Wallenstein. 2 (of 2)

Part 39

Chapter 393,187 wordsPublic domain

Am Abend dieses Tages, der den Befehl zum ungesäumten Abbruch des ganzen Lagers brachte, wurden in der Sachsengasse beim Friedländer, der über Diodatis Abzug die Achsel gezuckt hatte -- der Schwächling gefiel ihm nie --, eine Gesellschaft Juden gemeldet, die sich schon seit Tagen in der Stadt herumtrieb und nicht abzuweisen war. Da die Juden gebeten hatten, allein mit Wallenstein zu sprechen, blieb nur Neumann in dem kerzenerhellten Zimmer. Sie warfen sich, beschmutzt vom Straßenkot, adlig gestiefelt und gespornt, sechs kräftige Männer auf die Knie, zwei ältere weinten. Ihren Primas, den Bassewi, hätten sie nicht mitbringen können; Bassewi sei gefahren, für den Herzog in Augsburg Geschäfte zu betreiben, er wollte gerade jetzt keine Stunde versäumen. Und dann holte ein älterer aus seiner grauen Kappe, die vor ihm auf der Matte lag, einen wunderlich bekritzelten langen Papierstreifen hervor und las, auf das düstere Nicken des Friedländers, das Absetzungspatent vor, während ihre langen Schatten sich auf dem Boden bewegten, das in den Straßen Prags ausgetrommelt wurde, als sie davonritten. Sie schlugen sich die Brust: der böse Pikkolomini sei in das herrliche Friedländerhaus eingezogen, mit List und Gewalt sei er über alle hergefallen; sie wollten dem Herzog Auskunft geben über alles und jedes, was sie gesehen hätten, er solle wiederkommen, rasch, rasch. Mit langem Schweigen hörte sie Wallenstein an. Er zitterte, getroffen auf seinem Schemel, zischte: »Die Canaille, die Canaille.«

Neumann mußte die Daten aufnehmen, die die Juden zu melden hatten. Was die Juden noch wollten, drohte der Herzog. Sie lagen wieder auf den Knien: er hätte sich ihrer soviel angenommen; die böhmischen Völker warteten seiner; sie hingen ihm an, er möchte sich ihrer erbarmen. Friedland schien ihnen nicht zugehört zu haben, sein Gesicht hatte die Blässe und Verzerrung zunehmender Wut, seine Augen wurden steif und abwesend; auf Neumanns Wink flüchteten die Juden auf den Zehenspitzen aus der Stube. Sie durften ihn auch am nächsten Tage nicht sprechen; Neumann riet ihnen, sich aus der Sehweite Friedlands zu begeben. Die Nachricht von der Besetzung seines Prager Hauses durch den schelmischen Italiener war tödlich heiß in Wallenstein gefahren. Wie vor Brennesseln wich er vor den Juden zurück, als er sie nahe dem Lagertor traf, wo sie in einem bittenden Haufen standen. Er wußte nicht, was sie ihm sonst vorgetragen hatten; sein leidenschaftlicher Schmerz.

