Wallenstein. 2 (of 2)

Part 41

Chapter 413,739 wordsPublic domain

Nun ging er eisig aus sich heraus, vorsichtig, langsam, Schritt für Schritt sein Inneres zudeckend, zurückdrückend. Er bewegte sich zu Handlungen, beschwichtigte sich. Kuttner, der schöne zarte, verstand nicht, was der Kurfürst wollte, als ihm befohlen wurde, auf Wochen den Hof zu verlassen. Aber er ging. Richel suchte dem trauervollen bitter lachenden Kavalier das Herz zu erleichtern, indem er ihm eine neue Pariser Mission konstruierte. Aber trotz aller Zucht konnte Maximilian, nach München zurückgekehrt, es nicht verhindern, daß er einmal an der Drehbank, zwischen den subtilsten Elfenbeinarbeiten, sich dem lodernden Gedanken gegenüber sah, Maria Anna, die junge schöne fromme Tochter des flüchtigen Kaisers aus seiner ersten Ehe zu seiner Frau zu begehren. Jach wie aus dem Munde stürzte ihm der Gedanke; es war ein nicht zu beseitigendes Erlebnis. Er arbeitete, ging mit den alten Methoden an sich heran. Und dann war es ihm plötzlich zuviel. Keine Ruhe, keine Freude, kein Kuttner; er ließ sich los; es durchsetzte ihn.

Maximilian hatte das Gefühl des Verbrecherischen; er hatte das zitternde Gelüst in ein schwarzes offenes Fenster einzusteigen oben am Dach, die Hand auszustrecken und zu rauben. Er hätte nie geglaubt, daß ein Verlangen so stark sein könnte, -- wie dies: die junge Tochter des flüchtigen Ferdinand, Maria Anna, aus Wien zu holen. Es züngelte in ihm; es war unendlich labsam, hin und her werfend und dann wieder einschläfernd, gar keine Folter.

Er entschloß sich, als Kontzen nichts verbot, dem Gefühl nachzugehen; mit einer Wonne, die er nie gefühlt hatte, machte er sich zum Vollstrecker seines Gefühls.

Es war die letzte Tat des verfallenden Eggenberg, den Graf Trautmannsdorf im Auftrag des Königs Ferdinand besuchte, die Antwort auf die Frage zu formulieren, ob man dem Kurbayern Maria Anna zusagen sollte oder nicht. Das stolze Auftreten der bayrischen Delegierten Richel und Wolkenstein hatte am Hof trübe Erinnerungen geweckt. Eggenberg blieb dabei: »Geben, geben. Laßt sie stolz sein. Wir sind beides Opfer. Gebt sie ihm; er betrügt sich mit ihr.«

Die Prinzessin widerstrebte, Maximilian war alt und als hart verrufen, man tröstete sie mit seiner Frömmigkeit.

Sie wurden zu München in der Augustiner Kirche kopuliert. Abends brannten die Teertonnen und Scheiterhaufen auf den Plätzen. Auf dem Marktplatz vor der großen Mariensäule waren geölte Gänse an Stangen gebunden; Burschen jagten auf Pferden vorbei, suchten ihnen die Hälse abzureißen. In der Residenz tanzten die Edlen den heiteren Tanz der Guillarde, die Sarabande, Gavotte. Bankette auf dem großen Saal, Ballett, Ring und Quintanrennen. Beim Aufzug zum Rennen wurde der goldüberladene Kurfürst und seine Braut hinter Trompeten und Heerpauken, geführt von den Maestri de Campo, auf einem Triumphwagen durch die Straßen gezogen, im blendenden Frühlingssonnenschein von blumenstreuenden Nymphen umgeben. Zwei weiße Pferde waren vor den Wagen gespannt, Maximilian lächelte starr. Sie lachte erst, als auf dem schwarzen Blachfeld beim Armbrustschießen die schlechten Schützen gepeitscht wurden und man die Hosen auf einer Stange herumtrug, die die Stadt als Preis aussetzte. Und nach den Schwerttänzen der Waffenschmiede küßte sie vor dem jubelnden Volk den strengen Menschen neben sich auf dem Thronsessel. Er trug eine dreifache Perlenschnur um den Hut; ein goldener Reiherkopf aufgelegt mit Diamanten, hoch wippend und schwankend der weiße Reiherbusch. Sein fettes Gesicht war von einem dichten graubraunen Vollbart eingerahmt. Eine Glutwelle hüllte seinen Kopf ein. Er tauschte, die Augen lauernd vom Boden erhebend, einen verwirrten fast schamvollen Blick mit dem seitwärts stehenden jungen Kuttner.

