Part 36
Heftigkeiten kamen vor. Gegen Artilleristen, die an sächsische und schwedische Händler Munition und Stückkugeln verkauften, verbanden sich Freifähnlein von Kürissern, legten sich in Hinterhalt, nahmen den Betrügern das fremde Geld ab; stießen einige nieder; sie selbst erzwangen sich Aufsicht über größere Waffenlager; ihre heimliche Verpfändung und Verschleuderung betrieb man dann im Verein. Offiziere wurden in solche Affären mit hineingerissen, gegen die Generalspersonen wurden die Vorfälle geheimgehalten, Mannschaften und Offiziere riskierten Posten und Leben. An der bayrischen Front und nach Schlesien hin brachen Fähnlein und Rotten aus, führten auf eigene Faust Krieg. Durch die schärfsten Mandate war Aldringen wie Graf Schaffgottsch bedeutet, jeden Kampf zu verhindern, Plänkeleien und Provokationen zu bestrafen. Die Truppen waren nicht zu halten, die Obersten mußten froh sein, wenn die Abteilungen von ihren wilden Exkursionen zurückkamen und sich den vorsichtig sanften Strafen beugten und nicht einfach beim Feind blieben. Die Offiziere gewöhnten sich, Spione und Vertrauensleute bei den einzelnen Regimentern zu halten, um jedem Ausbruch von vornherein zuvorzukommen; es war ein gefährliches Mittel, das sich oft gegen die Offiziere selbst richtete. Denn bisweilen verrieten sich die Spitzel, wurden erkannt, gegen die Offiziere wurden Anfälle unternommen, die Truppe wankte, die Führer mußten gewechselt werden.
In Böhmen gärte es am wildesten; hier waren keine Feinde, gegen die man sich wenden konnte; das Gros der Offiziere lagerte in Städten und Dörfern unter den Truppen, die Aufsicht war schärfer als an den Außenfronten. Um seine Soldaten fest in der Hand zu halten, hatte der Herzog zu Friedland den eisernen erbarmungslosen Christian von Ilow zum obersten Inspekteur ernannt. Ilow war aufgeklärt worden vom Kanzler Elz, dem Rittmeister Neumann, zuletzt aufs intensivste vom Grafen Trzka: mit aller Macht müsse das Heer bei der Disziplin erhalten werden; der Herzog brauche es parat und schlagfertig, dürfe keine eigene Regung in den Truppen aufkommen, sei jeder widerspenstige Offizier zu entfernen, revoltierende Regimenter aufzulösen und unter zuverlässige zu stoßen. In Ilows Händen lag das Amt des Inspekteurs gut, er hatte keine Ohren für die Klagen vieler Obersten: Truppen seien kein toter Körper, kein Stock oder keine Muskete, die man nach Belieben an die Wand stellt oder vorzieht; die Truppen brauchten Bewegung, Aufgaben. Man durfte nicht ohne Gefahr so zu dem langen Feldmarschall sprechen, er war rasch mit Roheiten da, drohte mit Profoß und Reiterrecht. Lethargisch bissen die Offiziere in den Eisenzaum, den man ihnen hinhielt; inzwischen zuckten die Tumulte weiter durch die Truppen. Böhmen wurde das Opfer hunderter kleiner Banden, die sich aus dem Heeresverbande loslösten, bisweilen eingefangen und zusammengeschossen wurden. Einzelner wurde man nicht habhaft; sie tauchten immer wieder bei den Regimentern unter, wie es hieß, gedeckt von den Offizieren selbst.