Trzka küßte am Abend dem Herzog die Hände, schwur die Niedertracht an Pikkolomini rächen zu wollen und wenn es sein Leben koste. Der Herzog röchelte; er habe nie einen Menschen mit größerer Courtoisie traktiert als ihn; er fragte nach seiner Frau und der Schwägerin; sie saßen beide in Gitschin. Ilow sollte schleunigst ein paar Kroatenkompagnien auf Gitschin werfen; im Falle der Gefahr sollten die Frauen ihm nach. Nachdem sie lange stumm nebeneinandergesessen hatten -- draußen knarrten schon die Wagen des aufbrechenden Heeres, der Lafetten; Pferde wieherten und stießen mit den Köpfen gegen die Fensterläden -- gab Wallenstein dem kopfsenkenden Trzka leise Auskunft über seinen Brief an Ferdinand. Oberst Mohr am Wald und Brenner überbrächten ihn; er habe vor, sich außerhalb der Erblande an die Peripherie des Reiches nach Hamburg oder Danzig zurückzuziehen; ihm bliebe ja nichts mehr als zu sterben; seine Herzogtümer wollte er behalten. »Ist es Euer Ernst?« flüsterte Trzka, ohne den Kopf zu heben. »Ich bin alt, Trzka, das ist wahr, und ich lebe nicht mehr lange. Meinen Brief werde ich überall veröffentlichen, sobald ich wieder Luft schöpfe. Er reißt ihnen die Maske ab. Du wirst sehen: es liegt ihnen nichts daran, ich bin ihnen auch in Hamburg im Wege. Die Jesuiten haben ein böses Gewissen, weil sie den Frieden in Deutschland nicht aufkommen lassen wollen. Darum wollen sie mich beseitigen. Der Kaiser will mein Geld, ich bin sein Gläubiger.« »Die Herrlichkeit Pikkolominis in Prag wird nicht lange dauern.« »Ich kenne sie in Wien. Sie scheuen die gröbste Ungerechtigkeit nicht, wenn sie ihnen in ihren Kram paßt. Mit dem Pfälzer wurden sie rasch fertig. Solange ich auf den Beinen stehe, werden sie ihre Not mit mir haben. Von Ungarn bis jetzt habe ich, Trzka, unter ihnen mich ducken müssen. Jetzt reden wir ein offenes Wort.« Trzka schüttelte die Fäuste, unwillkürlich knirschte er mit den Zähnen: »Die ganze Armee steht hinter euch.« »Und wenn es nur die halbe oder ein Viertel ist -- wenn ich selbst meine zwei Beine behalte. Sie sollen keine frohe Stunde von mir haben. Trzka, alle Waffen sind im Kampf erlaubt. Ich schwöre auf die Armee nicht. Diodati ist nicht allein. Nicht geredet, lehr' mich Menschen kennen. Es wird nicht leicht halten. Du suchst einige Kroaten aus, sie schleichen sich nach Prag, tausend Gulden für jeden, der mitläuft, zehntausend Gulden, wer Pikkolomini vergiftet oder erdolcht. Ich verlaß mich, daß Ilow sofort nach Gitschin reiten läßt und die Frauen in Sicherheit bringt.«

Es war dann nicht nötig, daß die bestürzten Herren Maßnahmen zur Heranziehung fremder Hilfe von sich aus trafen. Jetzt leitete Wallenstein alles selbst, mit Umsicht und größter Schärfe. In Pilsen wurden alle Pferde angespannt. Die Kriegskasse mitgenommen: Zehntausend Taler, sechstausend Dukaten, siebzehn Goldketten. Den Kreishauptleuten nahm man zehntausend Taler. Der Stadt Pilsen wurde vor dem Abmarsch noch eine Kontribution von dreißigtausend Talern auferlegt. Schweden, Sachsen, Franzosen wurden noch einmal mobilisiert, nach keiner Seite legte sich Wallenstein bloß; so unerschüttert war er. Graf Trzka schrieb verzweifelt an den jungen Herzog von Sachsen-Lauenburg, der sich noch um den Weimaraner bemühte: »Eile, Eile, Eile!« Arnim wurde vom Herzog selbst aufgefordert, die entscheidenden Entschlüsse ungesäumt zu fassen; es sei, drohte er, die Krisis für Kursachsen; er selbst rücke zu einem Schlage auf Prag los. Der Kaiser werde aus Österreich geschlagen werden.

Das ganze Heer, aufgebrochen, rückte nördlich. Eine Unruhe und Unsicherheit war unter den Knechten aller Waffenarten und den unteren Chargen: Generalrendezvous der Heere war bei Prag befohlen, aber Kroaten mit leichter Artillerie flogen der Armee voraus, der Troß wurde kriegsmäßig gesichert. Man rollte auf gefrorenen Chausseen ohne Hindernis vorwärts. Plötzlich kamen Befehle von rückwärts aus dem Hauptquartier, das sich eben in Bewegung setzte: es seien Gerüchte verbreitet von Meutereien in Prag; allen wurde die strengste Zucht, widerspruchsloser Gehorsam befohlen, der Generalprofoß bereise das marschierende Heer, an das Reiterrecht wurde erinnert. Und kurz darauf: der Vormarsch sei zu beschleunigen, Prag werde bei Widerstand zur Plünderung auf sechs Stunden preisgegeben.

