Wallenstein. 1 (of 2)

Part 4

Chapter 43,640 wordsPublic domain

Nur Trautmannsdorf, der verwachsene kleine Mann, der verschwiegene, ahnte etwas, als angefangen wurde von dem Bayern, und der Kaiser davon nicht abkam, nicht abkam. Er dachte an die auffallende Begrüßung, die Ferdinand zu München erfahren hatte bei der jubelnden Rückkehr aus der Krönungsstadt Frankfurt, Ferdinand, eben zum Kaiser gewählt, gesalbt. Die eisige Maske des dunkelbärtigen Wittelsbachers, der neben seinem liebenswürdigen gebückten Vater, dem schneeweißen Verschwender und Bankrotteur, vor den Mauern der Stadt an den kaiserlichen Zehnspänner trat, stumm dem lachenden übersprudelnden Österreicher gegenübersaß in dem spiegelnden Kristallwagen. Über den Köpfen der drei Regenten brannte abends ein Feuerwerk am Isartor, an der Langen Brücke, ab, Kanonen wurden auf allen Wällen gelöst, die Donnerschläge rollten majestätisch in die dunkle schwere Sommerluft hinein. Erst am Tage darauf in der schönen und reichen Kapelle der Fürsten, angesichts des silbergetriebenen Altars, vor den wunderbaren Reliquien des Heiligen Ambrosius, des Heiligen Stephan, der Walpurga, Damiana, Agatha, Crispina, gedachte der glückstrunkene Herrscher Böhmens, und daß seine Erblande in Aufruhr und Abfall waren. Höllisch verzog sich auf dem Rückgang in die Ritterstube einen Augenblick das marmorfeine Gesicht Maximilians. Stiller wurde zwischen den Seidentapeten, den gewirkten stolzen Bildern aus Bayerns Geschichte der Kaiser; in drückendem Pomp umgingen ihn die Ritter mit blauen und roten Röcken. Eines Tages war ihm abgezwungen im fast schweigenden Hin und Her die Führung im kommenden Krieg: für die Gestellung der Heereshilfe mit den Streitkräften der Liga das unumschränkte Direktorium der katholischen Verteidigung bei Maximilian, absolute Gewalt im Kommando bei Maximilian; nicht Verhandlung noch Frieden ohne ihn. Und als der Kaiser unterschrieben hatte, war es an einem Montag gewesen, dem zweiten im Monat, an dem der Herzog Gerichtstag hielt, zwei Tage vor der Abreise, daß der Kaiser mit Maximilian eine lange Stunde in des Herzogs Sommerstube eingeschlossen verweilte. Die Stube lag zur ebenen Erde, gewölbt war sie, Figuren hatte Peter Candro an die Wände gemalt, blau und weiß war der Boden gepflastert; auf dem Sims im Umkreis prächtige Köpfe in Bronze, Marmor. Eine lange Stunde war nur zu hören Stampfen mit dem Fuß, klirrendes Hinfallen eines Degens, die flüsternde drohende beschwörende Stimme des Habsburgers; die langen Pausen vor den knappen befehlerischen Sätzen des Wittelsbachers, die aus der Stummheit kamen, wie Bulldoggen aus ihrer Wachhütte. Zwei stille Wartetage. Jähe Abreise. Der Kaiser erst gebrochen, dann finster.

»Ich schicke dem Grafen von Bristol so viele gewandte Herren mit, auf daß ihm nichts mißglücke. München ist eine Festung -- der edle Herr wird davon wenig vernommen haben -- die im heiligen Römischen Reiche, vielleicht auf der ganzen Erdfläche nicht ihresgleichen hat. Ja, lächle der edle Herr nicht; noch sieben Tage, und er wird mir glauben.«

»So geht der Bote des Königs Jakob einem ehrenreichen Strauß entgegen. Die Basteien des vielbenannten von Groote sollen mich locken.«

»Keine Ehre werdet Ihr ernten, Lord Dighby; ich will Euch lächeln lassen; Ihr ahnt nicht, wie vermessen Ihr seid. Eure Artillerie wird Euch in ein zwei Wochen nicht mehr bedünken wie ein Kinderstecken. Eure Artillerie wird Euch aus den Händen gerungen sein, ehe Ihr erkundet habt, wo der Feind steht.«

