Wallenstein. 2 (of 2)

Part 4

Chapter 43,665 wordsPublic domain

Als sie eintraten, machte er, ohne die Arme zu bewegen und sich aufzurichten, ohne sie anzusehen, wagerechte Striche mit den bedeckten Händen, hauchend: »Nicht sprechen. Nicht nötig. Der Besuch ist geschenkt.« Die beiden, erschüttert, wie er im Audienzornat, wollten unter Verneigungen auf dem Teppich näher treten; er winkte gleichmütig weiter: »Ihr stört mich. Nehmt an, ich hätte euch schon angehört. Ich billige eure Argumente. Es ist gut.« Eggenberg: »Wir haben keine Argumente. Wir wollten eine Erklärung abgeben.« »Empfangen. Danke. Die Herren sind entlassen.« Der schmerzbewegte Fürst: »Was haben wir verschuldet?« »Ich erwarte die Kaiserin. Ich danke.« Er strich immer weiter vor sich in die Luft. Trautmannsdorf grub sich die Nägel in die Handteller: »Auf die Gefahr, den Zorn der Majestät herauszufordern: wir sind nicht schuld. Den Satz muß ich gesagt haben.« Fast mitleidig drehte sich ihm der Kopf Ferdinands zu, die linke Hand fuhr leicht in die Höhe: »Welchen Satz?« »Daß wir nicht schuld sind. Der Kardinal hat uns bloßgestellt.« »Wie sonderbar.« »Eine feierliche Danksagung an Eure Majestät, die Überbringung des päpstlichen Segens war verabredet.« Wortlos, ohne seine Lage zu verändern, ließ der Kaiser minutenlang von einem zum andern seine weißen Augen gehen: »Was wollt ihr mir erzählen.« Eggenberg, mit tiefer, wutzitternder Stimme: »Es ist nötig, beim vatikanischen Stuhl zu protestieren in aller Form, wie der Kardinal hier verfahren ist. Gegen den Anstand, gegen Treu und Glauben.« »Das wollt ihr mir erzählen.« Eggenberg standen die Tränen in den Augen; voll Bitterkeit sah er auf den Boden. Der Ausdruck des Kaisers veränderte sich, seine Stimme klang entspannter: »Graf Trautmannsdorf, es ist wahr, man hat euch übertölpelt?« »Es ist ein schwacher Ausdruck für das, was vorgefallen ist.« »Und ihr beide und andere?« »Vor uns hat der Kardinal geredet, ohne daß wir uns dessen versehen konnten.« »Er wollte, er hat erreicht --« »Gut, Graf Trautmannsdorf.«

Der Kaiser bog den Kopf zur Zimmerdecke, gerade auf das goldene hohe Kruzifix, sein Gesicht wurde wieder gleichmütig; wie er den Kopf gegen die Schulter ablegte, atmete er erleichtert. »Mich freut, daß ich nicht allein überrascht bin und daß ihr meine Freunde seid. Daß ihr nichts gegen mich gewollt habt. Wahrhaftig, Eggenberg, hättet ihr wieder mit mir so getan wie vor einiger Zeit, so hätte ich« -- der Kaiser sprach sehr leise, versunken, monologisch -- »kaum noch Lust gehabt zu irgend etwas. Es hätte mich genug gedeucht hier. Ich dachte vorhin: dieser Tag, mich auf meinen Heiland zu besinnen, sei heute gekommen. Gegrollt hätte ich euch nicht --, qualvoll war es nur für einen Augenblick. Geht. Ich danke euch.«

Die Herren traten zögernd nach Verneigungen ein paar Schritt zurück. Dann bat, hingewandt, Eggenberg um Vergebung; was man tun solle, sachlich; wie sich die Majestät zum Heiligen Vater und zur Stifterfrage stellen werde. Es sei genug, äußerte der Kaiser erst, den Kopf in die linke Hand gestützt. Dann mit verhauchender Stimme: den Heiligen Vater respektiere er immer; er habe ja Vollmacht, zu lösen und zu verdammen; worum handle es sich? Um die Stifter --; er werde auch darüber nachdenken.

