Part 19
Auf die rieselnde staubende menschenstreuende Flucht nahm Regiment Kronberg den verlorenen Brabanter mit. Das Morden in ihrem Rücken ging weiter. Sie hörten den frenetischen König im Dunkel Viktoria auf dem Felde schießen. Er schrie schweißtriefend, halb besinnungslos lachend, nach allen Seiten winkend: »Gott ist lutherisch geworden, Gott ist lutherisch geworden.« Tote wurden in der hereinfallenden Nacht weit und breit gesät, die Schweden blieben an der Arbeit.
Tilly floh, floh, tat nichts als fliehen.
Hinterher marschierten die Regimenter Starrschädel schwarzgelb, Löser rotweiß, Klitzing blauweiß, Arnim rotschwarz, Schwalbach rotgelb, Ställhanske, Wunsch, Tott, Westgotland, Smaland, Ostgotland.
* * * * *
Als von den Wiesen und vom See her weiße Nebelschwaden unter den Brücken gegen die Stadt zu schwammen, die östlichen Straßenzüge Mantuas durchwanderten, stieg fröstelnd der Kaiser, weißgekleidet aus dem Wagen, um an die Häuser zu treten. An der Karmeliterkirche, bei der Brücke Sankt Giorgio, wo sie als Mädchen die erste Kommunion empfangen hatte, wollte ihn die Kaiserin in ihrem Wagen erwarten. Die voranreitenden Hatschiere suchten unter den Ruinen; an einer abschüssigen Gasse sah man unten einen Wagenzug, Reiter voraus, sechsspännige kaiserliche Wagen, Türen geschlossen. Die Hatschiere Ferdinands gaben den kaiserlichen Trompetenruf; die Türen blieben geschlossen. Langsam wanderte Ferdinand die verödete morastige Gasse herunter; wie er den ersten Wagenschlag öffnete, schluchzte es drin. Er hatte es erwartet, setzte sich neben Eleonore.
Die Tiere zogen an; sanft sagte er, die Schulter der Schwarzverschleierten umfassend: »Bei den Karmeliterinnen habe ich dich gesucht. Aber du konntest wohl das Kloster nicht finden.« »Hast du es gefunden?« kam nach langem leisen Weinen unter dem Schleier hervor. »Die Stadt sieht schlimm aus, Eleonore. Was ist dies für ein Glück Krieg führen. Dein Vetter hätte es besser gehabt, wenn er zugegriffen hätte bei meinem Friedensantrag. Nun liegt alles verderbt da; er muß die Franzosen bitten, seine Schulden zu bezahlen.« »Mir ist an meinem Vetter nichts gelegen. Du hast Frieden mit ihm gemacht; warum ist Mantua nicht geschont worden.« »Er kam meinen Generalen zu spät, Eleonore, mit seiner Nachgiebigkeit.« »Und ich? Und ich? Warum hast du mir das angetan?« »Weine nicht. Ich will dir alles wieder aufbauen.« »Ich will es nicht. Es ist geschehen. Du hast es getan. Es nützt nichts mehr. Es ist geschehen.« Er blieb still: »Wie sollte es anders kommen. Ich konnte es nicht mehr aufhalten.« »Du hattest es in der Hand, doch und dennoch. Du hast in Regensburg deinen Feldherrn entlassen, es lag bei dir.« »Ihm ist kein Unrecht geschehen; Nevers hat kindisch gehandelt, er wollte mit mir spielen, ich war es meinem Amt schuldig, Eleonore, nicht nachzugeben.« »Deinem Amt? Nein dir, dir. Und mir? Mir bist du nichts schuldig. Mir wird meine Heimat zerschlagen, wie man eine Ketzerstadt zerschlägt, wie man Magdeburg zerschlagen hat.« »Auch in Magdeburg haben Frauen und Kinder geweint. Ich hab' es vorher gewußt.