Um die furchtbare Neujahrszeit schien das ganze Land wie auf Signal von einem tobenden revoltierenden Truppenschwarm bedeckt zu sein. Zu Plünderung und Vergewaltigung ganzer Ortschaften kam es. Eine Reise Ilows mit Wallensteins Leibgarde mußte das Heer noch einmal in ein brütendes schreckvolles Schweigen zurückdrücken. Kurz darauf stießen aber Rotten aus Marradas Regimentern bei Budweis gegen abgeirrte spanische Truppenkörper vor, sie kämpften mit ihnen aus keinem anderen Grunde, als damit, wie sie sagten, keiner mehr zu ihnen käme; sie seien schon genug; die Spanier wurden empfindlich geschwächt. Die Entwaffnung der Meuternden bereitete wegen der Mißlaune der Truppen große Schwierigkeiten; es kam hinzu, daß Marradas nur bestimmten Kontingenten Waffen anvertraute, daß er aber, heimlich vor dem Pilsener Hauptquartier, nach Wien sich begab und flehentlich um Remedur der Verhältnisse bat. Es müsse eine Änderung in der Kriegführung eintreten, das Heer brauche kriegerische Ablenkung.
Er war nicht der einzige, der in diesen Wochen verschwiegen die Truppe verließ und nach Wien fuhr. Generalspersonen Obersten Kriegsoffiziere fühlten, daß der Boden unter ihnen schwankte. Ihrer selbst hatte sich zu einem großen Teil eine schlecht verhehlte Verdrossenheit bemächtigt. Um den Herzog scharte sich eine Elite von hohen Personen, seine Vertrauten, ein Geheimzirkel.
Ein Kern alter Offiziere war da, die unter dem Herzog alle deutschen Schlachtfelder abgegangen waren. Es kamen zahlreiche besonders italienische Herren, auch spanische dänische schottische, die der europäische Ruf Wallensteins angelockt hatte, die den Krieg kennenlernen, den entscheidenden Schlag Habsburgs gegen die schwedische Koalition miterleben wollten, für sich auf Abenteuer und Karriere ausgingen.
Sie wurden vom Herzog mit Geld gefüttert und dabei blieb es. Von Wallenstein selbst sahen sie nichts. Es hieß nur, er sei krank. Gerüchte liefen, daß er seine Widersacher diplomatisch am Kragen halte und im Begriff sei sie abzumurksen. Man erlebte keine ruhmreichen Schlachten, nicht die ergiebigen Kontributionszüge, von denen sich ganz Europa erzählte, aber ein verworrenes Herumlungern in Schlesien, einen erschöpfenden Lauf nach Fürth herunter gegen den Weimarer Herzog, dann Verstecken und Versinken in Böhmen, Winterquartiere Winterquartiere, wie vorher Sommerquartiere Sommerquartiere.
Da verfluchten viele Offiziere wie die Knechte den kaiserlichen Krieg und schlugen sich zu Bernhard. Die meisten aber blieben an der Futterkrippe hängen, und wie sie blieben, bildeten sie ruinöse Herde der Mißstimmung, der heftigen und ruhelosen Skepsis.
Hier schweiften herum und randalierten die Obersten Montard von Noyal, Sebastian Kossatzky, Petrus von Lossy, Männer, die der Herzog mit Vorschüssen für ein Regiment, andere, die er sogar mit Lehen versehen hatte, kritisierten Politik Taktik Strategie des Generalissimus. Er galt für überlebt, von seiner Krankheit gelähmt, für halb verrückt und verbohrt. Wallenstein war nur eine Ruine; Narren waren sie, daß sie ihm zuliefen, der nur den Namen des »Wallenstein« trug. Es gab bei den böhmischen Truppen eine Anzahl Offiziere, die einen tiefen Haß auf den Herzog warfen, weil sie ihm angehangen hatten und er sie jetzt, in Politik und Diplomatie versunken, wilden aufgeblasenen Gesellen wie dem von Ilow aussetzte, die irgendwie seine Gunst ergattert hatten.
Trzka und Ilow erfuhren die steigenden Widerstände im Heer. Den Herzog suchten sie nach Möglichkeit darüber hinwegzutäuschen, und wo er etwas merkte, trieb er sie zu blutiger Entschlossenheit an; er haßte nichts so als Disziplinlosigkeit, sie war ihm zum Ekel. Aber unter dem Druck wuchs der Gegendruck, die Offiziere wechselten ihre Standorte, anderswo flackerte das Feuer auf, oder sie verschwanden und hetzten heimlich tückisch und rachsüchtig.
