Wallenstein. 2 (of 2)

Part 34

Chapter 343,626 wordsPublic domain

Lange Sprünge Ilows zu Trzka. Zweistimmiger herrischer Jubel, Händedrücken, tanzende Umarmung.

Gallas war mehr Zuschauer bei der abendlichen Beratung und der erfolgenden Ablehnung des kaiserlichen Plans.

In der Abschiedsaudienz ließ Schlick kein Wort von der unerhörten Beleidigung des Kaisers über die Lippen. Einsilbig höflich, scheinheilig freundlich, verabschiedeten sich die Gesandten von Wallenstein, der lag, und seinen steifen herausfordernden Herren. Über den Spanier werde Friedland den Hofkriegsrat schriftlich bescheiden.

Sie hörten nicht, aber sie fühlten, Schlick mit Freude, Questenberg gebrochen, daß der Herzog hinter ihnen den Kopf vom Kissen hob: »Die Herren von der Federprofession werden nicht noch einmal von Wien herüberkommen.« Und wie die Herren meckerten und die Degen bewegten.

* * * * *

Der spanische Botschafter Ognate ließ nicht die Hand vom Würfelbecher. Er spielte mit den edelsten Herren des Hofes, dem Grafen Wratislaw von Fürstenberg, dem Kammerherrn und Verwalter der kaiserlichen Finanzen Baron Brauer, der niemals Rechnung legen brauchte. Der Hofkanzler Werda von Werdenberg, Graf Johann Baptist, der italienische Emporkömmling fanden sich gelegentlich im spanischen Quartier ein. Der geschmeidige Ognate verlor große Summen. Er hatte auf das ihm zugekommene Schreiben des Gouverneurs von Mailand keinerlei Schritte getan, legte, zu stark von seiner Leidenschaft okkupiert, der ganzen Sache kein Gewicht bei. Feria hatte seinen Befehl aus Madrid, das übrige war militärischer Kleinkram.

Doktor Jesaias Leuker auf die Kunde, daß sich spanisch-italienische Regimenter von Mailand in Bewegung gesetzt hatten, bedrängte den Marquis, daß er dem noch unsicheren Mailänder Mut mache und beschleunigten Anmarsch befehle. Leukers plumpe Methode, dem scharfen hochmütigen Spanier Abneigung gegen den Friedländer durch Zuträgereien einzuflößen, verfing nicht; der große Herr ließ sich von ihm Vortrag im Bad und beim Messeweg halten, durchschaute ihn, hielt ihn schweigend hin. Nur einmal wurde er wild, als Leuker zutraulich von einem spanisch-bayrischen Bündnis anfing; da konnte sich der sehr zeremonielle Mann nicht beherrschen: ob der Rat Leuker ihn für gedächtnisschwach hielte, möchte er doch unter seine Pasteten nicht solche Mucken wirken, er litte genug Strafe, daß er ihn anhören müßte. Der Feria sei ein Narr, daß er sich hier einmische; er werde es ihm bedeuten. Die Durchlaucht in München bedürfe wohl gerade des Mitleidens und Erbarmens, und dazu sei die Krone Spaniens gut genug, ihn aus lächerlichem Flennen zu ziehen. Hinge doch sonst so herzlich am König Ludwig, liebte doch früher in Brüssel solch Bündnis nicht. Pfui des Prahlens und der Aufschneiderei. Ein Dutzend Kinder könnten sich an solcher Säugamme vergiften.

Worauf der Bayer klein abzog. Nach Leuker wollte sich der junge Kuttner an die Sache begeben. Er war ganz in der Hand Wilhelms von Slawata, der ihn nur für Tage und halbe Wochen aus Wien fortließ zur Berichterstattung bei Maximilian. Der elegante junge Mensch wollte es von sich aus übernehmen, diese kühne Aufgabe zu lösen: Ognate zu beherrschen und den Schlag gegen Wallenstein zu forcieren. Slawata schwankte lange, ob er ihn an den Spanier heranlassen sollte; es war möglich, daß die eigentümliche Süßigkeit Kuttners Ognate verführte ihn anzuhören; aber der Spanier war vom Spiel in diesen verhängnisschweren Tagen ganz hingerissen. Es waren keine Versuche mehr zu machen; der schöne vornehme Slawata setzte sich selbst am Würfeltisch dem Spanier gegenüber.

