Walther von der Vogelweide: Ein altdeutscher Dichter

Part 2

Chapter 23,508 wordsPublic domain

[ 5] Die oftangeführte Geschichte des Kantons St. Gallen giebt eine umständliche geschichtliche Ortsbeschreibung dortiger Gegend, auf die reichhaltigen, in hohes Alterthum hinaufreichenden Urkundensammlungen des St. Gallischen Archivs gegründet. Nirgends aber erwähnt sie einer Burg =Vogelweide=. Um desto sichrer zu gehen, habe ich an Herrn v. =Arx= selbst mich schriftlich gewendet und von ihm die Bestätigung erhalten, daß ihm von einem Schlosse dieses Namens nie eine Meldung aufgestoßen sey. Möglich wäre eine Verwechslung mit =Vögelinsberg= oder =Vögeliseck=. In dem St. Gallischen Jahrszeitenbuche (Goldast, _Script. Rer. Alem. Tom. I_), das 1272 geschrieben wurde, kömmt ein _Ruodolfus dispensator de Voegillinsberc_ vor. =Notker= III., Vorsteher der St. Gallischen Klosterschulen, gest. 1022, hatte bei Speicher, in der Gegend, wo jetzt das weitausschauende =Vögeliseck= steht, ein Gehege (_vivarium_), worin er Wild und seltene Vögel, die er am meisten liebte, verwahren und füttern ließ. Es ist vermuthet worden, daß hier die Heimath des Geschlechtes v. d. =Vogelweide= zu suchen sey, welcher Name im Munde des Volks in =Vögeliseck= umgewandelt worden seyn möchte. Man überzeugt sich leicht, wie sehr es hiebei an einem sichern Halt gebreche.

[ 6] Ueber die St. Gallischen _Vogelweider_ s. =Arx= II 196; =Leu=, =Allgem. Helvet. Lexicon= Thl. 18 S. 676. Sie kommen zuerst 1430 vor. Das Schreiben des Herrn v. =Arx= besagt darüber Folgendes:

»Ich bezweifle es sehr, ob Walther Vogelweider von St. Gallen her sey. Denn nie kömmt dieses Geschlecht in ältern Zeiten, sondern erst im 15. Jahrh. da vor, wo von allen Orten her Leute sich in St. Gallen ansiedelten, oder wieder abzogen. Mir scheint =Vogelweider= eher eine Bedienung ausgedrückt zu haben, und von dieser in einen Geschlechtsnamen übergegangen zu seyn. Nämlich so wie =Kuchimeister= einen Proviantmeister, und =Füller= (_impletor_), =Spiser=, andre Verrichtungen anzeigten, und nachhin zu (St. Gallischen) Familiengeschlechtern wurden, so war =Vogelweider= ohne Zweifel ein Mann, der sich mit dem Fangen, Füttern, Abrichten der Vögel eines Großen abzugeben hatte, denn _Fogilweida_ hieß eben das, was _Aviarium_, _Glossar sec. 10. in. ab Ekhart_, und ohne solches Vogelbehältniß und einen Wärter desselben konnte der Falkenjagd wegen und des Finkenfangs kein Fürst oder Graf seyn. Es mußte darum aller Orte =Vogelweider= geben.«

Im Würtembergischen ist der Name =Vogelwaid= nicht selten.

Ein Meistergesang über die Stifter der Kunst nennt Walthern einen Landherrn aus Böhmen[7]. Anderwärts wird er dem sächsischen Adelsgeschlechte =von der Heide= beigezählt[8]. Beides ohne ersichtlichen Grund. Neuerlich ist seine Geburtsstätte in Würzburg gesucht worden, wo er begraben liegt und wo vormals ein Hof »=zu der Vogelweide=« genannt war[9]. Und nach Allem bleibt noch die Frage übrig: ob nicht der Name ein dichterisch angenommener oder umgewandelter sey? wovon man auch sonst in jener Zeit Beispiele findet.

[ 7] Bei =Wagenseil=, =Von der Meistersänger holdsel. Kunst=, S. 506:

Der Fünft Herr Walter hieß, War ein Landherr aus Böhmen =gewiß=[?] Von der Vogelweid &c.