Auf dem Schrannenplatz, an der Stelle des alten Galgens, errichtete Maximilian eine Mariensäule. Ihren Fuß umgaben mächtige geflügelte Engel mit starken Waffen, sie kämpften gegen Untiere. Kontzen predigte an ihr nach dem Psalmenwort: Du wirst über Nattern und Basilisken wandeln und Löwen und Drachen zertreten.

* * * * *

Die Menschenmassen ließen sich nicht halten. Sie schwappten und rieselten von Böhmen her nach Westen, von Norden gegen Thüringen, vom Rhein herunter. Gurgelten unablässig. Aus Bayern schwollen sie an, gespeist aus allen Teilen des Landes. Die Quellen fanden die tosenden Söldner, das Brunnenrohr schlug die Einquartierung ein, Erpressung und Drangsalierung, Hungersnot und Verzweiflung trieben die Wasser zum Anschwellen. Am Chiemsee floh die Masse der männlichen Bevölkerung in die Wälder und Berge, dann sammelten sie sich unter den Entbehrungen. Zwischen Alz und Inn, Inn und Isar zuckten und zitterten die Kirchenglocken, gepeitscht von den metallenen Schwengeln. »Aufstand!« bullerte es über die Dörfer, die in die Ebenen geglitten waren, in den Bergen träumten, sich in dem Chiemsee spiegelten. Die Heere, Bayern Maximilians des Hoffärtigen, Spanier und Italiener des Gouverneurs von Mailand, Kaiserliche des speichelleckenden Aldringen, des glatten grausamen Federfuchsers, wollten sie über die Isar werfen.

Sie liefen im Winter frierend über die dunstige Erde; auf den Bergen sah man sie laufen und lief nach. Frauen und Kinder, Greise, Kranke im Zug. Sie drangen plündernd in die Häuser der Grundholde ein, rissen die Tore der Scheunen auf, hingen die Müller an den Mühlen auf, schleuderten die Mehlsäcke, Mehlsäcke über Mehlsäcke auf die hungernde Straße. In Rosenheim taten sie sich zusammen, erließen gegen den Kurfürsten Maximilian ein Famosschreiben, nannten ihn Geizkragen Bestie Paternosterknecht. Die Pfarrer warf man als seine Lakaien aus den Häusern, Jesuiten wurden gepeitscht, hie und da ermordet.

Als sich die Grundherrn nach München wandten, schickte man ihnen Kapuziner, die sollten die Bauern besänftigen; die Mönche wagten sich nicht an den Herd heran. Das Regiment Kronberg stand bei Endorf und Prien am Chiemsee, dann über Riederung und Sochtenau; die Kompagnien wurden einzeln überfallen, zerstreut, die Pferde geraubt, die Waffen gesammelt; allenthalben begann der Einbruch in die Schlösser und Depots, Waffen wurden gesucht. Eine beherzte Mönchskommission machte sich auf zu den Rebellen; sie sah in den Bauernlagern solchen Jammer, daß sie, ehe sie Maximilians Mandat verlesen hatte, abzog; die Mönche verschluckten vor diesen Männern, die sich vor Schwäche kaum auf den Beinen hielten, vor diesen hohlbäckigen, den Gräbern, an die man sie führte, die zornige Warnung, ließen sich gramvoll durch die leeren Dörfer zurückführen.

