Part 24
»Und wer ist schuld daran?« Trautmannsdorf zog brüsk die Arme vom Tisch, schrie: »Ihr. Er war nicht unser Feind. Ihr habt ihn dazu gemacht. -- Aber ich will davon nicht sprechen.« Er preßte sich erglühend in seinen Stuhl: »Wenn es wahr ist, daß der Papst diesen Bescheid dem ungarischen Primas gegeben hat, so wird man diesen Bescheid den geheimsten Geheimbüchern des Erzhauses einverleiben müssen. Man wird es nicht nur in die kaiserlichen Erinnerungsbücher für die Richtung der kommenden Politiker schreiben, sondern für jeden im Reich und außerhalb des Reichs, der Interesse am katholischen Glauben hat. Es ist unmöglich und zum Himmel schreiend, daß die grausige Not, vor der sich Bayern und Österreich, alle Königreiche und Erblande krümmen, blinde Augen beim Heiligen Vater findet. Er hat es abgelehnt, das in höchster Not schwebende und fast zu gänzlichem Untergang neigende Römische Reich aufzurichten. Er wird seine Schuld vor dem zu verantworten haben, dessen Stellvertreter er ist. Und nicht ist. Die Schuld liegt auch bei Euch, Fürst Eggenberg. Es war alles unnötig. Wir waren in Macht, wir saßen im Sattel, dann kam der böse Anzetteler, der treulose baumstarke Verderber des Reiches, der Bayer. Er hat die Kurfürsten gegen Habsburg aufgewiegelt; wir hätten stark bleiben können und sollen. Statt dessen hattet Ihr Furcht. Von Anbeginn. Ich sage Euch: Friedland war treu bis zu dem Augenblick in Memmingen, wo wir ihn fallen ließen und wo er sah: dem Kaiser liegt nichts an ihm. Er wurde nach solchen Diensten für uns wie ein räudiges Tier zur Tür hinausgestoßen. Kaum daß die Kaiserliche Majestät selber in ihrer persönlichen Liebe für den General ihn vor dem Äußersten bewahrte: vor der offenen Infamie, der Degradierung, Absprechung der Titel und Besitztümer. Warum? Die Herren wissen alle: um nichts. Wegen des alten Hasses des Bayern, der hinter Habsburg wie die Bremse ist und in den Wahnsinn stachelt. Was wäre geschehen? Fast wäre Deutschland ein Kaiserreich geworden. Nun sitzen wir da, winseln vor dem Papst, werden vor dem Herzog winseln. Jetzt hat er Rebellisches vor, ich zweifle nicht daran. Er macht sich unsere Not zunutze. Wär' er doch ein Seraph, wenn er's nicht täte. Er haßt uns alle, wie wir hier sitzen. Ich kann meine Liebe zu ihm nicht verbergen und ihm nur recht geben. Ich muß es tun. Ihr seid schuld, Fürst Eggenberg. Ihr habt einen Keil in uns getrieben und uns schwach gemacht. Ihr habt uns und dem Kaiser den Mut genommen, daß wir in Regensburg nicht sprechen konnten. Das Reich wird es Euch nie vergessen dürfen. In hundert und tausend Jahren nicht.«
Verzweifelt lächelnd blickte der kleine Fürst auf seine zitternden kalten Finger: »Wollt mir doch wenigstens das auch nicht vergessen, daß ich das Beste gewollt habe, daß wir alle doch schon so schwer gebüßt haben.« »Noch nicht genug. Der Schwede wird noch andere Register ziehen. Es ist soweit gekommen, Fürst Eggenberg, daß ich ein offenes Wort hier sprechen muß. Ihr hättet Euren Kopf dem Kaiser nach der Breitenfelder Schlacht anbieten müssen. Sie war das Resultat Eurer Politik. Ihr habt die Versöhnungstaktik dem Kaiser geraten. Habt Ihr das getan?«
Gedankenlos blöde lächelte ohne Aufblick der Fürst: »Liegt Euch soviel an meinem Kopf?«
»Habt Ihr ihn dem Kaiser angeboten?«
Der Fürst fahl, eingefallen, einen Moment die Augen beschattend: »Nun will ich Euch sagen, Trautmannsdorf, daß das, was Ihr mit mir tut, anfängt unertragbar zu werden. Was habt Ihr mit mir vor?«
»Sollen wir nicht das Recht haben, über Euch zu Gericht zu sitzen und seid Ihr hier nicht Rechenschaft schuldig?«
»Was ich getan habe, verantworte ich. Ihr seid in Eurer Liebe zu Wallenstein ohne Verstand.«
