Part 5
»Feiglinge, Lumpe, stinkige Jesuitenteufel«, waren die Schimpfworte, die in Güstrow und Wismar von der friedländischen Tafel an die Wiener Adresse gerichtet wurden. Der Herzog fluchte und haderte aber nach dem Edikt auffallend wenig mit seiner Umgebung, die er sonst bei Verstimmungen stark anfaßte. Der Vorfall arbeitete in der Tiefe in ihm. Er sah sich gereizt von einer Clique, gegen die er nichts vermochte. Sie konnten ihm nichts anhaben, er hielt den Kaiser in der Hand, aber sie waren da, sie wagten sich sogar jetzt herauf, sie errangen etwas wie Erfolge. Ein schlimmes Wesen, dieser Kaiser; schlapp bis zur Verächtlichkeit. Sie zogen und zerrten an ihm. Man mußte auf der Hut sein vor dem Volk; und er grimmte, daß er ihnen etwas abgeben sollte, was er nicht wollte.
Friedländische Truppen hielten die Seekante besetzt, Kurbrandenburg war mit Einquartierung niedergezwungen, von der Wetterau her hielten Regimenter Kurmainz in Schach, aus der Eifel wurde Trier eingeschüchtert, Köln war ganz ohne Schutz, Sachsen fühlte den friedländischen Stachel in der Lausitz. Seinen Freund, den Marschall Arnim, beruhigte der Herzog über den Wisch, das Edikt; man solle den Maulwürfen und Schnapphähnen am Hofe den billigen Triumph gönnen. »Der Kaiser ist schwach, er ist in der Hand der Memmen und Schelmen, die sich gegen mich nicht herauswagen. Es wird ihnen nichts fruchten.« Und zu einer fast komödienhaft schwachen Aktion stattete er die gewünschte Aktion gegen Magdeburg aus, das er in Besitz nehmen sollte; er gedachte an dem Feuer nur sein eigenes Süppchen zu kochen. Er fragte noch einmal Arnim, ob er die protestantisch stolze Gemeinde für die Katholiken erobern wolle; und in der Tat stellte er dann Regimenter in das Expeditionskorps ein, die zum großen Teil lutheranische Offiziere führten. »Sie fuchteln«, höhnte der Herzog, »mit ihrem Edikt in der Luft herum, haben einen hölzernen Stiel und eine Klinge aus Pappe. Wir werden damit spaßhafte Kriege führen.« Er verlangte von der Stadt die Einlagerung einer Garnison; die Stadt lehnte es ab aus Furcht vor dem Edikt. Dann, nach Verübung vielerlei Unbill, Scharmützeln zwischen Kroaten, Fischern und Roßknechten, Aufbringung von zweitausend Schafen und allen Stadtschweinen, Drohung mit Blockade, verhängte er eine Kontribution von zweihunderttausend Talern, von denen ihm hundertfünfzigtausend sofort hinterlegt wurden; für den Rest bürgte die Hansa. Die überraschten Syndici wurden bei einer Unterredung versichert, das Edikt habe keinen Bestand, sie sollten sich nicht fürchten, Wallenstein auch in Zukunft nicht die Besetzung des Elbpasses verwehren; die Zeit der Religionskriege sei im Reiche endgültig vorbei.
Dann zog er sich nach Mecklenburg zurück; das Geld war sein.
Der Herzog lag lang mit seinen Armeen an der nördlichen Seekante; er mußte sich des baltischen Meeres bemächtigen. Sein eigner Besitz, Mecklenburg, forderte es.
