Part 5
Ruhelos trabte draußen der Kanzler; in einem plötzlichen Entschluß küßte er die auf dem Wagenschlag ruhende runzlige Hand des Alten, demütig, tief demütig innerlich um Verzeihung bittend für alles Zukünftige.
Die Reiter abgedankt, am Abend am Schwabingtor von der Torwache eingelassen, vom Schreiber vermerkt als Neuburger Kanzler Sartorius nebst unterschiedlichem respektierlichem Anhang bezogen sie Quartier in der berühmten Herberge »Der Strauß«. Tapsig schritt der Fürst neben seinem verlegenen Kanzler her in unsäglichem Behagen. Er lachte kräftig, wie er sah, daß man dem Heiligen Benno hierzulande in der Frauenkirche täglich mehrere Zentner Kerzen verbrannte. Am Weinmarkt stand das mächtige Landschaftshaus. Der Geheime Rat Jocher nahm im Alten Hof, in einem Gemach der Hofkriegskammer, den Vortrag des Neuburgers entgegen; recht wenig Haltung zeigte der Kanzler vor dem starken großen würdevollen Mann, der ihn mit überlegener Höflichkeit zur Stiege begleitete.
»Wir bleiben bis zum Bescheid,« erklärte Philipp Ludwig. Eine Mietssänfte führte ihn den halben Tag durch die Stadt; der Fürst kam nicht aus dem Lachen heraus. Wie sie alles zeigten, nichts versteckten: Bilder Schmuckwerk Tapisserien, Bauten über Bauten, vierstöckige Häuser, Prunkfassaden, Kirchen voller Reichtümer. »Haltet den Beutel zu,« kicherte er abends dem Sartorius in der Schlafkammer zu, »was gibt es für Narren. Unser Neffe Maximilian hat viel Geld, schönes schönes Geld. Seht an: er verdient es nicht. Er wirft es weg.«
Aus der mürrischen einsilbigen Äußerung des Herzogs machte Jocher die umständliche Belehrung an Sartorius, der sie ehrerbietig entgegennahm, daß die Kur nach Ächtung des Pfälzers natürlich an den Kaiser zurückfalle, der sie weitergebe; gäbe er sie dem erklärten Ächter nicht wieder, so einem Bruder, einem bestimmten nächsten näheren Anverwandten, und so fort. Sei alles Sache des Kaisers und der Hofkammer; diese gelehrte Institution verdiene jegliches Vertrauen; möge jeder gewiß sein, daß sein Recht dort und bei Erwählter Römischer Majestät ruhe wie in Gottes Schoß.
Jocher schickte vor dem Abschied, da er bei einem Gegenbesuch einen alten einfältigen Gesellen als des Sartorius Reisebegleiter im »Strauß« antraf, einen gewandten bessern Mann, der München kannte. Dieser setzte sich, grob wie er war, nachmittags ohne weiteres in der Kammer des Fürsten fest, warf die kostbaren Kisten die Treppe herunter auf den Vorflur, lachte den vor Zorn stammelnden, der abends angetragen wurde, samt dem völlig rat- und hilflosen Kanzler, schallend vor dem Gesinde aus, ja verhöhnte ihn, als er ihm zitternd befahl, die Kammer zu räumen. Hin und her lief auf dem Flur der Pfalzgraf nachts in seiner Wut, wurde nach lebhaftem Wortwechsel von dem Kavalier vor die Tür gesetzt, in der Nachtmütze, Kerze in der Hand, Schlafrock um den Körper. Die Nacht über saß er betäubt auf dem Treppenabsatz, beim ersten Hahnenschrei wurde das Tor von Frauen geöffnet, die in die rückwärts gelegenen Stallungen mit Kannen und Eimern schlurrten und vor ihm aufschrien und noch Zeter schrien, als er schon in der ehemaligen Kammer seines Kanzlers sich Knie und Schenkel rieb, heftige leise Selbstgespräche führend gegen den Kavalier. Entschieden verbat sich aber der Fürst am folgenden Tage von Sartorius jede Beeinflussung des Kavaliers; er wahre seine Rechte selbst, wünsche nicht bevormundet zu werden; damit ordnete er die sofortige Abreise an.
