Part 6
Da geschah, daß eine zunächst unbekannte interessierte Partei einen Schritt tat, um sich des lästigen, noch nicht sehr auffälligen Mannes zu entledigen. Sie gedachte ihn verunglücken zu lassen. Von dem Führer seiner Roßbahre irregeführt -- ungewiß, ob mit Absicht oder zufällig -- geriet der Fürst, nur von einem welschen Agenten begleitet, in das Gewirr jener ärmlichen Gassen, die sich im Süden der Stadt nahe den Toren hinziehen und die Unterschlupfsorte den Bettlern und ihren Familien bieten. Unter diese, vor einem Wunderhof, trat der Bahrenführer, nach dem Weg fragend. Zwei Kamasiere -- abgedankte sündhafte Scholare -- hielten das vordere Roß fest, wollten sprechen, da machte einer von ihnen, anscheinend vom Roß geängstigt, einen Satz, stieß aus den Umstehenden einen Mann um, der sogleich einen Krampfanfall erlitt, die Backen aufblies, schäumte, so gut ein geübter Gauner kann, der über ein Stück Seife im Mund verfügt. Eine Frau, die blaß beiseite gestanden hatte, hielt den Krampfenden bei den Händen, schrie um ihren Mann, wandte sich an die andern, verlangte eine Entschädigung. Sie schickten die Bahre samt dem Franzosen weg, den alten Fürsten führten sie auf den Hof, sprachen ihm freundlich zu. Am nächsten Tage durchsuchten Soldaten der Stadtgarde die Gasse ohne Erfolg; ein Bettler, der sich als Sterzenmeister ausgab, führte sie. Dem französischen Geschäftsträger, dem feinen Marcheville, aber stieg das Blut vor Freude zu Kopf, als sein Agent ihm verängstigt den bedauerlichen Verlauf der Spazierfahrt schilderte. Er fuhr stolz bei Kremsmünster vor, bei dem Oberhofstallmeister, beim spanischen Gesandten, sprach voll Schmerz von seinem Hausnachbarn, dem Neuburger Pfalzgrafen, seinem wahrhaft väterlichen Freund, und wie dies möglich sei, was für ein entsetzlicher Vorfall das sei; er bitte dringend darum, daß von allen maßgebenden Stellen Nachforschungen angestellt würden; bei Ognate dem Spanier, wagte er, freilich lachend, die Bemerkung hinzuwerfen, man müsse geradezu auf den Gedanken kommen, es hätte jemand Interesse daran, den alten freundlichen Herrn bei Seite zu schaffen; ob nicht auch bei jenen durchgesickert sei aus den Kanzleien, der Herr betriebe hier Ansprüche auf die Pfälzer Kur, über die sonderbare Gerüchte verbreitet seien. Dem Abt Antonius wie dem Fürsten Eggenberg war die Angelegenheit um so peinlicher, als auch der Spanier sich nicht der entsetzlichen Vermutung entschlagen konnte, hier sei kurzer Prozeß gemacht, und es beklagte, daß das Ganze ziemlich ungeschickt angestellt sei von den bayrischen Herren. Denn er nahm als sicher an, daß Herr Doktor Leuker dahinter steckte. Abt Anton und Eggenberg aber fürchteten etwas viel Schlimmeres und waren glücklich, als Alles den Herrn Leuker mit dem Vorfall in Verbindung brachte, und nicht, wie sie, die völlig undurchdringliche Kaiserliche Majestät. Durch das wilde Herumposaunen des Franzosen sahen sie sich verhindert, den Vorfall zu vertuschen, wie sie gewillt waren; sie mußten vor aller Öffentlichkeit energische Maßnahmen zur Aufdeckung der Sache ergreifen.