Die ungeheuren Güter, die Tag um Tag der graue Wasserrücken trug. Von Livland Hanf bundweise, Flachs in Fässern, Getreide. Aus Riga Wachs in Schiffspfunden für den Klerus, Wachs von der Wolga, Düna, über Smolensk und Polozk. Aus den Steinbrüchen der finnländischen Küste Leichensteine. Aus Rußland Pelzwerk von Zobel Wolf Marder Vielfraß Wiesel Hermelin Iltis Biber. Garn aus Stettin, geknotetes Gut, hamburgische, brüggesche, wittstocksche, ratzenburgische Laken. Auf diesem meilenweiten, scheinbar leeren Wasser, das niemandes Land war, fuhren stündlich die kostbarsten Waren der Welt, der Reichtum der Menschen: das riesig bezahlte Salz nach Abo Wiborg Narwa; Travesalz, Salz aus Lüneburg, Oldesloe, grobes, ungesottenes Bayernsalz, schottisches, französisches Salz; Fleisch Speck Malz Tabak Messer Kartenspiele Leder Leinen; die Kriegsware: Waffen Munition Pulver Blei eiserne Kugeln Schwefel Salpeter Harnische Panzer Röhren Rapiere Dolche Schlachtschwerte. Ähnlich Sklavenschiffen mit orientalischen Weibern brachten sie, erwartet von jung und alt, in Tonnen eingeschlossen, die Bodengeister, das Aroma fremden fernen, glutvollen Bodens: berauschende Weine, Alikante, kreischenden Korsiker, Malvasier, betäubenden Portugieser, von Bordeaux, Porto, aus der Pikardie, von Ungarn, von der Mosel, vom würzreichen Rhein. Aus den Kolonien vorüber in Holzlatten geschlagen, gebändigt, Anis, kandierter Ingwer, Kaffee, Kubatee, Kakao, Muskatblume, Paradieskörner, Manna, zwanzig dreißig Zuckersorten, Datteln. Duftende ölige Hölzer für die Apotheken: Terpentin Kampescheholz Pernambukholz. Metalle, Indigo, Weihrauch, Glas aus Rouen, Glas aus Flandern, englische Scheiben, hessisches Glas in Kisten, Kacheln, Klinken.
Zum Herzog kamen der vielvermögende Herr von Michna und de Witte aus Prag, über die Aufbringung der Geldsummen zu beraten, die unter Ausschluß Spaniens zu den Meeresplänen nötig wurden. Wie Fische schwammen sie auf den Köder, der sich ihnen an der fernen Seekante zeigte. Sie ritten durch Sachsen und die Mark, im offenen Wagen fuhren sie unter Bedeckung durch eine Rotte von Friedlands Leibgarde; mit Lust sahen sie überall kaiserliche Besatzungen in den Städten, die Einquartierungen. Den Zügen bettelnder Bauern, verbrannten Dörfern begegneten sie; es milderte ihre Lust nicht. Michna kniff die Augen, Verzückung über Brust und Magen; was war Wuchern Münzbetrug Kippen Wippen gegen dies: Krieg. De Witte erzählte von der Dankbarkeit, die der Judenprimus Bassewi gegen den Herzog fühlte und die er ihm in Güstrow äußern sollte mit der Versicherung grenzenloser Ergebenheit der Prager Judenschaft.
Wallenstein stand ihnen im Jagdschloß zu Güstrow, zwischen den riesigen Eichen- und Buchenwaldungen, im roten Mantel gegenüber, hager, hoch. Den vorsichtig vorgetragenen Schrecken der Herren über das Stifteredikt beruhigte er; auf die Wismarer Werft geführt, besahen die ausländischen Herren das graue rollende Meer, ließen sich bewimpelte Ausleger und Kaperschiffe zeigen, riefen den lübischen Bürgermeister Heinrich Brokes, ein verschimmeltes schlitzäugiges Männlein herüber, das ihnen gelassen jede Auskunft erteilte --, auch nebenbei, daß die Schonenfahrerkompagnie eine Defensionskasse der Stadt Lübeck eingerichtet habe gegen jegliche Überwältigung durch welchen Feind auch immer, durch Besteuerung aller Güter, die auf der Achse ein- oder ausgeführt wurden; kein Laken käme unbesteuert heraus.
Der graue träge Wasserrücken. Auf ihn geladen wie auf eine Tischplatte mit wallender Decke der fuderhohe ganze blinkende Reichtum der Menschen. Hier rann es wie in einem Engpaß vorüber, versucherisch; sie hingen am Fels darüber. Die Ausdehnung der Länder war verschwunden; Livland die Wolga Smolensk Stettin Wiborg Saragossa Ofen Venedig stießen aneinander. Und so nah, so schutzlos, wie kichernde Weiber, die baden gehen und spritzen.
