Part 32
Als Buckingham, nicht mehr Herr seines Spottes und Dialektik, flehte, um sich selbst in Angst, dem Parlament nachzugeben, um das Schlimmste zu verhüten. Grausam drohten die Lords, die Bürgerschaften. Buckingham, zitternd, machte sich selbst auf, den Parlamentswillen zu vollstrecken, Hilfe den Hugenotten gegen Richelieu zu bringen, der sie in der französischen Seefeste Larochelle eingeschlossen hatte. Aber auf der Rheede des Hafens sah er die furchtbare Übermacht der Katholischen, hochmastige Schiffe, zu Lande zielende Kanonen, Männer, verwirrt gab er, noch auf der Rheede Befehl, umzukehren. Brüllte weinend in seiner Kajüte gegen die Kapitäne, es sei unmöglich, unmöglich, er könne dies nicht verantworten, die englische Flotte sei mehr als ein fettes Futter für die Welschen.
Ans Land gestiegen kam er nicht weit. Sein Haus in Portsmouth hielt eine tobende Menschenmenge eingeschlossen; er wollte zum König nach London. In der Vorhalle seines Hauses wurde er nach vier Tagen, gewaltsam versuchend auszubrechen, von der Volksmenge erstickt, zerquetscht, seine weißgepuderte Perücke zerfasert, seine tanzlustigen Knochen zerbrochen, seine lasciven Lippen mit Kot bedeckt. Der König in London schloß sich zwei Tage ein, verfluchte sich, die Königin, das Parlament, machte sich mit innigstem Grimm zum Zweikampf mit dem Volk bereit. In wilden Zuckungen warf sich England, griff keinen Feind mehr an.
Preisgegeben der stolze Friedrich von der Pfalz. Die englische Königstochter preisgegeben. Die Welt konnte sich erbarmen ihrer Ansprüche. Rusdorf, der leidenschaftliche kleine Johann Joachim, hatte lange England verlassen; seinen kranken Freund Pavel auf niederländischen Boden verbracht, wich nicht aus Haag, aus der Nähe seines Kurfürsten Friedrich; die Erde mochte untergehen, der Kurfürst sich aller Ansprüche entschlagen; er wollte von dem Recht nicht lassen, durchfiebert von der Rachsucht auf das grausame übermächtige Habsburg, angewidert von der englischen und dänischen Schwäche.
* * * * *
Maximilian fuhr um die Höhe des Sommers vom Berge Andechs, wo er gebetet hatte, mit Fyans, dem stummen niederländischen Arzt, nach München. Er hielt sich in seiner Residenz vier Tage eingeschlossen; Fremde suchten seine Audienz nach, Bildersammler Gemmenhändler wollten ihm ihre Auslagen bringen, Briefe von Tilly liefen ein, seine Tür war nur Vervaux, dem Beichtvater, und dem Leibarzt offen. Man sah ihn durch den Hofgarten, die Grottenhöfe in der warmen Herbstluft gehen. Es geschah, daß er seinen Kriegsratspräsidenten zu sich berief und zum ersten Male im Rat über die Kriegslage sprach. »Mein Heiland, daß du mich versuchst«, kam aus seinem Mund vor dem Präsidenten gegen Schluß des Vortrags.