Generalwachtmeister Lindelo in Wasserburg erhielt den Auftrag, seinen Platz zu halten. Spanisches Fußvolk aus Ferias Heer kommandierte Oberst Billehn, Artillerie kam aus München, Fürstenberg führte seine Reiter heran. Bei Ebersberg machten sie zweihundert Bauern still. Als das Dröhnen der Kirchenglocken nicht aufhörte, schoß Artillerie die Dörfer in Trümmer. Die ortskundigen Söldner machten Zeichnungen der Landschaft, man konnte ohne Lärm große Massen der Bauern umzingeln, mit Feldstücken und einigen Schlangen umlegen. Versprengte von Kronbergs Reiterei suchten Rache; den Rädelsführer Michael Mauerberger faßten sie, er wurde ihnen vom Oberst Billehn entrissen und da er gestand am Rosenheimer Famosschreiben beteiligt zu sein, sogleich enthauptet, gevierteilt. Die zerhackten Stücke stellte man aus, auch gegen die oberösterreichische Grenze, wo das Branden eben begann.

* * * * *

In die wandernden Scharen der Landesflüchtigen, in die Verödung der Landschaften geriet Ferdinand hinein. Er war dem Bandenführer entwichen, der ihn zehn Tage gefesselt hatte, um ihn an den Wiener Hof gegen ein Lösegeld wieder auszuliefern. Er strudelte mit den Bettelnden Hungernden Plündernden. Ferdinand, längst schmierig wie sie, aß Fleisch von gefallenen Pferden wie sie, lief vor hetzenden Hofhunden; Kaspar Weinbuch, der vertriebene Müller von Bamsham, mit ihm. Sie hielten sich keine zwei Tage an einem Ort auf; der Boden war lebendig, er hob sich auf, stieß sie von sich. Ferdinand, dünn geworden, sein Gesicht knochenmager, überzogen von einer schlaffen faltigen schmutzüberkrusteten Haut; er ging krummer, rascher als sonst, sein hellblauer Blick bestimmt und sehr lebhaft. Redete und fuchtelte nach rechts und links: »Kein Erbarmen! Kein Erbarmen! Gebt nicht nach. Es sind Teufel in der Welt; wenn ihr sie nicht bezwingt, kommt die Sintflut und was Lebensodem in der Nase hat, wird ausgerottet. Es kann nicht anders geschehen. Der Herr kann sich nicht anders retten.« Seine Parole wie Kaspar Weinbuchs, eines noch jungen einarmigen Menschen, der seine Mühle angesteckt hatte, weil er für die Italiener mahlen sollte: »Gebt nicht nach. Braucht Gewalt! Kein Mitleid! Braucht eure Arme, eure Zähne. Sterbt nicht, sterbt nicht hin. Wo ist eine Rettung für die Menschen, wenn ihr vergeht. Die Mühle, die die nächsten Geschlechter, Kinder und Enkel und Enkelkinder zermahlen soll, steht schon da, unser Blut, unsere Knochen hängen am Mühlrad. Sie muß brennen. Gebt nicht nach. Sterbt nicht! Sterbt nicht!«

Sie plünderten viel, um leben zu bleiben, verteidigten sich, trugen Waffen; Pferde konnten sie nicht halten, da der Hafer ausging. Obwohl sie sich oft in leere Häuser einquartierten, litten sie furchtbar unter der Kälte.

Ferdinand legte sich den Namen Grimmer bei. Die hetzenden harten Reden flossen aus seinem Munde; er wollte nicht sehen, wie sich Verzweifelte in die Städte schlichen, sich satt zu essen und zu wärmen, ob man sie auch totschlüge oder sich bei den verfluchten Söldnern anwerben zu lassen. Grimmer, kaum an seinem Stock laufend, tröstete und reizte sie: »Fürchtet Gott! Fürchtet ihn! Wisset, daß eine grausige Macht hinter der Welt ist, der wir Verantwortung schulden. Gebt keine Nachsicht. Mordet, mordet! Vergeßt ihn nicht!«

Was manche dieser Horden vor sich trugen, war das Schrecklichste, das die umlaufende Bevölkerung gesehen hatte: Kreuze aus starken Baumästen, mit Stricken zusammengebunden, daran hing ein wirklicher faulender Leichnam, bald ein Mann, bald ein Weib, manchmal ein Weib und an jedem Querast ein baumelndes Kind; den pestilenzialischen Geruch schienen, die das Kreuz trugen, nicht zu merken.

Sie wurden allenthalben zersprengt. Über Fürth irrte Grimmer mit Kaspar Weinbuch.

