Wallenstein. 2 (of 2)

Part 38

Chapter 383,543 wordsPublic domain

Als der Alte seufzte, meinte der andre leise: »Lange bleibt der Kaiser aus.« »Wir werden warten«, seufzte der Alte. Nach einer Weile: »Ein sonderbarer Schlag Mensch, ein Fürst. Sie sind etwas für sich. Das Volk spürt es. Als Priester wirst du deine besondere Meinung über sie haben, Kind. Sie sind fast die Schlimmsten der Unvernünftigen. Es ist gewiß, daß die Menschen von Natur frei sind. Ist ja doch jedes Lamm und Schaf, jeder Hund frei; er kann laufen wohin er will. Und der Hirsch, die Wanze, der Floh. Warum nicht der Mensch? Frei bleibt der Hirsch aber nur, solange es keinen -- Jäger gibt. Eine Muskete überredet den Hirsch seine Freiheit aufzugeben, eine Muskete hat große Überzeugungskraft. Was die Könige Herzöge und Grafen in ihren Ländern tun, ist von dieser Art. Du wirst das einsehen. Wenn ich einen Hirsch einsperre, so übe ich damit kein Recht, sondern eine große Geschicklichkeit.« »Warum läßt Gott dies zu?« »Du bist nicht töricht, mein Kind. Gott ist noch nicht an der Reihe. Weil die Fürsten die Gewalt haben, glauben sie die Vernunft, den göttlichen Gedanken entbehren zu können. Niemand ist so Verwirrungen ausgesetzt wie ein Fürst. Sie verlieren den Boden unter ihren Füßen und rennen ins Leere. Ihre Völker können sie mit sich ziehen. Wir müssen uns der Fürsten bemächtigen, und wenn uns das nicht gelingt, der Völker. Wir dürfen nicht nachgeben und vor nichts zurückschrecken. Nur die Heilige Kirche wird die Menschheit von dem Abgrund zurückhalten.«

Vor einem hohen Wandbild blieben sie verschnaufend stehen; auf dem Schoß der blaumanteligen Jungfrau spielte das heilige Kind mit einem goldenen Buch. Sie stocherten weiter. Der Alte wies rückwärts mit dem Daumen auf das Bild: »Das Buch. Das Buch. Damit glauben nun unsre Schäflein zu haben, was sie brauchen. Jetzt sind sie die Herren. Wer lesen kann, hat Zugang zu Gott.« »Das ist ja Ketzerei.« »Nun, hast du einmal nachgedacht darüber, wer schuld ist an der Ketzerei? Luther? Huß? Ei was. Sie sind Betrogene. Es sind alberne flache Köpfe; es reicht bei ihnen nicht zu einem Betrug. Das Buch. Es war Sünde, uns ist es längst klar, die Schrift Laien preiszugeben, sie überhaupt schreiben zu lehren. Die heiligen Worte heilig zu halten, wäre wichtiger als alles andre gewesen. Die heiligen Worte hätten von Papst zu Papst mündlich überliefert werden müssen, und niemand hätte von ihnen hören dürfen, als die der Papst heranzog. Von diesem Baum der Erkenntnis können einfache Menschen nicht essen. Nun ist das Unheil geschehen, und was ist die Folge? Die Massenketzerei. Sie fußen auf der Bibel. Hast du das einmal gehört von den Prädikanten: auf der Bibel? Diesen Tonfall? Das klingt so stolz, als wenn einer sagt: das hat Lamez gelehrt, das hat Vitelleschi gefordert. Sie können, mein Sohn, ebenso sagen, sie fußen auf der Natur, der Tierwelt, den Sternen, auf den Kristallen, den Meerfischen, dem Schindanger. Denn was ist gesagt mit: Bibel? Ein Manuskript voll von Sätzen, von Silben, Buchstaben, Schriftzeichen, hebräisch griechisch lateinisch. Meine Augen gleiten darüber hinweg, ich finde dieses Wort, jenes, zähle zusammen l-o-g-o-s, es gehört schon ein Entschluß dazu, logos zu sagen. Ich steige, kaum ich meine Augen bewege, ins Geistige und -- die geschriebene Bibel verschwindet. Mein Geist herrscht.« »Ehrwürden hält nichts von der Heiligen Schrift?« »Die Heilige Schrift nichts? Freilich. Wenn du stark bist und nicht erschrickst, Kind; sie ist in gewisser Hinsicht nichts.« »In gewisser Hinsicht?«

