Wallenstein. 2 (of 2)

Part 7

Chapter 73,349 wordsPublic domain

In das Staunen Murren der Leute kamen andere Töne. Langsam übernahmen die Fiedler Schnurrer Bänkelsänger die ruhmredigen Lieder der Söldner. Sangen von der gebissenen halbaufgefressenen Ratte, dem Dänen, von Wallenstein, den der Kaiser schickte, der im Sieg zum Herzog aufstieg. Die Bürger gingen wie Mäuse an den Speck. Es gab geheime Dinge zu sprechen, gegen, die löbliche Ehrbarkeit Richter und Ratsmannen Geschlechter zu konspirieren, Korporäle Kornetts in den Trinkstuben zu empfangen. Es war eine dunkelgärende Rebellion, die wie eine Wolke über die Bezirke flog. Was bei Helmschmieden Pfeilschnitzern Plattnern Schwertfegern Ringlern Nadlern gepflogen wurde, blieb kein Geheimnis den Haffnern Mehlmessern Wildpretlern Wollschlägern Lebküchlern den Fellfärbern Mäntlern Joppern, in Reichsstädten, Bischofssitzen, Grafenresidenzen. Eben war es nur eine Belebung ihrer zünftlerischen Zusammenkünfte, bald eine unsicher tastende Bewegung, deren Stichwort noch nicht gesagt war.

Die stummen apathischen Massen der Edlen, die Patrizier, Gelehrten, katholische, protestantische. Sie bewegten sich. Was vorging, floß in sie wie ein elektrischer Schlag, der sie erzittern ließ. Der alte Barbarossatraum von dem freien großen deutschen Reiche lebte hier. Leidenschaftlich wollten einige wissen: Die Zeit sei erfüllt. Die Fiedler sangen so lieblich. Die Dinge aber enthüllten sich. Wallenstein zeigte sein grausiges Gesicht: »Ein einiges deutsches Reich, eine einige Knechtung.« Söldner breitbeinig durch die Gassen, über die Märkte, Trommeln und Pauken hinterher. Die Sprache des neuen Herrschers Armut Entrechtung Versklavung. In Tierställe verwandelten sie das Heilige Reich. Aus ohnmächtiger Pein stiegen Bittschriften an den Kaiser. Die bezwungenen Landesherren schickten ihre Vertrauensmänner unkenntlich auf die Dörfer und Flecken, in die besetzten Städte, die Stimmung zu erforschen, Mut zu machen, aufzureizen. Da fanden sie wenig Liebe. Auf dem Lande wirtschafteten die Bauern, die Nachkommen jener stolzen, die vor hundert Jahren zu tausenden eingekesselt und niedergemetzelt waren von den Vorfahren der Edlen, die sie jetzt angingen. Sie fanden Grimm und Furcht nach beiden Seiten gegen Kaiserliche und Fürsten. Mißtrauisch, leidend sahen die Bauern auf die Musketiere und Reiter, mißtrauisch auf die flötenden bettelnden Abgesandten ihrer Herrschaften.

Nur ein Volk kicherte beim Anblick der finsteren Leiden Deutschlands: die Böhmen. Sie sahen die Rache sich vorbereiten, hörten das Knacken in dem Bogen des Kaisers, die Stücke der zerbrechenden Waffe würden ihm in Brust und Kopf eindringen. Sie jubelten, der Sieg konnte allein ihnen nicht entgehen. Wie ein Symbol über der Verderbnis des Herzog von Friedland, die Pest, in ihrem Lande geboren.

