Part 6
Wallenstein. Du schilderst deines Vaters Herz. Wie du's Beschreibst, so ist's in seinem Eingeweide, In dieser schwarzen Heuchlers Brust gestaltet. O mich hat Höllenkunst getäuscht. Mir sandte Der Abgrund den verstecktesten der Geister, Den Lügenkundigsten herauf und stellt ihn Als Freund an meine Seite. Wer vermag Der Hölle Macht zu widerstehn! Ich zog Des Basilisken auf an meinem Busen, Mit meinem Herzblut nährt' ich ihn, er sog Sich schwelgend voll an meiner Liebe Brüsten, Ich hatte nimmer Arges gegen ihn, Weit offen ließ ich des Gedankens Tore Und warf die Schlüssel weiser Vorsicht weg-- Am Sternenhimmel suchten meine Augen, Im weiten Weltenraum den Feind, den ich Im Herzen meines Herzens eingeschlossen. --Wär' ich dem Ferdinand gewesen, was Octavio mir war--Ich hätt' ihm nie Krieg angekündigt--nie hätt' ich's vermocht. Er war mein strenger Herr nur, nicht mein Freund, Nicht meiner Treu vertraute sich der Kaiser. Krieg war schon zwischen mir und ihm, als er Den Feldherrnstab in meine Hände legte; Denn Krieg ist ewig zwischen List und Argwohn, Nur zwischen Glauben und Vertraun ist Friede. Wer das Vertraun vergiftet, o der mordet Das werdende Geschlecht im Leib der Mutter.
Max. Ich will den Vater nicht verteidigen. Weh mir, daß ich's nicht kann! Unglücklich schwere Taten sind geschehn, Und eine Frevelhandlung faßt die andre In enggeschloßner Kette grausend an. Doch wie gerieten wir, die nichts verschuldet, In diesen Kreis des Unglücks und Verbrechens? Wem brachen wir die Treue? Warum muß Der Väter Doppelschuld und Freveltat Uns gräßlich wie ein Schlangenpaar umwinden? Warum der Väter unversöhnter Haß Auch uns, die Liebenden, zerreißend scheiden? (Er umschlingt Thekla mit heftigem Schmerz.)
Wallenstein. (hat den Blick schweigend auf ihn geheftet und nähert sich jetzt). Max! Bleibe bei mir.--Geh nicht von mir, Max! Sieh, als man dich im pragschen Winterlager Ins Zelt mir brachte, einen zarten Knaben, Des deutschen Winters ungewohnt, die Hand War dir erstarrt an der gewichtigen Fahne, Du wolltst männlich sie nicht lassen, damals nahm ich Dich auf, bedeckte dich mit meinem Mantel, Ich selbst war deine Wärterin, nicht schämt' ich Der kleinen Dienste mich, ich pflegte deiner Mit weiblich sorgender Geschäftigkeit, Bis du, von mir erwärmt, an meinem Herzen, Das junge Leben wieder freudig fühltest. Wann hab ich seitdem meinen Sinn verändert? Ich habe viele Tausend reich gemacht, Mit Ländereien sie beschenkt, belohnt Mit Ehrenstellen--dich hab ich geliebt, Mein Herz, mich selber hab ich dir gegeben. Sie alle waren Fremdlinge, du warst Das Kind des Hauses--Max! du kannst mich nicht verlassen! Es kann nicht sein, ich mag's und will's nicht glauben, Daß mich der Max verlassen kann.
Max. O Gott!
Wallenstein. Ich habe dich gehalten und getragen Von Kindesbeinen an--Was tat dein Vater Für dich, das ich nicht reichlich auch getan? Ein Liebesnetz hab ich um dich gesponnen, Zerreiß es, wenn du kannst--Du bist an mich Geknüpft mit jedem zarten Seelenbande, Mit jeder heil'gen Fessel der Natur, Die Menschen aneinanderketten kannn. Geh hin, verlaß mich, diene deinem Kaiser, Laß dich mit einem goldnen Gnadenkettlein, Mit seinem Widderfell dafür belohnen, Daß dir der Freund, der Vater deiner Jugend, Daß dir das heiligste Gefühl nichts galt.