« Sie hatte ihren Schleier zurückgeworfen, ein weißglühendes Gesicht bot sie ihm, der Wagen hatte angezogen, sie fuhren langsam über Schutt. Dicht saß sie an ihm, beide Hände an ihren Schläfen, flüsternd: »Versteh mich doch recht, Ferdinand. Wenn in Magdeburg die Frauen weinen und du dennoch befohlen hast, die Stadt zu verwüsten, -- ich fasse es nicht. Und wenn die Frauen weinen, meinetwegen, sag', es sind beliebige Frauen. Aber ich, Mantua, sieh doch, Mantua, wohin du mit mir reist.« »Ich muß trauern, mein Kind, gewiß, mit dir. Um diese schöne Stadt und für dich.« Sie stierte ihm lange ohne Verständnis in die ruhigen wehmütigen Augen; sagte dann zögernd: »Weißt du, Ferdinand, böse sein von Natur ist ein Unglück, der Mensch ist wohl dann wehrlos gegen seine Mitgift. Aber wie du, böse sein wollen, wissen daß man böse ist, das ist mehr als schlecht und sündhaft.« »Wie ist es dann?« »Grausig, du fragst noch? Das willst du auch wissen? Ekelhaft. Ich hab's gesagt.«
Ihre Augen brannten gegen ihn, sie riß den Schleier wieder herunter. Sie fuhren schweigend in einem Nebelmeer. Er fing an: »So ist mein Amt, so bin ich durch mein Amt geworden. Es gab einmal eine Zeit, wo ich dich in jedem Punkt verstanden hätte, als ich diesen Wallenstein nach Ungarn hinter den Mansfeld geschickt hatte und mir Schandtaten gemeldet wurden. Damals wollte ich ihn wegschicken. Er bot es selbst an, meine Zweifel erschienen ihm komisch. Alle Räte widersprachen mir, die frommen Patres. Ich habe mich gewöhnt daran. Jetzt kenne ich nichts anderes.«
Beim Kloster der Ursulinerinnen vor der Stadt hielten sie im Nebel. Nach einer Weile stiegen sie aus. Durch ein Seitentor traten sie in die Kapelle. Der langgedehnte dunkle Raum, schwankendes Licht von brennenden Kerzen am Altar vor aufblinkenden bunten Bildern. Seitlich von oben tönte eine männliche tiefe Stimme. Die Nonnen kniend, kopfgebeugt, Reihe hinter Reihe.
»Ihr fühlt, es graut euch, ihr seid ausgestoßen, weil ihr Weiber seid. Ja, ihr ängstigt euch, der Fluch liege auf euch. Der Teufel treibt sein Spiel mit euch; gegen wen Satanas am grimmigsten seine Zähne fletscht, dem hält er ein Weib vor; so wäre es das beste, man rotte das ganze weibliche Geschlecht auf einmal aus.
O, verzagt nicht, christliche Schwestern, o gedenket, daß ihr Menschen seid. Gedenket dessen, der für uns alle am Kreuze hing.
Seine Mutter war Maria. Ja, Jesus hatte eine Mutter. Stündlich seht ihr Christum, den Herrn, am Kreuze hängen, seht seinen klagenden Mund, seine brechenden Augen, ihr weint über die Löcher, die in seine heiligen Glieder gerissen sind, ihr seht den strömenden Blutquell aus seiner Seite, mit dem er die Welt begleiten kann.
Ihr seht Jesum hängen.
Maria habt ihr nicht gesehen.
Es ist nicht ihr Bild, das glückselige Lächeln der Mutter, die Hingestrecktheit vor dem Kreuze, der Graus, die Erstarrung unter dem, was ihrem Sohn geschah.
Die goldenen Haare, die wonnigen Lippen, die Brust, mit der sie ihn einmal stillte, die Arme, mit denen sie ihn einlullte, der Schoß, in dem sie ihn trug, die Füße, auf denen sie mit ihm herumwandelte. Maria habt ihr nie gesehen.
