Wallenstein. 2 (of 2)

Part 20

Chapter 203,617 wordsPublic domain

»Majestät, wir wissen nicht, wie wir uns unserer eigenen Haut wehren. Der König aus Schweden rückt mit einer so furchtbaren Macht heran; die Kurfürstliche Gnaden von Sachsen hat sich ihm angeschlossen. Tillys und unsere eigenen Truppen sind auf der Flucht.«

»Bewahre Gott, lieber Eggenberg, Ihr wäret jetzt auf meinem Platz. So wäre das Erzhaus verloren. Seid doch wieder munter; listenreicher Odysseus. Wie seid Ihr gedrückt, Eggenberg. Warum?«

Der bewegte seine zittrigen Arme nach vorne, ließ sie fallen; freundlich winkte der Kaiser ab, sich die Augen bedeckend: »Laßt, lieber Freund. Was ist die Lage leicht für uns. Friedland ist als Freund von uns geschieden. Die Fürsten werden ihren Widerspruch gegen ihn aufgeben. Wir können uns alle auf ihn verlassen, er war schon schwereren Lagen als jetzt gewachsen.«

Und so, leicht und beruhigend sprach der Kaiser, der sich wohlig schwer zurücklegte, daß Eggenberg den Eindruck hatte, die Sache ginge ihm nicht nah, ginge ihn nichts an. Mit weißlichhellen Augen blickte Ferdinand leicht zerstreut auf den kleinen Geheimrat, in den Raum hinein, seitlich auf die bernsteinbesetzten Fächer seines Schreibkabinetts.

Ferdinand brachte seine irrenden Blicke einen Augenblick zur Ruhe, heftete sie weich auf das ängstliche fragende Geschöpf, das ihn liebte: »Eggenberg, treuer Eggenberg, was seid Ihr verstört. Hat Euch der Regenspurger solche Furcht gemacht. Geht hin zum Friedländer. Er ist unser Schwert. Nehmt es nur wieder.« Vergnügt fuhr er fort: »Ich weiß zwar nicht, ob er jetzt zarter zugreift als die vergangenen Jahre. Auch wird er sich einen guten Lohn im Reich holen. Dafür ist er unser alter werter Friedländer. Holt ihn nur. Er soll wieder kommen. Er wird sich freuen, daß es ohne ihn nicht gegangen ist.«

Und als der alte Mann sich verneigte, verabschiedete er ihn zwischen Summen und Pfeifen, sich tiefer zwischen die faltenwerfenden Männer, die betenden Frauen, singenden Mädchen drängend.

Ohne Mantel Hut Wehrgehenk kam abends Ferdinand der Mantuanerin an der Tür seiner Antikamera entgegen; man schloß die Türen. Eleonore raffte ihr goldfarbenes Kleid vorn, drückte ihn, auf ihn rauschend, auf die Fensterbank, drückte auf seine Schultern mit den Füßen, das Gesicht an seine stopplige Wange reibend: »Tu mir das nicht an. Nimm ihn nicht. Ich will es nicht haben.« Dann: »Willst du mich ermorden, nimm ihn. Was hast du es auf mich abgesehen?« Dann: »Ich laß es nicht zu. Niemals, niemals. Und wenn ich dich wieder und ganz verlassen sollte.« Das Gesicht von ihm entfernend, ihn anstierend: »Mann, du, wer bist du, daß du das alles anhörst. Daß du hier so sitzt. Vor mir. Nein, ich laß es nicht zu. Ich siedle mich auf den Trümmern von Mantua an. Bei den Ursulinerinnen, und zeige der Welt: so geht es einem Weib, einer Ehefrau, der angetrauten Frau des deutschen Kaisers.« Er ließ sie gewähren, zog sie an der Hüfte neben sich, an ihrer langen Perlenkette spielten seine Finger, leise begütigte er: »Du warst schon in Regensburg so wild. Ich muß überall herumgehen und trösten. Ich hatte noch nie soviel gutzumachen und zu besänftigen wie jetzt. Eben erst unseren guten Eggenberg.« Und er ging zum Nachtmahl. Sie begleitete ihn nicht.