Max. (in heftigem Kampf) O Gott! Wie kann ich anders? Muß ich nicht? Mein Eid--die Pflicht--
Wallenstein. Pflicht, gegen wen? Wer bist du? Wenn ich am Kaiser unrecht handle, ist's Mein Unrecht, nicht das deinige. Gehörst Du dir? Bist du dein eigener Gebieter, Stehst frei da in der Welt, wie ich, daß du Der Täter deiner Taten könntest sein? Auf mich bist du gepflanzt, ich bin dein Kaiser, Mir angehören, mir gehorchen, das Ist deine Ehre, dein Naturgesetz. Und wenn der Stern, auf dem du lebst und wohnst, Aus seinem Gleise tritt, sich brennend wirft Auf ein nächste Welt und sie entzündet, Dukannst nicht wählen, ob du folgen willst, Fort reißt er dich in seines Schwunges Kraft Samt seinem Ring und allen seinen Monden. Mit leichter Schuld gehst du in diesen Streit, Dich wird die Welt nicht tadeln, sie wird's loben, Daß dir der Freund das meiste hat gegolten.
Neunzehnter Auftritt
Vorige. Neumann.
Wallenstein. Was gibt's?
Neumann. Die Pappenheimischen sind abgesessen Und rücken an zu Fuß; sie sind entschlossen, Den Degen in der Hand das Haus zu stürmen, Den Grafen wollen sie befrein.
Wallenstein. (zu Terzky) Man soll Die Ketten vorziehn, das Geschütz aufpflanzen. Mit Kettenkugeln will ich sie empfangen. (Terzky geht.) Mir vorzuschreiben mit dem Schwert! Geh, Neumann, Sie sollen sich zurückziehn, augenblicks, Ist mein Befehl, und in der Ordnung schweigend warten, Was mir gefallen wird zu tun. (Neumann geht ab. Illo ist ans Fenster getreten.)
Gräfin. Entlaß ihn. Ich bitte dich, entlaß ihn!
Illo. (am Fenster) Tod und Teufel!
Wallenstein. Was ist's?
Illo. Aufs Rathaus steigen sie, das Dach Wird abgedeckt, sie richten die Kanonen Aufs Haus--
Max. Die Rasenden!
Illo. Sie machen Anstalt, Uns zu beschießen-- Herzogin und Gräfin. Gott im Himmel!
Max. (zu Wallenstein). Laß mich Hinunter, sie bedeuten--
Wallenstein. Keinen Schritt!
Max. (auf Thekla und die Herzogin zeigend) Ihr Leben aber! Deins!
Wallenstein. Was bringst du, Terzky?
Zwanzigster Auftritt
Vorige. Terzky kommt zurück.
Terzky. Botschaft von unsern treuen Regimentern. Ihr Mut sei länger nicht zu bändigen, Sie flehen um Erlaubnis, anzugreifen, Vom Prager- und vom Mühl-Tor sind sie Herr, Und wenn du nur die Losung wolltest geben, So könnten sie den Feind im Rücken fassen, Ihn in die Stadt einkeilen, in der Enge Der Straßen leicht ihn überwältigen.
Illo. O komm! Laß ihren Eifer nicht erkalten. Die Buttlerischen halten treu zu uns, Wir sind die größre Zahl und werfen sie Und enden hier in Pilsen die Empörung.
