Wallenstein. 1 (of 2)

Part 31

Chapter 313,448 wordsPublic domain

Der ältere Kratz, Graf Hans Philipp von Scharffenstein, wurde in Prag auf dem Kirchgang überrumpelt und aufgehoben. Ihm hatte der Friedländer stolz und mit vielsagenden Blicken versprochen, er hätte ein Herz für seine Soldaten, Kratz solle herrliche Quartiere mit seinen Regimentern beziehen. Darauf ging Kratz, verständnisvoll lächelnd, mit sich zu Rate, führte seine Reiter nach Franken und Schwaben, den Markgraf von Baden herausfordernd. Das Urteil des wilden, der vom Leben zum Tode befördert werden sollte, war schon gesprochen, als ihm, der riesenstark war, gelang, sein Zellgitter zu zerbrechen, bei Nacht in den Graben zu springen. Dem Wachposten, der ihn jenseits erwartete, drückte er, ihn hin und her werfend, mit den Ellbogen den Brustkasten ein, entkam in den Kleidern des Ausgeraubten, in den Graben Geschleuderten. In Baden zeigte er sich an der Spitze der von ihm geworbenen Regimenter, schickte einen Höhnbrief an seinen General; nach drei frech im Lande durchbrausten Wochen führte er seine Regimenter über den Rhein zum Herzog von Lothringen.

Oberstleutnant Gottfried Eichzel, des Regimentes Fahrensbach, ein dickleibiger flinker blutrünstiger Mann, stationierte im Gefolge der Armee Arnims in der Grafschaft Ruppin. Er, der den Krieg nicht als Martyrium für sich und seine Offiziere erachtete, bemächtigte sich in Ruppin der Häuser von Adligen, schließlich des kurfürstlichen Schlosses selbst, von da mächtig und in Ruhe das Land überfallend, ausplündernd. Vom Herzog von Friedland verlautete, er hätte wegwerfend vom Brandenburger Kurfürsten gesprochen, der mit dem Schweden und Bethlen versippt war, und man hätte keinen Grund, sein Land sonderlich zu schonen und in Acht zu nehmen. Der runde wippende Eichzel verließ Prag nach dem Besuch für lange Zeit nicht; nach Formierung seines Prozesses wurde er in Eisen geschlagen, in einem Kellerloch verwahrt.

Den Obersten Marquis Brissy und Haußmann wurden die Regimenter abgesprochen. Des Daniel Hebron, eines strengen ihm mißliebigen Mannes, konnte er sich nicht bemächtigen. Aus dem Heer gestoßen wurden nach kurzem Prozeß die Kroatenobersten Orahoczi, Hrastowacki. Hinweise auf frühere Verdienste drangen beim Herzog nicht durch. Die Namen einiger Entflohenen wurden vom Henker an den Galgen geschlagen.

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Wie ein Eber den weichen Waldesboden aufreißt, daß die Erde und Moos beiseite spritzen, so stießen Wallensteins Armeen im Reiche vor, warfen die Menschen auseinander, zerschmetterten und durchwirbelten sie, zerstreuten sie in die Winde. In dem Schritte des Heeres war kein Gleichmaß, aber gebändigt war die steife tragende Kraft, die die Dächer abhob, mit Sicherheit Korn Heu Stroh in tausenden Maltern aus den Dörfern trug, unduldsam, bei Gefahr völlig vernichtete.

Wie der süßeste Wein schlich dem Kaiser der Brief der Fürsten ins Herz, der ihm die drohsam vergewaltigende Übermacht des Generals schilderte. Sein Gesicht blühte auf, seine Augen weiteten sich feuchtverklärt. Und dann erlosch er, sank mit schlaffen Knien, schlotterndem Kopf auf den Sessel, ließ den Speichel vor sich auf den roten Teppich träufeln, blickte stier. Nach langen Minuten fand er sich zusammen. Ging freudig weich durch die Kammern, sein Herz voll Seligkeit. Der zarte Doktor Frey fragte ihn, was er zu antworten gedenke. Ferdinand sah in die wasserblaue Frühlingsluft: »Ich danke ihnen.« Der wiederholte seine Frage. Ferdinand: »Ich danke ihnen, ich ließe ihnen vielen Dank sagen.« Befremdet der Sekretär: »Den durchlauchtigen Kurfürsten und Fürsten.« Ferdinand, die Arme verschränkt, in einer sonnigen Gewißheit: »Schreib' ihnen recht schön. Frage Eggenberg, was du schreiben sollst. Ich ließe ihnen doch danken, vielen Dank sagen.«

