Wallenstein. 2 (of 2)

Part 8

Chapter 83,395 wordsPublic domain

Richel rückte seinen Stuhl, überreichte herantretend dem Kurfürsten eine Note, auf eine Stelle mit dem Zeigefinger weisend. Ohne hinzusehen, nahm Maximilian das Blatt mit der Linken, mit der Rechten Mund und Kinn zudeckend, immer den Gesandten fixierend, der ruhig wartete. Dann Maximilian sehr bestimmt, keinen Ton lauter: »Der Herr kennt die Verhältnisse im Reich. Der Bericht des Kapuziners Alexander aus Prag soll, wie mir berichtet wurde, ihm vertraut sein. Ich habe wegen dieser uns überwältigenden Zustände den katholischen König ins Vertrauen gezogen, meinem Pariser Gesandten fleißige Korrespondenz mit den königlichen Funktionären befohlen. Die Liga, deren Oberster ich bin, hat kein Interesse, bei treuster kaiserlicher Gesinnung, diese Zustände hinzunehmen oder gar zu befördern. Sie wünscht Abschaffung der drückenden Fronden. Dies ist dem Herrn bekannt.« Der verneigte sich. »Ich will nur angeben,« präzisierte Maximilian, »welche Wege gemeinsamer Art denkbar sind. Es genügt die Erklärung der Liga, in kommenden Angriffskriegen des Kaisers sich neutral beiseite zu stellen, bei der Bewahrung der Neutralität aber im schlimmsten, ernstesten Fall der Hilfe Frankreichs gewiß zu sein.« Hierzu seine Zustimmung zu geben, erklärte der Botschafter wieder gesprächig, hätte er Vollmacht und ausdrückliche Instruktion. Es läge dem katholischen König daran, ihre Friedensziele, die so segensreich für die Menschheit und die katholische Christenheit wären, auf eine möglichst sichere Basis zu stellen. Man werde glücklich sein in Frankreich, am glücklichsten am Hofe des Königs, eine katholische Phalanx mit der deutschen Liga geschaffen zu haben, die der Welt Friedensgedanken aufzwänge und die Rechtgläubigkeit unangreifbar machte. »Ich will,« wiederholte nach einigem Abwarten Maximilian, »dann die Neutralität der Liga bei einem weiteren Angriffskrieg des Kaisers durchsetzen. Die bayrische Absicht ist weiter: Verteidigung gegen die Umsturzbewegungen im Reich, Verteidigung der Reichskonstitution, Verteidigung der heiligen Kirche; die französische Absicht darf dem in keinem Punkt widersprechen.« Als Charnacé das Wort Bündnis hinwarf, hob Maximilian ablehnend beide Hände. Man möge nicht wie ein Holzfäller bei ihm eindringen. Die Not im Reich sei groß; dies vor dem kundigen Gesandten zu verhüllen, hätte er keinen Anlaß. Jedoch sei er deutscher Kurfürst und werde durch keine Vergewaltigung sich von der geschworenen Treue gegen die Römische Majestät abbringen lassen. Bei allen Einzelheiten sei festzuhalten: keine Präjudiz gegen Reich Kaiser und Kurfürstenkolleg. Die Räte sahen auf; Maximilian war erglüht, hatte die Zähne wie in Scham zusammengebissen; Charnacé blätterte gleichmütig in seinen Papieren: Durchlaucht werde freie Hand gegeben, sich der Hilfe des katholischen Königs nach Belieben zu bedienen; bei der Herzlichkeit der Gefühle Louis und Richelieus für das aus tausend Wunden blutende Deutschland sei ein Mißbrauch des Bündnisfalles unmöglich. Friede, Friede die gemeinsame Parole; geboren aus Erwägungen der Menschlichkeit Christlichkeit und Selbsterhaltung.

Weich schlich Maximilian in die Wilhelminische Residenz herüber in das enge Stübchen zu seinem Vater, dem Herzog.

