Wallenstein. 1 (of 2)

Part 7

Chapter 73,489 wordsPublic domain

Breit fußte neben dem Augustinerkloster an der Mauer das riesige Massiv der Burg, viereckig, ellbogenartig die Ecktürme ausstemmend, drei hohe Stock ragend. Darin hauste der Gewaltigste des Heiligen Römischen Reiches inmitten seines ungeheuren Trosses, beschützt von der Trabantengarde und den kaiserlichen Hatschieren, hundert Mann samt Fourieren und Trompetern unter Don Balthasar, ihrem Kapitän. Benedicite und Gratias an der Tafel sagten sieben Kapläne. Für seine Küche sorgten Mundköche Meisterköche Unterköche Bratenköche Suppenköche Küchenträger Holzmacher Adjunkten. Im Keller dienten Hofkeller Kellerschreiber Kellerdiener Fuhrleute Mundjungen, seine Vorratskammern füllten Einkäufer Marktträger Hoffleischer. Obertafeldecker für seinen Tisch, Kammertafeldecker Tischaufwärter Edelknaben Offiziertafeldecker. Hohe adlige Mundschenken hatte er in Zahl, Matthias di Verdina, Michael de Alverngia, Erasmus von Hirschberg, Johann von Grünthal, Chorasinsky. Den goldenen Schlüssel des Kammerherrn trugen dreiunddreißig Edle, dabei Graf Wenzel von Würben, Graf Julius von Salm, Baron Peter Ernst von Mollert, Johann Graf Paar, Wolf von Auersberg. In den Fluren, großen und kleinen Höfen, auf den Stiegen drängten sich die Stallmeister Bereiter Hoftrompeter Fechtmeister Büchsenspanner Sattelknechte Sänftenmeister Waffenpolierer Stallbediente im spanischen Stall, im Klepperstall, Leibkutscher Vorreiter Stalljungen. In den Stallungen standen neunzig Tummelrosse, achtzig Reitklepper, sechzig Kutschpferde, zweiundzwanzig Maulesel. Um die Seele des Kaisers mühten sich neben dem Beichtvater der Pater Johann Weingärtner, der Hofkaplan Paul Knorr von Rosenrot. Eine starke Hofkapelle erfreute ihn mit Musik, Johann Valentini war ihr Kapellmeister; es sangen für ihn berühmte Sänger; Peter da Naghera sang. Alt, Diskant Luka Salvatori, Graf Ossesko. Seinen Leib hatte er großen Ärzten anheimgegeben, Managetta war Doktor der vier Fakultäten, dazu Mingonius, Mahlgießer, Johann Junker.

Während er noch schlief, traten am grauen Morgen mächtige Herren seiner Regierung aus ihren Schlafkammern, nahe der Burg, am Petersplatz, bei Sankt Michael, am Bischofshof. Langsame Reitrosse, knirschende Karossen, Roßbahren trugen sie aus der wenig klappernden Stadt zusammen gegen die Burg vor ein zurücktretendes Haus, hochgieblig mit Fachwerk, vielfenstrig, mit geschwungener Gesimsverzierung. Um das Haus lief eine Vorhalle, von bunten eckigen Holzsäulen getragen. Weit schwang darunter der Torbogen mit fürstlichem Wappenschild, öffnete das Dunkel zur Stiege: das Haus Eggenbergs. Dann standen lange die Sänften und Karossen vorhangwehend auf dem regenweichen Platz, die Pferde nickten mit ihren Puscheln, schüttelten die Klingeln an ihren geflochtenen Mähnen, wetzten die Hufe, während der Regen über sie floß.

In der trüben Ritterstube lag Eggenberg auf dem Faulbett, das schräg gegen die Mitte des Raumes gedreht war; er lag im dicken Schlafrock darauf, rotwangig, lebendig, mit schalkhaften Augen, hatte eine blaue Seidenmütze bis über die Ohren gezogen und begrüßte jeden Herrn mit beiden Händen. Sie schoben sich um den schlankfüßigen Eckofen, unter den Holzsims und seine Geweihe und Pokale, an die Fensterbank, beklopften erregt im Gespräch die runden Butzenscheiben.

