Part 42
Der Barfüßer sprach Gebete, segnete ihn, ging davon.
Ferdinand überwand das Fieber. Sehnsüchtig, wenn die Horde fortgerasselt war, kroch er zur Tür hinaus auf allen Vieren in den grünen Wald. Es war sonnig. Er suchte sich zu heilen.
Der Wald, der Grund eines weiten Meeres, Tag und Nacht durchwogt und aufgewühlt. Die jungen und alten Bäume hielten sich mit Wurzeln an der Erde fest; Geäst und Blattwerk, hungrig hochgeworfen, wurden am Schopf gefaßt, nach unten gebogen, seitlich geschnellt, im Kreis geführt. Vielfarbige Blumen wuchsen im versteckten Gras. Ferdinand zog sich an dünnen Stämmen hoch, fühlte seine Knie; die Luft blies in seinen geöffneten Mund, der Atem ging leise aus seiner matten Brust; er rutschte wie ein weicher Wurm ab auf das Moos. Er pendelte und schwankte getrieben wie ein Ertrunkener in der Luft. Wie dunkle Zauberworte klang manchmal in ihm auf: das Reich, der Krieg, der Thron. Auf Minuten breitete er stöhnend die Arme aus: »Ich bete nicht, Maria muß mir helfen, sie wird mir verzeihen.« Unversehens, wie er lag, hatte ihn das pelzige Moos.
Kopfbeugend und mit Ungeduld ging und stand er, bis sich die Horde verlaufen hatte, um sich zwischen den stummen Bäumen wieder einzufinden.
Auf einem Baum erwartete ihn ein sonderbares Wesen. Es saß zwischen starken Ästen, steckte den kleinen braunschwarzen Kopf zwischen Blätterhaufen hervor. Ein verwahrloster junger Mensch, stark am ganzen Körper behaart. Er ließ die Äste zusammenschnellen, sah wieder herunter. Über Schulter und Bauch hatte er sich einen fellartigen Lumpen gebunden; er stieß und hangelte mit den affenartigen mageren Beinen. Der Kobold, die schwarze knochige Brust nach einiger Zeit herunterbeugend, krächzte etwas Wortähnliches, lief vorsichtig, wie er Ferdinand kriechen und liegen sah, auf den Ästen um ihn herum, dann am Boden. Ferdinand winkte ihm. Er floh.
Von Tag zu Tag kam er dichter. Einmal schwang er sich zu dem Kranken, griff schnell nach seinem Brot, aß im Fortlaufen. Er beobachtete Ferdinand aus fliegenden grauen Augäpfeln, die rastlos in ihren flachen Höhlen spielten, ohne daß sich die kleinen Lider bewegten. Schließlich betastete und beschnüffelte er den sitzenden Mann, der ihm öfter die Hand hinstreckte. Er wich ihr aber zuckend aus, zuletzt nahm er sie bei den Fingern, besah sie dicht, drehte und hob sie, beschnüffelte sie, ließ sie los. Saß da, um plötzlich auf ein Geräusch einen Baum anzuspringen und zu verschwinden.
Einmal, wie Ferdinand die Tür der Hütte aufließ, schlich das Geschöpf hinein, kam rasch mit einem großen Stück Fleisch heraus, das er auf einem Baum verschlang. Wie er wieder neugierig Ferdinand beobachtete, der sich an seinem Stock hochschob und einige Schritt schleifte, stellte er sich neben ihn, stützte ihn geschickt von hinten, indem er ihm unter den Arm griff; dabei kicherte er mit demselben Krächzen, mit dem er sprach.
