Part 40
Aus Eger erging ein Erlaß des Friedländers an alle seine Regimenter, von einer Zahl fanatischer Böhmen getragen: darin forderte der Herzog kraft seines Generalates und gemäß dem ganzen Respekt, durch den die Obersten an ihn von Kaiserlicher Majestät gewiesen seien, die Obersten auf, sich sogleich in Eger einzufinden, die Truppen in Laine. Er bediente sich zur Begründung in dem Mandat der Wendung, es geschehe im Dienst der Kaiserlichen Majestät und damit man dem Feind, wie er's verdiene und wie sich's gebühre, begegnen und sein Attentat verhindern könne. Denn wie der Herzog in Pilsen Juden vorgefunden hatte, so erwarteten ihn auf dem Wege von Mies nach Eger Haufen über Haufen adeliger bewaffneter Böhmen, die sich aus Prag und dem Egerland aufgemacht hatten, um sich mit dem Herzog zu vereinen. Er hätte keinen Reiterschutz für die Reise nötig gehabt, die Böhmen beobachteten alle Wege Wälder vor, hinter, neben ihm; sie traten nicht in die Stadt ein, die die Truppen hinter sich verschlossen. Auf das Bitten Sesyma Raschins ließ Wallenstein ein Dutzend von ihnen ein. Sie boten sich an ihn persönlich zu schützen; er war befremdet, böse, fand, daß die Herren in Prag sich nützlicher gemacht hätten, wenn sie Rebellion erregten. Er wurde dann stiller, schien gar nicht geneigt sie anzuhören; sie hörten, wie er im seitlichen Gespräch mit Trzka, der ihn beruhigen wollte, gehässig zischte, die Herren wollten ihn für ihre Zwecke mißbrauchen, suchten sich wohl einen König von Böhmen, er hätte mit dem kindischen Pack nichts zu schaffen. Nach einer ganzen Weile erst trat er wieder an sie heran mit gefährlicher Miene; sie sollten nicht meinen, daß er ihnen Zugeständnisse in irgendwelchem Belang mache, er wolle sie für allerhand Geschäfte annehmen. Smil von Hodojewsky, jetzt ein bärtiger leiser Mann, der unzähmbare kleine Berka, der gramvergorene Daniel Lockhaus stürzten vor ihm hin, küßten nacheinander dem Herzog die widerwillig hingehaltene Hand. Auch als die drei hinausgegangen waren, sprachen sie kein Wort. In einen Schuppen seitlich vom Hause zog Smil die anderen. Sie sahen sich an, umarmten und drückten sich. Auf den Anblick der leidend hochgezogenen Augenbrauen Daniels unterdrückte Smil das Schluchzen, das aus der erfüllten Brust in ihm hochwogte; sie ließen Daniel allein weinen und trösteten ihn. Sie würden Wallenstein erobern, noch jetzt, erst jetzt. Er hatte sie angenommen. Auch er hatte erfahren, was Habsburg ist. Sie würden ihn nicht verlassen. Eine gewählte Anzahl der Böhmen durfte in die Stadt zum Verteidigungsdienst, die übrigen sollten im Land schleunigst Rebellion vorbereiten und den Anmarsch eines gegen Eger ziehenden Heeres erkunden und belästigen. Ilow und Trzka bekamen den Befehl, die Verteidigung Egers in die Hand zu nehmen. Der Kanzler Elz wurde zu den nahewohnenden protestantischen Herren und Grafen geschickt, sie aufzubieten, auch zu dem Markgrafen von Brandenburg-Kulmbach.