Zwei Stunden weit hinter München geleitete sie der Münchner mit fröhlichem Geplauder und Späßen. Es bereitete dem Herrn ein rechtes Gaudium, den alten fremden Gesellen zu malträtieren. Zu einer förmlichen Pufferei Knufferei hinter dem Rücken des Kanzlers kam es, der verzweifelt vieles davon beobachtete, durch die Winke Philipp Ludwigs bedeutet wurde zu schweigen. Seitwärts bog dann der Wagenzug des Fürsten in ein lichtes Gehölz; stundenlang schlief er weich auf Bettpolstern unter dem Wagenplan, nachdem er sich gierig sattgegessen getrunken hatte. Nach dem Erwachen fragte er nach den Geschenken, die Sartorius in München empfangen hätte. Im Gras wurde vor ihm ein Kistchen geöffnet; es schälte sich aus eine silberne Aderlaßschale, eine hohe Majolikavase, ein Löwe als Lichthalter aus vergoldeter Bronze. Er drehte die Stücke nach allen Seiten, beklopfte sie, daß das Heu abfiel. Nachdem er das Einpacken beaufsichtigt hatte, in sein Pelzwerk eingeschlagen, auf seinen Wagenplatz gehoben war, die Berittenen antrabten, gab er Befehl nach Regensburg. Seine Augen blitzten: »Meint Ihr, mich hätte das erschreckt mit dem Hundsfott? Die Antwort meines Neffen Maximilian hat mich genugsam in jeder Minute belustigt. Was tut der Herzog anders als ausweichen. Totschweigen ist die Taktik dieser Welt, wenn es sich um rechtmäßige Ansprüche handelt.« Er kicherte fröhlich: »Geh nach Hause, hat mein Neffe gesagt; wenn man alt ist, tut man nichts Gescheiteres als sterben. Neuburg ist so schön, hat so schöne Gärten, Lauben, Äcker, soviel Vieh, und an Kühen fehlt's nicht für Butter und Sahne und Milch. Die Wälder stecken bis Burgau und Dillingen voll Hirschen und Fasanen; Forellen schwimmen in den Bächen, und die Hechte und Karpfen. Geh nach Hause, sieh dir deine Brillanten an.« Er rieb sich die Nase, brummelte aus seinem Sack: »Schlau geantwortet, Herr Max in Bayern. Hat der Herr Sartorius etwas Auffälliges gesehen in seiner Stadt München?« »Genugsam, Durchlaucht. Reichtümer in vieler Form.«
»Und was hat er davon gedacht?«
Der Kanzler schwieg, er freute sich, daß sein Herr prahlte.
»Empörung habe ich gedacht. Ich lobe den Krieg. Der Krieg scheint mir doch mehr Gerechtigkeit zu haben als das Wiener Gericht: seht mich. Wäre nicht dem unruhigen Pfälzer die schwere Prager Schlacht begegnet, so -- ja, so wäre ich schließlich doch gestorben, es wäre mein fleischliches Los gewesen. Und hätte bis zu meinem Tode mich glücklich vermeint, weil ich meine Hand bis an den Knöchel in eine Schachtel mit Edelsteinen stecken kann. Statt dessen --« Giftig blickte er hervor, er spie über den Wagenschlag.
Der Kanzler verneigte sich: »Es war ein Glück, daß Durchlaucht nicht offen in München erschienen sind.«
»Es hätte Skandal Schlägerei gegeben in offenem Gespräch beim Herzog.«
Er wog die Geschenkkiste in der Hand, fragte mißtrauisch, ob Sartorius nicht vielleicht noch eine zweite empfangen hätte, vergessen.