Schon früher waren der Friedländer und die hohen Generalspersonen Attentaten von heißblütigen Mannschaften oder Offizieren ausgesetzt. Jetzt seit dem Einmarsch in die böhmischen Winterquartiere flogen Pfeile in ihre Fenster und Zelte. Warnende Briefe fanden Ilows und Wallensteins Trabanten häufig in den Vorzimmern oder Gaststuben, wo sie nur von Offizieren hingelegt sein konnten. An klaren kalten Tagen ließ sich Friedland durch das Pilsener Lager in seiner Sänfte tragen, besichtigte Fähnlein, hielt bei exerzierenden Rotten, rief Knechte an, befragte unbekannte Offiziere. Es herrschte kein Mangel im Lager, Friedland trieb die Intendanten an, noch mehr von allem herbeizuschaffen: der Soldat, der ruht, müsse gemästet werden, sonst rebelliere er. Und dutzendmal fragte er Ilow und Trzka, als ob er mehr wüßte als sie, ob nicht die Offiziere, die jungen, älteren, über ihn herzögen. Er sah seinen Herren unter die Augen; nun, sie könnten über ihn herziehen, neben Profoß und Reiterrecht gäbe es noch eine wirksame Macht: das Geld, das Spiel, der Wein, die Weiber; daß man die Herren nicht verkommen lasse, das Heer verdiene sich das Prassen reichlich. Er erhöhte Sold und Gehälter, seine Sätze waren fast doppelt so hoch als bei einem anderen Heere. Ohne daß die Gärung nachließ und die Neigung, von ihm abzufallen.
Man wußte, er betreibe leidenschaftlich den Friedensschluß, er brauche das Heer so wie es hier war; und seine Umgebung erfuhr auch, wie das Heer, besonders die ausländischen Truppen, darüber dachten: eines Morgens wehte vor Friedlands Quartier in der Sachsengasse in Pilsen eine Fahne mit den Kirchenfarben, darauf war gemalt: »Wallenstein, der Friedenspapst.« Einmal hing quer über dem Tor seines Hauses an einem Tau eine abgehäutete blutige Katze; darunter ein Fetzen Zeltleinwand mit der Schrift: »Wir haben kein Fell mehr, wir können nicht kratzen, wir hängen hier gut.«
Nur Neumann, Friedlands Sekretär, erfuhr von dem gräßlichen Getümmel, das in Wolfegg bei Pilsen entstand, als eine von Ilow herbeigerufene Kompagnie hier eingerückt war. Die unruhigen Truppen lockten eine Anzahl der herkommandierten Neulinge in eine mächtige Scheune, angeblich zu einem solennen Begrüßungstrunk. Dann war aber in dem Saal nirgends gedeckt und aufgetafelt, dicht stand Mann bei Mann; die neuen verschwanden völlig unter den andern. Sie erhoben, indem sich an mehreren Stellen zwei drei übereinanderkletterten, auf den Schultern ritten, von diesem Podium in der Scheune ihre Stimme, schmähten, verlangten Aufklärung. Ihnen gegenüber schwangen sich die Meuterischen hoch. Die sonderbaren Menschengestelle rückten und wanderten in dem durch Strömungen zerrissenen Gedränge gegeneinander, kamen voneinander ab, schwangen die Arme, Degen gegeneinander. Man hatte sich jäh aneinander entzündet. Das Gebrüll auf die herkommandierten »Verräter!« wurde allgemein. Wie sie oben fochten, schrie man, sie sollten entwaffnet werden. Man stürzte die wandernden fechtenden schlagenden Menschensäulen, im Gedränge stieß man sie nieder. Schweden seien die Leute Ilows, wurde gerufen, sie seien Lumpen und Hundsfotte, wollten auf Kosten der andern sich fett machen, man brauche keine Mörder und Profosse mehr. In der sinnlosen Erregung brachen die Meuterer den größten Teil der Scheune ab, zündeten die Balken an und warfen die Waffen, Musketen, Piken, Partisanen der überwältigten fremden Kompagnie hinein, machten sich daran, geradewegs in die Stadt zu stürmen, um zum Herzog zu dringen.