Der Böhme schrieb an den Rand des Briefes: »Es deucht mich ein Gutes, daß die Mißgünstigen sich regen. Sie werden bald offen abtrünnig werden. Es gibt keine andere Möglichkeit sich auszubreiten als durch Reizung der Übelwoller.« Er selbst empfahl als Antwort für den Brief: wie man, Fürsten und Stände, dem Kaiser seine Kriegskosten zu ersetzen gedenke, wenn man Schatzungen und Kontributionen nicht wolle; und wenn er Frieden schließen solle sofort und bei beliebiger Kriegslage, wie man sich die Abdankung des Heeres denke, von der Rachsucht des Dänen zu schweigen.

Der Kaiser las den Brief der Fürsten noch einmal. Er ging am Arm Freys in den sprießenden Garten herunter, straff, den Degen wie einen Stock aufstoßend. Durchdringend und mitleidig blickte er Frey an, als der wieder Bedenken vortrug. Er ließ seinen Arm.

Unter dem Schall der Abendglocken diktierte er an den Fürsten Eggenberg und den Präsidenten des Hofkriegsrats. Es müsse zur Durchführung der kriegerischen Notwendigkeiten, zur Sicherung der kaiserlichen Vormacht dem von Wallenstein freie Hand gelassen werden. Er wiederholte: »Freie Hand«. Und daß Friedland zum Generalobersten Feldhauptmann über die gesamte Kriegsmacht ernannt werde, mit Vollmacht, Regimenter nach Gutdünken zu reduzieren und aufzustellen, Obersten selbständig zu ernennen; keine Verhandlungen mit dem Feinde gegen seinen Willen.

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Vom Wiener Hof fuhren auf Wagen und wanderten mit nackten Füßen in die verwüstete Heimat die bettlerhaften Abgesandten, die ihr Unglück hatten bejammern wollen und vom Kaiser ausgepeitscht waren. Sie wanderten durch unruhige, seltsam aufgeregte Städte. Von den Häusern Gassen Scheunen, aus den Gewölben, Fenstern blinkte der Wohlstand. Die Felder wurden zum Frühjahr bestellt. Prozessionen begegneten ihnen, Söldnertrupps zogen vorbei mit Wagen und Geschütz, fochten die Bettler nicht an, die gedrängt still gingen. Die Bettler hatten leere ausgeweitete Blicke, mit denen sie die trottenden Menschen überzogen. Stumpf beobachteten sie die staunenden, ausweichenden Bürger und Weiber, denen sie ängstliche Kriegserlebnisse waren; wild zuckte und stach plötzlich den Städtern das Herz. Sie schleppten sich träge aus den Mauern, keine Liebe, kein Traum blieb hinter ihnen zurück. Die Häuser schützten nicht, die Mauern schützten nicht, Kanonenkugeln konnten die Tore umlegen, Soldaten über die Mauern springen, Pferde durch die Wassergräben schwimmen, geworfene Brandpfeile, Granaten konnten Flammen über die Köpfe tragen. Die Torwächter konnten blasen, Kroaten bliesen auch. Die Kinder konnten spielen, Pferdehufe und Kavallerieregimenter unterschieden nicht zwischen Steinen und Knochen. Blumen vor den Fenstern, Altarstationen an den Gassenkreuzungen; für den Augenblick gemacht; Täuschung, daran sein Herz zu hängen. Kirchen voll herrlicher Bildsäulen, prangender Glasfenster, bunter schmerzlicher Gemälde: was war dies alles! Kein Amulett gegen den Oberst Fahrensbach, Quartiermeister mit peitschenschwingendem Gefolge, gegen Isolani, den stinkenden mit dem Affenkopf und seinen schnatternden Ungarn. Seidenkleider über weibliche Glieder, fließendes glattes gebundenes Haar: kein Sinn, Fastnacht und Spiel, man mag nicht einmal darüber lachen. Einer wird sein Pferd an einen Torweg binden, wird euch knebeln und tun, was ihm lieb ist. Da ist nichts drüber zu sagen. Es ist die Welt und das Leben.

