Wallenstein. 2 (of 2)

Part 35

Chapter 353,665 wordsPublic domain

Um diese Zeit verließ Graf Slawata, der noch immer schöne blühende Mann, Wien, den Hof und Kuttner, um nach Prag zurückzukehren. Kuttner begleitete ihn einen halben Tag Wegs. »Vergesse der Herr nicht unsere Geschäfte«, lächelte Slawata, als der Jüngling ruhig weiter neben seinem Wagen reiten wollte; »in Prag gibt es keine Lorbeeren zu gewinnen, aber Wien hat ein üppiges Klima dafür.« »Ich will beten, daß, wenn der Herzog zu Friedland fällt, Ihr die Krone von Böhmen bekommt. Ihr seid der beste Mann des Landes.« »Nach Hause! Kuttner! Rasch! Sorgt, daß man mich nicht am Kragen kriegt. Es wird heftig zugehen. Weg, lieber Kuttner, der bayrischen Durchlaucht bester elegantester schönster Diener. Es ist keine Zeit für verträumte Kinder auf der Straße.« Kuttner ließ noch lange seine Hutbänder auf der geschwenkten Degenspitze wehen.

Slawatas Wagen aber machte plötzlich eine Wendung. Rasselnd schlug er die Richtung auf Pilsen ein.

* * * * *

In der grünen heißen Kammer der Kaiserin hob sich rauschend die blutrotgekleidete Vortänzerin und tanzte langsam vor der Mantuanerin im Zimmer herum. Sie forderte mit den winkenden Händen, den lockenden ringreichen Fingern die zweite zitronengelbe auf, die neben der Mantuanerin hockte. Sie faßten sich an den Händen, um die Hüften, sich schlingend, schleiften sich über den Teppich. Am Ofen sang eine feine helle Stimme: die dralle Gräfin Kollonits, den sinnenden schwarzen Kopf an der Tapete, beide Hände vor den Augen.

Und als sie zu Ende getanzt hatten, sang sie einsam am Ofen weiter: »Vionetus von Engelland, ein König mächtig sehr, seine Tochter Ursula genannt, der Jungfrauschaft ein' Ehr. Weil sie mit Christi Blut erkauft und durch des Höchsten Will' getauft, hat sie Christus erwählt allein, in Keuschheit stets zu dienen sein.«

Vom Boden, wo die Mantuanerin lag, stieg wie dünner Rauch immer das Seufzen auf: »Wie schön! Singt es noch einmal.« »Wie schön, noch einmal.« »Ich will nicht soviel singen,« bat die Gräfin, »des Kaisers Majestät sitzt in der Kammer und wartet.« »Was du drängst.« »Kommt mit«, lockte die Mantuanerin, die den Arm ihrer Dame nahm, die beiden Damen.

Ferdinand lächelte ihnen staunend entgegen: »Ich habe gehört, wie gesungen wurde. Aber ich habe teil an der höllischen Passauer Kunst.« Die zitternde Frau ließ sich in einen Sessel führen. »Ich bin ganz und gar gefroren. Es kommt nichts an mich heran. Hab' ich es nicht schon einmal gesagt, Eleonore. Danke, meine Damen, rot wie die brennende Liebe, gelb wie Neid. Wo ist Grün vor Minne?« Und wie die Damen hinaus waren, faßte er sie bei der Hand an: »Ich habe Trautmannsdorf zu mir gebeten; er wollte mich unterhalten.« »Kommt herein,« er zog den verwachsenen Grafen aus der Vorkammer zu sich, »ja lacht. Ich predige Euer Lob. Ihr seid mein Gesellschafter.«

Die Kaiserin suchte Trautmannsdorfs Blick zu erhaschen, um ihn in ihre Gewalt zu bekommen; sie lächelte in halber Verzweiflung: »Wie kann denn die Welt so schlecht sein. Wir sind ja alle Christen. Die Welt ist ja zweierlei jetzt, die alte sündige Welt und Jesus, und der Heiland. Man mag nicht so viel von dem Bösen reden.« Ferdinand näherte sich ihr, strich ihr freudig die Schulter: »Wie gut du das sagst, Eleonore.«

Sie brach fast zusammen unter ihrem Schmuck. Die Augen angezündete Kerzen, schaukelnde Windlichter, in hypnotisierender Weiße.