In einem andern Meisterliede (=Görres=, =Altt. Volks- und Meisterlieder &c. Frankf.= 1817 S. 224) heißt er: Herr Walther =von der Wid=, der Ziervogel. (Vgl. =Man.= II 2b)

[ 8] S. =König=, =Genealog. Adelshistorie &c.= Thl. II S. 543.

[ 9] =Oberthür=, =Die Minne- und Meistersänger aus Franken &c. Würzb.= 1818 S. 30.

Die Sprache von Walthers Gedichten leitet auf keine nähere Spur seiner Herkunft, da sie in der weit verbreiteten oberdeutschen Mundart verfaßt sind, in welcher die meisten Dichter des 13. Jahrhunderts gesungen haben.

Der Dichter selbst, dessen Ausspruch entscheiden würde, gedenkt nur einmal des Landes, wo er geboren ist, aber ohne es zu benennen. Er hat, als er in späteren Jahren dorthin zurückgekommen, Alles fremd gefunden, was ihm einst kundig war, wie eine Hand der andern, das Feld angebaut, den Wald verhauen und nur das Wasser noch fließend, wie es weiland floß. (=Man.= I 141b f.) Auch sonst ist in seinen Liedern nirgends eine Beziehung auf die Gegend des Thurgaus, ob er gleich von den Orten seines Aufenthalts und von seinen Wanderungen vielfältig Rechenschaft giebt. Die erste bestimmtere Ortsbezeichnung ist es, wenn er meldet:

Zu =Oesterreich= lernte ich singen und sagen. (=Ebd.= I 132a)

Aus diesen Worten ist übrigens noch keineswegs zu schließen, daß er auch in Oesterreich geboren sey, eher das Gegentheil; denn sie bezeichnen gerade nur das Land seiner Bildung zur Kunst. In Oesterreich, wo die Kunst des Gesanges unter den Fürsten aus babenbergischem Stamme so schön gepflegt wurde, konnten die Lehrlinge derselben gute Schule finden. Auch =Reinmar= von =Zweter=, der um die Mitte des 13. Jahrhunderts dichtete, berichtet von sich:

Von Rheine, so bin ich geboren, In Oesterreiche erwachsen. (Man. II 146b)

Nach allen Anzeigen war Walther von adelicher Abkunft. Mit dem Titel: =Herr=, dem Zeichen ritterbürtigen Standes, redet er selbst sich an, und so wird er auch von Zeitgenossen benannt. Spätere nennen ihn =Ritter=[10]. Daß er ein Reichslehen erhalten hat, werden wir nachher sehen.

[10] So wird er genannt im Leben der h. Elisabeth (Mencken. _Script. Rer. Germ. T. II_) und in dem Meisterliede bei =Görres= S. 224. In der Nachricht, welche die Würzb. Handschr. von seiner Grabstätte giebt, heißt er _Miles_. Doch ist es zweifelhaft, ob er die Ritterwürde selbst erlangt habe, indem er sich in einem seiner Gedichte mit den Rittern in Gegensatz zu stellen scheint (=Man.= I 142a:

»Daran gedenket, Ritter, es ist euer Ding &c.«)

Dem Bilde, welches sich in der =Weingartner= Handschrift vor seinen Liedern befindet, ist weder Helm noch Schild beigegeben. Nur das Schwerdt ist seitwärts angelehnt. In der =Manessischen= Handschrift sind Helm und Schild hinzugekommen; das Wappenzeichen auf beiden ist ein Falke oder andrer Jagdvogel im Käfig, also gänzlich verschieden von dem bei =Stumpf= abgezeichneten Wappen der =Vogelweider=, welches drei Sterne enthält.

Ansehnlich muß das adeliche Geschlecht des Dichters in keinem Falle gewesen seyn. Er sagt einmal: »Wie nieder ich sey, so bin ich doch der Werthen einer.« (=Man.= I 122b). Ueber seine Armuth klagt er öfters, und eben sie mag ihn bewogen haben, aus der Kunst des Gesanges, die von Andern aus freier Lust geübt ward, ein Gewerbe zu machen.