Dann kam sie hinter den Damen und ihrem Obersthofmeister, die sich ehrfürchtig zurückzogen. Sie half ihm aus den schweren Prunkmänteln und Schärpen heraus. Schwer ließ sie die Stoffe auf den Teppich rauschen. Er saß noch erschöpft, die linke Hand den Kopf stützend, sprach wenig. »Ich denke,« sagte er, als sie ihn bedrängte, »unser Leben ist nicht lang. Ich wäre heute bald aller Schwierigkeiten Herr geworden.« -- »Ich wäre,« flüsterte er später, »bald so gegangen, wie mein spanischer Vorfahr, der fünfte Karl. -- So durchschauert hat es mich.« Bleich, langgezogen das tieflinige Gesicht, aufgerissen Mund und Augen, suchte sie mit ihrer linken Hand seine rechte, die zwischen seinen Knien hing, zu fassen: »Du wolltest ins Kloster.« Sie krümmte sich auf ihrem Stuhl, sie schlug ringend die Arme zusammen: »O, du hattest recht, Ferdinand. O, hattest du recht.« Sie schlang ihren linken Arm um seine Schulter, er ließ sich zu ihr herüberziehen, still sie anschauend, deren Augen fast delirierten: »Es gibt nichts als den Himmel und Maria, Jesus, die Heiligen, Ferdinand. Wir können nichts weiter tun, als uns zurechtmachen für die Seligkeit. O, wie freue ich mich, daß du sie finden willst. Ich bin glücklich bei dir, mein Leben.«

Er ließ sie sprechen und stammeln. Seine innre, wie wartende Ruhe wurde in diesen Tagen selten unterbrochen. »O, gib nicht nach, Ferdinand,« flüsterte sie, sich über ihre Knie werfend, »sei da, wenn es dich ruft. Ich will bei dir sein.«

Ferdinand zog das linke Augenlid höher. Er betrachtete sie von der Seite her, rief sie an. Er rief sie nochmal an. Verloren schob sich die Mantuanerin auf. »Eleonore, willst du mich anhören? Dies ist ja vorbei. Es ist an mir vorübergegangen für jetzt. Man ist an mich herangetreten mit Vorschlägen. -- Laß mich das überlegen mit dir.«

»Ich kann nicht. Verzeih' mir.«

»Was hat man von mir gewollt? Schlechtes und Niedriges sollte ich dulden. Es könnte ihnen passen. Ja, ich gefalle ihnen nicht.«

»Willst du mir verzeihen, Ferdinand, daß ich dir nicht folgen kann. Rufe den Beichtvater, oder, es soll ein päpstlicher Legat am Hof eingetroffen sein: er wird dir helfen.«

»Er wird mir helfen! Warum ist er gekommen und hat diese Szene gemacht. Ich will daran nicht denken. Er wollte Länder. Sie sind habsüchtig, wagen sich an mich heran.«

»Der Papst hat von dir Länder verlangt? So gib sie ihm doch. Freue dich, daß er sie verlangt.«

»Ich habe den Krieg gewonnen durch die Gnade des Himmels, durch tausende Gebete und Fürsprachen. Jetzt soll ich zeigen, ob ich's verdient habe. Ist er nicht wie der Versucher, der Papst? Ich habe meine Macht begründet durch die göttliche Gnade, jetzt will er mich locken, ungerecht und ruchlos zu sein.«

»Ferdinand, von wem sprichst du! So freu' dich! Gib! Gib mir, daß ich schenken kann! Ferdinand!«

»Ich hab' ja nichts zu schenken, Eleonore. Ich besitze selbst nichts. Je mehr ich Kaiser wurde, um so mehr wurde von mir genommen, liegt nun da. Ich hab' es alles zu verwalten, gut zu versehen, recht abzugeben. Ja, ich verfüge über nichts. Ich bin ganz arm, Eleonore.«

»Schenk' mir. Sprich nicht so. Ich brauch' es, ich bedarf es. Willst du nicht meiner gedenken, bin ich nicht deine Eleonore, die du aus Mantua geholt hast? Und ich will es ihm schenken, dem Heiligen Vater.«