Wallenstein. Soll diese Stadt zum Schlachtgefilde werden Und brüderliche Zwietracht, feueraugig, Durch ihre Straßen losgelassen toben? Dem tauben Grimm, der keinen Führer hört, Soll die Entscheidung übergeben sein? Hier ist nicht Raum zum Schlagen, nur zum Würgen; Die losgebundnen Furien der Wut Ruft keines Herrschers Stimme mehr zurück. Wohl, es mag sein! Ich hab es lang bedacht, So mag sich's rasch und blutig denn entladen. (Zu Max gewendet.) Wie ist's? Willst du den Gang mit mir versuchen? Freiheit zu gehen hast du. Stelle dich Mir gegenüber. Führe sie zum Kampf. Den Krieg verstehst du, hast bei mir etwas Gelernt, ich darf des Gegners mich nicht schämen, Und keinen schönern Tag erlebst du, mir Die Schule zu bezahlen.
Gräfin. Ist es dahin Gekommen? Vetter! Vetter! könnt Ihr's tragen?
Max. Die Regimenter, die mir anvertraut sind, Dem Kaiser treu hinwegzuführen, hab ich Gelobt; dies will ich halten oder sterben. Mehr fordert keine Pflicht von mir. Ich fechte Nicht gegen dich, wenn ich's vermeiden kann, Denn auch dein feindlich Haupt ist mir noch heilig. (Es geschehn zwei Schüsse. Illo und Terzky eilen ans Fenster.)
Wallenstein. Was ist das?
Terzky. Er stürzt. Wallenstein. Stürzt! Wer?
Illo. Die Tiefenbacher taten Den Schuß.
Wallenstein. Auf wen?
Illo. Auf diesen Neumann, den Du schicktest--
Wallenstein. (auffahrend). Tod und Teufel! So will ich-- (Will gehen.)
Terzky. Dich ihrer blinden Wut entgegenstellen? Herzogin und Gräfin. Um Gotteswillen nicht!
Illo. Jetzt nicht, mein Feldherr.
Gräfin. O halt ihn! halt ihn!
Wallenstein. Laßt mich!
Max. Tu es nicht, Jetzt nicht. Die blutig rasche Tat hat sie In Wut gesetzt, erwarte ihre Reue--
Wallenstein. Hinweg! Zu lange schon hab ich gezaudert. Das konnten sie sich freventlich erkühnen, Weil sie mein Angesicht nicht sahn--sie sollen Mein Antlitz sehen, meine Stimme hören-- Sind es nicht meine Truppen? Bin ich nicht Ihr Feldherr und gefürchteter Gebieter? Laß sehn, ob sie das Antlitz nicht mehr kennen, Das ihre Sonne war in dunkler Schlacht. Es braucht der Waffen nicht. Ich zeige mich Vom Altan dem Rebellenherr, und schnell Bezähmt, gebt acht, kehrt der empörte Sinn Ins alte Bette des Gehorsams wieder. (Er geht. Ihm folgen Illo, Terzky und Buttler.)
Einundzwanzigster Auftritt
Gräfin. Herzogin. Max und Thekla.
Gräfin. (zur Herzogin) Wenn sie ihn sehn--Es ist noch Hoffnung, Schwester.
Herzogin. Hoffnung! Ich habe keine.
Max. (der während des letzten Auftritts in einem sichtbaren Kampf von ferne gestanden, tritt näher). Das ertrag ich nicht. Ich kam hierher mit fest entschiedner Seele, Ich glaubte, recht und tadellos zu tun, Und muß hier stehen, wie ein Hassenswerter, Ein roh Unmenschlicher, vom Fluch belastet, Vom Abscheu aller, die mir teuer sind, Unwürdig schwer bedrängt die Lieben sehn, Die ich mit einem Wort beglücken kann-- Das Herz in mir empört sich, es erheben Zwei Stimmen streitend sich in meiner Brust, In mir ist Nacht, ich weiß das Rechte nicht zu wählen. O wohl, wohl hast du wahr geredet, Vater, Zu viel vertraut' ich auf das eigne Herz, Ich stehe wankend, weiß nicht, was ich soll.
