anderswo, Die Thüringer und die Sachsen dienten da also, Daß es den Weisen mußte wohl gefallen. (I 127b)
=Magd=, Jungfrau. =ein's Kaisers Bruder= &c., Philipp war Bruder Kaiser Heinrichs VI. und Sohn Kaiser Friedrichs I. =Wat=, Gewand. =Rose ohne Dorn=, =Taube sonder Galle=, Beinamen, die sonst auch der heiligen Jungfrau gegeben werden. =Zucht=, Hofzucht, Hofdienst. =den Weisen=, den Kennern.
Dem königlichen Paare, das uns hier im Glanze der Macht und des Glückes erscheint, sind finstre Geschichten bereitet. Kurze Zeit nachher, 1208, fällt Philipp durch Mörderhand, und Irene, die Rose ohne Dorn, verwelkt am Kummer über seinen Tod.
Wir haben die schmerzliche Klage des Dichters über den Verfall von Deutschland vernommen. Es hat uns daraus eine seiner schönsten Eigenschaften angesprochen, die Vaterlandsliebe. Dieses edle Gefühl ist die Seele eines bedeutenden Theils seiner Dichtungen. Ueberall erregt es ihn zu der lebhaftesten Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten. Ihm gebührt unter den altdeutschen Sängern vorzugsweise der Name des =vaterländischen=. Keiner hat, wie er, die Eigenthümlichkeit seines Volkes erkannt und empfunden. Wie bitter wir ihn vorhin klagen und tadeln hörten, mit stolzer Begeisterung singt er anderswo den Preis des deutschen Landes, vor allen andern, deren er viele durchwandert:
Ihr sollt sprechen: willekommen! Der euch Mähre bringet, das bin ich. Alles, das ihr habet vernommen, Das ist gar ein Wind, nun fraget =mich=! Ich will aber Miethe, Wird mein Lohn halb gut, Ich mag leichtlich sagen, das euch sanfte thut; Seht, was man mir Ehren biete!
Ich will deutschen Frauen sagen Solche Mähre, daß sie desto baß Sollen aller Welt behagen; Ohne große Miethe thu' ich das. Was wollt' ich zu Lohne? Sie sind mir zu hehr. Drum bin ich gefüge und bitte sie keines mehr, Als daß sie mich grüßen schöne.
Ich hab' Lande viel gesehen Und der besten nahm ich gerne wahr. Uebel müsse mir geschehen, Konnt' ich je mein Herze bringen dar, Daß ihm wohl gefallen Wollte fremde Sitte! Was denn hülfe mich, ob ich mit Unrecht stritte? Deutsche Zucht geht doch vor allen.
Von der Elbe bis an den Rhein Und herwider bis in Ungerland, Da mögen wohl die besten seyn, Die ich irgend in der Welt gekannt. Kann ich recht schauen Gut Geläß und (schönen) Leib So mir Gott! so schwüre ich wohl, daß da die =Weib= Besser sind, denn anderswo die =Frauen=.
Deutsche Mann sind wohlgezogen, Gleich den Engeln sind die Weib gethan; Wer sie schilt, der ist betrogen, Anders könnt' ich nimmer sein verstahn. Tugend und reine Minne, Wer die suchen will, Der soll kommen in unser Land, da ist Wonne viel; Lange müsse ich leben darinne! (I 119b)
=Mähre=, Nachricht, Botschaft. =ein Wind=, ein Nichts. =Miethe=, Bezahlung, Botenlohn. =sanfte thut=, wohl thut. =Sie sind mir= &c. vgl. =Nibel.= V. 2240. =dar=, dahin. =Kann ich rechte schauen= &c. das Benehmen (=Gelässe=) und die Schönheit der Frauen als Kenner zu beurtheilen, galt für eine schätzbare Eigenschaft. Vgl. =Nibel.= V. 2385. =Ulr. v. Lichtenst. Frauend.= S. 20. =Man.= II 24a, 36a. =die Weib=, die Weiber ebenso =Mann=, Männer. =gethan=, beschaffen. =betrogen=, falsch berichtet.