Das lag vor den Füßen der drei Böhmen, die unter breiten federlosen Filzhüten, in langen weißen Mänteln am Strand neben dem gestikulierenden mißtrauischen Lübecker über den Sand schurrten. De Witte und Michna stampften erregt und fast betäubt von dieser Unterredung in das friedländische Quartier; der Herzog blies bedenklich vor der Weinkredenz die Backen, fächelte sich die Stirn mit einem Sacktuch. Ihr Schluß war, daß man sich der Hansa zu versichern habe. Ihre Augen funkelten, als sie schweigend hinter ihren Weingläsern phantasierten.
Neben Schwarzenberg, einem schmeerbauchigen Grafen vom Kaiserhofe, der auf eigene Faust spanisch-deutsche Meerpläne trieb, die Lübecker Kaufherren und Krämer mißtrauisch machte, tauchten in Lübeck die beiden Prager Herren, Friedlands Vertrauensmänner, auf, der kühle Kaufmann und der menschenkundige harte Serbe; sie nahmen Fühlung mit den einflußreichen Familien, den von Höveln, Bröntsee, Kirchring. Sie wurden auffallend oft von den höflichen Herren auf die Wälle geführt, die eben erst ein Italiener vom Holstentor bis zum Burgtor gezogen hatte. Mächtig war alles bestückt. Bei Travemünde stand ein steinernes Blockhaus für die Hafeneinfahrt; überall warnende Bastionen. Versteckte Gräben.
Auf die kaiserlichen Anträge an die Hansa, eine Flotte zu bilden und dem Admiral zu unterstellen zur Verteidigung gegen die dänische und schwedische Gefahr, wurde ein Lübecker Tag einberufen, beschickt von Hamburg, Köln, Bremen, Magdeburg, Braunschweig, Lüneburg, Rostock, Wismar, Stralsund. Hitzig rangen Wallensteins beste Sendboten mit den Weinherren, den Ältesten der Kompagnien, Frachtherren, Kaufleuten, Brüderschaften der Fahrwasser. Kein Lärm war in der dunklen Hörkammer im Niedersten Rathaus, aber ein unsichtbares, unnachgiebiges Schieben und Drängen, Überreden, Beschwören. So wichtig schien dem Friedländer diese Sache, daß er alle paar Tage Boten mit persönlichen Winken an die Deputierten herüberschickte. Der überreizte großspurige Schwarzenberg aber mit den spanischen Plänen und dem mörderischen Ungeschick, dazu das Edikt hatten die Luft in allen Trink- und Ratsstuben verdorben. Es wurde deutlich, daß die Lübecker und eben jener kleine Brokes sich schon längst mit den Generalstaaten verbunden hatten, in Furcht vor dem seegewaltigen Spanien; man glaubte in Lübeck nicht mehr an einen Krieg des Kaisers gegen das schon niedergeworfene Dänemark; man fürchtete die friedländische Faust und fürchtete die Jesuiten.
Die ehrenfesten hochgelehrten hoch- und wohlweisen Räte der freien Reichsstadt verneigten zuletzt sich vor den betroffenen Vertretern Wiens und des Admirals, ihrer großgünstigen Herrn, bestimmt erklärend: man könne sich nicht in einen Krieg einlassen mit den Potentaten, die Gewalt über die Meere und Pässe besäßen, welche ihre Schiffe täglich befahren müßten. Dem gräflichen Reichsboten verehrte der stolze Tag viertausend Taler und beglich seine Kosten, ehe er, von Wallenstein mit Groll beworfen, zum kaiserlichen Hoflager aufbrach.
Sie waren alle drei, die Böhmen, schon nicht mehr geldgierig. Sie waren an ihrem Reichtum hochgewachsen und hatten ihn gemeistert. Friedland kannte von je nur das Spiel, dessen Drang wuchs mit der Größe der Einsätze; er kannte nur umsetzen, umwälzen, kannte keinen Besitz. Er war nur die Gewalt, die das Feste flüssig macht. Er schauderte und zerbiß sich, wie sich ihm etwas Festes entgegenstellte.
