Part 8
Die Briefe aber liefen alle durch die Hände des feinen gewissenhaften und automatischen Gelehrten Kaspar Frey. Dieser hatte keine Neigung, sich zu lebhaft in die Geschäfte seines Herrn zu mischen; sein Respekt war zugleich Bequemlichkeit; ein Schutz vor übermäßiger Inanspruchnahme. Ihm fehlte die Herzlichkeit; sein scharfes Urteil war im Laufe der Jahrzehnte eingerostet im humanistischen Spintisieren über Virgil und Sueton. Für Ferdinand war das Geheimnis des Briefes vollendet mit dem Binden des Fadens, gelegentlich siegelte er. Das Übrige vertraute er Frey an. So kamen ein zwei ungesiegelte Briefe den üblichen Weg in die Hände des Obersthofmeisters, der bei der Auffälligkeit der Situation, der Häufigkeit von Briefen an diesen englischen Empfänger, Verdacht schöpfte, heimlich einen las, ihren Inhalt auf der Stelle dem verblüfften Eggenberg mitteilte, bevor er den kaiserlichen Siegel beifügte. Eggenberg wagte angesichts des unglaublichen Vorfalls nur noch den höchst verschwiegenen Abt Anton ins Geheimnis zu ziehen; Behutsamkeit schien ihm das Wichtigste für den Augenblick. Sie kamen in der stillen Behausung des Abtes umeinandergehend überein, nunmehr planmäßig jeden Brief zu öffnen aufzufangen und entsprechend seinem Inhalt zu handeln. Der Obersthofmeister hatte schon unabhängig von ihnen die Öffnung der letzten Briefe vorgenommen; jetzt erfolgte dies im verschlossenen Dienstzimmer des Meggau in der Burg vor den beiden Geheimen Räten. Es schien einmal, als hätte Ferdinand Verdacht geschöpft, sein Kurier lief unprotokolliert durch; da ließ ihn Meggau auf der Straße hinter Wien niederwerfen von gedungenen Zigeunern; dieser Brief enthielt den erschreckenden Hinweis auf das evangelische Interesse des Königs Jakob. Es schlug dem Faß den Boden aus. Man konnte nicht ohne Trautmannsdorf weiter. Erstaunlicherweise zeigte der sich gar nicht verwundert, schien etwas ähnliches vermutet zu haben. Nach seinem Rat wurden alle Briefe durchgelassen, aber dauernd die Kuriere auf den Straßen niedergeworfen und beraubt; dem Kaiser sollte Mitteilung werden von der Unsicherheit der Wege durch malkontente Ungarn und entlassene Söldner.
Furchtbar, unerwartet schwer traf dieser Bericht den versunkenen, ja zärtlich ausgeglichenen, verspielten Kaiser. Jäh brüllte er, man vernachlässige die Sicherheit seiner Korrespondenz. Steif und kalt standen vor ihn gerufen Eggenberg und Trautmannsdorf, entschlossen, nichts zu antworten. Es fehlte nicht viel, daß der Kaiser sich zu direkten Drohungen gegen sie herbeiließ. »Man hat Interesse an meinen Briefen,« schrie verzweifelt Ferdinand. Er konnte nicht fassen, daß die Worte, die er mit Liebe gemalt hatte, vor nichtswürdige berechnende Gesichter gezogen waren, auf der Straße lagen. Rasend war er; geschändet, tief beleidigt kam er sich vor. Und im Hintergrund verstand er, was man mit ihm vornahm. Was diese hier mit ihm vornahmen. Der jähe Umschwung ließ ihn verwirrt fünfmal dasselbe fragen. Rasch gingen die Räte. Eggenberg war draußen im Vorsaal leichenblaß, zitterte; er war so erschüttert, daß er nur immer sagte: »Es muß ein Ende nehmen damit, Trautmannsdorf.« Abt Anton gab ihm bekümmert recht. Der verwachsene Graf hielt sich still für sich; etwas Geduld; die Situation würde sich bald klären.
* * * * *
In diesen Tagen war es, wo der Kapuzinermönch Valeriano Magno, eine Kreatur Maximilians, seit Wochen unterwegs, am Hofe ankam, um im Auftrag seines Fürsten die Ausstellung eines Diploms, betreffend die Übertragung der Kur an Max zu erbitten. Schweigend verwies ihn Ferdinand an den Abt Anton zurück, der noch erzählte, jener Mönch komme, wie verlaute, aus Paris, wo Bayern sonderbare Fühlung mit dem Staatssekretär Puisieux genommen hätte. »Warum nicht?« lachte stoßweise der Kaiser. »Ja, warum nicht,« bekreuzigte sich Anton.