Philipp Ludwig fuhr nach Wien völlig unangemeldet, die Namen der Geheimen Räte und Kämmerer, ihre persönlichen Verhältnisse waren ihm unbekannt; gedachte wie Blitz und Donner dort einzuschlagen; es bedurfte keiner Vorbereitung zur Entladung.
Auf das Schiff, das ihn die Donau hinuntertrug, stellte er offen auf Deck sein Wappenschild. Sehr wenig adlig zog er, vor Wien aussteigend, gegen die Stadt; ingrimmig knurrte er gegen Sartorius: »Ich komme von Rechts wegen. Lasse sich der Herr das nicht grämen.«
Die erste Erkundung, die er einzog, war am Stubentor, wo ein großes Bad war. Dort hinein schickte er einen Kammerdiener zu dem Badmeister, vertraulich auszufragen, wo sich an einer der Hauptstraßen oder Märkte eine nennenswerte Herberge fände. Der Badmeister, auf den Klang des Namens Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, ließ sich nicht verdrießen, den Topf Wasser, mit dem er die heißen Steine besprengte, auf die Fliesen zu stellen, halbnackt, den linken Arm voller Badewedel herauszutreten vor seine Tür, dem eingepelzten mürrischen Herrn tiefe Verbeugungen zu machen; das schäbige Gefolge stieß ihn sogleich ab; er mußte sich lange auf ein vornehmes Losament besinnen. Sein muskulöser Gehilfe, halbnackt wie er, kam hinzu. Der schwang sich auf einen dicken scheckigen Gaul, den er für einige empfangene Heller an der Mähne aus dem Stall zog; ungezäumt ritt er der Sänfte mit den beiden Fremden -- die Kammerdiener zogen durch den Kot und Morast -- voraus, sein Badelaken um die Schulter, »hü, hüah, hüäho!« schreiend, die Glocke schellend, an jeder Straßenkreuzung, an die Fenster hinein zum Bad Schröpfen Aderlassen einladend, öfter anhaltend, lärmvolle Gespräche mit Passanten führend. Die entschuldigenden, bedauernden Bemerkungen des Kanzlers winkte der Fürst, als sähe höre er nichts, ab. »Kommen unser Recht zu holen. Lassen wir das.«
In dem Gewölbe seiner Hauskapelle am Tage St. Urban, watend knöcheltief in Rosen vieler Farben, empfing der Abt von Kremsmünster, von Schultern, Ärmeln des schwarzen Seidentalars die roten duftenden Blätter schüttelnd, lächelnd den Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, einen harthörigen hinkenden Mann, der sonderlich unsauber in Tuch und Fell gekleidet war, sich knapp verneigte, die Mütze lüftete, sich mit offenbarer Erleichterung aus dem blauen behangenen durchflochtenen überfüllten Raum in einen sehr hohen kreisrunden Vorraum von seinem schäbig livrierten Kammerdiener führen ließ. Von oben fiel helles Sonnenlicht durch bunte Scheiben auf die Fliesen; gütig schob der Abt dem Fremden einen Fußteppich zu; zwei Sessel auf den lichtbespielten Fliesen, Wände, die sich über ihre Köpfe einander entgegenhoben, mehrfaches Echo bei jedem lauten Wort.