Mit größter Besorgnis setzten die hohen Herren die Sache mit allen Einzelheiten selbst ins Werk. Eine gründliche Visitierung der Sitze der Gatterklopfer und Fechtbrüder in ihren Hauptzechen, im Königsklosterhaus, in der Kotluke erfolgte. Die beiden Sterzenmeister des Bezirks, in dem der Vorfall sich ereignete, wurden auf das städtische Rumorhaus geschleppt, ausgepeitscht und ihnen die gelinde Frage gestellt, wo sich der Pfalzgraf befinde; dies geschah sehr im Geheimen; Kremsmünster war in Person zugegen, um sogleich alles vertuschen zu können, falls eine Allerhöchste Person dahinter stecke. Sie hatten im Narrenkotter hinter dem Hohen Markt bei völliger Nahrungsentziehung vier und zwanzig Stunden Zeit, weiter über die Frage nachzudenken. Die Befragung ergab nichts. Aber wie die wilden Wölfe fielen dann die beiden freigelassenen in ihre Quartiere auf der hochgelegenen Laimgrube und an der Windmühle ein, sie plünderten mit einem handfesten Troß die Mirakelkeller, bunten Haushaltungen; aus den verfallenen Häusern, den Winkeln der Sackgassen sprangen vor ihnen die abenteuerlichen Schatzgräber im Vagantenkostüm, die braunbemalten Christianer, vergaßen ihre Kutten Stricke und Muschelhüte, die Pilgerstäbe warf man hinter ihnen drein, die plumpen ungefügen Schwangeren liefen wie Wiesel, verloren im Sprung ihre Bauchwülste. Eine verängstigte Besprechung der Zechen am Abend, nachdem ihnen unvermutete Ansengung des ganzen Bezirks angedroht war, hatte den Erfolg, daß man die Spuren der zwei Scholaren und des Weibes des Krampfkranken ermittelte; sie verrieten, der Fürst schwimme mit dem Anfallstäuscher und einem alten Weib die Donau herunter, fände sich aber alle zwei Tage, auch drei Tage in der Nähe des Quartiers; die beiden andern warteten auf eine Geldsumme, von wem wußten sie nicht, auch nicht für welche Zwecke, ob als Lösegeld oder sonst wofür. Das Boot wurde am folgenden Tage schon von den unruhigen Leuten erwischt, wie es am unteren Wehr an einer wüsten Stelle nahe dem Judenquartier anlegen wollte; zwei Insassen, an Land gestiegen, machten Reißaus; auf einer Bootsbank, mit einem Ruder bewaffnet, saß der alte barhäuptige Pfalzgraf, mit halbnacktem Oberkörper, mit hohen Soldatenstiefeln, in polnischen Samthosen, drohte jeden niederzuschlagen, der sich ihm näherte, sprang dann zwischen dem Schilf am Hinterteil des Boots ins Wasser, wurde gefaßt, ans Ufer gelegt. Die beiden Sterzenmeister redeten ihm freundlich und ehrerbietig zu, er glaubte aber, jetzt erschlagen zu werden, hielt stammelnd die gefalteten Hände vor den Mund, die Augen krampfhaft geschlossen. Nach einer Stunde erst ritten eine Anzahl Herren an, dabei der Kanzler; er sah mit tiefer Bewegung den Zustand seines gnädigen Fürsten, seine Verstörung, das schwappende abgemagerte Bäuchlein, die weißhaarige fette Brust, über dem schlaffhäutigen faltenreichen Hals das kleine dünne Köpflein. Vergraust lag Philipp Ludwig in seinem Bett; während man ihm zusprach, es sei auf ein hohes Lösegeld abgesehen gewesen, blieb er dabei, sie hätten ihn umbringen wollen; das alte furchtbare Weib hätte fast stündlich gesagt, er würde geschlachtet werden, er solle seine Seele darauf vorbereiten, sie warteten nur auf den Lohn für die Tat. Der Kanzler saß von Angst geschüttelt neben dem Bett, bebend, wie ihn die hochfürstlichen Söhne empfangen würden, wenn er ohne des Pfalzgrafen Durchlaucht zurückkehren würde. Nicht eine Woche war um, da fuhr der Neuburger wieder ab; den Kanzler ließ er auf Drängen Marchevilles zur Vertretung seiner Rechte zurück.