Sie spielten ohne die Mienen zu verändern um steigend hohe Summen. Sofort setzte Slawata mit großen Beträgen ein, er sah, daß sein Partner lethargisch in das Spiel versunken war, daß er spielte, spielte, und nur durch Ungeheuerliches aufzureißen war. Die eigentümliche Genußstimmung, in der er diese Wintermonate über war -- Kuttner war ihm begegnet, den Hof wollte er nicht verlassen, sein Herz war gefesselt -- verstärkte sich jäh vor diesem hageren Gesicht mit den winklig hoch aufgestellten schwarzen Augenbrauen; »erwecken, erwecken!« flutete drängte es in ihm, »wir spielen.«

Als die Würfel immer schlecht für den Böhmen fielen, rang sich der Spanier das Wort ab: »Warum strengt sich Euer Liebden so an? Ihr seid im Nachteil.« »Ich kann in Vorteil kommen.« Ernst der Marquis: »Wie der Herr will.« Wie die Einsätze Slawatas in die Tausende gingen, begann der Spanier zu zögern; er war in Brand, unsicher fragte er den andern: »Was ist mit Euch? Spielen wir oder nicht?« Slawata hörte kaum, was er für Zahlen sagte; er beobachtete nur die Wirkung auf das Gesicht seines Gegners; entzückt lächelte er: »Ich hab' noch mehr.« Die Lippen sich leckend, zum Sprung gerüstet der Spanier: »Eure Sache, Herr Slawata. Ich bin nicht Euer Vormund.« »Was denkt Ihr von Spanien?« fing Slawata an. »Was ist mit Spanien?« »Es muß schön bei Euch sein. Ich möchte spanischer Botschafter sein.« »Slawata, Herr, was tätet Ihr da anderes als ich?« »Was?« »Spielen.« »Das weiß ich nicht so genau. Also dreitausend.« »Also dreitausend, Herr Slawata. Ihr verspielt Euren Kopf. Da, fünfzehn, Ihr habt verloren.« »Was macht das. Ich verrate meinen Heiland darum nicht. Aber ich wüßte, was ich täte, wenn ich spanischer Botschafter wäre.« »Wieviel?« »Setzt Ihr.« »Dreitausend.« »Dreitausend. Marquis seid überzeugt, ich säße nicht hier. Keine Minute litte es mich hier.« »Die Böhmen sind allesamt sonderbare Käuze.« »Ich achtete hier auf den Hof.« »Ich achte auf Euch schon gut.« »Was ist auf mich zu achten. Ich verliere so tapfer an Euch. Nein seht, diesmal Ihr.« »So hab' ich doch recht.« »Eine Ausnahme, Marquis. Also fünftausend.« »Das nehm' ich nicht an.« »Spielt, Herr Ognate. Gerüttelt, geschüttelt.« »Fünftausend!« »Keinen Heller mehr. Ihr müßt auf den Hof achten, da werdet Ihr noch öfter staunen. Ihr werdet hier nicht mehr lange sitzen.« »Graf Slawata wird nicht dafür sorgen, wo der spanische Botschafter sitzt, an den er selbst sein Geld verliert.« »Fünftausend.« »Ich spiele nicht fünftausend.« »Also sechstausend, Marquis.« »Ich spiele, Herr Graf, ich versichere, ich spiele.« »Was seid Ihr erregt um meine Habe. Ich bin doch ein Bettler.« »Was ist das?« »Was, Herr Ognate?« »Daß Ihr Bettler seid?« Slawata lachte freundlich: »Ach Ihr meint, ich hätte schlechtes Gold, oder langes. Nein. Es kommt nur nicht drauf an, ob ich etwas noch habe.« »Es bleibt bei sechstausend? Sechstausend Gulden?« »Taler, Marquis.« Ognate ließ den Würfelbecher aus der schlaffen linken Hand unter den Tisch fallen: »Nein.« Ernst, melancholisch der Böhme: »Ich hab' Euch zu verraten, daß ich spiele. Ich liebe meine Habe nicht wie ein Jüngling, der eine verschleierte Geiß für eine Jungfrau anspricht. Ich bin schon ein Bock zu meiner Geiß.« Mit tiefer Stimme, sich vorbeugend der Spanier: »Ich bitte um Verzeihung, daß ich Euch so weit verlockt habe.«