»Bist du nicht die zweite Versucherin, Eleonore? Und dir würde ich noch eher nachgeben.«

Sie saß plötzlich steif, spannte ihr Gesicht; klar und ernst: »Ich weiß, es gibt einen Versucher, dem du nachgeben wirst, weil er dich zwingt. Das bist du. Wenn es auf mich fiel, könnte ich nicht widerstehen. Wo es dich getroffen hat, kannst du nicht anders. Ich weiß es.«

»Du weißt das?«

Abweisend artikulierte sie: »Ich weiß. Du kannst dich nicht entziehen. Du hast sowenig eine Wahl wie ich.«

»Wir sind fromm. Wir haben nichts verbrochen. Warum sollte ich nicht wählen können?«

»Versuche.«

Er fixierte sie, wie gestochen: »Ich -- regiere.«

»Versuche.«

»Wer kommt, um zu stehlen, findet mich und meinen Schwertträger.«

»Versuche.«

»Das heißt: ich sei noch nicht Kaiser?«

Sie drehte sich zu ihm, warf sich über sein Knie: »Es heißt, daß es damit nicht genug ist. Sei Kaiser, sei nicht Kaiser: ich will dich so nicht. Komm mit mir. Sei mein Begleiter -- zu Maria.«

Ferdinand hatte seine stille erwartende Miene wieder: »Du darfst mich nicht verwirren, Eleonore. Wir dürfen uns nicht erregen. Man hat versucht, mir Länder mit Gewalt zu entreißen. Daraus spricht ein schlechtes Gewissen. Ich vergesse darum nicht, was ich der Heiligen Kirche schuldig bin und wieviel ich ihr gerade zu danken habe.«

Sie hängte sich an ihn, als er mühsam aufstand und die Arme, als wenn sie steif wären, schaukelte, zweifelnd ängstlich: »Gib mir nach. Bald.«

»Nein,« schrie sie bald darauf verzückt, »tu, wie du willst. Ich will dir nicht raten. Nichts will ich geraten haben. Tu. Tu wie du willst.«

* * * * *

Während die Geheimen Räte warteten, was Ferdinand beschließen würde, wurden sie überrascht von der Nachricht, daß Befehl zur Abreise von Wien gegeben sei. Der Oberstallmeister bestätigte, von der Kaiserin selbst den Befehl erhalten zu haben. Und so hatte sich Ferdinand in der Tat in einem Zustand unbezwinglichen Grolls, zwangsartig sich steigernden Abscheus, dazu auch einer Furcht entschlossen: wegzugehen von Wien, in Wolkersdorf sich einzuschließen und nicht zuzugeben, wie er von dem Wege der Kaiserlichkeit, auf dem er ging, abgedrängt würde. Er kniff die Augen zu, spie: er wollte sie alle nicht. Er suchte instinktiv die Verdunklung wieder, in der er sich befunden hatte; in dieser Dunkelheit ging sein Weg. Er sträubte sich gleichermaßen gegen den Nuntius, wie gegen seine Räte, wie gegen dieses Wien überhaupt, diese Dichtigkeit der Häuser um ihn, dieses Zudringen und Bedrängen, diese Stimmen an allen Seiten der Burg.

Da wagte es der päpstliche Nuntius, ein Mann, der die Person des Kaisers nur von der Audienz kannte, sich gegen die Warnungen in seine Kammer zu begeben, nur gedenk seines Auftrages, und es gelang ihm, den Kaiser, der im Reisemantel ihm befremdet entgegenblickte, zu bewegen ihn anzuhören. Widerwillig, stumm setzte sich der Kaiser auf den Sessel, von dem er eben widerwillig aufgestanden war, gedrängt, fast mit Pein, ließ er seinen Körper auf das Holz nieder, von dem er sich eben freigemacht hatte, drückte den hutbeschatteten Kopf auf die Brust, schob die Arme auf dem Schoß gegeneinander, schwieg. Mit einer stummen Bereitwilligkeit harrte er, horchte, was da gebraut wurde, blickte gelegentlich scheu den dozierenden roten Menschen an, den Arm, der ihn hier zurückgedrückt hatte.