Dröhnend fuhr nach einigen ruhigen Äußerungen Eggenbergs der untersetzte bärbeißerische Questenberg heraus: »Stehen wir hier nach dem unerhörtesten Sieg der Geschichte? Das heißt den Siegespreis aus der Hand geben. Das heißt: nicht Habsburg hat gesiegt, sondern Wittelsbach. Und nicht Wittelsbach, sondern England, Dänemark, die Protestanten, denen wir billigen Kriegsgrund geben und die wir gegen uns vereinen.« Wilde Beschuldigungen warf er gegen Trautmannsdorf, der still, klein, verwachsen, als wenn er nicht dazu gehörte, auf der Fensterbank saß, daß dieser Graf und Beauftragte des Hohen Rats und der Kammer dabei war, als jene unseligen Beeinflussungen des Kaisers durch den Bayern stattfanden, ohne daß er sich gemüßigt gefühlt hätte, den Hohen Rat wenigstens nachträglich zu informieren. Begütigend meinte Eggenberg, dies sei wohl nicht möglich gewesen, wegen der sehr geheimen Natur der Besprechungen; hätte doch Questenberg selbst, sein lieber Gast, bei vielen Gesprächen mit Herrn Doktor Jesaias Leuker nicht vermocht, etwas Sonderliches aus ihm herauszuziehen. Der verwachsene kleine Mann sah nicht auf; er danke Herrn von Questenberg für den Hinweis, er hätte manches vermutet, wie der ehrwürdige Abt Anton auch; doch beteure er, auf der Krönungsreise oft mit der Römischen Majestät gesprochen und sie nach Vermögen beeinflußt und beraten zu haben; insbesondere sei der Erbschaft des Pfälzers gedacht worden und daß in München nicht Endgültiges vorgenommen werden sollte. Ferdinand sei nach der Krönung im Rausch gewesen, sein Glück, seine Gehobenheit hätte die ganze Reise bis München gedauert, mit Entzücken hätte er das deutsche Land gesehen, hätte mit vielen ehrenwerten Deputationen Abgeordneten Ständen verkehrt; einen wahrhaften Kaiser, Mehrer des Reichs hätten sie alle in ihm erblickt. Aus Dankbarkeit hätte es ihn zuletzt zu seinem hohen Schwager Maximilian gedrängt. Und dann -- Trautmannsdorf sah die nachdenklichen Herren mit seinen großen samtbraunen Augen an. Sie schwiegen. Der graziöse zarte Harrach schüttelte sich entsetzt: »Wittelsbach steht wieder auf.«

Als wenn er mit sich spräche, schloß Trautmannsdorf die ruhigen Augen: »So bliebe nur zu bedenken, ob man jene auch mir bis jetzt verborgenen Maßnahmen des Kaisers als einen Regierungsakt aufzufassen gewillt ist.« Hans Ulrich Eggenberg schob sich die Mütze hoch, er traute seinen Ohren nicht. »Wir können dem Hohen Rat,« fuhr der Verwachsene im schwarzen Seidenwams fort, »nicht anders helfen, als indem wir auf eine gute Weise jene Maßnahmen annullieren. Es läßt sich anscheinend nicht leugnen, daß die Maßnahme unliebsam, ja gefährlich ist. Alsdann wollen wir weiter debattieren.« Er hatte zu seinem Freund Kremsmünster am Ofen herübergeblickt, der lächelte ihm traurig zu: »Und werden den Teufel mit Beelzebub austreiben. Ihr seid ein Rechtslehrer, wie ihn Bologna nicht hat. Aber Logik hat hier nur stumpfe Zähne; sie beißt doch das kaiserliche Wort nicht tot.«

»So wird es nötig sein, mit des Herzogs in Bayern Durchlaucht in Verhandlungen zu treten.« Er dachte laut weiter. Lächelnd respondierte Abt Anton: »Mag Euer Liebden dies im Ernst vorschlagen? Wird Ihm gewiß niemand verwehren, diese Verhandlungen zu führen.« »So wird es nötig? sein --« Trautmannsdorf biß sich auf die Lippen. Anton ermunterte: »Sprecht nur.«