Gräfin. Sie wissen's nicht? Ihr Herz sagt's Ihnen nicht? So will ich's Ihnen sagen! Ihr Vater hat den schreienden Verrat An uns begangen, an des Fürsten Haupt Gefrevelt, uns in Schmach gestürzt, daraus Ergibt sich klar, was Sie, sein Sohn, tun sollen: Gutmachen, was der Schändliche verbrochen, Ein Beispiel aufzustellen frommer Treu, Daß nicht der Name Piccolomini Ein Schandlied sei, ein ew'ger Fluch im Haus Der Wallensteiner.
Max. Wo ist eine Stimme Der Wahrheit, der ich folgen darf? Uns alle Bewegt der Wunsch, die Leidenschaft. Daß jetzt Ein Engel mir vom Himmel niederstiege, Das Rechte mir, das unverfälschte, schöpfte Am reinen Lichtquell, mit der reinen Hand! (Indem seine Augen auf Thekla fallen.) Wie? Such ich diesen Engel noch? Erwart ich Noch einen andern? (Er nähert sich ihr, den Arm um sie schlagend.) Hier, auf dieses Herz, Das unfehlbare, heilig reine will Ich's legen, deine Liebe will ich fragen, Die nur den Glücklichen beglücken kann, Vom unglückselig Schuldigen sich wendet. Kannst du mich dann noch lieben, wenn ich bleibe? Erkläre, daß du's kannst, und ich bin euer.
Gräfin. (mit Bedeutung) Bedenkt--
Max. (unterbricht sie) Bedenke nichts. Sag, wie du's fühlst.
Gräfin. An Euren Vater denkt--
Max. (unterbricht sie) Nicht Friedlands Tochter, Ich frage dich, dich, die Geliebte frag ich! Es gilt nicht, eine Krone zu gewinnen, Das möchtst du mit klugem Geist bedenken. Die Ruhe deines Freundes gilt's, das Glück Von einem Tausend tapfrer Heldenherzen, Die seine Tat zum Muster nehmen werden. Soll ich dem Kaiser Eid und Pflicht abschwören? Soll ich ins Lager des Octavio Die vatermörderische Kugel senden? Denn wenn die Kugel los ist aus dem Lauf, Ist sie kein totes Werkzeug mehr, sie lebt, Ein Geist fährt in sie, die Erinnyen Ergreifen sie, des Frevels Rächerinnen, Und führen tückisch sie den ärgsten Weg.
Thekla. O Max--
Max. (unterbricht sie) Nein, übereile dich auch nicht. Ich kenne dich. Dem edeln Herzen könnte Die schwerste Pflicht die nächste scheinen. Nicht Das Große, nur das Menschliche geschehe. Denk, was der Fürst von je an mir getan; Denk auch, wie's ihm mein Vater hat vergolten, O auch die schönen, freien Regungen Der Gastlichkeit, der frommen Freundestreue Sind eine heilige Religion dem Herzen, Schwer rächen sie die Schauder der Natur An dem Barbaren, der sie gräßlich schändet. Leg alles, alles in die Waage, sprich Und laß dein Herz entscheiden.
Thekla. O das deine Hat längst entschieden. Folge deinem ersten Gefühl--
Gräfin. Unglückliche!
Thekla. Wie könnte das Das Rechte sein, was dieses zarte Herz Nicht gleich zuerst ergriffen und gefunden? Geh und erfülle deine Pflicht. Ich würde Dich immer lieben. Was du auch erwählt, Du würdest edel stets und deiner würdig Gehandelt haben--aber Reue soll Nicht deiner Seele schönen Frieden stören.
Max. So muß ich dich verlassen, von dir scheiden!