Der kam, ein vertrocknetes altes Herrchen selbst mit kleiner Begleitung angefahren, um sich nach den Umständen zu erkundigen. Wallenstein drang in den listigen zähen Gesellen ein, zu ihm sofort mit seinen hundert Territorialtruppen zu stoßen und zu alarmieren, wer ihm zuverlässig erschien. »Ich bin«, sagte der Herzog an diesem bleichen Morgen, »hierher gekommen nach Eger, um nunmehr den Kampf mit dem Kaiser in aller Offenheit aufzunehmen. Euer Liebden weiß, wie die Dinge im Reich stehen. Euer Liebden sind Reichsfürst und Protestant. Wir unterwerfen uns alle der Kaiserlichen Oberhoheit, aber nicht dieser. Ich habe sie gezwungen, in den letzten Wochen, die Maske abzulegen. Es handelt sich um die Niederringung der Religionsfreiheit und sie sind maßlos. Der Kaiser ist ihr Instrument; ich habe Nachricht, daß man nicht weiß, wo der Kaiser steckt; ich weiß, man hat den gütigen edlen Herrn beiseite gedrängt, als man gedachte vorzugehen.« Dann: »Euer Liebden: die Reichsfürsten müssen sich besinnen; es ist hohe Zeit. Ich weiß, Ihr werdet mir vorhalten, ich habe wenig Grund, das Euch vorzuhalten, ich hätte selbst genug an den Reichsfürsten gesündigt als Kapo einer kaiserlichen Armada. Da habe ich geglaubt, einem Kaiser zu dienen. Ich bin gewaltsam vorgegangen wie ein Soldat, aber ich habe geglaubt dem Frieden dienen zu müssen. Ich bin auch widerstandslos gegangen, als man mich meines Generalates enthob. Jetzt hab' ich nicht mehr den Wahn, dem Kaiser zu dienen. Ich habe die Zähne zu zeigen der eigensüchtigen Kamarilla, den verbohrten Scheinkatholiken, denn das sind die Jesuiten, die euch Protestanten die Treue absprechen und nicht als Menschen, geschweige als Fürsten und Herren anerkennen.« Darauf knurrte der Kleine, er kenne diese unflätigen Lehrer, die die Grausamkeit und Unversöhnlichkeit predigen und die man totschlagen möge. »Ja totschlagen, Herr Markgraf. Da seht, wer totschlagen kann. Mich haben sie hierher getrieben wie einen Räuber und gedenken mich auch zu fangen wie einen Räuber. Wären mir die Regimenter nur gefolgt, wären sie überführt ihrer Falschheit und Bosheit und das Reich ginge der guten Beruhigung entgegen.« »Ihr seid machtlos,« krächzte später erregt der Herzog, als der dürre Markgraf von einem neuen großen protestantischen Bund redete, »laßt Eure Neuigkeiten, Ihr kommt nicht weiter vor Hader, wir haben es gesehen an dem Bund von Bärwalde, in Heilbronn. Schickt Soldaten zu mir, daß ich den Stoß der Kaiserlichen auffangen kann. Ich verlasse mich auf den Feldmarschall Arnim, Bernhard wird die Situation erfassen. Jetzt keine Eigenbrödeleien, Euer Liebden. In acht Tagen entscheidet sich das Geschick des Reiches.« Der Kleine kaute: »Mich wird man nicht ausrotten können.« Wild der Herzog: »Euer Liebden können mir vertrauen, ich habe lange genug die Fäden in meiner Hand gehabt; Ihr wißt, daß mein Name nicht ohne Klang ist. So will ich nicht Friedland und von Wallenstein heißen, wenn nach diesem Krieg von Euch Reichsfürsten mehr als ein Haufen von Edlen übrigbleibt, die jeder ausplündern kann. Das Heilige Reich verblast Ihr --« »Was soll das?« »Gebt mir Truppen. Jetzt, im Augenblick. Die Judasse, die das Reich verderben, kennt Ihr.«
Der alte Markgraf trabte ab; verärgert schimpfte er seinen Begleiter aus: »Ich mach' seine Rebellion nicht mit. Das Mandat des Gallas paßt ihm nicht, und er denkt mich zu beschwatzen. Er wird den Reichsfürsten noch aus der Hand fressen, der Gernegroß, der böse Gewaltmensch. Sein großer Name: ha.«
In zwei Tagen hatte der Herzog, selbst ausreitend, die Kompagnien so in der Hand, daß bei stürmischem Schneewetter das Aufwerfen von Schanzen in der Stadt, die Aufstellung einer leidlich starken Knechtstruppe aus der Stadt und den Dörfern in flottem Gang war. Gegen die Offiziere erging er sich in groben Worten über die abgefallenen Regimenter, besonders über den treulosen Grafen Gallas und das usurpierte Generalat; er würde, wenn es sein müßte, gegen Wien marschieren und sie Mores lehren. Der lange Ilow und Trzka arbeiteten wieder in leidenschaftlicher Anspannung. Jetzt erst erschreckte Wallenstein, sein gräßliches marterndes Leiden mißachtend, seine Umgebung durch die alten tobsüchtigen Ausbrüche. Er bäumte sich gegen das Gefängnis dieser Stadt: der Kaiser müsse geworfen werden, das Reich in Fetzen zerrissen. Er werde einmal seine Rache für alles nehmen, von Ungarn angefangen bis Regensburg und Pilsen.