»Singt mir was vor,« schrie der Kaiser den Johann Valentini an; und der Chor mußte stundenlang in der Antikamera singen. Die Sänger waren erschöpft, der Tenor Pichelmayer versagte, der Kaiser wanderte ruhelos an einer Wand vor einem Gobelin, welches die Befruchtung Ios darstellte, hin und her; schwieg die Kapelle, so schrie er bald gegen die Bänke: »Ihr sollt singen.« Er ließ sich Tirolerwein kommen; dann mußten die Streicher und Flötisten spielen; er wurde nicht müde zu wandern. Keiner der vertrauten Kammerherrn vermochte an ihn heran; Frey erlebte nichts als unverständliche Jähzornausbrüche.
Wie eines Mittags Ferdinand, gedunsener Kopf, sehr starre Augen, durch ein Fenster auf einen kleinen Burghof blickte, saß da einsam neben einem leeren Wagen in der braunen Bergmannsgugel sein Narr Jonas auf dem Steinboden und arbeitete etwas. Rasch schlug Ferdinand das Fenster zu, stieg, dem Diener abwinkend, auf einer Wendeltreppe hinab. Der Hof grasbewachsen, heiß, leer. Es lag da vor einem Schuppen ein Sandhaufen. Ohne daß der Zwerg ihn beachtete, setzte sich der Kaiser, ohne Hut, in grauer loser Joppe, auf ein geschlossenes Faß am Eingang des Schuppens. Es tat ihm wohl, hier zu sitzen; wie gedrängt war er heruntergegangen; es tat ihm sehr wohl. An einen Balken legte er den Kopf, dachte an nichts, während er gerade vor sich blickte. Dann fiel ihm ein, es möchte möglich sein, hier zu schlafen; schob sich tiefer unter den kleinen Schuppen, atmete tief und, wie er die Augen schloß, schlief er schon, fest und streng, wie er begehrte. Nach einer Weile rührte der Narr mehrmals den Schuh des Kaisers. Der Kaiser zuckte, öffnete die Augen.
Der alte Schalk gurgelte heimlich, neugierig zudringend: »Hast mir zugeguckt, Ferdel?«
Der rührte sich nicht.
»Gelt, hast mir zugeguckt. Sag's. Was meinst du?« Als der nicht antwortete, machte sich der Wicht an sein Geschäft.
Nach einer Weile schwebte der Schatten Ferdinands von rückwärts über das Zeichenbrett des Narren; der Kleine hob listig den Finger: »Gell, du hast mir zugeguckt. Ich arbeite, ich arbeite.«
»Was ist?« Der Narr hatte auf einem Kistenbrett im Sand große leere Folianten liegen; aus einem Krügchen goß er Tinte vorsichtig über sie, tuschte die Tinte sorgfältig in breiten Pinselstrichen aus in die Ecken, an die Ränder.
»Ich dichte.«
»Was ist mit der Tinte?«
»Ich schreibe ein großes Werk über die Sterne, den Himmel, die Hexen und die Teufel. Bald ist's geschehen.«
Wie sonderbar, daß der Kaiser nicht lächelte, starr und streng auf die Bogen sah, das Gesicht nicht verzog; er schlief wohl noch.