Es war Frühling geworden, als sie böhmischen Boden betraten. Fließender Regen ohne Ende. Man ängstigte sich vor den hetzenden Gesellen, trieb sie weiter. Eine alte Fischerin, die sie für Stunden aufnahm und beköstigte, warnte sie, zeigte die Kinder ihrer Tochter, drei junge Geschöpfe, die sie bei sich hatte; Vater und Mutter waren bei einer böhmischen Revolte umgekommen: »O, was haben sie von den lieben Kindern. In der Erde, so jung, so jung.« Böhmen hätte gelernt, sei still geworden. Während der bärtige Müller finster lachte, streichelte Grimmer die Hände des alten Weibchens: »Was willst du? Es ist ja alles wahr, was du sagst. Ich möchte es so gern glauben. Es hilft aber nichts.«

Sie betrachtete ihn traurig: »Wie lange wirst du alter Mann noch herumlaufen; wirst ruhig sein wie ich.« »Ach, es hilft nicht, Weibchen, was du sagst. Du willst dich sterben legen. Alle wollen sich sterben legen. Bleibt doch leben, haltet Euch steif.« »In der Bibel steht: meine Kraft ist an dem Schwachen mächtig.« »Ihr wollt sterben. Ihr könnt nichts als sterben.«

Der Müller riß ihn, der versunken in der Hütte saß, mit sich fort, brüllte draußen: »Das Volk, Männer und Weiber, ist eins; träge und lahm. Wollt Ihr sie gründlicher studiert haben als wir.«

Vor ihnen scholl das Gerücht: der Friedländer, des Kaisers Feldhauptmann, sei in Eger erschlagen auf kaiserlichen Befehl, seine Freunde, die hohen Offiziere mit ihm. In Mies sollte er begraben sein, auf dem Boden seines ehemaligen Feldmarschalls von Ilow. In dem Ort suchte und suchte Grimmer, er wollte zu ihm auf die bewachte Grabstätte im Franziskanerkloster. Sie hielten sich lange hier auf. Und wie Weinbuch schon unwillig weiter drängte, knarrten eines Mittags Reisewagen in das Dörfchen von Osten; eine edle noch junge Frau stieg herunter in grauer Kleidung des Leides, um die Stirn die Kreppbinde, vom Ärmel fiel der weiße Trauerstreifen; vier Frauen hinter ihr; Isabella, das Weib des toten Friedländers. Da vermochte Weinbuch den andern nicht von der Stelle zu bringen.

Eine kleine Bande Klopffechter, Sankt Markus- und Lukasbrüder trollte am selben Tage in das Dorf ein, die Kunst des Fechtens mit allen Gewehren zu zeigen; ein jovialer wohlgenährter Zahnbrecher und Steinbrecher war dabei, die beiden herumlungernden düsteren Tröpfe wurden von ihm erblickt, angelockt, zu seinen Schauprozeduren herangeholt; er fütterte sie.

Aus dem dumpfigen Boden wurde der Körper, der ehemals sich mit dem Herzog Albrecht von Friedland, dem Böhmen von Wallenstein, bewegt hatte, geschaufelt: zwischen zwei dünnen Kieferbrettern lag er geklemmt. Dorfbevölkerung hatte die Witwe aufgeboten zur Begleitung der Leiche über die Bannmeile; auf zwei Stangen trugen alte Bauern den Sarg, mit einer grauen Decke war er überhängt, damit man nicht sähe, daß dem zu langen Toten die Unterschenkel zerschlagen und umgebrochen waren.

Armselig hinter den vier Mönchen zwischen den Bittfrauen und Groschenweibern die ganz verhängte Fürstin. Schritt, Schritt.

Von weitem folgte Ferdinand, auf zwei Stöcken, die Kappe in der Hand, weinend, das vibrierende graue Gesicht von dem warmen Wasser gefühllos überlaufen.

Weinbuch schimpfte über das Geplärr. Das Maul breitziehend ließ ihn der Müller, schlug sich zu den andern, die auf Kosten der Fürstin den Tod im Wirtshaus versoffen mit Bier und Rosmarinwein. Auf einen Leiterwagen lud man an der Wegkreuzung den Herzog; die Witwe fuhr hinterdrein, auf Gitschin zu, in die Karthause Walditz.