Und während der Fürst im sonnigen Neuburg herummarschierte, kein Ende fand des Kommandierens Schreiens Verwirrens in Gesprächen mit seinen Söhnen Bedienten, durchgreifende Organisationen des Steuer- und Heerwesens verfügte, widerrief, wurde der knickbeinige Kanzler in Wien herumgejagt von Marcheville, spöttisch, neckisch wieder fallengelassen, wie es die Situation gerade mit sich brachte. Nach Neuburg lief eines Tages ein Kurier mit dem Bescheid der Hofkammer, daß sie Kenntnis genommen habe von seiner Denkschrift, ihn seinerzeit über den Lauf der Angelegenheit orientieren werde, eine Erklärung, die der wieder abgemattete Philipp Ludwig aufatmend empfing und den Befehl an Sartorius abgehen ließ, sofort zurückzukehren; er schrieb ihm eigenhändig ein Brieflein: »Nun mag es weitergehen. Kommt nach Hause. Ich habe meine Hand im Spiel und ziehe sie nicht wieder heraus.«
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Und in der Tat: noch lange nach seiner Abreise wirkte sein kurzer Besuch in Wien. Seine sonderbaren drohenden, offenbar tief informierten Denkschriften konnten nicht anders erklärt werden als unter bestimmten fatalen Voraussetzungen. Kremsmünsters Kopf war geschwollen, er ließ sich für keinen der fremden Geschäftsträger und Gesandten sprechen, Eggenberg hatte die Taktik, alles abzulehnen und sich gänzlich ahnungslos zu zeigen; es liefen Anfragen über Anfragen ein aus den Kanzleien mehrerer Kurfürsten betreffend die Neuburger Denkschrift. Noch war nach auswärts nicht verlautet der Überfall auf diesen geheimnisvollen Kronprätendenten, der Spanier war schamlos genug zu insinuieren: wenn nicht Bayern ein Interesse an dem Verschwinden des Pfalzgrafen hätte, so vielleicht die kaiserliche Hofkammer; man wolle die Geheimabmachungen des Wiener Hofes mit dem Herzog Maximilian nicht zu früh preisgeben, man hätte sich resolut entschlossen, aber es sei anders verlaufen.
In dieses aufgeregte, sich selbst steigernde Ungewiß platzte ein Büchlein hinein, das vom Norden verbreitet, frommen überaus angesehenen Damen zur Kenntnis gelangte. Fast zu gleicher Zeit wie in Dresden am protestantischen Hofe des Kurfürsten Johann Georg dieses Büchlein gelesen wurde unter Kopfschütteln Geschrei, übergab es in Wien bei der Garderobe der würdigen frommen Stifterin Gräfin Polyxena von Muschingen ihre Kammerzofe. Dieses schöne unbedeutende Kind hatte es von einem eben gewonnenen Liebhaber, einem reichen jungen Herrn nebst einem ansehnlichen Douceur erhalten; der junge Herr, der ihr so angenehm zu Gemüte sprach, war kein Kavalier, aber Vorreiter bei Seiner Exzellenz, dem Marquis Marcheville, der sich in der Stadt verlustierte. Der Vorreiter sagte dem lieblichen Hernalser Geschöpf, dies sei ein frommes Buch; sie würde vielleicht ihrer Herrin eine große Freude bereiten, wenn sie es ihr übergebe; sie möchte sich auch etwas daraus vorlesen lassen, es würden ihr manche Gnaden dadurch zuteil werden. Zu ihrem Entzücken sah auch das Mädchen, daß wirklich die Gräfin -- die erst gelacht hatte, als sie ihr schämig das Buch übergab, mit der Bemerkung, es hätte auf ihrer Schwelle gelegen, ob es wohl ein Gebetbuch sei oder einen Ablaß ankündige -- daß die Gräfin freudig erst allein, dann mit ihrem Hauskaplan das Büchlein durchlas. Sie blieb aber dabei, es hätte vor ihrer Kammertür gelegen, als man ihr noch einmal zusetzte, und wurde dann beschützend gegen die ernsten Worte des Kaplans sanft von der Gräfin gestreichelt. Frau Polyxena von Muschingen lag zu dieser Zeit nichts so sehr am Herzen, als von Rom ein Breve zu erlangen zur Gründung eines Klosters für den Orden der unbeschuhten Karmeliterinnen. Sie stand in einer langwierigen Korrespondenz mit einigen italienischen Oberinnen solcher Klöster, deren Frömmigkeit einen überwältigenden Eindruck auf sie gemacht hatte bei einer Reise nach der heiligen Stadt. Die Dame wußte jetzt nichts Wichtigeres, als den beiden andern Damen ihres Komitees das unglaubliche glückliche Geschehen zu berichten, das aus dem Büchlein sich ergab, welches ihr auf so merkwürdige Weise zugestellt war. Auch die hohen ihr wohlwollenden Würdenträger des Hofes wollte sie aufsuchen, lebendig und erregt wie sie war, ihnen danken und glückwünschen für diesen großen Erfolg und sich mit ihnen aus voller Seele freuen über diesen Gewinn für die heilige Kirche. Denn nichts andres ließen diese einfachen, vielleicht indiskret veröffentlichten Briefe erkennen: man hatte am Kaiserhof einen großen katholischen Entschluß gefaßt, folgerichtig wie das Vorgehen gegen die gottlosen und aufrührerischen Böhmen: man wollte das katholische Deutschland um eine große Zahl abgefallener verführter Seelen bereichern, mit der Fürsorge des Landesvaters unlöslich und energisch die Sorge um das Seelenheil verbinden. Die kalvinischen Landesteile des Majestätsverbrechers Friedrich von der Pfalz sollten in katholische Hände kommen, in die allersichersten kurfürstlichen Hände, die des bayrischen Maximilian. Wer, der selbst Ferdinands edle religiöse Gesinnung kannte, hätte dieses von ihm erwartet, das ihn in die Reihe der gottseligsten Herrscher stellte.