Thekla. Wie du dir selbst getreu bleibst, bist du's mir. Uns trennt das Schicksal, unsre Herzen bleiben einig. Ein blut'ger Haß entzweit auf ew'ge Tage Die Häuser Friedland, Piccolomini, Doch wir gehören nicht zu unserm Hause. --Fort! Eile! Eile, deine gute Sache Von unsrer unglückseligen zu trennen. Auf unserm Haupte liegt der Fluch des Himmels, Es ist dem Untergang geweiht. Auch mich Wird meines Vaters Schuld mit ins Verderben Hinabziehn. Traure nicht um mich, mein Schicksal Wird bald entschieden sein. (Max faßt sie in die Arme, heftig bewegt. Man hört hinter der Szene ein lautes, wildes, langverhallendes Geschrei: "Vivat Ferdinandus!" von kriegerischen Instrumenten begleitet. Max und Thekla halten einander unbeweglich in den Armen.)
Zweiundzwanzigster Auftritt
Vorige. Terzky.
Gräfin. (ihm entgegen) Was war das? Was bedeutete das Rufen?
Terzky. Es ist vorbei, und alles ist verloren.
Gräfin. Wie, und sie gaben nichts auf seinen Anblick?
Terzky. Nichts. Alles war umsonst.
Herzogin. Sie riefen Vivat.
Terzky. Dem Kaiser.
Gräfin. O die Pflichtvergessenen!
Terzky. Man ließ ihn nicht einmal zum Worte kommen. Als er zu reden anfing, fielen sie Mit kriegerischem Spiel betäubend ein. --Hier kommt er.
Dreiundzwanzigster Auftritt
Vorige. Wallenstein, begleitet von Illo und Buttler. Darauf Kürassiere.
Wallenstein. (im Kommen). Terzky!
Terzky. Mein Fürst?
Wallenstein. Laß unsre Regimenter Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen, Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend. (Terzky geht ab.) Buttler--
Buttler. Mein General?--
Wallenstein. Der Kommendant zu Eger Ist Euer Freund und Landsmann. Schreibt ihm gleich Durch einen Eilenden, er soll bereit sein, Uns morgen in die Festung einzunehmen-- Ihr folgt uns selbst mit Euerm Regiment.
Buttler. Es soll geschehn, mein Feldherr.
Wallenstein. (tritt zwischen Max und Thekla, welche sich während dieser Zeit fest umschlungen gehalten) Scheidet!
Max. Gott! (Kürassiere mit gezogenem Gewehr treten in den Saal und sammeln sich im Hintergrunde. Zugleich hört man unten einige mutige Passagen aus dem Pappenheimer Marsch, welche dem Max zu rufen scheinen.)
Wallenstein. (zu den Kürassieren). Hier ist er. Er ist frei. Ich halt ihn nicht mehr. (Er steht abgewendet und so, daß Max ihm nicht beikommen, noch sich dem Fräulein nähern kann.)
Max. Du hassest mich, treibst mich im Zorn von dir. Zerreißen soll das Band der alten Liebe, Nicht sanft sich lösen, und du willst den Riß, Den schmerzlichen, mir schmerzlicher noch machen! Du weißt, ich habe ohne dich zu leben Noch nicht gelernt--in eine Wüste geh ich Hinaus, und alles, was mir wert ist, alles Bleibt hier zurück--O wende deine Augen Nicht von mir weg! Noch einmal zeige mir Dein ewig teures und verehrtes Antlitz. Verstoß mich nicht-- (Er will seine Hand fassen. Wallenstein zieht sie zurück. Er wendet sich an die Gräfin.)
Ist hier kein andres Auge, Das Mitleid für mich hätte--Base Terzky-- (Sie wendet sich von ihm; er kehrt sich zur Herzogin.) Ehrwürd'ge Mutter--
Herzogin. Gehn Sie, Graf, wohin Die Pflicht Sie ruft--So können Sie uns einst Ein treuer Freund, ein guter Engel werden Am Thron des Kaisers.