Und wie Slawata ruhig ablehnte und weiterzuspielen begehrte, saß der Spanier sehr nachdenklich da, nahm zögernd den Becher wieder auf und fragte ganz heimlich, wieviel also der Herr setzen würde und worauf. Und würfelte dann, ohne den andern sehen zu lassen, auf einer Tischkante, rasch die Hohlhand über die Würfel deckend; stand momentan auf, mit einer traurigen Miene: »Wir wollen abbrechen.«

Ein sonderbares Geschick fügte es, daß am nächsten Tag Slawata am selben Ebenholztisch im selben Maße Zug für Zug verlor, derart, daß er erschrak, wild und tief erschrak und zur Beschaffung von Geld aufbrach und am Hofe Urlaub nehmen mußte; er konnte nicht am Hofe erraten lassen, was er trieb. Auf der Fahrt erst kam dem Böhmen die Ungeheuerlichkeit seines Verlustes zu Bewußtsein und betäubte ihn; er mußte in Kürze seinen Stand verlieren. In trüben Gedanken ging er nach Prag und verschaffte sich Gelder; ziellos hing er einige Tage hier, grollte matt sich, dem Friedländer. Er lahmte einmal zu einem Konvent des Adels; wie er die Türklinke berührte, empfand er aber in sich einen Schlag, dunkel stand er vor der Schwelle, sein Kopf hing vor der Brust; er fühlte sich fortgetrieben, gestoßen von der Klinke. Hier war nicht seine Sache, er trieb sein eignes Spiel. Er ging, mußte seinen Wagen nehmen, reiste schon ab; es kam ihm vor, als ob er wieder zu sich käme; mußte seinen Körper nach Wien fahren. Und unterwegs erwachte er. Es erhob sich in ihm wieder, er fühlte sich gefüllt, ein Leben flutete über seine Brust und Arme. Es gab Kuttner, Ognate, den riesigen Herzog Friedland. Er langte in Wien beim Spieltisch des Marquis an. Er war glücklich dazusitzen und sich ganz zu finden. Als gleich die ersten Züge das Unglück des Grafen anzeigten, suchte der Marquis, zum erstenmal während eines Spiels aufstehend, den ruhigen anderen zu einem Spaziergang oder einer Fechtübung einzuladen.

Ognate setzte sich dann nicht wieder mit Slawata an den Ebenholztisch. Sie wechselten die Tische, die Plätze, er suchte ihn ganz vom Spiel abzubringen. Slawata duldete alles in einer eigentümlichen bittersüßen Beklommenheit. Er fühlte: er fuhr.

Er hatte es bald sehr leicht bei dem Spanier. Slawata sah sich wie ein Kranker behandelt und beschenkt. Er hatte sein halbes Vermögen an den Spanier verspielt, ein dunkles Geschick hatte das vollzogen. Lockenschüttelnd entzückt sah der Böhme den Spanier mit dem olivenfarbenen Gesicht vor sich stehen und über den Tisch aus seinem grünen Beutel klingelndes Gold schütteln, das er ihm aufdrängen wollte. Er konnte es sanft vom Tisch wischen mit dem Unterarm, hatte es nicht darauf abgesehen, der Spanier war schon im Begriff zurückzuzahlen.

Sie sprachen vom Friedländer; er entblößte sich, es war rasch geschehen. »Ihr haßt den Friedländer auch«, fragte mit aufleuchtenden Augen zähnefletschend der Spanier; und Ognate begann von dem schamlosen Bestechungsversuch vor Jahren zu reden, ihn auszuforschen. Er gestand lächelnd an einer Auffassung der Situation durch die Beteiligung Bayerns gehindert zu sein. Aber man müsse sich wohl auf die Sprünge machen, wenn es so stehe, und dabei pfiff er schon durch die Zähne. Er hatte mit dem ihm wohlgefallenden vornehmen Böhmen noch öfter Unterredungen; es freute ihn mit dem Böhmen übereinzustimmen, daß Friedland ein böses gefährliches Tier sei, dessen man sich vielleicht von Zeit zu Zeit mit Umsicht bedienen dürfe. Er war sehr begierig Slawata zu Diensten zu sein.