Der Pfalzgraf knaute, er habe bei eben erfolgtem Besuch in München sich nicht der Unterstützung seines Anverwandten und erlauchten Neffen, des Herzog Maximilians Liebden, zu erfreuen gehabt, zu seinem Bedauern. Dieser habe Gleichgültigkeit gegen ein wichtiges Familieninteresse prätendiert. Sei ja die Acht namens des Reiches über den Pfälzer Kurfürst verhängt, werde von Reiches wegen über Kur und vielleicht auch Kurlande weiter verfügt werden; melde er für die ehemals mitbelehnte Linie Pfalz-Neuburg Ansprüche an, nach Goldener Bulle, Hausgesetzen, Reichsgesetzen seine Erbschaft und bekenne sich dafür. Der Abt fragte nach schriftlichen Vorgängen, indem er den Blick senkte. Und dann weiter, ob er in München also gewesen sei, und wenn erlaubt, mit welchem näheren Zweck. Um dem Bayernherzog die Hand zu schütteln für seine Tapferkeit gegen die böhmischen Rebellen, für erwiesene Treue gegen des Römischen Kaisers Majestät. Und ferner. Nichts weiter, er hätte sich verpflichtet gefühlt, Dank abzustatten als alter Reichsfürst, auch zu bewirken, daß die Sachen in rascheren Fluß gerieten, wenn Maximilian sich ebenso tapfer wie in der Verteidigung des Reiches in der Verfechtung der Konsequenzen zeige. Nun? Nun, Maximilian sei Ritter, Kämpfer vom alten Schlag. Diplomatisches liege ihm nicht; es sei nichts weiter von ihm zu erwarten. Antonius flatterte ein rosa Blatt aus dem weiten Ärmel seines Talars; er rieb es sich lächelnd über die Lippen, zerdrückte es zwischen den Fingern der Linken; versprach sich der Schriftstücke sorgfältig anzunehmen. Wie es der erlauchten Neuburger Familie ginge, von der er immer so Erfreuliches vernehme durch den Probst von Ellwangen. Der Fürst, sich an seine Stöcke klammernd, hörte scharf und mißtrauisch, gab halbe Antwort, ließ sich von dem Kammerdiener, in Furcht, man könne versuchen ihn zu beeinflussen, rasch in seine Sänfte führen. Der Abt betrachtete lange den Sessel des Fürsten, schüttelte neue Rosenblätter aus seinem Talar, rief einen braunkuttigen dienenden Scholar; man möchte zu Herrn Jesaias Leuker, dem bayrischen Gesandten schicken; er wollte mit ihm sprechen, von dem kuriosen Besuch erzählen, was sich davon denken ließe.
* * * * *
Mittags im Saal des Noviziatengebäudes der Gesellschaft Jesu zu Sankt Anna, vor einer Aufführung des »Heldenmütigen Ritters Michael«, der kleine stille Abt im Gewimmel der lichtblauen Talare aus der Lilienburse, der schwarzen Röcke von Sankt Anna, blitzende Hoftrachten, zwischen Rosenkränzen, knisternden Schärpen Wehrgehenken erwartungsvollem Lächeln. Leuker wußte nichts von dem Neuburger Besuch in München, war dann nicht wenig erschreckt -- sie gingen kopfgebeugt zur alten Kirche herüber, der Kaiser betrat den Theatersaal -- als ihm blitzschnell einfiel, daß seit fünf Tagen Marcheville, der französische Geschäftsträger, ein beweglicher verschlagener Gesell, ebenso elegant wie zweideutig, im Besitz ungeheurer Summen und mit völlig undurchsichtigen Zielen, in Wien logiere, ohne erkenntlichen Zweck, wohl aber private Besuche mache, auch in der Herrengasse, wo der kuriose Neuburger logierte. Und ebenso erschreckt war der Abt selber. Unter den alten Buchen vor der Kirche fragte er, ob denn des Herzogs in Bayern Durchlaucht irgend etwas habe verlauten lassen, mittelbar oder unmittelbar, was vielleicht zu Ohren jenes armseligen Pfalzgräfleins gelangt sei, in ihm die unsinnige Vermutung erweckt habe, es sei etwas verfügt betreffend Kurlande und Kurwürde des Ächters. Der andre fühlte, daß ein leiser unruhiger Ton in der Stimme des Würdenträgers klang; er lachte herzlich, herzlicher, als er gewollt hatte. Oder ob vielleicht das Französlein selbst etwas Kompetentes wüßte; es stecke etwas dahinter, daß Marcheville auftauche, sich hinter das Pfalzgräflein stecke. Sie standen sich unsicher am Kirchenportal gegenüber. Leuker meinte gelassen, er werde bei seinem Fürsten anregen, daß auf den blöden Neuburger, den Anverwandten des Hauses eingewirkt werde. Dieser Mann irre zweifellos halb gedankenlos im Reich umher, lasse sich benutzen, könne dem Ansehen des Hauses nur gefährlich werden. Antonius seufzte, schüttelte ihm die Hand; er sei freilich ein kurioser Mann, der Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, »aber Ihr wißt selbst, Marcheville ist in dem Falle noch kurioser. Marcheville hat gar keinen Sinn für deutsche Sonderbarkeiten; er will etwas. Er weiß irgend etwas besser als Ihr und ich.« »Er wird sich einen Spaß mit dem Alten machen vor seinem Gefolge,« lächelte der Bayer. Und diese leichtfertige Bemerkung aus dem Munde des gewiegten Leuker beunruhigte den Abt aufs höchste, sein Begleiter mußte so gut wissen als er, daß Marcheville keine Späße machte; dann wußte auch Leuker mehr als er. Und da stand er und lächelte aufdringlich.