Da fing Trautmannsdorf an; man solle nicht von dem Bösen reden und man könne nicht von ihm schweigen, wenn man ihn überwältigen wolle. Das Böse selbst redet nicht, es ist da, handelt, verändert, verwirrt. Der Heiland ist an dem Bösen nicht vorübergegangen; das Böse hat ihn an die Welt gelockt. Ferdinand: »Es ist so. Sprecht, Trautmannsdorf. Setzt Euch.« »Warum muß ich hier zuhören, Ferdinand?« »Willst du nicht, Eleonore?« Nach langer Pause sagte sie: »Ich will« und suchte wieder ihren flehenden Blick an Trautmannsdorfs kühle Augen zu drängen.

Der kleine Graf sprach von den politischen Dingen. Ferdinand hinhorchend, hineindrängend wurde von dem Wagen der Ereignisse fortgeschleift, hing nach rückwärts, Hände und Kopf aufschlagend.

Der Graf Ognate, endete Trautmannsdorf, sei von den Vorgängen -- der Kaiser hob abwehrend die Hände -- orientiert, die katholische Majestät wünsche im habsburgischen Interesse das rascheste und entschlossenste Ende der gefährlichen Wirren. Das rascheste und sicherste Ende, wiederholte mit den Fingern am Gurt spielend der kühle Graf; der Kaiser und die Mantuanerin hielten die Gesichter einander zugewandt, suchten, klopften, rissen aneinander.

Die Mantuanerin fragte rauh den Grafen, warum er ihr die Antwort schuldig bleibe: die Welt sei zweierlei, Jesus Christus sei für die Welt geboren, zur Unterwerfung des Bösen; ohne den Heiland seien sie ja nicht Christen. »So sprecht«, winkte Ferdinand. Da seufzte Trautmannsdorf, sie seien schon genötigt sich auch dann für Christen zu halten, wenn sie Verrat oder drohenden Verrat abwehrten, mit Gewalt, da es so erfordert werde. Ich muß hören, dachte es in Ferdinand, was hier alles auf der Welt vorgeht. »Ihr müßt denken,« Eleonore streng aufgestellte Augenbrauen, »keinen Verrat aufkommen zu lassen, der Euch zu entsetzlichen Dingen nötigt. Jesus braucht nicht gelebt zu haben, wenn Ihr nichts weiter könnt, als auf eine Untat so zu antworten.« »Ich weiß, ich weiß. O wie gut empfinden Majestät das. Ist doch die Aufgabe des Staatsmannes und Politikers nicht besser als eines Scharfrichters oder Schindknechtes. Ich habe nur den Trost, daß das Evangelium nicht ganz den Stab über uns bricht; es hat auch den Satz: >Gebet Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist.<« »Ihr seid schlau, Graf Trautmannsdorf. Ein schlimmes Gewerbe habt Ihr.« »Wir haben nicht den Wunsch, gegen den Herzog zu Friedland schlimm zu verfahren. Er wird sich biegen lassen. Wie schlimm stand es auf dem Kollegialtag zu Regensburg. Wir beten, daß Gott uns nicht verläßt.« »Ich aber«, hob Ferdinand langsam beide Hände gegen ihn, »will Euch fragen, Trautmannsdorf, warum wir denn schlimme Gewalt anwenden müssen, wenn uns der Herzog verrät.« Da schwieg der Graf. »Könnt Ihr es beantworten, Trautmannsdorf.« Der stammelte, versuchte zu lächeln, blickte auf die fahle Mantuanerin: »Ja, nein, ich kann schlecht verstehen.« »Besinnt Euch, Trautmannsdorf.« »Ich weiß schwer, was ich antworten soll.« »Wenn uns der Herzog verrät, müssen wir ihm gehorchen?« Eleonore saß aufrecht; Ferdinand sah sie und den Grafen triumphierend an. Stammelnd errötend Trautmannsdorf: »Ich bedaure, daß unser alter Fürst Eggenberg nicht zugegen ist; er weiß vielleicht rascher als ich Antwort.« »Ich weiß; ich habe Euch gebeten, ohne ihn; ich will Euch hören.« »Eure Majestät wird den Thron verlieren, wenn sie nicht dem Herzog gehorcht.« »Trautmannsdorf, achtet auf, du auch, Eleonore, achte auf. Diese Antwort hat eben Fürst Eggenberg, mein lieber Freund gegeben. Jetzt wird Trautmannsdorf sich äußern: wem ist der Kaiser untertan?« »Nur Gott.« »Dem Herzog zu Friedland nicht?« Der Graf schwieg. »Und ferner: bin ich dem Throne untertan? Denn ich soll den Thron verlieren.« Auch Eleonore hing gespannt an ihm. »Wenn ich aber Kaiser bin, bin und nicht Lust habe zu gehorchen?«