»Meine Liebe zu Wallenstein. Ich will nicht nur Rache nehmen dafür, daß ich gezwungen wurde, gegen ihn aufzutreten. Ich muß Protest erheben gegen die Verwüstung der stärksten Position in der Welt, die das Reich hatte. Friedland hätte das habsburgische Reich halten können. Nun ist er zunichte geworden, verschandelt, in einen gräßlichen Dämon verwandelt, vor dem wir zittern müssen. Aber eins gegen das andere: ist Wallenstein nichts und ist Habsburg nichts: ist es da recht, daß Ihr etwas seid, der beide zu nichts gemacht hat. Das sag' ich hier am Tisch: ich liebe Habsburg und hänge unserer Kaiserlichen Majestät an -- aber Ihr, Fürst Eggenberg, tätet gut, Euch jetzt und für alle Zukunft zu verstecken, weil Ihr und kein anderer schuld seid an diesem vermaledeiten Regensburger Tag.«
»Die Herren werden alle einsehen, daß diese Debatte nicht so fortgehen kann. Ich habe stets alles frei aufgenommen, was hier beraten wurde und dem Kaiser berichtet. Er kennt alle Standpunkte und Gesichtspunkte. Man hat es hier mehr auf meinen Kopf als auf etwas anderes abgesehen. Ich will Euch einladen, Graf Trautmannsdorf: kommt mit vor den Kaiser.«
»Wozu soll das? Der Kaiser ist jetzt machtlos.«
»Er ist Richter.«
»Was soll das?«
»Kommt mit. Ich bin Euch Genugtuung schuldig für Euren Wallenstein. Ich begehre es von Euch.«
»Was soll das?«
»Ich bin Euch wohlgesinnt. Ich versteh', was Ihr fühlt.«
* * * * *
Der Kaiser in dem menschenfließenden Abtstuhl: »Das ist wohl eine Art Gericht. Ihr seid der Ankläger und Fürst Eggenberg der Malefizer. Oder umgekehrt.«
Eggenberg: »Ich möchte wissen, was die Kaiserliche Majestät urteilt.«
»Was, Urteil, Eggenberg?«
»Ich habe viel gelitten unter den letzten Ereignissen. Majestät weiß davon. Aber die Dinge sind in der Tat so ungeheuerlich in ihren Folgen, Nebenumständen, können verhängnisvoll werden, daß ich mich nicht mit einer bloßen Besänftigung und Hinnahme begnügen kann, sondern rund um ein Urteil bitte. Ich habe alles verschuldet. Es muß mir abgenommen werden. Oder der Kopf, der die Erinnerung an das alles aufbewahrt, muß herunter.«
Der Kaiser: »Und dies scheint auch die Meinung unseres Trautmannsdorf zu sein?«
Trautmannsdorf: »Ich habe den Fürsten, meinen alten Freund, nicht hierher gezogen.«
Der Kaiser: »Jedenfalls -- steht es wahrhaft um uns so?«
Beide Herren sahen zu Boden.
»Und an dieser Lawine begehrt mein guter Eggenberg schon wiederum schuld zu sein? Regensburg, Abdankung des Generals. Schweden, Breitenfeld und so weiter?«
»Ich nehme die Abdankung des Generals auf meine Kappe.«
Der Kaiser sich hochstemmend schleifte herum um die grüne Marmorsäule: »Schon gut. Ich dachte es eigentlich anders.« Er legte die leichten Hände auf Eggenbergs Schulter mit dunklen Blicken leise redend: »Sprecht nicht von Regensburg. Laßt das. Ihr seid nicht daran schuld. Ich hab' mit Euch ja gar nicht darüber gesprochen. Da ist nichts von Schuld. Wollt das nicht bemäkeln.«
Eggenberg öffnete den Mund, der Kaiser fuhr fort: »Sprecht nicht. Es ist wie ich sage. Man soll an den Dingen nicht deuteln und sich nicht versündigen.« Streckte die Arme von sich breit nach beiden Seiten: »Frieden, ihr Herren.« Er ließ seine Arme sinken. Sah sein Spiegelbild über die Säule fließen. Ging gegen die hohe Tür; die beiden Herren betrachtete er; seine Miene nahm etwas Überdrüssiges, Feindseliges an. Das verließ ihn erst langsam, wie er wieder im Stuhl saß. Da lachte er in kleinen leisen Stößen, streckte die Arme von sich breit nach beiden Seiten: »Frieden, ihr Herren. Wir sind nur Werkzeuge, wer weiß in wessen Händen. Ich hoffe, in Gottes, Marias und der Heiligen.«
Die beiden Herren blickten aneinander vorbei.