Der Alte, im schwarzen Wollröckchen am Ofen, rieb seinem großen Sohn die Hand. Sie hockten über die Mittagsstunde zusammen. Den Kaiser Ferdinand bewarf Maximilian mit Bitterkeit. Dem Kaiser hat ein Satan diesen Wallenstein geschickt. Und nun floriert das Haus Habsburg und wirft seine Ketten und Schergen aus; es wiehert brünstig vor Glück, und er, der Wittelsbacher, muß es hinnehmen. Schande, Schande: er, ein Deutscher, müsse sich mit dem französischen König verbünden. Er sei gezwungen, mit Zähnen und Klauen und brüllender Offenheit den Stier, den Teufel anzufallen. Das Reich, das Heilige Reich, das er liebe, müsse er zerstören, weil es der Habsburger, der tolle, der Schalk, denn wolle. Nun käme es auf nichts an, als auf Habsburg und Wittelsbach! Die Masken, die lange festgeklammerten, endlich, endlich herunter! Zertrampelt das Römische Reich. Es gibt nicht mehr Kaiser, es gibt nicht mehr Kurfürsten; in den Abgrund alles.

Das graue Männlein ging neben ihm am Ofen hin und her, streichelte dem schmerzvoll Zerrissenen demütig die Hand, dankte innerlich Gott für seinen Sohn. Möge das Heilige Römische Reich sich selbst anschuldigen, schäumte der leichenblasse, die Tischplatte knetende Kurfürst, wenn es breit gewalkt werde, wenn die Sintflut der Ketzerei anwüchse, wenn die Grenzen durchbrochen würden. Es muß geschehen. Der Hüter des Reichs, der Vogt der Heiligen Kirche, der Mehrer des Reichs: Schande, Schande.

Den schieläugigen wartenden Charnacé behandelte er in seiner eigenen Kammer, das Degengehenk zu Boden werfend, sehr heftig. Ein Ende mit dem Gerede von dem mächtigen einigen siegreichen Frankreich. Er sei deutscher Kurfürst, Bayern und die Liga seien stark, er solle nach dem Haag gehen, sich vom Pfälzer darüber ein Lied singen lassen. Was habe Frankreich im Elsaß vor, was wühle es in Straßburg; der Bischof von Straßburg sei Mitglied der Liga; er werde keinen Angriff und Überfall da dulden. Er war erbittert und höhnisch. Man glaube nicht, sich die Not Deutschlands zunutze machen zu können und im Trüben zu fischen. Was habe Frankreich in Holland vor und plane mit den Generalstaaten. Nein, nein, Frankreich und der katholische König mißverständen ihn, den Bayern, gänzlich; er sei nicht der alberne Knecht, der in der Nacht die Tür zum Haus offen läßt, damit die Räuber einfallen können. Man wage es nicht, ihm so zu kommen. Da sei ihm der böhmische Schelm noch lieber.

Charnacé focht sicher. Er fühlte, der Kurfürst wünschte von ihm über Schwierigkeiten geleitet zu werden. Dunkle Punkte wurden im Dunkeln gelassen, helle beleuchtet. Maximilian wurde gegen den Schluß still.

Man kam so weit, über die Zahl der beiderseits aufzustellenden Söldner zu verhandeln. In dem Vertragsdokument war nach Maximilians Willen nichts zu vermerken von der Neutralität Bayerns und der Liga; das sollte brieflich abseits fixiert werden. Schweigend, ohne besondere Huld, wurde Charnacé abgedankt.

Maximilian fuhr in sechsspänniger Karosse auf den Berg Andechs. Der Heiland trug die bunte Wunderkrone der Heiligen Mechthilde. Wallfahrten zogen mit ihm, Prozessionen von Kindern mit farbigen Kreuzen, mit Geißeln, Speeren. Ungeheure, armdicke Kerzen wurden voraufgetragen; an seidenen, grell bemalten Fahnen kleine Glöckchen. Umschlungen von Kranken Gebrestigen der Pfahl mit dem Marienbilde vor der Kirche; sie lagen, von Priestern umgangen, in Krämpfen davor. Mütter hoben ihre Kinder hoch gegen das Bild, tasteten die Schmerzstellen der Kinder ab. Dabei sangen sie. Wie Balken stürzten einige hin, eben den freien Platz erreichend, schnellten übereinander; Kuttenträger beschworen die bösen Geister.