Dritter Abschnitt.
Walthers Wanderleben. Der Hof zu Thüringen. Die Hofsänger. Des Dichters Ansichten von Fürsten und Fürstenräthen, von Geburt, Freundschaft, Manneswerth. Blicke in sein Inneres.
Die Sänger jener Zeit waren nothwendig wandernde. Mochten auch die Herren, welche sich im Liede zur Kurzweile übten, auf ihren Burgen daheim bleiben: Diejenigen, welche den Gesang zu ihrem Berufe gemacht, mußten sich auf den Weg begeben. Um Unterhalt und Lohn zu finden, mußten sie den Höfen und Festlichkeiten gesangliebender Fürsten nachziehn. War doch der Hof des Kaisers selbst ein wandernder, bald in dieser, bald in jener Stadt des Reiches sich niederlassend. Krönungstage, Fürstenversammlungen, Hochzeitfeste, das waren die Anlässe, bei welchen die Kunst- oder Prunkliebe der Großen sich am freigebigsten äusserte. War dazumal das gewöhnliche und häusliche Leben einfach, so waren dagegen festliche und öffentliche Zusammenkünfte desto glanzvoller.
Auch vom äussern Lohne abgesehen, mußte der Dichter wandern, wenn er mit den Angelegenheiten der Zeit bekannt werden, wenn er, bei noch sehr unvollkommenen Mitteln der Verbreitung geistiger Erzeugnisse, sich selbst Anerkennung, seinem Liede Wirksamkeit verschaffen wollte. Darum war es den alten Meistern allerdings zu thun. =Reinbot= von =Dorn=, der die Legende vom h. Georg in Gedicht gebracht hat, spricht die Hoffnung aus (V. 56-63), daß sein Werk über alle deutschen Lande, von Tirol bis nach Bremen und von Preßburg bis nach Metz, werde bekannt werden. Auf der andern Seite wird im =Titurel= (Cap. 4, Str. 542) die Besorgniß geäußert, daß der Schreiber das Rechte unrichtig machen möchte. Am sichersten aber wurde die Fälschung vermieden, wenn der Dichter selbst vortrug. Wollte er versichert seyn, daß seine Tonweise richtig gesungen werde, wollte er seine eigene Fertigkeit im Gesange geltend machen, so war ohnehin sein persönliches Erscheinen erforderlich.
So war denn auch Walthers Leben das eines fahrenden Sängers. Er reist zu Pferde, vermuthlich die Geige mit sich führend[21]. Daß er seine Lieder selbst vorgetragen, ist aus einigen derselben noch hörbar[22]. Zu Hof und an der Straße läßt er sie ertönen (I 136b). In einem Morgengebet empfiehlt er sich unter Gottes Obhut, wohin des Landes er heute reiten möge (I 129a). Er beruhigt seine Geliebte über seine Abwesenheit:
Meiner Frauen darf nicht werden leid, Daß ich reite und frage in fremde Land' Nach den Weiben, die mit Würdigkeit Leben (der ist viel manche mir bekannt) Und die schöne sind dazu; Doch ist ihrer keine, Weder groß noch kleine, Der Versagen mir jemals wehe thu'! (I 118b)
[21] »Wohlauf! wer tanzen wolle nach der Geigen.«
(W. Hds. S. 170) Daß Walther sich der =Harfe= bedient, ist aus der Stelle (I 112) vermuthet worden, wo er von der =alten Lehre= spricht, daß man nicht in der Mühle =harpfen= solle. Der Ausdruck ist aber, wie der Dichter selbst andeutet, sprichwörtlich zu verstehen.