Der Kaiser träumerisch herumwandernd, an den Puscheln seines Schlafrocks spielend: »Es nimmt alles so guten Verlauf. Wenn ich nur wüßte, wovon ihr redet.«
Eggenberg: »Der Schwede --«
Der Kaiser: »Ah der Schwede. Ihr werdet ihm, ich sagte es schon, den Wallenstein entgegensetzen müssen. Ich -- möchte diesen Wallenstein gern wieder sehen. Seht, wie gut, daß ich den Wallenstein nicht von mir reißen ließ. Das hab' ich gut gemacht, nicht wahr?«
Er dachte vor ihnen angestrengt nach: »Also, bringt ihn vor mich. Ich möchte ihn sehen.«
Als sich der Fürst und der höchst betretene Graf voneinander trennten, waren sie übereingekommen, sich umarmend, sich drückend und einander alles abbittend, angesichts der erschreckenden unfaßbaren Apathie des Kaisers sich nicht voneinander zu trennen und alle Entschlüsse gemeinsam zu fassen; für den Augenblick den, das Generalat Wallensteins zu erneuern, als Gegengewicht aber sich des Bayern und Spaniens zu versichern.
* * * * *
Die Ankündigung des Besuches Eggenbergs wirkte auf den Herzog, der in ruhelosem Konspirieren begriffen war, so erschreckend, daß er im Zimmer des Rittmeisters Neumann einen Nervenanfall erlitt. Er schluchzte eine halbe Stunde, auf dem Stuhl am geöffneten Fenster sitzend, nach dem öden Garten zu sitzend, hatte eine wachsfarbene schmale Nase, griff oft nach seiner Brust, war nach seinen leeren Blicken nicht ganz bei Besinnung. Nachher schmähte er noch schluchzend auf den Rittmeister, auf seine Ärzte. In seiner Schlafkammer saß er weitäugig, verstört, schlaffrückig neben Elisabeth, flüsterte: »Ich bin nicht mehr der alte, Elisabeth. Irgendwie bin ich wurmstichig. Irgendwie haben sie mich wurmstichig gemacht.« Und wütend aufstehend, brüllte er, fäusteschüttelnd, tierisch herumtrampelnd: »Sie haben mich wurmstichig gemacht. Sie haben mir die Federn ausgerissen. Das haben sie erreicht. Sie sollen es bezahlen. Wenn es im Himmel einen Gott gibt, wenn Maria die Mutter Gottes ist, wenn mich die Heiligen beschützen, bei meiner Seligkeit und Ehre, ich will ein Erztropf und Schindhund sein, wenn sie es mir nicht bezahlen mit allem, was sie haben. Daß sie die Hand Gottes rühre.« Vor dem Bildnis des Christophorus, der die Fluten überschreitet, stehend, schäumte er gierig unter Anschwellen der Venen an dem dürren glühen Hals, mit beiden Unterarmen gegen die Tapete trommelnd: »Galgenschelme, Galgenschelme.« Kreischte heiser. Elisabeth ließ ihn, weinend das Kinn auf die Brust legend, stehen.
Am späten Abend saß er nach Verabschiedung der Herren in seiner kleinen Gaststube mit ihr allein vor der unabgedeckten Tafel, lächelte plötzlich, sich zusammenziehend, grimmig haßvoll, mit glückstrunken funkelnden Augen: »Gott hat sie mir in die Hand gegeben. Ich werde sie wie einen Floh zwischen den Nägeln zerknacken.«
Sie drückte sich an ihn; sie konnte sich nicht erwehren, sie liebte ihn in seinem Unglück von Tag zu Tag mehr, schämte sich unklar ihrer Liebe.