»Redet Kaiserliche Majestät von Ihrem durchlauchtigen Schwager in Bayern?«

»Bildlich, Lord, und in Eurem Sinne. Er ist mein Freund, und ich kenne ihn. Segne Euch Gott, Lord, auf Eurem Weg. Seid gewiß, was ich Wünsche und Gebete an Euch wenden kann, wandert mit. Seid furchtsam, ich beschwör Euch, zittert vor ihm, als wäret Ihr Tag und Nacht von Gespenstern und Teufeln heimgesucht. Zittert; erinnert Euch daran, daß ich es Euch gesagt habe. Nehmt alles, was Ihr sehen und erfahren werdet, nicht für einen Ausdruck des Gemüts, sondern für etwas anderes, was Ihr spät entdecken werdet. Ich beschwör Euch, gedenkt meiner Worte. Fürchtet den Herzog, er ist stark; er hätte es verdient, statt meiner auf dem kaiserlichen Stuhl zu sitzen.«

»Ich bin glücklich, jetzt auf meinem rechten Platz zu stehen. Ich zittere, aber nur vor Ungeduld. Herzlichkeit ist mir unbekannt, Freude kann ich schwer in meine Sprache übersetzen. Meine Artillerie steht zu Diensten. Der Feind soll sich hüten.«

Ferdinand lachte kindlich, blickte ihn verschleiert an, strich ihm die Hand, klopfte ihm die Wange; er flüsterte: »Euer Hüftweh scheint schon behoben. Schlagt ihn nur nieder; in die Knie, Lord, in die Knie; so ist's recht: aber Euch wird der Kopf abgeschlagen. Geht. Was kann ich noch für Euch tun? Wollet gut von uns denken.«

* * * * *

Als Dighby zurückkehrte in sein Quartier, noch nicht erholt von seiner Verblüffung, trat er zum Schlaftrunk, noch im weißen Überrock, den hohen, platten Filzhut auf dem Schädel, mit zerdrückter spanischer Krause, schütternd, lachend, armeausstreckend in Pavels Kammer: »Der Kaiser hat mir ein Bündnis angetragen. Wißt Ihr auch, gegen wen?«

Rusdorf schlich vom dunklen Eckschemel her, schaute ihm in das volle blutstrotzende Gesicht, auf das das Kerzenlicht fiel. Dighby klatschte in die Hände: »Bei Gott, ihr Herren. Gegen wen in Bayern? Unsere Sache steht ausnehmend gut.« Und während er mit den flatternden roten Hosenbändern, weißbestrumpft um den Tisch ging, aus dem Glas schluckte, das ihm Rusdorf bot, schüttete er sein stolzes Lachen aus: »Ich verlange Räumung der besetzten Gebiete, Schadenersatz, Sühnegelder oder Land. So sprechen die Herren doch.«

Rusdorf: »Zunächst: was hat der Kaiser geboten?«

»Die Herren werden nachgeben müssen. Gewiß. Wir müssen zu einem Ende kommen; das ist notwendig. Gebt nach. England braucht Ruhe.«

»Das hat der Kaiser gesagt? Der Herr schien mit einem andern Ton herzukommen.«

»Scher euch das nicht, was für ein Lied ich pfeife. Die Herren haben nachzugeben. Wir müssen uns gegen Spanien regen. Der Augenblick ist da. Sonst geht's um Hals und Kragen.«

»Das hat der Kaiser gesagt?«

»Wir müssen die Hände endlich frei haben von euch. Ihr kennt unsre Lage nicht. Wir haben genug an dem deutschen Narrengezänk. Um den Kniefall vor dem Kaiser kommt euer Kurfürst nicht herum.«

Pavel saß aufrecht im Bett; seine Beine, verwickelt wie sie waren, ließ er herunterfallen, die Augen des kranken Mannes glühten: »Herr, was untersteht Ihr Euch?«

Dighby nahm den letzten Schluck, rückte leicht an seinem Hut: »Zum Gruß. Die Herren werden nicht gefragt werden.«

Prächtig schlurrte er über die Schwelle.