Er trug keine Schuh, in dicke weiße Verbände waren seine Füße eingeschlagen, sein Pferd mußte geführt werden. Im Lederkoller, den weiten roten Mantel unter seinem Federhut, der ihm zu weit geworden war, auf dem schaukelnden Pferderücken. Er war mit Riemen angebunden; vor Schwäche sank er oft nach vorn auf den Mund über die Mähne des Tiers und mußte hochgehoben werden.
Im Haus drückte er sein dick gedunsenes Gesicht gegen das Fenster, knirschend: »Sie haben es erreicht. Ich wollte Frieden machen. Da ist er. Hin. Da lieg' ich.« Leise zu Trzka: »Ich sage dir: das Römische Reich ist nicht zu retten. Ich konnt' es nicht. Ein anderer wird's auch nicht können. Ich nehme Gott zum Zeugen, daß ich's versucht habe.« Seine Lippen baumelten und zitterten.
Da hielt es Slawata in Gemeinschaft mit dem Oberst des abgefangenen Regiments und angesichts des Zulaufs aus dem Land nicht mehr an der Zeit zu warten. Er war durch die täglich zahlreicher andrängenden böhmischen Freiwilligen -- schon waren fünf ganze Kompagnien vor den Mauern -- in stündlicher Gefahr erkannt zu werden. Der gedungene Oberst Butler war des Wartens schon lange überdrüssig. Als der Einfluß des Herzogs auf sein eigenes Regiment sichtbar zu werden begann, als Trzka frohlockte, Bernhard von Weimar rücke von Süden an, Arnim von Norden, das ehemalige friedländische Heer sei noch in voller Unordnung, sie würden ein leichtes Schlachten haben, kam Butler mit Slawata überein, augenblicklich in dieser Nacht die Exekution vorzunehmen und den Herzog samt seinen Begleitern vom Leben zum verdienten Tode zu befördern. Der Kommandant Egers mußte eingeweiht werden, weil man vor Beginn der Nacht ein paar Dutzend zuverlässige Dragoner, die draußen im Freien kampierten, einlassen wollte. Man konnte diesen Mann, der entsetzt war, einen Obristleutnant Trzkas, nicht gewinnen; er war nur bereit, diese Nacht das Kommando an Butler selbst abzugeben. Aber sie konnten sich damit nicht abfinden; der Kommandant mußte seine Wohnung in der Zitadelle zu einem Bankett hergeben, mußte dem Bankett vorsitzen.
Es war des feinen Grafen Slawata letzte Bewegung in dieser Sache. Sie ließ ihn, wie sie vor der Vollendung stand, los. Eine Schlaffheit befiel ihn, er ging in Unruhe durch die Gassen; Ratlosigkeit, Mißtrauen höhlte ihn aus. Vor einem verendenden Pferde stand er neben dem Karren des Schinders; übel lief es ihm im Mund zusammen. Er bewegte sich zitternd fort. Aus der Stadt weg verlangte ihn. Vor dem Pachhelbelschen Haus strich er; ob er mit Kinsky sprechen sollte; worüber? An den Vorbereitungen zum Bankett nahm er nicht Teil.