Neumann, von der Lagerwache alarmiert, ließ die Stadttore stark besetzen, Feldgeschütz dahinter auffahren. Er selbst mit kleiner Begleitung fing die tumultuösen Truppen mitten im Lager auf; er war ins Lager hineingeritten, um der drohenden Gefahr einer Ausbreitung des Lärms bis zum Herzog zu begegnen. Ein dunkles Gefühl sagte ihm, daß im Lager jede signalgebende Erregung momentan niedergehalten werden müßte. Er tat, während ihn die Meuterer mit Fackeln auf freiem Stoppelfeld umstellten, als überhöre er ihren Ton und sähe nicht die durchstochenen Hüte und herausfordernd auf Stangen getragenen Wehrgehänge entwaffneter Ilowscher; er wandte sich scheltend an die fünf gefangen mitgeführten Leutnants und Fahnenjunker jener Kompagnie: was sie sich ankommen ließen in Wolfegg zu erscheinen. Ihre Antwort, es sei ihnen befohlen, überdonnerte er. Sie sollten fortmachen, ihre Eigenmächtigkeit würde sie teuer zu stehen kommen. Seine eigene Begleitung nahm die gefangenen Offiziere in die Mitte und führte sie in die Stadt ab. Eine Handvoll Mannschaften der Torbesatzung hatte den sofortigen Abmarsch der neuangerückten Kompagnie zu überwachen. Unter triumphierendem Geschrei zogen die Rebellen zurück. Neumann ritt finster in die Stadt, weihte nur Ilow ein.
Der Vorfall hatte sich kurz nach Schlicks und Questenbergs Besuch in Pilsen abgespielt. Die Vertrauten des Herzogs wußten, daß von kaiserlicher Seite das schwelende Feuer geschürt wurde, ohne daß sie Bestimmtes feststellen konnten. Unter ihnen war man einer Meinung, daß lange der Zustand nicht in der Schwebe bleiben könne; es könnte dahin kommen, daß Meutereien auf das ganze Heer übergriffen. Ilow verlangte einen großen Aderlaß für die Armee, und auch Trzka war dieser Meinung, nur müsse es auf dem Wege eines Feldzuges geschehen. Als Ilow achselzuckend und ärgerlich sagte, der Herzog wolle doch nun einmal keinen Krieg, lächelte Trzka bedeutsam; auch Neumann lächelte: es käme eben nur darauf an, gegen wen. Nämlich, um es kurz zu sagen, gegen den Sachsen zu kämpfen, vielleicht auch gegen den Schweden hätte der Friedländer wenigstens zur Zeit gar keine Lust. Aber da bliebe noch allerhand Feindliches, ein Feind, von dem man nicht viel rede, dem es der Herzog aber so gern antun möchte wie einem Schlangenwesen, daß er gegen ihn sogar selbst auf das Pferd steigen werde. »Und dieser geheimnisvolle Feind?« Das sei nicht schwer zu erraten. Und als Ilow noch nicht ihr Lächeln durchschaute, wies Trzka ihn auf den Grafen Schlick hin, auf Questenberg, und was sie im Lager vorgebracht hätten, und wie sie dem Herzog die Waffen stumpf machen wollten.
Da blieb auch dem langen von Ilow erst der Mund offen. Er pfiff dann, ging sehr langsam herum; also gegen Wien, das sei aber ein verteufeltes Manöver. Oha! Und er konnte sich lange nicht beruhigen. Er kreischte dann leise lachend, dicht vor Trzka, den anstoßend: »Sie sind ja wehrlos! Wir können sie ja überrennen!« »Nun ja.« »Wir brauchen ja gar nicht kämpfen! Trzka, wir brauchen ja nur marschieren, Marradas kippt auf die Nase!« »Um so besser!« »Ein Witz, eine Komödie. Wer hat sich das ausgeheckt? Oha, ist das ein Spaß.«
Neumann aber, nachdenklich seinen aufgehobenen Degen betrachtend, erklärte drohend, es sei kein Spaß, man müsse von Tag zu Tag mehr auf dem Sprung sein, man scheine im Augenblick noch der Angreifer zu sein, bald werde einem nichts weiter übrigbleiben als sich verteidigen.