* * * * *
In den ausgesogenen sumpfigen Meeresgebieten, dem dürftigen Kurbrandenburg, ließen sich die großen Truppenkörper nicht lange massieren. Zwar war genau bestimmt, wieviel Bauer Bürger täglich zu entrichten hatte, es war Vorsorge getroffen, daß ihnen nur soviel genommen wurde, daß sie dabei bestehen konnten; aber trotz grausam strenger Feldpolizei und Feldgerichts häuften sich die Beuteritte der Soldaten, kecke Erpressungen der Offiziere, Unterschleif des Proviantkommandos. Der Widerwillen der Kontribuenten wuchs; es half nicht viel, daß man halbe Dörfer einäscherte und Dutzende der böswilligen Ackerer an ihren eigenen Obstbäumen aufknüpfte; die Landschaften waren dürftig, ihre Pflege gering. Schon entliefen zahlreiche Söldner, führten als Vaganten weiter südlich Krieg auf eigene Faust. Man hatte in Wien und Prag an gewissen Stellen mit heimlicher Genugtuung von der stolzen Feindseligkeit der Hansa vernommen; man hatte ein zwiespältiges Gefühl.
Verbiestert, reglos lag der große Herzog von Friedland, der überreiche Böhme, ausgestreckt am Meer. Er kaute an dem Bissen, den ihm die Hansa zu essen gegeben hatte; langsam dämmerte ihm, was ihm geschehen war. Das Meer, das Verhängnis. Nicht die Reichtümer; es war der Weg: das Land war nicht zu halten ohne das graue, weißzottelige, schäumende Untier. Es rannte gegen seine Feste an, brachte sie zum Schaukeln. Rasch hatte er Mecklenburg an sich gerissen, konnte nicht hin und her. Wie zum Hohn verbrannten dänische Orlogs ihm fünf Schiffe im Greifswalder Hafen.
Plötzlich lief das Stichwort: Ungarn! Ungarn! aus dem Hinterlande über die Erblande. Täglich sah man klarer, was man zuerst nicht erkannt hatte -- die Bayern sahen es, die Böswilligen in Wien, Strahlendorf und sein Anhang, das entzückte Paris, der mächtige Papst Urban --, daß sich Wallenstein seine Grube gewühlt hatte am Meer und daß es nicht ein endloser Siegeszug gewesen war von Schlesien bis nach Jütland; die Spitze war schon der Sturz. Die Hansa das Verhängnis. Er spannte sie nicht ein; nun konnte er am Meere liegen bleiben und sein Heer verfaulen lassen oder vom Meer sich zurückziehen, und der Däne stand wieder da! Christian, der Besiegte, der wieder ein neues Heer sammelte. Es war, wie man hörte, vom Grafen Pappenheim ein Kriegsplan ausgearbeitet worden auf Ersuchen des kaiserlichen Hofkriegsrats; darin wurde die Verteidigung der zweihundertfünfzig Meilen langen deutschen Küste als unmöglich bezeichnet; man könne es machen, wie man wolle -- ziehe man die Truppen zusammen, lege man sie dünn auseinander -- war das Land geöffnet für einen dänischen oder schwedischen Einfall.
Die Jesuiten hatte Friedlands Widerstand in der Stifterfrage gereizt. Sie hielten sich genötigt, ihn zu stacheln -- nicht zu stark, aber deutlich.
Fanatische Mönche, jetzt von den Jesuiten nicht gehindert, hielten in Wien Predigten: es zeige sich wieder, wohin der Unglaube führe -- frech ein Heer zu mischen aus Altgläubigen und Ketzern -- und damit gedenken mehr als Eintagserfolge und Plündersiege zu erzielen.
Ungarn! Aus diesem Sumpfe werde er sich diesmal nicht ziehen.
Michnas Agenten arbeiteten in Mähren und Niederösterreich mit zäher Wut, um Getreide für das Heer heranzuschaffen; sie trieben, von ihren Herrn gejagt, die Preise in die Höhe. Michna erlebte es, wie eine zwei Wochen ihm Geldsummen aus der Hand nahmen, die er in Jahren gerafft hatte, aber er zögerte keinen Augenblick, alles hinzugeben. Schurken und Dummköpfe, dazu Neidbolde waren diese alle, ihre Stunde würde schlagen, sie sollen gerupft werden, wie sie sich nicht träumen ließen.