Er ließ ihn später wissen, er werde bald über den kaiserlichen Entscheid informiert werden. Er war herausgefordert, er wollte sich entschließen. Man sollte es fühlen, sie wollten ihn in ihre kleinlichen Zweifel einmengen. In die Schreibstube seines Sekretärs ließ er sich fahren, Schrecken verbreitend, diktierte augenblicklich, kaum eine Stunde nach der Verabschiedung des Italieners, er begehre Gutachten vom Geheimen Rat und Hofrat noch einmal über die Angelegenheit der Stifter. Sie sollten zeigen, wer sie sind.

Dann in die Gemächer der Mantuanerin. Ihre Damen sahen sie neben dem Habsburger, ihn belauschend, sich an ihn heftend wie eine Spinne an eine graue Mauer. Er blieb in Wien.

Nach zehn Tagen wurden die klaren harten Worte des Herzogs durch den Oberst Neumann vor ihn gebracht. Der Plan wurde darin als albern bezeichnet, man solle ihn abweisen. Der stille Kaiser hielt das Blatt geknüllt stundenlang vor sich, ohne es zu lesen. Der Nuntius des Papstes! Der Papst Urban! Die Mönche! Die Kurfürsten! Was wollten die, was wußten sie! Gegen diesen, gegen den Herzog! Da lag der Friedländer mit seiner Armee über dem Reich, erdrückend ja, aussaugend ja, keine Gewalt sollte ihn daran hindern, so zu tun wie er wollte: das Reich platt hinzulegen. Sie sollten alle verschwinden, die gegen ihn meuterten. Wie ging der finstere Mensch, der Friedländer, gnadenlos durch das Reich. Wie der Kaiser sich über seinen Leib bückte, zerriß ihm die Lust die Eingeweide; es wogte über die Haut seiner Hände, seines Rückens, ein kühler Schauer lief ihm über Wangen und Mund; er zitterte, preßte sich zusammen und genoß es, was ihn schmerzhaft wild überfiel. Er lachte heiß und gequetscht aus sich heraus. Er versteckte das Papier Wallensteins an seiner Brust, ehe er aufstand und sich den irrenden fragenden Augen der eingetretenen Mantuanerin darbot. Sie war selbst so erregt über sein freudiges Gebaren, als er davonging, daß sie auf dem roten Teppich hinkniend, allein in der Kammer, leise kreischte und kicherte.

Es erfolgte damals der erste Versuch des Fürsten Eggenberg, die Macht des Kaisers auf andre Schultern zu stützen als auf die Wallensteins; nach der Überrumpelung durch den Nuntius begriff er rasch: man konnte mit dem Geschenk der Stifter sich eine Zahl ligistischer Herren gewinnen und sie an den Gefahren der Situation beteiligen. Eggenberg saß neben Ferdinand in den anberaumten Besprechungen, den weißen kleinen Spitzbart an den steifen Mühlsteinkragen andrückend, klein, die hohe Stirn steil runzelnd, das weinrote Gesicht gestrafft, nicht gewillt nachzugeben. Er fühlte, daß man dem Kaiser wehe tun mußte, aber es war ihm von Tag zu Tag seit den Siegen mehr, als wenn nicht dieser gelbliche Herr unter dem blauweißen Baldachin, sondern er verantwortlich wäre für die Dinge. Dieser Kaiser konnte sich sträuben, das Haus Habsburg stand in Gefahr; ein liebes Kind war Ferdinand, der Heiland möge geben, daß diesem Herrscher Schlimmes erspart bliebe. Er war Ferdinand innig verbunden, sein Brautwerber und Vater war er gewesen; er begriff die Fascination Ferdinands durch den monströsen Herzog. Das Haus aber durfte durch den Kaiser nicht erschüttert werden. Die Räte, die herumsaßen, stumm, lippenbeißend, hatte er für die Stiftersache gewonnen; sie waren im Machtrausch, die Abgabe von Geschenken an den Papst und wen sonst schien ihnen belanglos. Die Unterhaltung zog sich stockend hin, der Kaiser ließ sich hinausführen.