Hastig ging nach einigen höflichen Worten Antonius in den Saal zurück; Gesang scholl ihm entgegen. Ferdinand auf erhöhtem Purpursitz blickte ihn freundlich an. Der gelehrte Leuker, der stämmige gesundheitstrahlende kaum ergraute Mann fand erst nach einer halben Stunde sich über den Gartenweg zurück. Verwirrt nicht über das Gebaren und die Bemühungen des armseligen halbtoten Neuburgers, aber über Marcheville, über seine dunklen Wege hinter dem Rücken des halbtoten Narren; Marcheville sein Freund, beinah sein Freund! Und Bayern hatte den Kaiser doch im Sack! Samt der Kur! Begünstigt von diesem Frankreich!
Von seinem Besuch in München ab war Philipp Ludwig dem Franzosen nicht aus den Augen gekommen. Der würdevolle Jocher ließ zu ihm ein Wort fallen bei einer intimen Information über des Neuburgers possierliche Gesandtschaft im »Strauß«. Als der Pfalzgraf das Stubentor passierte, begleiteten ihn schon zwei Geschöpfe Marchevilles; in der Herrengasse nahe dem Gitterbrunnen und dem Haus der Landstände wohnte der Neuburger; ihm gegenüber logierte seit einigen Tagen völlig privat, seinen Schmetterlingssammlungen hingegeben, der französische Geschäftsträger. Ein nachbarlicher Besuch, rasch gemacht, wurde am nächsten Tage erwidert. Ehe Neuburg daran dachte, eine Audienz zu erbitten oder Fühlung mit dem Kabinett zu nehmen, trat Marcheville ohne Maske als französischer Gesandter in seine Gaststube, überbrachte besondere Empfehlungen des Sehr Christlichen Königs aus der Hand des Staatssekretärs Puisieux. Neuburg mußte die Konferenz rasch abbrechen, der Schreck war zu groß, gegen die Welschen hegte er ungemeinen Haß; daß der Geschäftsträger selbst kam mit einem offensichtlichen Auftrag seines jungen mutigen Souveräns, daß Frankreich die Pfalzgrafschaft Pfalz-Neuburg diplomatisch anging, warf seine Fassung über den Haufen. Im Erker, im dicht verhängten, vor einem Fäßchen Rosinen suchte er sich neben Sartorius, dem seriösen, der immer aus dem Schlaf gestört schien, zu erholen. Als sie beide ohne Haltung auf den Schemeln saßen, die Rosinenstengel in Wein hängen ließen, die nassen Beeren rissen schluckten, flüsterte entgeistert der Kanzler: »Wie soll man sich gegen ihn benehmen. Es ist keine Schreibstube da, keine Dienerschaft, keine Geschenke; es fehlt an allem.«
»Ich kann nicht meinen ganzen Säckel hergeben für --« schrie der Pfalzgraf, Körner spuckend, die Stengel zertretend; »es wächst mir über den Kopf.« Sartorius stimmte bei; es sei entsetzlich.