Hinterher schmauste und pokulierte er im langen spanischen Saal, wo die ganze Wand quadratisch gefeldert war und aus jedem Holzquadrat ein Fürstenbildnis des Pietro Rosa aus Brescia herblickte. Sechzig Fürsten blickten in der Runde, wie Ferdinand, zwischen seinen lustigen Kämmerern, Offizieren, Gästen Bären Tannenzapfen, Windmühlen Lastwagen Schiffe als Trinkgeschirre vor sich anfahren ließ und sie im Kreise fuhren; wie man Hund und Katze zusammen ans Bein eines fetten Schweins band, das der Kaiser mit seinem goldenen Degen durch den Raum jagte. Ein Affe, brauner kurzschwänziger, saß in der Mitte der Tafel, trank in Kannen, stieß sie im Sprung um. Der Kaiser war alle Abende von gleichmäßiger unbeweglicher Heiterkeit.

* * * * *

An Maximilians Hofe hielt man ein kleines mißwachsenes menschliches Geschöpf als Narren, ein Wesen von einer unglaublichen Gefräßigkeit. Meist lungerte er um die Küchen Keller Tafeln Bankette, -- wie er sagte, den Mist prüfen, auf dem sein Spargel wuchs. Er verabscheute ehrlich die Fresser und Saufer, sie hatten mit ihm nichts zu tun. Bäuche von Schweinen, Kälberknorpel, der schön gedämpfte und gepfefferte Rindermagen bedeutete ihm mehr als Leibesfüllung. Wie ein Pferd beim Klingen der Musik ins Tänzeln gerät, so bewegte sich sein schlaffaltiges blaurotes altes Gesicht, sein Herz belebte sich, seine Hände griffen zum Gabelrapier, wenn die würzigen Gerüche in sein Näslein zogen.

Er ging den Speisen wie ein Kämpfer entgegen. Mit seiner Beute hockte er sich beiseite hin, hielt sie wie einen noch nicht bezwungenen Widersacher unter sich. Er liebte es, daß man ihn allein ließ, ihm nicht zusah. Knurrte wie ein Hund beim Essen. Lang ließ er die dicke wulstige Zunge über die Zähne hängen, die Hände hoben die Speise, der Mund schnappte ihr entgegen. Wenn die Vertilgung der Speisen vor sich ging, die Soßen wie Blut aus den Mundwinkeln rannen, fing das Schnalzen Schmatzen Knacken Knuspern Reißen Schlürfen Knirschen an. Hier wurde nicht gefressen und geschlungen, sondern völlig vernichtet und restlos einverleibt. Und dies war der Vorgang, der ihn berauschte. Er konnte es nicht unterlassen, wüste Bemerkungen dabei auszustoßen, obwohl er bisweilen halbtot dafür geschlagen wurde; er lästerte von dem neuen besseren Meßopfer, das er vollzog, jetzt werde er Kalb mit dem Kalb, Schwein mit dem Schwein, Fisch, Kapaun. Er vollziehe das Meßopfer nicht zum Himmel herauf, sondern nach unten herunter. Rachedürstige Äußerungen stieß er aus, ihnen die frommen Gedanken zu besudeln, widerstandlos von der Inbrunst des Wütens und Wühlens geschleudert. Und so empfing er bisweilen, wenn er böse gelaunt war, irgendwelchen Edlen vor der Kirche oder der Neuen Kapelle, würdevoll gespreizt einen Rinderknochen mit einem Fähnlein auf seinem Spieß vor ihnen tragend, wie ein Chorknabe Räucherbecken oder Kruzifix, keifend, näselnd: »Auf zum Gebet vor dem Rehbraten. Auf zum Speikübel und Nachttopf. Auf, meine lieben Herren, lasset nicht nach, nicht nach im Eifer. Gehet in euch!«

An diesen Tagen waren die Herren und Damen an der Tafel sehr empfindlich gegen Lärm, man mochte ihn nicht hören. Der Zwerg wurde unter dem Tisch aus seinem Winkel hervorgezogen; wie schlaftrunken hing er, kauend speichelnd stöhnend knurrend, in den Händen der Pagen, die ihn schüttelten. Er schlug um sich, wußte, daß er nicht wie ein Hund knacken und knirschen sollte. Gestäupt und wieder eingelassen schleppte sich das gebückte klingelnde Mißgeschöpf an den Tafeln entlang in seine Ecke, bald schweigend in Wut, bald die Tische mit einem Wust von Giftigkeiten überquasend, ruckweise anhaltend, unter seinem Asthma keuchend, beschämend mit Zoten und Unflat die jungen Hansen und Pagen, die wartenden Kämmerer.

