Walther von der Vogelweide: Ein altdeutscher Dichter

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Chapter 13,106 wordsPublic domain

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Walther von der Vogelweide

Ein

=altdeutscher Dichter=,

geschildert

von

=Ludwig Uhland=.

Herr Walther von der Vogelweide, Wer des vergässe, thät' mir leide. =Der Renner=.

=Stuttgart und Tübingen, in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1822.=

Vorrede.

Der Dichter, dessen Leben und Charakter darzustellen ich unternommen habe, schien mir vorzüglich geeignet, diejenige Richtung für das Erforschen der altdeutschen Poesie zu bezeichnen; welche, nach meinem Dafürhalten, noch mit besondrem Eifer zu verfolgen ist, wenn ein lebendiges und vollständiges Bild von dem dichterischen Treiben jenes Zeitalters hervortreten soll.

Neben den gründlichen Bemühungen, welche der Sprachkenntniß, als der ersten Bedingung des Verständnisses, zugewendet worden sind, hat vornehmlich die Erforschung des Gemeinsamen, des poetischen Gesammteigenthums in Sage, Bild und Wort, bedeutende Fortschritte gemacht. Mit weniger Liebe und Erfolg ist das Besondre behandelt worden, wie es aus der Eigenthümlichkeit von Zeit und Ort, aus der persönlichen Anlage und Neigung des Dichters, hervorgeht.

Beiderlei Richtungen sind aber gleich nothwendig. Sowenig der allgemeine Zusammenhang aller Poesie zu mißkennen ist, eben so wenig kann die Schöpferkraft, die stets im Einzelnen Neues wirkt, geläugnet werden. Es giebt eine Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht; es gibt eine freie Dichtung begabter Geister. Beides muß die Geschichte der Poesie zu würdigen wissen.

Die sorgfältige Beachtung dieses Besondern darf am wenigsten versäumt werden, wenn in jene reichhaltigen Liedersammlungen aus dem deutschen Mittelalter, welche noch als verworrene Masse vor uns liegen, Licht und Ordnung kommen soll. Diese Sammlungen enthalten, bei allem Gemeinsamen in Form und Gegenstand der Dichtung, gleichwohl eine große Manigfaltigkeit von Dichtercharakteren, eigenthümlichen Verhältnissen und Stimmungen, persönlichen und geschichtlichen Beziehungen. Gerade diejenigen Lieder, welche sich mehr im Allgemeinen halten und darum auch am leichtesten verstanden werden, sind vorzugsweise bekannt geworden und mußten denn auch dieser ganzen Liederdichtung den Vorwurf der Eintönigkeit und Gedankenarmuth zuziehen. Diejenigen dagegen, deren Beziehungen eigenthümlicher und tiefer sind, blieben so ziemlich ihrem Schicksal überlassen.

Davon will ich hier nicht ausführlicher sprechen, wie die Zeitgeschichte überhaupt, das merkwürdige Zeitalter der Hohenstaufen, das uns Jahrbücher und Urkunden nur in politischer Starrheit darstellen, wie dieses erst die rechte Farbe und Lebenswärme gewinnt, wenn wir es in der Einbildungskraft und dem Gemüthe der Dichter abgespiegelt sehen.

Vom Thunersee bis zur Insel Rügen, vom adriatischen Meere bis nach Brabant ziehen sich die Straßen des altdeutschen Gesanges. Ueberall Fürstenhöfe und Ritterburgen, Städte und Klöster, wo Sänger und Sangesfreunde hausen oder herbergen. Es ließe sich eine reiche Landkarte des poetischen Deutschlands im Mittelalter entwerfen. Von keinem aber aus der Zahl dieser Sänger dürfte die Forschung zweckmäßiger ausgehen, als von =Walther von der Vogelweide=, der auf seinen vielfachen Wanderungen allwärts Berührungen anknüpft und dessen langes, liederreiches Leben einen für die Poesie so merkwürdigen Zeitraum umfaßt.