Sie hing nicht am Kreuze wie ihr Sohn. Ehe ihr Sohn geboren war, war sie fast vernichtet worden, hatte sie schon alles durcherlebt. Allen Schmerz, den ihr Sohn grausend und zu unserm Heil durchfühlen mußte, hatte sie vorgefühlt. Denn in ihres Leibes Fleisch fraß die Liebe Gottes, die zehrende, zerreißende, schmelzende. Gottes Liebe zu Maria ist nicht wie das Blatt einer Rose, das über ein Gesicht fällt und streifend einen Duft hinterläßt, unter dem sich die Augen glückselig betäubt schließen. Es ist kein Flötenhauch, Sommerfaden vor dem Wind. Wen Gott berührt, der weiß nur, was Sterben heißt. Bitter, so bitter voller tötender Stacheln ist seine Wonne. Wen Gott berührt, der weiß nicht, daß dies die Berührung Gottes ist. Er kennt keine Beruhigung. Wer so empfangen wird, dem kann nur Tod und Ewigkeit mitgegeben sein auf seinen Weg und kann nicht lange auf dieser Erde verweilen. Als Gott Maria berührte, wurde für Jesu das Kreuz aufgerichtet. Er ist der Sohn seiner Mutter; das Entsetzen der Menschheit aus der Berührung mit Gott trug er mit sich in sein Leben und in unser Dasein. Siedendes Berühren von Feuer und Wasser; sein Leben nichts als ein Rauch, eine schmerzensreiche Flucht aufwärts.
Maria!
Maria! Mutter Christi!
Laßt sie uns lobpreisen. Von allen Frauen sie die erwählte, von allen Menschen die erwählte, unsere Fürsprecherin beim ewigen Thron, unsere Besinnung, unsere Befreiung, Befriedigung, Beseelung. Himmlisch war sie, zu unserem Glück, daß sie Gottes Blick auf sich zog, sie das Wunder der Welt. Der Wein ihres Bräutigams, seine seufzerquellende Traube. Maria! Du Schönste, du Süßeste, du Herrlichste, Gottes erschlossener Garten. Der Wohllaut der Erde.
Aus ihrem Körper quillt alle Stärke, ihre Adern dehnen sich aus und senken sich in unser Herz, in das Herz der Erde, wie Wurzeln. Das Lebende, Sonne und Gestirne zieht sie an sich. Ihr Herz drängt sich hoch, uns zu tragen, alle, Schwestern euch, Brüder uns. Ihr Leib wälzt und wühlt sich. Ihre Füße zittern und schlagen wie ein Frost unter ihren Kleidern. Sie blutet, sie gebiert unser Glück.
Laßt uns weinen, liebe Schwestern, weinen und beten zu Maria. Laßt uns auf sie hoffen und uns freuen.«
Durch das Bistum Brixen, über Lienz, Judenburg kehrte der Kaiser langsam nach Wien zurück. In der Hofburg begannen die Empfänge; Adlige und Stände wollten den zurückgekehrten Kaiser begrüßen.
Man machte einen ungeheuren Saal für sie auf. Wer auf die glatte weitquadrierte Fläche hinblickte von der Tür, wurde hilflos, Schwindel erfaßte ihn. Die Decke war ein Urwald von Quadraten, Rechtecken, Achtecken, Balken um Balken, schwarze, überwuchert von Bildern, die über ihren Rahmen hinausgriffen, über die halbe Decke fluteten, plötzlich abrissen. Und dicht unter der Decke, an den Pfeilern, der von zwanzig Fenstern aufgerissenen Längswandungen spießten Hirschgeweihe hervor, Pfeiler um Pfeiler gekrönt von ungeheuren Hirschköpfen, wild herausblickend aus gemaltem Rankenwerk von Blättern, Blumen, Ästen, oft noch Tierbeine auf die Wand aufgesetzt. Riesige Tafelbilder von den Wänden herunter, die Stirn nach vorn senkend, knapp über dem Boden aufgestellt. Aus dem niedrigen Prunktor der Schmalwand, das von steinerngrauen lanzentragenden Römern bewacht wurde, über dem sich bis zum Plafond ein wimmelndes Schlachtengemälde auswirkte in greller Buntheit, aus dieser dunklen engen Spannung quoll der farbige Hofstaat.