»Wenn die Sonne schön warm und hell scheinen wird diese Woche, ist es fertig. Es kommt nur auf die Sonne an, Ferdel, im Dunkel geht es nicht voran.«
»Was ist.«
»Wenn du mich nicht verraten willst, grüner Löwe, will ich's sagen. Und wenn du mir etwas geben willst.«
»Was ist.«
Er bewegte sich vorwärts. Der Narr greinte: »Jeden Bissen schnappen sie mir vor der Nase weg. Wenn du gestern gesehen hättest, von den Forellen. Kaum hab ich etwas gesehen davon.«
»Komm mit.«
Weinend schleppte der Zwerg sich hinter ihn, deckte mit einem Sack alles sorgfältig zu: »Nicht schlafen kann ich vor Kummer. Aber doch bin ich ihnen allen über.«
Er sah den Mann neben sich strahlend an: »Ich zeig's dir. Komm zurück. Ich schreibe ein großes Werk über die Geister. Die Weisheit muß verbreitet werden unter die Menschen. Aber es dauert alles so lange, hab ich gesehen, ein Buch jahrelang, jahrelang. Viele Weise sterben, grüner Löwe, ehe sie ihr Buch fertig haben. Und darum --«
Er sah zu, wie sich Ferdinand wieder in den Sand setzte, fragte gespannt: »Aber du verrätst mich nicht.«
»Nichts, nichts.«
»Es gibt viele, die mir alles absprechen und mich am liebsten umkommen lassen würden.« Bang hob er den kleinen Tintenkrug unter dem Brett hervor, wies ihn: »Sieh selber, was ich für einer bin. Mein Buch ist, wenn unser Herr Petrus am Himmel will, bald fertig. Ich laß es dich zuerst sehen dann.« Und der Kleine goß über einen frischen Bogen Papier einen Strom Tinte, fing an zu wischen, entzückt plappernd: »Sieh an, wie es geht. Sieh, wie es läuft. Ich mache es auf einmal. Da, eine ganze Seite auf einmal, aus dem Fäßlein kommt der Brunnen. Im Nu. Gewischt in die Ecke, eins, zwei. Ich bin nicht so dumm, mir Federchen schnitzeln, in die Tinten stoßen, Tröpflein herausfischen. Ja, glaub's schon, kann lange fischen, bis das Fäßlein leer ist. Und wenn das Fäßlein nicht eintrocknet, fischen sie drei Jahre daran. Seht bei mir. Das ist der ganze Witz. Flink, hurtig, im Nu. Sieh her, Ferdel, hier unten.«
Auf dem Sand standen sechs kleine Krüge. »Seit gestern,« flüsterte geheimnisvoll der Schalk, deckte sie rasch zu. »Ich hol die Krüglein aus deiner Kanzlei, sie schimpfen, daß sie weg sind; morgen setz ich ihnen mein erstes Büchlein hin, die Krüglein daneben: werden sie Augen reißen. Ist von Gespenstern, Hexen und allen sieben Gestirnen, hab mir weidlich alle ausgedacht und hurtig drauflosgeschrieben. O, was sie alles drin lesen werden; auch von dir, Ferdel, und meinen Feinden! Finden sich alle drin.«
»Nun muß ich sorgen, lieber Jonas, daß du Doktor werdest ohne Studium und Examen.«
Glücklich, die Händchen schlagend: »O, wann gibst du mir meinen Schmaus? O, du wirst sehen, es wird noch besser. Wenn du mich bloß nicht verrätst.«
»Nur zu trinken, Jonas. Feiern wir dich auf der Stelle; zeig mir, wo es in den Keller geht.«
»Komm, ich weis' dir's.«
Mütterlich deckte er seinen Platz ab. Dicht am Schuppen in die Mauer war eine niedrige kistenverstellte Tür eingelassen, an sie schob er sich heran; eine Stiege senkte sich herab; schwerer kühler Geruch schwoll herauf.
»Wo bist du, Jonas?«
»Sst. Still. Ich bin unten. Vielleicht hört uns jemand. Komm. Hier.«
»Bist du allein?«
»Nein.«
»Wer ist bei dir?«
»Der Wein, der Jonas und du. Wir alle drei.«
Der Kaiser tastete sich herunter. »Setz dich gleich hier an die Stiege, Jonas, in den Winkel. Und laß die Tür auf, damit wir sehen können.«
»Ferdel, kannst du am Hahn trinken?«
»Hol mir einen Becher, wo du willst; leise; stehen überall Leute.«
Lange Stille in dem Dunkel. Große Umrisse von schwarzen Fässern, Tonnen, Bottichen, Leitern lösten sich; der Keller wuchs in die Tiefe.
»Jonas!«
»Hier das artige Becherlein. Ich bediene dich.«
»Wir wollen dich feiern, Jonas, morgen schenk ich dir deinen Zuckerzweig.« Sie tranken, tranken. Jonas lachte manchmal herausplatzend schallend, bald fing auch der Kaiser an. Jonas schrie: »Herr Rektor, Euer Liebden haben keine rote Robe an. Es ehrt mich nicht genugsam.«
»Jonas,« sagte nach einer Weile Ferdinand, »bring mir meinen Hund.«
Schon schlich der Zwerg davon. »Hier, Ferdel, hier ist das Hündelein.«
Es war eine Katze. Der Kaiser hatte sie auf den Armen, rang mit ihr. »Ich kann sie nicht halten.« Jonas, mit einem Griff am Nacken, preßte sie ihm an die Brust; sie hielt still.