Rusdorf, seinen Schemel an das Bett ziehend, mit vibrierender Stimme: »Ihr seht, Pavel, worauf es hinausgehen soll. Es war vorauszusehen. Man will über unsre Köpfe, über den Kopf unsres gnädigsten Herrn weg, den Frieden schließen. Wir werden die Festlichkeit zu bezahlen haben. Es ist nichts als ein Spiel, was man mit uns treibt in England. Die Herren treten sich nicht die Schuhe ab für uns. Man hat uns den rohesten mitgegeben, damit wir's gut merken. Gewiß, verlaßt Euch darauf. Es ist eine Farce, was sie mit uns treiben, nichts als Theater, Sand in die Augen für ihr Volk, das uns wohl will. O, wenn wir das Parlament aufklären könnten, wie sie mit uns Schindluder treiben.«

Pavel mit glühenden Augen aufrecht: »Beruhige sich der Herr. Wir werden antworten, ohne daß man uns fragt.«

Sanft und zage suchte Rusdorf nach seiner Hand auf der Decke: »Wird der Herr abreisen können?«

»Ich denke.«

»Wir sind jetzt nötiger als sonst. Es wäre mir doppelt bitter, jetzt den Herrn allein zu lassen.«

»Rusdorf, wir werden noch einmal miteinander fechten müssen.«

Der hielt sich die Ohren zu, mit verbissener Miene: »Erinnert Euch nicht. Wir wollen unserm Herrn dienen. Wir wollen nicht an uns denken. Wie früher, Pavel, wie früher.«

Pavel starrte vor sich mit unbewegtem Gesicht: »Ich will nach Hause, Rusdorf.«

»Ihr sollt.«

»Ihr sollt; fahrt auch nach Hause.«

»Habt Geduld. Steht mir nur jetzt noch bei, Pavel. Wir können nicht nachgeben. Diesen Frieden muß ich zerstören. Ich gebe ihm nicht nach, und sollte mich der Satan selber packen.«

Nach zwei Tagen packten die Herren ihre Sachen; hoffnunggeschwellt brach Lord Dighby nach München, der Stadt des frommen Maximilian, auf; die beiden Pfälzer hinterher.

* * * * *

Als es ruchbar unter den deutschen Fürsten wurde, daß über den Pfälzer Friedrich die Acht verhängt war, erschrak der alte Pfalzgraf Philipp Ludwig von Pfalz-Neuburg in seinem sonnigen weltabgelegenen Winkel.

Zwischen seinen Schachteln mit Diamanten kramend, über geschnitzten Kirschkernen grübelnd, die Becher aus Rhinozeroshorn abtastend und versteckend, hörte er zitternd von dem großen Krieg, denn er war aus dem gleichen Hause wie der glanzvolle geächtete Mann, dem der Engländerkönig seine Tochter gegeben hatte. An seinen Ebenholzkrücken schlich er in seine Kanzlei über weite brütende Gänge, murmelnd und händeringend seinen Kanzler, den Sartorius aus Dillingen, zu befragen. Nichts lag ihm so am Herzen, als daß alles im tiefsten Geheimnis bliebe, daß der Kanzler schwiege, daß man mehrere besondere Chiffernschlüssel anlege für diese Sache, daß auch die Söhne nicht eingeweiht würden. Besonders jener Sohn nicht, der mit einer herzoglich bayrischen Prinzessin sich vermählt hatte, denn dieser war stolz und ehrsüchtig, ein Habenichts ohne den Vater, immer mit den Augen auf dem Glanz des Münchner Hofes, das versunkene versponnene Neuburg verachtend.

»Der Krieg ist ein Totengräber,« murmelte der Alte auf der verschlissenen Samtbank wichtig und hitzig zu dem Kanzler, »er sargt Leutchen ein, die eben noch mit graden Beinen tanzten, und uns alte Tröpfe holt er aus dem Kasten, lüftet uns; werden uns die Menschen, das Volk und die Stände, anstarren, daß wir noch leben. Der Philipp Ludwig von Neuburg! Ei, regiert denn der Wolfgang Wilhelm nicht, der wackere, der die Bayrische heimgeführt hat? Nein, der alte Philipp Ludwig hütet noch sein artiges Gärtlein, erfreut sich der Mispeln, Amaranthus und Tausendschöns wie immer. Sieh an, sieh an. Hat das große Sterben abgeschlagen, das Kriebeln und das böhmische Schafgift. Er lebt, Kanzler, ohne Zähne, am Stecken hängt er, die Finger krumm, die Knie krumm, der Darm will nicht. Der Kopf schläft uns den halben Tag und die ganze Nacht, kaum daß wir uns besinnen zu essen und Gott zu loben. Wir wären schon längst tot, wenn nicht unser Kamerad wäre, der uns ein Gläschen Wein brächte von Zeit zu Zeit und die Beine einriebe.«

