Part 37
Die niedrige stark geheizte Ritterstube, Wallenstein ohne Hut und Mantel, mit hoher Stirn, weißbärtig, Platz anweisend, selbst auf der Bank an dem kleinen bunten Fenster. Dem Trabanten, der den Mantel hinaustrug, schrie er nach: »Türen schließen.« Trautmannsdorf, dem andern ein Schweigezeichen gebend, beruhigte sich und hielt sich mit den Blicken fest an einer nach rückabwärts ragenden Hirschgeweihspitze der Krone an der Decke. Sanft und ohne sich von den funkelnden starren Augen des Herzogs beirren zu lassen, setzte Trautmannsdorf auseinander, daß vor der Kaiserlichen Majestät, wenn man sich ihr nicht widersetzen wolle, wenigstens in einem Punkt alle Unterschiede verschwinden müßten: man sei vor ihr Untertan oder Privatperson. Er führte das bezwingend aus. Der Herzog ließ ihn reden. Er sei Reichsfürst, und dies sei das eine. Und dann sei sein geschriebener und gesiegelter Vertrag da. Man habe schon in einem Punkte seinen Vertrag ohne ausreichenden Einspruch durchlöchert: indem Feria in Deutschland erschien, ohne von ihm dahin beordert zu sein, dann indem sich derselbe Feria seiner vom Kaiser verliehenen Befehlsgewalt entzogen und einen ganz unnützen Posten bei der bayrischen Durchlaucht einnahm. Er werde nicht nachgeben und tun, was unsachverständige Leute, ohne ihn zu fragen, beschlössen. Heimtückische Hiebe gegen seine Friedensbemühungen werde er zu parieren verstehen.
Da löste Trautmannsdorf seine Augen von der Geweihspitze. Ihm gegenüber auf der Fensterbank saß ein kalter Mensch, stützte sich auf ein spanisches Rohr, redete entschieden und unwidersprechlich. Er konnte da ohne Schwierigkeit aus seiner Gürteltasche ein geschlossenes gefaltetes Schriftstück ziehen und daraus vorlesen, daß dem Herzog zu Friedland, Seiner Majestät getreuen Feldhauptmann, ernstlich vorzuhalten sei, daß er durch seine Maßnahmen im letzten Feldzug die Sicherheit des Kaiserhauses, der Erblande und des Reiches sehr gefährdet habe, und daß die Majestät sich nunmehr auf Rücksprache mit ihren erfahrenen Ratgebern veranlaßt gesehen habe, zwei ihrer vertrauten Räte, den von Trautmannsdorf und von Questenberg, dazu dem Feldhauptmann bekannt und zugetan, zu ihm zu schicken und sie zu ermahnen, mündlich mit ihm die bayrische und spanische Affäre zur Zufriedenheit des Kaisers beizulegen. Sollte aber der Humor der herzoglichen Durchlaucht einer friedlichen Beilegung auch weiter nicht geneigt sein, so müsse ihr bedeutet werden, daß die Kaiserliche Majestät ihrem Feldhauptmann diesen Befehl gebe und in Ansehung des Ernstes der Umstände über den Kopf des Generalissimus den Obersten Anweisungen geben werde.
Diese kaiserliche Instruktion gab Trautmannsdorf dem Herzog, der sie, ohne sie zu lesen, eine Weile schweigend in der Hand wog. Dann las er sie aufstehend; legte sie, zu ihnen tretend, auf den Tisch. Als die beiden aufstanden, drückte Wallenstein dem kleinen ihn scharf fixierenden Grafen die Hand: »Ihr seid besser als der da.«
Wie sie sich, da sie den Eindruck hatten, er wolle die Sache bedenken, zu weiterer Gunst, Lieb' und Gnad' verabschieden wollten, meldete seine leise bestimmte Stimme, daß er sogleich ihnen seinen Willen vorhalten wolle. Er werde dem kaiserlichen Begehren nicht stattun, aber er werde es auch nicht verhindern. Er werde resignieren. Sie möchten einige Tage in seinem Hauptquartier verbleiben, um seine schriftliche Resignation mit auf die Reise zu nehmen.