»Wollen wir weg?«
»Wollen wir nicht fliehen?« in einem Atem fast mit seinem Kanzler der Fürst, »wir können nicht wissen, was sich aus diesen Dingen entwickelt. Das Beispiel des Heidelberger Friedrich ist nah genug, nah genug. Die Prager Schlacht hat gewirkt. Bei mir braucht es keine Prager Schlacht. Ich strecke meine Hände nicht nach fremdem Gut aus; ich insurgiere nicht.« Er knirschte mit den Zähnen: »Wenn sie mich stürzen wollen, als Geächteten, bei mir geht es leichter. Mir dreht man als altem Hahn den Hals um.«
Er dürfe nicht mehr empfangen werden, bestimmte der Kanzler.
»Es geht schwer, es geht schwer,« ächzte der Fürst, »wir wohnen zu dicht beisammen, er beobachtet mich. Sind die Läden geschlossen? Laßt die Roßknechte nicht heraus, meine Sänfte soll immer im Haus bleiben, die Pferde --« Gebrochen lehnte er sich zurück: »Ich weiß, wir können uns nicht wehren.«
Und wie er mit geschlossenen Augen auf dem Schemel hing, stieg in dem Kanzler, der die Becher beiseite schob, die Furcht auf, er möchte wieder ermüden wie auf der Reise nach München und ihm alles überlassen.
Der Fürst winselte: »Es müssen Leute geholt werden, gelehrte, man muß sie zusammentrommeln, einen Staatsrat, man muß sich ordnungsmäßig konstituieren, beraten. Ich kann sonst nicht.« Er hatte trockene Lippen, blickte erschöpft: »Wir müssen ihm das sagen. Ich habe meine Minister nicht da, nicht vollzählig da, ich kann nicht ohne sie beschließen; es widerstrebt mir, es ist nicht Tradition in Neuburg.«
»Und Ihr,« giftig fuhr er dem Kanzler vor das sich hochstreckende Gesicht, »seid nicht mein Minister. Ihr seid mein Geheimschreiber. Nichts weiter.« Der verneigte sich: »Ich werde es ihm sagen.«
Philipp Ludwig raufte sich auf dem Gange die weißen Schläfenhaare: »Wien! Wien! Die Prager Schlacht!«
»Durchlaucht,« klopfte nach einer Weile Sartorius an seiner Schlafkammer an, »in Neuburg sind die Kirschen und Johannisbeeren reif; die Stachelbeeren auch. Mit den Erdbeeren wird's bald vorbei sein. Es ist noch Zeit. Der Pommernherzog schickt bald seinen Künstler mit den Auslagen.«
Den nächsten Besuch des weichen edlen Seigneurs trübte das starke Mißtrauen, das der Fürst an den Tag legte; kaum sprach er; sein Geheimschreiber neben ihm machte bei der Audienz Notizen auf der Schreibtafel. Marcheville wies dem mürrisch ungeduldig zu Boden starrenden Herrn dieselben Gründe vor, die von ihm selbst in den vier Neuburger Denkschriften niedergelegt waren, die Ansprüche Neuburgs auf die Kurwürde und pfälzisches Land, gestützt auf die Verwandtschaft mit dem letzten Kurinhaber, auf die Mitbelehnung, die Goldene Bulle, Hausgesetze, gültigen Reichsgesetze. Der Sehr Christliche König wolle nicht versäumen, erklärte der Geschäftsträger, die geöffneten Hände mit tiefer Verneigung nach hinten schwenkend, sich rechtzeitig der Gunst des neuen Kurfürsten zu versichern.