In der schwülen Wärme des Nachmittags fuhr die von Muschingen mit ihrer Kutsche bei der Reichsgräfin Auguste von Abensberg-Treue vor, die Kutsche der Dame schloß sich ihr an; alsdann bei der Gräfin Kollonits. Die drei alten Damen stiegen am Kienmarkt aus, dort lagen Bretter vor einem Haus; von ihren Kammerfrauen geführt, rauschten sie seidig tiefverschleiert in den Flur, der sehr breit, niedrig, aber ganz leer war. Und so auch die Treppen Stiegen Höfe Diele Säle; es war das verlassene Haus des Hans von der Seligstadt, welcher als Magister der sieben freien Künste hier gehaust hatte; sieben Bücher waren auf das Hausschild gemalt. Hier sollte den Karmeliterinnen ein Heim bereitet werden. In der Stube, wo den Damen Sessel bereitgestellt waren, konnten sie ihr überschwellendes Herz nicht bezähmen; der Raum wurde zum Zeugen der hohen Freude der Damen, welche sich gegenseitig zum Weinen rührten. Man hatte noch das Glück, den galanten alten Grafen Harrach, dessen erkrankte Gemahlin an dem Werke für die Nonnen teilnahm, zu erwarten. Und wie er kam, wurde er von Freudenausbrüchen überschüttet und konnte in seiner frischen vergnügten Art dankend lange nicht zu der Ursache dieser Freude vordringen. Dann wurde er verlegen, einsilbig, bat um das Büchlein, mußte rasch zu seiner Gemahlin, deren Zustand ihn nicht befriedigte. Er suchte abends noch den Fürsten Eggenberg auf, der grade ausgefahren war, um ihn zu besuchen; es stellte sich bei der Begegnung auf dem Hohen Graben heraus, daß die Gräfin Muschingen schon bei ihm gewesen war, um auch ihm Glück zu wünschen. Als noch bei der gemeinsamen Fahrt zum Abt von Kremsmünster sich ergab, daß die Dame auch hier gewesen war, dankend und jubelnd, schrieb ihr Harrach einen Zettel, sie möchte Verschwiegenheit über die besprochene wichtige Sache bewahren, er bäte sie darum aus einem bestimmten Grund, steckte aber den Zettel auf das Lächeln der Herren resigniert zu sich.
Der Inhalt des Büchleins war nicht mißverständlich. Es enthielt unter dem Namen »Spanische Kanzlei« eine kleine Anzahl von Briefen aus der Hand des Kaisers, des Bayernherzogs, eines Kapuziners, der als Unterhändler agierte, als Anhang eine summarische Aufstellung der aus dem Briefwechsel hervorgehenden Beschlüsse und Tatsachen. Die Briefe waren nach Datierung Stilfeinheiten Intimitäten zweifellos echt. Die pfälzische Kur war mündlich dem Bayern zugesagt, über einen Teil der kurpfälzischen Länder war anscheinend in bindender Weise verfügt zugunsten des Herzogs. Weder Kammer noch Kurfürstenkolleg war gefragt. Man mußte sich morgen in der Frühe zu einer Besprechung zusammenfinden.
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Es kam nicht zu dieser Besprechung. Als sie zu Hause eintrafen, fanden sie kaiserliche Hatschiere vor, welche Einladungen zu einer morgen stattfindenden Beratung in der Burg überbrachten. Ferdinand wußte nichts von dem kursierenden Büchlein; eine Unruhe und plötzlicher Entschluß waren die Veranlassung zur Anberaumung der Sitzung. Jetzt mußte Dighby in München schon alles von Maximilian erfahren haben; wenn nicht heute, so morgen übermorgen würden die protestantischen Emissäre Lärm schlagen in Wien.