Er ließ seine Räte und die Vertrauten des Hofes eines dunklen Morgens in eine kleine Ritterstube rufen. Maximilian, barhäuptig, ungegürtet, stand, nachdem er sich von einem Sessel erhoben hatte, streng und wie abwesend vor einer hohen Prunkkredenz. Er dankte ihnen mit leiser Stimme, die sich bald kräftigte, daß sie erschienen seien. Er denke gewiß groß von ihnen, die ihm so viel geleistet hätten. Ihre Gesinnung hätte sich gegen ihn zu jeder Stunde bewährt. Er stockte viel. Es sei ihm klar geworden, nach vielem Nachdenken, daß er sich kaum werde behaupten können. Als darauf Bewegung unter den ernsten alten Herren entstand, richtete er sich aus seinem Hinstarren auf. Ja, er hielt es nicht für unwahrscheinlich, daß er der letzte des Hauses Wittelsbach sei. Daß er nicht spielte, erkannte man an den glühroten Striemen über seiner Stirn, an der Art, wie seine Finger über dem weißen Wams zuckten. Sie seien in Gefahr wie noch nie. Es sei ihm unmöglich, jetzt schon deutlicher zu sein. Wer sehen könnte, sähe schon; es werde bald erhellen. Er wisse nicht, wie er aus diesem Kreis feindlicher Mächte Bayern herausgeleiten könne. Zum Schluß flüsterte er, er brauche Mitwisser, Mithelfer. Sie möchten seiner gedenk sein. Es war fast ängstlich, ihn anzusehen, wie sich der Stolze abrang so zu sprechen und wie die Audienz fast mitten in der Rede abgebrochen wurde. Aber die finstere Katastrophenstimmung, unter der er stand, nahmen sie mit. Sie nahmen das Entsetzen mit, daß der Einsame, der sonst nichts von sich gab, mit seinen halblauten Worten von sich strömte. Als stünde der Feind vor der Tür.
Er saß in seinem verschlossenen Palast, mit Fasten, nächtelangem Beten, Selbstfolterungen an sich rüttelnd. Die Liga war verdrängt vom Kriegsschauplatz, Graf Tilly, er konnte nicht an ihn denken, ohne geätzt zu werden von der blinden verzweifelnden Wut, seine Kiefern rieben sich aneinander. In den sehr stillen, glühheißen Wochen ritten häufiger und häufiger fremdländische sanfte Männer durch die Straßen Münchens. Sie waren fromm; standen vor der diamantenüberschütteten Reiterstatue des heiligen Georg in der Hofkapelle, beteten vor ihr; keine Frühmesse versäumten sie. Feine freie lockenumspielte Gesichter hatten sie, kleine Spitzbärte, mit Lächeln blickten sie die Männer und Mädchen an; keiner konnte ohne Freude sie zierlich und fest hinschreiten sehen. Bologneserhündchen mit glatten weißen Haaren, schwarzer Nase, trugen Diener hinter manchen her; auf den Brunnenrändern spielten und gurrten die Herren mit ihnen. Wie eine magische Tröstung drängten sie sich dem lethargischen Maximilian auf, der seinen Vater zurückwies, seine Räte beschied, ihn nicht zu stören mit ungefragten Naseweisheiten. Marquis Marcheville, ein langer Herr mit schwarzen vollen Locken, geschwungener starker Nase, feuchten großen Augen, flüsterte vor der deutschen Kurfürstlichen Durchlaucht verschwiegen erinnernd an ihre alten Besprechungen, die französische Majestät hätte mit Freuden Kenntnis genommen von dem siegreichen Vorgehen der katholischen Mächte gegen den Dänen, sie vermeine, es sei vielleicht jetzt an der Zeit, den Frieden anzubahnen. Und als der Kurfürst hart zurückgab, nicht an ihn möge sich der edle Herr deswegen wenden, sondern an den Römischen Kaiser, schmeichelte der feingeschuhte Mann, so könne er doch nicht glauben, daß ein bayrischer Fürst, Kurfürst und Wittelsbacher, einflußlos im Heiligen Reiche sei und nicht Rechte und Pflichten in der Sicherung des Reiches vertrete. Dann bemerkte er, daß das ligistische Heer an den Erfolgen beteiligt sei. Danach dankte der Kurfürst.
Als zweiter trat in das weite ebenholzgetäfelte Empfangszimmer nach einigen Tagen im Kardinalspurpur eine niedrige fahlgesichtige Figur; ihre Stimme streng, sicher, Bagni, der päpstliche Nuntius in Paris, segnete den Bayern, besah flüchtig einige Gobelins, schalt, in dem Kriegstreiben dürfe man die heilige Kirche nicht vergessen, als bedeute sie nichts; an Frieden müsse man denken, noch weiter friedliche Christenmenschen dem Unwesen auszusetzen, sei Todsünde, beflecke wie Mord. Mit Entzücken habe der Papst von dem Wunsche seines treuen Sohnes, des gallischen Königs gehört, Vermittlung den Parteien anzubieten; möge Maximilian, dessen Frömmigkeit so hoch stünde, dies annehmen. Der Papst wünsche Frieden, wünsche ihn innigst. Der Kurfürst, sich im Sessel vorbeugend, küßte das Kreuz aus Elfenbein, das der Kardinal ihm mit herber Miene bot.