Man rollte durch stille Dörfer; Pfarrer, die man befragte, erklärten kleinlaut, von Prag seien sie angewiesen, auf allen Kanzeln Friedlands, des gewesenen Generalfeldhauptmanns, Absetzung auszuschreien; es laufe ein kaiserliches Mandat im Land um, er sei ein Verräter, darum sei ihm das Kommando abgenommen. Man fing schon vereinzelte vorspürende Aldringensche Reiter im Gelände, die wußten, daß sie den meineidigen Wallenstein hatten aus Prag jagen sollen; die Friedländischen hätten ihn schon verlassen. Trzkas Reiterei mit leichter Artillerie zehn Meilen südwestlich von Prag wurde von einem starken Aldringenschen Dragonerregiment gestellt. Die Dragoner fingen den Stoß auf, Trzkas Reiter wurden zurückgeworfen, sie fluteten zurück. Trugen Bestürzung in die langsam marschierenden Massen. Das ganze Heer, als wenn es gegen einen Wald von Piken liefe, wogte und rollte. Kleine schwerbewaffnete Kürassierpatrouillen mit Profossen und Henkern tauchten da bei allen Regimentern auf. Befehle kamen, den Marsch einzustellen, zur Formierung einer Kampffront.

Helles frühlingmäßiges Wetter. Wasserlachen, schmelzender Schnee auf den Chausseen. Anplantschend von allen Seiten lauschende Weiber, bekümmerte Bauern: von Prag sei in wenigen Stunden der Anmarsch der Kaiserlichen zu erwarten. Berichte von den Verlusten bei Trzkas Reiterei. Erschütterung, Erbitterung lawinenartig flutend über die gestauten Regimenter. Geflüster unter den Augen der Polizeipatrouillen: »Wir sind in den Winterquartieren. Kaiserliche! Wir sind Kaiserliche! Was will man von uns! Wer betrügt uns.« Die Truppen auf den Feldern, zwischen den Dörfern, die nichts hergaben: »Vorwärts, vorwärts! Auf Prag. Wir warten nicht.« Es tobte hin und her zwischen den Regimentern; vorwärts wollten sie alle, auf Prag, kein Kampf, man führte keinen Krieg mit Kaiserlichen.

Beim Regiment de la Moully fing es an; die Fuhrknechte zweier Hagelgeschütze hatten laut geschworen, sie würden noch morgen zum Heiligen Sigismund in Prag am Schloßgrab beten; sie wären aufgeknüpft worden; Korporale, Fouriere und einige Schlangenschützen waren über den Profoß und seine Leute hergefallen, hatten sie niedergeschlagen; die nahende Kürassierpatrouille schoß in den Haufen mit Pistolen. Darauf fiel die geschlossene Kompagnie über sie, zerriß sie. Geschrei und Getümmel dehnte sich über die nahen Regimenter aus, überall wurden die Patrouillen angefallen, entwaffnet oder niedergemacht, Gerichtswebel, Schultheiß, Stabhalter. »Nach Prag!« tobte es, beim Regiment Altmannshausen, Rodell, Balbiano, Hamerl, Notario. Der geschlagene Vortrab ritt schon an mit weißbewimpelten Lanzen. Obersten und Offiziere folgten willenlos; das Heer schob sich vorwärts. Tumultartig überrannten sich Abteilungen, brachen seitlich aus. Schwere Artillerie blieb auf den Feldern stecken.

Da scholl Lärm, Freudengeschrei vorn, Marradassche Aldringensche Reiter, fast waffenlos, galoppierten unter den aufgelösten Verbänden! Sie hatten Befehle an die kommenden Obersten bei sich, eine Ordonnanz des neuen Generalissimus Gallas. Er drohte kraft des ihm erteilten kaiserlichen Patents, bei Vermeidung kaiserlicher Ungnade: keiner der Herren wolle mehr Ordonnanzen vom Friedländer Ilow und Trzka annehmen, sondern allein dem nachkommen, was er befehlen werde oder Aldringen und Pikkolomini.

Auf den Feldern zwischen Pappelständen und den zahlreichen geschwollenen Bächen gab es ein kurzes unordentliches Gefecht: fünf Kompagnien Trzkascher Kürassiere, erlesene deutsche Truppen, schlugen sich nach Süden durch, Wasser und Erde werfend.