Nach Norden. Nach Brandenburg, Mecklenburg, Bremen, Schleswig. Nicht in diesem Lande bleiben. Sie wissen nicht, daß Krieg ist. Es ist nicht die richtige Welt, es ist die falsche, die sich eigensüchtig pflegt hinter den Mauern, sich auf Polsterbänken wiegt, wärmt, die Kammern voller Vorräte hat. Sie genießen sich, spielen miteinander, essen voneinander, bereiten sich einer für den andern. Das Getuschel, Gelutsche, die sanften Backen, frommen Äuglein, sauberen Hände, gestriegelten Haare, bunt geschuhten Füße, der dufthauchende Kleiderwust um die Leiber: sie servieren sich wohl, schmecken und schmatzen. Wenn dampfende Panzerreiter dazwischen traben, Schwadron hinter Schwadron, verweht der Duft, ist alles verblasen, die Welt ist weiter als die Mauern; es geht nur die Rede von Heu, Stroh und Hafer für die Gäuler, die Soldatenweiber und Wäscherinnen tragen Körbe, ziehen Karren hinter sich, darauf haben sie die Zelte Stiefel Kleider Wämse. Es wird geschrien, zerbrochen, vergossen, verwundet, erschlagen, betrogen. Die bemalten Häuser verbrennen eines Nachts eine Gasse lang, denkt keiner zu löschen, dreht sich keiner um danach. Und so ist alles verbrannt, die Kinder mit, die Frauen erschlagen, verschleppt, verlaufen, der Hausrat zertrümmert; die lieben Eltern, Frauen, lieben Kinder, der behütete Hausrat von Ahn und Urahn her. Die Herzen schwollen ihnen, sie weinten auf den langen Landstraßen, schutzlos, nackt einer vor dem andern, weinten, die Stöcke schleppend, über das blanke Gesicht, der Wind blies ihnen hinein, sie flennten weiter, zeigten ohne Gedanken den Entgegenkommenden ihre zitternden, mürrisch zusammengezogenen und wieder aufgelösten Mienen; das rieselnde Wasser lief von oben her aus den Nasen vor ihnen her auf den Weg in den Staub, Tröpfchen hinter Tröpfchen, einer ging auf denen des andern. Bis sie nur noch verzagt stöhnten, die Köpfe auf die Schultern, vor die Brust hängen ließen und weiter trieben. Nach Norden. Zum Oberst Fahrensbach, zum Isolani, und wer ihnen beschert war. An ihrem Erdflecken, zwischen den und den Hügeln, hinter dem und dem Weiher, zwischen den und den Wäldern.

Einmal fielen sie einem wandernden böhmischen Emigranten in die Hände, einem plötzlich aus einer Strohmiete auftauchenden Vagabunden, der einen zerfetzten schwarzen Prädikantenrock trug mit weiten Ärmeln, in die er Brotstücke und Speck eingebunden hatte. Ein Kranz von grauen Stoppelhaaren stand um seine beschmierte Glatze; er schmatzte viel, schien irr zu sein. In einem Bauernhof, wo man sie eingelassen hatte, hielt er ihnen mit Gelächter über seinem verschrumpften Gesicht, Äpfel und Brot schmatzend, an einem Heuwagen eine Rede. Sie sollten nicht mit Christus kommen, sollten nicht von Gott reden. Was das alles für Kindergewäsch wäre. »Gott ist so groß, so -- so -- groß! Niemand weiß etwas von ihm, als was geschrieben steht. Es steht nicht einmal fest, ob er lebt. Jawohl, er kann schon verschwunden sein aus Ärger und Abscheu und hat die ganze Gesellschaft wie ein hohles Gehäus liegenlassen. Und da können wir heulen, beten und schöne Sonntagskleider machen, singen von morgens bis abends, und Gott ist schon über alle Berge, daß es zum Lachen ist.«