Der Herzog ging an seinem spanischen Rohr dem Fürsten Eggenberg auf der gefrorenen Znaimer Landstraße einige hundert Schritt entgegen. Sie sprachen über ihr gemeinsames Podagra. Drin wurde der Herzog der Freude des Kaisers über seine alte unveränderte Anhänglichkeit versichert, Wallenstein bot, ohne sich zu binden, die Aufstellung einer Armee von vierzigtausend Mann an, die er allmählich auf hunderttausend bringen wolle. Aber er lehnte jede Abmachung über seinen Eintritt in das Generalat ab, klagte über seine Hinfälligkeit.
Und Eggenberg, der gefaßt die Verhandlung führte, mußte zugeben, wie er den langen gelben Mann hohläugig vor sich im überweiten Lederkoller fuchteln und stöhnen sah, daß es gut sei, mit solchem Mann nicht gar zu lange Verträge zu machen. Und in Eggenbergs Seele kam ein leichtes unsicheres Staunen und wehe Müdigkeit, wie sonderbar unerwartet sich die Dinge gestalteten. »Wir müssen alle sterben«, seufzte Eggenberg, über sich sinkend. Der Herzog zog, den Kopf zurückbiegend, spöttisch die Mundwinkel herunter, ließ von oben einen lauernden freudigen Blick über den andern spielen.
Man wollte am Hof wissen, welche Forderungen der Herzog gestellt habe. Der alte Fürst gab schwermütig von sich, sie sollten sich erst den Herzog ansehen, er werde bald kommen.
Und nach Wien eingeladen kam der Herzog. Nicht wie beim Antritt des ersten Generalats, mit zwanzig Karossen; versilberte Partisanen der Vorreiter, Zaumzeug und Schabracken, wie der Kaiser sie führte, Lakaien und Pagen in feinsten französischen Stoffen, eine halbe kriegsstarke Kompagnie voraus, eine halbe hinterher.
Sondern geräuschlos mit zwanzig Mann Bedeckung und drei Leibwagen. Er führte auf der eisigen Stiege seines Znaimer Häuschens noch ein murmelndes Gespräch mit dem heißblütigen jungen Sesima Raschin und seinem Trzka. Keinen Augenblick sollten sie sich durch die Änderung in seiner Stellung zum Kaiser in ihren Aufgaben stören lassen; jede erreichbare Bindung an den Schweden und den Sachsen für ihn erstreben. Es solle alles so weitergeführt werden, als geschehe nichts. Gab keine schriftlichen Vollmachten von sich; er mache sich nicht, räusperte er sich aus dem Fenster des Wagens heraus, bevor er die Decke vorzog, zum Sklaven des Kursachsen oder Gustafs. Sie begriffen, der Herzog, der langsam auf der Landstraße fuhr, hatte etwas Besonderes mit dem Kaiser vor.
In dem schneidend klaren Januarlicht stellte sich der Böhme, am Stock herangeschleift, hoch und mager vor dem Kaiser auf, der ihm selbst einen Sessel heranrückte.
Beide fanden in der gräßlichen Deutlichkeit des Tages, daß der Tod den andern an Auge, Nase, Mund, ja an den Händen gezeichnet habe. Beide wußten es nur von dem andern.
Ferdinand las in seiner Verwirrung dem Herzog einen Brief der Mantuanerin vor, den er eben erhalten hatte aus Schönbrunn, worin sie ihre baldige Rückkehr nach Wien anzeigte. Währenddessen und nach den ersten heiseren Worten des Herzogs veränderte sich dessen Bild vor ihm und in ihm tauchte wieder auf der unersättliche regsame Lindwurm, der kriechende langschweifige tausendfüßige Leib. Den hatte er einmal gefürchtet. Nun war es klar. Es sollte wieder etwas wie Krieg geben; er mußte sich einen Augenblick wirklich besinnen, gegen wen; dachte im ersten Moment an den Bayern. Also jetzt ist der Schwede an der Reihe. Dieser Herzog hat es auf den abgesehen. Er wird ihn wahrscheinlich besiegen. Vielleicht wird ihn auch gelegentlich der Schwede besiegen; diese Dinge sind unübersehbar. Eine sonderbare Sache.