»Welchen Rat gibst du mir?« fragte an der Tür ihrer Kammer Ferdinand die Mantuanerin, die er umarmte, an der er sich versteckte. Glücklich bog sie sich, erschauernd, an ihm; sie suchte ihm ins Gesicht zu blicken, aber er drückte die Stirn noch tiefer vor ihr: »Du wirst es ja wissen, ich habe für dich gebetet«, jubelte sie.

Scheuer betrachtete und betastete Ferdinand das zerknüllte Schreiben des Friedländers, das er in seinem Gürtel trug. Er hatte seiner Gläubigkeit und Frömmigkeit, der Fürsprache der Heiligen Kirche seine Macht zu verdanken. Die Länder, die sie verlangten, unterlagen seiner Obhut, sie durfte er nicht als Beutestücke weggeben, er sträubte sich dagegen, wütend, jäh, von seiner Kaiserlichkeit einen Titel abzugeben. Aber sie gewannen ihm Boden ab, indem sie sich mit den Generalen gleichstellten, die er auch beschenkt hatte. Die Heilige Kirche verlangte ihren Sold. Wie ihn die Gesandten der Liga und des Papstes bedrängten, fiel es immer schwarz in ihn: »Man will mich schwächen, man will mich schwächen, ich seh' es.«

Und einmal fand er sich vor dem Papier, das die Worte »albern« und »frech« enthielt, in einem zuckenden Schmerz; ein Flüstern in ihm: »Ich muß dir weh tun, verzeih es mir, es muß geschehen, denke nicht schlimm von mir. Unser Seelenheil verlangt es. Du weißt es nicht. Sei gut, sei gut.«

Dann legte er es vor Eleonore: »Sie sollen die Länder haben.«

Eleonore starrte ihn aus ihren inbrünstigen Augen an: »Wie ich dich beneide, Ferdinand, daß dir diese Wahl gegeben ist.« Er lachte sie finster an. »Ich danke dir herzlich.« Die Frau drängte sich unheimlich in seine Seele, in seine Entschlüsse.

Der Kaiser aber, welk und tief gereizt, wie er dieses knisternde, aus allen Balken brennende Leben neben sich fühlte, hatte das wilde Begehren, ihr etwas anzutun, sie auflodern zu sehen, leiden zu machen. Der Wunsch, Böses zu tun, war in ihm erwacht, der Zwang hatte in ihm das Gefühl der Rache hinterlassen. Tosend gab er nach. Zwischen den Zähnen knirschte er; während ihm der Schweiß auf die Stirn trat und die Augen in graue Höhlen zurückfielen und er ihre linke dünne Hand rieb: »Ich will dem Heiland zuliebe nichts versäumen; was ihm zu Ehren ist, wird mich leiten.« Sie krallte sich an ihm fest und stöhnte. »Ja,« seufzte er, hingeworfen mit ihr betete er, dann umschlangen sie sich.

In der Nacht ließ er einmal die Kaiserin rufen. Grimmig empfing er sie: »Bin ich wieder so weit, daß ich nicht weiß, wen ich rufen soll? Meine Narren, den blöden Grafen Paar? Blick mich nicht an.«

»Was ist?« weinte sie über seinem Bett.

»Daß du zu früh triumphierst. Es ist die Spekulation, daß ich es nicht wage, den Friedländer zu rufen. Und ich rufe ihn, ich rufe ihn doch.«

»So tu es doch.« Sie war hilflos.

»Er soll kommen, sag' ich Euch. Die Augen werden Euch übergehen. Er soll Euch in Eisen schlagen, weil Ihr Euch vergreift an mir.«

»Was hab' ich dir getan?«

Widerwillig legte er sich zurück: »Nichts, nichts, beim Heiland, nichts. Ich bin verloren, verkauft. Weiter nichts.«

Das war wieder der Fremde. Sie stand auf. »Wohin willst du?« fragte er höhnend.

Sie kniete vor seinem Kruzifix.