Grimmer, dem ein stoppliger Backen- und Kinnbart gewachsen war, war von dem Tag an von einer sonderbaren Einsilbigkeit; sein Gesicht war unbeweglich. Er stand, als ein kläglicher kleiner Zug Flüchtlinge vor ihnen vorbeizog und der Müller die Arme ausstreckte und zu reden anfing, stumm und wartend abseits. Der Müller jauchzte die alten lockenden wilden Worte: »Nicht nachgeben! Beile genommen! Schlagt aus nach rechts, schlagt aus nach links! Gehämmert in die Mauern!« Die Flüchtlinge reckten die Arme wie er.

»Was stehst du da?« fuhr ihn der Müller an, wie sie gingen, gefährlich. Still und ohne Klage sagte der andere: »Ich kann's nicht. Ich bring' es nicht heraus.« »Was bringst du nicht heraus.« »Ich kann nicht fluchen.« »Was bist du für einer. Du bist selbst angefressen. Legst dich selbst zum Sterben.« Es war mit Grimmer nichts anzufangen.

Ferdinand hatte sich, als er unter die flutenden Menschenmassen geriet, überwältigen lassen. War dem Jammer, der ihm begegnete, unterlegen. In Graus und Reue hatte er geschrien: »Beile genommen! Beile! Nicht nachgeben!« Das schlief schmerzlich vor Wallensteins kläglichem Holzsarg ein.

Und nun kam die Dunkelheit über ihn. Er wußte nicht, was wurde, aber er wartete. Ein großes Bedürfnis nach Schlaf hatte er. Es wäre möglich gewesen, daß er ohne Widerstand hinstarb. Und dann regte sich eine Bewegung in ihm. Er seufzte und die Erinnerung trat in ihm auf: »Gebt Raum, gebt Raum.« Sanftheit und Stille, worin er Platz nehmen wollte. Der Balken, an dem er sich entlang tastete. Oft blickte etwas in ihm auf Wallensteins Sarg. Er fühlte sich bewogen, viel hinter dem Sarg herzugehen, Hände zu drücken, die gebrochenen Beine auf Watte zu schienen.

Die Fechtbrüder und der Zahnbrecher hatten Gefallen an ihm, nahmen ihn und den Müller auf ihrem Wagen mit; er sollte für sie ausrufen. Sie gerieten in Streit mit dem Müller, als der sich daran machte, in ihrer Weise sie zu erregen. Als Weinbuch in seinem Zorn ihnen einmal zwei gute Degen mit einem Stein zerbrach, prügelten sie ihn. Der Müller entwischte; den andern, der mit ihm wollte, ließen sie nicht fort. In die Zone der Heere reiste die Bande, um besseren Gewinn zu finden. Als die ersten Kompagnien in der Gegend von Joachimstal an ihnen passierten, bettelte Grimmer, sie möchten ihm das schenken, den Anblick der Söldner, er wolle fort von hier. Jubelnd kam einmal der dicke Quacksalber an: er habe den andern mit dem braunen Bart, den Kaspar, den Müller, gesehen. Wo, wolle er nicht sagen: hoch in der Luft, an einem Soldatengalgen hänge er; hätte wohl das Maul sehr voll genommen. Grimmer flammte: »Führt mich hinein. Führt mich hin. Ich will ihnen alles sagen. Er ist einen guten Tod gestorben.« Und er schrie über Weinbuch und weinte: »Laßt mich fort! Helft mir doch.« Sie lachten: »Gewalt! Gewalt! Lauf mit deinen Krücken. Wir werden einen Hund gegen dich jagen, daß er dich umrennt.« Er hob die Hände und zitterte: »Ihr könnt nichts für eure Wildheit.«