Im Lager und in der Umgebung Friedlands rief es keine Bestürzung hervor, als immer bestimmter die Gerüchte verlauteten, ein größeres Heer, hauptsächlich aus Italienern, von Spanien geworben, hätte die Alpen von Mailand kommend überschritten und ziehe in starken Märschen in das Reich. Auch an dem Herzog sah man keine Erschütterung; mit größter Anspannung beobachtete er die Vorgänge.
Der Mailänder Gouverneur mit einer nicht kleinen Armee hatte sich den ligistischen und aldringischen Regimentern angeschlossen. Es war das eingetreten, was man erwartet hatte; fast lautlos, während er in Böhmen saß, hatte sich die neue Phalanx gebildet. Gegen ihn. Die Phalanx, die er erwartete.
Und bald meldeten Spione aus Wien, eine hohe Deputation sei abermals im Begriff, den Hof in der Richtung auf Pilsen zu verlassen, um nunmehr bestimmte unausweichbare Befehle zu überbringen. Gleichzeitig wurde offenbar, daß es eine unsichtbare hohe, sehr hohe Stelle war, welche die Wühlerei unter den Lagertruppen unterhielt. So nahe an den höchsten Plätzen mußte diese Stelle sein, daß Trzka selbst Warnungsbriefe von anscheinend treuer Seite zugetragen wurden; er war ganz ängstlich und verwirrt, als er die Papiere aufknüllte und las, die höhnisch ihn selbst als Kaiserspion bezeichneten. Affären, wie die der Vertreibung einer sicheren Kompagnie, wurden aufgebauscht. Es wurde erzählt, eine Anzahl hoher Offiziere mit bestimmten Truppen unterschlügen Sold und Kontributionen und verteilten sie unter sich. Daß der Herzog vorhabe Frieden mit Schweden und Sachsen zu machen, um sich von ihnen mit Böhmen beschenken zu lassen und sich rasch seiner Verpflichtungen gegen das Heer zu entledigen, das er an den armen Kaiser verweisen wollte. Das eigentümliche gefährliche Element von Unsicherheit wuchs und wogte im Heere.
Da traf Trautmannsdorf und Questenberg in Pilsen ein. Niemand als Trautmannsdorf hatte sich zu dieser Mission bereit erklärt, er hatte nach dieser Aufgabe mit der Ruhe seiner besten Stunden gegriffen; Questenberg wollte er bei sich haben, um ein vertrautes Gespräch mit einem sicheren Mann führen zu können. Als Trautmannsdorf in Pilsen einfuhr, ließ von Ilow den Zutritt zum Lager auf allen Seiten sperren, jeglicher fremden Person war der Eintritt verboten; hinter Trautmannsdorf und seinen Begleiter hängte er eine Ehrenwache von zehn jungen ungarischen Kornetts. Neben die Wiener Herren stellte er sich selbst und zum Wechsel Trzka und Neumann. Den beiden Gästen sollte kein unbelauschtes Wort gelingen. Der verwachsene Graf war gegen die kriegerischen Herren von einer beleidigenden souveränen Kühle, man drängte ihn rasch vor den Herzog, als er keinen Blick für das imposante vor ihm aufgerollte Bild großer Kavalleriemanöver hatte.
Friedland ging in diesen strengen Wintertagen im Obstgarten seines Quartiers viel spazieren, erfreute sich seiner wiedergewonnenen Beweglichkeit. Der kleine Graf gedachte ihm fremd zu begegnen als Beauftragter des Kaisers, vermochte sich aber nicht zu behaupten, als der Herzog, im langen roten Mantel, auf das spanische Rohr gestützt, ihn herzlich begrüßte, nach dem Kaiser, Eggenberg fragte, bedauerte, daß man durch die Kriegsnöte persönlich auseinandergekommen sei. Und ehe Trautmannsdorf seinen Auftrag beginnen konnte, verwickelte ihn der Herzog in ein langes, von Späßen und Traueräußerungen unterbrochenes Gespräch über den alten Harrach, über die Hofärzte und anderes. Dann erst, immer dieselbe breite kahle Obstallee entlangspazierend, warf Friedland einen Blick auf den stummen dicken Questenberg und bemerkte kurz, er hoffe, der Herr habe den neulichen Besuch gut überstanden.