Wie sie mit starren Seelen, leicht heiß, ganz innen sonderbar durchglüht, sich ihren Dörfern näherten, fanden sie wenige, denen sie zuflüstern konnten. Daß der Römische Kaiser ihre Toten hatte auf Wagen kippen und verscharren, sie selbst aber auspeitschen lassen; er wolle sie gar nicht schützen. Vielleicht würden die starken Hansastädte, die Fürsten sie schützen. Vielleicht. Es waren zu viele geflohen und gestorben inzwischen. Und wenn sich plötzlich die Dörfer von den Soldaten leerten, das Trompetenblasen kein Ende nahm, gingen sie zwischen den leeren Häusern herum; es wurde leichenstill, sie faßten gedankenlos die Säcke Sensen in den Scheuern an, blickten zu den Baumwipfeln hoch, gruben die Fäuste in die Taschen. An einem Ende des Dorfes fing es an, das leise Flüstern, vor sich Herschimpfen, Fluchen auf den Kaiser, und lief durch die Gäßchen, Gehöfte, wo sich Menschen schwer aus Lehm und Schutt wühlten hinter den Truppen, die sich unter dem Herzog nach dem Meer zu schoben. Schreie, Drohungen; wie wenn Mäuse in einem Schrank beißen, so knisterten, knackten, knatterten um Ferdinand die leisen scharfen Verwünschungen, rissen mit blitzschnellen Krallchen an seinen Schuhen, Strümpfen, ließen sich durch kurze Stöße nicht verjagen in ihrer Wut, knatterten, liefen an, kratzten, krallten, bissen. Bei Strelitz grub sich ein Einsiedler eine Höhle in einem Hügel. Er betete nicht, saß feueräugig, wildbärtig, fellbehangen, an einer Kiefer auf dem nadelbestreuten Boden, sang Soldatenlieder, schaufelte um sich einen Wall, auf den er Moos trug. Dörflern, die zu ihm jammernd nach Rat, Papieren und Amuletten schlichen, gab er Auskunft: Die Welt hat einen Hauch von Verwesung. Es ist ein zarter Geruch, der bei mancher Witterung stärker wird.

»Der Regen fällt herunter, der Wind wirft die Blätter und Stacheln von den Ästen, sie vermantschen; es sitzt eine schreckvolle Unruhe in der Welt. Jeder Tag, der aufgeht, die Nacht, die über uns fällt, drängt und jagt. Es läßt uns keine Geduld; so ist es doch. Es frißt von uns. Ihr denkt nicht daran. Ihr habt Euch damit abgefunden. Der Mond ist Euch blaß und schön, nicht wahr. Blaß, schön, golden und silbern. Die Sonne ist der schamloseste Heuchler, der frechste Schelm, Betrüger, Ihr kennt sie nicht. Sie wärmt Euch, wärmt, wärmt, bis Ihr nicht wißt wie Euch wird, wie sie Euch das Fett abschwitzt, Muskeln und Sehnen vertrocknet. Es soll nichts dauern. Auf eine Schaubühne von Betrug zwischen Äsern ist der Mensch hingestellt samt dem Getier und den Blumen. Sie sollen den Mist mehren, der auf der Erde lagert. Vorüber! Vorüber! In Verwesung ist unser Leben eingehüllt. Wer hat dies angestellt? Von wem ist dies also gerichtet? Häuser sind nicht nötig, Hütten sind nicht nötig. Es schadet nichts, wenn man Euch totschlägt; wenn Ihr tote Ratten und Kröten fressen müßt und dran sterbt.«