Ferdinand verstand rasch seine kindlichen Bezeichnungen. Einmal morgens -- Ferdinand hatte ihm wegen seines stechenden Geruchs verwiesen in die Hütte zu gehen -- erwartete ihn das Geschöpf listig lauernd schon draußen. Es winkte, lachte, gab zu verstehen, daß es etwas Schönes wüßte. Und dann stürzte es Ferdinand unter einen Arm, zuletzt trug das kleine Geschöpf keuchend den anderen eine Strecke bergigen Bodens auf dem Rücken. Von einer nahen Anhöhe zwischen Gesträuch sahen sie herunter. Da war ein Fluß und an ihm ein weites buntes klingendes Badehaus. Schwimmende Tische; auf den Galerien gingen Damen mit geschlitzten Mänteln. Von oben warfen sie Blumen herunter, die unten spannten ihnen Laken entgegen. Die lustigen Fräulein streckten die Hände nach der Galerie um Geschenke aus, sie tanzten im Bad, das Gewand schwamm obenauf. Flöten und Lauten spielten. Bälle mit Glöckchenbehang flogen über dem Wasser. Der Waldmensch kreischte leise, knirschte mit den Zähnen, hatte funkelnde Augen, leckte sich einen hochspritzenden Tropfen wonnig vom Mund. Er hüpfte mit Ferdinand vorsichtig zurück.
Ferdinand liebte das wilde Geschöpf außerordentlich. Er wunderte sich selbst. Überaus stark griff ihn die Neigung, dieses sonderbare Verlangen zu dem Tierwesen. Er war in vieler schmerzhafter Spannung, gesundete mehr; sein Gesicht und Hände häuteten in der Sommerluft. Die Bande ließ sich oft tagelang nicht sehen, er mußte mit Brot und Fleisch haushalten. Da war der Waldmensch weg. Zwei Tage stellte er sich nicht ein. Es fehlte nicht viel, daß Ferdinand, leicht erschöpflich wie er war, ihm nachging. Bis er eines Mittags allein in der Hütte liegend von dünnen Rufen, dann einem knackenden Geräusch und nahem Scharren überrascht wurde.
Vor einem Gestrüpp das braunschwarze Geschöpf. Es bückte sich über etwas Weißem. Winkte krächzend lachend schnarrend Ferdinand mit Händen und Blicken zu. Das Weiße hob sich. Es war ein junges rothaariges Fräulein, nur leicht gekleidet. Er mußte sie aus dem Bad gestohlen haben. Das nicht schöne pockennarbige Mädchen streckte aus seinem tödlich blassen Schrecken, immer wieder ohnmächtig, Ferdinand die Arme entgegen. Der aber sah sie kaum an. Der Waldmensch fletschte die Zähne, schleppte sie rückwärts, knurrend fauchend und brünstig kreischend ins Gebüsch, nach Ferdinand, der herausgetreten war, sich umschauend, hob ihr die Tücher ab, verging sich glucksend und schlagend an ihr.
Ferdinand hatte mit hellen überweiten verglasten Augen in der Nähe gestanden. Das Waldtier winkte ihn hervortauchend, kochenden Leibes, zu dem Fräulein heran, fiel ihm grunzend und speichelnd um die Brust. Es hauchte ihn hitzig an. Die wand sich im Gras, wollte weglaufen. Ferdinand zitterten unten die Knie. Er konnte sich von diesem betäubenden Atem nicht losmachen. Er drückte halb willkürlos den Waldmenschen an sich. Schaurig, fast unerträglich strömte es über ihn bei der Berührung der zottigen Haut und bei dem starken schweißgemischten Dunst. Er kannte kein Erbarmen mit dem Fräulein unter der Aufpeitschung seines Innern. Er vermochte, wie es durch ihn raste, die Arme fest um den Kobold zu schließen, verzehrt von Angst und Hingenommenheit. Das Mädchen war fort. Das heiße Geschöpf lachte ihn an, schüttelte sich losgelassen, knurrte, schnarrte, wie es das Fräulein nicht sah, schwang sich davon.
Ferdinand saß mit flimmernden Augen in der dunklen Hütte, blinzelte. Sah sich um, wußte nicht, wo er war. »Ich muß fort«, war ihm bewußt. Als er zwei Stunden geschlafen hatte, war er schweißgebadet. Sein Kopf floß. Durch seinen Traum hatte sich das Schaurige Betäubende gewaltig und fessellos geschwungen.
Am nächsten Morgen kam die Bande. Den Abend zuvor hatte er noch mit Ästen nach dem Waldmenschen geworfen, wie der sich ihm grinsend nähern wollte, hatte die Tür vor ihm zugeklemmt.