Max. Hoffnung geben Sie mir, Sie wollen mich nicht ganz verzweifeln lassen. O täuschen Sie mich nicht mit leerem Blendwerk, Mein Unglück ist gewiß, und Dank dem Himmel! Der mir ein Mittel eingibt, es zu enden. (Die Kriegsmusik beginnt wieder. Der Saal füllt sich mehr und mehr mit Bewaffneten an. Er sieht Buttlern dastehn.) Ihr auch hier, Oberst Buttler--Und Ihr wollt mir Nicht folgen?--Wohl! Bleibt Eurem neuen Herrn Getreuer als dem alten. Kommt! Versprecht mir, Die Hand gebt mir darauf, daß Ihr sein Leben Beschützen, unverletzlich wollt bewahren. (Buttler verweigert seine Hand.) Des Kaisers Acht hängt über ihm und gibt Sein fürstlich Haupt jedwedem Mordknecht preis, Der sich den Lohn der Bluttat will verdienen; Jetzt tät' ihm eines Freundes fromme Sorge, Der Liebe treues Auge not--und die Ich scheidend um ihn seh-- (Zweideutige Blicke auf Illo und Buttler richtend.)
Illo. Sucht die Verräter In Eures Vaters, in des Gallas Lager. Hier ist nur einer noch. Geht und befreit uns Von seinem hassenswürd'gen Anblick. Geht. (Max versucht es noch einmal, sich der Thekla zu nähern. Wallenstein verhindert es. Er steht unschlüssig, schmerzvoll; indes füllt sich der Saal immer mehr und mehr, und die Hörner ertönen unten immer auffordernder und in immer kürzeren Pausen.)
Max. Blast! Blast!--O wären es die schwed'schen Hörner, Und ging's von hier gerad ins Feld des Todes, Und alle Schwerter, alle, die ich hier Entblößt muß sehn, durchdrängen meinen Busen! Was wollt ihr? Kommt ihr, mich von hier Hinwegzureißen--o treibt mich nicht zu Verzweiflung! Tut's nicht! Ihr könntet es bereun! (Der Saal ist ganz mit Bewaffneten erfüllt.) Noch mehr--Es hängt Gewicht sich an Gewicht, Und ihre Masse zieht mich schwer hinab.-- Bedenket, was ihr tut. Es ist nicht wohlgetan, Zum Führer den Verzweifelnden zu wählen. Ihr reißt mich weg von meinem Glück, wohlan, Der Rachegöttin weih ich eure Seelen! Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben, Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben! (Indem er sich nach dem Hintergrund wendet, entsteht eine rasche Bewegung unter den Kürassieren, sie umgeben und begleiten ihn in wildem Tumult. Wallenstein bleibt unbeweglich. Thekla sinkt in ihrer Mutter Arme. Der Vorhang fällt.)
Vierter Aufzug
In des Bürgermeisters Hause zu Eger.
Erster Auftritt
Buttler. (der eben anlangt) Er ist herein. Ihn führte sein Verhängnis, Der Rechen ist gefallen hinter ihm, Und wie die Brücke, die ihn trug, beweglich Sich niederließ und schwebend wieder hob, Ist jeder Rettungsweg ihm abgeschnitten. Bis hieher, Friedland, und nicht weiter! sagt Die Schicksalsgöttin. Aus der böhmischen Erde Erhub sich dein bewunder Meteor, Weit durch den Himmel einen Glanzweg ziehend, Und hier an Böhmens Grenze muß es sinken! --Du hast die alten Fahnen abgeschworen, Verblendeter, und traust dem alten Glück! Den Krieg zu tragen in des Kaisers Länder, Den heil'gen Herd der Laren umzustürzen, Bewaffnest du die frevelhafte Hand. Nimm dich in acht! dich treibt der böse Geist Der Rache--daß dich Rache nicht verderbe!
Zweiter Auftritt
Buttler und Gordon.
Gordon. Seid Ihr's? O wie verlangt mich, Euch zu hören. Der Herzog ein Verräter! O mein Gott! Und flüchtig! Und sein fürstlich Haupt geächtet! Ich bitt Euch, General, sagt mir ausführlich, Wie alles dies zu Pilsen sich begeben?
Buttler. Ihr habt den Brief erhalten, den ich Euch Durch einen Eilenden vorausgesendet?