Wenn ich den Werth dieses Dichters hervorhebe, so berühre ich nicht etwas Neues und bisher Unbeachtetes. Von =Bodmer= (Proben der alt. schwäb. Poesie &c. Zürich 1748. Vorber. S. 33 ff.) bis auf die neueste Zeit haben manche Literatoren die dichterische Kraft und die Vielseitigkeit desselben, sowie seine Bedeutung für die Zeitgeschichte, mit mehr oder weniger tiefem Verständniß, erkannt und angerühmt[A]. Von =Gleim= (Gedichte nach Walth. v. d. Vogelw. 1779) bis auf =Tieck= (Minnelieder &c. Berl. 1803) und Spätere ist manches seiner Lieder durch Bearbeitung oder Uebertragung in die neuere Sprache den Zeitgenossen näher gerückt worden. Gleichwohl fehlt es noch an einer umfassenderen Darstellung seines Lebens und Wesens.

[ A] Das Treffendste, was mir bekannt ist, hat über ihn ein Gelehrter gesprochen, dem man sonst die Ueberschätzung der Dichterwerke des Mittelalters nicht vorwirft, =Bouterwek=, in seiner Gesch. d. Poes. u. Beredsamk., Bd. IX S. 107 ff.: »Einer der vorzüglichsten unter diesen ersten und unter allen deutschen Minnesingern ist =Walther von der Vogelweide= aus einer adeligen Familie im Thurgau. -- Aus seinen volltönenden, kräftigen und lieblichen Gesängen spricht ein wahrhaft lyrisches Genie. Selbst religiöse Gegenstände behandelt er glücklicher, als die meisten seiner Zeitgenossen. Auch war er reicher an Gedanken, als sie. Ihm schwebte, wie jedem großen Dichter, auch ohne philosophische Meditation, das =Ganze= des menschlichen Lebens vor. Gewöhnlich haben seine Darstellungen etwas Mahlerisches. Einige seiner Gesänge in langen Zeilen nähern sich dem metrischen Charakter des Sonetts. Einige nehmen einen hohen feierlichen Schwung; andere gehen den leichten, raschen Schritt des muntern Volksliedes; noch andere sind mit einer fast epigrammatischen Feinheit ausgeführt. Weinerliche Klage war nicht dieses Dichters Sache; aber im Preise der Frauen ist er unerschöpflich. Doch das poetische Verdienst des trefflichen Walthers von der Vogelweide ist einer ausführlichen Analyse werth, zu der sich hier kein Raum findet. Noch verdient sein =Vaterlandsgefühl= bemerkt zu werden. Einige seiner Gedichte haben das öffentliche Wohl Deutschlands zum Gegenstande. Im Volkstone hat er das Lob des deutschen Namens gesungen.«

Man wird behaupten, durch eine kritische, mit den verschiedenen Lesarten und den nöthigen Erklärungen ausgestattete, das Unächte vom Aechten ausscheidende und den vielfach gestörten Rhythmus in seiner Reinheit herstellende Ausgabe seiner Lieder würde das Beste für den alten Dichter geschehen. Weit entfernt, das Verdienstliche und die Wichtigkeit eines solchen Unternehmens zu mißkennen[B], bin ich doch der Meinung, daß nur dann jedes Einzelne sein rechtes und volles Licht erhalten könne, wenn erst der Geist und Zusammenhang des Ganzen gehörig erkannt ist. Für eine Ausgabe der Lieder aber würde nicht die Zusammenstellung nach der Zeitfolge, welche bei einem großen Theile derselben ohnehin nicht bestimmbar ist, oder nach der Verwandtschaft der Gegenstände, sondern vielmehr die Anordnung nach den =Tönen= die schicklichste seyn.

[ B] Eine neue Ausgabe sämmtlicher Gedichte Walthers hat =Köpke=, der Herausgeber von Barlaam und Josaphat, zugesagt. S. =Büschings= Wöchentl. Nachrichten &c. Bd. IV 1819 S. 12. Vorarbeiten hat auch =Lachmann=, in seiner Auswahl aus den hochdeutschen Dichtern des 13. Jahrh. Berl. 1820 S. 178-203, geliefert.

Weil übrigens der Dichter doch nur aus seinen Liedern vollständig begriffen wird und weil Walthers Lieder gerade die Hauptquelle sind, woraus wir über seine Lebensumstände Aufschluß erhalten, so habe ich überall die Gedichte selbst oder doch bezeichnende Stellen aus denselben in die Darstellung verwoben.