Nun wurde er mit Leichtigkeit von den Jesuiten belauert, vom Grafen Schlick angegriffen. Der Mailänder Gouverneur erhielt mit einmal, wie er schon zögernd durch die Lombardei marschierte, die leidenschaftlich erregte Anweisung vom spanischen Geschäftsträger in Wien, seinen Weg so zu nehmen, wie ihm vom Grafen Schlick, als dem kaiserlichen Kriegsratpräsidenten, vorgeschrieben werde, insbesondere gute Verbindung mit dem stark gefährdeten bayrischen Kurfürsten zu suchen, auch jeglichen anderen Befehl abzuweisen. Große Beschleunigung der Reise wurde ihm ans Herz gelegt.

Die spanische Armee erklomm in wenigen Tagen das Vorgelände der Alpen, sie durchzog die Pässe bei strengem Frost; die angeworbenen Neapolitaner litten sehr. Nach drei Wochen hatten sie die Paßhöhen überwunden, stiegen nach Deutschland herunter.

* * * * *

Die schwarzrockigen Herren, die in den Kammern der Kaiserlichen Burg herumgingen und in deren Mündern die Namen Azorius Vitelleschi Bellarmin die entscheidenden waren, berieten viel über die äußerlichen Zeichen der Ketzerei. Ein Theologe namens Eymerckus hatte angegeben, bleiche Gesichtsfarbe kennzeichne den Ketzer, wilde Blicke den Zauberer. Man erwog die vorbildliche General- und Spezialinstruktion des bayrischen Kurfürsten für den Hexenprozeß: es dürfe keiner, der einmal bekannt hatte unter der Folter, zum Widerruf zugelassen werden; man fand nicht genug Worte für diese weise Verfügung. Denn wie sinnlos sei es, nachdem mit der Gewalt der Folter der Widerstand des Fleisches endlich überwunden sei, das besessene Fleisch mit dem Nachlaß des Drucks noch einmal reden und natürlich widerreden zu lassen. Wie würde der Teufel über solche Albernheit wiehern: das seien Kämpen, die ihm gegenüberstünden!

In ihrer Gesellschaft fanden sich jetzt mehr hohe Herren des Hofes; auch Eggenberg tastete um sie. Der alte Mann kam zu keinem Entschluß. Was der Graf Schlick berichtete aus Pilsen und Questenberg gezwungen bestätigte, stellte Habsburg vor eine gräßliche Aufgabe. Man hatte den Herzog zu Friedland großgezüchtet, hatte sich fast an ihm vergangen, als man ihm die übermenschlichen Vollmachten und Gewalten gab. Nun war die Krise da: die Ehrfurcht vor der Majestät hatte der Friedländer abgestreift, der Chronos sollte von seinen eigenen Kindern verschluckt werden. Müde war Eggenberg, viel grübelte er, dachte hoffnungslos an die Schreckenstage in Regensburg bei Wallensteins Absetzung. Damals war man mit Bangen und Zagen, er selbst fast verschlungen von Entsetzen, um das Schlimmste herumgekommen; Friedland hatte sich nicht gesträubt. Jetzt mußte man auch an dies heran. Müde war er; das bodenlos schwere Schicksal des Reiches, das immer erneute Heranrollen an den Abgrund ermattete ihn. Wie lange würde man sich hinschleppen. Hinter den Jesuvätern schlich er. Hier war Optimismus und Tatkraft; er wollte sich ein wenig von ihnen tragen lassen. Trautmannsdorf suchte er in seiner Unsicherheit mit sich zu ziehen. Sie verhandelten lange zusammen. Der verwachsene Graf erklärte; seitdem der Friedländer den neuen fürchterlichen Vertrag aufgestellt habe, wüßte man woran man mit ihm sei; jetzt käme unerbittlich die Krise. Eggenberg gestand: er hätte manchmal seit der Musterung des Heeres bei Rakonitz mit Wallenstein daran gedacht, aber er hätte auch gedacht, es käme vielleicht alles ganz anders; vielleicht stürbe Wallenstein, vielleicht stürbe er, Eggenberg, selber, und nun gibt das Geschick erbarmenlos nicht nach.