* * * * *

Aus den südlich gelegenen böhmischen Sümpfen, aus ungarischen Salzfeldern waren sieben Teufel losgebrochen; häuserhoch, baumlang die Arme an den Schultern schleppend. Sie liefen geduckt im Frühlingswetter zwischen den Wäldern. Von Wolfsart war ihr Fell; knietief schlugen sie ihre Hufe nachts in die weichen nassen Äcker. Bei ihrem Trappeln, beim Trompeten ihrer Nasen stürzten viele Menschen tot um. Manche wurden bei ihrem ungeheuren horizontverdeckenden Anblick von der Lust ergriffen und davon bewältigt, mitzulaufen, nachzurennen. Sprangen an, hingen sich an die dicken Zotteln, krochen in dem Gedünst an ihnen hoch, grunzend und blasend wie sie, oft im Lauf zerquetscht an Felsen oder bei Flußübergängen ertränkt.

In Böhmen und Mähren bemächtigte sich eine rätselhafte Panik der Regimenter. Niemand wußte, woher der Schrecken kam. Immer lief ein Teufel hinter dem andern; oft rannten sie ziellos im Kreis. Es hieß, sie wollten durch das Reich an die russische See. Bei den Sachsen fingen die Fahnen an den stillstehenden Stangen zu wehen an. Das Regimentsspiel klirrte bei schwedischen Regimentern.

In den Wäldern hinter den schwedischen Linien, in der Oberpfalz, im versengten Sachsen schwemmten die Massen; aus Erdlöchern Ställen Ruinen Gräbern, wo sie sich verbargen, kamen sie. Halsfletschend: »Es gibt nur Katholische und Lutherische, Kaiserliche, Schweden, Bayern; es gibt sonst nichts auf der Welt. Schlagt uns tot.« »Es kommt nicht darauf an, ob wir leben. Ein Bübchen, eine Weide, ein Wasser. Wir haben kein Recht zu leben. Müssen zu Mist und Erde werden.« Sie schwemmten plündernd in Dörfer. »Ein Hundsfott, der von Kaiser und Christus redet. Sie haben es verscherzt.« Gebrüll. »Ich schwöre den Kaiser ab.« »Ich schwör' auf Totschlag und goldene Münzen.« Sie rissen, wo sie es sahen, Wappenschilder, kaiserliche Farben, Skapuliere, Rosenkränze, geweihte Ketten und Kreuze herunter. »Schlagwasser ist besser, besprochenes Papier.« »Es ist ein Zähnchen von meinem Kind.« »Es ist kein Zähnchen, Jungfer, Ihr habt es weihen lassen.« Sie weinte: »Ich kann es nicht geben. Nehmt es mir nicht.« »Du willst uns verraten.« »Nein, Jesus kann nichts dafür. Laßt nur meinen lieben Herrn.« Sie schlugen auf sie ein. »Ich bin kein Verräter. Ich bete für Euch, Gott wird Euch helfen. Glaubt mir, liebe Freunde. O wär' ich schon tot.«

* * * * *

Bleich gebückt, niedergebrochen ritt vor einem heubeladenen Troßwagen neben dem starken Fuhrknecht ein Pilsener Bürger, ein etwas fetter Mann unter einem schwarzen breiten Lederhut; den hatte der Fuhrknecht auf seine Bitten mit auf den Weg nach Prag genommen. Wie die Verbände sich stauten auflösten, die Aldringenschen Reiter durch die Reihen galoppierten, steckte der Pilsener dem Knecht einen vollen Beutel in die Hand, löste das Begleitpferd vom Wagen, sprengte rückwärts. Slawata, schwindlig aufgewirbelt, hatte nur den Gedanken: wo ist der Herzog, wir verlieren ihn, er entwischt. Er hatte ihn in Pilsen belauert, jetzt: wo war er.

Einen halben Tag durch Getümmel und Schlägerei. Ihn fangen, ihn nicht entwischen lassen. Und dann der Jubel: Trzkas Kürassiere, Kompagnien, die westwärts zogen, nördlich an Pilsen vor den Wäldern vorbei, in der Richtung auf Mies.

Entlang dem Zug ritt Slawata: eine Doppelreihe langsam auf der Allee schreitender Musketiere, in der Mitte Dragoner zu Pferde, dahinter eine geschlossene Sänfte von zwei Pferden getragen. Berauscht ritt der ärmlich gekleidete Mann auf den Feldern in großer Entfernung hintennach, löste sich nicht von der geschlossenen Sänfte, deren Anblick ihm wohltat, die der Wind umblies. »Ich habe dir ein gutes Grab bereitet,« flüsterte er vor sich, streichelnde Blicke herüber, »es wäre schade um dich, du wärst irgendwo gestorben in einem Bett und es wäre niemandem ein Glück damit geschehen. Ich freu mich für dich.« Das Pferd stieß: »Es ist lustig, es spürt mich. Komm nicht so wild. Du sollst ihn ziehen, wenn er unser geworden ist. Wenn er so schön lang und still liegt.« Das Pferd wieherte lustig, ging ruhiger.