Die Form, in der ich diese Gedichte liefre, mußte durch den Zweck der ganzen Arbeit bestimmt werden. Sie mußten vor Allem verständlich seyn. Es war hier nicht sowohl um die sprachliche Beziehung, als um die Aufklärung über Schicksal und Charakter des Dichters zu thun. Darum wählte ich den Weg der Uebertragung aus der älteren Mund- und Schreibart in die neuere.

Nicht unbekannt ist mir, wie wenig dieses Verfahren bei gründlichen Kennern des deutschen Alterthums empfohlen ist. Es gehen dabei manche Feinheiten der alten Sprache verloren und nicht geringere Schwierigkeit, als die gänzlich veralteten Formen und Worte, bieten häufig diejenigen dar, welche, noch jetzt gangbar, ihre Bedeutung mehr oder weniger verändert haben und dadurch zum blossen Scheinverständnisse verleiten können, wie solches besonders in =Benecke's= trefflichem Wörterbuche zum =Wigalois= gezeigt ist. Auf der andern Seite ist Manchen auch die leichteste Abweichung vom gegenwärtigen Sprachgebrauche unerträglich.

So wenig ich nun hoffen durfte, zwischen diesen Klippen ohne Anstoß hindurch zu schiffen, so konnte ich doch jene Behandlungsweise nicht umgehen. Die Gedichte selbst in die Darstellung aufzunehmen, war mir wesentlich; mit der alten Schreibart aufgenommen, würden sie aber umständliche, den lebendigen Zusammenhang allzu sehr störende Erläuterungen erfordert haben. Um jedoch überall die Vergleichung zu erleichtern, ist bei jedem ganz oder theilweise ausgehobenen Liede nachgewiesen, wo dasselbe in der Urschrift zu lesen sey.

Bei jener Uebertragung war es auch keineswegs auf eine Umarbeitung, am wenigsten auf anmaßliche Verschönerung, angelegt. Ueberall habe ich das Alterthümliche zu erhalten gesucht. Nur wenige, ganz veraltete Formen sind umgangen worden. Veraltete Worte habe ich vorzüglich dann vermieden, wenn sie den Eindruck des Ganzen zu stören drohten. Andre, besonders solche, die sich zur Wiedereinführung empfehlen, habe ich lieber erklärt, als mit neueren vertauscht. Manchen Lesern mag noch jetzt Mehreres zu fremdartig lauten. Es gehört jedoch keine sehr große Entäusserung dazu, hin und wieder einmal =Arebeit=, =Gelaube=, =Pabest=, =unde=, =sicherlichen=, =meh=, =sach= &c. statt =Arbeit=, =Glaube=, =Pabst=, =und=, =sicherlich=, =mehr=, =sah= &c. zu lesen oder auch einige unvollständige Reime zu dulden, z. B. =schöne= auf =Krone=, die sich aber in der alten Sprache vollkommen ausgleichen.

Absichtlich wurden meist solche Stücke ausgehoben, welche an sich leichter verständlich sind, was glücklicher Weise gerade bei den besten größtentheils der Fall ist. Von andern sind Auszüge oder auch nur eine kurze Andeutung ihres Inhalts gegeben. Dabei darf ich nicht verhehlen, daß einige Stücke, auch nach Einsicht der verschiedenen Handschriften, mir noch räthselhaft geblieben sind. Die beigefügten Wort- und Sacherklärungen habe ich meist nur auf das Nöthigste beschränkt und mein Augenmerk darauf gerichtet, daß jedes Gedicht, so viel möglich, schon durch den Zusammenhang in den es gestellt ist, seine Erläuterung erhalte.

Im Verlaufe meiner Darstellung mußte ich auf Verschiedenes stossen, was noch sehr einer genaueren Untersuchung bedarf, wie z. B. der Krieg zu Wartburg, Nithart &c. Aber eben weil diesen Gegenständen noch eigene, weitgreifende Forschung gewidmet werden muß, habe ich mich auf dieselben nur soweit eingelassen, als sie den meinigen unmittelbar berühren. Man wird sich ihnen noch von mehreren Seiten nähern müssen, bevor man sich ihrer völlig bemächtigt.

Hauptquellen, die ich benützt habe, sind:

1) Die =Manessische= Sammlung, nach =Bodmers= Ausgabe, welche im I. Thl. von S. 101-142 den reichsten Schatz von Gedichten Walthers enthält. Sie ist im Folgenden durch =Man.= bezeichnet und, weil sie am meisten zugänglich ist, auch da angeführt, wo Lesarten aus andern Handschriften gewählt wurden.