Der Nachmittag mit Ungeduld verbracht, stundenlanges Beten und Bezwingen der Bitterkeit. Rasches Herabsteigen zu dem tiefgelegenen Sitzungssaal am Morgen. Ein Tisch mit zwei Schreibern in der Mitte, acht Herren standen von niedrigen Wandbänken auf; Eggenberg, wurde vom Schreiber verlesen, war erkrankt, daher nicht anwesend. Dann, während sich der Kaiser hutbedeckt auf den einsamen Stuhl an der Querwand unter das Kruzifix setzte, las Kaspar Frey, sein alter Geheimsekretär, schiefschultrig feingesichtig, zwei Briefe Maximilians vor, worin sich der Herzog nachhaltig und uneingeschränkt bereit erklärte, mit seiner und der Liga Streitkräften dem Kaiser in Böhmen zu Hilfe zu kommen. Ferdinand nahm das Wort, stark auf das Foliantenpack auf dem Tisch blickend, mit gewöhnlicher Stimme erklärend, daß er als Direktive für die Verhandlungen und Beschlüsse von Hofkammer und Geheimem Rat mitzuteilen hätte, daß er und sein Haus wünschen müßten, das Verhalten und Verdienst Maximilians in jenen gefährlichen Zeitläufen genugsam zu würdigen. Er habe sich daher entschlossen, die Gerechtigkeit nicht aufzuhalten. Nach bereits zurückliegender persönlicher Rücksprache mit ihrer Liebden, dem bayrischen Herzog, glaube er den Weg gefunden zu haben zur allgemeinen Satisfaktion. Dem reichskundigen erklärten Ächter Friedrich von der Pfalz sei die Kurwürde und das Erbtruchsessenamt abzusprechen, die Würden nach Verdienst seinem Schwager, ihrer Liebden dem Herzog in Bayern zu übertragen. Zum Ausgleich der entstandenen Kriegskosten, des Aufwandes und erfolgten Verlustes, und zur Auslösung des verpfändeten Landes ob der Ems sei es angemessen, ihrer Liebden die Oberpfalz hypothekarisch zu überantworten und einzuräumen. Er dürfe verhoffen, so nach kaiserlichem Vermögen seinen Verbündeten saturiert zu haben, wegen der beständigen erzeigten Treue Liebe Affektion und hohen Dienste, die er mit Daransetzung der eigenen Person Land Leute Gut und Blut erwiesen habe. Die Herren hatten sich noch nicht gesetzt, da verließ Ferdinand, der sonst nie einer Beratung fernblieb, den Saal, ohne einen eines Wortes gewürdigt zu haben.
Die Herren saßen verdutzt. Dann war es ein Entschluß des menschenkundigen alten Abtes Anton, der in Anbetracht der besonderen Umstände Aufhebung der Sitzung empfahl. In Questenberg war die Raserei so groß, daß er am Schreibertisch stehend einen Stuhl verkrampft in der Hand hielt; der Stuhl saß an seinem Handteller fest wie eine Schlange, die sich darein verbissen hatte; mit einem wütenden Ruck schleuderte er den Stuhl auf die Erde: »Und wissen die Herren, was dies ist? Das ist Krieg mit England, Dänemark, vielleicht mit Frankreich. Das ist Zerfall mit den Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg.« Leise vor Grimm zitternd der alte Harrach neben ihm über die leere Tischplatte gebeugt: »Es ist so. Ich habe es gesagt. Der Maximilian geht um. Wir können es nicht wehren.«
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Im Ring seiner Mauern Wälle und Basteien lag Wien; Häuser, Türme, Kirchen gemauert an Häuser, Märkte, Gäßchen, überschwellend gegen die Donau, jenseits den Werd mit Steinen bedrückend, mit tastenden Fingern nach der Venedigerau, dem Rustschacher, den beiden weiten Galizinwiesen. Handwerkerfüllte Straßen, Plätze voller Feilscher Kaufbuden Reitern und Sänften Tamtamschläger Theriakausrufer. Brüllende Büttel hinter geschorenen Missetätern, die den schweren Schandstein am Hals schleppten; Badeknechte ins Hörnlein stoßend, türkische Becken schlagend. Aus Klöstern stießen Schwärme von Nonnen, schwarz und weiß, geschuht ungeschuht, traten lispelnd