Zdenko von Lobkowitz war tot; seine Stelle als Oberstkanzler von Böhmen hatte ein leiser Mann eingenommen, Graf Wilhelm von Slavata. Man kannte seine Feindschaft zum Herzog; er hatte leidend das Amt angenommen, das man ihm anbot als einem Verwandten und Feind des großen Herzogs. Slavata stopfte sich gequält die Ohren, als man ihm erzählte von den Karlsbader unerhört glanzvollen Reisen des Herzogs; »was haben ihm die Juden dazu gezahlt, wieviel hat er erpreßt, was hat er gewuchert.« Wallenstein zwang ihn zur Feindseligkeit immer wieder aus seiner menschenfremden Ruhe heraus. Er war sehr fein, mit Trautmannsdorf tauschte er skeptisch überlegene Worte aus, aber vermochte nicht wie der bucklige Graf dem schreckensvollen Experiment Wallenstein mit Neugier zuzuschauen und dem Herzog aus Interesse zuzustimmen. Die Maske zog er nicht vom Gesicht. Verschwiegen studierte er den Herzog, in dessen neuem Palast auf dem Hradschin er bisweilen erschien.

Eines Tages empfing der bayrische Geheimrat Richel den Besuch eines Kapuziners, der sich als Böhme legitimierte und einen schriftlichen Geheimauftrag vorwies: wonach er die Kurfürstliche Durchlaucht in einer Angelegenheit von höchster Wichtigkeit um die Entsendung eines Agenten nach Prag ersuchen sollte. Der achselzuckende Kapuziner wollte weder den Schreiber des Briefes nennen noch die Angelegenheit umschreiben; seine Legitimation stammte von dem sehr namhaften Abt des Klosters. Ein bayrischer Geheimagent, Alexander von Hales, Italiener, selbst Kapuziner, reiste mit dem Ordensbruder nach Prag ab. Ihm wurde von dem Abt der Eid abgenommen, daß er die Person, der er vorgestellt werde, nicht nach ihrem Namen fragen werde, wenn sie sich selbst nicht nenne, daß er ferner nicht niederschreiben werde, was er erfahre, jedenfalls nicht vor seiner Ankunft in München.

Dann saß der Italiener in der gewölbten Zelle des Abtes an der Ofenbank gegenüber einem ehrerbietig begrüßten, rot maskierten Herrn, der Ringe und Armbänder trug, sich, während er sprach und nachdachte, auf dem übergeschlagenen Knie aufstützte. Slavata sprach italienisch. Der Abgesandte möchte nach München von der Natur, dem Vorgehen, den Plänen des jetzt florierenden Friedländers einige Informationen bringen. Als der Agent erklärt hatte, er werde erst dann unterbrechen, wenn er glaube, sein Gedächtnis werde versagen, setzte Slavata hinter der Maske seine Worte hin, als wenn er mit sich spräche, langsam, sich wiederholend, einschränkend.

Er verglich den Charakter Wallensteins, mit dessen Zeichen er sich viel beschäftigte, mit dem Attillas, Theoderichs, Berangers, Desiderius, welche von Haus aus Herzöge waren, durch Verleihung auch Königreiche erwarben und Kaiserreiche erstrebten. Er ist von einer ungemeinen Arglist und Verschlagenheit, nur Gott durchdringt seine Gedanken, er verbirgt hinter seiner Barschheit weitausschauende Pläne. Schon sein böhmisches Einkommen ist höher als das der Majestät. Er ist von Natur zur absoluten Alleinherrschaft geneigt; nur den Bayernfürsten haßt er, denn dieser erscheint ihm als der einzige, der ihn in seinen Plänen hindern kann. Er beabsichtigt, die katholische Liga zugrunde zu richten, um alsdann als einziger Bewaffneter im Reich dazustehen. Das Spiel ist ihm schon zu zwei Dritteln geglückt. Sein Verfahren ist einfach: Bestechung des kaiserlichen Beichtvaters und der Geheimen Räte, Verlegung der Truppen in die kaiserlichen Erbländer, um dem Hause Österreich, das im Kriege völlig verarmt, einen Zügel anzulegen. Er kennt keine Achtung; vor dem spanischen Botschafter hat er den katholischen König einen Tropf genannt, ebenso den König von Polen; man darf nicht wiederholen, was er am Papst gefunden hat; es seien in Rom auch fünfundzwanzig Kardinäle, die man nach seinem Wunsche auf die Galeeren schmieden sollte.