Die friedländischen Vertrauten gaben sich nach den schweren Erregungen der Tage gern zu einem Fest her, in dieser düsteren Stadt, vor der ihnen schauderte. Sie tauten auf, der gewalttätige Ilow, der blonde Graf Trzka, Kinsky mit der unglücklichen Miene, der schmächtige trotzstarke Rittmeister Neumann, unter der munter zusprechenden Gesellschaft. Sie tranken und tranken; das herrliche Bankett im Pilsener Lager erstand vor ihren Augen. Schon angetrunken, in himmlischer Stimmung gingen sie zur Durchsicht eben abgegebener Depeschen in ein Nebenzimmer, ließen sich das Konfekt nachtragen. Da folgten ihnen auf ein Zeichen irländische und italienische Hauptleute und Oberstwachtmeister, voran ein gewisser Deveroux, gegen den ein Haftbefehl wegen Erpressung und gemeiner Notzucht vom Herzog vorlag, mit Piken, gezückten Degen und Pistolen in das abseits gelegene Zimmer, stießen, sich anfeuernd, das Gebrüll: »Es lebe Ferdinand!« »Wer ist gut kaiserlich?« »Viva la casa d'austria« beim Eintritt in das Zimmer aus.
Das Zimmer hatte nur eine Kerze, vor der die vier Herren lasen. Der Kommandant nahm die Kerze vom Tisch; wie Kinsky, der heulend auf die Knie sank, zwischen Hals und Kragen durchbohrt sich lang ausstreckte, stürzte dem zitternden Kommandanten die Kerze aus der Hand. In einer Zimmerecke wurden Ilow und Trzka, die rasend mit bloßen Armen schlugen, da sie im Gedränge nicht an ihre Degen herankamen, durch Schläge der Piken, zahllose Degenstöße im Finstern niedergemacht; sie wurden zerdrückt, daß man sie kaum an Armen und Beinen aufheben konnte, als man sie zum Fenster auf den Hof werfen wollte. Der Rittmeister Neumann entwischte im Dunkeln aus dem Raum, auf dem Gang zum Bankettsaal lief er in die vorgehaltenen Partisanen der Posten.
Deveroux, rasselnd mit dem metallbeschlagenen Mantel, torkelte unter Gebrüll und Gejohl mit einigen Dragonern durch die mondhellen Gassen von der Zitadelle in die Stadt, auf den Markt. Er schlug in seiner Betrunkenheit mit seinem Degen Funken aus den Steinen vor Wallensteins Haus, schmähte laut den Herzog, lachte, bis Butler ihn tief erschrocken hereinzog. Die Wache an der fackelhellen Treppe zu Friedlands Zimmer wollte der lauten Gesellschaft den Weg versperren; sie warfen den Posten die Stufen herunter. Grölten, schoben sich gedankenlos von Stufe zu Stufe.
Da kreischte hinten einer, krachte die Treppe herunter, das Geländer schwankte. Sie sahen sich vorne um. Ein schmächtiger rasender Mann drängte sich, einen Dolch schwingend, durch sie herauf, zischte. Sie wichen verblüfft seitlich. Oben schlug er Deveroux, der die Arme in den Hüften aufgestemmt sich über das Geländer bückte, mit den Fäusten und dem Dolchknauf ins Gesicht. Lief, wie der stöhnend den Kopf beiseite wandte, vor ihm in den Gang zur Kammer des Herzogs.
Ein Kammerdiener stand da mit einer Kerze, der eben dem Herzog auf einer goldenen Platte eine Arzenei in Bier bringen wollte. An der Tür der Kammer schrie der leichenblasse Mensch mit dem Dolch -- seine schmutzige Kappe fiel hinter ihn, die langen blonden Locken hingen ihm strähnig wild über die Augen -- nach dem Oberst. Verzweifelt kreischte er: »Weg! Weg hier! Wo ist Butler!« Heulend, mit schnarrenden Zähnen, bibbernd lag Slawata unten im engen Gang auf den Knien, streckte bettelnd den Arm nach ihnen aus. Sie hatten die Wämser zerrissen, die Stiefelschäfte herabgetreten, die Hosen von Wein und stürzenden Speisen und Fisch besudelt; die blutbeschmierten Gesichter streckten sich vor. Sein Mund öffnete sich weit, im Schuß stürzte Erbrochenes heraus. Er stöhnte: »Holt den Oberst. Geht eurer Wege.« Als sie über die Lache traten, tastete er sich hoch. Er wimmerte, raste in Haß und Entsetzen. Seine Stimme überschlug sich, er schwang schützend vor der antrampelnden Horde rechts und links seinen Dolch. Hinter ihm wurde die Tür geöffnet. Er stürzte nach rückwärts lang vor die Kammer, von einem entsetzlichen Partisanenhieb quer über den Kopf zertrümmert.