Mitleidig senkte der kleine Graf den grauen Kopf; leise und langsam: »Versuche Eure Majestät es einmal, so -- ungehorsam zu sein. Ich sagte schon, der Erfolg wird uns nicht behagen. Der Herzog wird über Wien fallen, wir werden in Wien sitzen, vielleicht im Kerker; vielleicht liegen wir unter der Erde.« Ferdinand hob die Hände: »Ich werde nicht unter der Erde liegen.« Eleonore bitter: »Wie spricht der Herr Graf. Es soll nicht erlaubt sein, solche Gespenster an die Wand zu malen.« Fast höhnisch Trautmannsdorf: »Gespenster werden wir sein.«

Hauchend Ferdinand: »Sieh an -- das hat schon Lamormain gesagt. Und so hat es ein Witz gefügt, daß ich jetzt Krieg gegen den Mann führe, dem ich mein Leben, die Krone und noch manches verdanke. Denn ich wäre doch schon längst Gespenst nach Eurer Theorie, wenn er uns nicht geschützt hätte.« »Wir wollen«, der Graf mit leichter Verbeugung, »nur dem Kaiser geben, was des Kaisers ist.« »Mir?« zuckte Ferdinand; seine Stimme schwoll an; er schrie, »soll das meinetwegen geschehen? Meinetwegen? Eleonore, meinetwegen! Der Herzog hat uns befreit von -- ich sage nicht welchen Ketten, er hat uns getragen und hochgehoben. Ich werde nicht unter der Erde liegen. Dahin ist es gekommen! Wodurch, wodurch!«

Der Graf war zurückgetreten, Ferdinand leichenfarben, zitternde Knie, brüllte vor ihm: »Ich -- will -- nicht.« Trautmannsdorf sehr leise: »Majestät befehlen.« Die Arme hochhebend über seinen Kopf Ferdinand: »Ihr werdet nicht auf mich hören. Ich gehorche nicht. Man wage nicht, mich ins Spiel zu ziehen. Ich werde es nicht zugeben. Ich werde mich auf seine Seite stellen, wenn Ihr etwas wagt. Ich -- bin -- der Kaiser.« Die Mantuanerin umschlang ihn weinend: »Geht, Herr Graf!«

Ferdinand ließ die Arme nicht herab: »Nicht -- mei--net--wegen!« Sie stellte sich vor ihn; Ferdinand über sie weg: »Wodurch werde ich zu solchem Wahnsinn getrieben. Nichts soll meinetwegen geschehen. Jetzt vergewaltigen sie mich zu Schande und Erbärmlichkeit.« Die Kaiserin flehte nach rückwärts: »Geht, Herr Graf.« Sie führte ihn rasch an die Tür.

»Ernüchtert ist er,« höhnte der Kaiser mit anklagendem Ausdruck am Fleck stehenbleibend, »hinaus. Hinaus. Was haben sie im Kopf, das ich alles muß. Von mir bleibt nichts übrig. Was habe ich früher mich gewunden, daß ich vor dem bayrischen Maximilian betteln mußte. Aber das!«

Er brüllte: »Dienen! Dienen! Ich -- will -- nicht!« Dröhnend.

An den Wagen mit den Füßen gebunden, über Steine und Äste schleifend, Hände und Kopf aufruckend, niederklappend.

-- Nach Wolkersdorf. In den Wald. Wie auf Wellen, gleitend, sinkend, gehoben. Die Füße rasselnd gegen Steine. An der Kohlenbrennerei vorbei; zwischen den kahlen Stämmen irrend durch Stunden.