Selig Maximilian: Habsburg, nicht er hat das Römische Reich zerrissen.

Die Macht der Heiligen Kirche zu vermehren, war ihm, ihm und seinem Geschlecht zugedacht von den Himmlischen. Es sollte an ihm nicht fehlen.

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Von der grauen windgefegten Meeresplatte bis auf Postenstellungen zurückgezogen, schob sich das Gros der Armee mit wachsender Stärke in das Zentrum Deutschlands und nach Süden. Es legte einen dichten Schleier über die kaiserlichen Erblande, stieg die Grenzberge hinauf.

Als die Fühlungnahme der Fürsten und Stände begann, die Proteste gegen die Anwesenheit und das grenzenlose Wuchern dieses Armeekolosses in allen Gauen schrillten, glomm im Süden plötzlich ein Funke auf, der sich im Augenblick zur Lohe entwickelte.

Ein Reichslehen jenseits der Alpen, Mantua, war durch den Tod seines Inhabers erledigt, die Nachfrage umstritten. Der Großneffe des Verstorbenen, ein junger Herzog von Nevers, glaubte nicht der Belehnung durch den Kaiser und Entscheidung des Rechtsstreites zu bedürfen. Da nahm der römische Kaiser, Ferdinand der Andere, Mantua und das zugehörige Montferrat in Sequester, und der Oberst eines Infanterieregiments, Graf Johann von Nassau, wurde als sein Sequestrationskommissar nach Mantua geschickt. Der junge Herzog leistete dem kaiserlichen Kommissar nicht Folge, gehetzt von Richelieu, der hinter ihm stand und einen Sprung in die Lombardei tun wollte. Der Römische Kaiser fragte in diesem Augenblick den Generalfeldhauptmann, ob er zu einem Zug nach Oberitalien bereit wäre, zur Exekution gegen Mantua.

Die Armee wurde formiert. Geschwollen fuhr es aus dem Prager Hauptquartier über das Reich, das Klagen dunstete wie eine Wiese in der Morgendämmerung: Man habe Krieg, möge jeder still sein, Kaiser und Reich sei beleidigt. Die alte Armee wuchs wieder; der Herzog brauchte zwei Armeen, eine zum Kampf, eine zu Kontributionen. Regimenter aus Schwaben marschierten südwärts, besetzten die Pässe der Graubündener Alpen, hingen wie eine Wetterwolke über Italien. Über das Meer war man nicht herübergekommen; die Alpen konnten nicht aufhalten. Und wie der junge Nevers noch schwankte, erschien der französische König Ludwig selbst mit einem starken Heer, rückte gegen die Stadt Susa und besetzte sie. Sie überschritten, eine neue Kriegsmacht, die Brücke der Doria; Richelieu, der schmächtige kinnbärtige Mönch, von allen Waffengattungen bejubelt, ließ im grellen Märzsonnenschein am Brückenkopf sein geharnischtes Roß voltigieren, zwei Pistolen trug er am Sattelbug, das lange Schlachtschwert an der Seite, den wallenden blauen Federhut. Pinerolo fiel, die Alpenpässe wurden geöffnet, das Heer stürzte an, zehntausend Mann, gejagt von ihren Marschällen Krequi, Schomberg, La Force.