[22] In den Anreden: »Ja Herre!« (I 109b 124b) »Herren und Freund'!« (I 136b)
Er hat der Lande viel gesehen, wie wir zuvor ihn singen hörten. Von der Elbe bis an den Rhein und wider bis in Ungerland hat er sich umgesehen, von der Seine bis an die Mur, von dem Po bis an die Drave hat er der Menschen Weise erkannt (I 131b). Am Hofe von Oesterreich haben wir ihn zuerst getroffen, am Hofe von Thüringen finden wir ihn jetzt wieder.
=Hermann=, Landgraf in =Thüringen= (von 1195 bis 1215), den sich Philipp in dem vorerwähnten Feldzuge von 1204 unterworfen[23], behauptet eine ausgezeichnete Stelle unter den fürstlichen Freunden der Dichtkunst. Er setzte schon den Meister =Heinrich= von =Veldecke= in den Stand, seine Aeneide, die ihm neun Jahre lang entwendet war, zu Ende zu führen. (=Eneidt= V. 13268 ff.) Auf seinen Anlaß bearbeitete =Wolfram= von =Eschenbach= den Wilhelm von Oranse (H. Georg V. 34 ff.) und für ihn verdeutschte =Albrecht= von =Halberstadt= die Verwandlungen Ovids[24]. Vornemlich aber ist er durch den Wettstreit der Sänger an seinem Hofe zu Wartburg berühmt geworden.
[23] Das politische Gedicht: »Nu soll der Kaiser hehre« &c. (I 136a) ist auf diese Begebenheit bezogen worden. Es ist jedoch zu bemerken, daß Philipp niemals =Kaiser= war, daß Walther ihn sonst überall =König= nennt und beiderlei Titel sehr wohl unterscheidet, z. B. in dem Liede:
Herre =Kaiser=! ihr seyd willekommen, Des =Königes= Name ist euch benommen &c. (I 103b)
Bei dem damaligen Wechsel der Parteiung kann jenem Gedichte leicht ein späteres Ereigniß zu Grunde liegen.
[24] S. den Prolog Albrechts vor =Wickrams= Umarbeitung seiner Verdeutschung. Frankf. 1581.
Auch in dem Leben und den Liedern unsres Dichters spielt er eine bedeutende Rolle. Vor 1198 fanden wir diesen in Oesterreich. Alsdann folgen seine Lieder auf Philipp von Schwaben und es ist nicht anzunehmen, daß er sich an dem Hofe des Landgrafen werde aufgehalten haben, so lange dieser Philipps Gegner war. Im Sommer des Jahres 1204 unterwarf sich der Landgraf. Es ist daher ganz nicht unwahrscheinlich, daß Walthers Aufenthalt an dessen Hofe um das Jahr 1207 stattgefunden, in welches der Krieg auf Wartburg, worin Walther auftritt, von den thüringischen Chroniken gesetzt wird.
Dieser Wettstreit, den das vielbesprochene Gedicht in der Manessischen Sammlung (II 1-16) in Wechselgesang, mit untermengter Erzählung, darstellt, hat zunächst das Lob milder Fürsten zum Gegenstand. Heinrich von Ofterdingen erhebt den Herzog von Oesterreich, ihm treten Wolfram von Eschenbach und Andre entgegen, die den Landgrafen von Thüringen verherrlichen. Walther von der Vogelweide zeigt sich anfangs ungehalten auf Oesterreich und giebt dem König von Frankreich vor allen Fürsten den Preis. Nachher bereut er, daß er sich von dem Oesterreicher losgesagt, den er jetzt der =Sonne= vergleicht; allein über die Sonne noch stellt er den =Tag=: Hermann von Thüringen. Von sich selbst meldet er, wie er zu Paris gute Schule gefunden, zu Konstantinopel, zu Baldach, zu Babylon Kunst und Weisheit erlernt habe. Hieraus ist wenigsten ersichtlich, daß Walther dem Verfasser des Gedichts für einen weitgereisten und in die Tiefen der Kunst eingeweihten Meister gegolten habe. Das Gedicht, so wie es vorliegt, hat aber wohl nicht den Wolfram von Eschenbach, dem man es zugeschrieben, sondern einen spätern mainzischen Meister zum Verfasser, wenn gleich Ueberlieferung und ältere Lieder zu Grunde liegen.