»=Zu Oesterreich lernte ich singen und sagen.=«

Mit diesen Worten des Dichters treten wir zuerst aus dem Gebiete der Fabel und der Vermuthung auf einen festeren Boden. Doch müssen wir häufig diesen wieder verlassen und uns darauf beschränken, einzelne sichere Punkte zu bezeichnen, welchen wir dann dasjenige, was den Stempel von Ort und Zeit weniger bestimmt an sich trägt, nach Wahrscheinlichkeit und nach Verwandtschaft der Gegenstände anreihen. Wo sich der Faden der Geschichte verliert, da giebt das innere Leben des Dichters Stoff genug, die Lücke auszufüllen.

Es lassen sich zweierlei Zeiträume bestimmt unterscheiden, in welchen der Dichter am Hof der Fürsten von Oesterreich aus babenbergischem Stamme gelebt hat. Er befand sich dort unter =Friedrich=, von den Spätern der =Katholische= genannt, der von 1193 bis 1198 am Herzogthume war, und kam dorthin zurück unter =Leopold= VII., dem =Glorreichen=, vor dem Jahre 1217.

Diese beiden Fürsten waren Söhne =Leopolds= VI., des =Tugendreichen=, Herzogs von Oesterreich und Steier, der zu Anfang des Jahres 1193 gestorben war. =Friedrich=, der ältere Sohn, ließ sich 1195 mit dem Kreuze zeichnen, reiste 1197 nach Palästina ab und starb 1198 auf der Kreuzfahrt[11].

[11] _Chron. Claustro-Neoburg._ (_ap._ Pez, _Script. Rer. Austr. T. I_) _ad ann. 1195, 97, 98_.

Mit ihm muß dem Dichter Vieles zu Grabe gegangen seyn. In einem geraume Zeit nachher gedichteten Liede rechnet er den Anfang seines unsteten und mühseligen Lebens eben von dem Tode Friedrichs an. Lebendig genug schildert er in demselben Liede seine Trauer um den fürstlichen Gönner: »Da Friedrich aus Oesterreich also warb, daß er an der Seele genas und ihm der Leib erstarb, da drückt ich meine Kraniche (Schnabelschuhe) tief in die Erde, da gieng ich schleichend, wie ein Pfau, das Haupt hängt' ich nieder bis auf meine Kniee.«

Zwar fällt in Walthers Zeit noch ein andrer Friedrich von Oesterreich, =Friedrich= der =Streitbare=, des Obigen Neffe, der 1230 seinem Vater, Leopold VII., nachfolgte und 1246 in der Ungarnschlacht an der =Leitta= umkam. Es sind aber hinreichende Gründe vorhanden, das angeführte Gedicht nicht auf den Neffen, sondern auf den Oheim, zu beziehen. Das Genesen an der Seele bei dem Ersterben des Leibes ist bezeichnend für den Tod auf der Kreuzfahrt, welchen der Dichter auch sonst für einen segenreichen erklärt. Und wenn wir auch annehmen wollten, daß Walther, der, wie sich zeigen wird, schon 1198 in sehr männlichem Geiste gedichtet, noch um 1246 gelebt und gesungen habe, so wird doch aus dem natürlichen Zusammenhange, worin jenes Lied späterhin erscheint, sich ergeben, daß solches in den ersteren Jahren der Regierung Kaiser Friedrichs II., also gar lange vor dem Tode Friedrichs des Streitbaren, entstanden sey.

Wenn uns gleich der Dichter, ausser dem Wenigen, was angeführt wurde, von den Schicksalen seiner früheren Lebenszeit keine bestimmtere Nachricht giebt, so ist uns doch, bevor wir ihm weiter folgen, ein verweilender Blick in seine Jugend gestattet. Er zeigt uns den Zeitraum, worein solche gefallen, im Widerscheine seiner späteren Lieder.