An der Spitze der böhmischen Landschaft stand im höchsten Vertrauen noch der schöne eisige Slavata. Der Herzog hatte ausgemacht, daß dem Heere ausreichende Getreidemengen aus Böhmen geliefert würden.
Die bösen, noch einflußlosen Kreise hielten den Augenblick, ihn zu schwächen, für sehr günstig; als Wallenstein von Güstrow scharf monierte, man hätte sich festgelegt auf zwanzigtausend Strich böhmischen Getreides und geliefert seien zehn Fingerhüte, log die Landschaftskammer. Und wenn auch der Herzog von Betrug offen redete, man hatte Zeit gewonnen, die Zeit, die Zeit, die Friedlands Heer zerschmelzen mußte durch Hunger Unordnung, wie einst Seuchen Durst im schrecklichen ungarischen Alföld.
Lange erfuhr niemand, was der Herzog unternahm, um sich zu retten. Wie würde er sich wehren. Es sprach sich herum, daß, wie immer, wenn Friedland in Gefahr war und einen neuen Schlag vorbereitete, der Jude Bassewi neben Michna und de Witte mit ihm konferierte und nach der Residenz Güstrow gereist war unter herzoglicher Eskorte.
Dann wurde offenbar, was geschehen war.
Während sich der Anblick der kriegerischen Maßnahmen im Reiche in nichts änderte, die Musterungen von Monat zu Monat beschleunigt wurden, Neueinstellungen im wachsenden Umfang erfolgten, besonders in dem fränkischen Kreise, waren aus dem Güstrower Hauptquartier Unterhandlungen mit dem Dänen angeknüpft.
Der Fuchs zog den Kopf aus der Schlinge.
Zug um Zug brachte den Herzog in Fühlung mit dem Dänen. Ein ruheloser Kurier lief zwischen Wien und dem Hauptquartier. Der Kaiser und der Hof wurden auf eine Probe gestellt. Sie hatten es in der Hand jetzt jeden Weg zu gehen, den sie wollten. Der Feldhauptmann erklärte: man hätte gesiegt, man hätte den niedersächsischen Kreis zur Ruhe gebracht, den Dänen zu Boden geschlagen; darüber hinaus sei nichts möglich. Als man scheinbar entsetzt gegenfragte, kam der Bescheid, ob man auf die Armeen für die Zukunft verzichten wolle.
* * * * *
Der Kurfürst verbrachte seine Tage mit Rechnen und Drechseln. Er saß in der Neuen Feste viel an der Drehbank zusammen mit dem Pater Adam Kontzen, einem jugendlich heftigen kleinen Manne, den ihm sein alter Beichtvater, der Lothringer Vervaux, zugeführt hatte. Kontzen, den das Raspeln des Kurfürsten nicht störte, trug ihm eindringlich und fordernd politische Grundsätze vor, die nach Ansicht des Paters das Mindestmaß darstellten, das man von einem katholischen Politiker verlangen könnte. Der Kurfürst, dick, blaß, leicht schwitzend, teilte seine Aufmerksamkeit zwischen den hastigen Reden des Dialektikers und seinem Elfenbein. Zornig fuhr der Pater über die Ketzerei her, die, wie er immer wieder drohte, in der Lasterhaftigkeit und dem Atheismus wurzelte; Prälaten und Fürsten seien von ihr angesteckt. Wenn der Fürst müde zu ihm aufsah, schleuderte er vor ihn ein Muß: alle Welt sei einig darin, daß Laster und Gottlosigkeit auszurotten seien; ihm, dem Pater Adam Kontzen, wurde zuteil, den Zusammenhang der Ketzerei mit Laster und Anarchie und Atheismus zu erkennen; sie müsse, die Ketzerei, sie müsse beseitigt mit Gewalt werden. In Sodom und Gomorrha hätten auch Menschen gelebt. Gott hätte kein Erbarmen gekannt, er der Herr selber, habe Feuer und Schwefel über die Sündenstädte gegossen. Dieses Beispiel der Heiligen Schrift müsse man verstehen; stehe es dem Menschen an zu verzeihen, wo Gott straft. Bekehrung oder Vernichtung: es bleibe nichts drittes. Und gerötet, gereizt, ingrimmig blickte der Priester auf den Fürsten, leidend unter seiner Ohnmacht, hier bitten und argumentieren zu müssen, wo er fordern konnte im Namen der Heiligkeit. »Was soll geschehen,« fragte wie abwesend, mit dem kleinen Finger an dem Elfenbeinstäbchen rührend, Maximilian, »wenn wir nicht die Macht haben, zu zerstören oder zu bekehren.