»Was wird Durchlaucht tun?«

»Warten, Kanzler, wie bisher. Wir haben Zeit, wir sind ja nicht jung. Geduld, Geduld, rennt Ihr zwanzig Meilen und keucht Euch das Herz aus dem Mund, wir kommen noch nach. Die Welt kommt schon zu uns.«

»Ich werde auf Befehl Eurer Durchlaucht zunächst zwei Pläne entwerfen über unsere Ansprüche an den Nachlaß des Ächters.«

Der im Wolfspelz drehte ihm schräg mit Wackeln den Kopf zu, den dünnen Mund offen, blinzelte mißtrauisch: »Es ist nicht nötig zu planen. Was sind das für Pläne. Aus Plänen und planen wird nichts. Hört auf mich. Man darf nichts überstürzen. Laßt das. Seht mir zu, daß das Geheimnis gewahrt bleibt. Schreibt nichts auf, um Jesuwillen, schreibt nichts auf.«

»Und wenn Durchlaucht von plötzlichen Ereignissen überrascht werden, von Einmischungen fremder?«

Der zitterte, winkte mit den Armen ab, unterbrach, sich am Ohrläppchen zupfend: »Nicht so, Kanzler. Ihr dürft nicht so sprechen. Es wird nichts herkommen, den alten Neuburger überraschen. So weit sind wir nicht. In dieser Weise fangen wir nicht an. Geht mir aus dem Wege mit Euren Sachen. Grübelt nicht weiter nach. Mein Gott, ich hätte nicht darüber reden sollen. Soll denn mein ganzes Haus umgestürzt werden. Wir müssen warten. Ich werde Euch sagen, wann Ihr nachdenken sollt, wann Ihr mithelfen sollt.«

Abgehend streichelte er ihm den Handrücken, süßlich lächelnd, meckernd, jammerte leise.

Der Kanzler wackelte lang und knickrig die beiden Stufen zu dem Schreibschrank hinauf, seufzend trat er ein, spielte mit der Papierschere am Tisch. Es war Mißtrauen, was der Fürst äußerte; innerlich fieberte der Alte. Es sollte niemand daran teilnehmen. Ungeheuer war der Geiz des ehemals lustigen Mannes gestiegen, was er nicht in Diamanten und Kuriositäten anlegte, versteckte er in Eisenkästen und Kisten, die er auch in Gärten vergrub. Er klagte über jeden Gulden, den er für Ausbesserungen des Schlosses, neue Livreen ausgeben mußte. Ganz unfürstlich hatte er vor einigen Jahren seine Gemahlin begraben lassen, nachdem er sich nicht gescheut hatte zu erklären, solche Bestattung sei ihr Wunsch gewesen, der Wunsch der Fürstin, die unter seiner Habsucht und Nörgelei allmählich erstarrt war in dem stillen Neuburg und noch einmal wenig aufgelebt war nach der Vermählung des ältesten Sohnes, der sich vom Hof fernhielt. Sie wußte, daß der Pfalzgraf sie wie eine Bettlerin verscharren würde. Jetzt konnte man ihn bestehlen, wenn man wollte; er vergaß, was er eben angriff; die wenigen Diener, die ihm anhingen, bewahrten seine Habe, indem sie ihn einschlossen, wo sie ihn trafen.

In den nächsten Wochen fand man den Fürsten, der Sommer und Winter in einen Wolfspelz sich einmummte, von kleinen Zettelchen umgeben, die er gierig aufraffte, sobald er erwachte, und sammelte, bei sich versteckte, in Taschen, Pantoffeln, den Hosen, hinter irgendeinem Ofen, an dem er unbemerkt vorbeiging.