»=Hievor war die Welt so schön!=« ruft er klagend aus. Inniglich thut es ihm wehe, wenn er gedenkt, wie man weiland in der Welt gelebt. O weh! daß er nicht vergessen kann, wie recht froh die Leute waren. Soll das nimmermehr geschehen, so kränket ihn, daß er's je gesehen. Jetzt trauern selbst die Jungen, die doch vor Freude sollten in den Lüften schweben (I 129a 140b 114b).

Dieses unfrohe Wesen rügt er an mehreren Stellen. Es gilt ihm, wie andern Dichtern der Zeit, für ein sittliches Gebrechen, so wie umgekehrt die Freude für eine Tugend. »Niemand -- sagt er -- taugt ohne Freude.« (I 110b) Und allerdings ist es nicht selten die sittliche Beschaffenheit des Gemüths, hier des wohlgeordneten, dort des in sich zerfallenen, woraus Frohsinn oder Mißmuth entspringen.

Ob Walther, ausser dem Unterricht in der Kunst des Gesanges, irgend einer Art von gelehrter Bildung genossen, ist nicht ersichtlich. Einige Hinweisungen auf Stellen der Schrift und zwei lateinische Segenssprüche, die er scherzhaft anbringt, können nichts entscheiden. Von den Helden, welche dazumal in romantischen Gedichten verherrlicht wurden, kömmt bei ihm blos Alexander vor[12]. Richard Löwenherz und Saladin, deren er erwähnt, waren durch nahe Ueberlieferung noch in frischem Angedenken. Nirgends eine sichre Spur, ob er des Lesens und Schreibens kundig war. Das Leben hat ihn erzogen, er hat gelernt, was er mit Augen sah, das Treiben der Menschen, die Ereignisse der Zeit waren seine Wissenschaft.

[12] Auf die deutsche Heldensage findet sich nirgends eine Beziehung, man müßte es denn für eine Anspielung auf =Walther und Hiltegund= ansehen, wenn auch er, der Sänger Walther, seine Geliebte =Hiltegund= nennt. (I 136b)

Manches Lied, das über seine Lebensgeschichte vollständigeres Licht verbreiten könnte, mag verloren gegangen seyn. In denjenigen, die auf uns gekommen sind, erscheint er als ein Mann von gereiftem Alter, und in mehreren zeigt er sich am Ziel seiner Tage. Seine Gedichte tragen im Allgemeinen das Gepräge der Welterfahrenheit, des Ernstes, der Betrachtung. Bis zur eigenen Qual fühlt er sich zum Nachdenken hingezogen, und er spricht das bedeutsame Wort:

Liessen mich Gedanken frei, So wüßte ich nicht um Ungemach. (I 114a)

Er stellt sich uns in einem seiner Lieder dar, auf einem Steine sitzend, Bein über Bein geschlagen, den Ellenbogen darauf gestützt, Kinn und Wange in die Hand geschmiegt, und so über die Welt nachdenkend. Damit bezeichnet er treffend das Wesen seiner Dichtung, und sinnreich ist er in zwei Handschriften vor seinen Liedern in dieser Stellung abgebildet.

Zweiter Abschnitt.

Philipp von Schwaben. Deutschlands Zwiespalt und Zerfall. Walther als Vaterlandsdichter.

Das Jahr 1198, in welchem der Dichter seinen fürstlichen Gönner in Oesterreich verlor, war auch ein Wendepunkt in der Geschichte der Zeit. In diesem Jahre wich der Friede, der in den letztern Jahren Kaiser Friedrichs I. und während der Regierung Heinrichs VI. in Deutschland geherrscht hatte, den langwierigen und verderblichen Kämpfen der Gegenkönige.

Heinrich VI. war im Herbst 1197 zu Messina gestorben, sein dreijähriger Sohn Friedrich blieb, unter Vormundschaft des Pabstes, als König in Sicilien. Die deutschen Fürsten hatten ihn noch bei Lebzeiten seines Vaters als Nachfolger auf dem deutschen Throne anerkannt. Aber Innocenz III., der kurz nach des Kaisers Hintritt, im kräftigsten Alter, zum Oberhaupt der Kirche gewählt worden, wollte nicht wieder die Vereinigung der deutschen Krone mit der sicilischen dulden. Er fand diese Vereinigung gefährlich für die Kirche, und erklärte: da Friedrich noch nicht getauft gewesen, als man ihn zum römischen König erwählt, so brauche man sich hieran nicht zu kehren. Den Deutschen war nicht mit einem Kinde geholfen. In den sechsten Monat war das Reich verwaist.