»Eine Papiersammlung, ha, du brauchst nur einen Indianer fragen, ob ich nicht recht habe. Jeder Vogel wird es dir bestätigen. Male die Buchstaben der Bibel auf eine Sammlung Lebkuchen, gieße sie mit weißem Zucker genau nach dem Urtext; du wirst eine Kuh als natürliche Autorität hinzuziehen -- sie soll dir sagen, ob das die Bibel oder Lebkuchen ist. Sie frißt das ganze Paket auf und du darfst dann kein Wunder von dem Tierdarm erwarten; was die Kuh später von sich gibt, ist ein Kuhfladen wie jeder andre. Verzeih -- ja du lachst, Kind -- ich will nur sagen, diese lutherische Kuh hat brav gehandelt, aber sie ist auch trotz des lutherischen Bekenntnisses unsre gute Kuh geblieben.« »Ich verstehe.« »Und machen wir erst diesen Schritt, so machen wir alle. Dieser Buchstabenglaube, sag' ich dir, ist ein Rückfall ins Judentum. Weh dem, der glaubt, weil er zwei Füße hat, er könne auch allein aufstehen. Unser Glaube hat Freiheit, der Heilige Geist hat die Evangelien diktiert, er ist mit dem Papst. Nur mit dem Heiligen Geist ist die Freiheit. Wir werden ernstlich einmal daran gehen müssen, der Kirche und dem Papst die Bibel wieder zu erobern; wir müssen die Schafe vor dem Wahnsinn und dem Tod schützen.«

Gänge, Türen, Treppen. Sie stiegen ernst über die Holzdiele. Hinter den Fenstern des Erdgeschosses saßen sie, blickten in den Wald hinaus. Sie warteten. Ein Diener brachte ein niedriges Tischchen mit Äpfeln und Zuckerwasser. Der Novize öffnete vor dem Priester ein Fenster. Erfrischende Luftströme.

Ferdinand ließ sich vom Pferde helfen. Ein schnauzbärtiger älterer Mann bei ihm, fingertiefe Narben in dem entschlossenen kleinen Gesicht, das unten ein starker vorspringender Unterkiefer abgrenzte. Mit raschen Schritten an dem Geistlichen vorbei. Der Leibdiener holte bald den grauen Pater; der Kaiser dankte ihm, plauderte mit ihm; er wollte ihn abends empfangen.

In dem breiten, von Streben durchschossenen, wie von verschlungenen Armen gestemmten Gewölbe stand Ferdinand, heftig und leise diskutierend mit dem Schnauzbärtigen. Der trug zwei Pistolen im Gürtel, der Kaiser hatte ihn nach dem Überfall bewogen, bei ihm zu bleiben. Jetzt verlangte Ferdinand, weißgrau wie der andre gekleidet, in losen Kniehosen leicht schlotternd, tiefrotes Gesicht, Böckel solle mit ihm weg. Der widerstrebte. Dann wollte Ferdinand ohne ihn weg; man hätte etwas gegen ihn vor, einen Anschlag, flüsterte er ängstlich, es sei nicht ausgeschlossen, daß man ihn einsperren werde, um seiner sicher zu sein; gegen Kaiser Matthias und Rudolf sei auch dergleichen geplant gewesen. Der wollte es nicht glauben. »Es ist so weit,« verharrte Ferdinand, »sie wollten den Herzog zu Friedland beseitigen, Friedland ist mein Freund, er hat mich hochgebracht; sie werden mich fassen wollen; sie wissen, wie ich denke.« Der starke Böckel, der einen feisten runden Rücken hatte, listig um sich schauend: also Ferdinand sollte sich nichts vergeben, sie wollten mitnehmen, was sie tragen könnten. Gegen Abend sollte es sein; er wolle hinaus zur Vorbereitung; er tuschelte noch: der Kaiser solle sich keine Blöße geben bis da.