Der Herzog sprach von den schon getroffenen Maßnahmen zur Aufstellung eines Heeres, und daß in der Tat der Schwede und Kursachse alle Vorteile haben. Heiser schrie er; wie seine böhmischen Augen dabei feucht schillerten.
Man braucht solche Menschen hier. Sache des Kaisers ist es sie zu belohnen. Sie hungern zu lassen und zu füttern, je nach den Umständen, um sie desto willfähriger zu haben. Das ist das Geschäft des Kaisers. Die Aufgabe der Krone. Es ist in allen Ländern so. Man verliert die Krone ohne dies Spiel. Man sollte vielleicht diese Menschen auf den Thron lassen, das wäre wohl das Richtigste, das Glatteste.
Als sie ihr Gegenüber beendet hatten, ließ der Kaiser, ohne den Platz zu wechseln, stumm den Fürsten Eggenberg kommen, fragte ihn, was er nun zu tun hätte. Plötzlich war es dem Kaiser geworden, als ob er die Balance verlor, schwindlig wurde und in einer kichernden bewußtlosen Freude nicht wußte, was heute war, was morgen sein wird, in welchen Zimmern er ging, in wessen Zimmern er ging. Ja, das große Geheimnis, das ihn tief beglückte, wollte er dem Fürsten Eggenberg nicht verraten, vielleicht aber der Mantuanerin, die bald kommen mußte: daß er manchmal nicht wußte, in wessen Kleidern er hier herumging, er auf zwei hebenden fühlenden Beinen, mit einem beweglichen Kopf; daß ihn die Unterschriften tief fesselten, die seine eigenen Hände zogen; manu proprio hieß es, mit eigener Hand. Sieh da, sieh da, der Ferdinand.
Und Eggenberg wurde von ihm umarmt, Ferdinand scherzte mit ihm, daß er sich von Trautmannsdorf nicht habe in den Tod jagen lassen. Nun werde er wohl auch wissen, was mit dem Herzog zu geschehen habe, wie man ihn belohnen und abfinden müsse; nun sei doch der Geheime Rat ganz beruhigt. Friedland sei bei ihnen, der Schwede werde bald nicht mehr auf der Landkarte zu finden sein.
Der Fürst kniff schwermütig die Augen zu; ob man den Herzog werde abfinden können, wisse keiner, er schwiege sich aus. Man wisse nicht, womit nach der Aufstellung der Armeen der Herzog kommen werde; nicht viel geben, nicht viel geben sei der gemeinsame Wunsch aller Herren. Auf seiner Schreibtafel stand, als er sich verabschiedete, die Bestätigung des Herzogs als Reichsfürsten zu Mecklenburg, ein Geschenk des Kaisers von vierhunderttausend Reichstalern, soviel der Friedländer noch für gekaufte Güter der böhmischen Kammer schuldete; man gedachte ihm schließlich pfandweise für die Auslagen das schlesische Herzogtum Großglogau zu überlassen.
Als am folgenden Nachmittag die Mantuanerin den Kaiser nicht aufgesucht hatte, obwohl ihre Ankunft am letzten Abend gemeldet war, ließ sich der Kaiser zu ihr hinüberfahren. Sie war nicht in ihren Zimmern, nicht auf den Höfen, nicht in den Gärten. Mit ihrem Fräulein Kollonits war sie vor kurzem, hieß es bei der Wache, zu Fuß, tief verschleiert zur Burg hinausgegangen. Daß ihn solche Sehnsucht nach ihr erfaßte. In einer herzlichen Trauer lag er allein eine halbe Stunde in seiner Kammer, ließ sich dann umziehen mit brauner Kniehose, glatter Jacke, weiter loser Hose, wie ein gewöhnlicher Mann, ein Handwerker, ein Bieranstecher; farbige Strümpfe und fliegende Bänder trug er, eine braune niedrige Kappe stülpte er sich gedankenlos auf; der Leibkammerdiener folgte ihm nach wenigen Minuten, hinterher in zwanzig Schritt Entfernung wie eine Magistratsperson wandernd mit kleinem Degen, in einem hohen braunen Filzhut; der einfache Anzug gelb, die mageren Waden in roten Strümpfen.