=Philipp= von =Schwaben=, des verstorbenen Heinrichs Bruder, hatte anfangs versucht, seinem unmündigen Neffen die Thronfolge zu erhalten, bald richtete er selbst sein Absehen auf die Krone. Auch diesem Hohenstaufen arbeitete der Pabst entgegen. Mit Berthold von Zähringen und Bernhard von Sachsen wurde von den Fürsten um das Reich unterhandelt. Nachher ordneten der Erzbischof von Köln und andre, mehrentheils geistliche Fürsten, von päbstlichem Einfluß geleitet, eine Gesandtschaft an Otto von Braunschweig ab, um ihn zum Throne zu berufen. Die Reichskleinode, auf deren Besitz man damals großen Werth legte, waren in Philipps Händen.

Schon früher war ein falsches Gerücht von Kaiser Heinrichs Tode das Zeichen zu allgemeiner Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung gewesen. Jetzt, nach des Kaisers wirklichem Hintritt, erreichte die Verwirrung den höchsten Grad. »Als ich aus Tuscien nach Deutschland zurückgekommen -- schreibt Philipp an Innocenz III.[13] -- fand ich das ganze Land in nicht geringerer Verwirrung, als irgend das Meer von allen Winden zerwühlt werden könnte.«

[13] _Registr. Innocent. III. ep. 136 p. 147._

Die ersten Lieder unsres Dichters, denen wir den Zeitpunkt ihrer Entstehung bestimmter nachweisen können, beziehen sich auf diese Ereignisse. Ernstes Nachdenken über die Zerrüttung des Vaterlands, Anklage des Pabstes, dessen Umtriebe den Zwiespalt herbeigeführt, Aufruf an Philipp, der Verwirrung ein Ende zu machen.

Ich saß auf einem Steine,[14] Da deckte ich Bein mit Beine, Darauf setzte ich den Ellenbogen, Ich hatte in meiner Hand geschmogen Das Kinn und eine Wange; Da dachte ich mir viel bange, Wie man zur Welte sollte leben. Keinen Rath konnte ich mir geben, Wie man drei Ding' erwürbe, Der keines nicht verdürbe: Die zwei sind Ehre und fahrend Gut, Der jedes dem andern Schaden thut, Das dritte ist Gottes Hulde, Der zweien Uebergulde; Die wollte ich gerne in =einen= Schrein. Ja leider! möchte das nicht seyn, Daß Gut und weltlich' Ehre Und Gottes Huld je mehre Zusammen in =ein= Herze kommen. Steige und Wege sind eingenommen, Untreue ist in der Sasse, Gewalt fährt auf der Strasse, Friede und Recht sind beide wund, Die =drei= haben Geleites nicht, die =zwei= werden denn eh' gesund.

[14] Diese Strophe ist nachgeahmt von =Boppo= (=Man.= II 235):

Ich saß auf einer Grüne &c.

=geschmogen=, geschmiegt. =Uebergulde=, was mehr als jene gilt. =In der Sasse=, seßhaft. =Die drei=, nemlich Gut (Reichthum), weltliche Ehre und Gottes Huld, haben kein sicheres Geleit, um zusammen zu kommen, bevor nicht =die zwei=, Friede und Recht, wiedergenesen sind und die Strasse frei machen.