»Es gibt auch Mittel, die man verwendet, wenn man eine Fährlichkeit für sehr groß erachtet und ihre Abwendung wirklich und von Herzen wünscht. Mittel selbst gefährlicher Art. Es gibt, wie den liebwerten Herren und Exzellenzen bekannt ist, nicht nur hier Männer, denen die Durchführung des kaiserlichen Entschlusses verderblich erscheint und erscheinen wird. Die Kurfürsten werden insgesamt als nicht gefragte Partei sich gekränkt erweisen, sonderlich die Durchlauchten von Sachsen und Brandenburg, welche samt ihrem Anhang in nicht vorzusehender Weise protestieren werden. Ich vermeine, wir werden jedenfalls nicht hindern, auch nicht hindern können, wenn sie sich gekränkt erweisen. Oder wenn sie Widerstand leisten, im Geheimen oder auf dem Deputationstag.«

»Sehr kühn,« Herr von Strahlendorf mit salbungsvoller Stimme, pfeilerartig lang hinter Eggenbergs Bett über den Saal schauend, »drücke sich der Herr deutlicher aus; er empfiehlt: wir stecken uns hinter das hohe Kollegium.«

»Ich empfehle nicht,« fuhr der vor den Butzenscheiben fort, »auch rate ich nicht. Wir überlegen. Die Frage lautet: ist die kaiserliche Maßnahme gefährlich, also: sollen Mittel dagegen ergriffen werden. Wer ist der Kaiser? Ein Habsburger. Leidet die Macht Habsburgs Einbuße durch jene Maßnahme?«

Questenberg dröhnte: »Die Kur an Bayern abgeben, heißt unmittelbar an den Säulen des Erzhauses rütteln.«

Harrach blickte rechts und links: »Zum wenigsten droht Gefahr. Vielleicht können wir sie noch bannen.«

Hoheitsvoll schüttelte Strahlendorf, der Vizekanzler, den gepuderten Kopf: »Man wird mich auf keinem Wege sehen, wo es gegen den frommen Kaiser geht. Die Maßnahme des Kaisers mag dem gewöhnlichen Geschäftsgang widersprechen, sie ist aber entsprungen einem echt katholischen Gemüt; der Jubel unserer christlichen Stände wird keine Grenze finden, wenn sie kund wird. Daß Bayern die Oberpfalz erhält, wird unausbleiblich sein; daß es den Kurhut an sich nimmt, werden spätere Zeiten zu den großen Beweisen unsrer Frömmigkeit rechnen; denn nun ist für alle Zukunft gesichert der katholische deutsche Kaiser. Halten die Herren dies fest; sie werden an dem Beschluß nichts mehr zu tadeln finden.«

»Und Kursachsen,« schrie Questenberg, »und Brandenburg? Und England und Dänemark?«

Eggenberg unterbrach nachsichtig: »Es wird freilich schwer halten, die Kurfürsten nicht zu verstimmen. Und noch schwerer, Krieg zu führen.«

Der Abt lächelte, er verwaltete die Finanzen: »Schwer. Die Säckel sind nicht grade voll.«

Wieder regte sich Trautmannsdorf, der angestrengt den hageren hölzernen Reichsvizekanzler studiert hatte: »Es ist ausnehmend richtig, was mein Herr von Strahlendorf gefunden hat, daß die neue Wendung der Dinge einen Sieg der Frömmigkeit darstellt. In Zukunft, solange wenigstens das Heilige Römische Reich blüht, wird kein protestantischer Kaiser möglich sein. Dies ist ja auch unser aller Herzenswunsch. Aber gewiß ist auch das Gegenstück: der Grimm der protestantischen Kurträger, welche ja nunmehr noch dem Namen nach mitküren, jedoch nur essen dürfen, wie's ihnen die Katholischen vorsetzen. Das wird ihnen nicht gefallen, sie werden versuchen, Einfluß zu gewinnen; sobald sie sich zusammentun, ist vereitelt, was grade gewollt war: es wird zwei Reiche geben, ein kaiserliches, freilich katholisches, und ein protestantisches. Das Reich ist zerfallen. Besser ist, sie nicht in die verzweifelte Minorität drängen; katholisch sein -- aber mit ihnen.«