Ihn überfiel, wie er einsam durch den Lehm nachschleppte, die Freude, die von rückwärts über das dunkelnde Feld über seinen Rücken herzuwuchs. Wie sich alles so jäh gewandt hatte, als wenn die Vorsehung ihm in die Hand spielte: das Heer zerrissen, keine Brücke zu Pikkolomini, die saßen drüben in Prag, konnten nicht an ihn heran, schrieben Erlasse, Proskriptionsmandate, Ächtungen, Vogelfreierklärungen: sie kamen nicht heran an den Friedland! Er, er, er hatte ihn, hier ritt er, allein, im Namen der ewigen Bestimmung. Drüben, wie schön, wie schön, trug man ihn in einer Sänfte. Die guten beiden Pferde; daß sie ihn treu behüteten; die Kürisser, daß sie ihn gut bewahrten. Er gehörte ihm. Er war ein Böhme, er war sein Vetter. Es hatte keiner Anspruch auf ihn.

Er labte sich an den Gedanken in der rasch fallenden Dunkelheit. Von magischer Sicherheit war er geführt.

Der Herzog bog in Mies ein. Und wie Slawata verzückt auf leerem Felde und willkürlos den Lederhut abnahm, ihm nachsah, marschierten von Süden Kompagnien an, klirrende, schwer gepanzerte Dragoner. Slawata mischte sich erschreckt unter sie, da schwenkten sie in das Städtchen ein, geführt von einer Trzkaschen Patrouille. Bis in die Nacht wartete der Böhme hinter dem Hause, in dem der fremde Oberst einquartiert war. Als er vom Herzog zurückkam, drang Slawata zu dem finsteren Mann fast unter Gewalt ein.

Er rang mit ihm zwei schwere Stunden. Dieser Oberst, der auf dem befohlenen Marsch nach Prag zum Generalrendezvous gewesen war, war eben vom Herzog unsicher gemacht worden durch das Angebot von zweihunderttausend Talern, wenn er bei ihm verbliebe bis zur Ankunft von Verstärkung; nur eine kleine Anzahl Truppen hätten angeblich gemeutert. Der Oberst, der das Pilsener Papier unterschrieben hatte, hing nicht am Herzog; er wollte das Proskriptionsmandat sehen, von dem ihm in der finsteren Kammer der Geheime Rat Graf Slawata sprach. Es gelang dem Grafen den verschlossenen Mann zu erregen und zum Fäusteballen zu bringen mit dem Hinweis auf das böse Gemüt des Friedländers, der nun offen von der frommen katholischen Sache abschwenkte zu den Sachsen und Schweden. Einen Bescheid, ob er sich des Herzogs bemächtigen wolle, erhielt er von dem schwer beweglichen Iren nicht. Der äußerte nur grimmig und einsilbig, er werde beim Herzog bleiben, da die Vorsehung es einmal so gefügt habe, und böse Pläne werde er zu verhindern suchen. Slawata flüsterte weggehend, dem Obersten bittend, beinah inbrünstig die Hände küssend: sie seien allein: die Sache der Heiligen Kirche und des Hauses Habsburg hinge von ihnen beiden ab.

Marsch von Mies in kühler, nebliger Luft auf Eger. Der Oberst hielt eisern seine Dragoner zusammen; fünf altsächsische Reiterkompagnien, die sich ihnen angeschlossen hatten, entwischten; zweihundert zu Fuß blieben. Wippende Moorwiesen, Wassertümpel, dürftige Krüppelbäume. Da hob sich der Grünberg, oben die Spitze der Sankt Annakapelle. Die Zitadelle von Eger. Obertor, Untertor von Eger schlossen sich nachmittags hinter ihnen.

Der einsame schöne Böhme wanderte abends zur Kapelle hinauf, sah auf die ruhige Stadt, lachte sich schauernd aus, wie er zurückschlenderte in der Nacht: er war ein Opfer seiner Leidenschaft, gurgelte er, konnte nicht von ihr lassen, wollte sich von ihr die Hände und Füße fesseln lassen. Nun kam bald die geheimnisvolle Stunde, auf die er so lange gewartet hatte.