»Er tut es gern, das Knirschen, er tut es gern,« schrie triumphierend der jesuitische Beichtvater, nach hinten blickend auf ihn, wie er vorbeigetrieben wurde. Mit Abscheu sah der Zwerg, wie die Herren vor den vollen Schüsseln speisten, sanft gedankenlos die erlesenen Gerichte in die Münder steckten, sich leise unterhielten, der Musik lauschten. Der Verrat an den Speisen; die Lumpen vor diesem Braten. Er taumelte vor die Tür. Der seidenbehängte Oberstkämmerer wandte sich angewidert über seinen Teller.

In den Grottenhof der Residenz wurde am Nachmittag der Zwerg geführt. Da ging eben hinaus der alte langbärtige Angermeyer, Elfenbeinschreiner, traurigen Gesichts; einen ganzen Tisch mit Elfenbeinmustern trugen ihm zwei Gehilfen nach. Zwischen ausgebreiteten Kartons und Wandteppichen stand inmitten des blumigen Hofes der üppige schwarzlockige Hans von der Biest, Maler; Maximilian hörte ihm nicht zu. Neben dem Kurfürsten, der im knappen spanischen Kostüm am Springbrunnbecken saß, stützte sich der junge Kuttner, der Rat, auf den silbernen Kavalierdegen, sein Gesicht zuckte. »Ich will mich ekeln«, spielte Maximilian mit dem Messer; der Maler zog sich auf Kuttners Handbewegungen unter stolzen Verbeugungen zurück.

»Kuttner, der Arzt hat mir befohlen, ich soll mich ekeln. Das helfe mir am raschsten.« »Ich weiß, Kurfürstliche Gnaden. Das ist der Narr.« »Fang an«, stieß Maximilian hervor. »Was soll ich?« schrie der angetriebene Narr bleich. »Fang an, Bärenhäuter.« »Was soll ich anfangen?« »Willst du anfangen, Schelm!« »Was schimpft Ihr mich Schelm, Schuft, Bärenhäuter. Reißt doch Euer Maul selbst auf und sagt was Ihr wollt.« Müd drehte Maximilian den Kopf zur Seite leise: »Sprecht Ihr mit ihm, Kuttner. Macht es kurz.« Kuttner, der feine junge Mensch, stolz, französisch, elegant, ging, den Degen in der Hand, auf den Narren mit den weiten Nasenlöchern los, wispernd: »Mach' deine Späße, Hund; du weißt, wozu du da bist.« »Der Hund, wozu der da ist? Zum Fressen, du geleckter Welsche.« »Du, du bist Narr, weißt nicht, was du zu tun hast.« Kuttner schwenkte zornig die Klinge; er kam aus Paris, lebte wenig am Hof, wußte nicht, was die Künste des Geschöpfes waren. Der Kurfürst blickte beiden stier und erbittert zu; so apathisch war er, daß er nicht imstande war zu sprechen: »Fang an, fängst du an!«

Von der Terrasse stieg ein zahmer Storch mit seinen hohen roten Stelzen feierlich näher, von Zeit zu Zeit wuchtig in den sumpfigen Boden hackend; er ging dem Wasserlauf nach, der zu dem Springbrunnen führte. Kuttner begann in seiner Ohnmacht den Zwerg mit der flachen Klinge zu prügeln. Maximilian, die Fäuste ballend, verfolgte die Szene. Der Zwerg sprang erbost unter dem Hageln der Hiebe herum. »Friß. Er soll fressen«, schrie Maximilian. Der Zwerg machte sich heulend los: »Was soll ich fressen? Was soll ich fressen? Bringt mich nicht um.« Unter den steifen Blicken Maximilians, den in den Sand spritzenden Schlägen Kuttners stürzte er sich kreischend, verzweifelt die Arme aufwerfend, in den Saal vor dem Becken.