Nach diesen Mitteilungen saß die rote Maske schweigend, drehte sich um, ob noch jemand im Raume sei, ging mit einer Verbeugung hinaus, dem Kapuziner winkend, dazubleiben.

Einen Monat später sprach die hohe Persönlichkeit den Kapuziner im selben Zimmer zum zweiten Male; der Agent durfte an sie einige Fragen stellen; zwei Entwürfe zog der Redner aus dem hohen weißen Stiefelschafte: einen Diskurs über Friedlands Absicht mit dem kaiserlichen Heere, eine Untersuchung über die Möglichkeiten, dem geplanten Umsturz im Reich entgegenzutreten. Nach diesen Entwürfen, über die die Persönlichkeit weichstimmig berichtete, plante der Herzog sich in Niederdeutschland festzusetzen; er hatte vor, im Reich die aristokratische Verfassung zu verändern zugunsten einer absoluten Monarchie. Er wollte zeigen, welche große Kraft Deutschland innewohne, wenn es ein einziges Haupt habe. Der Umwandlung Deutschlands konnte man nach der Untersuchung nur entgegenwirken, durch ein mächtiges ligistisches Heer, das unter Führung eines Gewalt nicht scheuenden Fürsten steht. Wallenstein rechnet mit der friedlichen Gesinnung des Bayernfürsten und Tillys, offener: er spekuliert auf ihre Ahnungslosigkeit.

Gefragt, wie der Kaiser sich verhalte, antwortete die Persönlichkeit: Ferdinand lasse nichts an sich herankommen, und was herankomme, schüttele er ab, um nicht aus seiner Ruhe geschreckt zu werden; es sei vom Kaiser nichts zu erwarten, er werde in seiner Unschlüssigkeit verharren.

Als Alexander von Hales Prag verlassen wollte, wurde er vom spanischen Botschafter am kaiserlichen Hof, der zufällig den Herzog aufgesucht hatte, angehalten. Der sehr stolze Mann wollte Empfehlungen und Briefe an seine Bekannten in München mitgeben; zwischendurch gab er eitelkeitsstrotzend von sich: die Dinge im Heiligen Reich nähmen ein rasendes Tempo an; es freue ihn, daß man sich der alten Beziehung mit Spanien besinne, Friedland verstünde die Zeit; er hätte davon gesprochen, wie ihm Graf Slavata vertraulich unterbreitete, bei einem Widerstand gegen seine Pläne und bei einem vorkommenden Thronwechsel zuerst an Spanien zu denken; man werde wieder in die alte gesegnete Verbindung kommen.

* * * * *

Drei Stunden Ritt bei München, in Schleißheim, hauste der Bayer in seiner Sommerresidenz auf der Schwaig; die kleine Mosach rieselte durch einen Hof, trieb ein Mühlrad, durch einen andern Hof das geschwätzige Wässerchen der Wurn. Breite, geblökerfüllte Stallungen, Wiesen an sanften Abhängen, Ährenfelder, Müller, Viehmeister, Schweizer, Allgäuer.

Sankt Urbanstag; im grauen Regenwetter schlugen im Dorf die Kinder ein Holzbildchen des Papstes. Im inneren Hof der Schwaig klopfte der Maienregen auf das Bretterdach einer kleinen Spielhalle; drin drängten sich auf ihren Sesseln hinter dem frierenden Kurfürsten -- blauer Samtmantel bis auf die gelben Handschuhe, blauer aufgeschlagener Samthut mit Perlenschnur, altes gefälteltes schlaffes Gesicht -- der übergroße glotzäugige schwere Fürst zu Hohenzollern, Obersthofmeister und Geheimer Rat, der gestrenge und hochgelehrte Herr Bartholomäus Richel, der greise spitzbärtige Oberstkämmerer Kurz von Senftenau, Knecht der Jesuiten, Kämmerer Maximilians, der Marchese Pallavicino, der Signor Cavalchino, der elastische hohe Graf Maximilian Fugger, Johann Verduckh, sein Guarderobba, die Geheimsekretäre Rampeckh und Schlegel, Kriegskommissare, Bildhauer. Sie saßen stumm vor der niedrigen schmalen engen Holzbühne, auf deren teppichbelegten Brettern sich zwei Menschen, nackt bis zum Gürtel, boxten, im trüben Nachmittagslicht hin und her sprangen. Leibwache mit Kopfhaube Hellebarde Schwert breitbeinig in Doppelreihe an beiden Längsseiten der Halle.