Laues tauiges Wetter. Die Waldschneise. Der braunbärtige Einsiedler, dessen rechte Gesichtshälfte aus tiefen Geschwüren eiterte, fragte vor der Höhle, was er wolle. »Euch zusehen.« Aber diesmal waren die Augen des fremden Handwerkers so begehrend, daß der Fromme vor der Höhle blieb und unter dem Vordach murmelnd betete.

Nach langer Zeit fragte er: »Was ist Euch geschehen?« »Sprecht, sprecht, guter Mann. Erleichtert Euch.« »Es ist nicht nötig, daß ich spreche. Ich komme zu Euch. Will Euch hören. Euer Gesicht ist zerfressen; seid Ihr deswegen aus der Welt gegangen?« »Nein.« Der Einsiedler hockte vor ihm, faßte ihn am Kinn, vertiefte sich in sein Gesicht, das er mit den Augen fast aufwühlte und umpflügte. Ferdinand griff inbrünstig nach seinen Händen. Der Einsiedler zog ihn in die Höhle.

Drin ließ ihn Ferdinand kaum auf das hohe Strohlager sich setzen, so stammelte, ächzte er: »Was, was, ist es, sagt mir, was ist es mit dem Satan?« »Du hältst mich für einen Teufelsbanner?« »Nein, nein.« »Du glaubst, daß ich mich ihm verschworen habe, weil ich gezeichnet bin.« »Nein.« »Warum fragst du. Ich gehöre zu seiner Synagoge, glaubst du, ich habe mich vor euch versteckt, habe eine Salbe, laufe als Wolf herum. Darum kommst du hierher. Du bist Soldat, ich soll dir helfen.« »Nein.« »Wo ist der Schatz, den ich für dich heben soll.« Sein Knie berührte Ferdinand. Während sich die Augen anfunkelten, verzerrte sich das Gesicht Jeremias, ein hoher Ton wie das Piepsen eines kleinen Vogels kam aus seiner Kehle: »Du bist ihm begegnet. Ich sehe es ja; du bist besessen. Du kennst ihn.« »Ich weiß nicht.« Flüsternd Ferdinand: »Bruder. Was ist mit ihm.« Der lachte verzerrt, redete hastig: »Kein Gott kann so grausam sein wie das ist, was die Welt gemacht hat. Weißt du das?« »Ja.« »Siehst du, siehst du, du sagst ja, du wagst nicht nein zu sagen.« »Ich werde dich nicht verraten.« »Bruder, du wirst mich nicht verraten. Es ist alles Teufelswerk. Du brauchst keine Angst vor dir zu haben. Es gibt nur einen Teufel. Gott gibt es nicht. Den Teufel gibt es. Er ist so sichtbar, für alle Augen erkenntlich wie etwas. Alle Zeichen, die für den Bösen gelten, sind erfüllt. Die Verblendung ist unermeßlich.« Ferdinand warf sich auf den nackten Boden, zitterte: »Das weißt du. Und die heilige Kirche.« »Sei stark, wenn du suchst, Bruder. Wir müssen es ertragen. Ermatte nicht zu rasch.« »Ich höre.« »Jesus Christus hat es gewußt, Bruder. Ihn hat nicht Maria zur Welt gelockt und die Liebe Gottes: er hat das Böse vorausgefühlt und den Menschen dazu und wollte uns die Last tragen helfen. Sieh, Jesus ist dagewesen; er hat sich erbarmt, niemand kann die Fülle seines Erbarmens fassen. Er hat die Menschen gesehen, die Sünde gesehen, der Satan selbst ist an ihn herangetreten; man muß darüber mit Raschheit hinweggehen, was Jesus mit dem Satan besprochen hat. Niemand weiß es, es hat uns niemand gesagt. Sein Leben unter den Aposteln blieb in Dunkel gehüllt. Er ist schnurstracks seines Wegs gegangen und keiner hat sein wahres Gesicht sehen können. Niemand weiß es. Ich -- Bruder --« »Was ist dir?«