Einmal kamen die Bauern vor die Schloßrampe, mit ihren struppigen Haaren, biederen und grimmigen Mienen, plumpen Schuhen, die Hahnenfeder steil auf den kleinen Hüten, trugen Klagen vor gegen zwei Amtmänner, einen Rentmeister, machten große Pausen, hoben immer wieder die Hände. Es würde zu viel schlechtes Geld ins Land geschleppt; sie wollten Salz nicht um doppeltes Geld kaufen, sondern da, wo es am billigsten sei; die Juden sollten vertrieben werden; der Rentmeister erhebe Wegzoll überall, aber sie wollten nur da zahlen, wo gute Wege seien; man möchte den Amtleuten das unberechtigte Holzschlagen in den Gemeindewaldungen verbieten.

Der Alte mit dem Kanzler auf der Rampe keifte mit den Gärtnern, daß sie die Bauern vor das Schloß gelassen hätten, wo überall frischer weißer Sand gestreut sei. Die Bauern sollten sich nicht beifallen lassen, denselben Weg zurückzugehen durch den Park und alles zu verdrecken und betrampeln; sie würden geführt werden um das Schloß herum, dann hätte einer hinter dem andern den Küchenweg zu spazieren. »Was wollt ihr eigentlich hier?« schrie er schnüffelnd, an seinem Ohrläppchen arbeitend, »wißt ihr nicht, wo ihr hingehört? Warum geht ihr nicht an eure Arbeit? Ihr sollt machen und marschieren, wo ihr hergekommen seid. Wißt ihr Tröpfe, was ihr seid? Bärenhäuter, Fuchsschwänzer! Mir die Wege vertrampeln! Fort mit euch! Kriegt Hunde an den Hals.«

Und während sie langsam, störrisch, mit verzerrtem Gesicht, niedergeschlagenen Augen an ihm vorbeizogen, wie man sie führte, und sich verneigten, schmähte der kleine Alte mit rotem Kopf auf sie und spuckte; sie sollten nicht ihr Geld verspielen, in den Badehäusern sitzen und schwätzen. Dardanisches Spiel, Cinque, Sesse, die Filzlaus! Die verdammten Spötter und Schnurrer, die sie auf die Dörfer riefen, Seiltänzer Eisenfresser, fahrende Fräulein, und die Abgaben verweigern der Obrigkeit! Zu saufen wie Soldaten und reiche Herren!

Als sie davongemurrt waren, spie er auf den Gängen und Stiegen noch aus, lachte schlimm; die Weiber steckten dahinter mit ihrem sündhaften Begehren nach Putz und Quinquireleien; tut man bald gut, das Hexenvolk von den Äckern zu verjagen. Der Kanzler, beim Durchschreiten einer Hofgalerie, meinte leise, die Amtleute müßten höher bezahlt werden. Böse meinte der Fürst: »Recht so, recht so. Die Herren sollen wissen, wer regiert! Nichts da von Nachgeben. Lassen wir uns die Welt über den Kopf wachsen, Sartorius?«

Brummelnd meinte er etwas von dem böhmischen Schafgift, das ihm nichts angetan habe.

Am Geländer stand er auf seinen Krücken fast eine halbe Stunde, vor sich zischelnd, den Kanzler nicht beachtend, lebhaft gestikulierend. Zog seinen Mantel fest, sah an dem Kanzler auf. In der Kanzlei, mit flüsternder Stimme, gab er dem verblüfften Mann Befehl, alles stehen und liegen zu lassen; in einer Woche wolle er mit ihm eine Reise antreten.