Der eine der Ringer, schwarzhaarig, breit, den Unterkiefer vorstreckend, ging im Hintergrund der Bühne wild, mit ängstlich verzerrtem Lächeln einher, zog meckernd hinter dem unbeweglichen braunen nach vorn, spazierte an der Rampe entlang, nach rückwärts schielend, nach vorwärts schielend, gegen den Saal sich unter Öffnen der Arme verbeugend. Er wartete vorn im Winkel, die Arme höhnisch übereinanderschlagend, den braunen unbeweglichen imitierend. Grinste keck, schlenderte drei Schritt gegen den anderen. Mit seinem rechten Knie berührte er das vorgebogene Knie des andern, schob, drückte gegen das Knie. Er stieß, der andere stieß. Sie holten ihr freies Bein heran. Der Braune schlank, kopfhöher als der Schwarzhaarige, aus einem Traum geweckt, drängte plötzlich heftig mit dem spitz vorgekeilten Knie, rot überflammt, daß sie aneinander vorbeirutschten, auseinander taumelten, der Kleine mit den Händen den Boden berührte. Wie er sich aufrichtete, umdrehte, funkte ein höllischer Schlag ihm in die Schläfe, daß er, wie verwundert, sich hinsetzte, den Kopf senkte. Er wollte wieder höhnisch, vertraulich dem Saal zulächelnd, hochklettern, als der Braune eine Fußsohle ihm auf die nackte Schulter legte von hinten und ihn leicht wippte. Mit verändertem Gesicht riß er seinen Rumpf beiseite, stand atemlos blaß auf den Füßen, stieß einen Arm krümmend hervor: »Mach' nur Herrchen, immer mach' nur. Ich zahl' wieder.« Der Braune hob reizend wieder den Fuß. »Komm nur heraus. Ich zahl' jeden Schlag. An dich.« Stammelnd näherte er sich dem Braunen, sabbernd, mit weiten Augen; der legte ihm, ehe er, wie geplant, in sein Bein hatte beißen können, zwei schwere Hiebe über die Schultern, daß der Schwarze umknickte, wie mit Säcken über den Achseln nach rechts schlich, nach links schlich, sich gegen die Rampe wandte, sich duckte, um die Beine vom Podium herunterzulassen. Vier Leibwächter liefen klirrend an mit gefällten Hellebarden; der Kleine brach in lautes Lachen aus, stellte sich schwankend vorn hin: »Ich fordere dich heraus, Herrchen. Glaubst mich zu besiegen, mit deinen plumpen Schlägen. Da steh' ich. Schlag. Ich wehr' mich nicht. Ich krieg' dich schon.« Der Braune mit dicken, knöchernen Fäusten gegen ihn. »Ich krieg' dich. Du bezahlst mir jeden Hieb, entgehst mir nicht.« Sie wechselten mit leichten Berührungen Stöße. Über den Schwarzen war plötzlich ein farbenstreuendes Summen, Dröhnen gefallen; halb besinnungslos lehnte er an der Seitenwand, murmelte: »Überleg' dir, was du tust. Du richtest dich zugrunde.« Versuchte zu lachen nach einem grausamen Hieb gegen seine Oberlippe: »Ich weiß nicht, wie du das wirst aushalten können. Das -- haha -- das ist entsetzlich. Das ist ja tödlich. Bist ja ein Mordsverbrecher.« Hin und her wankend wälzte er sinnlos seine Arme wie Schlägel um seinen Kopf, dem ausweichenden Braunen nachschleifend. »Mein Gott,« greinte er an der Hinterwand, ohne zu wissen, daß er nur mit einem Auge sah, »ich wußte nicht, mit wem ich mich einließ. Pfui, das bist du. Es war nötig, dich aufzudecken vor der Welt. Da sitzen die Zeugen, die hohen Herren. An dir soll keine Gnade geübt werden.« Der schlanke Braune raste: »Was verleumdest du mich. Willst du schlagen, willst du nicht schlagen, Hundsfott?« »Du spuckst mich nicht an. Ich warte, bis du dich ganz ruiniert hast an mir. Wir werden alle sehen, wie weit du gehen kannst.«