Losgelassen die Kaiserlichen hinterher, unter dem Grafen Kollalto. »Der Herr Bruder ziehe Menschen an sich,« schrieb der Böhme, »das Reich hat genug, ich vermag nicht zu bewältigen, was zu mir kommt. Je mehr ich aufnehme an kräftigen Männern, um so sicherer wird der Widerstand im Lande hinschmelzen; vor dem Knurren und Keifen alter Weiber und Kanaillen fürchte ich mich nicht.«

Kompagnienweise wurden die Söldner bei den ersten Scharmützeln verschlungen. Aus Wallensteins Quartier flogen der Kriegskommissar Metzger und der Rittmeister Neumann her; ein neues Lied hatte angefangen. Sie drängten gewaltig den schlachtengierigen strategielüsternen Kollalto zu Attacken; hielten verschlagen mit Artillerie und Harnischen zurück. Sie reizten durch verräterische Meldungen den Franzosen zu Angriffen; worauf die deutschen Verluste wuchsen.

Und Ludwig, wie er triumphierte über die albernen vielgerühmten Wallensteiner. Er machte sich anheischig, sie in fünf Monaten mit Stumpf und Stiel in Italien auszurotten. Und so gewiß war er seiner Sache, daß der noch ängstliche junge Herzog von Nevers, der Prätendent, die kaiserliche Fahne in Casale einzog. Die friedländischen Regimenter, deren Verluste furchtbar waren, meuterten nicht; die Landschaft blieb üppig, Ortschaft um Ortschaft wurde ihnen zur schonungslosen Plünderung mit Gütern und Menschen preisgegeben, zur Reizung und Betäubung.

In Prag wiegte sich Wallenstein; Patente für neue Truppenkörper flogen aus seiner Kanzlei; er hieß sie, für einige Monate die Zügel im Reich etwas schlaffer halten, der Kaiser brauche ein Heer, der italienische Krieg verschlinge Massen, man müsse locken, locken. Mit rasendem Pfeifen, Heerpauken durchzogen die Werber die Landschaften, fuhren Wagen voll des besten Geldes, jagten in die Wälder zu den neuen Siedelungen der Vertriebenen; schlugen eine gute Musik, bunte Schärpen, wilde Hüte, Macht über Männer und Weiber. Möchte lieber wer von den Verkommenden arm und Knecht sein. Der Krieg in der italienischen Ebene war ein Schlund, er schluckte und spie in die Gräber.

Bassewi ging den harten Herzog an. Der gab zurück: »Jammere er nicht, Bassewi. Er hat keinen Grund, über diesen Tod zu klagen, wo kein Deutscher einen Finger aufheben würde, wenn sein ganzer Stamm an einem Tage weggerafft würde. Wir kommen von der Stelle. Oder zweifelt er?« Der weißhaarige Jude schüttelte mit weiten starren Augen den Kopf: »Ich werde nicht zweifeln, daß dem Herzog von Friedland irgendein Erfolg ausbleiben wird. Ich werde nicht daran zweifeln. Ich würde glauben, wenn der Herzog von Friedland ein Jude wäre, würde die arme Judenschaft morgen nach Palästina wandern können und das Reich Salomos neu begründen.« Wallenstein lachte kräftig: »Hinbringen könnte ich Euch schon; aber der Großherr in Konstantinopel würde Euch verspeisen. Es wäre kein so schlechter Gedanke eines Christen, Euch hinzubringen.« Der Jude runzelte die Stirn: »Bewahre mich Gott. Ich bin zufrieden, daß Ihr uns wohlgesinnt seid.«

Zwischen seinen grellgeputzten Vogelhäusern und Fischteichen spazierte Friedland mit seiner schönen Frau, im Vergnügen über das milde Winterwetter.