Aber wie sie über Hügel und Felder fuhren, wurde er wieder eine Beute der Betäubung. Klee Heckenrosen Lupinen zogen vorbei. Und so blieb es tagelang in der Ruine, in deren Kellern sie sich versteckten und Ferdinand, der leidlich gehen konnte, als Wächter beließen für die gestohlenen Pferde Rüstungen Säcke, während sie draußen ihr Handwerk trieben. Hier entschlüpfte Ferdinand, völlig modelliert von dem Erlebnis. Etwas Geheimnisvolles lag über ihm. Im Schnappsack trug er Brot Käse und Rauchfleisch mit sich. Grau und sehnig war er, das Gesicht noch gelb. Er machte einen beunruhigenden Eindruck auf die Leute, die ihn beköstigten und schlafen ließen. Wich ihnen aus.
Ihn trieb es, wie er auch widerstrebte und sich wand, nach dem Wald und der Gegend des Koboldes. Er grollte und lobte sich in einem Gedanken, daß er ihm ausgewichen war. Wie er eine Baumrinde berührte, fühlte er, wohin er gehörte; er bekam die Hand, als friere sie fest, kaum los von dem Stamm.
Er näherte sich nach Tagen erregt dem Ort. Von Schreck durchzuckt fand er die Hütte. Das niedrige Holzgestell, die groben braunen Latten. Es benahm ihm den Atem. Einen Augenblick stand sein Herz still. Er ließ sich nieder. War tief beglückt. Den ganzen Tag wartete er, schlief im Freien ein. Und noch ein Tag. Er ging und bewegte sich wie in einem festen Schlaf. Wie er im Morgengrauen aufwachte unter Gezwitscher, saß der braunzottige Kobold neben ihm, betrachtete ihn von der Seite, lachte ihn an. Ferdinand aufwallend blieb ernst, berührte ihn bittend. Der wies ihm den Buckel, schien ihn schleppen zu wollen. Ferdinand legte die Hände an das Wesen, genoß, im Innersten durchrieselt, die Berührung. Der quietschte, kratzte sich, gab wegkriechend Zeichen auf die Hütte, schnarrte, lallte. Die Hüttentür war offen. Der Mann ging sich duckend hinein. Eine Bande mußte erst jüngst dagewesen sein; es lag Brot und Schinken unter dem Tisch, auf den Bänken; sie waren übereilt abgezogen.
Ferdinand setzte sich hin, sah atmend dem Kobold zu, der alles durcheinander warf, zuletzt mit einem Stück Brot davonrannte.
Sommerliches Rauschen im Wald, die Sonnenlichter spielten.
Der Waldmensch öffnete gegen Abend, wie es glührot geworden war, die Tür. Ferdinand lag gestreckt auf der Bank. Das Geschöpf klopfte mit dem Finger gegen die nackten Fußsohlen des Mannes. Der richtete sich auf.
Ein breites flaches Messer lag unter dem Tisch neben der Bank. Das Geschöpf stieß mit den Zehen daran. Im Moment bückte es sich, faßte mit einem langen behaarten Arm herunter. Seine Augen glitzerten.
Rittlings schwang es sich vor den Mann auf die Bank, drückte sich fest an den erschauernden freudvoll blickenden, und senkte blitzschnell das Messer von hinten in seinen Rücken. Mehrmals. Sie hielten sich Auge in Auge. Ein leichtes Staunen kam in Ferdinands Ausdruck. Er erzitterte bis in die Fußspitzen, legte sich seitlich um.
Das Geschöpf rutschte von der Bank, blickte das Messer an, sauste hinaus, gab Stöße in den Grasboden, schleuderte das Messer von sich gegen die Hütte.
Nach zwei Tagen schlich es herein, aß. Faßte den Körper, der unter dem Tisch lag, an beiden Füßen, spannte sich wie ein Pferd vor, lief mit ihm hinaus, zerrte ihn über das Gras. Der Kobold war so stark, daß er den mageren Körper im Kreis um sich schwingen konnte. Er schnalzte kicherte freute sich daran.