Tierartig hing der Lange über ihm, rammelte an dem schwankenden kopfverbergenden Körper; in den Pausen schluckte und schluchzte der unten: »Mann. Mann. Ja. Schlag weiter. Zwanzig. Wenn du fertig bist, ist die Abrechnung fertig. Ich zähl' jeden Schlag. Unterhalten wir uns nicht; schlag' nur weiter. Möchtest der Rache entgehen.« Der Braune faßte den über den Boden gekrümmten von oben um die Hüften, hob ihn, schwenkte ihn. Einmal, zweimal sauste gerissen der Schwarzhaarige kopfabwärts, strampelnd herum. Am Boden, hingepoltert, spuckte er Blut, rollte, wackelte, blind, blöde auf: »Hähä. Weiter. Zwanzig.« Der ruderte fünfmal durch die Luft; knapp an der Rampe krachte er, losgelassen, hin. Als er den Kopf drehte nach einer Weile, lispelte sein verquollener Mund: »He du. Eitler Hahn. Gearbeitet. Zwanzig. Ist noch nicht fertig. Wollen sehen, wann er fertig ist.« Der Braune kreischte wie gebissen, kniete vor dem liegenden Schwarzen und nun, die Augen zukneifend, alle Gesichtsmuskeln zusammenreißend, schmetterte er, würgte, wühlte, klopfte, rollte, malmte an dem weichen Körper vor sich. Der richtete sich einmal, blau, japsend, auf, wollte die Augen aufreißen, brach einen Strom Blut, legte sich seitlich um. Der Braune, noch hingekniet, packte den Schwarzen mit beiden Fäusten beim Hals, zog den Rumpf lang am schlaffen Hals hoch, ließ ihn auf das Gesicht zu klappen. Wütend spie er sich in die blutbeschmierten Handteller. Unten lachte man schallend über sein böses Gesicht.

Der schmeerbäuchige Fürst zu Hohenzollern wechselte mit dem aufgestandenen Kurfürsten einige Worte. Die Wache formte sich zum Spalier. Maximilian sprach erregt auf Richel ein. Sie verließen die Halle. Leuchter wurden von Pagen in das Haus getragen.

Im kleinen Singvogelsaal bemerkte Maximilian, ohne den Jesuiten Kontzen oder Richel anzusehen: »Jedenfalls soll der Musketier belohnt werden und die ganze Patrouille, die den Boten abgefangen hat. Es war mir eine Genugtuung, diese Aufklärung zu erhalten.«

Richel auf dem Schemel: »Leider geht aus dem Handschreiben Meggaus nicht hervor, wie lange der Hof schon Geld für den Kaiser aus Kontributionen bezieht. Oder ob es nur eine einmalige Zahlung war.«

»Das Tüpfelchen auf dem I? Mir genügt es.«

Richel, den geschwollenen Zeigefinger an der Nase: Dieser Brief wiege so viel wie eine gewonnene Schlacht. Maximilian wechselte häufig die Farbe, er hatte die Knöpfe seiner Lederweste geöffnet, hauchte stark, von Hitze überströmt. Es dürfe nicht davon gesprochen werden, er werde selbst und allein mit dem Kaiser darüber verhandeln. Es kam zu keinen weiteren Debatten. Die Herren merkten, dies war eine Angelegenheit der Fürsten. Richel wurde entlassen.