Sein Vetter, der klobige Oberst Graf Max Wallenstein führte neben der Herzogin ein Bologneserhündchen an der Leine. Friedland stand auf dem Kies, seinen Stock vor sich am Boden einstampfend: »Hätt' ich geglaubt, daß die Dinge bei Mantua solchen Verlauf nehmen. Der Mund wird denen im Reich gestopft. Schaff' mir Leute heran, Max; die Deutschen gehören nach Italien. Hast du bemerkt, was der Franzose macht. Er will ein Feind Deutschlands sein. Der! Richelieu, der überfeine, glaubt, uns in der Tasche zu haben. Sein Pater Joseph, der Kapuziner, er und der Tölpel Ludwig haben uns schon. Eine Freude! Er bringt unsere Feinde um, jeden Tag hundert mehr; wie gut sich die Menschen eignen zu unserer Bedienung. Und wir -- wir haben jeden Tag ein Stückchen Sorge weniger.« Gepeinigt pfiff die Herzogin ihrem tanzenden Hündchen; sogar Graf Max sah betroffen an seinem Zobelpelz herunter. Wallenstein prahlte, mit seiner knöchernen Linken heftig gestikulierend: »Wir werden stärker; aber er kriegt den Kaiser nicht herunter. Er kann es anstellen, der besessene Seidenspinner, wie er will, er tut uns einen Dienst. Die Franzosen, Max -- die haben mir gefehlt.« Er zotete vor der erblassenden Herzogin von der vortrefflichen Franzosenkrankheit, die sein Heer befallen hätte. Sprudelnd zog er die Arme der zu Boden blickenden Frau an sich.

In dem kleinen astronomischen Kabinett, in einem Flügel seines Palastes, mußte bei Fackelschein der paduanische Astronom Argoli, mit seinem sanftmütigen schmeichelnden Schüler, dem Johann Baptist Zenno, die Aussichten des Feldzugs berechnen. Pläne auf Pläne legte er ihm vor, sie hatten die glückbringenden Tage anzugeben. Die unermeßliche Nacht blickte zu ihnen herein. Erregt, vor sich murmelnd, ging Friedland unter der Bronzetafel, in die sein eigenes Horoskop eingegraben war: »Tiefsinnige, melancholische Gedanken macht Saturn, die menschlichen Gebote werden verachtet. Jupiter folgt. Der Mond steht im Zeichen der Verworfenheit.« Friedland stellte sich unter Knurren und Lachstößen neben Argolis Fernrohr: »Ich bin ein frommer Christ, Argoli. Du weißt, was ich gestiftet habe. Man wird mich nicht für teuflisch halten, weil du mir die Geheimnisse Gottes deuten sollst.«

Die unaufhaltsam über die Lombardei niederströmende Menge breitete sich aus. Von der Schweizer Grenze blühend Gebiet neben Gebiet, das Herzogtum Savoyen, Piemont, das spanische Mailand, die große Republik Venedig von Bergamo bis Belluno, Gradiska. Was geneigt war, sich aufzubäumen, bäumte sich auf. Im Süden der Staat des gewaltigen von Civitavechio bis zum Kastelfranko herrschenden Papstes Urban.

Er hatte mit Ruhe den deutschen Krieg toben sehen; jetzt brüllte er über das Vordringen der Männer aus dem fluchwürdigen Lande, das die Ketzerei geboren und großgezogen hatte. Der brutale spanische Botschafter Gasparo Borgia fuhr stolzgebläht zur Audienz beim Heiligen Vater, der ihn nicht zuließ; aber feierlich holte der Kardinalstaatssekretär Franzesko Barberini, der Nepot, die bayrische Kreatur Krivelli aus seinem Quartier ab zum Papst.

Der Papst schnob gegen ihn: das Haus Österreich ist der Kirche abtrünnig geworden, daß es keinen Fürsten mehr achte; maßlos übermütig, mischt es sich in die Verhältnisse Italiens ein, mit gräßlichen Massen des Abschaums aller Nationen bewirft es den blühenden Boden der Lombardei; die Züchtigung Gottes wird nicht ausbleiben; von solchem Treiben des Hochmuts wendet sich der Gerechte ab.

Mit donnernder Stimme warnte er vor Eingriffen in seinen Machtbereich; der Papst sei vom Heiligen Geist selbst auf den Stuhl gehoben, er habe die Pflicht, die Gerechtsame Gottes wahrzunehmen. Die Verbrecher würden es so lange treiben, bis das Breve der Verdammung an den Kirchentüren angeschlagen werde und er alle Kreatur gegen sie aufrufe.