« »Sünde ist es,« zischte gequält der Priester, »ja, es ist Sünde, nicht die Macht zu haben. So lange wir leben, haben wir Macht in uns. Jedes Pünktchen davon gehört Gott, nichts einer Aufgabe, sie sei welche auch immer. Die Pest ist nicht so schlimm als der Gedanke, wir können nicht Gott dienen.« »Was soll man mit Leuten tun, die Gott und der Kirche nicht dienen.«
Fassungslos der Priester: »Töten oder bekehren. Wir haben ja keine Wahl.« »Würdet Ihr selbst, Pater, so handeln? Wenn Ihr einen Einzelfall vor Euch hättet?« »Ich würde,« glücklich hob der Pater beide schwarzbehängten Arme, »wie ich steh und sitze mich aufmachen und meine Pflicht erfüllen. Es gibt nichts Größeres, als Fürsten zum Glauben zu bringen oder sie zu töten.«
Im Feilen lispelte der Kurfürst: »Kontzen ich danke Euch ja. Wenn nur alle, oder nur viele so beseelt wären wie Ihr. Es ist schlimm, daß wir arbeiten, arbeiten müssen und nur so wenig erreichen. Allmacht ist nur Gott gegeben. Würde uns verliehen sein von Gott, Feuer und Schwefel zu regnen, so wäre das Heilige Römische Reich längst wieder rein vom Übel.«
Maximilians Leibkammerdiener führte die kleine zögernde Gestalt des grauen Tilly heran über den langen Läufer. Maximilians Unterhaltung mit ihm war kurz. Der Pater Kontzen wollte sich entfernen, der Kurfürst aber schüttelte den Kopf; es sei ihm angenehm, wenn der Pater da wäre; wieviel besser, wenn immer. Er befragte den steif stehenden Grafen, der aus Wiesbaden zurückgekehrt war, mit keinem Wort nach seiner Gesundheit. Orientierte ihn, wie die Sachen nach den letzten Meldungen an der Weser, Elbe, Ems stünden. Ob ihrer Liebden bekannt wäre, wie sich die Dinge bei der Armada der friedländischen Durchlaucht entwickelt hätten. Kurz so -- ohne die Antwort abzuwarten, aber der Pater möge nur dableiben, sich nicht gekränkt fühlen, wenn sie militärische Sachen besprächen --, daß also es ganz zweckmäßig, zweckentsprechend, wünschenswert wäre, wenn sich die ligistische Armee in irgendeiner Weise als vorhanden erwiese. Vielleicht könne sie die friedländische bald ablösen. Man stehe jedenfalls nach allem Trübsal und offenbarem Unglück wieder vor Möglichkeiten. Er warf Werbungspläne hin, verwies auf die vorhandenen Geldhilfen aus Umlagen.
Plötzlich fixierte er den Grafen; ob er sich nun gesund fühle: »Ihr wißt, es wird mit den Dänen Friede geplant. Habt Ihr Verhandlungen aus Wiesbaden mit ihm angeknüpft?« Verwirrt drehte der eisgraue General den Kopf zu dem Pater, zum Fürsten zurück. »Ich weiß, Ihr habt es nicht getan. Es ist ja nicht Eure Sache. Der Herzog von Friedland hat es getan und ist Euch zuvorgekommen. Oder uns; denn wir waren doch bis Pinneberg mit im Krieg, und unsere Artillerie hat noch in Jütland geschossen. Jedenfalls, Ihr sollt für mich als Kommissarius an den Unterhandlungen teilnehmen, bei standhaltender Gesundheit.« Der Graf, bis in die Ohren errötend, erklärte, daß er sich feldfähig fühle und sich glücklich schätze, dieser Ehre für würdig erachtet zu werden.