Der Jesuit wurde mit funkelnden Augen gefragt, welche Treue ein Kurfürst seinem Kaiser schuldig sei. Kontzen sprang an: »Dem Kaiser alle Treue, dem Nichtkaiser keine.« Des näheren ergab sich: Ferdinand der andere ist nur, und besonders nach dem eben aufgedeckten Vorgang, nur dem Namen nach Kaiser. Er hat die Machtfunktion an seinen General abgetreten. Man hat also keinen Kaiser, den man verraten könnte, und an dem Herzog von Friedland kann man keinen Verrat begehen. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder der Kaiser billigt willensfrei den Friedland oder er wird genötigt von ihm; im ersten Fall hat er sich seiner Herrscherattribute begeben; oder er steht in friedländischer Sklaverei. Man muß den letzten Fall bei seiner christlichen Frömmigkeit annehmen. Verrat an diesem Verratenen heißt ihm, als dem Kaiser, beistehen. Er konkludierte: Wie die Dinge liegen nach der Kapuzinerrelation und dem aufgefangenen Schreiben Meggaus ist es Pflicht jedes Deutschen, besonders jedes Fürsten, den Kaiser von seinem Vergewaltiger zu befreien.

Maximilian fragte leise: »Auch wenn die Befreiung des Kaisers mit Unterstützung fremder, ausländischer Mächte geschähe?« Kontzen solle nicht gleich antworten, er möchte sich gut besinnen.

Wozu man, erhielt Maximilian zur Antwort, das Beispiel der Heiligen Kirche habe; ob sie Unterschiede zwischen den Nationen mache, ob es ihr nicht einzig auf die Sache ankäme.

Max ihn aus seinen kalten, traurigen Augen lange betrachtend: »Wenn meinen Untertanen meine Regierung nicht gefällt und sie zu meiner Beseitigung die Türken oder Schweden ins Land rufen, tun sie dann Recht?«

»Nur insofern tun sie Unrecht, als sie sich wahrscheinlich mit dem türkischen Einfall selber ins Fleisch schneiden; im übrigen --«

Der Kurfürst unverwandt den Jesuiten betrachtend: »Ich darf die Türken ins Land rufen oder ins Reich, wenn ich das Reich damit aufrichte?« »Das ist nicht fraglich.« Lächelnd schloß Kontzen aufstehend, es seien doch wohl nicht die Türken.

Wie ein Jäger seinem Hund pfeift, so hatte der sanfte Kardinal Richelieu seinem Volke das Signal gegeben, es hieß Habsburg. Deutsches und spanisches Blut lockte, duftete herüber; sich einwälzen, sich überkugeln, die Uneinigkeit vergessen!

»Wir müssen uns in Metz befestigen,« sang er ihnen vor, »wir müssen nach Straßburg vordringen, um ein Eingangstor nach Deutschland zu erlangen. Geduld, Geduld! Ich will Euch nicht aufspießen lassen. Gebt mir noch Zeit, seid zart; ich werde mit süßer, offener Miene voranschreiten.«

Die Zähne seines Rades griffen in die Vertiefungen von Wallensteins Rad. Zu den Hanseaten, zum Dänen, Schweden, zu den Generalstaaten waren die verführenden Reden und Goldstücke gerollt, klirrten lauter in das Reich von Westen und Süden her ein.

Die Gesandten erhielten die Instruktion vom Kardinal: »Die Kraft Habsburgs ist der Herzog von Friedland; die Gegenkraft die Kurfürsten. Sie streiten sich um das Heilige Reich. Wir müssen sie streiten lassen, bis sie uns das Reich öffnen. Jetzt ist Habsburg stärker; reizt, stärkt die Kurfürsten.«

Wie eine sanfte Eingebung glitten die breiträdrigen Reisewagen mit dem großäugigen vornehmen Herren Marcheville, dem entschlossenen Soldaten Charnacé, Säbel über die Knie, über die hüglige Reichsgrenze, über den Rhein, in das Heilige Reich. Kaum beachtet in dem Lärmen der Durchzüge, schweigend, höflich wandten sie sich nach Süden und Osten, näherte sich Marcheville der Stadt Mainz, die Anselm Kasimir beherrschte, dem Gebiet Philipp Christophs von Trier, Köln unter dem Kurfürsten Ferdinand, in Dresden trat er vor Johann Georg.