In einem Birkenwald, der eben grünte, lag an dem Platze, wo sie ihr Lager aufschlagen wollten, ein brauner Frauenschuh, und nicht weit kam ein ganz feines Winseln zwischen den Stämmen her. Sie gingen dem Winseln nach. Da lag entblößt und zerhackt ein zusammengebogener Frauenkörper und auf der Erde hinter seinem Rücken streckte ein verpacktes kleines Kind die weißen Beinchen in die Luft, schlug mit den blauen Händchen, winselte. Mit einem markerschütternden Geheul, als hätte er die Sinne verloren, warf sich Grimmer an die Erde, kroch auf den Knien vor die Frau, deren eisiges Gesicht er bestrich. Sie rissen ihn von der Zerhackten los; er ließ den Stock liegen, tastete nach dem Kind, hielt es fest. Sie vermochten nicht es ihm aus dem Mantel herauszuziehen; er warf sich, als sie damit begannen, auf das Gesicht und deckte das Kind. Sie bewogen ihn dann aufzustehen; das Wesen schrie in seinem Mantel; er stand wie ein Bock; sie mußten ihm das Geschöpf lassen; grausig brüllte er, er gäbe es nicht ab.

Die Bande stahl Frauen und erpreßte mit ihnen Geld, verkaufte unerlaubte Hartmacherbriefe. Sie ließen den Grimmer mit seinem Kind nicht los, weil er schon zuviel von ihnen wußte. Er besänftigte sich, folgte, war gut zu ihnen. Aber es war etwas Gespanntes in ihm, wovor sie Furcht hatten. Das Kindchen gab er einer Nonne ab. Er bohrte, bohrte, sie sollten ihn laufen lassen. Welches Recht sie hätten, ihn zu halten. Er drohte; sie lachten. Verzweifelt saß er stundenlang in einer Wagenecke, rang die Hände. Sie ließen ihn im Stroh gackern. In ein rasendes Gezänk ließ er sich mit ihnen ein; da er ihnen rachsüchtig schien, nahmen sie ihn nicht mehr auf die Märkte, in die Dörfer hinein mit; sie wollten ihn schon kirre kriegen. Er hatte in dieser Zeit die Aufgabe, mit einigen Roßbuben auf die Wagen zu achten. Als die Buben berichteten, daß der Grimmer, statt sich um die Wagen zu kümmern mit vorbeiziehenden Wallonen lange heimliche Gespräche führte, daß auch einzelne Wallonen sich schon mehrfach in der Nähe des Quartiers hätten sehen lassen, beschlossen sie sich seiner zu entledigen; sie waren der Meinung, daß Grimmer an Flucht oder Verrat dachte.

Sie kamen bei Kaaden vorbei, wo ihnen das Kind eines Ratsherrn in die Hände fiel. Die aus der Stadt aber hatten einige Reiter, die sich hinter ihnen her machten. In ihrer Angst ließen sie das Kind auf der Landstraße zurück. Als sich die Reiter damit noch nicht zufrieden gaben und nach ihnen suchten, spannten sie die Pferde von den Wagen, ritten davon mit allem, was sie schleppen konnten; den Grimmer ließen sie bei den Wagen. Er wurde von den Reitern gefaßt, nach Kaaden gebracht und in der Stadtmauer eingesperrt. Die Büttel, von den Angehörigen des Kindes noch bestochen, ließen ihre Wut an ihm aus.

Ferdinand aber schien, seit er die Quälereien von der Fechterbande erfahren hatte, ein vollkommener Narr geworden zu sein. Er war von einer flutenden, stoßweise ihn durchrollenden Erregung heimgesucht. Wie ihn die Räuber auf die Straße warfen und er gefangengenommen wurde, war er, als wäre er alle Sorgen losgeworden. Er hatte schon die Wallonen im Wald nicht, wie die Buben erzählten, aufgefordert, ihn zu befreien, sondern nur von sich erzählt. Er sei in einem hohen Amt gewesen, hätte es aufgegeben. Denn das Regieren hätte wenig Zweck. Es läuft alles von selbst. Es ist auch alles gut, hätte er erkannt; man müsse nur wissen wie. Man könne mit ihm tun, was man wolle, man täte ihm nicht weh. Er forderte die Wallonen geradezu auf, ihm doch Hiebe zu versetzen, sie täten ihm Gutes damit an. Als ihm einer dann einen Faustschlag gegen die Schulter gab, sank er in das Gras, wand sich vor Schmerz, aber lächelte verzerrt: es machte nichts, es täte ihm wohl; sie ließen ihn blaß, halb ohnmächtig sitzen. Im Stadtkerker wurde er gemißhandelt, daß er meist seine Besinnung verlor. Sobald er aber frei war, erzählte er wieder, er sei der Kaiser Ferdinand, der Römische Kaiser, es ginge ihm jetzt besser. Wie gegen einen Klotz verfuhr man mit ihm; um ihm Geständnisse zu erpressen, brannte man ihn an Stirn und Arm und streute Salz in die Wunden. Er gab zu, was er von der Bande wußte, sich selbst beschuldigte er nicht. In dem Keller stand er bei jeder Vernehmung vor dem Richter und dem Henker, der gebückte graue Mann, bejammerte Richter und Henker, beschwor sie an sich zu denken und nicht an das Gesetz und den Kaiser; er sei Kaiser gewesen, er spräche sie frei von der Verpflichtung; Mehrer des Reiches möchte er sein, und darum möchten sie davon ablassen, ihn zu quälen: es helfe ihnen nichts.