Auf der purpurbezogenen Thronbank unter dem goldenen glatten Holzbaldachin saßen hutbedeckt nebeneinander Kaiser und Kaiserin. Helles weißes Morgenlicht aus den zwanzig Bogenfenstern. Da kamen über den Parkettboden die Männer und Weiber angeschritten, die schloßentstiegene fröhliche Erdenherrlichkeit. Sie schritten wie bei einer Hochzeit zum Fackeltanz, die schmuckreichen Paare, wehende Bärte, schaukelnde Röcke. Ein Balken über dem Tore, durch den Aufbau eines silbernen Ritters Georg, von Löwen besprungen, geteilt; abwechselnd klangen Stimmen von einer Seite, bliesen aus langen goldenen Posaunen von der anderen Seite rotgekleidete Männer herunter. Die weitröckigen seidenbeschuhten Damen, Kornähren im Haar der blonden lachenden Gestalten. Stolze nackenbiegende Köpfe, zähneentblößend, Hälse von Ketten umspielt, gedeckt die Schultern von Hermelin, die fleischstrotzenden Arme nackt, offen im breiten Ausschnitt die geschwellten Brüste wiegend. Die Knie langsam fügsam wechselnd unter den fließenden Atlasvorhängen, Schleppen hinter sich lassend, wie Hündinnen ihren Geruch. Die weißen Arme, peitschen- und zügelgewöhnt, schleppten rafften die Masse der Kleiderpracht. Auf dem Postament der starken Schenkel trugen sich biegsam mit der Posaunenmusik die feinhäutigen gepflegten duftgebadeten Leiber, in denen sich bewegte wie in einem Zauberkessel das verwöhnte begierige Herz, die tiefatmenden Lungen, der weinsüchtige Magen, der lange weiße Darm gesättigt und gestopft mit Pasteten, Pfirsichen, gebratenen Kramtsvögeln, die heißen kostbaren Verstecke und Wege der Zeugung. Die Augen, die offen sind für prunkende Bilder Maskeraden Schlittenfahrten, pürschende Hunde, Tänze in gedrängten Sälen, die Münder, die befehlen beten küssen, Lieder singen, Ohren, die offen sind für glückliche Worte. In Atlaskleidern, gebändigt von weißen sinkenden Armen. Das kniewiegende stolze Chaos heranschreitend, das der Sonne, der Luft, den Blumen, Gewittern trotzt.
Gebückt auf der Purpurbank sitzend, den graubärtigen Mund leicht geöffnet, empfing der Kaiser ihren Anblick, warf ihnen Hände entgegen. Sein Kopf versank zwischen den hochgedrängten Schultern, der hohe weiße Hermelinkragen schob sich über den Nacken und hinter die Ohren herauf. Seine Beine breit nebeneinander gestellt schoben seinen Körper hoch. Er wand die manschettengeschmückten Arme aus dem schweren Thronmantel. Sie rauschten sicher an ihm vorbei, ihre starken lächelnden Leiber beugten sie vor ihm, er schwang stumm, wie er ihnen entgegenstrahlte als einer glücklichen Selbstverständlichkeit, beide Arme seitlich zu der herrischen trauervollen Frau neben ihm, als wenn er sagte: Nicht mir. Sie lächelte, und als wenn sie sich an der schmetternden stoßenden Musik und der herangeführten Menschenpracht wärmten, verdunkelten sich ihre Augen und schwammen in Feuchtigkeit.
Immer erneut die festen Münder zum Essen Trinken Beten Singen, knierauschende Atlaskleider, von weißen bloßen Armen gebändigt, ohne Scham auf den wandernden Postamenten das begierige Herz, der weinsüchtige Magen. Die goldenen Posaunen bliesen, das Tageslicht verfinsterte sich unter Wolken, es wurde in dem ungeheuer durchschrittenen Saal keinen Augenblick bemerkt.
Die Kaiserin, von blauem Samt lose umflossen, an ihrem goldenen Brustkreuz spielend, saß auf einem überdeckten Balkon die Füße auf eine niedrige Bank ausgestreckt. Die stumpfgesichtige Gräfin Kollonitsch, vollbusig milde, lehnte sich über das marmorne Balkongitter, einen Arm um das Bein einer Amourette, blickte freudig und erschöpft in das grüne Blättergewühl des Parkes trällernd: »Wem siehst du nach?« fragte die Kaiserin. »Ich? Wem sah ich nach? Ich sah in die Bäume.« »Wer läuft da? Ich höre doch jemand laufen.« »Im Park, Lore?« »Ja, wo denn. Wer läuft da?« Die Gräfin noch in Atlas, dunkle Nelken in dem hochfrisierten Haar, gegen den Stuhl der Kaiserin, die sich auf dem linken Ellenbogen hochstemmte, sah zu ihr fragend herunter.