Und da kam mit gravitätischem Schritt der langbeinige Schnabelträger her. Wie der Zwerg das Geräusch hörte, zuckte er zusammen. In Todesangst kroch er hoch und nun warf er sich auf den Storch. Er war nicht höher als die Beine des Vogels waren. Mit den Armen packte er nach der Brust des Tiers, das krächzend flügelschlagend zurückwich, sich schüttelte, sogleich gegen das kleine Wesen losging. Es hieb wie ein Drescher mit dem Schnabel auf den Zwerg herunter, der ungeschützt einen Hieb dicht unter dem Hals empfing. Seine Kappe zerriß, er knickte auf die Knie; schien aber sonst nichts zu bemerken. Nur auf die federbesetzte Brust des großen Vogels starrte er, schon hing er mit beiden umschlingenden Armen an seinem Hals, der sich wand, drehte, sich zu entziehen versuchte. Seine Beine zappelten unten, das starke Tier stand krächzend krächzend einen Augenblick, bis es vornüber sank. Der Narr wälzte sich mit dem Storch im Sand. Sein Gesicht war nicht zu sehen, es war in die Brust des schreienden fast menschlich kreischenden Tieres vergraben. Er spie Federn, kaute und biß an der zähen Haut, dem krampfhaft zuckenden Fleisch; sein eigenes Blut lief unter ihn; das Tierblut leckte und schlürfte er. Und nun, noch eben in der Angst der Degenhiebe, vergaß er, wer hinter ihm stand, wer auf dem Stuhl sitzend vornübergebeugt mit langgezogenem Gesicht ihm zusah; er fing an seine Kiefern zu bewegen und erst mit Widerwillen, dann mit wilder Besessenheit zu fressen, zu vernichten, das zuckende schreiende Tier zu vernichten. Der Storch auf der Seite liegend suchte wie ein gefallenes Pferd den Hals reckend mit den Beinen ausschlagend hochzukommen. Das schwere Gewicht des malmenden Zwerges zerrte ihn herunter. Wie der Vogel einen hellen durchdringenden Trompetenschrei ausstieß, verlangte der Kurfürst, daß Kuttner, der seitwärts schielend dastand, mit seinem Degen spielte, den Zwerg abrisse. Kuttner bückte sich herangehend, packte den Zwerg am Rücken. Der verbissen ließ das Tier nicht los. Als Kuttner ruckartig an dem Geschöpf zog, ließ der Zwerg die Arme vom Hals des Tieres los, aber in gräßlicher Weise hing er mit dem Gesicht wie verwachsen im roten klebrigen Sudel an der Brust des Vogels; rechts und links lief und spritzte hellrotes Blut den Boden. Mit einem Fluch klemmte der Kavalier seinen Degen zwischen die Beine, laut hörbar wurde das brünstige Mahlen, Knurren, Schlürfen, Schlucken des Zwerges, der mit den Armen wieder versuchte, nach dem Hals des Vogels zu hangeln; der Storch hielt den Hals senkrecht über ihn, entsetzliche Hiebe mit dem Schnabel fuhren blitzschnell auf die Waden und Rücken des Mörders, dazwischen die schrecklichen hohen Schreie. Kuttner griff zu, die Beine des Menschen packte er, ein Zug, er schwang den Zwerg um sich, ließ ihn ins Beet absausen. Der Vogel schwankte mitgerissen, krächzte, stand im Augenblick auf den Beinen, von oben troff das Blut, flügelschlagend macht er kehrt, taumelte davon. Aus dem Blut kam der grauenvoll beschmierte Zwergenkopf hervor; Wutgeheul, Tränen. Der Kurfürst ging rasch an ihm vorbei; er nahm Kuttners Degen, stieg ausspeiend auf das Beet zurück, spießte senkrecht von oben stechend den anstrebenden Zwerg mit dem rechten Oberschenkel am Boden an.