2) Die =Weingartner= Handschrift von Minnesängern, (mit W. =Hds.= von mir bezeichnet,) wahrscheinlich älter als die Manessische, jetzt in der Königl. Privatbibliothek zu Stuttgart befindlich. Sie enthält von S. 140-170 112 Strophen unsres Dichters.

3) Die =Pfälzer= Handschrift Nr. 357 (=Pf. Hds.= 357), aus dem Vatikan nach Heidelberg zurückgebracht. Von Bl. 5b bis 13b giebt sie unter Walthers Namen 151 Strophen. Weiterhin, von Bl. 40 an, folgt, von andrer Hand geschrieben, noch mehreres diesem Dichter Angehörige.

4) Die =Pfälzer= Handschrift Nr. 350 (=Pf. Hds.= 350), mit 18 Strophen.

Vermißt habe ich vorzüglich die =Würzburger= Liederhandschrift, jetzt zu Landshut, und die (verschollene?) =Kolmarer=, in welchen gleichfalls Gedichte von Walther enthalten sind.

Gegenwärtiger Versuch ist eine Vorarbeit zu einer größeren Darstellung in diesem Fache. Um so erwünschter wird mir seyn, was dazu beiträgt, den Gegenstand desselben vollständiger aufzuklären.

Walther von der Vogelweide.

Erster Abschnitt.

Einleitung. Des Dichters Herkunft. Die Sänger des Thurgaus. Friedrich von Oesterreich. Des Dichters Jugend.

=Walther von der Vogelweide= ist einer von den Meistern deutschen Gesangs, die einst, wie die Sage meldet, auf der Wartburg wettgesungen. Ebenso ist er Einer der Zwölfe, von denen spät noch die Singschule gefabelt, daß sie in den Tagen Otto's des Großen gleichzeitig und doch Keiner vom Andern wissend, gleichsam durch göttliche Schickung, die edle Singkunst erfunden und gestiftet haben.

Wenn Einige, die auf ähnliche Weise mit ihm genannt werden, im Halbdunkel solcher Ueberlieferung zurückgeblieben sind und höchstens durch Vermuthung mit noch vorhandenen Dichterwerken in Verbindung gesetzt werden können, so ist dagegen kaum einer von den Dichtern des Mittelalters so mit seinem eigensten Leben in unsre Zeit herüber getreten, als eben dieser Walther von der Vogelweide.

Nicht als ob die Geschichte seinen Wandel auf Erden in ihre Jahrbücher aufgenommen hätte oder als ob alte Urkunden von seinen Handlungen Zeugniß gäben, wie dieß bei andern seiner Kunstgenossen der Fall ist: seine zahlreichen Lieder sind es, die sein Andenken, und mehr als dieß, ein klares Bild seines äußern und innern Lebens, auf uns gebracht haben.

Er hat nicht seine Persönlichkeit in der alten Heldensage des deutschen Volkes untergehen lassen, noch hat er seine Kunst den Ritter- und Zaubermähren vom heiligen =Gral=, von der Tafelrunde u. s. w. zugewendet, sondern er hat die Gegenwart ergriffen. Und hiebei hat er wieder nicht blos den Mai und die Minne gesungen, vielmehr ist er gerade der vielseitigste und umfassendste unsrer älteren Liederdichter, er behandelt die verschiedensten Richtungen und Zustände der menschlichen Seele, er betrachtet die Welt, er spiegelt in seinem besondern Leben das öffentliche, er knüpft seine eigenen Schicksale, wenn auch in sehr untergeordnetem Verhältniß, an die wichtigsten Personen und Ereignisse seiner Zeit.

Diese Zeit war eine bedeutende, vielfach und stürmisch bewegte. Die Verwirrung des Reichs nach dem Tode Heinrichs VI., der verderbliche Streit der Gegenkönige Philipp und Otto, Friedrichs II. heranwachsende Größe, dessen Kämpfe gegen die päbstliche Allmacht, der Kreuzzüge wogendes Gedräng!

Unscheinbar allerdings ist das Auftreten unsres Dichters auf der Bühne dieser Weltbegebenheiten. Schon darüber könnten wir verlegen seyn, wie wir ihn zuerst in die Welt einführen, denn sein Ursprung ist bis jetzt nicht mit Sicherheit erhoben.