Der Handwerker, eine Weide in der Hand, irrte erst vor der Burg hin und her, schritt am Zeughaus vorbei, an der niederösterreichischen Kanzlei, kehrte wieder um. Es war ein regnerisches Wetter, der Kot lag hoch, es war neblig, bald mußte es dunkel werden.
Wie Ferdinand das schwerfällige Gebäude der Minoriten passierte, sah er jemand laufen. Und eine unerklärliche Bewegung zwang ihn zu folgen. Sie bog in Gäßchen auf Gäßchen ein, blieb in Torwegen stehen, nestelte an sich. Durch den Kohlenmarkt zum Graben. Zurück; man ging, durch Sänften und Karren getrennt, über eine lange schmale Holzbrücke. Eine Scheu bedrückte ihn, sie könnte eine Dirne sein; er zögerte. Die Kirchtürme von Sankt Niklas. Da ging sie in das kleine Schwesternhäuschen neben der Kirche. Die Türe fiel zu. Er stand draußen. »Wie sonderbar, daß ich hier stehe. Und daß ich nicht weggehe.« Er hob den Klöppel der Glocke, fragte, wer eben gekommen sei; ein Mädchen hatte geöffnet; man schrie entfernt: »Man hat geschickt.«
Über den dunklen Gang lief etwas an, sah ihm ins Gesicht, stand zitternd da. »Was ich will? Eleonore, ich weiß selbst nicht, was ich will. Ich weiß nur, ich möchte mit dir gehen.«
»Siehst du. Jetzt holst du mich. Jetzt bereust du deinen Starrsinn.« Er hing an ihrem Arm, sie wickelte den Schleier um den Hals. »Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Eleonore. Wir wollen davon nicht reden. Es ist weiter nichts, als daß ich gern mit dir gehe.«
Über die Brücke. »Versprich mir. Ich will nichts von Mantua reden und nichts von dir. Versprich mir, du wirst den Teufel von Herzog nicht wieder holen.« »Sprich weiter.« »Wenn du ihn brauchst, wirst du ihn zwingen, Ferdinand. Du mußt ihn wie einen Knecht, einen schlechten Demütigen, in der Hand haben, dem man nicht traut.« »Sprich nur weiter.« »Machst du dich lustig über mich?« »Nein, ich gehe gern mit dir.«
Stumm kamen sie vor die Burg. Im Regen gingen sie durch eine Seitentür, die ihnen der Diener aufschloß. »Komm zu mir, Eleonore.« »Weiter nichts?« Sie weinte.
Er leise: »Eleonore. Ich weiß selbst nicht, was ist. An mich kommt nichts heran. Alles beglückt mich. Deine Stimme beglückt mich, dein Weinen beglückt mich, dein Klagen beglückt mich. Als wenn ich um mich eine Schale zugemacht hätte.«
Sie weinte weiter. Er: »Könnte ich dich nicht auch erfreuen?«
* * * * *
Vom Main her südwärts schwoll verendend die Armee des unglücklichen Grafen Tilly.
Mit dem Rest seiner Truppen, zwölftausend Mann, dazu achttausend gepreßten Bauern, griff er in der Schärfe des Winters den schwedischen General Horn an, trieb ihn in die Stadt Bamberg hinein. Drin ließ er die Schweden bis auf den flüchtigen Rest massakrieren.
Da hatte sich der mordgewaffnete König schon aus seinem Mainzer Lager erhoben, ließ den Rhein los. Hinter ihm blieben ein junger Herzog Bernhard von Weimar und der Pfalzgraf von Birkenfeld.
Und wie der Schwede anschnob, wich Tilly erzitternd aus Bamberg, wich die geschwollene Regnitz entlang, durch das Ansbachische, an Nördlingen vorbei auf Donauwörth. Wollte sich hinter die Donau verstecken.