Wie sie auf den Grafen Schlick zu sprechen kamen, wurde Trautmannsdorf heftiger, man ließe dem Herrn zuviel freie Hand, er beneide den Herzog. Alles Reden brachte sie nicht darüber weg, daß man in einer Sackgasse war: der Herzog führte keinen Krieg, er kämpfte nicht, hatte Dinge vor, die man nicht übersah; unerträglich zog er den Krieg hin, statt den Feind zu schlagen, man konnte ihn nicht halten. Fast weinend gestand Trautmannsdorf, daß man ja selbst keine freie Hand mehr habe, seitdem der Bayer so gnadenlos im Stich gelassen worden sei, seitdem auch Spanien sich gegen Wallenstein ausgelassen habe. Und so suchten sie beide die Fußstapfen der Jesuiten und Schlicks, Eggenberg widerstrebend, der Bucklige mit heftigem Abscheu. Ihnen schauerte und sie konnten nicht los.

Sie bildeten mit dem kleinen Abt Anton eine Kommission, die in höchster Verschwiegenheit die Sache des Friedländers behandeln sollte. Sie fühlten sich so zerrissen, daß sie auch den Spanier Ognate hinzuzogen, gelegentlich auch Lamormain. Schlick schlossen sie aus. Es sollte und durfte nichts geschehen, setzten sie von vornherein dringend und mit aller Entschiedenheit und Angst fest, was sie nicht bestimmt und gebilligt hatten. Sie erklärten auch, daß Graf Schlick nicht autorisiert war bei seiner Reise nach Pilsen, Generalspersonen und Kriegsoffiziere wegen ihrer Anhänglichkeit an Friedland zu sondieren; der peinliche Beschluß Friedlands, die Obersten über kaiserliche Weisungen beraten zu lassen, könne dadurch provoziert sein. So schwankend sei die Lage, daß nichts Unvorsichtiges und Heftiges geschehen dürfe. Sie veranlaßten die Kriegskanzlei freundliche ehrerbietige Briefe nach Pilsen zu schicken; sogar der Kaiser, dem man damit noch eine Freude zu machen gedachte, wurde bewogen, als läge nichts vor, an seinen großen General zu schreiben. Ognate drang mit seiner Wildheit nicht durch; man horchte ihn nur aus, band ihn entsetzt fest an die Konferenzen.

Mit dem Baron Breuner pflog der kleine Abt Anton stille und leidenschaftliche Unterhaltungen, von denen er nichts in die Kommission zu tragen wagte. Die Schuldenlast des Erzhauses war unerhört gestiegen; mit gräßlicher Beredtheit wies Breuner, der nicht zur Schlickpartei gehörte, ein ruhiger edler Kavalier, darauf hin, daß ja die Einnahmequellen des Hauses von Wallenstein planmäßig verstopft würden; er brächte nichts mehr an Kontributionen wie früher ins Land hinein, aber lagere sich in Böhmen Mähren; man müsse Österreich schröpfen -- für ihn, für ihn; und dafür müsse man ihn angehen um der notwendigsten kaiserlichen Bedürfnisse willen. »Er hat uns beim Schopf,« winkte Breuner, »er ist kein Esel. Zu guter Letzt kann er uns wegwerfen wie nichts, so faul leer und leicht sind wir.« Anton, der keine Blumen bei sich hatte und dessen Finger die weichen Blüten vermißten, ging jammernd herum, zupfte an den Vorhängen des kleinen Zimmers. Was bliebe, höhnte Breuner, dann übrig, als daß man die Kronjuwelen eines Tages verpfände an ihn, die Erblande sind schon seine Sicherheit. »Ich wette, eines Tages zieht er an mit zehn zwölf Regimentern, verlangt Bezahlung, wenn wir ihm zu stark zusetzen.« »Ja, das ist es, man darf ihm nicht stark zusetzen. Wir wissen nicht, wohin wir ihn treiben können.« »Mehr als auf den Thron setzen kann er sich ja nicht.« »Mein Gott«, stöhnte Anton. »Mein Gott, Herr Abt; unser Herrgott verlangt Zugreifen. Wir müssen wissen, was unseres Amtes ist. Schrecklich, schrecklich sind wir im Sumpf, kaum ahnt es einer. Fürst Eggenberg will es nicht glauben. Ihr wißt es ja selbst. Bassewi war einmal unser Gehilfe. Jetzt hat ihn der Friedländer im Sack. Die Judenschaft läßt uns im Stich. Sie wollen dem Kaiser nichts geben. Wir können nicht weiter.« Anton stöhnte: »Wir haben nichts.«