Dem erschütterten Grafen drückte er noch einmal stark die Hand; er werde ihm den erwiesenen Dienst zu Gutem nicht vergessen.
Weder Trzka noch Kinsky wurde darauf von ihm, als sie nach einigen Stunden ihn aufsuchten, eingeweiht. Er ging in aller Ruhe mit ihnen und dem herbeigerufenen Neumann die Liste der Generalspersonen und Offiziere durch, um sich genaue Angaben über alle machen zu lassen. Er traf ein Grundgefühl bei ihnen, als er erklärte, es sei jetzt das Wichtigste die Schafe von den Böcken zu trennen und alles Unzuverlässige rasch abzustoßen. Über Aldringen lautete das Urteil schlecht, es war recht, daß er hinten in Passau oder sonstwo stand. Für Gallas sagte der Herzog gut; Fürst Pikkolomini, der treue ehemalige Kapitän seiner Leibwache stand außerhalb jeden Verdachts; man ging schrittweise die Listen durch. Über einige Männer, erklärte der sehr nachdenkliche aufmerksame und zugängliche Herzog, werde er sich noch informieren müssen. Er werde auch Zenno befragen, seinen Astrologen, über den und jenen. Das sagte er zum Schluß leise. Es machte auf die anwesenden Herren einen starken Eindruck: der sonderbar suchende Ton und mitten in den geschäftsmäßigen Beratungen der Astrologe Zenno. Sie fühlten: er trug sich mit etwas Außerordentlichem; er war bewegt, er sagte nichts, vielleicht mißtraute er ihnen auch.
Gegen Abend dieses Tages erklärte er nach der Tafel gegen Trzka, er resigniere. Man sei am Hof, anscheinend mit Einschluß des Kaisers, der Meinung, daß er Habsburg und das Reich verrate, es gäbe wohl Narren Schelme und Verleumder auch in seiner Umgebung, die geflissentlich so gefärbte Nachrichten nach Wien kolportierten. Man dränge ihm nun unmögliche Befehle auf, um eine Entscheidung herbeizuführen; er danke ab. Die weitere Durchführung der Listen erübrige sich also.
So bestürzt war Trzka, daß er dem Lagerkommandanten von Ilow nach einer Viertelstunde ohne Besinnung in die Arme fiel, in Ilows Wohnung, die er gedankenlos aufgesucht hatte. Das Faktum der Mitteilung hatte ihn widerstandslos getroffen, obwohl der Ton der vorangegangenen Unterhaltung Friedlands Entschluß schon angedeutet hatte.
Der mächtige von Ilow war keinen Augenblick bewegt. Nachdem er seinen Gast mit einem starken Wein beruhigt hatte, kam ohne weiteres aus ihm heraus, während seine gefleckten Augen auseinanderirrten, wie immer, wenn er sich entschloß: der Herzog brauche sie, er sei hilflos ohne sie, die Reihe sei an ihnen, einzugreifen. Später: daß Friedland von Abdankung rede, geschehe, um sie herauszufordern; er wolle wissen, woran er mit ihnen sei.
Das half Trzka auf die Beine; er fluchte, es sei schmählich, so vor Schlick zurückzuweichen. Dann hielt Ilow fest, die Kriegsoffiziere, einschließlich Generalspersonen und Obersten müßten alarmiert werden; Wallenstein sei der Entschluß, zu gehen, bei ihrer Listendurchsicht gekommen, sein Glaube in die Zuverlässigkeit der Truppen schwanke.
Die rücksichtslos in der Dunkelheit hereingerufenen und im Moment befragten Obersten, fünf, sechs, waren bis zur Verwirrtheit erschrocken und gaben eine Äußerung mehr oder weniger kläglich von sich: wie es mit ihren Gehältern werde und mit ihren Ausständen beim Kaiser, für die Wallenstein gebürgt habe und mit den Vorschüssen, die sie von ihm erhalten hatten.