Mit unsicheren Schritten, wochenlang anhaltend, heftig vorstürzend, torkelte nach rechts und links über das zerschlagene, ausgesogene Land die Pest, wie der weiß und grünliche Schimmel über dem faulen Fleisch. Man fing an, die Äcker zu bestellen, richtete neue Schmieden ein. Das Frühjahr rückte vor. Wieder schwärmten, rasch verschwindend, Söldnertrupps vorüber; Gerüchte liefen um von Schießen bei Magdeburg, vom Krieg der Hansa mit dem Kaiser, über Stralsund solle es gehen. Es sickerte durch das Land, die Zeit des Satans sei wieder gekommen, er habe das Szepter der Erde an sich gerissen. Er führe auf glühenden Karossen durch das Reich mit gelben und kleinen Pferden. Er schwirre und sause durch die Finsternis her, lecke das Menschen- und Tierblut, den jungen Getreidesaft. Auf den Laternen der feurigen Karossen sitzen tropische Schimpansen aus dem Urwald, schreien greulich: »Mach' Platz, mach' Platz.« Der Satan hat lange behaarte Arme, die er hinter sich schleifen läßt aus den Wagentüren, er belfert, peitscht, triumphiert. Ihm hängt ein Schlüssel an dem Hals, damit will er die Schleusen der Sintflut wieder öffnen. Von Tag zu Tag tobt und drängt er schrecklicher. Er hat den Bart und das Gesicht des römischen Kaisers Ferdinand, seinen Harn träufelt er in die deutsche Reichskrone und spritzt die Jauche um sich in den Wind. Er hat den römischen Kaiser gestürzt, seine Maske genommen, will das Heilige Reich von Grund aus verderben und versenken.

Es schwelte in Oberösterreich im Hunsrückviertel, dem Pfandbesitz des Bayern, in Mähren kroch die Flamme am Boden, Dunst hing über den okkupierten Ländern, einzelne Schreie stiegen aus dem schwäbischen fränkischen Kreise auf. Die Städte am Rhein wanden sich stumm unter dem Soldatendruck. Soldaten des Regiments Verdugo wurden im Eichsfeld in ihren Quartieren zersprengt, von Ort zu Ort gejagt. Am Harz verbarrikadierten sie sich in den Gehöften. Vor Wallensteins eigenen Türen erhoben sich die Bauern auf den Trzkaschen Gütern. Er konnte nicht zum Heere ausrücken, ohne die Hurensöhne geschlagen zu haben. Ein großes Bauernheer wurde von ihm bei Smiritz durch die Regimenter Marradas und Liechtenstein eingeschlossen, nach drei Tagen zersprengt, fünfhundert Bauern in Stücke gehauen.

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Die Tage wurden wärmer, aus den abgegrasten norddeutschen Gebieten ritten fünftausend Arkebusiere und Kürassiere des Kaisers nach Süden, gegen Ulm zu. Da gab es Futter Quartier Geld und Vieh. In gefährlicher Nähe der ligistischen Herren zogen sich immer dichtere Schwärme her von Norden; sie standen, grasten da untätig, erzwangen Kontributionen, dehnten sich aus.

Er selbst, der Herzog rückte im Hochsommer zwischen den wandernden klirrenden Mauern seiner Leibgarde aus, über Sagan Berlin Prenzlau Greifswald, um die Hansastadt Stralsund zur Aufnahme einer Besatzung zu zwingen und den Rest der Dänen zu vernichten, die von der Ostsee andrangen. Über Pommern und der Mark lagerte sein Heer, taub für den Widerspruch der Landesfürsten. Torquato Konti hielt die Mittelmark, ein anderer die Priegnitz, fünf Kompagnien Dohna erpreßten den Kreis Starnberg, mit Wallensteinschen Leibgardisten besetzte Arnim Frankfurt. In Gardelegen Pappenheim; nach Norden reckten sich Montekukulli Hebron Marradas, Franz Albrecht von Lauenburg. Friedlands Marschall, den zähen strengen braunbärtigen Arnim von Boitzenburg, hungerten die Stadtbürger Stralsunds auf der Insel Dänholm aus. Auf der Reise schmähte der General: sie seien Reichsfeinde und Verräter, ihrem Bekenntnis wolle niemand zu Leibe, Arnim sei ihr Nachbar, Märker, dazu Lutheraner.

