Wallenstein. 1 (of 2)

Part 30

Chapter 303,455 wordsPublic domain

Sie zerrten aneinander, dachten auf ihre Weise sich Wallensteins zu entledigen. Er knirschte und krachte ihnen, wie sie noch saßen, sein Begehren über Nacken und Schultern. Er vermöge, ließ er sich schallend aus Prag vernehmen, keinen Unterschied zu sehen zwischen seinen Leistungen und denen des Kurfürsten Maximilian nach der Prager Schlacht; danach ergebe sich das Weitere für die Schulden des Hofes. Was den Landbesitz anlange, auf den er bei der zeitigen Geldknappheit des Kaisers Anspruch erhebe, so hätten die beiden Mecklenburger Herzöge durch ihren Anschluß an den Niedersächsischen Bund ihr Land verwirkt wie der Pfälzer. Nur Trautmannsdorf ging spöttelnd in dem lautlosen Kreise: »Jetzt wollt Ihr ihm alle an den Leib. Warum die Dinge so überstürzen! Jetzt möchtet Ihr ihn aus purer Voreiligkeit lieber heute als morgen absetzen, ja köpfen. Ihr Herren! Habt Geduld! Laßt uns noch eine Zeitlang siegen. Warum so kurzatmig? Mir, dem sehr beliebigen Trautmannsdorf, sogar Euch, dem verdienten Fürsten Eggenberg, kann zwischen heute und morgen Schlimmes vom Herzog begegnen. Und zwar Endgültiges. Derart, daß wir mit Homer lieber lebendige Mäuse wären als begrabene, beiseite geschaffte, allerhöchste Würdenträger und Bemäkler Wallensteins, des Feldherrnwunders und so fort. Vorläufig hat er es aber gar nicht mit uns zu tun. Ich betone: vorläufig; ich lege Gewicht auf den Zeitpunkt. Und Habsburg, oh, das nimmt es mit sehr vielen Attentätern Bösewichten Hochverrätern auf. Das lebt sehr ungerührt und kaltherzig über solche momentanen geistreichen Einfälle hinweg. Das meint Ihr doch auch. Einem Herrscherhaus wie den Habsburgern kann im Grunde gar nichts passieren. Und damit, Euer Liebden, möchte ich rechnen. Es ist nicht so kurios, wie es scheint. Ich lasse dem Herzog seine Indolenzen und Maßlosigkeiten durch. Als Vorspann macht er sich gut. Ein wildes Pferd schlägt auch mal gegen den Wagen. Warum nicht? Es zeigt damit, daß es töricht ist und eventuell nicht in den Stall geführt wird, vielleicht sein hoffnungsvolles Leben in einer Roßschlächterei endet.«