Das darauf eingetretene Schweigen war das Signal für Trautmannsdorf. Er knüpfte an diesen neulichen Besuch an, schilderte mit übertriebener Zaghaftigkeit die eigentümliche Situation des Kaiserhauses gegenüber Spanien und der Herzog möchte das angekündigte und nun erfolgte Heraufziehen des Spaniers auf den Kriegsschauplatz recht verstehen als eine Maßnahme, die ohne Zutun des Kaiserhauses erfolgt sei und die man auch nicht ohne schwere Komplikationen hätte verhindern können. Er fuhr dann fort: die Armee des Mailänders sei zwar leidlich stark und wohl bewaffnet, jedoch nicht stark genug, um jeder zu erwartenden Truppenmacht Trotz bieten zu können. Man möchte deshalb von vornherein jeden feindlichen Anschlag unmöglich machen, indem man die recht kleine Aldringische Schar auf eine entsprechende Größe brächte und ihr die vom Augenblick gebotene Beweglichkeit gäbe. Es möchte also des Herzogs Durchlaucht sich bequemen und bereit finden, solange er nicht die Winterquartiere verlassen könne, eine ausreichende Zahl von Regimentern dem von Aldringen zur Verstärkung und Verwendung zu gestatten.
»Es ist mir unmöglich«, erklärte freundlich der Herzog. Er wandte sich an den nachfolgenden Neumann, erbat sich ein Verzeichnis der Truppenstärke, wies, als es in Kürze kam, die Zahlen dem kleinen sehr ernsten, kaum hinblickenden Grafen: »Der Herr Graf wird sich selbst überzeugen. Zudem ist der Mailänder von mir angewiesen, rasch den Kriegsschauplatz zu verlassen oder nach Pilsen zu stoßen. Der Kurbayer muß Geduld haben; er wird nicht verlorengehen.«
Der Graf war nicht zu beruhigen; man müsse zunächst andere Dinge hintanstellen, die Notwendigkeiten des Kaiserhauses und so weiter. Trautmannsdorf, immer den Kopf vor der Brust, knaute und kam nicht heraus. Ruhig und sicher lachte der Herzog, der auf ein Trompetensignal gehorcht hatte; darum möge sich der Graf keine Sorgen machen; er erkenne sie wieder, den alten freundlichen Eggenberg und ihn, wie sie sich quälten, vielleicht wäre auch ein Finanzmann im Bunde, um sie zu vexieren; bei ihm läge der Kaiser und das Erzhaus wie in Abrahams Schoß. Er werde sich nicht verläppern. Der Friede sei näher als sie glaubten. Auch als Trautmannsdorf, der schwer beklommen war, ganz schwieg, blieb Wallensteins Ton freundlich; er stellte sich vor die beiden Herren, zog sie an den Gurten zusammen: »Nun wollen wir zusammen beraten, mein Herr Questenberg und Euer Liebden. Ich will mich wie ein rechtschaffener Angeklagter vor Euch, kaiserliche Vertreter, aufstellen und Ihr sollt schelten, was versehen ist.« Questenberg nahm sich mit Gewalt zusammen: »Wir möchten Durchlaucht bitten, uns dies zu ersparen. Wir sind ja auch ganz und gar nicht als Ankläger hier.« »Nun seht Ihr,« unterbrach Wallenstein, der ihre Gürtel nicht losließ, »ernsthaft könnt Ihr nichts anklagen. Es soll euch auch bei Jesu schwer fallen. So gebt doch den Bayern frei. Was setzt man euch in die Ohren. Den Herren scheint es unbekannt zu sein, wie es der Bruder des bayrischen Kurfürsten, der Kölner, mit den Franzosen hält; Maximilian ist da nicht weit vom Schuß.« Finster gab der Graf, der peinlich Wallensteins Hand am Gürtel fühlte, zu, daß man davon gehört hätte. »Nun,« tönte der Herzog, seinen Stab schwingend, zurück, »das bedeutet nichts?