Der Kurfürst ließ, die Bohrinstrumente auf die Drehbank legend, vom Kammerdiener die Fenster öffnen. Als sich nach einer Pause die Herren zum Gehen anschickten auf ein Nicken des Fürsten, endete sehr laut Maximilian, der Graf werde noch genaue Instruktionen erhalten. »Aber -- der Herr Graf hat nicht den Frieden zu befördern. Versteh' Er recht. Laß Er sich das von dem Pater hier erklären. Es hat keine Eile und keine Not, mit Ketzern Frieden zu schließen. Es ist nur ein Notbehelf. Seh' Er zu, unsere Armee stark zu machen. Mir -- merke sich der Herr Graf das, mir liegt nichts am Frieden.«
In Boitzenburg, auf dem Gute seines Freundes Arnim, begegneten sich der Herzog und der ligistische General, und wurden im Beisein kaiserlicher Legaten furchtbare Friedenspropositionen für den geschlagenen Dänen festgesetzt.
Der Wiener Hof im Überschwang seiner Stärke hatte von sich aus verlangt, daß dem Besiegten die schwersten Bedingungen auferlegt würden. Er sollte in Zukunft auf jede Einmischung in deutsche Angelegenheiten verzichten, sollte die Ansprüche auf niedersächsische Stifter verleugnen, alle Kriegsschäden vergüten, Kriegskosten an den Kaiser erstatten, und dann ganz Holstein, Schleswig, Dithmarschen an das Reich abtreten, den Sund den Feinden des Kaisers sperren, ihm und seinen Freunden öffnen.
Bei Pinneberg waren sich der ligistische ausgehöhlte Wicht und der gallige verbogene Böhme unter dem Donner der Belagerungsgeschütze begegnet. Von Wut zerfressen war der klappernde Tilly weggetragen worden; jetzt saßen sie sich am Tisch gegenüber, Friedland erwartete die Trümpfe des Kleinen.
Der dänische Generalwachtmeister Schauenburg empfing in Güstrow aus des Herzogs eigener Hand die Punktation; Friedland betonte, daß er den kaiserlichen Forderungen seinerseits noch einiges hinzuzufügen für nötig befunden habe. Es betraf die Entwaffnung der dänischen Armee, die unerhörte Forderung der Auslieferung der Hälfte der dänischen Kriegsflotte. Wallenstein trieb es zum Äußersten, er wollte Christian zur Verzweiflung reizen, die Liga an die Seekante zwingen und ihr Heer massakrieren lassen.
Während der Generalwachtmeister erschreckt abzog, lobte in hohnverschleierten Briefen nach Wien der Herzog die Proposition über alle Maßen, bat den triumphierenden Grafen Tilly zu sich, um mit ihm gemeinsam den Kriegsplan und die Heranziehung der Liga zu erörtern. Er war, wie er lippenzitternd, ein Lachen verhaltend, erklärte, bereit, mit dem bayerischen Kurfürsten und seinem General den Oberbefehl zu teilen und ihm auch die Kräfteverteilung zu überlassen.
Aus Dänemark vernahm man durch die ernannten Kommissare von der tiefen Bestürzung des geschlagenen Christian und der von Tag zu Tag wachsenden Leidenschaft und Begeisterung des Volkes; die grausamen Friedenspunkte des Friedländers waren das Signal zu einer ungeheuren nationalen Erhebung.
Die Prager Helfer des Herzogs hielten sich in dem Güstrower Schlößchen auf. In dem verräucherten schmalen Speisesaal vor Arnim und schweigenden Offizieren scholl der Lärm des Friedländers: »Der Krieg hat sich gewendet. Wir haben gesiegt, aber zum Schluß muß ich mich mit dem giftigen Dänen verbinden und über den Kaiser herfallen. Meine Freude, Ihr Herren!«
»Setze Euer Liebden den Wiener Hof her,« schmähte Arnim, die Fäuste ballend und sich auf die Knie pressend, »soll er die Butter an der Sonne hart erhalten.«