Marquis von Charnacé war unterwegs von Fontainebleau, als Maximilian den Wunsch äußerte, einen Geheimvertreter des Königs Louis zu sprechen. Man hatte in Fontainebleau nichts versäumt; Charnacé trug Instruktionen mit sich.

Der Bayer saß unter einem Baldachin in der Ritterstube der Neuen Feste, saß vor einer langen ungedeckten Holztafel, an der der hochgelehrte Herr Bartholomäus Richel neben Kontzen schrieb und in Faszikeln blätterte, als Charnacé, ein unansehnlicher häßlicher Mensch mit rotem Gesicht und schielenden Augen von dem hohen Fürsten zu Hohenzollern hereingeführt wurde. Die Unterhaltung, bei der Charnacé es immer wieder ablehnte, sich vor der Kurfürstlichen Durchlaucht zu setzen, wurde fast allein zwischen dem Kurbayern und dem Marquis geführt; später holten die Räte Dokumente zu Hilfe, ein Sekretär des Franzosen im Vorraum durfte eintreten, das Akkreditiv des Gesandten diesem zur Vorlage überreichen, ferner eine große Blankourkunde mit der Unterschrift des katholischen Königs. Charnacé wurde vom Kurfürsten nach seinem kurzen Arm befragt; er erzählte in bescheidenem Ton von seinen Gefechten in Polen, dann: er käme auch von Larochelle. Näheres von dem Fall dieser Stadt, worauf Maximilian drängte, wollte er nicht hergeben; er erklärte streng, die hugenottische Angelegenheit sei ein Bruderzwist in Frankreich gewesen, sie sei erledigt. Es würde insbesondere der neu erstarkten gallischen Nation eine Freude und Genugtuung sein, Gelegenheit zu erhalten, ihre Macht und Einheit nun nach außen zu zeigen unter Führung des glorreichen dreizehnten Ludwig. Er sprach die Freude seines Souveräns aus, daß die Verhandlungen mit Bayern, die auf eine Beendigung des deutschen blutigen schreckvollen Krieges zielten, nun in rascheren Fluß kommen sollten.

»Ich habe,« flüsterte Maximilian, der während der Unterhaltung müde an seinem Hut rückte, »seinerzeit den Herrn von Marcheville gefragt, was Frankreich in Deutschland für Ziele verfolge. Wollt Ihr mir darauf antworten.« Charnacé, den Degen fest in der Linken, die Augen auf dem Teppich; ein Souverän hätte zum Ziel, und dies müsse er festhalten, die Zustände im Reiche, wie sie durch Reichsgrundgesetze, Goldene Bulle, Wahlkapitulation festgelegt seien, erhalten zu sehen; er möchte keinen gefährlichen revolutionären Nachbarn; er erblicke in der weiteren Ausbreitung der augenblicklichen inneren Gewaltvorgänge in Deutschland eine Bedrohung der französischen Grenze. Maximilian flüsterte nach einigen Worten: »Weiter.«

»Wir haben ein Interesse daran, im Reich eine Macht wie die Liga und einen Fürsten wie die bayrische Durchlaucht zu wissen, die den Stand des Reiches gewährleistet. Wir sind daher bereit, die Kraft der Liga auf jede erdenkliche Weise zum Schutz gegen den gewalttätigen ungesetzlichen Umsturz zu stützen -- soweit man es von uns begehrt. Wenn ich genauer sagen soll, führen wir durch solch Vorgehen einen Präventivkrieg gegen das Reich. Unbedingt erkennt der katholische König daher die Kurfürstenwürde der gegenwärtigen bayrischen Durchlaucht an.« Plötzlich endete der Franzose und fühlte sich auch durch den forschenden Blick des Fürsten nicht bewogen, weiter zu sprechen.