Dem Herzog, der im weißen Schlafhemd mit ausgespannten Armen neben Slawatas zuckendem Körper stand, riß die Partisane die halbe Brust auf.
Die Worte: »Schelm, du mußt sterben!« tönten in der verwüsteten Schlafkammer noch von den tosenden, als er schon längst ausgeblutet war. Butler trat mit Peitsche und Pistole unter sie und jagte sie aus dem Zimmer.
Von der verschneiten Zitadelle wurden Knechte befohlen, die Friedlands Kanzlei besetzten. Sie ergriffen einige höfische Begleiter in den Betten. Der Astrolog Zenno wurde aus seiner Stube geführt; er war im Begriff den Zeitpunkt einer neuen Aktion zu bestimmen; man zog ihm viertausend Kronen aus dem Beutel, die Friedland für Berechnungen vorausgezahlt hatte.
In vorgerückter Nacht sprengte man die Tür zur Stallung eines Privatmanns. Die Kutsche wurde auf die Gasse gerollt. Soldaten spannten sich vor. Der tote Friedland war in den roten bluttriefenden Fußteppich seines Zimmers eingeschlagen. Holterpolter zerrten drei Mann ihn die Treppe herunter, zur Haustür heraus. Ließen ihn beim Mondenlicht rasseln über die Steine, den dünnen Schnee, die Frostschalen der Wassertümpel. Quer lag er im Wagen; der Teppich hing zu beiden Seiten heraus.
Sie konnten an ihm tun, was sie wollten. Das war nicht mehr Wallenstein.
Ein gurgelnder Blutstrom war aus dem klaffenden Loch an seiner Brust hervorgestoßen, wie von Dampf brodelnd. Mit ihm war er davon.
Wieder eingeschlürft von den dunklen Gewalten. War schon aufgerichtet, getrocknet, gereinigt, gewärmt. Sie hielten ihn murmelnd, die starblinden Augen zuckend, an sich.
* * * * *
Gegen Morgen wurde eine Treibjagd auf die Böhmen in der Stadt veranstaltet, mit den Kompagnien vor der Stadt an den Schanzen war ein regelrechter Kampf zu führen; zuletzt flohen sie und zerstreuten sich. Die Sieger fürchteten sich dann in der Stadt und glaubten, die Schweden oder Arnim rücke bald ein. Aber sie hatten die Freude den Herzog von Lauenburg abzufangen, der glücklich von Regensburg kam, um dem Friedländer den baldigen Aufbruch Bernhards zu melden; des Lauenburgers Page entkam nach Regensburg. Sie hätten auch Arnim beinah abgefangen, der über Zwickau langsam und zweifelnd anmarschierte; das Mordgerücht kam zu ihm. Gelähmt von Ekel und Entsetzen blieb er liegen. Die flüchtigen Böhmen trugen die Nachricht ins Land hinein.
Sie lief zugleich mit dem Gerücht herüber: Welsche, Italiener, dazu Irländer hätten den Mord verübt in ihrer alten Abneigung gegen die Deutschen. Es kam in dem noch schäumenden Lager von Prag unter Pikkolominis Regimentern zu Revolten, Deutsche gingen gegen Welsche vor. Zwischen Offizieren begann es mit tödlichen Duellen, die Knechte lauerten sich in Fähnlein gegenseitig auf. Aldringens und bayrische Regimenter marschierten gegen die Empörer heran, warfen alles gnadenlos nieder.
Wallender Siegesrausch in Wien. Bei den Kapuzinern und im Stephansdom Dankgottesdienst für die Errettung des Hauses Habsburg und die Bewahrung der Heiligen Kirche. Glückwünsche von dem tieferschreckten Papst Urban in Rom zu der Erlegung des greulichen Untiers. »Was für Kraft in diesen Deutschen steckt«, fragte er sich mit Abscheu.