Wenden wir uns zu Walthers eigenen Aeusserungen über sein Verhältniß zu dem Hofe von Thüringen, so ist dasjenige seiner Lieder zuerst auszuheben, mit welchem er sich dem Landgrafen erst zu nähern scheint. Er fordert Jeden auf, der an des edeln Landgrafen Rathe sey, Dienstmann oder Freier, den jungen Fürsten um Eines zu mahnen und zwar so, daß er, der Dicher, den Erfolg davon spüre. Drei Tugenden werden an dem Landgrafen gerühmt: er sey milde, stet und wohlgezogen. Aber eine vierte noch würde ihm wohl anstehen, die nemlich: daß er nicht säumig sey (I 106a). Der Dichter mochte damit den Wunsch ausdrücken, baldmöglich von dem Landgrafen beschenkt oder in dessen Dienst aufgenommen zu werden.
In einem weitern Liede (I 133b) finden wir ihn dieses Wunsches gewährt. Er freuet sich, des milden Landgrafen =Ingesinde= zu seyn. Es ist seine Sitte, daß man ihn immer bei den Theuresten finde. Die andern Fürsten alle sind anfangs milde, aber sie bleiben es nicht so stetiglich. Der Landgraf war es ehe und ist es noch, darum kann er besser, denn sie, der Milde pflegen. Das Lied schließt mit den schönen Worten:
Wer heuer schallet und ist hin zu Jahre böse, als eh', Des Lob grünet und salbet, wie der Klee. Der Thüringer Blume scheinet durch den Schnee, Sommer und Winter blühet sein Lob, wie in den ersten Jahren[25].
=schallet=, pochet, pranget. =hin zu Jahre=, über's Jahr. =als eh'=, wie vorher.
[25] Im =Titurel=, wo des Landgrafen Hermann mehrmals rühmliche Erwähnung geschieht, heißt es von ihm (Kap. 7):
Hermann von Thüringen Ehre Pflag weiland, die muß immer Preises walten &c.
Wünschenswerth allerdings mag das Leben an des Landgrafen Hofe gewesen seyn. Der Dichter giebt eine sehr anschauliche Schilderung von diesem Hofhalt, woraus zu entnehmen ist, daß man dort wenig von der schlimmen Zeit verspürte:
Wer in den Ohren siech, wer krank im Haupte sey, Das ist mein Rath, der lasse den Hof zu Thüringen frei; Kommt er dahin, fürwahr er wird erthöret. Ich habe gedrungen, bis ich nicht mehr dringen mag; Eine Schaar fährt aus, die andre ein, so Nacht als Tag, Groß Wunder ist, daß Jemand da noch höret. Der Landgrafe ist so gemuth, Daß er mit stolzen Helden seine Habe verthut, Der jeglicher viel wohl ein Kämpfe wäre. Mir ist seine hohe Art wohl kund, Und gälte ein Fuder gutes Weines tausend Pfund, Da stünde doch nimmer Ritters Becher leere. (W. =Hds.= S. 170)
=erthöret=, betäubt. =Kämpfe=, Kämpe, ein Solcher, der besonders aufgestellt ist, eine Sache im Zweikampf auszufechten, also ein auserwählter, vorzüglicher Streiter.