Strahlendorf warf ihm einen strengen Blick zu: »Der Krieg ist gewonnen. Der wahre Glaube hat gesiegt. Es ist folgerichtig, dem Katholizismus das verfallene Land und den verfallenen Kurhut zu überantworten. Das Gegenteil ist Schwäche.«

Laut seufzte der Abt: »Ach die Stärke. Möge der Herr mein Amt übernehmen. Tadle er uns nicht zu sehr.«

»So konkludiere ich:« Fürst Eggenberg sah jedem einzelnen der Herren unter die Augen, »es ist das Recht des Kaisers, jene Maßnahme zu treffen oder getroffen zu haben. Es ist das Recht der Kurträger, sie nicht zu billigen. Voraussichtlich wird Streit mit den Kurträgern, sicher mit einigen Anhängern des Pfälzers entstehen. Wir müssen uns auf Unruhe und Krieg vorbereiten. Möglich ist eine schwierige Rivalität Wittelsbachs, besonders nach der Aufnahme ins Kolleg.«

Alle schwiegen bedrückt; ungebeugt nur Strahlendorf.

Der Abt hob den Finger: »Dies sind Fakta. Laßt uns Rat finden, Rat, wie einem möglichen Unheil begegnen.«

Viel ruhiger war der schwarze Questenberg geworden; er brütete, mit dem Rücken gegen die Wand, vor sich; wollte sprechen, hielt wieder an. Harrach streichelte ihm friedlich die Schulter: »Wenn der Blitz in ein Haus eingeschlagen ist, soll man nicht nur nachsinnen, wo man sich am besten hätte verstecken können, welche Gebete man hätte sprechen sollen, welche Heiligen anrufen.« Mit tiefer Stimme Questenberg: »Ich weiß. Wir werden dem Kaiser nicht in den Rücken fallen. Das Geschehene ist schmerzlich, vielen unter uns ist es schmerzlich. Wir dienen alle unserm Kaiser. Mag unser liebwerter Fürst Eggenberg der Römischen Majestät mündlich, mit jeglicher Sanftheit, unsre Ergebenheit und unsre Bedenken, wie er sie vernommen hat, anzeigen.« Trautmannsdorf flüsterte gespannten Gesichts eindringlich durch den Raum: »Vor allem: wir wissen nicht, was den hohen Herrn veranlaßt hat, wider seinen Willen der Durchlaucht in Bayern nachzugeben. Wir wissen es nicht. Es heißt auf der Hut sein vor der Durchlaucht. Es heißt, sich ergeben und entschlossen vor den Kaiser stellen. Jeglicher Wiederkehr vorbauen.«

Nachdem der erschöpfte Eggenberg mehrfach Schweigen über die Beratung anempfohlen hatte, damit es nicht erscheine, als ob Zwiespalt zwischen der Majestät und ihrem untertänigen Rat bestände, faßte man den Beschluß, die Übergabe der erledigten Kur an den Bayern nicht zu behindern, zugleich die Majestät um eine gemeinsame Audienz anzugehen.

* * * * *

Zu Mollert und Mansfeld lächelte der Kaiser auf dem Wege von der Kirche: »Es ist mir leichter, liebe Herren, es geht mir besser. Wie nennt man wohl den, der krank ist und versäumt, zum Arzt zu schicken?«

»Er ist sicher nicht -- der Dümmste.«

»Laß nur, Mollert,« winkte Ferdinand. »Vielleicht ist er nicht dumm, vielleicht ist er nicht klug. Wer eine Sünde begangen hat, soll beichten gehen.«

Nachmittags hörte er, sein Rat Eggenberg sei erkrankt, und als er ihn in seiner Wohnung aufsuchen wollte, hieß es, er sei aufs Land gegangen. Der Kaiser schickte ihm seinen Arzt Mingovius zu; Kaspar Frey fuhr mit, um zu fragen, ob von Dighby Depeschen da wären; Eggenberg möge sich im übrigen nicht zu früh nach Wien bemühen, sich recht pflegen. Die Antwort kam, es seien Depeschen von Dighby da; er schrieb, er hoffe die Festung bald niedergelegt zu haben; von andrer Seite sei mitgeteilt worden, Dighby hätte mit den Türken und Tataren gedroht, falls Maximilian nicht nachgebe.