Neuburg, obwohl äußerlich in Haltung, ruhig mit dem eingeladenen Fremden bei einer kleinen Vormahlzeit, war bis zum Erliegen erschüttert. So sicher hatte er seine Sache nicht gehalten. So also lagen die Dinge. O verruchte Welt. Der Herzog in Bayern weiß, wie es steht; er schweigt. Der Kaiser weiß, wie es steht, schweigt; der Abt Antonius von Kremsmünster. Er, der alte Neuburger, der treu zum Reich gehalten hatte in jedem Augenblick, der kein Unrecht getan hatte sein langes Leben, sollte bei evangelischem Glauben vom jesuitisch beratenen Kaiser noch, bevor er in die Grube fuhr, grob übertölpelt werden. Würde der Marcheville sich zu ihm begeben, ihm geradezu auflauern, wenn dieser schlaue Franzose sich nicht rechtzeitig in seine Gunst setzen wollte? Eine Stimme gegen Habsburg wollte er gewinnen, verhindern, daß der Sohn Ferdinands deutscher König würde: darauf kam es dem an. Von Wien, ja von der Burg her schwieg man; von da hatte sich noch kein Fuß in die Herrengasse bewegt. Dabei jagten die Kuriere durch die Straßen, Musik schallte aus der Burg; Kämmerer Ausläufer in jeder Gasse, aber keiner zu ihm.
Marcheville wurde hochmütig durch einen Kammerdiener bedeutet, Besuche bei des Pfalzgrafen von Pfalz-Neuburg Philipp Ludwig Durchlaucht einige Tage zuvor seiner Kanzlei anzumelden. Und als der Gesandte erschien, ließ Philipp Ludwig sich verleugnen; ein würdiger Empfang wurde ihm bereitet in einer großen Kammer der Herberge, wo er sich auf eine gepolsterte Bank setzen mußte vor vier gemieteten Herren, zwei albernen Magistern und zwei schäbigen Theologiebeflissenen; den federkratzenden Herren erklärte er freundlich, bald wiederzukommen. Er durchschaute die Sache, erklärte dem Kanzler, er werde zur Aushaltung der Kanzlei selbst beitragen, bot auch, entsetzt über die Formlosigkeit des Auftretens seines Prätendenten, diesem ohne weiteres einige tausend Taler an, die der Pfalzgraf als Ehrengabe annahm, ohne darauf aber im mindesten Haushaltung, Kleidung besser auszustatten. Weitere tausend Taler, dem Kanzler zugesteckt, führten zum Ziel; mehrere vierspännige Wagen standen zur Verfügung, eine kleine Dienerschaft warf sich in Neuburgische Livree. Und wie ein wütendes, noch lichtscheues Tier erschien der Pfalzgraf, in galloniertem Samt und Zobelpelz, auf allen Ämtern, sprach bei den Mitgliedern des Geheimen Rates, der Hofkammer persönlich vor, hinterließ Denkschriften, die unter französischer Obhut ausgearbeitet waren, Denkschriften an alle Kurfürsten katholischer und protestantischer wie kalvinischer Religion, insbesondere, an den von Mainz, als des Reiches Kanzler, und abgegeben bei dem Türhüter des Reichhofrats für dieses oberste Reichsjustiztribunal, die Person des Kaisers selbst vorstellend. Die Mitglieder ihrer Adels- und Doktorbank beging Sartorius.
Die es lasen, der Abt von Kremsmünster, dann Doktor Wolfrath als Präsident der Hofkammer, die Herren vom Geheimen Rat Eggenberg Trautmannsdorf Breuner waren verblüfft über den Protest, der doch wohl eine offene Tür einrannte, besonders über seinen pointierten Schluß: es dürfe keinesfalls der Kurhut ohne Achtung der Neuburgischen Ansprüche, ohne ihre Prüfung vergabt werden; gegen jegliche etwa schon geschehene Entscheidung lege er feierlich Rechtsverwahrung ein; nur ein Deputationstag unter Zuziehung aller Kurfürsten könne hier das Recht finden.
Die Denkschrift war teils absurd lächerlich, teils verwirrend; für den Abt Anton, der sie scharf verbarg vor dem zudringlichen Spion des bayrischen Herzogs, dem Jesaias Leuker, war sie qualvoll.