In Prag hatten unter den Feiern andere Boten vergeblich Zutritt zu den krönungstrunkenen Majestäten gesucht, stille, sehr wenig eilige Männer, Greise, bettlerhaft gekleidete Menschen in großer Zahl, müde und verloren herumwandernd, sich umblickend. Sie drängten traurig zum Römischen Kaiser, Bürgermeister des niedersächsischen Kreises, Ausschüsse von Stadt- und Dorfgemeinden, die nicht wußten, ob ihre Heimat noch aus mehr bestand als Schutthaufen, leeren Häusern und Ställen; ihre friedliche Menschenherde zerstäubt, Kinder, Bauern, Frauen, Tiere. Sie hatten sich eine grausige Audienz ausgedacht, da sie nicht redekundig waren, auch nicht viel von Worten erhofften. Sie schleppten zwischen lose gebundenen Brettern Leichen ihrer Stadthäupter und Vorsteher mit weiter nach Wien; auf die Deckel hatten sie genagelt beschriebene Rollen, Urkunden, enthaltend die kaiserliche Zusicherung von Privilegien und Freiheiten; mit Siegeln hingen beschwert aus den triefenden schimmligen Spalten der Gehäuse Schutzbriefe des kaiserlichen Generals oder seiner Obersten; kleine aufgeklebte Zettelchen nannten den Preis der Salvaguarden. Etwa sechs dieser Leute starben zwischen ihrer Heimat und Prag, mißhandelt wie sie waren, auf die beschwerliche Fahrt mitgeschleppt, um ihre Wunden, Brüche, Geschwüre, Hinfälligkeiten sprechen zu lassen; sie vermehrten die Zahl der Särge. Man wich der stinkenden Gesellschaft aus, Torwächter Stadtgarden ließen sie unbehelligt, weil sie Beerdigungen annahmen; sie mußten wochenlang hingehalten mit Bettelei sich durchschlagen, hingen zäh und still an der Burg des deutschen Kaisers. Bis der Kaiser von ihnen gehört hatte und begehrte sie zu sehen und zu sprechen. Er ließ ihnen, bevor er sie annahm, am Burgeingang ihre Särge abnehmen, die Särge in Wagen stürzen, durch die Totenbrüderschaft begraben. Sie selbst in einen Vorsaal gelassen, hörten schon vor dem Empfang sein Schmähen, Aufstampfen gegen eine Person, die sie nicht kannten. Es war der hohe weißbärtige Obersthofmeister Wolf Mansfeld, der die ungewöhnliche Audienz zu verhindern suchte. Wie er bleich, heftig atmend, mit erregten Blicken die Tür öffnete und die Schar an sich vorbeiließ, wo sie in einem Haufen an der Tür sich sammelte, zuckte sein feinhäutiges Gesicht vor Widerwillen und Ekel. Der Kaiser, ohne sich ihnen zu nähern, Schweißperlen auf der Stirn, schrie sie wild an, sie möchten herein, sie sollten die Tür schließen. Er hieb auf- und abgehend in eine Masse von Rollen, die auf seinem Schreibpult hinter einer Eichenbarriere lagen. Maßlosigkeit, Gedankenlosigkeit warf er ihnen vor. Glaubten sie, er wüßte nicht? Was heiße das: Leichen mit sich herumschleppen? Ja, was das heiße? Als sie ohne Antwort sich umeinanderschoben und sich fast hintereinander versteckten, prasselte sein Schelten hitziger gegen sie her. Vergessen der Untertanenpflicht sei es, Rebellion, malefizischer Aufruhr. Dazu Beleidigung, ja vornehmlich dies, Beleidigung seiner Person und Stellung. Und dann zu wagen, vor ihn zu kommen, in sein Haus, ihm den Spott in seinen eigenen Mauern antun. Da machte sich einer Mut und auf Tod und Leben lossprechend sagte er etwas von ihren unertragbar gewordenen Leiden, bat um die kaiserliche Gnade Hilfe und Fürsorge. Wie ein eingesperrtes, grenzenlos gereiztes Tier klammerte sich der fette kleine Herr unter dem weißen Federhut an den Schrecken an, rüttelte sie, brüllend, prustend, speiend, blauroten Gesichts; er brauche sie nicht, Anmaßung, Anmaßung, er wisse, was seine Pflicht sei, er brauche keine Belehrung. Gerecht sei es, was sie sich anmaßten über ihn, diese Schmach, sie, die Untertanen, vor seinem Gesicht gegen ihn den Kaiser; was schleppten sie sich durch die Länder, versäumten ihre Zeit, nicht auszudenken.

Die Tür brach fast hinter ihnen auf, sie schwollen hinaus. Am äußeren Burgtor wurden sie festgehalten, von dem Oberst der Leibgarde in sechs Verliese der Burgmauer geworfen. Der Kaiser hatte den bösen Verdacht geäußert, die Leute seien bestochen, gehetzt von fremder Seite in seine Länder in diesem Aufzug geschickt. Nach zwei Wochen vergeblicher Nachforschung wurden die fünf jüngsten von ihnen gepeitscht, sie selbst zwangsweise bei einem Provianttransport unter militärischer Bedeckung in ihren Kreis abgeschoben. Der Kaiser gab die Vermutung der fremden Aufhetzung nicht auf; triumphierend sagte er zur Mantuanerin, wie entlarvt seien die Männer gewichen, als er ihnen vorhielt, sie seien von Fremden hergeschickt; sie seien ins Eisen gesteckt und gepeitscht worden; man würde sich in Zukunft scheuen und schämen, klägliches schwaches Gesindel so für sich arbeiten und das Fell zu Markte tragen zu lassen.