Von Ilow, Trzka, Neumann und Kinsky besorgten durch Briefe und Besuche am grauenden Tag die Herbeirufung und Orientierung der Generalspersonen und Obersten der in der Nähe liegenden Regimenter. Bei der dann am Abend stattfindenden Besprechung im Pilsener Stadthaus berichtete Neumann, in feinen Franzosenschuhen auf einen wackligen Tisch steigend: der Entschluß sei offensichtlich dem Herzog nach einem beleidigenden Ansinnen der kaiserlichen Delegierten gekommen; es handle sich um dieselben Punkte, über die die Herren Obristen schon einmal auf Geheiß ihrer Durchlaucht beraten hätten: Abmarsch aus den Winterquartieren, die Spanier und wie und unter welcher Eskorte der Nachfolger der niederländischen Infantin aus Mailand nach Brüssel reisen sollte. Schon da schrien einige Offiziere: »Das kennen wir schon!« »Er soll in Mailand bleiben.« Es handle sich eben um Abgabe von Truppen, setzte nach beruhigenden zustimmenden Handbewegungen der kluge Neumann fort, sich auf seinem Tisch ausbalancierend. Diese Frage könne nicht am grünen Tisch in Wien entschieden werden. Ob etwa der Pater Lamormain neuerdings auch für Strategie kompetent sei. Unter dem Gelächter kam es einige Zeit nicht zum Fortgang der Erörterung, sämtliche dem Herzog Ilow und Trzka verbundenen Obersten waren zugegen. Ihr Urteil war bald fertig, es handle sich um eine der üblen Hofschikanen gegen den Herzog. Die nicht kleine Zahl derjenigen, die eine Änderung der Heeresverhältnisse wünschten, war ohne Zusammenhang; ihr Widerstreben -- sie wagten sich nicht hervor -- war auch rasch gemildert, als von Ilow tobend ausstieß, daß die Truppenabgabe im selben Augenblick vor sich gehen solle, wo der Herzog einen großen, noch nicht anzudeutenden Schlag vorhabe. Allgemein ausbrechender Lärm, Fragen, Jubel, Durcheinander. Freches Lächeln Ilows.
Der Lärm verhinderte fast, daß eine Deputation unter von Ilow, bestehend aus dem Obersten Bredow, Henderson, Losy und Mohr vom Wald gewählt wurde, die sich stracks zum Herzog in die Sachsengasse begaben. Sie wurden von ihm in der Schlafkammer, wo er mit Zenno konferierte, angenommen und unter Dank abgewiesen, da sein Entschluß gefaßt sei.
Am frühen Morgen aber, als sich noch Trzka selbst der erregten Deputation angeschlossen hatte und mit tränenden Augen unter den andern vor Friedlands Bett stand, gab Friedland still einen nach dem andern prüfend und lauernd anblickend, jedem langsam die Hand -- sie durften sie nur an der Spitze der Finger berühren, er konnte sie schwer anheben -- er vernähme ihr Verlangen, ihn bei sich zu behalten, gern, er denke an ihr Geld und ihre Zukunft; so werde er die Last weiter tragen und sie noch diese schlimme Zeit durch führen.
Von der Deputation wurde auf dem klirrenden Heimgang durch das schlafende Pilsen ein feierliches Freudenbankett beschlossen. Es geschah, daß auf ihm nachmittags von mehreren gar nicht sonst vertrauten Obersten im Überschwang der Erregung die Anregung kam, gemeinsam wie man hier sei, der durch Krankheit verhinderten Durchlaucht, ihrem weltberühmten Obersten Feldhauptmann, den sie sich wiedergewonnen hätten und der sie weiter zu Sieg und Ehre führen werde, ihren Dank für seine Sinnesänderung und Gnade aussprechen und durch einen gewandten Schreiber aufzeichnen zu lassen, daß sie zu ihm stünden. Das Schriftstück wurde von dem glücklichen Neumann, dem vor Freude weinenden Trzka während des tosenden Banketts verfaßt. Sie gebrauchten die stärksten Worte: gelobten statt eines körperlichen Eids alles zu befördern, was zu des Herzogs und der Armada Erhaltung gereichte und sich für ihn bis auf den letzten aufgesparten Blutstropfen einzusetzen, sie wollten jeden unter sich, der treulos und ehrvergessen wäre, verfolgen und sich an seinem Hab und Gut, Leib und Leben rächen, als wären sie selbst verraten. Mit einem einzigen riesigen Freudengebrüll, Säbelschlagen, Zerschmettern von Trinkgeschirr wurde das Elaborat in dem Bankettsaal aufgenommen.