»Was,« brüllte Breuner, »wir haben nichts? Der Herzog hat uns ausgeraubt. Wir sind betrogen und geplündert worden.« Anton rieb unglücklich die Handteller aneinander. »Jetzt -- in diesem Augenblick ist Habsburg wirklich besiegt.«

»Er hat uns im Sack. Er läuft uns nicht so davon;« Breuner knirschte und tippte den Abt auf die Brust, »er ist der ruchloseste schamloseste Mensch.« »Was wollt Ihr. Er ist in allem ein Unhold.«

Was sie tun sollten. -- Was sie tun sollten? Mit ihm? Niederschlagen. -- Geduldig, bettelte Abt Anton, der Herr Baron solle sich doch zusammennehmen, was käme bei solchem Schmähen heraus. -- »Ihr kennt mich als ruhigen Menschen. Ich hab' es mir lang überlegt. Wir sind in der Notwehr. Wir können uns nicht behaupten. Wir sind die Herren, er der Diener; das Wasser steht uns schon am Kinn. Sind wir darum das Haus Habsburg, daß wir uns von ihm wie von einem Strolch hinwerfen lassen und zum Schluß noch den Hals hinhalten.« »Habsburg hat Jahrhunderte durch geblüht. Es hat das Christentum verbreitet. Es ist undenkbar, daß es untergeht.« »Es wird nicht untergehen, Ehrwürden. Uns ist nicht mehr viel geblieben; wir sind aber nicht ganz waffenlos. Wir werden uns mit den Zähnen verteidigen.«

Anton: ob der so erregte Baron es nicht für möglich halte, daß der Herzog auf erstickende Machtmittel verzichtet; daß er vielleicht herausgebe, was ihm nicht zukomme. -- Dieser Dialekt ist dem Friedländer unbekannt. -- Aber er müsse es herausgeben; er müsse sehen, daß Habsburg und das Haus Friedland sich nicht darum zanken könnten, wie die Dinge einmal liegen; es sei ja Wahnsinn. -- Möge der Herr Abt hoffen; er, der Breuner, sage voraus: dieser böhmische Adlige pfiffe auf den Rang und die Jahrhunderte des Hauses Habsburg; und er hätte, im Vertrauen gesagt, Recht damit: denn man könne auf einen pfeifen, der einen leeren Säckel habe und den man über den Haufen schießen könne. »Euch fehlt der Mut im Hohen Rat, Herren; Ihr könnt auch schlecht sehen. Pappelt weiter, beratet, der Friedländer wird Euch gut bedienen. Verwehrt es andern nicht, daß sie das Haus Habsburg und die Heilige Kirche für mehr als eine Diskussionsangelegenheit halten. Es mag gegen ihn vorgegangen werden, wie er mit uns vorhat.«

Seufzend wankte der Abt ab. Tappelte später wieder zu Breuner, zaghaft und ängstlich-begierig wie Fürst Eggenberg zu den Jesuiten. Und immer kam Breuner darauf zurück, es bliebe nichts übrig; sie seien rettungslos verloren, und selbst wenn Wallenstein nichts verbräche, sie müßten seiner Herr werden und ihn hernehmen. »Wir können seiner nicht schonen; Ihr mögt ihn lieben wie Euer eigenes Kind; er muß ob heute oder morgen mit Hab und Gut daran glauben. Ihr müßt Euch entscheiden, Ihr seht doch alles klarer als der Fürst Eggenberg oder Trautmannsdorf oder der Pater Lamormain. Er tut uns den Gefallen, daß er selber die Frage aufwirft: Habsburg oder Friedland. Er wirft die Frage auf; doch. Aber, Ehrwürden, täte er es nicht, es hülfe uns nichts: wir müssen ihn fangen auf irgendeine Weise. Wir müssen ihm eine Falle stellen.« Entsetzt Anton: »Aber wenn der verdienstvolle Mann nichts verbricht?« »Wir müssen ihn reizen dazu; er muß ins Garn.«