Ich sah mit meinen Augen Der Menschen Thun und Taugen. Da ich nun hörte, da ich sach, Was Jedes that, was Jedes sprach: Zu Rome hörte ich lügen Und zweene Könige trügen. Davon hub sich der meiste Streit, Der eh' ward oder immer seit. Da sich begannen zweien Die Pfaffen und die Laien, Das war eine Noth vor aller Noth, Leib und Seele lag da todt. Die Pfaffen stritten sehre, Doch ward der Laien mehre; Das Schwerdt legten sie da nieder Und griffen zu der Stole wieder, Sie bannten, die sie wollten, Und nicht den sie sollten. Da störte man manch Gotteshaus, Da hörte ich ferne in einer Klaus Viel starker Ungebäre; Da meinte ein Klausenere, Er klagete Gott sein bittres Leid: »O weh! der Pabest ist zu jung, hilf, Herre, deiner Christenheit!«

=seit=, seitdem, nachher. =zweien=, entzweien. =Pfaffen= und =Laien=, geistliche und weltliche Fürsten, in der streitigen Königswahl. =Ungebäre=, ungebärdige Wehklage. =Klausenere=, der klagende Klausner, welcher mehrmals vorkömmt, bedeutet die vormalige strenge Frömmigkeit im Gegensatze zu der nunmehrigen Ausartung des geistlichen Standes.

Ich hörte die Wasser diessen Und sah die Fische fließen, Ich sah was in der Welte was, Wald, Feld, Laub, Rohr und Gras. Was kriechet oder flieget, Oder Beine zur Erde bieget, Das sah ich und sage euch das: Der keines lebet ohne Haß; Das Wild und das Gewürme, Die streiten starke Stürme, Also thun die Vögel unter ihn'n, Nur daß sie haben einen Sinn (Sie wären anders zu nichte): Sie schaffen gut Gerichte, Sie setzen Könige und Recht Und schaffen Herren und Knecht. O weh dir, deutsche Zunge, Wie steht deine Ordenunge! Daß nun die Mück' ihren König hat[15] Und daß =deine= Ehre also zergat! Bekehre dich, bekehre! Die Kirchen sind zu hehre, Die armen Könige drängen dich. =Philippe=! setze den Waisen auf und heisse sie treten hinter sich! (=Man.= I 102)

[15] Die Mücken haben König unter ihnen, Die Bienen einen Weissel, dem sie folgen, Kein' Creature lebet ohne Meisterschaft &c. =Der Mysnere= (Bei =Müll.= DXCIII)

=diessen=, tosen, rauschen. =fliessen=, schwimmen. =was=, war. =Was kriechet= &c. vgl. =Wernh. Mar.= S. 28, 52. =unter ihn'n=, unter sich. =deutsche Zunge=, Land deutscher Sprache. =zergat=, zergeht. =Die Kirchen=, die Geistlichkeit. =zu hehre=, zu gewaltig. =die armen Könige=, die mittellosen Thronbewerber. =den Waisen=, das Reichskleinod, den Edelstein der Kaiserkrone, welchen Herzog Ernst aus dem hohlen Berge mitgenommen haben soll.

Noch im Frühjahr 1198 ward dem Dichter die Freude, Philippen gekrönt zu sehen. Das hochschwebende Lied, worin er seinen Jubel ausspricht, läßt kaum bezweifeln, daß er selbst der Krönung zu Mainz anwohnte.

Die Krone ist älter, denn der König Philippe sey; Da möget ihr alle schauen wohl ein Wunder bei, Wie sie ihme der Schmid so eben recht gemachet. Sein kaiserliches Haupt geziemet ihr also wohl, Daß sie zu Rechte niemand Gutes scheiden soll; Jedwedes nicht des andern Tugend schwachet. Sie lachen beide einander an Das edel Gesteine und der junge süsse Mann; Die Augenweide sehen die Fürsten gerne. Wer nun das Reiches irre geh', Der schaue, wem der Waise ob seinem Nacken steh'! =Der= Stein ist aller Fürsten Leitesterne. (I 127b)

=zu Rechte=, mit Recht. =Tugend=, Werth. =schwachet=, schwächet, verringert.

Das angenehme Bild, das Walther von seinem Könige giebt, bestätigen die Worte des Geschichtschreibers. Nach der Beschreibung der =urspergischen= Jahrbücher war Philipp ein Mann von schöner und edler Gesichtsbildung, blondem Haar, mittlerer Größe, zartem, fast schwächlichem Körperbau[16].