Den habichtsköpfigen Marcheville ersuchte Maximilian, nachdem er plötzlich seinen Räten Besprechungen mit den Franzosen befohlen hatte, selbst zu sich. »Ich will Frieden,« stieß er zwischen den Zähnen mit aufbebendem Gesicht vor, »es ist meine Pflicht, diesen Streit zu beenden. Welche Vorschläge macht mir Euer König?« Der Franzose: Die Vermittlung solle den Pfälzer Ausgangspunkt vernichten in irgendeiner Weise. »Ich will wissen, Marquis, was Ihr wollt, und was Ihr mir gebt; ich will baldige Vorschläge. Ich muß mich entscheiden.« Der Marquis riet, Bayern und die Liga solle sich neutral erklären, solle einen Sonderfrieden mit Dänemark schließen, Frankreich werde diesen Frieden garantieren; man müsse ohne Wien und Madrid handeln. »Ja, das muß man,« stöhnte der Kurfürst; »Ihr braucht es mir nicht sagen. Ihr wollt freie Hand im Elsaß und im Artois, ich weiß. Ja, ich weiß.«
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Von den eroberten und besetzten Gebieten pulsierte Gold nach Österreich in wilden Takten; Wallenstein, der General, hatte das Heer als Stab in der Hand, mit dem er Quellen entdeckte. Man brauchte nicht, wie Hispanien, das neue Indien unter Gefahren aufsuchen; es war, wie der Böhme prophezeit hatte, übergenug im Reich vorhanden. Nur ab und zu erinnerte Abt Anton den Herzog, der bisweilen versunken schien, an die Bedürfnisse des Hofes und das Glück der Stunde.
Der Hof verfolgte von Wien aus den Kampf, das grausame Niederringen des Dänen an der Meeresküste wie von einer bekränzten hohen Tribüne herab, unter schallenden Flöten Zinken Posaunen Pauken; der Herzog von Friedland war als Ritter Georg hinausgeschickt worden, den Drachen zu bezwingen. Und er machte es vorzüglich, man mochte ihm den Beifall nicht vorenthalten. Er war treu und bieder; was er konfiszierte, schickte er dem Kaiser, konnte auch selbst seinen Teil dran haben, sollte ihm nicht verdacht werden. Sein Lob sangen sie mit vielen Stimmen: die früheren Kaiser und Päpste haben treffliche Diener gehabt, die ihnen in der Not beigestanden hätten; aber könnte sich keiner vergleichen mit dem hageren heftigen Böhmen, der sich von Schlachten in Schlachten stürzt, sein Vermögen blind und unaufgefordert hinwirft, das Reich rettet, den kaiserlichen Hof mit Gold überschüttet. Der Papst hat seine Jesuiten, der Kaiser den Herzog von Friedland. Entzückt schwebte der Hof, keine abenteuerlichen Wünsche versagten sie sich, die Pracht der Feste Gastereien Schloßausstattungen Jagdaufzüge überstieg alles Frühere. Abt Anton schrieb, der Herzog zahlte. Sie winkten kaum: »Wir danken, wir danken.«
Es gab welche, die lächelten sich bei Tisch an, wetzten ihre Zungen an dem Böhmen draußen, der sich in den Morästen und öden Ländereien herumschlug: »Der Unhold von Altdorf hat seinen guten Platz gefunden. Er hatte die Wahl zwischen einem gefährlichen Raufbold und kaiserlichen Offizier, kann dem Kaiser danken, daß er ihn annahm und nicht Spitzbube werden brauchte.«
»Wir haben zwei Chorherren in Kompagnie, werden bestätigen, was ich meine. Dem Herzog ist ein Glück geschehen. Der Kaiser hat ihn aus dem Kot gezogen, in dem seine rebellischen Vettern und Freunde verreckt sind; so hat er Grund, dankbar zu sein. Ist ein weidlich starker, dicker Büffel, zieht den Pflug, das ist sein Handwerk. Das Recht hat er zu siegen, wenn er kann; noch andere können siegen; die römische Majestät hat ihm wohlgewollt. Danke er, nichts weiter.«
»Den Segen des Heiligen Johannes wollen wir trinken. Der Narr Wallenstein soll leben. Der Büffel, ja, der dicke Büffel, der in Holstein Sumpfwasser sauft. Gottes Tierreich ist groß. Trinken wir Alikante, lassen wir ihn Elbe saufen.«
Sie schütteten ihr Gelächter vor sich hin.