Manch unnützen Gesellen mußte die Gastfreiheit dieses Hofes anziehen. =Eschenbach= rügt dieses in seinem =Parcifal= V. 8856 ff.[26], mit Beziehung auf ein nicht mehr vorhandenes Lied unsres Dichters:
Von Thüringen Fürsten Hermann! Etlich dein =In=gesinde ich maß, Das =Aus=gesinde hiesse baß. Dir wär' auch eines =Kaien= noth, Seit wahre Milde dir gebot So manigfalten Anehang, Hier ein schmählich Gedrang Und dort ein werthes Dringen. Drum muß Herr =Walther= singen: »=Guten Tag, Böse und Gut!=« Wo man solchen Sang nun thut, Des sind die Falschen geehret. =Kaie= hatt's ihn nicht gelehret, Noch Herr =Heinrich= von =Rispach= &c.
[26] Aus demselben Gedicht V. 19097 f. erhellt, daß damals Thüringen auch für das Vaterland neuer Tanzmusik galt.
=Kaie= ist des Königs Artus strenger und mürrischer Seneschall, der solchem Unwesen, nach =Eschenbachs= Ausdruck, schärfer war, denn der Biene Stachel. =Gedrang=, Gedränge, Zudrang. =Die Falschen=, die Schlechten. =Heinrich von Rispach=, vielleicht der =tugendhafte Schreiber=, der im Wartburger Kriege auftritt und dessen Gedichte =Man.= II 101 ff. aufbewahrt sind, der _Henricus Notarius_, _H. Scriptor_, welcher in thüringischen Urkunden von 1208-1228 vorkömmt. =Mus.= I 173.
Ein wunderlicher Mann, mit Namen =Gerhard Atze=, scheint der freudigen Gesellschaft am thüringischen Hofe zur Zielscheibe ihres Witzes gedient zu haben. Ihm hat Walther zwei Gedichte gewidmet. Das eine (I 105a) ist durch persönliche Anspielung räthselhaft. Das andre (I 113a) betrifft einen scherzhaften Rechtsstreit. Der merkwürdige Fall ist dieser: Herr Gerhard Atze hat dem Dichter zu Eisenach ein Pferd erschossen. Walther klagt auf Entschädigung: das Pferd war wohl dreier Marke werth. Gerhard Atze weicht aber damit aus, daß er behauptet: das getödtete Pferd sey dem Rosse blutsverwandt, das einst ihm, dem Beklagten, den Finger zu Schande gebissen. Dagegen erbietet sich Walther, mit beiden Händen zu beschwören, daß die Pferde einander nicht befreundet waren, und er ruft auf, wer ihm =staben=, d. h. den Eid abnehmen wolle?
Ein Kampfgenosse des Landgrafen Hermann in dessen Fehde mit König Philipp war der Graf von =Katzenellenbogen=, Wilhelm II., zugenannt der =Reiche=[27]. Derselbe mag es seyn, von dem unser Dichter singt. Walther ist dem =Bogener= hold, ganz ohne Gabe und ohne Sold (I 127a). Doch der Graf versteht, er beschenkt den Sänger mit einem Diamant. Dafür preist ihn dieser als der schönsten Ritter einen. Nicht nach dem Scheine lobt er die Schönheit; =milder= Mann ist schön und wohlgezogen, man soll die innre Tugend nach aussen kehren, dann ist das äussre Lob nach Ehren, wie des von =Katzenellenbogen=. (=Ebd.=)
[27] =Dilich=, Hessische Chronik 1606 Thl. I S. 33
So wird gewöhnlich der Fürst, dem der Dichter sich nähern will, zuerst mit einem Liede ausgeforscht. Ist der Erfolg entsprechend, dann ertönt auch das vollere Lob.
Von einer großen, zarter oder unzarter sich äussernden Begehrlichkeit können die Hofsänger damaliger Zeit nicht freigesprochen werden. Sie versäumen keinen Anlaß, sich zu milder Gabe zu empfehlen. Ihre zahlreichen Lobgedichte sind überall darauf berechnet. Die =Milde= d. h. die Freigebigkeit, ist ihnen der Fürsten erste Tugend[28]. Wo ihnen nicht willfahrt wird, machen sie ihr Lied zur Waffe des Tadels und des Spottes. Sie werfen dem unmilden Herrn einen Stein in den Garten und eine Klette in den Bart[29].