Er rief sie an: »Ihr müßt euch freuen. Es ist Mai oder Juni. Es ist eine schöne Zeit. Macht nicht so finstere Mienen. Euer Handwerk verdirbt euch, es macht euch die Brust eng. Würde doch kein Tier so finster und trübe leben wollen wie ihr. Lacht. Wenn man lacht, begrüßt man die anderen Wesen.« Sogar nach einer peinlichen Prozedur des Streckens bat er matt: »Ihr müßt nicht so strenge Mienen machen. Es ist ja alles in der Welt so schön. An mir müßt ihr keinen Anstoß nehmen. Ich bin kein Schelm; meinetwegen braucht ihr euch nicht zu erbittern. Und auch mit den anderen könntet ihr fröhlicher fertig werden. Fröhlich, fröhlich. Ich bin es auch und möchte darum leben.« Er glitt an seiner Stange entlang.

Sie lachten aber nicht. Und ganz finster wurden sie erst, als der Henker eines Morgens Grimmers Zelle leer fand.

Die Klopffechterhorde hatte von seiner Einkerkerung gehört; sie gereute es nicht gerade, ihn überliefert zu haben, aber sie wollten dem Ratsherrn einen Possen spielen, nachdem sie um den Prellohn gekommen waren. Sie überwältigten, da sie starke Menschen waren, eines Nachts die Posten der Stadtwache vor dem Kerker, nachdem sie unbemerkt über die Mauer gestiegen waren. Grimmer vom Fackellicht aufgeschreckt, blinzelte sie aus dem Stroh an; sein Gesicht tieftraurig, er erkannte sie nicht. Dann als sie ihn anhoben und mit einem Mantel bedeckten, begrüßte und streichelte er sie flüsternd. Sie schleppten ihn mühselig über die Mauer, Ferdinand verbiß jeden Schmerz. Während sie selbst vor Übermut kicherten, mußten sie seinen Jubel dämpfen. Der dicke Steinschneider, der sein Pferd führte, fragte ihn, als sie davon durch den sausenden Wald ritten, ob er nicht einen Priester haben wollte. Ferdinand lachte: »Noch nicht. An meinen Heiland glaube ich. Aber wenn ich Sünden bekennen sollte, ich wüßte nicht, welche ich bekennen sollte.« »Du bist schlecht«, warnte der andere. »Nein, verzeih mir. Es hat sich mir alles verwischt. Weißt du, wo ist Sünde und Tugend?«

Nach vierstündigem Ritt lagerten sie in einer Hütte, wo die anderen Gesellen schon warteten, blieben dort ungestört einige Tage. Ferdinand lobte sie für die Wohltat an ihm. Sie ließen ihn viel allein.

Als man zu dem tief gelbsüchtigen fiebernden Ferdinand, dessen Körper aus vielen Wunden eiterte, einen Barfüßermönch schickte, weinte er heftig, gestand: »Die Sünde, ja, das ist es.«

»Nun siehst du.«

»Ich kenne sie, ich weiß, was Sünde ist.«

»Siehst du.«

»Nur, ich kann sie nicht fühlen. Mir ist alles verwischt. Wer hat mir das angetan?«

»Du bist krank, du frierst, du schüttelst dich im Frost.«

Aber Ferdinand blickte ihn ruhiger aus seinen hellen Augen an: »Ich bin verzaubert. Ich kann nichts als mich freuen.«