»Wird das Vögelchen zu lustig werden, werden wir ihm die Federn rupfen. Ist dann genugsam geflogen, sagen wir: >Danke schön, danke fein, Herr Vögelchen. Kettchen am Bein, Ringchen am Hals, Näpfchen vor dem Schnabel. Traurig Leben, traurig Leben.<«
»Was glauben die Herren Brüder? Pro clausula finali geschenkt! Er ist gut, er ist hold, er ist fromm. Die Renegaten sind die frommsten. Wenn die Römische Majestät genug hat von ihm und seine Knochen hohl sind, entläßt sie ihn in Gnaden, gibt ihm einen Klaps, einen schönen Namen -- nicht Kälbchen, nicht Äffchen, nicht Schäfchen -- vielleicht ein neues Wappenschild, und so muß er die Tür nehmen.«
Zu dem jubelnden Abt Anton, der jeden seiner Freunde küßte, die ihn besuchten in seiner blumen- und weinduftenden Bibliothek, meinte Trautmannsdorf, indem er einen Tanz vor dem Händeklatschenden versuchte: »Ich begreife alles. Es ist nicht nötig, daß Ihr klatscht, Ehrwürden. Die Musik macht der Herzog von Friedland, von Sagan, von Mecklenburg. Ich gehe in Ferien. Wir brauchen nicht mehr regieren. Wir erhalten unsere Gehälter, und er tut die Arbeit. Ich stelle mich Euch zur Verfügung; wie wollt Ihr mich beschäftigen?«
Anton streckte feierlich, aus glücklichen Äuglein blickend, die talarversteckten Arme aus: »Seid in Euren Ferien bei mir willkommen. Feiert Eure Ferien mit mir! Setzt Euch zwischen Folianten, Kerzen, Büchern, dort auf Eure Truhe. Ich will Euch bedienen.«
Und während sich der feine Graf schlaff auf die Truhe niederließ, eine Papierrolle beiseite schiebend, bot ihm der vollwangige Abt strahlend einen französischen gepfefferten Likör, erbeutet in Holstein von einem Wallensteinschen Streifkorps: »Seht, Lieber, Bücher sind vorhanden, der Likör hat sein Dasein. Aber wißt Ihr, wißt Ihr, wir sind beinah nicht mehr da. Ihr könnt raten: was ist das Wichtigste für einen Menschen?«
»Aber Ehrwürden, die unsterbliche Seele.«
»Gewiß, unbestritten. Im übrigen aber. Denkt nach. Der Stellvertreter; das ist das Wichtigste für einen Menschen. Wenn es einen gibt, der einem Recht zum Leben gibt, daß man aufatmen kann, weil er die Arbeit abnimmt. Vernehmt: kein Schatten. Sondern --«
»Einfach Wallenstein.« Trautmannsdorf lächelte, goß sein Glas in eine Blumenvase: »Die Reseden sind so schön, sie mögen auch von Eurem Likör schmecken.«
»Er ist der Stellvertreter, wie wir ihn seit Jahrzehnten gebraucht haben. Das Haus Habsburg seufzte nach ihm. Nun ist er da.«
»Er erfüllt in der Tat diese Aufgabe außerordentlich. Ihr seid bald nicht mehr da. Er hat dem Kaiser die Last abgenommen, Kaiser zu sein. Er siegt für ihn, ernennt für ihn, politisiert für ihn.«