Wie die sich ganz aufgerichtet hatte, gespannt nach dem Park hinhorchend, klang von unten ein unsicheres Scharren, absatzweise, als riebe jemand an einem Baume, als fiele ein Ast, glitte einer vorsichtig über Sand. Im Nu war die Kaiserin auf den Füßen. Blick, Mienen, Hände rasten: »Hörst du nicht, wer ist da. Da unten geht einer.« Die junge Kollonitsch wich ängstlich gegen die Balkontür, die Kaiserin scharf herunteräugend, wo nur grüner Park und Kieswege waren, sprang zurück, suchte an der Gräfin: »Was hast du da. Hast du keinen Stein oder ein Messer.« Sie lief in das Zimmer, die Gräfin wollte zur Tür, die Wache rufen, die Kaiserin hielt sie mit wildem Ausdruck fest: »Ganz still.« Riß eine Pike, ein kleines Handbeil von der Wand; die Pike ließ sie neben sich fallen, mit dem Beil stürzte sie an das Balkongitter, nach kurzem Suchen schleuderte sie die angehobene aufblitzende Waffe zwischen die Bäume. Horchte herunter; als alles still blieb, lief sie an der sprachlos stehenden Gräfin vorbei wieder in das Zimmer, zerrte die Pike hinter sich, keuchte, suchte den riesigen Schaft auf das Gitter zu ziehen.
Und als er da oben lag, keuchte sie sich hochrot: »Komm hilf.« Die kam langsam an, faßte, immer die Kaiserin anblickend, den Schaft mit an. Einen Moment streifte die Kaiserin ihr bewegungsloses fragendes Gesicht mit einem Blick, blieb dann an ihrem Gesicht hängen, Hand an Hand mit ihr den Schaft haltend. Sie sahen sich an.
Die Kollonitsch fragte bittend, leise: »Was machen wir?« Die andere schob noch an dem Schaft, suchte unten zwischen den Blättern, heftete sich ruhig an die ratlosen Mienen der Gräfin, ließ mürrisch, verlegen, noch fliegend von der Stange: »Sieh, wer da unten ist.« Die Gräfin stand steif: »Es kann doch niemand in deinem Park sein.« Lange sah die Kaiserin, leicht am ganzen Körper zitternd, vom Balkon herunter; dann sich zurückwendend: »Denk, wenn das ein Mensch gewesen wäre, wäre er tot.« Die Kollonitsch schleifte die Stange ins Zimmer; wie sie bei der anderen stand, sich die Handteller rieb, hauchte sie: »Es ist ja keiner unten gewesen.« »Laß mich, laß mich«, wehrte die Kaiserin ab, die sich heftiger zitternd und sehr blaß, seufzend auf ihren Sessel fallen ließ, um ihre Fußbank bat. Sie wiederholte mit grellen Blicken gegen den Balkon: »Denk, ich hätte ihn umgebracht, wenn es ein Mensch gewesen wäre.«
Nach kurzem Besinnen setzte sich die schwarze Kollonitsch, die Schleppe heraufwerfend, neben sie: »Aber ich habe ganz vergessen, dich nach dem Empfang zu fragen. Es waren so viele, weil wir dich trösten wollten. Und nun sag', hat es dich erfreut.« »Ihr seid freundlich und lieb. -- Was war das eben nur? Verstehst du es. Ich hab' mich erschreckt, nicht wahr?« »Ich hab' mich selbst erschreckt, Leonore. Es war nichts. Also: es hat dich erfreut.« »Eins aber sag' ich dir, Angelika,« damit beugte sich die Kaiserin vor, drehte den Kopf, runzelte drohend die Stirn, »ich habe nichts dazu getan, wenn es einen getroffen hätte. Ich habe mich erschreckt, und -- wie sonderbar, ich bin eine Frau und kam auf den Einfall, ihn totzuschlagen.« Sie zitterte wieder heftiger, ihr Kleid raschelte.