Der Kaiser, drängend auf Vorschläge über die Belohnung des Herzogs von Friedland, sog verzückt die Gehässigkeiten des Grafen Wilhelms Slawata in seiner Kammer ein: daß dem Herzog nicht zu trauen sei bei seinen weitausschauenden Plänen, daß die Herzöge von Mecklenburg seit achthundert Jahren das Land besäßen, ihre Entthronung Dänemark, Schweden, ja das ganze Kurfürstenkolleg auf den Plan rufen würde. Daß er mit armer deutscher Leute Schweiß und Blut die Kriegsvölker der ganzen Welt sättige und bald so viel Länder werde an sich gerissen haben, daß keine Möglichkeit mehr sei, ihn abzufinden. Ja, man werde ihn so erhöhen, daß man alle Freiheit gegen ihn verliere und auch die Macht verliere, ihn zu erniedrigen.

Dies, fühlte Ferdinand, war gut. Wallenstein führte es aus. Und so stellte er sich ihm selbst gegenüber, das ganze Kurfürstenkolleg tragend, auf den Schultern noch Dänen und Schweden, und wich nicht.

Der riesige Luxemburger, Lamormain, sein Beichtvater, trat an den heftig atmenden Kaiser, bat ihn im Namen der heiligen Kirche, das fromme Werk nicht zu versäumen, den ungläubigen Fürsten das Land Mecklenburg zu entreißen; er werde gottgefällig wirken wie einstmals, als er den Pfälzer aus seinen Ländern wies. Ferdinand an seinem Gürtel nestelnd, hörte ihn verwirrt an, sah ihn verwirrt sprechen, seine Hand nehmen. Er glühte auf, beugte sich tief vor der ernsten schwarzen Gestalt, beschämt und wagte nicht, seine Stimme anklingen zu lassen, um sich nicht, er wußte nicht worin, zu verraten.

Eine Urkunde bestimmte: die Herzöge von Mecklenburg haben es mitverschuldet, daß Krieg in den niedersächsischen Kreis getragen wurde. Der Kaiser hat das von ihm und dem Heiligen Römischen Reich zu Lehen rührende Herzogtum mit Heeresmacht überziehen und sich des Landes mit fast unerschwinglichen Kriegskosten bemächtigen müssen. Deshalb wird das Land der Genannten, das Herzogtum Mecklenburg, Fürstentum Wenden, Grafschaft Schwerin, die Herrschaft der Lande Rostock und Stargard dem Herzog von Friedland überlassen. Und zwar zu einem rechten wahren und beständigen Kauf für die geleisteten, ansehnlichen und treuen Dienste in Dämpfung und Bezwingung der Rebellen, für die Erhaltung des schuldigen Gehorsams im niedersächsischen Kreise und die Zerschmetterung zweier Armaden, für die Eroberung und Besetzung großer Fürstentümer neben einem Teil des Königreichs Dänemark, er, der General, Feldhauptmann, ritterlich daran setzend Gut und Blut.

Die Bestimmung des Kaufschillings wurde für später festgesetzt; vom Schätzungswert wurden in Abzug gebracht die Schulden des Landes, die Forderungen des Herzogs, eine Gnadengabe des Kaisers in Höhe von siebenhunderttausend Gulden rheinisch. Verpfändet wurden dem General das Bistum Schwerin und die im Mecklenburgischen liegenden geistlichen Stifte gegen vorgeschossene siebenhundertfünfzigtausend Gulden.