»Also. Ihr seht: außerordentlich. Wir haben dies gebraucht. Es ist eine Lust, Kaiser zu sein. Es gibt keinen Diener, der neben dem Böhmen zu nennen wäre.«
Trautmannsdorf tauchte und drehte die Reseden in der tönernen, bemalten Vase neben sich: »Sie werden bald betrunken sein, die Reseden. Paßt auf, wie sie die Köpfe senken werden. Sie vertragen so kräftige Nahrung nicht. Und was meint Ihr, was wird nachher aus Friedland, wenn er trefflich Kaiser spielt, und aus dem Kaiser, wenn er sich so trefflich vertreten lassen kann?«
»Sie ergänzen sich; sie ehren sich. Es wird keiner im Reich nach dem Kaiser mächtiger sein als Friedland; Augustus, sein Feldherr Cäsar.«
Nur Fürst Eggenberg sah sich am Hofe um, erkannte die schrankenlose Freude, gegen die es kein Ankämpfen gab. Er war allein. Die geifernde, grollende Clique der Bayern, der Spanier wollte sich an ihn werfen, Strahlendorf sprach ihm zu; trauriger zog er sich zurück, als er erschreckt bemerkte, daß die Feinde Ferdinands sich ihm gesellten.
Dann setzte er sich gegen den Kaiser. Er hegte nicht mehr das geringste Mißtrauen gegen Wallenstein, ihn widerten die Bayern an, die Haß am Hofe säten; er hatte still in sich das unverrückbare Gefühl: diese furchtbare Macht darf nicht auf einen einzelnen gehäuft werden. Mit Liebe suchte er die Bewegungen in der Seele des Kaisers nachzufühlen, seine Glückseligkeit über das Geschick, das Wallenstein vollstreckte. Er trauerte; er wußte, wie wohl dem Kaiser war, wie er beglückt war nach der schweren bayrischen Affäre. Wochenlang hielt sich Eggenberg in seiner Wohnung. Dann war ihm klar: dem Herzog mußte die Macht abgenommen werden; es durfte nicht zum letzten Bruch mit den Kurfürsten kommen. Und mit wachsender Angst hörte er um sich jubeln, sah das Schrecknis des böhmischen Herzogs. Spähte um sich, verschloß entsetzt die Fenster und Tore seines Hauses.
Machttriefend, ungeheuer, unmäßig schluchzend nach Herrschaft, Sieg, hörte ihn der Kaiser an; wie schon einmal stellte sich ihm sein vertrautester Ratgeber mit schlotternden Gliedern gegenüber. Jetzt lachte der Kaiser Tränen über ihn; ob er nicht wie jener Eulenspiegel sei, der ächze, wenn er ins Tal herabstiege, juble beim Klettern -- ein Spaßmacher. Bei Abt Anton kreuzte der Fürst die Wege des verwachsenen Grafen. Der, von einer großen Helle, neigte sich ihm halb zu, vom allgemeinen Rausch mitgenommen; man müsse sehen, wieviel Wallenstein durchzusetzen vermöge im Reich, dürfe ihn nicht stören; Gefahren müsse man an sich herankommen lassen. Eggenberg versteckte sich.