Tage gingen hin; täglich marterte sich lange Stunden der Kaiser im Gebet neben der Mantuanerin. Lamormain, der große Beichtvater, trat an ihn heran. Ferdinand erhob sich mühsam, verstört aus den Andachten. Lamormain pries den Kaiser, daß er im Glanz des Siegerruhms den demütigen Glauben, den kindlichen Gehorsam bewahrt habe. Die schmächtige Kaiserin lief, nachdem sie rasch vor dem lächelnden hinkenden Jesuiten ein Knie gebogen hatte, aus der Kammer mit stürmischer Atmung. Mit lahmen Füßen schleppte sich Ferdinand an seinen Sessel, seine Hände zitterten. Dumpf, leise sagte er: »Ich danke.« Hing an den Lippen des Jesuiten, bückte sich in sich, fiel zusammen. Beichtete ihm.

Dem Beichtvater gab er am nächsten Tage den Entscheid über die Stifter: Er sei mit sich zu Rat gegangen, habe Maria und die Heiligen fleißig und innig angerufen. Durch die Gnade dieser Himmlischen sei ihm zuteil geworden, daß ein furchtbar schwerer Feldzug beendet, der einen glücklichen Ausgang bis zur Stunde genommen habe. Sein Thron sei gefestigt worden, der erst so unsicher war wie sonst etwas Irdisches. Nun habe man ihn angegangen um Wiederherstellung kirchlichen Eigentums, das im Laufe der Jahrzehnte verlorengegangen sei. Er hätte sich schon früher dem nicht verschlossen, daß den geistlichen Gewalten ein Recht auf diese Güter zustand. Aber trotzdem hätte er sich gesträubt, um nicht neue Unruhen im Reich entstehen zu lassen. Ihm sei gewiß, daß er nicht wohl daran tat, sich zu sträuben. Die Kirche müsse belohnt werden für die unsagbare Hilfe der Gebete. Die armen Seelen, die in jenen Stiftern den Ketzern anheimgefallen seien, wiederzugewinnen, müsse er sich bemühen als gottergebener Mensch, geschweige als Kaiser. Ihm, seinem Beichtvater, müsse er gestehen, wie er geschwankt habe, sündig und zage. Er wolle von der Sünde befreit werden. Der Pater lächelte: »Glücklich der Mensch, dem es verliehen wurde, seine Macht zugunsten der Heiligen Kirche zu verwenden.«

Papst Urban der Achte, an seinem goldenen waffenklirrenden Hofe umgeben von Artilleristen Ingenieuren Landmessern Intriganten von Legaten Vizelegaten Notaren, nahm in Gegenwart des französischen Botschafters die Meldung seines Nuntius mit Freude auf. Er bezeichnete es im übrigen als Selbstverständlichkeit, daß diese Maßnahme des Restitutionsedikts getroffen wurde, und schließlich als eine kaum verzeihliche Lässigkeit, daß sie erst jetzt getroffen wurde. Die Franzosen beglückwünschten ihn im Auftrag des dreizehnten Ludwig, dessen Gevatter der Papst war. In Urbans Namen erklärte dem deutschen Gesandten Paolo Savelli der Kardinalstaatssekretär Franzesko Barberini, der Papst fühle sich durchaus nicht bemüßigt, eine Dankprozession angesichts der Verkündung der Restitution zu veranstalten, auch lehne er strikte ab, dem Kaiser die erste Besetzung der verlangten Bistümer zu konzedieren. Was dem Heiligen Stuhl zustehe, hielte er fest.

Eggenberg hatte mehr für den kaiserlichen Hof erhofft. Aber eisig kam aus Rom die Nachricht, der Papst gedenke die Hälfte der Renten aus den neu erlangten Stiftern der frommen Liga des bayrischen Maximilian zuzuweisen. Fein lächelte darauf Trautmannsdorf den Fürsten an, auch der Abt von Meggau sah auf den Boden; aber jetzt hielt Eggenberg alle Blicke aus. Sehr fest äußerte er, ihn freue, ja freue die Nachricht; den Kaiserthron auf breiten Fuß zu stellen, sei sein Bemühen; man werde mit Bayern zusammenarbeiten müssen, auf Bayern sich stützen können. »Zu welchem Zwecke« -- Meggau blickte vor sich -- »haben wir den Herzog von Friedland gerufen?« Eggenberg: »Ihr werdet es einmal lobpreisen, was ich sage; der Kaiser ist nicht vom Teufel befreit, um dem Beelzebub anheimzufallen.«