Philipp Ludwig verabschiedete sich nicht von seinen Söhnen; es hieß, er mache einen Jagdbesuch bei seinem Nachbarn, dem Markgraf von Burgau. Unter dem Kopfschütteln des Haushofmeisters und allen Hofgesindes bestieg er mit fünf Mann Gefolge die Reisewagen, nachdem er noch schniefend dem Vertreter des Kanzlers Acht empfohlen hatte »auf die arglistigen Bauern«. Soviel Geld und Pretiosen er im Gepäckwagen transportieren konnte, nahm er mit; heimlich schlossen sich eine halbe Tagereise hinter der Stadt zwei Rotten Berittene an, die er gedungen hatte als Geleit. So zog er stattlich durch die Grafschaft Scheyern Pfaffenhofen. Dort brach die Achse des Gepäckwagens vor dem Krug. Geschrei Lamentieren des Fürsten, der tiermäßig vermummt sich nicht bewegen konnte unter seinen Pelzkappen, gestrickten italienischen Hemden, wattierten Wämsern, Strümpfen aus Lammfell. Seine Furcht, die Sache könnte ruchbar werden, man könnte Verdacht schöpfen in Neuburg, die Söhne könnten etwas merken, die Berittenen könnten den Gepäckwagen plündern. Verängstigt schnaufte er aus seinem Fellhaus heraus mit dem steifen stummen Kanzler, ob man die beiden Rotten nicht fortschicken solle; man hätte den Bock zum Gärtner gesetzt; aber dann sei man den wartenden Soldaten und Fechtbrüdern ausgeliefert. Er gab dem Kanzler ein Galgenmännchen in die Hand, er selbst umklammerte mit jeder Faust zwei: »Greift sie fest, daß nichts geschieht.« Die Berittenen mußten sich, als die Achse gestützt war, vierzig Schritt hinter dem Wagenzug halten. Über Dachau Nymphenburg näherte man sich nach zwei Tagen München. Der Pfalzgraf, übergeschäftig, hocherregt, wagte sich aus seinem tierischen Kerker heraus, schweißbegossen, bisweilen völlig wirr im Wagen nach vielem Schwatzen Disputieren und Aushorchen legte er als seinen neusten Trumpf hin, daß man in München nicht so kurzerhand vorgehen könne, wie wenn es sich um die Privatsache von Hinz und Kunz handle, daß man nicht so einfach gerade ausgehe, seine Kammerdiener und Läufer schicke, sich von einem Hofmeister ein Losament anweisen lasse, einen Besuch abstatte, Gegenbesuch erfolge, Geschenke Gegengeschenke Besprechungen Banketts Zechereien des Gefolges, Ausritte Karussells. Dabei bringe man eine Sache von solchem Gewicht leicht ins Lächerliche, bringe sie zum Versanden zwischen lauter Gerede und Höflichkeit.

Kurz und gut, er sähe gänzlich ab von einer persönlichen Rücksprache mit dem Herzog Maximilian, gänzlich und überhaupt.

Was dann nun sei, geschehen solle, sann besorgt der Kanzler; so müsse man wohl umkehren. Also, fuhr der Pfalzgraf fort, er sähe gänzlich davon ab. Er für seine Person. Es sei seine Ansicht, durchaus seine Privatsache. Er hindere niemanden, eine abweichende Ansicht, Meinung zu haben; im Gegenteil, es sei jeder sogleich verpflichtet, sie vorzutragen, zu vertreten. In ihm war kurz vor dem Ziel, vor dem fernen Blinken der Liebfrauenkirche die entsetzlich beschämende Furcht aufgetaucht, der ganzen Situation nicht gewachsen zu sein; die Persönlichkeit des Bayernherzogs drohte; ihm graute davor, sie könne sich an ihm, dem Neuburger ehrwürdigen Pfalzgrafen, vergreifen, irgendwie ihm respektlos begegnen. Er fühlte sich, noch nicht eingetreten in die Stadttore, überwunden von Widerwillen, einem Durcheinander peinlicher Bilder; sah sich schon auf einem Sessel in der feierlichen bayrischen Residenz, schwerhörig wie er war, unfähig den Spitzen und Feinheiten von Maximilians Worten zu begegnen; ein ängstigendes Schauspiel.

Er ließ sich Kissen in den Rücken schieben, die Vorhänge schließen, einen langsamen Schritt anschlagen. Diese Trockenheit in Bayern, klagte er. Er werde jedenfalls, wenn es denn sein solle, den Maximilian im Hintergrund beobachten fassen erwischen. Dabei blinzelte er seinen gespannt nachdenkenden Kanzler, die trübe ehrliche Gestalt, an, ob der ihm nicht irgendwie zuvorkäme. Der rang die Hände, hatte einen heißen Ton in der Kehle: »Was machen wir, Durchlaucht? Mein Heiland, die ganze Fahrt, die lange Fahrt; und Durchlaucht werden erschöpft sein.«

»Ja, erschöpft. Er hat es gefaßt, Kanzler. Ich bin erschöpft. Mehr als das, völlig unbrauchbar. Mir fehlt nur das Bett. Ich bin ein alter Mann.«