Bürgerschaft und Rat schworen zur Fahne der Stadt einen heiligen Eid in sieben Artikeln, daß sie Rat, Bestellte der Stadt, Oberste, Kapitäne und Befehlshaber, Alter- und Hundertmänner, Werkmeister und Gemeine keine Besetzung und Einquartierung innerhalb ihrer Ringmauern Schlagbäume und Zingeln dulden wollten; sie wollten sie, wenn nötig, mit Blutvergießen abwehren; schworen unter sich alle Parteiung Rotten Zank und Schmähung ab. Achtzigtausend Taler wollten sie, meldeten sie heraus, dem Kaiser zahlen, ihre Garnison dem Kaiser mit Eiden und Pflichten zu verbinden; der Herzog mit fünfzehn Regimentern in Heinholz unter ihren Wällen lagernd, gab ihrem Protonotar Wahl zurück, es sei ihm nicht um das Geld zu tun, er müsse sein Volk drin haben, so wäre er verwahrt. Er brauchte die Küste, die Häfen; der Däne versteckte sich hinter dem Wasser.

Sie mußten nach einem grausigen Bombardement klein beigeben. Dann aber kam zu den tausend Dänen, die sie bei sich hatten, ein schwedisches Hilfskorps auf Schiffen an. Vom Frankentor fielen die Schweden gegen Arnim aus. Der Pommernherzog legte sich ins Mittel, wie die Raserei drin und draußen stieg, er sah das Schicksal der ihm untertänigen Stadt voraus, wenn man den Böhmen zum Äußersten reize; stand für die Erfüllung der Bedingungen ein, die festgesetzt wurden in Schleifung der Außenwerke, Abschaffung jeglicher Besatzung aus der Stadt, Abbitte, Geldzahlung.

In Wien, München kicherte man über den Akkord; der Herzog ruhig abrückend bedeutete dem Notar Wahl, der ihm das stralsundische Gelöbnis der Devotion gegen Kaiser und Reich überbrachte, wenn die Stadt sich zum Sprungbrett des Dänen oder Schweden machen wolle, werde sie bald aufgehört haben, deutsch zu sein, sie werde das ganze Römische Reich gefährden, er habe Zeit und warne die Stadt.

Den Dänen fing er bei Wolgast ab. Die Verzweiflung des dänischen Volkes über die Beraubung fast ihres ganzen Festlandes war besiegt worden von dem Gram und der Empörung über die erlittene Niederlage. Ihr König Christian, vom Pöbel angefaßt im Unglück, flammte wieder vor ihnen.

Die dänische Flotte, hundert Schiffe, kreuzte vor Warnemünde, Barth, Usedom. Bei Wolgast landeten sie. Zwischen Sümpfen, Morästen, hinter Wällen stürzte sich der Kaiserliche auf sie, griff sie bei Hals und Schultern an, schlug sie, Fußvolk und Reiter, nieder, warf den flüchtigen Christian aus der Stadt, dem festen Schloß. Die Masse der Fremden aufgerieben, der Rest mit dem König in die Schiffe gejagt. Rostock fiel, Krempe; der Däne war hoffnungslos vom Festland verdrängt.