In der Kunstkammer vor einer kostbaren Truhe, Stuckrelief mit keulenschwingenden Kentauren, die vergeblich andrangen gegen die sanfte Menschengruppe der Gerechtigkeit Weisheit Stärke Mäßigkeit, standen sich Maximilian und Kuttner im Halbdunkel eines Pfeilers gegenüber. Maximilian hieß ihn sich seinen Degen holen; der Zwerg zeterte noch. Als Kuttner mit der blutigen Klinge wiederkehrte, saß der Kurfürst nahe einem Fenster. Sie hörten dem sich entfernenden Gejammer zu. In der Stille schüttelte sich der auf der Truhe, Maximilian: »So sollte mein Arzt schreien.« Stieß ein hitziges Lachen aus, seine Augen blitzten erregt. »Wißt Ihr, Kuttner, was heute für ein Tag ist?« »Michaelstag, Durchlaucht.« »Sankt Michael. Das ist der Schirmherr der Deutschen. Wir haben eben gut gekämpft; er wird uns loben.« Maximilian lachte sanfter und erschöpft. Kuttner bog seinen frauenhaften weichen Leib vor, hob die langfingrigen Hände vor die spitzenbesetzte Brust: »Der Narr war ein Vieh, Euer Durchlaucht. Wo gibt es so etwas in der Welt.« »Wir haben beide tapfer gefochten. Sankt Michael hat im Lande Moab dem Satan die Leiche Moses abgerungen. So habt Ihr gerungen. Ich bin matt, Kuttner, und fühle mich besser.« Der lächelte verbindlich, schwieg. »Ihr seid mir der liebste Mensch am Hofe, Kuttner; Euch vertraue ich wie fast keinem.« Plötzlich hob, nach einigem Suchen, Maximilian leidenschaftlich die Arme, hauchte aufflammend: »Kuttner, was soll geschehen!« Er zog den anderen an der Hand zu sich herunter: »Ich bin verloren. Ich --« Er stammelte. »Vor dem wüstesten Menschen der Erde liege ich, vor diesem Goten. Er wird sich eine Freude daraus machen, mich zu beschimpfen. Heiland, mein Heiland, wohin sind wir geraten.« Der Fürst schien vor einem Tränenausbruch, jammernd und zähnekrachend sah er zu Kuttner auf. Verlegen wich der mit den Augen aus; es gäbe himmlischen Schutz für Deutschland. »Sagt mir das noch einmal, Kuttner. Ihr seid soviel jünger als ich. Wenn es keinen himmlischen Schutz für uns gibt: ich sehe keine Rettung. Ich hab' mich übernommen. Es war zuviel für mich. Setzt Euch neben mich. Habt keine Scheu. Laßt mich an Euch anlehnen. Ich habe keine Frau, keinen Freund. Mein Vater ist krank. Ich will mich aussprechen, Ihr werdet mich nicht verraten. Regensburg ist mir nicht geschenkt worden. Ich bin wie ein Lump, der alles verwettet hat. Ich kann nur greinen.« Nun weinte er wirklich, Kuttners Schulter umfassend.

Der hatte seine Scheu rasch überwunden; er kannte die Krankhaftigkeit des Kurfürsten, gab nach: »Was soll dies für ein Michaelstag in Deutschland sein, wo Eure Durchlaucht zerknirscht ist. Wir geben nicht nach, der Satan wird unserer nicht Herr werden und wenn er sich mit den ledernen Kanonen der Finnen und allen schwedischen Neuigkeiten bewaffnet.« »Mir wär' wohl, Kuttner, ich hätte diesen Tag nicht erlebt. Wie hab' ich mich hoch über meinen Vater gefühlt, der mir das Land hat abgeben müssen, weil es fast ruiniert war. Aber ich! Aber ich! Seht hin, nein, seht nicht hin. Sehe keiner hin. Es ist ein Grauen. Wir haben den Krieg über die Pfalz und Böhmen getragen; es hat uns nichts ausgemacht die brennenden Dörfer, die Leichen auf den Straßen haben uns eine Freude gemacht, wir sind als Sieger durchgezogen. Was haben wir gesehen. Wir waren Sieger. Kuttner, jetzt soll Bayern, mein Land, für das wir gesorgt und gegeizt haben, alles dulden. Ich hab' mich lästern lassen als Geizkragen und schlechten Filz; seht hin, wie alles gediehen ist, wie alles prangt und wohl ist. Für dies Land hab' ich alles eingesetzt, mich selbst mit, mein Haus, die Ehre meines Namens, den Ruhm der vergangenen Geschlechter. Wißt Ihr, was nun kommen wird, wer das ist. Ein dicker roher plumper Mann, der die lutherischen Schimpfworte vom Morgen bis Abend wie einen Wohlgeschmack im Mund führt. In unseren reinen reichen Kirchen wird er sich wälzen wie ein Schwein. Meine gehegten geliebten Städte, o Ihr kennt sie ja, er wird drin herumschnüffeln, Feuer wird er auf sie werfen, arm wird er sie erpressen. Ich werde nicht da sein, ich werde irgendwo mit dem Hof sitzen. O ich will nicht. Ihr Menschen, was ist über mich verhängt. Wie hab' ich das versündigt.« Den jungen Gesandten hatte er losgelassen, sein Kopf hing seitlich über der Brust, er schluchzte, stammelte.