»Der tolle Kerl,« freute sich Ferdinand und staunte. Draußen blühte der Frühling, herrlich über alles Denken. Nach langem Hin und Her brachte der feine zierliche Doktor Frey heraus, er hätte verlauten hören, die Herren Geheimen Räte hätten sich betroffen gefühlt durch die Mitteilungen des Kaisers; eine -- nun -- eine sonderbare Stimmung herrsche unter ihnen.

»Du machst Späße, Frey?« Ferdinand überlief es kalt: »Sie verlassen mich? Sie helfen mir nicht?«

»Sie klagen; sie fühlen sich gekränkt, daß man sie nicht gefragt hat. Sie halten den getroffenen Entschluß für gewagt, für gefährlich.«

»Und wie denken sie auf Abhilfe?«

»Es ist nicht ersichtlich.«

»Das sind meine Räte. Was brauche ich Kammer und Rat. Daß sie mir wie Doggen in den Nacken fallen. Es ist nicht ausdenkbar. Du wiederholst mir. Und Eggenberg ist nicht krank.«

»Der Fürst ist gestern in sein Quartier zurückgekehrt.«

Bleich, entschieden, leise Ferdinand: »Nein, das habe ich nicht um sie verdient.« Er stand plötzlich dicht bei Frey: »Um Jesu willen, was sagst du mir.« Damit taumelte Ferdinand in seine Arme. »Schick nach Eggenberg,« flüsterte er.

»Er kommt nicht.«

»Eggenberg soll kommen.«

»Er kommt, wenn Majestät befehlen. Aber er wird nicht gut sprechen.«

»Trautmannsdorf?«

»Ebenso.«

»Der Abt Anton.«

»Ebenso.«

»Ich soll sie anbetteln. Sie wissen ja nicht; es liegt nicht an mir. Ich will zu ihnen.«

»Bleiben Majestät.«

»Sie müssen es in die Hand nehmen.«

»Sie wollen etwas gegen Majestät.«

»Gegen mich. Gegen mich. Es ist zum Lachen, zum Schreien. Wer bin denn ich? Es kommt ja nicht auf mich an.«

»Sie wissen, daß es auf einen Krieg geht.«

Starr: »Sie wissen? Auch das?«

»Sie halten den Krieg für unvermeidlich.«

»Nein, nein. Sie lassen mich in Maximilians Gewalt. Sie helfen mir nicht. Ihnen liegt nichts daran, mich und das Haus zu retten. Es gibt nichts Unvermeidliches. Sie haben sich noch nicht von ihren Stühlen bewegt. Dighby ist hingefahren. Er tut etwas. Was tun sie? Sie nennen sich krank und sind es nicht. Sie verschwören sich gegen mich.«

Der alte Frey schüttelte den Kopf: »Die Herren tun nicht gut an Eurer Majestät.«

»O, du bist ja der einzige. Bist du der einzige, sag ihnen, steck ihnen zu, sieh zu, wie du's kannst; was soll ich denn machen, mir ist der Mund geschlossen, ich kann nicht zu ihnen, du hast ja recht. Aber: es sei nichts geschehen damit, mit der Rebellion. Nichts. Sie sollten sich Dighby ansehen, er ist ein Fremder, ein Brite, und tut mehr für mich als sie.«

Ernst nahm Frey das hin.

* * * * *

Das Audienzgesuch der fünf Herren lag vor. In den Kaiser aber war der Zorn gedrungen, nicht über die Herren, sondern über die Knechtung, die diese Sache über seine Seele ausübte. Seine Augen Porzellanschälchen mit blaßblauen Rundungen bemalt, hell, fast weißlich. Wenn die kleinen Pupillen sich verengerten, gaben die Augen noch mehr Licht ab. In dunklen Gängen, auf Treppen nachts schwebten sie wie zwei Kelche nebeneinander.

Seine glashellen Augen belehrten den alten Frey rasch: der Kaiser heischte die Herren zu sprechen.