Die blauen großen Augen des Kaisers, die grellen Schlitze des Tiers. »Gebt mir Euer Messer, Herr Doktorande. Das Kätzlein muß mir sein Fell für einen roten Mantel verkaufen.« Er vertiefte sich in den ängstlichen lauernden Blick, suchte sie plötzlich am Hals zu packen. Die Katze schlug um sich, der Zwerg zustürzend aber hatte ihr im Nu mit seiner scharfen Klinge den Hals durchgeschnitten. Während sie noch hell pfiff, spritzte, zappelte, auf die Steine kollerte, schlitzte er ihr kreischend knirschend das Fell von der Kehle bis zum Schwanz, riß es rechts links von dem heißen nassen Rumpf ab, von den zitternden Beinchen.
Ferdinand schluckte heftiger den Wein. Das dunstige blutende Fellchen legte er sich auf den Rücken, rieb sich die Finger.
Die Glocke schlug oben im Hof. »Jonas, lauf hinauf, ehe wir anfangen, dich zu feiern. Rasch. Spute dich. Sag meinem Leibdiener, du hättest einen Auftrag von mir zu bestellen. Sag's dem Kammerherrn in meiner Vorkammer. Wenn man mich suchen sollte, -- ich hielte Sitzung ab. Sie sollen's dem Abt Anton bestellen. Hier hast du meinen Ring, und bring ihn gleich wieder.«
Der Narr schaukelte den Kopf: »Ich soll nicht erzählen, wo du sitzest?«
»Nicht erzählen, Jonas.«
»Was wird mein armer Buckel dazu sagen?« quarte er.
»Scher dich!«
Atemlos kam er bald angestürzt: »Sie waren hinter mir her. Ich hab sie irregeführt.«
»Mein Ring.«
Der Narr hatte ihn an.
»Schelm, gib den Ring.«
Ferdinand spie, während er den Schalk schüttelte: »Zu saufen, Kerl. Was du hast. Ich hab Durst, Kerl.«
Der entwischte, blieb weg, laut schmatzte er in der Nähe. Ferdinand taumelte zu ihm in den Winkel, wo eine Laterne brannte; da stopfte der Kobold Rettich, trocknes Brot. Ferdinand brüllte lachend: »Verfluchtes Vieh,« riß den Korb her; der Schalk hielt sich schreiend am Henkel, sie stopften rissen schluckten und spien zerrten. Das Katzenfell, das rutschte, legte sich Ferdinand immer wieder auf die linke Schulter. Allein ließ er hingestreckt seinen Becher vollaufen, schlürfte, während ihm der Kopf wackelte und er den Korb vor die Brust zog. Plötzlich machte der Narr einen Ruck, kroch mit seiner Beute zehn Schritt davon, kreischte giftig: »Nichts kriegst du mehr! Verrecken kannst du, Dieb abscheulicher.« Er saß im Dunkeln versteckt. »Gibst mir Rettich, du Hund?« »Verrecken kannst du.« Ferdinand kroch auf allen Vieren mit baumelndem Kopf, rief heiser, drohte bettelte. Der Schalk verzog sich weiter. Listig bat der Kaiser: »Ein Stückchen, Herr Doktor, bloß ein Stückchen.« »Nichts, gar nichts. Nicht die Krume kriegst du Strolch.« »Ich will was haben,« brüllte der Kaiser, »ich kann nicht verrecken hier.« »Du Dieb, ich werde dir zeigen.« »Was habe ich dir getan, Jonas.« »Nichts. Verrecken! Verrecken!« »Ein Stückchen.« Ferdinand saß unter einem laufenden Faß, flennte: »Nichts gibt er mir. Seht den Kerl an, den Jonas. Den ganzen Korb hat er voll. Das wird kein Doktor.« »Verrecken.« Da hob Ferdinand, sich auf den Bauch werfend, an der Katzenleiche ausgleitend, mit den Beinen strampelnd, sinnlos aus vollem Halse brüllend, die Arme auf, schmetterte sie auf den Boden, salbte sich aufbäumend sein Gesicht mit dem Schmutz: »So behandelst du mich, so behandelst du mich. Ich verklag dich.« Wütend rutschte der Zwerg heran, schlug von hinten mit dem Korb gegen seine Beine. »Verklagen, du mich? Du Dieb.« »Er bringt mich um. Hilfe. Grausame Not. Was habe ich dir getan.«
»Verleumder, mich willst du verklagen.«
»Laß meinen Fuß.«
Oben stiegen Leute scheltend heran, warfen Licht in den Raum.