»Komm neben mich. Ich kann zu dir sprechen. Ja, du bist auch besessen. Du wirst mich nicht verraten. Willst du mir etwas glauben, willst du mich nicht für einen Schelm oder Trottel halten.« »Ich bin zu dir gekommen.« »Ich will dir erzählen. Wie meine Wange hier einsank, war es eine Angst, die ich hatte, plötzlich eine Stunde, einen halben Tag, einen gräßlichen höllensiedenden langen Tag. Ich -- habe -- sein -- Gesicht gesehen, Jesus, des Gesalbten Gesicht --.« Er zeigte flüsternd, die Augen aufreißend an der halbfinsteren Hinterwand der braunen Höhle einen lose herausragenden Wurzelstock: »Hier ist eine Wurzel; faß sie an, hier. Du kannst sie sehen, wenn deine Augen sich gewöhnt haben. Es ist dunkel hier. Ich bin Einsiedler und brauche die bunten Farben nicht. Hier ist es gewesen, eines hellen Tages, als die Sonne auf den Getreidefeldern lag, als ich ahnungslos hier eintrat. Das heitere Zirpen der Meisen. Da war er da.« Er faßte wild ächzend die Wurzel an, um sie hingen Stricke und Kettchen und ohne sich um den Gast zu kümmern, wie gezwungen, entblößte er Brust und Arm; kraterförmig tiefe Geschwürsflächen unter dem Hals, über der halben Brust; er fing an sich zu schlagen, die Arme vor der Brust verschränkend, rechts herüber, links herüber peitschend, saß bald in der völligen Finsternis der Höhle, schob sich stürmisch gegen sich arbeitend immer weiter zurück.

Nach einer Weile hörten die Schläge auf, er rutschte mit geschlossenen Augen neben Ferdinand. Blut quoll an den Schultern aus dem groben Hemd, er saß still und keuchend neben ihm. Dann: »Hörst du mich?« »Ja.« »Ich will dir erzählen, Bruder. In einem Sonnenfleck da über der Wurzel. Bleib hier, du brauchst dich nicht fürchten.« »Ich fürchte mich doch«, flüsterte Ferdinand. »Nein, du brauchst dich nicht fürchten. Ich erzähle dir ja nur. Gib mir deine Hand. Er ist ja jetzt nicht da. Er war hier in der Höhle. Es war so hell; meine Augen waren noch geblendet von dem Sonnenschein draußen, wie ich mich bückte, um hereinzukommen. Da bemerkte ich ein Loch in dem kleinen Lichtfleck, eine Höhlung, eine Vertiefung, als wäre Erde aus der Wand herausgefallen oder hätte ein Tier von innen gewühlt. Ich sehe drauf hin, das Licht geht nicht weg, warum rollt der Sand von der Wand, um das Loch herum, da bewegt sich etwas. Ich halte es für ein Tier, ein langfüßiges schwarzes, vielleicht eine Riesenspinne; es läuft so über das Licht. Das Rieseln und Zittern ließ nicht nach, der ganze Kreis, es kommt mir vor, weißt du Bruder, als ob er sich hebt, als ob es eine Metallscheibe ist, die sich beult. Ich traute mich nicht den Kopf zu bewegen. Mit einmal, als wenn mir die Augen herausgerissen würden, erkannte ich -- sein Gesicht.« »Wessen.« »Seins, Bruder. Nicht doch. Du verstehst nicht. Es war so dunkel mit Haaren, Ohren, Augen, Kinn in der Helligkeit; die dünnen schwarzen Wangen zitterten ihm, als wenn er fröre oder verhindert würde den Mund zu öffnen oder die Lider hochzuziehen.« »Bruder, wessen Gesicht hast du gesehen.« »Und dann lief etwas Schreckliches um seinen Mund. Ich kann es nicht mehr sehen; ich kann seitdem diese Stelle nicht verlassen. Es ist kein Schwur, den ich getan habe, es ist -- daß ich an diesen Ort genagelt bin. Ich möchte mich hängen an die Wurzel nur um zu leiden, zu leiden.«