Im obern Thurgau stand, nach =Stumpf's= Schweizerchronik, ein altes Schloß: =Vogelweide=. Im benachbarten Sankt Gallen hat das patrizische Geschlecht der =Vogelweider= geblüht. Mit diesem Geschlecht und jenem Schlosse wird Walther von der Vogelweide in Beziehung gesetzt[1].

[ 1] =Stumpf=, der gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts schrieb, erwähnt im 5. Buche seiner Chronik eines Sankt Gallischen Bürgers, =Hans Vogelweider=, und fügt das Wappen dieser Vogelweider bei. Hierauf folgt in der, vierzig Jahre nach des Verfassers Tod erschienenen Ausgabe von 1606 (Bl. 373b) nachstehender Beisatz, welcher in der ersten Ausgabe von 1548 (II Bl. 31b) noch nicht befindlich ist: »Sonst ist Vogelweide ein alt Schloß geweßt im oberen Turgow gelegen; davon berümpte Leut kommen, an der Herzogen in Schwaben Hof bekannt. Walther v. d. Vogelweid war ein frommer biderber, nothaffter Ritter, an Keysers Philippi Hof: wie sölchs bezeuget sein selbst eigen Lied in einem uralten Buch (sicherlich die Maness. Handschr.) under Keyser Heinrich und König Cunraden dem jungen geschrieben: darinnen auch sein Wappen abgemalet, hat aber nichts mit diesem geleichs.« Dieses ist ohne Zweifel die Hauptstelle, nach welcher =Bodmer= und nachher viele Andre den Ursprung des Dichters in das obere Thurgau setzen.

In keinem deutschen Lande finden wir auch die ritterlichen Sänger so gedrängt beisammen, als in jenen nachbarlichen Gebirgsthälern, die von der Thur, der Sitter, der Steinach durchrauscht werden, und dort, wo der Rhein dem Bodensee zueilt. Der Truchseß von =Singenberg=, der Schenk Kunrad von =Landegg=, =Göli=, Graf Kraft von =Toggenburg=, Heinrich und Eberhard von =Sar=, Friedrich von =Husen=, Kunrad von =Altstetten=, Walther von =Klingen=, Heinrich von =Frauenberg=, Wernher von =Tüfen=, Heinrich von =Rugge=, der von =Wengen=, der =Hardegger=, der =Taler=, Rudolf von =Ems= u. A. m., von denen allen noch Lieder vorhanden sind, gehören theils mit Gewißheit, theils mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit, jener Gegend an[2].

[ 2] Von =Singenberg=, =Landegg= und =Göli= wird weiterhin die Rede seyn. =Kraft= von =Toggenburg= ist in der Geschichte dortiger Gegend hinlänglich bekannt. Die von =Sar=, ein ausgestorbenes Geschlecht im Rheinthal, nach welchem noch die Landschaft genannt wird. Ueber die Geschlechter von =Husen= und von =Thal= s. v. =Arx= (=Geschichte des Kantons St. Gallen, 2 Bde. St. Gallen= 1810-11) I 493, 498. Unter den Dienstleuten des Gotteshauses St. Gallen um 1300 zählt ein altes Verzeichniß: die von =Altstetten=, von =Hardegg=, von =Husen=, auf. =Ebd.= I 482. Der Minnesänger =Friedrich= von =Husen=, ein Kreuzfahrer, bezeichnet sich selbst als =um den Rhein= einheimisch. =Man.= I 92b 94a (Im Elsaß sucht ihn =Oberlin=, _De poet. Alsat. erot. p. 10_). Ein =Walther= von =Klingen= kömmt um 1271 urkundlich vor, =Arx= I 395 (nach =Docen=, =Mus.= I 144 schon 1251); ein H. _(Heinricus) miles de_ Frouunberch 1257 =Ebd.= I 544; ein _Cuno miles de_ Tüfin 1279 =Ebd.= I 506. Die =Ruggen= erscheinen noch um die Mitte des 15. Jahrh. als St. Gallische Junker =Ebd.= II 296. Der von =Wengen= richtet ein Lied an die Thurgäuer =Man.= II 99a. -- Anziehend und anschaulich hat v. =Laßberg= in der Zueignung des 1. Bands seines =Liedersaals= (1820) an die Sänger dortiger Gegend erinnert.