In seinem Erker wurden zwei Tische übereinandergestellt, auf dem untern stand mit geschwungenem Degen der mächtige von Ilow; wer schreiben wollte, mußte zu ihm herauf. Bei der zunehmenden Wildheit mußten bald vier Trabanten mit gefällten Partisanen den Eingang zum Erker verwahren. Draußen watete und wankte mähneschüttelnd der schmerbäuchige Pikkolomini zwischen den Tischreihen, schrie italienisch, taumelte Arm in Arm mit Diodati zum Erker, brüllte: »O traditore!«, ohne daß man wußte, wen er meinte; Isolani hatte sich drei fremde Pelzmäntel über den Kopf gezogen, stürmte auf den Obersten Losy, der ihn höhnisch einen savoyardischen Affenführer genannt hatte, bedrohte ihn mit einer Tischplatte. Auch Trzka hatte das Bankett zu einer vollen Mette werden lassen, er ging mit gezücktem Degen einher, wollte jeden niederstechen. Der Erker war gedeckt, es unterschrieben Julius Heinrich von Sachsen, Morzin, Suys, Gonzaga, Lambry, Florent de la Fosse, von Wiltberg, Montard von Noyal, Pychowicy, Rauchhaupt, Kossatzky -- dieser, nachdem er zweimal vom Tisch gefallen war und nachdem ihm die Saalwachen mit Hellebarden den Rücken gestützt hatten --, Gordon, Markus Korpaß, Silvio Pikkolomini, Johann Ulrich Bissinger, von Teufel, Tobias von Gissenberg, Juan de Salazar -- er ritt mit seinem elefantisch massiven Landsmann Filippi Korrasko --, Lukas Notario, genannt nach seinem Gebaren das Wiesel, der finstere Schotte Walter Buttler, als letzter. Der schmächtige sanfte Christoph Peukher, der nackt, von allen Seiten mit Wein begossen, umherlief, um zu beweisen, daß er ein Mann sei; man vertrieb ihn mehrfach vom Erker, schließlich ließ man ihn zu; von Ilow warf ihn selbst aus dem Fenster in einen Schneehaufen, wie er sagte, um einen Schlußpunkt dem Elaborat zu geben. Die Offiziere drängten an die Fenster, bombardierten ihn mit Bechern und Schemeln im Schneehaufen.
Dem Grafen Trautmannsdorf und Questenberg wurde nach höflichem Empfang und freundschaftlichem Gespräch vom Herzog unter Achselzucken bedeutet, es hätten unvorhergesehene Zwischenfälle seinen bekannten Entschluß, zu resignieren, durchkreuzt. Er sehe sich tatsächlich seinem ganzen Lager, seiner ganzen Armee gegenüber und wüßte nicht wie aus dieser Schlinge heraus. Was die Detachierung eines Truppenkommandos für die Spanier anlange, so hätten sich die Offiziere gesträubt etwas anderes vorzunehmen, als was sich strategisch im Augenblick rechtfertigen ließe. Dabei müsse es denn sein Bewenden haben. Man werde es in Wien einsehen. Es sei auch nicht einfach für ihn, sich von der Armee zurückzuziehen; er bürge den Obersten und Offizieren für ihre Ausstände; wie die Finanzlage der Kaiserlichen Majestät sei, wüßten die Herren.