Seine Haare hatten sich gesträubt, ihm strömten die Tränen aus Augen und Nase: »Bruder, du bist mir nicht gram, du wirst mich nicht verachten, weil ich gottlos bin. Ich leide, ich stranguliere mich, ich lege mich zum Rösten in die Sonne, um zu vergessen. Um ihn zu vergessen. Den da.« Entgeistert wackelte der Braunbärtige auf seinem Platz, er bibberte, stotterte: »Oder mich vor ihn werfen; wenn mich nur einer zerreißen wollte.«

Ferdinand zitterte wie er: »Es war Christus.« »Er hat Satan gesehen, ich ahne ihn nur; ich sehe die Welt, rieche ihre Verwesung -- aber er kannte auch die Menschen, die Seelen. Der hat sich für uns geopfert. Er wußte, daß uns nichts überzeugen könnte als sein schmerzensreicher gräßlicher Tod. Christus Jesus hat sich verstellt für uns. Für dich und mich. Die größte Seele, er hat sich in die Wagschale werfen müssen.« »Gegen den Satan.« »Es hat ihn an den Satan herangetrieben, alle Freiheit, alle Selbständigkeit, die Lust des Lebens hat er von sich hingeworfen. Ihn wollte er von uns verscheuchen, von Mensch und Getier. Und --.« »Was ist.« »Du weißt ja allein weiter, Bruder, was ist.« Er durchbohrte mit den Blicken den Kaiser, schrie: »Es hat nichts genutzt. Der Satan wiegt schwerer. Nicht einmal sein Andenken ist aufbewahrt, man weiß nichts mehr von ihm. Man weiß nichts mehr von ihm. Die Kirche hat ihn verschlungen.« Ferdinand hielt sich die Hände vor die Augen: »O Bruder, was du sprichst.« »Ihr braucht nicht ratlos sein. Ihr seid gut dran. Ich weiß. Man mißbraucht seinen Namen. Aber du weißt es ja auch anders. Du wirst mich nicht verraten.« »Was tust du hier?« Der Einsiedler warf sich dicht an ihn heran: »Du brauchst nicht glauben, was ich sage. Ich hab' dir doch nichts Neues gesagt. Bleibe draußen. Sei fromm. Bist du mein Bruder?« Ferdinand zog die Hände vom Gesicht.

Wie Ferdinand im Wald an einer niedergebrochenen Buche stand und von dem schweren Gefühl heimgesucht wurde: zwei Adler standen auf hohen Füßen hinter ihm, schlugen ungeheuer mit den Flügeln, Wind vor sich treibend, krachte sehr nahe ein Schuß. Die Stimme des Dieners: »Schützt Euch, Herr, schützt Euch.«

Es raschelte um sie im Wald, von den Stämmen lösten sich Menschen; in Sprüngen kam ein älterer säbelschwingender Geselle näher, stolperte über seine eigene Säbelscheide, griff Ferdinand an die Brust, riß ihn herum, sah ihm ins Gesicht. Einer mit einem Feuerrohr lief dicht hinter ihm; von allen Seiten sprangen sonderbare Kerle mit Pistolen und Knütteln an. Der Ältere, der Anführer, ein Mann mit einem kühnen Gesicht, fragte den Kaiser, wo die anderen wären. Ferdinand war sehr ruhig. Die Bande suchte in der Umgebung alles ab. Die Debatte zeigte, daß man sich vergriffen hatte; wer ergriffen werden sollte, erfuhr der Kaiser und sein mit Stricken gebundener Diener nicht. Man durchsuchte sie, wollte sie wieder laufen lassen.

Da fühlte Ferdinand plötzlich die tiefe Ruhe, die sich seiner während des Überfalls bemächtigt hatte.

Die Höhle des Einsiedlers.

Die Spinne. Was war das. Es kam ihm meilenweit vor, jahrelang fern.

Er konnte sich nicht trennen. Dem Anführer, der sich in einem Hinterhalt zu einigen gesattelten Pferden begab, folgte er trotz der Anrufe der anderen. Er fühlte, daß ihm befohlen war, mit dem gewalttätigen Kerl zu sprechen, der seine Wut an einigen Bauern ausließ, die bei den Pferden standen und offenbar mitgeschleppt wurden. Bei Wolkersdorf wüßte er einen Grafen, der morgen oder übermorgen zu einer großen Reise die Ausfahrt mache, er nannte einen beliebigen Namen, war glücklich, als der andere anbiß. Der Diener wurde von der Bande nicht losgelassen, Ferdinand nahm tuschelnd von ihm Abschied, der an ein Pferd gebunden war.