Graf Schlick, die trübe kopfsenkende Masse, neben dem König von Ungarn allwaltend am Wiener Hof, nahm mit dem Baron Breuner und dem Abt Anton die Hinterlassenschaft Friedlands auf. Jeder der zwölf Dragoner, die zu Wallenstein eingedrungen waren, erhielt hundert Reichstaler, die Offiziere, die geführt und assistiert hatten, tausend und zweitausend, Deveroux auf das Drängen wegen seiner Verwundung noch vierzigtausend Gulden, dazu mehrere konfiszierte Güter. Im ganzen hatte Wallenstein an fünfzig Millionen Werte aufgespeichert. Friedland Reichenberg wurden gegeben an Gallas, Aldringen erhielt Teplitz, Pikkolomini Nachod. Ihm verlieh man auch den Titel eines Grafen von Arragon. In sein Wappen nahm er eine Schildkröte mit der Umschrift: »Schritt für Schritt.«
Stille Zimmer beim alten Fürsten Eggenberg. Der verwachsene Graf saß viel bei ihm; schlaff beide. Eggenberg aus dem Bett flüsternd: »Was klagt Ihr mich an, Trautmannsdorf?« Der Graf: »Ich klage Euch nicht an, ich bin nur durch ihn hochgekommen.« Und dann erschüttert: »Ich bin nicht schuld daran. Er sollte abgesetzt werden, wenn es sein mußte, mit Gewalt. Wir haben niemanden zu der Bestialität autorisiert.«
»Wenn er lebte, Trautmannsdorf, und Euch hörte, würde er den Kopf schütteln; man kann Gewalt nicht begrenzen.« »Ich bin nicht schuld, ich weigere mich, ich bin nicht schuld. Wenn man ihm mit einer Partisane die Brust aufgerissen hat, so bin ich nicht schuld daran. Solange ich lebe, werde ich das nicht zugeben; Eggenberg Ihr seid alt und gerecht, Ihr werdet das nicht auf mich legen.« Der eingefallene Mann im Bett matt lächelnd: »Er ist ja tot.«
Das weiße Gesicht des verwachsenen Grafen verzerrte sich, er wetzte die Zähne aneinander: »Was kommt Ihr mir damit. Er lebt von mir noch. Ihr habt es in Regensburg zu dem Unglück kommen lassen, der Kaiser hat Euch gehört. Ich habe es nicht vergessen.« »Ich weiß, ich weiß, Trautmannsdorf. Ihr habt recht. Laßt es ruhn. Ich beuge mich. Was bin ich noch bei dem allen.« Sie schwiegen, das Zimmer war lange still, der schwere große Luxemburger hinkte herein. Da schwiegen sie zu dritt.
Man hatte das Geheimnis der Ermordung aufgedeckt: die Leiche des Grafen Slawata, von dem Oberst Butler nicht gesprochen hatte, war erkannt worden. Der sonderbare Familienhaß hatte die Hauptrolle bei dem Unglück gespielt, es erleichterte sie alle. Lamormain erzählte von seinem Freund, dem Abt Anton, der ihm aus dem Weg ginge, um bei aller Betrübnis seine Freude zu verbergen, daß man jetzt aus der Schuldenwirtschaft herauskomme. »Es ist ja ein Glück; der Herzog war ein Werkzeug des Himmels, um das Haus Habsburg aus dem Elend herauszuziehen. Wir wollen das Gute bedenken. Das Haus Habsburg, das die heilige Kirche beschützt, verdient es schon, daß sich selbst ein ruhmreicher Feldherr für sein Gedeihen opfert.«
Trautmannsdorf abwinkend: »Laßt das, Pater. Ihr geht noch, noch zuviel zu Euren Brüdern von der frommen Gesellschaft.« Und sehr leise weiter: »Was habt Ihr vom Kaiser gehört?« Eggenberg richtete sich auf dem rechten Arm um, blickte groß zu dem Pater herüber. »Nichts.« »Und -- Ihr habt auch keinen Anhaltspunkt, keinen Wink?« »Ich glaube, Graf Trautmannsdorf, wir werden lange nichts von unserem guten frommen Herrn hören.« »Und warum meint Ihr das?« »Er wird sich in ein Kloster, in irgendeine abgelegene Einsiedelei begeben haben. Er war so weit. Er war längst soweit. Ich dachte es öfter.«