Die Dragoner lagerten auf freiem Feld, der Oberst mit den Fahnen in der Stadt. Sie hinderten die herzoglichen Kuriere nicht aus- und einzulaufen. Im Stadthaus des Bürgermeisters am Markt saß der Herzog zu Friedland. Im Hof, eine Holzgalerie umlaufend; hinten quartierten sich ein Trzka Kinsky Ilow.

Zerbrochen, unbrauchbar der blasse eitle Graf Kinsky; er zitterte, wußte nicht, wie fliehen; schlich durch die Stadt, um das Haus, freundete sich hier an, dort an. Störrisch und böse der lange Panther, der von Ilow; er schlug sich mit dem Grafen Trzka herum, in den Stuben, beim Ritt: Trzka hätte die Aldringenschen zurückwerfen sollen, hätte ausharren müssen; wie, konnte er nicht sagen; Trzka gab nach, sie waren beide in einer verbissenen Unruhe. Die Meuterei hatte sie wie mit einer Flut von jäher Betäubung weggeschwemmt, sie waren verwirrt und verzagt aus Geheul und donnerndem Lärm davongestürmt, hatten nicht einmal gedacht, sich mit dem zurückbleibenden Herzog in Verbindung zu setzen.

Den erreichte Getümmel und allgemeine Panik erst, als blutende Polizeitruppen an ihm vorbeiflüchteten. Er verließ die Sänfte, die Steigbügel seines Leibpferdes wurden mit Seide umwickelt, führte im roten allen bekannten Mantel selbst die Kompagnien um ihn zurück. Über den Weg ließ er hinter sich in aller Raschheit einen niedrigen Wall aufwerfen, den eine Handvoll Schützen deckten; aber es war nicht nötig, daß sie sich in der klumpigen triefenden Erde eingruben; es dachte niemand von den Truppen an Verfolgung, alles war nach Prag. Spät erst, nach vier Stunden Ritt, legte er sich in seine Sänfte, eine Totenlarve hing ihm vor dem Gesicht. In Eger im Pachhelbelschen Hause gingen sie mit Scheu um ihn; Scham und Pein bei seinen Vertrauten. Er brach nicht in Wut aus. Aber sie sahen, daß er grausam an sich hielt, keinen Vorwurf machte, daß er in furchtbarster Gerichtsstimmung war, von seiner Rachsucht gegen die, die ihm das angetan hatten, ganz verschlungen war.

Untereinander maßen sie sich; sie wollten es noch abwarten, konnten sich vom Herzog nicht losreißen. Der junge Albrecht von Sachsen-Lauenburg, sächsischer Marschall unter Arnim, ritt in Eger ein, er schmähte schon am Tore auf Ilow und Trzka, deren Fahrlässigkeit das gräßliche Unglück verschuldet habe, das alle Chancen verschlechtert habe; vor dem Herzog zu Friedland lag er fast auf den Knien. Wallenstein, in schwarzem Pelzmantel gebückt mit untergeschlagenen Armen sitzend, die kleinen Augen graublau umrandet, spitze Backenknochen, trockener nackter Hals, die schlaffen Lippen zuckend, gab ihm heiser auf, dem Bernhard von Weimar zu Regensburg zu sagen, er verteidige sich hier in Eger mit den Truppen, die ihm geblieben seien; er werde die von der Panik mitgerissenen Regimenter wieder an sich ziehen. Bernhard möge gegen die böhmische Grenze vorrücken mit Berittenen, so viel er frei machen könne, auch solle er Fußvolk hinterdrein werfen, um die Artillerie zu schützen. »Sagt dem Herzog Bernhard,« fausthebend Wallenstein, sein Blick hart und listig, »daß er sich ins eigene Fleisch schneidet, wenn er sich nicht beeilt. Ich werde mich hier verteidigen; man wird mich nicht zur Übergabe bringen, er wird mir glauben, daß ich gegen Gallas und Pikkolomini mich werde schlagen können. In zwei drei Wochen sieht die Armee des Kaisers anders aus und meine anders.«

Fiebernd nur von einem Pagen begleitet raste der Lauenburger fort, auf Regensburg, noch einmal im Streit Trzka anfallend, ihm den Mantel zerreißend.