In ein Zimmer ging Ferdinand, den ein Schrecken beim Anblick des fremden Geistlichen befallen hatte, dann nicht mehr, lungerte in der Nähe der Tür herum, ritt angstvoll um das Schloß. Er mußte am späten Nachmittag noch mit dem Fürsten Eggenberg durch die Gänge promenieren; das Absetzungsmandat Wallensteins sollte unterschrieben werden. Zum erstenmal empfand Ferdinand fiebernd einen Haß auf den Mann, der ihn jetzt bedrängte und quälte. Er sah nicht die hündisch treuen Blicke des alten Menschen, er wartete, daß er ging. Was Wallenstein, pfui, pfui, sie sollten ihn zu nichts kriegen.

Als man zur Abendmesse gehen sollte, hing Ferdinand schon auf dem Pferde. Eine halbe Stunde lag Wolkersdorf hinter ihm.

Er dachte daran, wie ihn vor langer Zeit Graf Paar mit Gewalt entführen wollte. In einem Talkessel lagerten Böckels Gefährten; Ferdinand umarmte den eisenstarken Gesellen. Dann schrie er wie ausgelassen sinnlose Silben aus voller Kehle in die Luft, die anderen lachten. Er warf sich auf den bloßen Boden, zuckte mit den Armen und Beinen, knirschte, weinte, schäumte, schrie. Er ließ aufgestemmt bestäubt den Kopf zu Boden hängen. Ferdinand war schwindlig. Er glaubte ein Schlag träfe ihn. Man wollte ihn hindern, aber er fing an sein Pferd abzuhalftern, zu füttern; schüttete dem Tier Stroh und Heu auf, küßte es tränend zwischen die Nüstern, das ihn fortgetragen hatte.

In dieser ersten Nacht, wo er in einer leeren Scheune neben seinem Pferd zwischen den wilden Gesellen schlief, träumte er, er stünde wieder an seinem Fenster in Wolkersdorf; es klatschte etwas gegen die Scheiben, er stieg hinaus, sie nahmen ihn bei der Hand, liefen mit ihm durch den Wald. Aber er lief rascher als sie, er lachte, ließ sie los, berührte kaum den Boden mit den Füßen, nachschleppenden, flog und sank, und wieder lief er mit ihnen, lachte, rollte, flog, balsamische Luft wehte über ihn. Er sah auf, kein Tausendfuß, kein ekler Bauch war über ihm.

Er kicherte im Stroh, daß die andern aufhorchten und im Dunkeln sich seinen Namen zuflüsterten.

* * * * *

Jubel in Dresden über Wallensteins Abfall. An den Börsen in Hamburg Bremen Augsburg furchtbare Unruhe und Verhaltenheit; beklommenes Fragen nach dem Verhalten der Prager Judenschaft, die stark engagiert war; man hörte nur, daß weder der Primas Bassewi noch Graf Michna geflohen waren, daß sie also Friedlands Sache nicht verloren gaben. Beschreibungen des Pilsener Banketts liefen an den Höfen um; der Emissär Friedlands nannte prahlerisch in Dresden die Namen der Obersten und Generalspersonen.