Ein Jesuit orientierte den Baron Breuner: es sei unsinnig, Gleichheit vor dem Gesetz. Wenigstens vor dem moralischen Gesetz seien die Menschen keineswegs gleich. Es käme auf den Stand, die Person an. Unter Umständen könne ein Edelmann töten, vielleicht hätte ein Bürger dazu kein Recht. Eine edle Gesellschaft, die in Gefahr schwebe, kompromittiert zu werden, könne der Bloßstellung oder Beschimpfung durch Ermordung des Bösen zuvorkommen. Wer werde Hinterlist tadeln. Von einem sehr Starken von vorn angefallen zu werden, ist Tapferkeit; wenn aber ein Nichtstarker töten müsse, solle er darauf verzichten, weil er nicht von vorn angreifen kann? Etwa weil er dem Volke später nicht als tapfer, als Held erscheine? Welches Hängen und Kleben an Silben. Wer werde so billigen Urteilen nacheilen.

Schlick und die Jesuväter wurden durch Spione auf dem laufenden erhalten über das eigentümliche Konspirieren im Pilsener Lager, zuletzt über verstärkten Botenverkehr mit Sachsen. Der dicke breitnasige Italiener Pikkolomini, Wallensteins ehemaliger Leibgardenkapitän, zuletzt General der Kavallerie, ein schweißduftendes hitziges Tier, hielt sich in diesen Wintertagen in Wien auf, um mit Schlick über seine Beförderung Fühlung zu nehmen. Er bot sich bei einem Spazierritt um die Basteien, als Schlick auf die gespannten eigenartigen Verhältnisse hinwies, selbst zu Diensten an; dem Wallenstein trug er nach, daß er ihn dem dänischen Günstling, dem Holk, unterstellt hatte; Stimmen sprachen davon, daß Holk in Sachsen nicht ohne Mitwirkung dieses haarumwallten Herzogs von Amalfi umgekommen sei, und zwar durch ein bequemes Gift. Das trübäugige Untier, der schwere bigotte Schlick gab ihm im Morast des Unteren Wöhrd den Auftrag, die sächsische Korrespondenz des Friedländers zu überwachen und zu stören; es mußte auf alle erdenkliche Weise verhindert werden, daß Wallenstein Machtzuwachs erhielt; isoliert sollte er niedergedrückt werden. Schlick verbot dem General, bevor sie sich der Stadt näherten, mit irgend jemand am Hofe in Verbindung zu treten; es herrsche hier ein lauer unentschiedener Geist; durch die Lauheit sei das Übel erst gewachsen.

Der Italiener erhielt, bevor er abreiste, von dem einsilbigen Präsidenten des Hofkriegsrats das Dekret mit seiner Ernennung zum kaiserlichen Marschall in die fleischigen Hände gedrückt, dazu den Geheimbefehl bis zum verabredeten Augenblick Verschwiegenheit über die Ernennung zu bewahren. Schon nach fünf Tagen konnte der Italiener nach Wien melden, daß er durch eine kleine zuverlässige Schar seiner Landsleute zwei der sächsischen Kuriere habe meucheln lassen; es hätten sich bei ihnen Chiffrebriefe für den Grafen Trzka gefunden, die er mitschickte.

Mit Gewalt mußte Graf Schlick den Ansturm des spanischen Ognate und einiger jesuitischer Herren abweisen, die ihn zu sofortiger Niederwerfung Wallensteins drängten; er deutete ihnen die Schwierigkeit der Situation an. Man könnte nur Schritt für Schritt vorgehen, man riskiere, den Herzog vor der Welt als Märtyrer hinzustellen. Man müsse ihn bequem ganz herauskommen lassen, im Augenblick die Zeit zur Unterminierung seines Bodens ausnutzen.