Trautmannsdorf fragte: »Danach vertrauen die Herren Obersten mehr Eurer Durchlaucht als der Kaiserlichen Majestät.« Der Herzog unwillig: es sei nur der Unterschied einer räumlichen Entfernung, »ich bin ihnen näher.« »Und die Befehle betreffend die spanische Verstärkung?« »Der Graf Trautmannsdorf spielt mir Theater vor. Das ist ein großes Wort »Befehl«, und Euer Liebden gebraucht es gern, es kleidet Euch auch gut. Vergeßt darunter nicht die Tatsache, die ich Euch genannt habe. Mein Sekretär soll Euch einige schriftliche Aufstellungen mitgeben; Graf Schlick mag noch einmal darüber nachdenken.«
Hartnäckig Trautmannsdorf, in dem zum erstenmal Zorn gegen Wallenstein aufwallte: »Aber die schriftlichen unausweichbaren Befehle der Kaiserlichen Majestät?« Das überhörte der Herzog, der langsam vom Tisch, an dem sie gesessen hatten, aufgestanden war und aus der offenen Truhe von der Wand einen gerollten gesiegelten Papierbogen hervorholte. Sich wieder unter Seufzen niederlassend, besah ihn Wallenstein mit undurchdringlicher Ruhe: »Dies ist das Siegel, das größere Siegel meines Feldmarschalls Christian von Ilow. Die Herren sollten Realitäten sehen und sehen wie es mit Worten steht. Haben die Herren schon hiervon gehört?« Trautmannsdorf, mit Questenberg Blicke wechselnd, sagte bissig »nein«. Dann aber, als der Herzog ruhig vorlas, die Namen las, waren sie entsetzt und ihnen ging der Atem aus. Es war klar, daß sich der Herzog durch dieses Schriftstück der Offiziere versicherte für den Fall der Enthebung vom Generalat. Trautmannsdorf stöhnte unwillkürlich vor Erregung, so daß sich der Herzog unterbrach, ob er nicht weiter lesen sollte. Sie baten sich eine Abschrift des Reverses aus, die Friedland bereitwillig zusagte. Sollte ihnen gewiß kein Name unterschlagen werden. In eisigem Triumph geleitete sie der Herzog auf die Diele. Außer sich vor Wut, von Scham gelähmt reisten sie tags darauf ab.
An den nächsten Tagen nahm der Herzog selbst an Banketten teil, die man Ilow, ihm und Gallas zu Ehren veranstaltete. Ein trotziges prahlerisches Gerede ging bei dem Getafel um, Friedland beteiligte sich an jedem Umtrieb. Das Frühjahr sei vor der Tür, man wisse wozu man lebe. Junge Offiziere, dem Herzog zu schmeicheln, schrien, man werde den Wiener Intrigen Schach bieten; die Spanier würde man nach Spanien jagen, den Wiener Hof hinterdrein. Wallenstein aber fing von seinen Kreuzzugsideen an, als hörte er nichts; er wolle alle Truppen der ganzen Christenheit einmal zusammenfassen und sie gegen die Türken werfen; da sei ihm gleich recht katholisch oder lutherisch, die Welt wolle erobert sein, ein Hundsfott, wer jetzt die Fahne verlasse und die Wiedervereinigung der Christenheit störe.
In dem Erregungssturm, der das Pilsener Lager erfaßt hatte, arbeitete die Umgebung des Herzogs mit größter Entschlossenheit. Graf Kinsky, der Böhme und Franzosenfreund, in Pilsen herumgehend, brachte de la Boderie vor Friedland, einen Attaché Feuquieres, der den Augenblick für einen tödlichen Stoß gegen Habsburg gekommen hielt. Festlich wie immer schleppte der eitle Kinsky sein Opfer an, einen flinken Mann, die Nase lang gezogen, die Spitze gesenkt über den Mund. Beide erlebten, daß Friedland sie ganz anders empfing, als sie erwartet hatten. Beleidigend kurze schneidende Fragen wie an Bediente stellte er, Ablehnung jeder huldigenden und höflichen Phrase. Das Gespräch wurde italienisch geführt, ging von de la Boderies Erbieten aus, dem Herzog das Königreich Böhmen zuzusprechen, worüber Friedland mit eisigen Wendungen hinwegging, um selber sechs Fragen an den Unterhändler Feuquieres zu richten, vor allem: welche Sicherheit ihm Frankreich bei einem Krieg gegen Habsburg gäbe, wie man sich zu Bayern, Frankreichs Liiertem, stellen solle, worauf die Operationen gegen Habsburg hinausgehen sollten.