Die schmähenden Worte, die unverhüllten Drohungen, die aus den mecklenburgischen Quartieren an den Hof drangen, gelangten nicht an den Kaiser. In unbestimmten Wendungen überbrachte ihm Graf Strahlendorf die friedländische Ansicht; verschleiert, ernst, mit stiller trächtig schwerer Zärtlichkeit hörte Ferdinand den Bericht. Plötzlich fuhr er auf, warf erregte Blicke, ging auf und ab: »Wer ist dieser Friedland? Wie kommt er dazu, mich mit der Heiligen Kirche in Widerspruch zu bringen? Wie kommt irgend etwas dazu, mir mein Seelenheil zu nehmen?« Er stand klein, mit gequältem Blick vor dem sehr stolzen Grafen, schwitzte. Und wie als Buße für Vergehen gab er doppelten und strengen Befehl, der Kirche nichts vorzuenthalten, weder an Gut noch an Seelen.

In diesen Tagen gab er das Edikt heraus, daß in allen neu eingezogenen und von kaiserlichen Truppen eroberten Gebieten der alte Grundsatz der Glaubensfreiheit aufgehoben und beseitigt werde, als nicht vereinbar mit kaiserlichen Pflichten gegen die Kirche; mögen die, die andern Glaubens seien, die eingezogenen Länder verlassen, dies sollte ihnen freistehen. Die herrscherliche Fürsorge und Verantwortung erfordere Anwendung des Satzes: Wessen Land, dessen Bekenntnis; die Auswanderer hätten den zehnten Teil ihres Besitzes zu hinterlassen.

Wie zur Sühne war das Edikt hingeworfen, und der Kaiser, von der fast irren Freude der Mantuanerin umfaßt und gestachelt, sättigte betäubte sich in der Übertreibung seiner Durchführung. Es dünkte ihm ein Glück, Vogt und Schwert der Kirche zu sein. Und einen Triumph empfand er über Wallenstein: er hatte sich über ihn erhoben, hatte ihn besiegt. Wallenstein war das Blinde, Mechanische, das Schwert; der Herzog verstand nicht, daß es noch etwas anderes gab als die Unterwerfung von Ländern. Er war Meister über ihn. Herzlicher als vorher liebte er Wallenstein, der Gedanke an Wallenstein machte seine Augen verschleiern, ein trunkenes Glücksgefühl schlug durch seinen Leib; die Knie zitterten ihm manchmal, wenn er an Wallenstein dachte. Er fühlte den Herzog sonderbarerweise noch fester an sich gebunden, weil er ihn abgewiesen, gestoßen und verwundet hatte. Wie ein warmer Dunst schwelte in ihm das angenehme Gefühl: der Herzog rast jetzt meinetwegen, er ist bestial, er ist ja ein Untier, er flucht mir, er möchte mich zerreißen. Zum Lachen schön war die Vorstellung.

Er ließ sich melden, welche Maßnahmen getroffen seien, welcher Stifter man sich bemächtigt habe. Wieder zogen vor ihn jammernde Abordnungen einzelner Städte und Hochstifter von protestantischer Religion, er nahm sie an, nur um über ihren Schmerz zu triumphieren und demütig die Anerkennung aus den Augen und Mündern der Jesuiten entgegenzunehmen. Die Mantuanerin war zugegen bei dem kläglichen Schauspiel, sie genossen es gemeinsam als ihr Werk.

Er hatte Maximilian von Bayern ganz vergessen. Er war der Kaiser, der es sich gestatten konnte, im Reich das Vogtamt des Papstes zu vollziehen. Er stand über Wallenstein, seinem Diener und Untertan.

In diesen Wochen stieg das Geschrei vertriebener Familien zu tausenden Malen aus südlichen und nördlichen Teilen des Reiches zum Himmel auf. In Ruhe dehnten sich die Heere des Wallenstein über die vielen Kreise; untätig lagerten sie, zehrten die Habe der Landbevölkerung, das Vermögen der Städter auf.

* * * * *