Als Ferdinand allein in der Höhle der Kohlenbrennerei war -- wußte er nicht, was er vorhatte. Dachte kaum. Fühlte nur, daß ihm ein Glück zuteil geworden war. Ein sonderbares Glück.

Als wenn er eine glatte eingeseifte Bahn herunterrutschte. »Ich gebe nicht nach«, seufzte er noch im Scherz, und rutschte schon weiter den bekannten Weg, den er oft irgendwo gefallen war. Es war eine Freiheit, die ihn mit wachsender Stärke entzückte. Als wenn er das Ende einer Stange ergriffen hätte, an der er sich ruhig, mit geschlossenen Augen, entlang bewegen konnte.

* * * * *

Die Armeen, die der zu Friedland angesammelt hatte, standen massiert in Böhmen, starke Detachements hielten unter dem von Aldringen bei den Bayern; gegen Schlesien und die Mark waren Regimenter vorgetrieben unter Schaffgottsch, nach Süden gegen Budweis und Tabor beobachteten Abteilungen unter Marradas. Eine tiefe Lethargie hatte sich der Truppen bemächtigt. Ein eigentümliches Mißtrauen ging unter den Offizieren um. Man hatte seit dem heißen Leipziger Treffen, bei dem die Königliche Würde von Schweden ihr Leben lassen mußte, nichts getan, was Ruhm und Freude brachte. Märchenhaft weit lagen die Tage von Nürnberg zurück; die Söldner kamen und sangen von dem Burgstall bei Zirndorf, den der Bernhard von Weimar gestürmt hatte, wieder abgeben mußte und Hunderte seiner Knechte verlor. Von Wallenstein, der den König von Dänemark über Jütland weg in die Ostsee gejagt hatte, und den Mansfeld, den Bastard, den Durlacher und den Halberstädter ergriff, daß sie zerbrachen und sich nicht retten konnten. Italienische Fähnlein zogen herauf, einstmal von dem weinseligen toten Kollalto vor Mantua angeworben zur friedländischen Fahne: sie hatten Mantua geplündert, der Herzog von Nevers hatte nicht standhalten können. Nun lungerten sie seit Monaten herum auf schlesischem Boden, vor den sächsischen und schwedischen Heeren, verlagen.

Die Meister der Artillerie häuften die Kugeln an zu Bergen, verkauften sie heimlich an fremde Unterhändler. Die Stückknechte und Büchsenmeister wüteten widerwillig gegen Rost und Staub. Der Arkebusier trug ein Schußgewehr und zwei Pistolen, die Offiziere schrien, wenn sie den Degen umlegten; warum sollte man sich mit dem schweren Gewehr und Pistolen schleppen. Konstabler Schneller Schanzbauern Granatiere Minatoren Bergknappen Pontoniere Petardierer schleiften ihre Füße durch den Lehm des Artillerielagers, ließen untätig die Mäuler hängen, verfluchten Granaten Petarden Lunte Ladungskapseln. Schlichen davon zum Schweden, Sachsen. Fragten wo Krieg sei. Immer noch liefen Neugeworbene an; wurden zu besonderen Fähnlein zusammengeschlossen, nach einundzwanzig Kommandos wurde die Pike exerziert, neunundneunzig Tempi brauchte das Feuern und Wiederladen, hundertdreiundvierzig Kommandos die Musketen; die Alten standen dabei, grinsten und zogen mürrisch weiter. Auch in die Jungen wurde Mißtrauen gelegt, die Strafen stiegen, Wippgalgen, hölzerne Esel wurden überall vermehrt. Die alten Söldner freuten sich mit Grimm: es war das einzige, das sie an die früheren Jahre erinnerte. Heiß wurde draußen geworben, die Agenten ließen trommeln: hundert Gulden Werbegeld, für den Tag zwölf Kreuzer. Während die Rotten zuströmten, schmolzen innen die Heere aus, zogen die neuen in den Schwund hinein; das leckende Rinnsal war nicht zu stopfen.