Ferdinand der Andere, des Römischen Reichs Mehrer, rauschte als glöckchenklingelnde bänderwerfende Riesenstandarte in Purpur über ihnen, in den Boden gerammt, häuserhoch am Mast, an der sein Ungestüm zerrte, als wollte er sie hochtragen. Er war nach dem monatelang an ihm wütenden Wechselfieber zum Skelett abgemagert, auf Jagden stürzte er oft ohnmächtig vom Pferde, nach kleinen Ritten hing er schweißgebadet im Sattel; seine Nase war schmal und überaus hoch geworden; ein dünnes, beängstigend zartes Gesicht mit verschatteten, sehr weiten Augen. Die Freude zu trinken, zu bankettieren hatte ihn verlassen; er saß wie sonst den feierlichen und intimen Gastereien vor, liebte die Üppigkeiten der Küche vor sich zu sehen; das Knuspern Knacken Schmatzen Schlucken lösten in ihm Wonne aus, als ob er selbst schmauste, der Dunst der Braten Soßen Suppen badete seine Nase, seinen Mund. Ins Gestühl vergraben schnalzte er zur herunterwogenden Musik. Seine Hände mit den knotigen Fingern waren hellgelb und durchsichtig geworden; wenn er sie vor das dünne Gesicht hob gegen das Kerzenlicht, entzückte ihn in einer unverständlichen Weise das durchscheinende helle feine pulsierende Rot; es schien ihm beglückend zu sein wie das, was ihn erwartete. An Ringen Goldgehenken Schnallen Prunkschärpen, bemalten durchwirkten Gewändern schleppte er auf seinem matten Körper mit sich herum in Karossen, auf Tummelpferden, als ob er in Konstantinopel wäre. Seine Leibwagen mit ungeheuren Hinterrädern, deren Speichen wechselnd silbern und kupfern blinkten; die Vorderräder zwerghaft kriechend, demütig, fußfällig am Boden; auf ihrer Rundung Kränze und Kronen silbern auf rot. Zwischen den Räderpaaren auf biegsamen Achsen gelagert das schwere zitternde Wagengehäuse, die Wände schräg gewaltsam nach oben auseinander strebend, kleiner Boden, breitausladendes Dach, von elfenbeinen gedrehten Säulchen gestützt; seitlich durchbrochen von kristallenen Fenstern in Ebenholzrahmen. Auf dem Dach offen ruhend vor dem Licht eine Krone aus heißem Gold mit hohem Kreuz und breiten Steinen; von den vier Wagenwänden stiegen Riesen mit Bronzeleibern und silbernen Bärten auf, hielten Keulen und Schwerter um die Krone. Drei faustdicke Goldpuscheln herab hinter den Sitzen der Kutschierenden, drei Puscheln gebückt vor den rückwärts deckenden Hellebardieren. Drin halb liegend unter Decken er, träumend aufgeschreckt, die Lippen bewegend.
Durch seine Finger lief das Gold, um sich in Almosen Altarbilder, in Teppichbeete Laubengänge Lusthäuser Springbrunnen Pfauengärten Vogelvolieren Fischweiher aufzulösen. Der Pfennigmeister Gurland, der Schatzmeister suchten den Strom in ihre Räume zu lenken; der Kaiser freute sich ihrer Gier. Dankbar für die Errettung aus der Krankheit schickte er dem Papst Urban hunderttausend Taler als Peterspfennig. Nur durch Gebete und Verehrung konnte man den Himmel versöhnen für die Sünden, die man ohne Unterlaß beging, Verzeihung erreichen, sich würdig neuer Gnaden erweisen, neuen Segen anlocken. Er ließ Lamormain, den Beichtvater, täglich zu sich kommen, als wenn er seinen Schutz brauchte; zu ihm sagte er, er sei sein bestes Amulett; mit einer krampfhaften Erregung hing er sich an ihn; so maßlos beschenkte er die Stiftungen Schulen Konvente der Väter von der Jesugesellschaft, daß Lamormain besorgt ablehnte; Ferdinand bettelte, man möchte ihn nicht zurückweisen: »Was wollt Ihr, Ehrwürden, es werden nicht viele Kaiser nach mir Euch wohltun, wie Ihr verdient.«