« Gezwungen lächelte der Graf, der ein paar Schritte machte, um den Herzog vom Fleck zu bewegen; schwerfällig folgte er auch; es schiene ja bald so, rang sich der Graf ab, daß nicht Wallenstein, sondern sie hier als Angeklagte ständen. »So nehmt doch Vernunft an, Herr Graf. Ihr seht meine Daten. Ihr antwortet nichts zur Sache. Greift mich an. Ihr gebt mir fast zu, was ich sage. Oder -- seid Ihr nicht allein hier?« »Was?« warf Trautmannsdorf den Kopf herum. »Ich meine, Herr Graf, Ihr steht hier, ich kann Euch wohl sehen und sprechen hören. Aber hier sind noch einige mit Euch, die ich nicht sehen kann. Die sich vielleicht nicht -- hergewagt haben.« »Eure Durchlaucht kennen mich.« »Ich weiß, es gibt schon Geister in Wien, die mich lieber am Morgen als am Mittag verspeisen möchten. Einige von ihnen tragen viereckige Hüte und schwarze Röcke. Es könnte auch sein, daß sie einen Mann wie den Trautmannsdorf zu Fall bringen.«
Der Graf kühl: »Ich habe mir die Regeln meines Denkens in der guten Schule des Aristoteles geben lassen.« »Ich weiß, ich weiß, aber so antwortet doch. Ihr seid weder bestechlich noch dumm.« »Ich will Eure Durchlaucht nur bitten zu bedenken, für wen wir in diesem Augenblick sprechen. Questenberg und ich. Wir haben die Majestät zu vertreten oder Weisungen von ihr abzugeben. So wollten wir Eure Durchlaucht bitten, und ich besonders -- denn Euer Durchlaucht weiß, wie ich Euch anhänge, wie ich Euch nach Vermögen am Hof alle Wege geebnet habe, und daß mich keiner zu Bosheiten gegen Euer Durchlaucht anzustoßen vermöchte -- ich wollte Euch bitten, gebt uns einen Augenblick nach. Wenn wir auch keine Krone tragen, so sind doch unsere Weisungen da -- und was sind wir alle? Vor der kaiserlichen Majestät?« Hart der Herzog: »Braucht nicht einen darüber aufzuklären, der sein Leben lang für den Kaiser gefochten hat.« »Der Kaiser weiß, was er Euch zu verdanken hat.« »Es scheint aber, andere wissen es nicht.« »O wir --« »Macht mir nichts, ob Ihr es wißt. Macht nichts.« »Wir sind allesamt --« »Kommt nicht darauf an. Meinem Herrn diene ich billig und begehr' es allezeit zu tun nach seinem Willen. Die anderen lassen die Finger von mir. Jeder Verständige kann begreifen, daß ich nicht geneigt bin von meinem Vertrag abzugehen. Soll keiner mit mir Schindluder treiben. Mein gnädiges Erbieten an Euch zu verhandeln wird verachtet und für nichts angesehen.«
Die Herren schwiegen.
»Ihr sollt mir antworten, Herr, was Ihr gegen meine Gründe zu sagen habt über das spanische und bayrische Ersuchen. Ich kann die kaiserliche Armee nicht schwächen lassen.« Sie standen immer an einem Fleck; der Herzog wandte sich jetzt, winkte ihnen, ging in das Haus voran.
Und auf dem Weg tauschte der kleine Graf keinen Blick mit Questenberg, dessen Augen er trostlos an sich fühlte. Er hatte die schwere entscheidende Sache mit sich allein abzumachen; die Kiefer biß er zusammen, seine Stiefelspitzen stießen vor, blieben stehen, stießen vor, blieben stehen. Sand, eine Matte, die Schwelle kam. Es galt nicht nachzugeben, nichts hören -- sprechen, ein Horn vorstrecken; er sagte sich: »Mach dich steif, du kleiner Trautmannsdorf, denk' an nichts, dies muß geschehen, du neigst zu Späßen, dies muß geschehen, höre nichts, dies muß geschehen.«