Der Zwerg geiferte frohlockend: »Jetzt sieh zu, wie du auswischst! Haha. Vor denen da! Du Dickwanst.« Johlte gegen das Gewölbe bei Ferdinand: »Hier bin ich! Walkt den Dieb!«
Kroch weg, schleuderte seinen leeren Korb zurück, meckerte vergnügt, mit dem linken Schuh des Herrn klappernd, dicht zu ihm schlüpfend, drehte er einen Hahn auf; der Weinstrom prasselte auf die Steine. Da heulte beim Anblick des leeren Korbs der Kaiser vor den beiden Küferknechten, die ihn drohend anhoben, dann den beschmierten Sabbernden zitternd zurechtsetzten.
»Alles hat er gefressen. Er ist schlecht. Es ist kein Gelehrter. Er ist ein Siebenfraß, ein unbarmherziger. Mich läßt er verrecken. Fangt ihn doch. Den unbarmherzigen Schelm. Gottseibeiuns.«
* * * * *
Graf Johann Paar war seit Hoheneich nicht am Hof erschienen. Ferdinand sagte knirschend zu Frey, der sich vor ihm entsetzte: »Ich will gnädig mit ihm verfahren, mit dem Hans. Will ihm nicht Hatschiere schicken, sondern dich und den Jonas. Ihr beiden sollt ihn holen.« Dann schwankte er lange, ob er nicht seinen Leibkammerdiener schicken sollte. Gebunden wurde dann eines Nachts Paar von Hatschieren auf einem Wagen in die Burg gefahren, ohne Hut, ohne Degen, wie sie ihn in seiner Stadtherberge ergriffen hatten. »Wahrhaftig,« höhnte der Kaiser, der ihn in der Schlafkammer sitzend empfing, »der Graf Paar.«
Dünnlippig stand er da, die gefesselten Hände auf dem Rücken. »Ich war ehrsüchtig,« erklärte der langsam, »der Mollert hatte mich gereizt. Ich hab mich von der Eifersucht auf Mollert bewegen lassen.«
Der Kaiser lachte giftig. Der blieb dabei: er bereue. Ferdinand fragte: »Das war es, das war alles?«
Paar dachte an die Stöße, die er erduldet hatte; langsam wiederholte er, er sei eifersüchtig auf Mollert gewesen. Der Kammerdiener mußte ihm die Fesseln abnehmen; es stünde ihm frei, in seine Heimat zu fahren. Er sah nicht, wie der Leibdiener sich beiseite wandte, die bettelnden zerreißenden Blicke des fast unbeherrschten Ferdinand, sah nicht, daß Ferdinand schrecklich erblassend im Begriff war, wackelnd auf seinem Sitz sich an seine Brust zu werfen.
Er fiel vor Ferdinand auf die Knie; starren rachsüchtigen Herzens sagte er: er bereue.
Der Kaiser bat ihn entsetzt um Entschuldigung, hieß ihn gehen.
* * * * *
Bei der zweiten Besprechung, die Dighby auf den weiten geweihprunkenden Korridoren der Alten Residenz zu München mit dem Geheimrat Richel führte, -- einem Herrn so groß wie er, so breitschultrig wie er, mit glattrasiertem verärgertem bäurischem Gesicht, mißtrauischen Blicken, von unbestimmtem Alter, -- meinte der Herr am Geländer der Wendeltreppe zu ihm, wenn es dem englischen Edlen beliebe, nach Thalkirchen oder sonst in die Umgebung zu spazieren: es sei sehr schön hier; die Witterung gut, er möchte es nicht versäumen; des Herzogs Bescheid träfe ihn rechtzeitig. Dighby amüsierte sich vor den Pfälzern, daß dieser furchtbare Unruhstifter, diese männliche Kriegsfurie, der Maximilian, nicht aus dem Beten herauskäme; wenn man nach ihm frage, immer heißt es: er ist zur Messe, er hält Andacht, heute Beichte, morgen Beichte, der Herzog belagere förmlich den lieben Gott. Er witzelte in seiner selbstvergnüglichen Art: ob der Max vielleicht darum so viel bete, damit kein anderer an Gott herankäme.