Hochgerissen neben ihm die Kaiserin, die junge verwirrte sich entfremdete Mantuanerin. Sie litt das Glück wie er, gräßlich heimgesucht, in ihrer Entwurzelung schwankend, hilflos. Sie ritten ohne Dienerschaft spazieren durch die Wälder von Schönbrunn, beide auf hohen weißen Pferden, lange Reitstöcke wippten in ihren Händen. Farblos ihre beiden Gesichter. Eleonore fragte, ob er sich besinne, wie er sie einmal nachts habe rufen lassen; es sei vor der Ernennung des Friedländers zum General gewesen. Sein häutiges Gesicht vibrierte, seine Augen strahlten, er blickte fasziniert vor sich: »Ich habe gelacht. Ich habe lachen müssen über unseren Schwager, den Maximilian. Er hatte mich dazu gedrängt.« »Du hast dich in Wallenstein nicht getäuscht; wie ich mich freue mit dir.« »Ich habe gelacht. Ich habe recht behalten. Er hat mich sehr beglückt.« »Er hatte dir Schlimmes angetan, dein Schwager; warum hast du ihn zum Kurfürsten gemacht. Jetzt hast du Macht, beseitige ihn.« So weggenommen von Träumen war er, daß er nicht auf die heißen Augen achtete, den zudringenden Ton in der Kehle der Frau. Er hieb, Lachen ausstoßend, auf Äste neben sich: »Ist nicht nötig, Eleonore. Nicht mehr nötig. Was Gott übernommen hat, liegt in guten Händen. Wir werden -- wir werden unsere Feinde im Zaume halten, wie keiner vor uns. Es ist uns um nichts mehr bange. Wir werden an der Ostsee gebieten wie am Adriatischen Meer. Die Ketzer werden sich hinter das Wasser verkriechen.« Er war in Zittern aufgelöst. Sie schrie, während ihr der Stock entfiel und sie sich an der Pferdemähne festhielt. Glitt vom Pferde, die Tränen liefen über ihre beiden weißen Backen; wild weinte sie, sich am Zügel seines Schimmels haltend, während er in das Grün hineinsprach und zu ihr herabnickte. Sie streichelte mit beiden Händen sein Pferd, seine Füße, Gamaschen; er solle nicht sprechen, er solle still sein. Ja, sie wolle wieder auf das Pferd steigen, aber wenn er nicht mehr so zu ihr spräche und gut zu ihr wäre.
In der Burg stand er an einem Herbstmorgen am Fenster seiner Schlafkammer. Wie er hinunterblickte auf den Hof und der Narr Jonas unten trollte, fühlte er sich jäh hingezogen. Mit hellem Gelächter begrüßte er am Schuppen den Zwerg, der Kobolz schoß und gierig auf seine Hand blickte. Ferdinand sah hoch, ob ihn einer vom Fenster beobachte. Als wenn seine mageren Glieder zuckten, sprang er spielend über den Kleinen, der im Sand rollte neben Brot und umgekippten Eßnäpfen, reizte ihn mit der Fußspitze, griff von oben nach ihm, schlug seine Hände zurück. Menschenfresserisch knirschend zog er ihn auf, schaukelte ihn mit zauberischem Schlangenblick flüsternd vor der Brust. Mit brünstigem Vergnügen riß Ferdinand, der Degen und Wehrgehenk in der linken Hand trug, das Türchen zum Keller auf; in den Dunst ließen sie sich herunter, schlugen ein Faß an, zechten. Ferdinand erbrach im Augenblick. Sie schrien triumphierend, bellten die Decken in der Dunkelheit an, drohten, kicherten, reizten die Fässer zum Kampfe. Bis sie frech auf dem Rücken über die Steine kollerten, mit den Armen schaukelten und immer einzelne Worte trillerten schnoben herausbrüllten, wobei der andere das Echo machte: »Papst! Papst.« »Urban! Urban.« »Papst! Papst.« »Jonas.«
Sie platzten vor wonnigem Lachen. Und als Ferdinand wieder würgte und nicht mehr trinken konnte, bat er den Narren, einen Eimer zu nehmen und Wein ihm auf den Kopf zu gießen, auf die Brust, immer mehr.
»Ich bin ein Heide, Herr Papst. Taufe er mich, Herr Papst.«
Und der betrunkene Zwerg zelebrierte über dem Kaiser die Taufe.
Ende des ersten Bandes
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden, zum Teil unter Hinzuziehung späterer Ausgaben, korrigiert.