Lief mit ihm über Gebüsch Äste. Es war Regenwetter. Die Tropfen klatschten. Ferdinand lag auf zwei sehr hohen Ästen. Das dünne kühle Wasser floß über die hellen Augen. Der Kobold hatte kleine Zweige zu sich heruntergezogen, er saß vom Laub gedeckt. Schaukelte den Körper auf den großen Ästen, knurrend stirnrunzelnd.
* * * * *
Unter die aufmarschierenden Heere der Kaiserlichen Sachsen Schweden Bayern gerieten von allen Seiten die losgelösten verzweifelten Volksteile. Viele gingen zu den Truppen über, von Lohn und Nahrung verlockt. Was ihnen störend in den Weg kam, zerklatschten die Heere.
Die Söldnermassen selbst brachen gegeneinander los, schlugen sich nieder, verfolgten sich, metzelten sich von neuem, Kaiserliche Sachsen Schweden Bayern. Im Westen hatten sich die Welschen gesammelt. Sie warteten in frischer Kraft auf ihr Signal, um sich hineinzuwerfen.
Ende
Werke von Alfred Döblin
Die drei Sprünge des Wang-lun
Chinesischer Roman Achte Auflage
Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine
Roman Vierte Auflage
Der schwarze Vorhang
Roman von den Worten und Zufällen Dritte Auflage
Wallenstein
Roman Zwei Bände
Die drei Sprünge des Wang-lun
Dieser Roman ist ein Zeichen jenes Einfühlungsvermögens, das seit den Schlegeln der deutschen Literatur gegeben ward. Das ist kein papierner Hintergrund, bemalte Kulissen, das sind die wogenden Reisfelder, das ist der breite gelbe Strom, das sind die engen erbärmlichen Händlergassen, das Volk, das stiehlt, betrügt und betet; chinesische Märchen und Lieder beschreiben es uns. Gleicher Ebenen Hauch, tausendjährige Kultur umweht uns in diesem Buch, und manche Seite könnte vielleicht ebensogut in einem chinesischen Werke selbst stehen.
(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen)
Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine
Kein Zweifel, dieser Roman ist eine Leistung. Mit einem künstlerischen Eifer, den man fast Ingrimm nennen möchte, werden hier Menschen aufeinandergehetzt, wird ein Leben dargestellt, das nur in Arbeit, Kampf, Hetzjagd, fahrig an sich gerafftem Genuß, Mißtrauen, Unrast, Feindseligkeit besteht. Nach außen hin, da doch irgendeine Form gefunden werden muß, gibt sich dies als eine Konkurrenz zwischen zwei Berliner Fabrikanten, einem des älteren Systems und seinem Gegner, der ihn mit der Dampfturbine schlägt, ihn übrigens auch zu Diebstahl, Fälschung von Papieren und ähnlichen Existenznotwendigkeiten treibt. Wie Döblin dieses Buch, mag ein Gelehrter sein Werk schreiben, auch nur mit dem Verstand, wohl mit innerer Teilnahme, aber ohne Liebe, ohne Phantasie. Und trotzdem ermangelt es dieser natürlich nicht, ebensowenig fehlt es an Geist und Erfindung.
(Die Zeit, Wien)
Der schwarze Vorhang
In diesem Frühwerk zeigt sich schon die ganze Kraft und Eigenart Döblins. Er gestaltet auch hier schon ins Großzügige hinein. Zwar handelt es sich in der Hauptsache um Empfindungen und Gefühle. Aber er formt sie schon in mächtigen Zügen. Er hebt sie über das kleine, zerpflückende Alltägliche hinaus und gibt ihnen Gewicht, Bedeutung und fast Ewigkeitsinhalt. Allerdings stellt das Werk auch Anforderungen an den Leser. Es fordert Geduld und Hingabe. Aber am Ende lohnt sich dies alles. Wenn auch wieder der aufmerkende Leser nicht mit allen Schlüssen Döblins einverstanden sein wird.
(Die Post, Berlin)
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden, zum Teil unter Hinzuziehung späterer Ausgaben, korrigiert.
End of Project Gutenberg's Wallenstein. II. (of 2), by Alfred Döblin