In Prag traf der Kaiser ein zum Empfang des Marschalls Schlick, der aus der Affäre von Aalborg und Hobro achtundzwanzig dänische Kornette und zwei Fähnlein samt dem Generalmajor Konrad Nell und dem Obersten Heinrich von Kalenberg hereinführte. An diesem Tage begrüßte Ferdinand den Herzog von Friedland auf der Burg als einen reichsunmittelbaren Fürsten; er forderte ihn in seiner Kammer bei geheimer Audienz auf, sein Haupt zu bedecken, was Wallenstein nach kurzem Zögern tat. Als am nächsten Morgen die Majestäten sich vor Tisch wuschen, reichte ihnen der Herzog das Handtuch. Der Kaiser hieß ihn an offener Tafel sich bedecken. Das Fürstentum Sagan erhob an diesem Tag Ferdinand zu einem Herzogtum, gab es dem General als ewiges Erblehen.

Zu jener Zeit tauchte der Plan Wallensteins auf, konfisziertes Land mit tapferen Offizieren zu besetzen. Zu Wallenstein wurden der Abt Anton und Kollalto in Prag geschickt mit der Frage, wie er sich die Belohnung und Abfindung solcher Offiziere denke. Der Herzog meinte, daß dazu kein neues Prinzip nötig sei und daß der Umstand der zeitigen Geldknappheit des Kaisers von Wichtigkeit wie von Vorteil sei. »Konfisziertes, also rebellenuntertäniges Land wird am sichersten in Gehorsam gegen die Römische Majestät durch Männer erhalten, die ihr Leben für die Majestät eingesetzt haben. Zugleich wächst dadurch die Macht des Kaisers im Reich. Besetzungen und Inthronisierungen sind furchtbare Drohungen für abfallslustige Fürsten. Man erwäge keine andere Methode.« Sachlich und ohne Scheu erklärte sich Friedland für Schaffung einer Militäraristokratie. Im Innersten erschüttert war Ferdinand, als ihm der friedländische Vorschlag hinterbracht wurde. Er hatte selbst mit dem Gedanken gespielt im Verfolg des friedländischen Ideenkreises; jetzt sah er den Gedanken draußen nach Realisierung drängen in der schauerlichen Konsequenz des Handelns seines Generals. Er nickte kaum »ja«, floh, bestürzt, von oben nach unten durchwogt nach Wien, wo er sich in die Gebete und Jagden warf.

Er war von jugendlicher Frische und fast überlebendiger Raschheit, aber zugleich von einer schäumenden Gereiztheit und Aufgerissenheit; ruhelos zwischen Empfindungen. Es war ihm eine Freude, als er bei den Jagden in Sumpfgebieten vom Sumpffieber ergriffen wurde und schwer krank wochenlang lag; der Beichtvater suchte nach der Sünde, deren Strafe der Kaiser erfuhr, der Kaiser träumte, schlief matt; er sagte zu der Mantuanerin, er raste, er sei ihr herzlich ergeben. Er klammerte sich im Fieber, wie ein Jüngling blühend, an ihren strengen demütigen Leib an. Sie fühlte sich über ein Weltenmeer, einen sinkenden Sumpf zu ihm geführt; mit Leiden und Gebeten für ihn fing es an, mit Gram um ihre Kühle; manchmal tobte in ihr das Gefühl, von einer Wut verschlungen zu werden, aber diese Wut war keine fremde, war die des Kaisers, und es verlangte sie leise, zähnebeißend an den Orkan heranzugehen. Sich ruhegebietend hineinzuwerfen als Beute; sie war sein Weib, seine demütige Helferin.