Der chokierte, gut informierte unsichere Unterhändler übermittelte erst nach Rücksprache mit Feuquieres, der in Dresden arbeitete, Antworten, daß man Wallensteins Groll Bayern und den Kurfürsten Maximilian opfern wolle, eine Million Livres jährliche Unterstützung ihm verspreche, fünfhunderttausend im Augenblick, den Waffenschutz Frankreichs; es müsse auf Wien losgestoßen werden. Einen persönlichen überfließenden längst vorbereiteten Brief des Allerchristlichsten Königs Ludwig brachte de la Boderie aus Dresden für den Herzog mit. Ein zufriedenes Knurren war die Antwort Friedlands; er warnte den Franzosen, sich einzubilden, daß er vom Kaiser abfalle. »Die Armee steht hinter mir,« sagte er, »ich bin nicht gegen den Kaiser, ich will zum Frieden kommen, die Kriegspartei am Hofe wird sich fügen. Aber es sieht aus, als ob nun die bayrische und Jesuitenpartei herrscht am Hof, Spanien führt das Szepter. Bayern will seinen Spott an mir üben. Ich bezahle ihnen für jetzt und für das letztemal.« De la Boderie verabschiedete sich, verständnisvoll sich verneigend, er wolle einen Vertragsentwurf aus Fontainebleau herbeischaffen.
Kinsky wurde von dem grausam ihn anfunkelnden Herzog im Saal festgehalten: ob er das dem Franzosen ins Ohr gesetzt habe, das mit Böhmen -- die Franzosen wollten ihn mit dem Königreich Böhmen beschenken. Er zog den verwirrten, sich krümmenden Grafen durch den Saal am Ohr: »Ich werde Euch beseitigen lassen, wenn Ihr mich kompromittiert. Was hab' ich Euch von Böhmen gesagt? Sagt mal! Ho, ja hi. Was habe ich Euch gesagt? Hat der Herr Verlangen nach seinen Gütern? Hi, ja hi, hihi. Erobere er sie selbst.« Als Kinsky sprechen wollte, wies ihn der Herzog kreischend hinaus und schlug ihn in den Rücken.
Trzka fing den glühenden Kinsky schon an der Tür ab. Sie flüsterten zusammen; ein besonderer Bote war vom Herzog an den sächsischen Kurfürsten abgefertigt, Sesyma Raschin war aufgetaucht und hatte Aufträge für den Schweden Oxenstirn mitgenommen.
Während es im Lager brodelte, klirrte es metallisch angespannt aus dem herzoglichen Quartier.
* * * * *
Irrtümlich wurden von den Spähern Pikkolominis der Graf Trautmannsdorf und Questenberg gefangengenommen und einige Tage als vermeintliche Geheimboten Friedlands festgehalten. In Wien war mit dem Erscheinen Trautmannsdorfs und Questenbergs die gemeinsame Front hergestellt. Die geheime Kommission, die den Fall Friedland behandelte, gab in panischem Schrecken nach. Sie ging mit fliegenden Fahnen ins Jesuitenlager über. Geängstigt, mit Widerstreben zogen sie zu ihren Beratungen den brutalen Grafen Schlick hinzu; man hielt es auch für gut, den jungen schmächtigen König von Ungarn zu informieren, dessen hochmütige Abneigung gegen Friedland, den »anmaßenden Emporkömmling«, sonst alle abstieß. Nach der Gehorsamsverweigerung, dem offenen Rebellionsakt des Pilsener Schriftstückes war aber die Enthebung vom Generalat unvermeidlich geworden. Das Generalat sollte auf Gallas fallen, der in Pilsen saß und an den man nicht herankonnte; darum sollten zunächst Aldringen in Bayern und Pikkolomini die erforderlichen Absetzungsmaßnahmen in aller Heimlichkeit, Schnelle und Entschlossenheit betreiben. Man schickte zum Kaiser Ferdinand, um die Unterschrift zu dem Beschluß zu erlangen.