Im Bett wälzte sich Eggenberg; er zog die Decke über das Gesicht, darunter schluchzte er leise. Nach einer kleinen Weile kam er hervor, suchte trübe im Zimmer; abgerissen zu Trautmannsdorf: »Und -- warum jammert Ihr jetzt nicht, Trautmannsdorf? Hier nicht?« »Um den Kaiser?« »An ihm ist Euch nichts gelegen. Ich tadle ja Euren Friedländer nicht allzu scharf. Es mag sein, daß er uns den Frieden gebracht hätte. Er hat vielleicht das Richtige gewollt. Aber -- was war gegen ihn unser Kaiser. Ein gütiger Mensch. Ein frommer Christ. Unser Fürst.«
Graf Trautmannsdorf senkte den Kopf: »Das war er. Ich hoffe, wir finden ihn noch. Eggenberg.« »Ich hoffe es nicht. Nein, laßt nur. Laßt ihn auch nur. Ihr müßt nicht nach ihm suchen, Pater. Was wollt Ihr denn von ihm. Was muß auf ihn gedrückt haben. Mir ist es noch im Sterben ein tröstlicher Gedanke, meinen gnädigen Herrn im Kloster zu wissen.«
In diesen Tagen warf sich die Kaiserin Eleonore, die Mantuanerin, aus dem Fenster ihrer Schlafkammer in der Burg und zerschmetterte auf den Steinen des Hofes. Man hatte sie, nachdem sie durch einen Zufall von der Flucht Ferdinands erfahren hatte, wegen ihres tobsüchtigen Verhaltens einsperren und bewachen lassen. Ihre liebe Gräfin Kollonits hatte sich eine Stunde von ihr verleiten lassen, auf den Hof mit ihr hinauszuschauen; sie plauderten wie früher; scherzend band die hinterhältige Mantuanerin der freudigen Freundin einen blauen Schleier um den schwarzen Kopf, über die Augen, band ihn, als die Gräfin lachte, fest und gewaltsam im Nacken zu. Mit aller Ruhe rückte sie sich einen Sessel heran, während die Kollonits schreiend an dem Knoten arbeitete, stand händefaltend auf dem Fenster, ließ sich, laut Maria anrufend, vornüber auf das klagende Gesicht fallen.
* * * * *
Während der junge König Ferdinand mit dem Grafen Gallas das Heer reorganisierte und unter den Reichtümern, über die man verfügte, sich alles neu belebte, Truppen und Offiziere sich dem Grafen Gallas unterwarfen, Schweden und Sachsen abwartend zurückwichen, begann eine sehr diskrete Fühlungnahme des bayrischen Hofes mit Wien. Die Macht und der Einfluß Maximilians in Wien waren außerordentlich, die herrschenden Parteien des Hofes priesen ihn als das Rückgrat der katholischen Sache im Reich. Der Bayer hatte keine Kinder, er war Witwer. Er hielt dafür sich noch einmal zu verheiraten; von Ferdinand war eine junge eben herangereifte Tochter da; der sehr gealterte Mann ließ sich nicht davon abbringen, die junge Maria Anna zu fordern.
Im Innwinkel saß er bei seinen Truppen, da traf ihn die Nachricht von Wallensteins Verderben. Der Kaiser Ferdinand war verschwunden, der Schlemmer, der alberne heitere Mensch, wer weiß von wem verführt. Es war zuviel für Maximilian. Er geriet unter die knechtende Raserei seiner Gefühle; er wußte nicht, ob er weinen oder lachen sollte; keinen Schlaf fand er vor der Marter des Glücks, das seine Brust Hände mit Feuer umgab, über sein Gesicht flammte, seine Gedanken verdunkelte. Auf den Rat Kontzens, vor den er sich hilflos völlig verändert und Schutz suchend warf, hungerte er einige Tage, begann eine wilde Geißelung. Seinen zwangartigen Drang, von sich wegzuschenken hinzugeben, durfte er durch Stiftungen an die Heilige Kirche entladen. Gelegentlich stand er in völliger Verfinsterung und war gelähmt.