Die neuen Friedensbedingungen des Herzogs langten am sächsischen Hofe an: Die spanische Herrschaft und Einmischung in Deutschland ist abzulehnen. Frankreich ist über den Rhein zu werfen, die Pfalz wird wieder hergestellt; der Herzog Bernhard von Weimar wird mit dem Elsaß oder einem Stück Bayern entschädigt. Der Weg zum Frieden wurde vorgezeichnet: Vereinigung des Herzogs mit Sachsen und Brandenburg; im Augenblick der Vereinigung kann dem Kaiser und den Schweden der Friede diktiert werden. Der dicke Johann Georg war störrisch zu nichts zu bewegen; er zwar wollte Frieden und ihm bangte um sein schrecklich verwüstetes Land, aber den abtrünnigen Herzog nahm er nicht an; das sei ein Bösewicht, ein Mann, der nichts bedeute, er wolle immer und immer nur den Frieden mit dem Erwählten Römischen Kaiser. Sein Feldmarschall Arnim rang entschlossen und hingegeben mit ihm und Kaspar von Schönberg Tag um Tag. Der geschehene Abfall des Herzogs machte seine Position schwieriger; nun war der Kaiser zwar machtlos, von Friedlands eignem Heer ohne kaiserlichen Rückhalt aber dachte der schmerbäuchige Herr niedrig; ja, in Johann Georg regte sich ein Gefühl, der schmählich verratenen Kaiserlichen Majestät gegen solche Hundsfötterei beizustehen. An die Zuverlässigkeit der friedländischen Armee glaubte er trotz des Reverses nicht; wenn die rechte und natürliche Autorität fehle, der Kaiser, werde die Ordnung im Heere verschwinden; auf Schlechtigkeit baue man keine Armee auf. Der Kurfürst und auch sein Kaspar von Schönberg hatten vor, die Situation in ihrem Sinn auszunützen; man werde dem Fuchs, der Sachsen unsicher gemacht habe, seinen Raub heimzahlen. Die Lage wäre wie vor Breitenfeld: Schweden und Sachsen sollten zusammengehen und diesmal dem Friedland einen Schlag auf das Haupt versetzen.

Neben Arnim arbeitete für den Herzog der junge Herzog von Lauenburg, ein schwärmerischer Verehrer Friedlands, in kursächsischen Diensten. Der fuhr, um jeden sächsischen Anschlag auf den Generalissimus zu verhindern, zu Bernhard; er weihte von seinem Vorhaben Arnim ein; Arnim knirschte und fluchte mit ihm in verschlossener Kammer; sie würden die schlimmen kursächsischen Pläne hintertreiben; sie dachten in Dresden schon den Friedländer in der Falle zu haben. Aber bei Bernhard von Weimar, dem lippenaufwerfenden überstolzen jungen General, begegnete er einer brutalen Kälte; er glaubte nicht an einen vollzogenen Abfall, das Ganze sei eine friedländische Finte, um sie ins Garn zu locken, prasselte ein Spottlachen über den Lauenburger: »Es müßte mit merkwürdigen Stücken zugehen, wenn der liebe Gott vorhätte, gerade mit diesem Friedland das Deutsche Reich zu erretten.« Überdies fragte er, die Augen kneifend, was es auf sich habe, daß er und Arnim hinter dem Rücken ihres Herrn solche Pläne betrieben.

Der schweißduftende Fürst Pikkolomini bemerkte mit Wut, daß die Unterhaltung zwischen Pilsen und den beiden Feinden weiterging. Er schlug dem Federfuchser Aldringen in Passau rasche Schritte vor. Der war einverstanden. An Gallas, der im Pilsener Lager saß und vom Herzog nicht losgelassen wurde, kam man noch immer nicht heran. Aldringen ersuchte den Kurbayern, ihn mit einigen Truppen zur Exekutierung der friedländischen Absetzung zu beurlauben.

Man konnte Maximilian lange nicht zum Entschluß bringen. Er war in Passau anwesend, aber statt an den Beratungen der Herren teilzunehmen, betete er stundenlang. Der entscheidende Schlag stand bevor. Er war unsicher und zögerte die Handlung hin. Wenn man ihn bedrängte, brach Zorn und Feindseligkeit aus ihm. Sein außerordentlicher Stolz war von Friedland tief gedemütigt worden: jetzt sollte die Entscheidung kommen, die das Haus Wittelsbach vernichten konnte. Der Gedanke, das Haus Wittelsbach könnte vernichtet werden, dieser ungeheuerliche -- und Schweden, Bernhard von Weimar oder Friedland könnten in Zukunft in Bayern schalten, lähmte sein Gehirn. Kuttner war bei ihm im Passauer Rathaus. Mit der Härte von Slawatas Gedanken setzte er dem schwankenden hilfesuchenden Kurbayern zu; es gelang ihm auf Stunden in Maximilian die Furcht um Wittelsbach zu verdrängen. Er lockte den Kurfürsten auf den alten Kampfgang gegen den Herzog. Da war keine Unsicherheit, Wallenstein mußte herunter.