In alle erreichbaren Häfen der Ostsee schob der Herzog Besatzungen, Wismar nahm er ein, da baute er eine Werft. Das Meer von zwei Seiten einspannend, drängte er herüber. Er brauchte Schiffe. Wasser war dem Herzog neu, nach den Chausseen, marschierenden Truppen, Kanonen in Fahrt, rollenden Wagen und Zelten. Jetzt fehlte das einfachste, der Weg, eine flüssige, schwere Masse schwamm vor seinen Füßen; die Herren, kraftstrotzend, standen mit einem Strick am Bein am Küstenrand. Gegen sein neues Herzogtum Mecklenburg schwankte das zerquellende widerstandslose Element an, er beobachtete es widerwillig. In Wismar setzte er neben sich einen Generalleutnant, Fiskel, Sekretär. Die befreundete spanische Monarchie, die Herrscherin zur See ging er um Rat an gegen dies wässrige, grüne Gespenst. Dem aus Brüssel anfahrenden spanischen Beauftragten, Gabriel de Roy, einem kühn auftretenden Offizier, erklärte er, man müsse noch das Meer überwinden; Spanien solle Hilfe leisten, die verbündete Monarchie könne Vorteil aus der Sache ziehen. Er werde die Elbe- und Wesermündungen halten, die Ligisten die Grafschaft Oldenburg und die Ströme der Grafschaft Emden; man müsse die Ostsee gemeinsam beherrschen, den niederländischen Handel matt setzen. Der Stadtoberst von Lübeck wurde um Schiffe angegangen, versprach achtzehn gute Orlogs auszustaffieren. Der polnische König, vom Schweden bedrängt, hilfenehmend, erklärte sich zu vierundzwanzig Schiffen bereit. Dann heischte er generell von den Hansastädten, sie sollten eine Flotte bilden gegen die schwedisch-dänische Übermacht; es sei ein gemeinsames deutsches Interesse. Der Böhme glaubte der Hansastädte sicher zu sein, die schwersten Drangsalierungen Vergewaltigungen Beraubungen ihrer Privilegien auf Malmö, Schonen, Ystert durch Christian ausgesetzt waren. Mit hartem Druck umlagerte seine Truppenmacht sie, die die Brücken und Wege innehatten über das nachgiebige Element, Lübeck, Hamburg, Rostock, Bremen, Wismar, Stralsund; er drohte herüber nach Lüneburg, Magdeburg, Köln. Zweihunderttausend Kronen wies Spanien an.

In Güstrow ließ er sich huldigen von seinen neuen Untertanen. Vor seine Füße rollte ein kaiserliches Handschreiben. Der Böhme erinnerte sich in manchen Augenblicken kaum des Kaisers. Der schrieb, daß er ihn zum Kapitängeneral dieses erreichten ozeanischen und baltischen Meeres ernenne, nachdem die feindliche Macht zu Land gedämpft und man dazu übergegangen sei, eine Armada zu Meere herzurichten und zu unterhalten. Der Kaiser huldigte: er vertraue, daß mit einem solchen Haupt versehen, in Tüchtigkeit, Qualität, Erfahrung, Genie reichlich im Krieg und Frieden erprobt, Heer und Flotte in sicherster Hut seien, machtvoll blühen werden zum Ruhm des Hauses Habsburg, des Römischen Reiches und des Geschlechtes Wallenstein. Der Herzog schniefte gestört, fast gereizt, zuckte die Achseln.

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Hinter den schützenden Wasserbergen vergraben der blonde König Christian, der dem niedersächsischen Kreis Bundesoberst gewesen war. Klagend über den menschlichen Größenwahn, der ihn auf Eroberungen nach Deutschland trieb; er forderte seine Reichsstände heraus, sie möchten es wagen und sich an ihm vergreifen.

Gelähmt hinter dem anderen Wasser England. Die verzogene kapriziöse Königin, von ihrer Schönheit besessen; ihre duftende französische Umgebung brüskierte noch die puritanischen Lords, die sehr zeremoniell am königlichen Hofe erschienen. Mit katholischem Pomp, Weihrauch, Bildern und Fahnen, die sich auf die Straße wagten, forderte sie die Londoner heraus. Nach einer Revolte mußte Karl die Franzosen heimschicken. So wuchs die Erregung des Volkes an, daß Karl in seiner Bestürzung daran dachte, die Königin selber zurückzuschicken. Er brach mit den französischen Machthabern, nur besänftigen wollte er das Volk, das Parlament, ging betteln bei der Opposition, lockte ratlos mit Baronettstiteln. Unter dem Beben des Bodens, dem drängenden. Grollen von Parlament und Hauptstadt rang der blasse König täglich mit der übermütigen kreischenden Tochter der Medizäerin, die ihr Spielzeug, ihren Hof, prunkvolle Andachten wieder verlangte.