Der Gesandte des Wiener Hofes wagte sich zum Protest in den Vatikan. Der achte Urban, auf seinem Stuhl sitzend, ein ungeschlachter graubärtiger bäurischer Mann in weißseidener Soutane, einen roten breitkrämpigen Filzhut auf dem glühenden Kopf, übergoß ihn mit ätzenden Worten: »Die höchste Richtergewalt liegt beim Kaiser. Wie aber kann ich richten, kommt nicht mein Amt und Richterspruch von Gott? Wie kann ich mich vergreifen, wie darf ich es an Gottes Geschöpfen? Denn diese Menschen sind vielleicht kaiserliche Untertanen oder kaiserliche Unterworfene, aber sie sind auch Gottes Geschöpfe. Und wir wissen doch, daß wir im letzten Augenblick gleich sind vor dem himmlischen Herrn, gleich die Richter und Gerichteten. Sie werden beide nicht leicht zu schleppen haben. Fürchten sich die Herren dieser Welt, daß sie sich nicht gar zu viel aufbürden! Der Triumph des Rechtes wird nicht ausbleiben.«

An das umstehende Kolleg wandte er sich, sich schüttelnd vor Abscheu, den Gesandten keines Blickes mehr würdigend: »Es gibt Menschen, die ihre Machtgelüste auf das schamloseste, auf das tiefste beleidigend maskieren. Sie wagen es mit dem Schein der Frömmigkeit sich zu schmücken. Es ist schwer zu verstehen, wodurch sich diese Menschen, wenn sie richten, von Mördern unterscheiden und von Dieben, von Räubern. Die lombardische Erde wird davon zeugen. Ich will nicht mehr davon sprechen, es ist uns ein grausiges Geschick, daß dies in die Zeit unseres Wirkens hineinschlägt.«

Wie er sich wand, seine Flüche auswürgte, die Befestigungen an seiner nördlichen Grenze beschleunigte, Söldner anwarb, klangen die herrischen Wünsche aus dem Reich herüber: der Kaiser Ferdinand der Andere, der geliebte Sohn der Kirche, begehre sich krönen zu lassen vom Heiligen Vater; Urban möge ihm entgegenziehen bis Bologna oder Ferrara. Auch sollten die Lehensrechte des Kaisers über Montefeltro und Urbino untersucht werden. Das Schrecklichste an Drohung, was man im Vatikan vorausgesehen hatte, kam aus dem Hauptquartier des übermächtigen Böhmen: man möge sich nicht sperren in Italien; Rom sei vor hundert Jahren schon einmal geplündert worden, inzwischen wäre es noch viel reicher geworden.

Und während alles an der Nord- und Ostgrenze des Reiches ruhig blieb, die Armada bändigend mit eisernen Netzen über Deutschland lag, Italien aufschäumte, wurde im Triumph in die Wiener Hofburg der uralte Karmeliterpater Dominikus a Santa Klara eingeholt, der in der Entscheidungsschlacht am Weißen Berge den Siegeswillen der Ligisten hochgehalten hatte. Er wollte daran erinnern, daß alle Macht und Übermacht des Kaisers nur errungen sei durch die Kirche, die Fürsprache ihrer Gebete. Der Kaiser sollte ehrerbietig sein und ablassen von dem Mordversuch auf die heilige Mutter. Nach wenigen Tagen erkrankte der schwache Mönch, von der langen Reise angegriffen, starb unter Ferdinands Augen. Abends fand das Leichenbegängnis von der Hofburg nach dem Karmeliterkloster statt unter den Klängen aller Glocken; Ferdinand und seine Familie warteten in der Karmeliterkapelle.

An diesem Abend suchte durch den langen unterirdischen Gang der Kaiser seit langem wieder den Fürsten Eggenberg in seinem Hause auf. Er erklärte, es sei bei der überwältigenden Wendung der Dinge, bei dieser sichtbaren Erhebung des Hauses Habsburg durch Gott und die allerseligste Jungfrau notwendig, an die Sicherung des Erreichten zu denken. Er sei ein Mensch, hinfällig. Er wolle seinen Sohn neben sich sehen. Eggenberg möge die Nachfolgerfrage, die Wahl zum römischen König, in Angriff nehmen.