Der Tritt des Schwedenkönigs tapprig schwer hinter ihm, langsam. Rechts schlürfte er, links fraß er; er kaute, spie, schnüffelte. Er legte sich über Nürnberg; der Hohe Rat wischte eingezogenen Schweifs zu ihm heraus vor das Tor, goldene Trinkgefäße auf den kalten Händen tragend. Sie kreischten und pfiffen: »Der Makkabäer!« »Gideon!« »Josua.« Er rollte die Augen und ließ es sich, da es ihn kitzelte, wohlgefallen.
»Es war ein schöner Winter dies Jahr,« gönnte er den Ratsherren, »gebe Gott, daß auch der Sommer gut wird. Ich predige euch das Evangelium auf eine Weise, wie ihr nicht wieder hören werdet.« Er setzte die Beine vorwärts, Staub und Dampf von sich gebend: »Seid fromm, daß Gott weiter hilft.« Hinter sich ließ er die Besatzung. Hunderttausend Taler stopften sie ihm bei, wie er wanderte.
In Donauwörth konnte Tilly nicht bleiben; der Kurfürst warf Boten nach Boten gegen ihn: wie weit er denn fliehen wolle, wie weit noch München entfernt sei. »Ich will schon nicht mehr fliehen, als ich muß,« knirschte die Augen verdrehend der kleine General, das Papier in den Händen zerreibend, »ich will mich schon stellen. Nur Ruhe, Ruhe.«
Aber der Schwede plumpte, murrte, knurrte, trampste näher. »Ich will stehenbleiben.« Und zitternd in einem unsäglichen Hinschmelzen gab er schon wieder den Befehl nach rückwärts. Hinter die Donau, über die Lechbrücken. Schwindlig, den Mund weit offen, stand er da auf den Stoppelfeldern, Bayern lag in seinem Rücken. Schwindlig mit verwehenden Gedanken sagte er, lächelte er, die Zähne kaum entblößend, zu seinen Offizieren: »Wir werden hier nicht weggehen. Der Schwede kommt heran. Wir werden Bayern schützen.«
Es wurde befohlen, auf Ingolstadt Truppen zur Verteidigung zu werfen, die Zugangsstraßen von Augsburg und Ingolstadt mit vierzehn Kompagnien zu sperren. Dann lagerte das Heer sich hinter dem Lech in einem dichten Wald. Und wie Tilly das rückwärtige Terrain besichtigte, stoben Alarmreiter an, Alarmreiter, Alarmreiter. Flüchtende Bauern. Flüchtende Bauern. Auf Wagenreihen Dörfer, Dörfer, ganze Dörfer. Als hätte der Schwede sie entwurzelt, warf sie ein Orkan mit Sack und Pack vor sich. Tag und Nacht, Tag und Nacht. Es regnete Städte.
Der geborstene Tilly hielt sich steif. Lief, ein schallendes Knochengestell, flach mit Muskeln Sehnen Nerven gepolstert; der Bauch, die Brust, der Schädel breit geöffnet. Hervorquoll seine blutbegossene Seele selbst. Geschrei, Kreischen, Brüllen, Knirschen, Knurren, dünnes Piepsen umging ihn. Seine Gedanken schlugen wie überlange nasse Haare über sein Gesicht, über Stirn und Augen, blendeten ihn.
Er lächelte süß, in bewußtloser Hingerissenheit, hin und her dunkel flutender, sich hebender Verzweiflung. Er betete und erreichte sich nicht. Er war ein Mensch, den man mit Pech bestreicht und in Federn wälzt; ganz hinter seinen Taten verschwunden. Keine Gedanken an Wallenstein hatte er mehr. Er suchte zu umdenken sein Leben, seine Oberkommandantin Maria, mit der er jeden Tag seines Lebens angefangen hatte; knickte zusammen. »Ich bin ein frommer Katholik gewesen all meine Zeit«, winselte er vor seinem Feldkaplan, der verwundert vor ihm stand, ihm tönend zusprach.
Als die ersten Kanonenschüsse fielen, sauste er auf den Feldern herum, suchte von irgendwoher zu hören, ob er sich nicht noch auf Ingolstadt zurückziehen sollte. Fürchtete sich, fürchtete sich: begriff mit einmal, daß er sich fürchtete. »Ich bin ein alter Mann, habe keine Messe versäumt«, zuckte es staunend in ihm.