»Was begehrt ihr von mir?« schrie er sie ohne Form an.

-- Sie wollten als berufene Ratgeber der Krone ihre Stimme erheben.

-- Wenn der Kaiser ihren Rat wünsche, werde er ihn einfordern; er vermöge zu denken; man möge nicht glauben, er brauche das Gängelband.

-- Das Vertrauen des Kaisers zu seinem Geheimkolleg hätte sich zu ihrem tiefen Gram getrübt.

-- Der Kaiser bete zu Gott und den Heiligen; er sei nicht mehr unbeschützt; er würdige die Herren nach Verdienst.

-- Das Geheimkolleg fühle schmerzlich, aber doch mit einer gewissen Befriedigung, daß die Majestät ihrer nicht mehr bedürfe.

-- Er werde sie gehen heißen, wenn es ihm beliebe. Sie möchten sich des nicht gewünschten aufsässigen Tones entschlagen. Ob man nicht wisse, wer Kaiser sei, er, Ferdinand der Andere von Habsburg, oder Hans Ulrich von Eggenberg oder der kleine Trautmannsdorf.

Zu Boden neigte sich Trautmannsdorf; sie hätten den Spott nicht verdient; der bayrische Herzog reibe sich an Habsburg; sie wollten ihm das wehren; sie hätten den Spott nicht verdient.

Lippenbeißend stand Ferdinand da: »Ich werde mit Euch reden, Graf Trautmannsdorf, wenn wir zu zweit allein sind. Jetzt muß Euer Kopf sehr heiß sein.«

Dem glühten die Augen im Kopf; unwillkürlich machte er einen Schritt vorwärts.

»Blickt zur Tür,« brüllte der Kaiser, »blickt zur Decke, wagt nicht, mich so anzugaffen. Ich rufe die Wache und lasse Euch in Eisen werfen. -- Ich will Euch nicht hören, Euch allesamt nicht. Ihr seid meine Feinde; wie wagt Ihr es, über Max zu reden. Geht hinaus! Thornradel! Zum zweitenmal! Habt Ihr nicht etwas in der Tasche, ein Schriftstück, das ich unterschreiben soll? Seht Ihr nicht die Kette an meinem Hals, mit der Ihr mich erwürgen wollt. Ich will Euch nicht sehen.«

Tiefblaß, zähnebeißend, gab Trautmannsdorf den andern einen Wink mit den Augen.

Vom Schreibtisch zurückkehrend fragte Ferdinand, wer von den Herren zu dieser Audienz geraten habe. Als Fürst Eggenberg sich nannte, bedachte sich der Kaiser lange: »Ich will den Herrn anhören. Der Herr erwäge aber, mit wem er spricht, und erwäge jedes Wörtlein.«

Der sprach. Als er geredet, hatte er keinen Satz gesprochen, der nicht klug und vorsichtig schattiert gewesen wäre und dem Kaiser nicht jeden Weg zum Nachgeben geöffnet hätte.

Ferdinand trank seinen Wein; eine Zeitlang drehte er den Herren den Rücken halb, scheinbar ins Glas blickend. Er war tief beschämt. Er war von namenlosem Grimm auf Maximilian erfüllt.

Die Herren boten ihm ihre Hilfe gegen den Bayern an; sie durchschauten ihn; er war nicht mehr ihr Kaiser; er mußte ihre Hilfe annehmen.

Er sagte, wer von den Herren noch etwas hinzusetzen wolle, möge sprechen. Er ging auf und ab, um eine grüne Marmorsäule. Als er sie mit der schlaffen Hand berührte, sah er in der blanken Fläche sein langes, hochgezogenes Spiegelbild. Er erschrak, das Bild taumelte seitlich herunter, er ging weiter.

Eggenberg erklärte, Rat und Kammer würden unverzüglich das Nötige zur Übertragung der Kur an Bayern bereitstellen. In Verwirrung, zermahlen und zerfasert, konnte Ferdinand nur lächeln. Er reichte jedem die Hand. Sie wußten angesichts seines zerstreuten Gebarens nicht, ob sie entlassen waren.

Bis er aufblickte und ihnen zunickte, die Arme über die Brust verschränkend.