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Es gab in den europäischen Ländern unzählige Orden von Männern und Frauen, die das Wunder des Jesus von Nazareth vereinte. Die erneuerten alten Orden der Dominikaner, Franziskaner, Benediktiner, die Kapuziner, Theatiner, die Kampforganisation der Jesukompagnie. Die Feuillantinen, Frauen, die maßlosen Bußübungen oblagen, so daß sie zu Massen hinstarben und der Papst einschreiten mußte, Nonnen und Mönche, die Tag- und Nachtwache sich auferlegten, Stillschweigen, unaufhörliches Anbeten des Mysteriums der Eucharistie. Die Nonnen von der Schädelstätte, die die Regel des Benediktus beobachteten: durch unausgesetztes Beten am Fuße des Kreuzes Buße zu tun für die Beleidigungen, die dem Heiland angetan waren, sie auszulöschen, wenn sie je auszulöschen waren. Der Orden von der Heimsuchung des Franz von Sales und Chantal, der vor Entzückungen warnte; man müsse durch Arbeit beten. Die Ursulinerinnen, die Männerkongregation von Sankt Maur. Über allen schwebte ein Hall des Schreis, der am Tiber von den fürstlichen Anhängern des Barberini und dem römischen Pöbel ausgestoßen wurde beim Gerücht, daß der deutsche Kaiser sich nach Rom durchkämpfen wolle, um sich vom Papst salben zu lassen, und daß ein neuer Ferdinand römischer König werden sollte: »Ghibellinen! Ghibellinen!« An den Moles Hadriani, den neronischen Wiesen, an der neuen Mauer Urbans am Kapitol, Lateran, an den Thermen des Diokletian und des Karakalla, von der Skala santa, am Palazzo Caffarelli, Massini, Farnese. Wühlen in allen Gliedern der Kirche: man wolle dem Papst zu Leibe, es ginge wider den Vatikan. Wutausbrüche des gestachelten Urban, umgedeutet in ängstliche Klagen um den Bestand der Kirche.

Ein Fanal war der vom Papst genehmigte Raub der Asche der großen Gräfin Mathilde aus Mantua, die eine Freundin Gregors im Kampf gegen den sächsischen Kaiser Heinrich war: man werde sich wehren, sich nicht totquetschen lassen.

Und aus tausend Rinnsalen quoll nach Deutschland der Haß. Wallenstein schickte Truppen durch Graubünden, schwere Belagerungsartillerie ließ er mit Mauleseln herüberschleppen. Eines Tages riefen in Rom Mönche und Laien aus, was in Prag und Wien allen bekannt war. Daß der Herzog von Friedland sich selbst an die Spitze der italienischen Armee zur Aufrechterhaltung der Kaiserlichen Hoheit in Italien stellen werde. Sie kreischten frenetisch in Rom: »Die Barbaren kommen! Die Goten!« Man stellte sich dem tollwütigen verfinsterten Papst für Schanzwerk Geschützguß Kugelguß zur Verfügung. Er reiste mit dem Kardinalstaatssekretär und dem venetianischen Botschafter an die nördliche Grenze seines Gebiets. Hundert römische Edle, gewappnet in leichten Eisenpanzern, die Pferde unter klirrenden Plättchenpanzern, ritten seiner Karosse vorauf; eine starke Rotte schweizer Gardisten, blaue Wämser, Piken, Birnenhelm mit aufgebogener Krempe aus blauem Eisen, prächtige Offiziere in rotem Samt umringten ihn. Außerhalb Roms sprengte der Papst, auf seinem schwarzen riesigen Gaul ragend unter einer goldgestachelten Stahlkappe, in einem schwarzen Panzerhemd mit Samtkragen und Ringpanzerbeinkleid, Bronzeplatten vor dem gewölbten Leib, vor den Knien Platten mit Stacheln, seine Stimme tobte, er drängte vorwärts. Französische Offiziere trafen aus Grenoble ein.

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