Und als Aldringen mit seinen Regimentern abgezogen war, saß Maximilian noch im Passauer Rathaus starr auf dem Lehnstuhl am Fenster, hörte das Klappern der Pferdehufe. Wittelsbach war in Gefahr, auf wen verließ er sich? Friedland besaß ein großes Heer. Und diese hier! Kuttner hörte ihn plötzlich ächzen; die Scham glühte über Maximilian; steif und wild blickte der Kurfürst den andern hinter sich an, der sich umdrehte. Wie Kuttner gemartert das Zimmer verlassen hatte, knickte Maximilian auf den Knien vor dem Fenster zusammen; leidenschaftlich trieb er seine Gedanken hinter den Regimentern her, bettelte bei den Schutzheiligen, sich der Truppen anzunehmen, gelobte Geschenke Stiftungen, was es auch sein sollte. Er blieb auf den Knien, als ob er eine Antwort erwarte. Öffnete das Fenster. Die Straße war leer, Aldringen war weg.

Die Regimenter die Gebirgspässe überschreitend; über die Quellen der Moldau. In Neterlitz bei grausigem Schneegestöber holte sie Pikkolomini ein. Es konnte nicht gezaudert werden, die Obersten wurden eingeweiht; Pikkolomini wies ein mit kaiserlichem Siegel versehenes Befehlsschreiben vor, das alle Offiziere und Soldaten ihrer Pflicht gegen den bisherigen obersten Feldhauptmann, den Herzog zu Friedland, enthob und sie an den Grafen Gallas verwies, in Gallas Behinderung an ihn selbst, Pikkolomini und Aldringen. Unterschrieben war das Schriftstück vom König von Ungarn und dem Fürsten Eggenberg angesichts der Erkrankung des Römischen Kaisers. Ursache der Veränderung sei eine ganz gefährliche und weitausschauende Konspiration und Verbündnis des Friedländers, seine meineidige Treulosigkeit und barbarische Tyrannei, die das kaiserliche Haus um Land und Leute, Krone und Szepter zu bringen Vorhabens sei. Gewalt war die Losung, die der hitzige Italiener ausgab; er wollte, schwur er, den Skorpion auf der Wunde erdrücken; der schlaue ängstliche Federfuchser Aldringen ließ ihm seine Regimenter, er selbst zog träge mit seinem Stab hinterdrein. Ohne Zögern stießen die Regimenter unter Pikkolominis Führung auf Prag los. »Ich kann nicht warten,« hatte der Italiener gespieen, »bis der Herzog in Prag ist.« Die Stadt war gänzlich ahnungslos. Die Obersten der friedländischen Truppen verstanden nicht, was der Generalwachtmeister im Sinn hatte, als er sie, während seine Truppen in kriegsmäßigen Formationen mit Artillerie die Brücken der Stadt und den Hradschin besetzten, zu sich in das Altstädter Rathaus berief, das Enthebungsmandat vorlesen ließ, das gleichzeitig unter Trommelschlag auf Gassen und Plätzen verkündet wurde, und an sie die Aufforderung richtete, sich ihm zu unterstellen als dem Vertreter des Generalissimus Gallas. Erst während seiner Rede erkannten die Herren in dem dunklen Raum, daß Gefangene schwer gefesselt an der Wand hinter dem Italiener lagen, stöhnten, Offiziere, die dem Herzog zu Friedland eng verbündet waren, seine Lehnsträger. Den Wunsch zweier Obersten, sich über die Sachlage zu besprechen, beantwortete Pikkolomini zustimmend, aber diese Besprechung müsse bei der Gefährlichkeit der Lage in einigen Minuten zu einem für den Kaiser nützlichen Ende geführt sein. Die übrigen erklärten dem kaiserlichen Patent ohne weiteres Folge zu leisten. Sie kletterten verstört hinaus. Ihre Regimenter waren draußen mit Fähnlein der Aldringenschen Truppen untermischt; es wurde den Herren bedeutet, daß keine Unbill gegen sie beabsichtigt würde, aber man wollte sie vor Konflikten bewahren, sie möchten sich einige Tage von den Truppen fernhalten.