»Es war herrlich, wie der Chor sang.« Die Kaiserin schüttelte den Kopf, träumte mit wandernden Augen: »Ja, Angelika.« Später: »Ich bin besessen, Angelika, ich fürchte mich. Sag es nicht weiter. Wenn es der Bamberger Bischof erfährt, der Philipp Adolf, macht er einen Hexenbrand aus mir. Lache nicht. Wie ist es möglich?«
Sie nahm, als die Kollonitsch gegangen war, gedankenlos den kleinen Spiegel vom Tisch. In einem sechseckigen Elfenbeinrahmen stand er; ihn umgaben Menschen, Männer und Frauen, nacktleibig sich um seine geschliffene Randung hebend, schwimmend gegen die Höhe, auf der der Weltenrichter Christus thronte mit dem Schwerte, angebetet kniefällig von zwei Gestalten. Ohne sich zu sehen, hielt sie ihn vor ihr Gesicht; dann erblickte sie sich, bedeckte den Spiegel mit der Hand: »Wie kann ich ihn verwünschen, wenn ich selber so bin. Ich bin vom Teufel besessen. Ich bin's. Er ist in mich gefahren und hat mich.«
* * * * *
Aus Halberstadt am vierten Tag nach der Schlacht machte sich der blasse deutsche Leutnant Regenspurger mit einem Brief des verwundeten frommen Generals auf. Wurde in Wien sogleich vor den Fürsten Eggenberg geführt. Die Girlanden wanden sich am Plafond des langen rechteckigen Raumes in dem Kerzenlicht; dem jungen Reiter, der zu erzählen anfing, träufelten die Tränen aus den Augen. Der alte Fürst behielt ihn bei sich. In vollster Bestürzung bat er seine Freunde Trautmannsdorf und den Abt Anton zu sich. Sie fanden ihn, als sie nach Stunden eintrafen, noch auf demselben Stuhl sitzen, auf dem er den Leutnant angehört hatte, grau im Gesicht, vergrämt das Kinn aufstützend. Er sei, gab er kopfschüttelnd von sich, keines Gedankens mächtig, sie möchten selber lesen, was des Feldmarschalls Tilly Liebden geschrieben habe von der Schlacht mit dem König aus Schweden.
Und während sie lasen, jammerte er, er könne nicht denken, er werde gehen, er müsse sich zurückziehen vom Hofe. Im seidenen blauen Schlafrock schlürfte er über den Teppich; sie sprachen unter sich; er saß da, spielte mit seinen kalten blauen Händen, hörte nicht zu und plötzlich blickte er sie kläglich nacheinander an, horchte, was sie redeten, als wenn er sein Urteil erwarte.
Der bucklige Graf sezierte mitleidlos, die Augen klein kneifend: jetzt könne jedenfalls das Reich auseinanderfallen, auch mit den Kurfürsten; man hätte sich ja vorher gefürchtet, ohne sie zu bestehen. Der Fürst wandte sich fast verzweifelnd an den Abt, der ihn traurig ansah: aber er hätte ja gerade die Kurfürsten gewählt, weil sie ihm sicher schienen für das Reich, sicherer als der Friedländer. Trautmannsdorf schob frostig die Arme aneinander, beschnüffelte den Brief: man habe sich eben getäuscht, getäuscht, getäuscht. »Was nun?« flehte der Fürst. Abt Anton strich ihm die Hände, Trautmannsdorf blieb dabei, die Hauptsache sei, zunächst zu sehen, daß man sich getäuscht habe. Eggenberg winselte: »Was wollt Ihr von mir. Ihr wißt, wie ich mich dem Erzhause und Kaiserhause gewidmet habe, wie ich es gemeint habe mit dem Kaiser von seiner Jugend auf. Ich habe mich getäuscht, Ihr hättet es verhindern können. Rettung, seid gnädig, Trautmannsdorf.« Anton stellte sich hinter den Fürsten, sanft sprechend neben seinem Ohr: »Ihr tut ihm ja Unrecht, Fürst. Er will Euch nicht quälen, er will nur Klarheit. Ihr kennt ihn doch.« Trautmannsdorf: »Schlüsse zu ziehen aus der Situation ist ganz überflüssig. Man braucht nur die Ausgangsdaten nebeneinander zu stellen, so ergeben sich die Schlüsse von selbst.« Angstvoll hing Eggenberg an seinem ruhigen Gesicht, drängend: »Wie also?« Der Graf trommelte nervös, er wolle seine Weisheiten schon dem Fürsten nicht aufdrängen, geschweige denn die Trivialitäten. »Was denn, was denn?« bettelte der Fürst. Auf den vorwurfsvollen Blick Antons wurde der Graf herzlicher, sprach leise, las mit ihnen den Brief noch einmal durch und erklärte: einrenken sei die richtige Behandlung. Wenn man ein Glied, mit dem man bisher gut gegangen sei, ausgerenkt habe, in der Hoffnung noch besser zu gehen, nun, so renke man es wieder ein, wenn man den Schaden bemerke. Der Fürst war aber viel zu verwirrt. Er verfiel in ein verzweifeltes Selbstanklagen, man mußte ihn beruhigen, dann beteuerte er wieder seine Unschuld.