Gordon. Und habe treu getan, wie Ihr mich hießt, Die Festung unbedenklich ihm geöffnet, Denn mir befiehlt ein kaiserlicher Brief, Nach Eurer Ordre blindlings mich zu fügen. Jedoch verzeiht! als ich den Fürsten selbst Nun sah, da fing ich wieder an, zu zweifeln. Denn wahrlich! nicht als ein Geächteter Trat Herzog Friedland ein in diese Stadt. Von seiner Stirne leuchtete wie sonst Des Herrschers Majestät, Gehorsam fordernd, Und ruhig, wie in Tagen guter Ordnung, Nahm er des Amtes Rechenschaft mir ab. Leutselig macht das Mißgeschick, die Schuld, Und schmeichelnd zum geringern Manne pflegt Gefallner Stolz herunter sich zu beugen; Doch sparsam und mit Würde wog der Fürst Mir jedes Wort des Beifalls, wie der Herr Den Diener lobt, der sein Pflicht getan.
Buttler. Wie ich Euch schrieb, so ist's genau geschehn. Es hat der Fürst dem Feinde die Armee Verkauft, ihm Prag und Eger öffnen wollen. Verlassen haben ihn auf dies Gerücht Die Regimenter alle bis auf fünfe, Die Terzkyschen, die ihm hieher gefolgt. Die Acht ist ausgesprochen über ihn, Und ihn zu liefern, lebend oder tot, Ist jeder treue Diener aufgefordert.
Gordon. Verräter an dem Kaiser--solch ein Herr! So hochbegabt! O was ist Menschengröße! Ich sagt' es oft: das kann nicht glücklich enden; Zum Fallstrick ward ihm seine Größ' und Macht Und diese dunkelschwankende Gewalt. Denn um sich greift der Mensch, nicht darf man ihn Der eignen Mäßigung vertraun. Ihn hält In Schranken nur das deutliche Gesetz Und der Gebräuche tiefgetretne Spur. Doch unnatürlich war und neuer Art Die Kriegsgewalt in dieses Mannes Händen; Dem Kaiser selbst stellte sie ihn gleich, Der stolze Geist verlernte, sich zu beugen. O schad um solchen Mann! denn keiner möchte Da feste stehen, mein ich, wo er fiel.
Buttler. Spart Eure Klagen, bis er Mitleid braucht, Denn jetzt noch ist der Mächtige zu fürchten. Die Schweden sind im Anmarsch gegen Eger, Und schnell, wenn wir's nicht rasch entschlossen hindern, Wird die Vereinigung geschehn. Das darf nicht sein! Es darf der Fürst nicht freien Fußes mehr Aus diesem Platz, denn Ehr' und Leben hab ich Verpfändet, ihn gefangen hier zu nehmen, Und Euer Beistand ist's, auf den ich rechne.
Gordon. O hätt' ich nimmer diesen Tag gesehn! Aus seiner Hand empfing ich diese Würde, Er selber hat dies Schloß mir anvertraut, Das ich in seinen Kerker soll verwandeln. Wir Subalternen haben keinen Willen; Der freie Mann, der mächtige allein Gehorcht dem schönen menschlichen Gefühl. Wir aber sind nur Schergen des Gesetzes, Des grausamen; Gehorsam heißt die Tugend, Um die der Niedre sich bewerben darf.
Buttler. Laßt Euch das enggebundene Vermögen Nicht leid tun. Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum, Doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.
Gordon. So hat ihn alles denn verlassen, sagt Ihr? Er hat das Glück von Tausenden gegründet, Denn königlich war sein Gemüt, und stets Zum Geben war die volle Hand geöffnet-- (Mit einem Seitenblick auf Buttlern.) Vom Staube hat er manchen aufgelesen, Zu hoher Ehr' und Würden ihn erhöht Und hat sich keinen Freund damit, nicht einen Erkauft, der in der Not ihm Farbe hielt!
Buttler. Hier lebt ihm einer, den er kaum gehofft.