* * * * *

Was Ferdinand tags drauf nach langem Sinnieren und Seufzen begann, war ein überstürztes Briefschreiben und Kuriersenden nach der Stadt, deren Name vor seinen Augen brannte. Hatte er einen Brief beendet und verschlossen, so war er für Stunden ruhig, in denen er sich labte, um die Auseinandersetzung wieder zu beginnen. Es mußte leise alles vor sich gehen, weder Obersthofmeister noch Beichtvater noch Geheime Räte durften etwas erfahren, geräuschlos rasch ohne Pausen sollte alles hinter ihrem Rücken vollendet werden. Er trug eine kleine Schreibtafel am Gürtel, die er nicht einmal seinem Leibkammerdiener abtrat; und während der Tafel ereignete es sich bisweilen, daß er in tiefer Umwölkung Notizen aufmalte. Seine Stimmung war heiterer als vorher, aber leicht erregt und gespannt. Wieviele Briefe er an Dighby schrieb, allmählich, von Tag und Nacht zu Tag, wußte er nicht. Es war ein Schwall, während er glaubte, eben begonnen zu haben. Zuerst war es Dighby, der Graf von Bristol, ein vor kurzem neu eingetroffener britischer Sondergesandter, mit einem rauhen Wesen, blutrotem Gesicht, häßlichen aufdringlichen Blicken, einer Ischias, dem er schrieb. Bald setzte er sich mit einem andern auseinander, der für ihn in München im Geheimen wirkte, sein eigner vertrauter Sondergesandter, sein intimer, unausgesprochen ihm anheimgegebener Freund, sein Glückswunder. Von Tag zu Tag war diesem mehr zu sagen. Er mußte die Briten aufklären und doch nicht aufklären, ein Brief sagte zu viel, einer zu wenig. In München mußte Dighby gehört haben, was geschehen war; aber es war nicht so geschehen, er hatte mit ihm kein Doppelspiel getrieben, indem er ihn zur Vermittlung ermutigte, und doch war alles schon gebunden und nicht mehr auflösbar und neu zu knüpfen. Er mußte ihm zu verstehen geben, zwischen den Zeilen, daß es ganz anders war, daß er sich nicht gebunden hatte, sondern daß er einmal gefesselt worden war, in einem verwirrten betäubten Augenblick, in dem er nicht rechnen konnte oder wie es sonst gewesen war. Daß er damals sonderbar eingeschüchtert worden war von Bayern, nachgab, seine junge Kaiserwürde schon verloren glaubte, sich aus Scham nicht hatte offenbaren können. Das mußte schmeichelnd in halber Abbitte zwischen den Zeilen geseufzt werden. Und gebeten werden um Befreiung -- jedoch nicht zu deutlich, denn man war Römische Majestät und jener Brite, und ein Ungläubiger. Mit Politik mußte alles versteckt und maskiert werden; welches lebhafte Interesse mußte nicht England haben, den Bayern zum Nachgeben zu zwingen, um des pfälzischen Kurfürsten, des englischen Schwiegersohnes und seiner Kinder willen; ja Ferdinand ging so weit, durchscheinen zu lassen, daß er appellieren möchte an das Interesse Englands, eine starke protestantische Partei auf dem Festlande zu haben; schmerzlich und grausam weh tat ihm diese Bemerkung. Er hielt diesen Brief, vor dem er sich selbst entsetzte, lange zurück, trug ihn bei sich, mußte ihn von sich reißen, um ihn seinem alten Frey in die Hand zu drücken. Jeder Brief erklärte neu, kühner. Und er erwartete keine Antwort, dachte nie daran, was Dighby meinen würde, glaubte jahrelang mit ihm umgegangen zu sein.

Eggenberg, dessen Haus durch einen Geheimgang mit der Burg verbunden war, staunte, als der Kaiser öfter unversehens mit geröteten Wangen freudig und müde bei ihm erschien, gedankenlos plauderte, sich an sein Bett setzte, eine große Zärtlichkeit gegen ihn und andre an den Tag legte, daß er Gnadengeschenke verteilte, ohne sich um Gurlands Bedenken zu kümmern; er beschenkte Gurland selbst noch.