[16] Chron. Abb. Ursperg: »_Erat autem Philippus animo lenis, mente mitis, eloquio affabilis, erga homines benignus, largus satis et discretus, debilis quidem corpore, sed satis virilis, in quantum confidere poterat de viribus suorum, facie venusta et decora, capillo flavo, statura mediocri, magis tenui quam grossa._«

Der Dichter begnügt sich nicht, Philippen zum Throne berufen und auf demselben begrüßt zu haben. Er giebt dem neuen Könige noch das Mittel an, seine Herrschaft zu befestigen und auszubreiten. Dieses Mittel findet er in der =Milde=, der dankbaren Freigebigkeit gegen Diejenigen, die sich dem Könige versöhnt und verpflichtet haben, der rückhaltlosen Ausspendung von Gaben und Ehre.

Philippe, König hehre! Sie geben dir alle Heiles Wort Und wollten Lieb nach Leide. Nun hast du =Gut= und =Ehre=, Das ist wohl zweier Könige Hort, Die gieb der =Milde= beide! Die Milde lohnet, wie die Saat, Von der man wohl zurück empfaht, Darnach man ausgeworfen hat; Wirf von dir mildigliche! Welch' König der Milde geben kann, Sie giebt ihm, das er nie gewann, Wie Alexander sich versann: Der gab und gab, da gab sie ihm alle Reiche. (I 113a)

=Das ist wohl= &c. (Lesart der =Pf. Hds.= 357) Reichthum und Ehre, jedes für sich schon, ist der =Hort=, Schatz, eines Königs. (Vgl. I 135b »=zwei Kaisers Ellen=«, d. h. Stärke, Kraft) =sich versann=, inne ward.

Die Geschichte beweist, daß Philipp wirklich in diesem Sinne gehandelt. Wie er überhaupt die gelinden Wege den gewaltsamen vorzog, so suchte er besonders durch reiche Gaben an Geld und Ländereien Feinde zu beseitigen und Anhänger zu gewinnen. Seinem gefährlichsten Mitbewerber um die Krone, dem Herzog Berthold von Zährigen, hatte er für dessen Rücktritt 11000 Mark bezahlt. Seine Freigebigkeit war so groß, daß er damit nicht, wie Alexander, alle Reiche gewann, sondern selbst die anererbten Lande nur noch dem Namen nach behielt.

»Als er -- so erzählen die urspergischen Jahrbücher -- kein Geld hatte, um seinen Kriegsleuten Sold zu bezahlen, fieng er zuerst an, die Ländereien zu veräußern, die sein Vater, Kaiser Friedrich, weit umher in Deutschland erworben hatte, so daß er jedem Freiherrn oder Dienstmann Dörfer oder angrenzende Kirchen versetzte. Und also geschah es, daß ihm nichts übrig blieb, ausser dem leeren Namen des Landesherrn und denjenigen Städten und Dörfern, worin Märkte gehalten werden, nebst wenigen Schlössern des Landes.«

Dessen unerachtet vermochte er es nicht Allen zu Danke zu machen, und selbst Walther wirft ihm in einem andern Liede vor, daß er sich nicht so recht im Geben gefalle. Er erinnerte Philippen an den milden Saladin, welcher gesagt: Königes Hände sollten durchlöchert seyn, und an den König von Engelland (Richard Löwenherz), den man seiner Mildigkeit wegen so theuer ausgelöst. (I 127b)[17]

[17] Richard war zu Ende des Jahres 1192, als er auf der Rückkehr aus dem heiligen Lande durch das Gebiet Leopolds VI. von Oesterreich, den er in Palästina beleidigt hatte, verkleidet reisen wollte, erkannt und festgesetzt worden. Leopold überließ seinen Gefangenen um 60000 Mark Silbers an Kaiser Heinrich, der Richarden wegen dessen Verbindung mit Tankred von Sicilien übel wollte. Nun wurde Richard vom Kaiser in harter Gefangenschaft gehalten, und erst zu Anfang des Jahres 1194 gegen ein Lösegeld von 100,000 Mark, das die Engländer mit großer Anstrengung zusammen gebracht hatten, in Freiheit gesetzt.