[28] Das Gedicht vom Kriege auf Wartburg erhebt diese fürstliche Tugend zum vorzüglichen Gegenstand des Wettgesangs. Der =Tanhuser=, um die Mitte des 13. Jahrh., mustert in einem besondern Gedichte (=Man.= II 64) die Fürsten seiner und der nächst vorhergegangenen Zeit nach eben dieser Beziehung.
[29] Damit droht der =Mysner= (DXCVI). Mit dem Verfalle der Kunst nimmt die Gemeinheit zu. Sie werden trotziger und niederträchtiger zugleich. Dem Kargen, der sich selbst bedürftig stellt, wünscht der =Unverzagte= (III), daß seine Hand eines fremden Mannes Kleid auf seines Weibes Bette finden möge. Der =Urenheimer= (CCVI) sagt gerade heraus: »also man den Meister lohnet, also wischet er das Schwerdt.« =Rumelant von Schwaben= (CCCLXXXI) verhehlt nicht, daß er mit seinen Lobliedern gelogen habe. Doch hat ihm ein weiser Prediger gesagt, daß hübsche Lüge nicht große Sünde sey. Der =Unverzagte= (XIX) äussert noch: »Man soll gnädige Heilige fern in fremden Landen suchen, so such' ich werthe Leute, die ihr Gut mit Ehren zehren. Welcher Herr mir Gnade thut, der soll mein Lob hinnehmen. Sie sind heilig, die mir geben um Gottes und der Ehre willen. Die =lebenden= Heiligen müssen selig seyn!«
Noch ziemlich gelinde scherzt der Unsrige über die unwirthliche Aufnahme, die er in der bairischen Abtei =Tegernsee= gefunden. Es war ihm viel von dieses Hauses Ehre gesagt worden. Deshalb ritt er einst, um dahin zu kommen, mehr denn eine Meile abseits der Straße. Aber vergeblich war seine Hoffnung auf einen guten Klostertrunk:
Ich nahm da Wasser, Also nasser Mußt' ich von des Mönches Tische scheiden. (I 113a)
Geld, Auslösung der für Zehrung versetzten Pfänder, Pferde, Kleider, waren der Lohn, der den Sängern von ihren Gönnern zu Theil wurde. Walther sagt von einer schönen Frau, sie habe ein werthes Kleid angezogen: ihren reinen Leib. Sie sey ein wohlgekleidet Weib. Getragene Kleider hab' er nie genommen[30], dieses nähm' er für sein Leben gerne. Der Kaiser würde dieser Frau Spielmann um so reiche Gabe (I 121b).
[30] So sagt auch der von =Buwenburg= (II 181a):
Wer getragener Kleider gehrt, Der ist nicht Minnesanges werth.
Herrn =Geltar= dagegen (oder =Gedrut=, =Pf. Hds.= 357 Bl. 24b) ist es noth nach =alter Wat= (II 119b). Auch der =Chanzler= zeigt sich lüstern nach =reicher Herren alter Wat= (II 246b).
Wenn übrigens auch unser Dichter in diesem Werben um Gunst und Gabe der Fürsten dem Gebrauche der Zeit und dem äussern Bedürfnisse gefolgt ist, so muß doch auf der andern Seite anerkannt werden, nicht bloß daß er jene Tugend der Milde auf wahrhaft dichterische Weise gepriesen, sondern auch, daß er darüber das Höhere nicht aus den Augen gesetzt, vielmehr mitten im Getrieb der Höfe sich einen freien Blick und einen würdigen Sinn erhalten. Es erscheint angemessen, jetzt auch diese edlere Seite herauszuheben.
Nicht die bloße Freigebigkeit ist es, darum er die Fürsten in Anspruch nimmt, weit umfassender hat er den Kreis ihrer Pflichten erkannt: