Wallensteins Tod

Part 10

Chapter 10 1,039 words Public domain Markdown

Gordon. (der ihn erblickt). Es war ein Irrtum--Es sind nicht die Schweden-- Die Kaiserlichen sind's, die eingedrungen-- Der Generalleutnant schickt mich her, er wird Gleich selbst hier sein--Ihr sollt nicht weiter gehn--

Buttler. Er kommt zu spät.

Gordon. (stürzt an die Mauer) Gott der Barmherzigkeit!

Gräfin. (ahnungsvoll) Was ist zu spät? Wer wird gleich selbst hier sein? Octavio in Eger eingedrungen? Verräterei! Verräterei! Wo ist Der Herzog? (Eilt dem Gange zu.)

Zehnter Auftritt

Vorige. Seni. Dann Bürgermeister. Page. Kammerfrau. Bediente rennen schreckensvoll über die Szene.

Seni. (der mit allen Zeichen des Schreckens aus der Galerie kommt) O blutige, entsetzensvolle Tat!

Gräfin. Was ist Geschehen, Seni?

Page. (herauskommend) O erbarmungswürd'ger Anblick! (Bediente mit Fackeln.)

Gräfin. Was ist's? Um Gotteswillen!

Seni. Fragt Ihr noch? Drinn' liegt der Fürst ermordet, Euer Mann ist Erstochen auf der Burg. (Gräfin bleibt erstarrt stehen.)

Kammerfrau. (eilt herein). Hilf'! Hilf' der Herzogin!

Bürgermeister. (kommt schreckenvoll) Was für ein Ruf Des Jammers weckt die Schläfer dieses Hauses?

Gordon. Verflucht ist Euer Haus auf ew'ge Tage! In Eurem Hause liegt der Fürst ermordet.

Bürgermeister. Das wolle Gott nicht! (Stürzt hinaus.)

Erster Bedienter. Flieht! Flieht! Sie ermorden Uns alle! Zweiter Bedienter (Silbergeräte tragend) Da hinaus. Die untern Gänge sind besetzt. (Hinter der Szene wird gerufen:) Platz! Platz dem Generalleutnant! (Bei diesen Worten richtet sich die Gräfin aus ihrer Erstarrung auf, faßt sich und geht schnell ab.) (Hinter der Szene:) Besetzt das Tor! Das Volk zurückgehalten!

Elfter Auftritt

Vorige ohne die Gräfin. Octavio Piccolomini tritt herein mit Gefolge. Deveroux und Macdonald kommen zugleich aus dem Hintergrunde mit Hellebardierern. Wallensteins Leichnam wird in einem roten Teppich hinten über die Szene getragen.

Octavio. (rasch eintretend) Es darf nicht sein! Es ist nicht möglich! Buttler! Gordon! Ich will's nicht glauben. Saget nein.

Gordon. (ohne zu antworten, weist mit der Hand nach hinten. Octavio sieht hin und steht von Entsetzen ergriffen).

Deveroux. (zu Buttler). Hier ist das goldne Vlies, des Fürsten Degen!

Macdonald. Befehlt Ihr, daß man die Kanzlei--

Buttler. (auf Octavio zeigend) Hier steht er, Der jetzt allein Befehle hat zu geben. (Deveroux und Macdonald treten ehrerbietig zurück; alles verliert sich still, daß nur allein Buttler, Octavio und Gordon auf der Szene bleiben.)

Octavio. (zu Buttlern gewendet). War das die Meinung, Buttler, als wir schieden? Gott der Gerechtigkeit! Ich hebe meine Hand auf. Ich bin an dieser ungeheuren Tat Nicht schuldig.

Buttler. Eure Hand ist rein. Ihr habt Die meinige dazu gebraucht.

Octavio. Ruchloser! So mußtest du des Herrn Befehl mißbrauchen Und blutig grauenvollen Meuchelmord Auf deines Kaisers heil'gen Namen wälzen?

Buttler. (gelassen) Ich hab des Kaisers Urtel nur vollstreckt.

Octavio. O Fluch der Könige, der ihren Worten Das fürchterliche Leben gibt, dem schnell Vergänglichen Gedanken gleich die Tat, Die fest unwiderrufliche, ankettet! Mußt' es so rasch gehorcht sein? Konntest du Dem Gnädigen nicht Zeit zur Gnade gönnen? Des Menschen Engel ist die Zeit--die rasche Vollstreckung an das Urteil anzuheften, Ziemt nur dem unveränderlichen Gott!

Buttler. Was scheltet Ihr mich? Was ist mein Verbrechen? Ich habe eine gute Tat getan, Ich hab das Reich von einem furchtbarn Feinde Befreit und mache Anspruch auf Belohnung. Der einz'ge Unterschied ist zwischen Eurem Und meinem Tun: Ihr habt den Pfeil geschärft, Ich hab ihn abgedrückt. Ihr sätet Blut Und steht bestürzt, daß Blut ist aufgegangen. Ich wußt immer, was ich tat, und so Erschreckt und überrascht mich kein Erfolg. Habt Ihr sonst einen Auftrag mir zu geben? Denn stehnden Fußes reis ich ab nach Wien, Mein blutend Schwert vor meines Kaisers Thron Zu legen und den Beifall mir zu holen, Den der geschwinde, pünktliche Gehorsam Von dem gerechten Richter fordern darf. (Geht ab.)

Zwölfter Auftritt

Vorige ohne Buttler. Gräfin Terzky tritt auf, bleich und entstellt. Ihre Sprache ist schwach und langsam, ohne Leidenschaft.

Octavio. (ihr entgegen) O Gräfin Terzky, mußt' es dahin kommen? Das sind die Folgen unglücksel'ger Taten.

Gräfin. Es sind die Früchte Ihres Tuns--Der Herzog Ist tot, mein Mann ist tot, die Herzogin Ringt mit dem Tode, meine Nichte ist verschwunden. Dies Haus des Glanzes und der Herrlichkeit Steht nun verödet, und durch alle Pforten Stürzt das erschreckte Hofgesinde fort. Ich bin die Letzte drin, ich schloß es ab Und liefre hier die Schlüssel aus.

Octavio. (mit tiefem Schmerz) O Gräfin, Auch mein Haus ist verödet!

Gräfin. Wer soll noch Umkommen? Wer soll noch mißhandelt werden? Der Fürst ist tot, des Kaisers Rache kann Befriedigt sein. Verschonen Sie die alten Diener! Daß den Getreuen ihre Lieb und Treu Nicht auch zum Frevel angerechnet werde! Das Schicksal überraschte meinen Bruder Zu schnell, er konnte nicht mehr an sie denken.

Octavio Nichts von Mißhandlung! Nichts von Rache, Gräfin! Die schwere Schuld ist schwer gebüßt, der Kaiser Versöhnt, nichts geht vom Vater auf die Tochter Hinüber als sein Ruhm und sein Verdienst. Die Kaiserin ehrt Ihr Unglück, öffnet Ihnen Teilnehmend ihre mütterlichen Arme. Drum keine Furcht mehr! Fassen Sie Vertrauen Und übergeben Sie sich hoffnungsvoll Der kaiserlichen Gnade.

Gräfin. (mit einem Blick zum Himmel) Ich vertraue mich Der Gnade eines größern Herrn--Wo soll Der fürstliche Leichnam seine Ruhstatt finden? In der Kartause, die er selbst gestiftet, Zu Gitschin ruht die Gräfin Wallenstein; An ihrer Seite, die sein erstes Glück Gegründet, wünscht' er, dankbar, einst zu schlummern. O lassen Sie ihn dort begraben sein! Auch für die Reste meines Mannes bitt ich Um gleiche Gunst. Der Kaiser ist Besitzer Von unsern Schlössern, gönne man uns nur Ein Grab noch bei den Gräbern unsrer Ahnen.

Octavio. Sie zittern, Gräfin--Sie verbleichen--Gott! Und welche Deutung geb ich Ihren Reden?

Gräfin. (sammelt ihre letzte Kraft und spricht mit Lebhaftigkeit und Adel) Sie denken würdiger von mir, als daß Sie glaubten, Ich überlebte meines Hauses Fall. Wir fühlten uns nicht zu gering, die Hand Nach einer Königskrone zu erheben-- Es sollte nicht sein--Doch wir denken königlich Und achten einen freien, mut'gen Tod Anständiger als ein entehrtes Leben. --Ich habe Gift--

Octavio. O rettet! helft!

Gräfin. Es ist zu spät. In wenig Augenblicken ist mein Schicksal Erfüllt. (Sie geht ab.)

Gordon. O Haus des Mordes und Entsetzens! (Ein Kurier kommt und bringt einen Brief. Gordon tritt ihm entgegen.) Was gibt's? Das ist das kaiserliche Siegel. (Er hat die Aufschrift gelesen und übergibt den Brief dem Octavio mit einem Blick des Vorwurfs.) Dem Fürsten Piccolomini. (Octavio erschrickt und blickt schmerzvoll zu Himmel.)

(Der Vorhang fällt.)