Kuttner kniete vor ihm, streichelte sein Knie: »Sprecht nicht so laut, gnädiger Herr; man könnte Euch hören. Seht doch mich an, hebt Euren Kopf, wo ich bin. Ich bin Euer Gesandter in Paris. Erinnert Euch des Königs Ludwig. Laßt Eure Seele nicht so im Sumpf. König Ludwig will Euch wohl, er braucht Euch. Graf Tilly ist bei Leipzig nicht vernichtet. Der Schwede wird aufgehalten werden.« »Das glaubst du, Kuttner? Freu' dich. Ich bin schon halb auf der Flucht. Ich jammere schon und beklage meine armen Münchener, die frommen Klöster, die ganze Herrlichkeit. Es gibt keine Rettung.« »Man rechnet in Paris auf Eure Durchlaucht. Man hofft, Ihr werdet den Augenblick verstehen.« »Was ist, Kuttner.« »Ihr seid kein Freund Habsburgs, glaubt man zu wissen, und sicher kein Freund Spaniens, weil es Euch die Pfalz mißgönnt. Man meint in Paris, Ihr werdet nach dem Leipziger Schlage begreifen, worum es sich dreht. Ihr werdet irgendwie mit dem Schweden paktieren. Frankreich hat es schon getan.« Der Kurfürst wischte sich das Gesicht; abgewandt bat er: »Setz' dich neben mich, Kuttner. Knie nicht da. Erzähle.« »Ich hab' Euch nur zu melden: der Pater Joseph sagte mir, als die Nachricht von Breitenfeld einlief: ich sollte verhindern, daß mein kurfürstlicher Herr sich von diesem Unglück getroffen fühlt. Das kaiserliche Heer sei geschlagen. Es sei eine Warnung über den Regensburger Weg hinauszugehen -- nach Wien; ein Wink für Eure Kurfürstliche Durchlaucht, nicht mit der falschen Partei zu halten.« »Ich bin nicht geschlagen, ich bin nicht geschlagen.« »Vielmehr meinte der so gelehrte und weltkundige Pater: Ihr hättet sozusagen einen Vorteil errungen. Ihr hättet es in der Hand, den Kaiser wissen zu lassen, wie es steht und wie Ihr es auffaßt. Schließlich habt Ihr nicht Pommern und Niedersachsen zu verteidigen. Die Liga ist nicht gegründet, um Pommern zu befreien.« Mit gezwungenem Lächeln betrachtete Maximilian ihn von der Seite: »Du, lieber Kuttner, meinst, ich bin nicht besiegt. Es wird alles wieder gut.« »Kurfürstliche Gnaden, Eure Stunde kommt. Ich spreche, was mir der Kardinal und der Pater oft eindringlich nahegelegt haben: Ihr solltet Mut haben. Der Kaiser ist gerichtet. Alle deutschen Stände wenden sich nach den friedländischen Untaten, die er begünstigt hat, von ihm ab. Greift zu. Jetzt seid Ihr in Notwehr. Es geht um Euer Land und Euer edles Haus.« »Was hat Richelieu gesagt?« »Stellt Euch dem Schweden nicht in den Weg. Haltet es wie der allerchristlichste König: begünstigt ihn und sucht Euren Vorteil. Frankreich rät Euch das. Es rät Euch das, weil Ihr sein Bundesgenosse, sein natürlicher Bundesgenosse im Kampf gegen Habsburg seid. Frankreich hat einen Vorteil von Euch; es wird Euch nicht Schlechtes raten.«