Im Anmarsch von Süden Marradas Truppen; überall lautete die Parole: »Wir wollen den Kaiser nicht verlassen, wir wollen die Schweden und Welschen aus dem Reich schlagen.« Und dann: »Der meineidige Wallenstein; er will dem Kaiser Böhmen nehmen, mit Schweden und Franzosen will er sich verbinden; wir wollen ihm den Paß verbauen.«

Im Moment schlug die Stimmung des friedländischen Heeres in den Prager Quartieren um. Nach der ersten Verblüffung wirkte die Ankunft der fremden Regimenter wie eine Befreiung. Man hatte sie mißbrauchen wollen. Die Truppenkörper mischten sich; die neuen brachten unerhörte Nachrichten von dem Betrug, den man an den böhmischen verüben wollte. Wallenstein, der Gottseibeiuns und seine teuflische hochfahrende Sippe, der Nichtsnutz, der sich mästen wollte, Böhmen stehlen wollte, während sie in mageren Quartieren verkamen. Sie waren des Römischen Kaisers treue Soldaten; sie wollten ins Reich hinaus, sich ihre Beute holen; Gallas würde sie an den reichen Rhein führen; die Franzosen, ei, die Franzosen, in das schöne Elsaß.

In das prunkvolle Friedländerhaus auf dem Hradschin zog Pikkolomini ein. Da erst befiel ein Grauen die Stadt. Die Straßen leerten sich. Jeder versteckte, verschleppte, vergrub seine Kostbarkeiten. In jedem Viertel wurden die Gewölbe geschlossen, verbarrikadiert, ein großer Teil der wertvollsten Sachen nahe der Moldau nachts in Kästen vergraben. Die Juden bewaffneten sich. Keiner von den eingedrungenen Offizieren bemerkte, was in der Stadt vorging. Der Adel beriet hinter verschlossenen Türen an allen Teilen der Stadt und auf den nahegelegenen Gütern. Alle waren sicher: man hatte hinter Wallenstein zu stehen. Heimlich wurden die jungen Bauernburschen und Bürgersöhne, die sich bereit erklärt hatten, einem Zeichen zu folgen, alarmiert; man verteilte Geld und Waffen, gab Losungsworte aus. Eine Riesensumme wurde genannt als Preis für den Kopf des Grafen Wilhelm Slawatas; eine instinktive Wut bezeichnete allgemein den schönen Grafen als Hauptschuldigen an der erschreckenden Wendung; er war seit Wochen abwesend, jetzt hatte er sein Ziel erreicht. Von der uralten Gräfin Trzka erzählte man sich, sie sei auf die Kunde von dem Handstreich des Italieners nach Prag gekommen und hätte Dutzende von goldenen Ketten mitgebracht für den, der den Italiener ermorde. Überall lagen plötzlich Waffen, die auf dem Land herangeschmuggelt wurden.

Während dieser stummen Tage fuhr auch eine unscheinbare Judengesellschaft auf einigen Wagen aus Prag ab. Adlige der Landschaft machten ihnen selbst durch Pässe und Salvegarden den Weg frei. Sie mußten ihnen schwören, der friedländischen und böhmischen Sache hold zu bleiben. Da standen die trauernden Gesellen mit den gelben Zeichen am Mantel in der Kammer der Herren; ihr Herz war, seit Wallenstein lebte, mit ihm. Sie schworen, das kleine schwarze Mützlein aufgesetzt, die rechte Hand bis an den Knorren auf der Bibel beim dritten Gebot, verflucht auf ewig zu sein vor ihrem Gott Adonai, vom Feuer verzehrt zu werden, das auf Sodom und Gomorra fiel, wenn sie Untreue und Falsche brauchten. Der wahre Gott, der Laub und Gras und alle Dinge schuf, solle ihnen nimmer zu Hilfe kommen. Sie fuhren erst nach Norden, als ob sie auf den Markt von Brandeis fahren wollten, dann wandten sie nach Südwesten. Einige jüngere aus den Juden nahmen dann bei Brandeis Pferde, hetzten auf Pilsen zu.