kreuzwindend in die Kirchen, die weihrauchgeschwängerten Gänge, unter die Bilder der wilden Schmerzen, der Inbrunst und Verzückung. Seiltänzer und fahrende gelustige Fräulein kreuzten ihren Weg, lockten in die Holzschuppen auf dem Neuen Markt. Soldaten aus den Kriegen des Kaisers, die gegen Bethlen Gabor gefochten hatten, die Böhmen am Weißen Berg zerrieben hatten: wüste Prunkfedern in den Nacken zwischen den Schultern wallend, oder nach vorn in die Stirn bis auf den Mund, grellbunte Schärpen, hohe Stiefelschäfte, weit überfallend mit farbigem Tuch ausgelegt. Kosaken mit breitem schmutzigem Gesicht in langen, blauen Röcken, hohen Lammützen; ihre kleinen Augen blinkten vor Lust, sie gurrten mit ihren Weibern, die sich Schürzen und Röcke mit Perlen bestickt hatten. Feine Pagen tänzelten in engen Strumpfhosen, mit koketten Bändern besteckt; Bürgerfräulein, die die Haare gescheitelt trugen, oder gewellt in den Nacken herab über die Ohren, die an ihren Häubchen nestelten, Korallenhalsbänder begriffen, grüne Mieder, leichte lose Blusen, oder kurzröckig mit hohen ungarischen Stiefeln. Kavaliere à la mode, Spiel- Fecht- und Saufkumpane, Filzhüte mit aufgeschlagenen Krämpen, wallonische Reiterkragen breit auf den Schultern, wild die Stiegen herunter, auf die Pferde; große Hunde hinter ihnen her, dienernde Wirte an den Gasttüren. Zwischen Brettern ein toter Mensch, von der Leichenbrüderschaft getragen, hinaus nach dem Friedhof auf der Wieden. Blinde am Hohen Graben, die Augen ausgestochen wegen Münzverbrechen, Meineidige ohne Hände, Zungenlose, Nasenlose, Ohrenlose in Grüppchen vor den Kirchen, Näpfe und Blechbüchsen schwenkend. Studenten mit Degen und Bandelier an der Lampelburse, der Rosenburse, ernst spazierend, auch krawallbedürftig nach Handwerksgesellen ausschauend. Aufgeblasene Gestalten, reitend, die edelsteingeschmückte Hand auf dem Rücken, in englische Tücher gekleidet, von reitender Dienerschaft gefolgt. Über ein versonntes Gäßchen huschend in violetter Soutane ein Bischof, das Käppchen auf der Tonsur; der Gürtel wehte nach aus einem Flur. Stadtgardisten zogen ihre Spieße hinter sich her durch Staub und Kot, stellten sich um Brunnen, würfelten, suchten sich stille Plätze. Umeinander trieben in Häusern Spelunken Kellern lärmende stille kranke Menschen, Haushälter Schaffner Kellermeister Küchenjungen Rauchfangkehrer Goldmacher Gewandschneider Spengler Kalendermacher Brauknechte Messerschmiede Wanderburschen Kaufherren Ratsschreiber Kerzengießer Hökerinnen Witwen, die nach einem Mann schnappten, Dragoner, die nicht dienen wollten, Lumpen, die das Leben in der Sackgasse schön fanden, Bauern, denen der Viehhändler um die Ohren schlug, Pergamentmacher Riemer Häutekäufer Messingschläger Kuppler mit Halseisen, eilige dünne Juden, Advokaten Kommissionare, quarende Kinder im Sand, wandernde Buchhändler aus Sachsen, Böhmen mit bemalten Brieflein in Umhängekästen.
Um sie herum standen die spitzgiebligen Häuser mit Ziegeldächern, mit Schieferdächern, bemalten Fassaden, in Fachwerk, Balkons vorstreckend, die in Stein, Paläste mit Bildsäulen an der Auffahrt, ornamentierten Fenstern, Häuschen mit mächtigen Schildern und lustigen Namen, Schulen, Sankt Tibold Sankt Niklas Sankt Johann Sankt Sebastian Sankt Maria Magdalena Sankt Falern Sankt Michael Sankt Sebastian das Studentenspital, zu unserer lieben Frau. Thronend in aller Mitte der Stefansdom, seine Turmspitze durchbrochen, tausendfach durchlässige Maschen aus Eisen, fast verwehend in die Luft wie eine blasse Flamme am Tag; am Knauf, warnend vor den fernen blutdürstigen Türken, der Halbmond mit dem Stern.