Maximilian, den Arm auf der Schulter des schlanken Jünglings, blieb still, sein Gesicht wurde länger, seine Nase rümpfte sich, leise: »Glaubst du, daß er den Storch umgebracht hat?« Leicht verwirrt Kuttner: »Sehr tief war die Wunde nicht.« »Ein ekler Mensch. Laß dich doch ansehen. Das ist also ein Mensch, der mich nicht aufgibt. Ich muß mich wohl an dich halten. Und wie hat Richelieu gemeint, Kuttner, besänftige ich den Schweden am besten?« »Besänftigen, Durchlaucht -- ich rede mit aller Offenheit, die Ihr erlaubt --, es ist ja nicht nötig. Wer, glaubt Ihr, sei der Schwede. Ich habe mir viel von ihm erzählen lassen. Er rechnet wie Ihr und ich. Er hat seinen Haß wie ein dummer Lutheraner, aber das verwirrt seine Rechnung nicht. Zuerst Eure Liga aus dem Spiel: seid gewiß, Ihr braucht ihn nicht mehr mit Worten zu besänftigen.« »Daß ich so wie von einem Fall gelähmt bin. Mir liegt -- ich habe ein dumpfes Gefühl -- eine ziehende Angst in den Knochen. Bin ich nicht in einem wilden gräßlichen Traum, der mich nicht losläßt.« »Also hätte Eure Durchlaucht nur darüber anzuordnen: wie sich Graf Tilly verhalten soll. Befehlt ihm, Waffenruhe anzubieten.« »Ich wäre nicht besiegt, ich wäre nicht geschlagen, meint Richelieu.« »Ein Entschluß hilft Eurer Durchlaucht.« »Es ist nicht denkbar. Mein Arm, meine Knochen.« »Die Lage hat sich zu Euren Gunsten gewandt; Ihr könnt eine entscheidende Rolle spielen.« »Nun will ich aufstehen. Du hilfst mir, Kuttner, und begleitest mich auf meine Kammer. Ich freue mich. Es geht mir besser.« Maximilian schwankte am Arm des schlanken sanften Kuttner durch die lange Kunstkammer. Sie gingen über den Hof. Dem Fürsten schauerte es in der Herbstluft. Er sah lächelnd seinen Begleiter an. Der Oberstkämmerer erwartete ihn auf der großen Freitreppe. Der Kurfürst hatte das Gefühl, bald froh zu schlafen wie lange nicht. Nur als er in der finsteren Nacht erwachte, fühlte er auf dem Rücken liegend die fremdartige Geschlagenheit, Zerbrochenheit, Zermalmung in seinen Gliedern. Er flüchtete, mit ihr ringend, in den Schlaf.

Der französische Gesandte Charnacé, der rothäutige Soldat, und Kuttner, am nächsten Tage vom Kurfürsten und seinen Geheimen Räten gemeinsam empfangen, reisten zu Gustaf Adolf ab. Sie brauchten nicht weit zu reisen. Jenseits des Thüringer Waldes stand er in Erfurt, nachdem er Leipzig Halle und Erfurt überzogen hatte. Vierzehntausend Schweden bevölkerten die Stadt. Der König wohnte im Gasthof zur Hohen Lilie. Er nahm die Gesandten auf einem Umritt mit; auf dem Petersberg, wo das Jesuitenkloster stand, fingen sie ihre Gespräche an. Der dicke König war von deutschen Fürsten umringt, er war lärmend freundlich zu ihnen, sie kamen zu keinem Ende. Er lud sie bei seinem Aufbruch, als sie mißmutig ihre Lage bedachten, ein, ihm noch einige Tage zu folgen.