Die Kuriere aus Prag mit ihrer freudevollen Meldung der Einnahme der Stadt fanden einen totenstillen Hof. Der Kaiser verschwunden. Seine Leibdiener in Eisen geworfen. Kein Anhalt über seinen Verbleib. Von der Kaiserin erfuhr man nichts. Sie, die in einer schweren dunklen Erregtheit nach ihm forschte, wurde nicht aufgeklärt; man versuchte sie zu beruhigen mit der Erklärung, der Kaiser fürchte in diesen Tagen in Wien zu bleiben; man hätte ihm empfohlen, sich ohne Aufsehen bei den Truppen des Marradas zu bewegen. Die leidenschaftlich ausfahrende, brüsk sogar mit den Priestern umspringende Erscheinung der Mantuanerin war in diesen schreckensreichen Tagen dem Hohen Rat der furchtbarste Anblick. Lamormain konnte sich nicht von ihrer Seite bewegen. Sie malträtierte ihn, forschte aus, was er von Ferdinand wußte. Der Pater suchte vergeblich sie zum Beten Beichten und zur Ruhe zu bringen. Das Flüstern Schreien Weinen Seufzen auf ihren Zimmern nahm kein Ende.

Eggenberg kam nicht mehr hervor aus seiner Wohnung; er fürchtete die Begegnung mit der Kaiserin; in einer dumpfen Geschlagenheit hockte er zu Hause. Kein Besuch durfte zu ihm. Über seinen Kopf stürzte alles zusammen.

Allein von den herumwandernden Vätern der Jesukompagnie wurde die freudevolle Prager Nachricht herumgetragen, und um sie herum merkte der Hofstaat auf. Die Riesenbeute würde an den Kaiser fallen, und was an den, und was an den. Die Kenner der herzoglichen Güter, des Prager Hauses, Gitschins wurden ausgeforscht: und plötzlich ging man hitzig suchend herum, belauerte sich, verteilte. Wer wollte urteilen, an wen sollte es fallen? Der Kaiser war nicht da, der König von Ungarn unerfahren, Eggenberg hatte sich von den Geschäften zurückgezogen. Nur Graf Schlick hatte noch eine feste Hand. Es würden ungeheure Besitzmassen zur Verteilung kommen, man würde nicht mit sich spielen lassen. Ansprüche wurden geltend gemacht. Verdienste behauptet, bestritten. Die Väter schürten; jedes Wasser auf ihrer Mühle war recht. Es gingen am Hofe verkappte und ehemalige sehr laute Anhänger des Friedländers, Offiziere, die er hochgebracht hatte. In Schmähungen erging man sich schon auf Pikkolomini und Aldringen; man gedachte sie bald zu kirren.

* * * * *

Der Marsch auf Prag wurde in Pilsen beschlossen. Schaffgottsch sollte aus Schlesien zur Unterstützung in jedem Fall herangezogen werden. Nach allen Richtungen lief augenblicklich der Befehl Wallensteins an Obersten und Generalspersonen zum Generalrendezvous der Truppen bei Prag. Er selbst werde sogleich dahin aufbrechen.

Wie aber der Herzog am Morgen nach der Konferenz sich in einer Sänfte ins Lager tragen lassen wollte, war die Stadt auffallend still, Straßen friedlich ohne Posten und Patrouillen, die Tore unbesetzt.

Der lange Ilow am Stadtausgang auf nassem Pferd anklappernd, herunterklirrend zur herzoglichen Sänfte, konnte nur melden, daß der Oberst Diodati nachts in aller Heimlichkeit die Einquartierung Pilsens gesammelt habe und in Richtung Prags abgezogen sei. Mit Diodati sei der schmerbäuchige spanische Agent Navarro verschwunden, der seit einigen Wochen in Pilsen herumpokulierte.