Mitten in jenen sangreichen Gauen lag das Stift Sankt Gallen, von dem der Anbau der Gegend und die Bildung ihrer Bewohner ausgegangen. Die dortigen Klosterbrüder waren im 9. und 10. Jahrhundert gepriesene Tonkünstler. Ihre geistlichen Lieder, wozu sie selbst die Singweise setzten, giengen in den allgemeinen Kirchengesang über. Eben so frühe wurde zu St. Gallen in deutscher Sprache gedichtet, und hinwieder das deutsche Heldenlied (=Walther= und =Hiltegund=) in lateinische Verse übertragen. Namentlich aber waren diese Mönche beschäftigt, die Söhne des benachbarten Adels überhaupt sowohl, als insbesondre in der Tonkunst, zu unterrichten[3]. Und eben in diesen Verhältnissen mochten Keime liegen, welche nachher im ritterlichen Gesang zur Blüthe gekommen sind.

[ 3] Alles Obige hat v. =Arx= in seinem äußerst lehrreichen Geschichtwerke umständlich ausgeführt und belegt. Von dem Mönche =Tutilo= (st. 912) sagt Ekkehard. _Jan. de casib. monast. St. Galli Cap. III_: »_filios nobilium in loco ab Abbate destinato fidibus edocuit._«

Der von =Singenberg= war des Abtes zu St. Gallen Truchseß, der von =Landegg= dessen Schenk, =Göli= (jedoch nur muthmaßlich) dessen Kämmerer, und also sehen wir diesen fürstlichen Abt von einem singenden Hofstaat umgeben. Auch die andern adelichen Geschlechter, aus denen zuvor eine Reihe von Minnesängern namhaft gemacht wurde, sind größtentheils als Lehens- und Dienstleute des Klosters bekannt[4]. Selbst das meldet =Hugo= von =Trimberg= in seinem =Renner= (um 1300), daß ein Abt von St. Gallen schöne =Taglieder= gesungen, d. h. Lieder, in welchen der Wächter verstohlene Minne warnt, daß sie nicht vom Tageslicht überrascht werde.

[ 4] Ueber die St. Gallischen Erbämter s. =Arx= I 320. =Konrad=, Schenk von Landegg, kömmt von 1281 (oder schon 1271, I 528) bis 1304 in den Urkunden vor. =Ebd.= I 476. Die Kämmerer hießen: =Giele= »_Rudolf Gielo noster Camerarius_.« =Ebd.= I 320. Vgl. =Mus.= I 162. Der Dichter =Göli= (=Man.= II 57a) singt:

=Bei dem Rheine= grünen Werde und Auen.

Ueber die andern Geschlechter s. Anm. 2.

Unsern Dichter von da ausgehen zu lassen, wo der Gesang so heimisch war, wo vielleicht der eigentliche Quell der schwäbischen Liederkunst zu suchen ist, hat an sich etwas Gefälliges. Auch darf nicht unbeachtet bleiben, daß jener St. Gallische Truchseß von Singenberg sich besonders viel mit Walthern zu schaffen macht. Er rühmt denselben als Sangesmeister, betrauert dessen Tod, ahmt seine Lieder nach, und wir finden auf diese Weise im Thurgau wenigstens einen Widerhall von Walthers Gesange.

Gleichwohl bleibt der Ursprung des Dichters in jener Gegend noch immer zweifelhaft. Das vormalige Daseyn einer Burg =Vogelweide= scheint lediglich auf der Angabe der vorgenannten Chronik zu beruhen, und die Urkunden des Stiftes St. Gallen, welche nicht leicht einen Weiler, einen Thurm der Umgegend unberührt lassen, enthalten, so viel man bis jetzt weiß, keine Spur von dem fraglichen Stammschloß[5]. Das ausgestorbene St. Gallische Geschlecht der =Vogelweider= kömmt erst im 15. Jahrhundert unter denjenigen vor, welche als Gerichtsherrn den Junkertitel führen konnten, und es mag seinen Namen eher von einer Bedienung, als von einer Burg, entnommen haben[6]. Rühmliche Erwähnung des Dichters aber und vertraute Bekanntschaft mit seinen Liedern findet sich nicht blos beidem Truchseß von Singenberg, sondern auch bei andern gleichzeitigen und spätern Sängern, welche nicht dem Thurgau angehören.