Tags drauf empfing ihn der Kaiser; der Leutnant Regenspurger war zur Audienz geladen, erstattete zaghaft seinen Bericht. Milde erkundigte sich Ferdinand nach seinen Eltern und wo er in der Schlacht gefochten habe, sprach seine Freude aus daß er entronnen sei. Er ließ seinen Obersthofmeister rufen: man möchte den Leutnant bei Hof gut unterhalten, ihm hundert Taler zum Dank für seine Meldung verabfolgen, und der Leutnant möchte sich vor seiner Abreise noch melden.
Dann, allein mit dem Fürsten, der noch kaum gesprochen hatte, betrachtete der Kaiser lange seinen unglücklichen alten Freund. Was in ihn gefahren sei, wie er aussehe, ob er sich wieder krank fühle; er hätte sich dann hinlegen mögen; warum habe er sich in diesem Zustand bemüht. Eggenberg nach langem Schlucken gab nach, stürzte dem Kaiser, der vor seiner Schreibkommode stand, zu Füßen, weinte schluckte und schnarchte hilflos. Verwundert trat Ferdinand zurück: was er denn wollte. Dann stammelte Eggenberg, der jede Haltung verloren hatte, um Verzeihung. Ja, wofür, ob er die Schlacht bei Breitenfeld gegen den schrecklichen Ketzer verloren hätte; ob sich sein lieber alter Eggenberg einbilde, der liebe Gott zu sein, der alles füge; und schließlich, »wir müssen uns fügen und nachdenken, wie alles zusammenhängt.« Der kleine Fürst stand mit blutrotem Gesicht auf; Ferdinand lächelte, wie er an seinen Spitzenmanschetten zupfte, nähertretend: aber krank sehe Eggenberg aus und er sei doch damals beim Regensburger Tag nicht folgsam genug in Istrien geblieben. Eggenberg hauchte aufblickend: er hätte nicht ruhen können aus Sorge um das kaiserliche Haus.
Der Kaiser, dem Geläut von Sankt Stefan lauschend, setzte sich auf seinen breiten Stuhl, einen Abtstuhl, dunkles Buchsholz, über Armlehnen, Rückenlehnen, braune stille Figuren, die sich gegen Hand und Nacken des Sitzenden bewegten, faltenwerfende Männer, betende Frauen, singende haarflechtende Mädchen. Frauen mit Säuglingen an der Brust, segnende stabgestützte Bischöfe. Er hätte es sich gedacht, gab er von sich, sie drängten ihn, drängten ihn, wollten die Gewalt in ihren Händen haben und nachher könnten sie sie nicht meistern. Nun stünden sie da wie arme Sünder und es sei ihnen kläglich ums Herz.
Ferdinand hatte die Knie übereinandergelegt, seine Hand befühlte einen Säugling, der am Bein der Mutter herunterrutschte. Am meisten jammere ihn sein Vetter Maximilian, der stolze Mann; ein unerbittlicher Feind stünde nicht weit vor seinen Grenzen. Daß man sich nicht niederdrücken lasse von dem Zufall, daß man dem Bayern gleich ausreichende Hilfe gewähre. »Wir sind ungerüstet, Kaiserliche Majestät; wir wissen jetzt nicht, wie uns unserer Haut wehren.«
»Schreibt ihm, er solle unbesorgt sein. Wenn er sich fürchtet um seinen Vater, solle er ihn herschicken zu mir. Sie sollen bei mir als Gäste wohnen.«