Inzwischen wurde auf die Kunde eines drohenden Angriffs in aller Eile die Wiener Stadtgarde alarmiert. Den hohen Würdenträgern in der Kommission krampfte sich die Brust zusammen, als sie die wenigen hundert Mann anrücken sahen, ärmliche Leute, die bei Tag ihrem Beruf oblagen, rasch ausstaffiert mit alten Waffen Musketen und Partisanen, die sie kaum zu handhaben wußten. Unter ungeheurem Hallo und Zulauf fuhren sie noch fünf leichte Feldgeschütze an, die Friedland im dänischen Feldzug erbeutet hatte und die man zum Schmuck auf Brücken aufgestellt hatte. Das Volk lärmte und ritt nebenher, Kinder schwangen sich auf die Lafetten, die Stadtsoldaten ließen sich von Küfern und Lastträgern helfen. Unter großer Lust der angestauten Masse wurden die Geschütze vor den Eingängen zur Burg in Stellung gebracht, die Fähnlein zogen in die Burghöfe ein, wo sie Zelte aufschlugen, Feuer machten und sangen. Es hieß unter ihnen, Zigeuner und die herumstrolchenden Unzufriedenen aus Ungarn hätten einen Raubanschlag auf die Burg vor. Unter den Herren oben wurde es wiedererzählt. Abt Anton flüsterte: »Wie wollen diese Leute einer friedländischen Armee standhalten.« Eggenberg brach in ein widerstandsloses verzweifeltes Weinen aus, greisenhaft plärrte er; Trautmannsdorf schüttelte den Kopf, als er den hilflosen Mann in einer Kammerecke sah. Trautmannsdorf wußte nicht, daß der alte Fürst auch weinte, weil ihr Herr, der Kaiser, den er jahrzehntelang beraten hatte und dem er anhing, sich so hoffnungslos von ihnen getrennt hatte.
In Wolkersdorf Todesstille. Der Kaiser auf tagelangen Ausflügen. Von Rom, gewählt vom General der Jesukompagnie, war ein gebückter uralter Priester angekommen, wartete auf Ferdinand. Lamormain, der sich nicht mehr fähig fühlte, den Kaiser zu führen, hatte um Hilfe gebeten. Der schwarzröckige Fremde tappte unermüdlich durch die Gänge, stieg die Treppen auf und ab, nur vormittags schlief er einige Stunden. Lamormain schickte dem Greis zur Gesellschaft einen vornehmen Novizen. Der Alte freute sich, redete viel. Sie schlichen durch die Korridore, über die Treppen bis zum Dach, durch die Dachräume, die Treppen herunter.
»Weißt du, Kind, was Jesus gesagt hat. Du mußt es dir merken. >Weide die Schafe<; er hat es zu Petrus gesagt. Ist ein Schaf ein vernünftiges Tier? Das mußt du dich fragen. Ein großer Mann, der unsrer gesegneten Gesellschaft angehörte, hat viel darüber nachgedacht. Jesus hat nichts von sich gegeben, was belanglos wäre. Die Schafe sind unvernünftige Tiere, sie sind vielleicht die unvernünftigsten. Sie haben Triebe und Begierden und weiter nichts. Du siehst, wie Jesus von den Menschen gedacht hat und welche Aufgabe er der Heiligen Kirche zuerteilte. Wir sollen sie führen und weiden, wir wollen wissen, wen wir vor uns haben; wir sollen also keine Leithammel sein. Petrus nahm den Hirtenstab und übte das Hirtenamt. Weißt du, mein Kind, wer wohl als Leithammel zu betrachten ist?« »Nein, Ehrwürden.« »Nun,« er flüsterte, »wir sind ja nicht weit vom Schuß. Es sind die Fürsten Könige und Kaiser. Sie sind der Kirche danach untertan, ja eigentlich ihr Eigentum; denn was kann der Herde besser geschehen, als daß der sachkundige Hirt sie besitzt. Aber es ist eine Verwirrung eingetreten, die Gewalt triumphiert; kaum daß sich unser Heiliger Vater in seinem Land gegen die wildgewordenen Lämmer behaupten kann. Ach, wir haben noch viel Arbeit vor uns, mein Kind. Freu dich deiner jungen Knochen.«