Er bat auch um das Kissen des Kanzlers: »Ihr seid ein verständiger Mann. Ich hätte keinen bessern mitnehmen können. Wir werden ein wenig schlummern.«

Während der Kanzler entsetzt Minute nach Minute zählte, sie sich den nördlichen Stadttoren näherten, schlummerte der Fürst oberflächlich, murmelte befriedigt, man dürfe in keinem Fall Dinge überstürzen; jeder sehe, daß er müde sei; er möchte das Weitere übernehmen. Als er zwischen den leicht gehobenen Lidern den Blick des Kanzlers erkannte, wiederholte er sanft: »Übernehmt nur das Weitere. Ich werde Euch Vollmacht erteilen.« »Aber Durchlaucht.« »Kanzler, Ihr braucht mich gar nicht viel fragen. Ich habe Vertrauen zu Euch; ich hatte es schon immer, konnte es nur selten offen äußern. In den Jahrzehnten, die Ihr um mich seid, habt Ihr die Grundsätze meiner Regierung genugsam kennengelernt. Ihr habt Euch längst -- ich weiß ja, seid nicht zu bescheiden -- alle Selbständigkeit in den Regierungsmaßnahmen erworben.«

Der wand sich, verneigte sich, errötete, hob die Finger an die Schläfe.

Der Fürst ließ den Wagen halten, schlief eine halbe Stunde. Er lächelte im Weiterfahren erquickt den andern an: »Ich habe, wenn ich Euch gelehrten und wohlerzogenen Mann betrachte, die wirkliche und ehrliche Meinung, daß Ihr die Neuburger Regierung ganz in meinem Sinn führen könntet. Als Nachfolger könnte ich mir niemand lieber wünschen als Euch. Wie schlapp bin ich. Doch ein müdes, morsches Haus.«

Als der Kanzler gebeten hatte in seinem Schreck, neben dem Wagen spazieren zu dürfen -- er gedachte Zeit zur Überlegung zu gewinnen, indem er das Tempo des Wagens verlangsamte -- blickte ihn der Alte, drin langhingestreckt, den rechten Arm anhebend, listig an; ob er auch das Galgenmännchen ordentlich drücke; dies sei die Hauptsache; dann passiere nichts; Maximilian trage wohl keins; da sei man ihm über. Im übrigen wisse er etwas; das Einfachste sei, der Kanzler vertrete ihn beim Herzog. »Tretet ihm ruhig entgegen. Lasset Euch von seinen Praktiken nicht imponieren. Ihr fühlt ihm auf den Zahn; wie leicht ist das. Übermorgen kehren wir heim oder einen Tag später, wenn das Wetter gut bleibt.«

»Und Ihr, Durchlaucht?«

»Und ich? Wir sind hier Fremder, ein Gast des Neuburger Pfalzgrafen. Macht Euch darum keine Sorgen. Ich werde Euch Direktiven geben, wenn ich mich restauriert habe.«

Wieder rang der die Hände, es ginge nicht, der Fürst als sein Begleiter, es ginge wider den Respekt, um Himmels willen, welche Verirrung, welche Verwirrung, welche Herausforderung göttlichen Grolls.

»Mein Lieber,« gähnte gutmütig der Fürst, die Augen geschlossen, »wage Er es nur. Wir befehlen es Ihm, und so ist Er jeder Verantwortung vor göttlicher und menschlicher Behörde ledig.«

»Aber um Jesu willen, der Respekt, der Respekt vor Eurer pfalzgräflichen Gnaden. Was soll der Herr Herzog in Bayern und ihr erlauchter Hof von mir denken, daß ich glaube, im Namen des Neuburger Fürsten selbständig verhandeln zu können.«

Befriedigt nahm das der Pfalzgraf an; es werde nicht peinlich sein, jedenfalls nicht sehr; er werde alles in die Wege bringen, freilich etwas peinlich bleibe es. »Gegen Euer Durchlaucht Haus, gegen die Anverwandten, die hohen Vorfahren.« »Freilich, es ist peinlich, bitter peinlich. Es ist ein Unrecht gegen das Haus. Aber es muß sein. Wir verantworten es. Wir befehlen Euch, uns während unsrer Schwäche nach Vermögen zu vertreten.«