Schwere Luft wehte in München. Das mönchisch strenge Wesen des Hofes drückte auf die Stadt. Fensterln und Gunkeln war verboten, die üppigen gemeinsamen Badestuben aufgehoben; still trollten des Herzogs Maximilian einzige Freunde, die Brüder vieler Orden, Nonnen durch die Straßen der Stadt; Weibsen, die zu kurze Röcke trugen, Männer, die in Spinnstuben lachten, wußten, was ihnen drohte; in Eisen auf Wochen, wen die Lust anwandelte zu schuhplatteln. Lord Dighby zog in krebsrotem Gewand zu Roß über den großen Markt mit einem Schwanz von zehn gemieteten Knechten, purpurn wie er; er mußte es tobend dulden, daß beim Aveläuten sich keulenbewehrte Büttel auf sie stürzten, sie auf die Erde warfen und nicht eher erheben ließen, als das Geläut zu Ende war. Vor den Obersten Hofmeister, den majestätischen hochgeborenen Grafen Johann zu Hohenzollern stürmend, fand er keineswegs Ohr; es schien sogar, als ob dieser Graf Mißfallen darüber empfand, daß die Büttel nicht auch ihn selbst niedergeworfen hätten.
Nun langten die erstaunlichen Briefe des Kaisers Ferdinand bei Dighby an, von vielbemerkten kaiserlichen Kurieren getragen, Briefe, über die sich nicht schweigen ließ. Dighby geriet in immer größeres Entzücken; er begann für sein Verhältnis zum Kaiser Ausdrücke zu finden wie: der könne ihm nicht entwischen. Er unterließ Antworten nur, weil er nicht wußte, welche familiäre Anrede er dem Kaiser geben sollte. Ohne weiteres langte er eben angekommene Briefe, oft unentsiegelt, lässig dem Rusdorf oder dem weniger gewiegten Pavel; es war Langeweile, was ihn dazu veranlaßte. Prahlende Äußerungen stieß er in der Öffentlichkeit aus; er drohte, er gebe dem Herzog noch zwei Wochen Zeit zur Besinnung; dann kümmerte er sich um nichts; wagte es, während die Räte sich in der Masse versteckten, an einer Prozession bedeckten Hauptes herausfordernd vorbeizureiten. Die Räte waren verständnislos für die Briefe des Kaisers. Schon traf Rusdorf beklommen Anstalt, sich dem sehr gnädigen Dighby wieder zu unterwerfen. Da blieben die Briefe aus. Dighby größenwahnsinnig merkte tagelang nichts; argwöhnisch, schließlich spöttisch forschte Rusdorf. Nach einer Woche wunderte sich der Lord. Vielleicht, daß er hätte antworten sollen; aber es machte ihm zuviel Mühe; irgend etwas nagte dazu an ihm, lähmte seine Hand; seine Gedanken sprach höhnisch der spitzgesichtige Rusdorf aus: der Kaiser hätte ihn zum Besten gehabt. Einen Boten fertigte Hals über Kopf der Brite ab nach Wien, den Kaiser fragend; er kam zurück mit dem Briefe und einem Vermerk der Hofkanzlei zu Händen des Abtes Anton: das Schreiben trüge irrtümlich die Adresse des Kaisers. Die Wut dröhnte durch den Lord, er war betrogen, planmäßig England, planmäßig verhöhnt. Die Augen der Räte leuchteten.
Die Torwache hatte dem Herzog gemeldet, daß Kuriere in den erzherzoglichen Farben fast täglich zu dem englischen Gesandten liefen; der Kammerdiener Verduckh erkundete, berichtete Näheres. Da traf Maximilian Anstalten zu antworten.
Die Sorte Bauernmädchen bei Thalkirchen behagte Dighby vortrefflich; er griff zu; Liebesszenen arteten in Schlägereien aus: das gefiel ihm. Die beiden bayrischen Ehrenkavaliere waren sehr besorgt, daß es zu Zwischenfällen käme, wollten gern schweigen, auch die Pfarrer besänftigten, denn der Engländer verspielte wilde Summen an sie und ihr Gehalt war mager.
Schon vier Wochen trieben sie zu dritt ihr Unwesen rings um Thalkirchen; da stand eines Nachts der Graf von Bristol hinter seiner Herberge in einem Kohlfelde, hatte eine Zaunlatte in der Hand, verteidigte sich gegen einen anspringenden messerbewehrten untersetzten Bauernburschen, der weite Hosen und sonst nichts trug. Dighbys seidener Schlafrock war bis über eine Schulter aufgerissen. Und während des Kampfes, der von beiden Seiten stumm mit großer Entschlossenheit geführt wurde, erleuchtete sich der Himmel mit einem auffallenden, immer stärker und breiter flammenden Rot. Beide sahen unruhig beim Schlagen und Zustoßen auf, kamen überein, den Kampf auszusetzen, in der nächsten Nacht sich wieder zu treffen.