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Fauchend setzte sich in Dresden Johann Georg, der behäbige Kurfürst, auf die Nachricht von Maßnahmen des kaiserlichen Generals vor einen Bogen, malte einen Brief an den Mainzer als den Erzkanzler mit dem Verlangen, ungesäumt einen Kurfürstentag anzuberaumen, zur Beschlußfassung über seine Beschwerden. In Mülhausen tagten die Vertrauensmänner der Kurfürsten; Johann Georg war selbst gekommen; Bayern, nicht entschlußfähig, hatte einen Vertreter ohne Instruktion geschickt. Aus Kanzleien Kammern Spielstuben Ballhäusern ihrer Fürsten gestiegen, saß die feine weiche Gesellschaft beieinander auf Polsterbänken, zwischen Blumen, Springbrunnen, unter den prunkvoll geschuhten Füßen die blanke schaukelnde Diele, im Rücken, um sich weiße Bildsäulen des Theseus, des zitherspielenden Apollo, pfeilschießende kleine Götter, enthüllte nach sinkenden Tüchern greifende Frauen, saßen einander zugewandt in geheizter Luft unter gepuderten hohen Haaraufsätzen, dünne Degen zwischen den Knien, wie farbenglitzernde Fasane in einem Lustgarten, hörten sich an. Sie sprachen, während sie aus Silberbechern tranken und neben sich auf Tischchen stellten, voll Abscheu über den Herzog von Friedland und seine Praktiken. Sie lachten viel, durchgingen häusliche und nachbarliche Veränderungen, flammten bei Jagdkuriosa auf. Mehr ächzend zwischendurch, gestört, gepeinigt, tropften sie Worte vor sich über die Ereignisse im Reich. Johann Georg, wegen seiner geschwollenen Beine in einem Polsterstuhl halb liegend, nacktschädlig, brustfließenden Bartes, eine stämmige dickbäuchige Masse, lappige Backen, blickte aus verquollenen munteren braunen Augen um sich; es sei schon fast zu viel getan, sich mit dem sogenannten Herzog von Friedland zu beschäftigen. Denn das sei zuerst zu bedenken: wer ist dieser Mann eigentlich? Haben Edle, gefürstete und gekrönte Häupter wie sie, es wirklich nötig, sich mit einem Böhmen aus dem Hause Wallenstein zu befassen, Häuser, die es zu vielen Dutzenden in Böhmen, zu Hunderten im Reich gäbe, noch bessere als Wallensteins? Wenn er jetzt Herzog von Friedland sei oder von Sagan. Der Kurfürst lachte kräftig kopfschüttelnd, die andern wie er; da könnte er sogleich ein halb Dutzend seines Hofgesindes adeln freiherrn und grafen lassen und seien doch eben Küchenjungen Boten Pürschmeister gewesen und nun nicht einen Heller und böhmischen Groschen besser. Nein, nicht einen Groschen besser seien sie dadurch. Und damit legte er sich die Hände über dem Bauch, zurück, fast gesättigt; noch gelegentlich knurrend: »Kurios. Spaßhaft.« In schwarzem Atlaskleid, silbern ornamentiert, mit bauschig hervortretenden Hemdspitzen beider Ärmel, ernst und hoch unter einem bunten Reiterbild der durchlauchtige hochgeborene Fürst und Graf zu Hohenzollern, Herr Johannes, hielt die Arme verschränkt über seiner langen Perlenkette; wie bitter es zu denken sei, monierte er leise gegen den Dresdner Koloß, daß sie ernsthaft in großer Versammlung über Personen derartiger Natur zu verhandeln hätten; es gäbe niemanden in dieser Gesellschaft, der der fraglichen Person nicht überlegen sei sowohl in Art wie Geist Charakter Frömmigkeit; vom Stand zu schweigen. Und doch hätten es die Dinge, der Verlauf im Reich gefügt, daß sie über die Person handelten, nicht allein ernsthaft, sondern sogar mit größtem Gewicht. Ein Kölner, schwer wie ein Stier, in blauem Tuch dasitzend, legte nahe, dem Römischen Kaiser, zu bedeuten, wie man über diese lärmmachende fatale Person denke. Die Fürsten und Regenten seien angestammt ihren Ländern und Untertanen, sie hätten wohl recht, gehört zu werden, wenn in dieser Weise deutsche Art beseitigt und über den Haufen geworfen werden solle. Da käme ein Taugenichts, ein Brausewicht daher, wild wie ein Sturmwind, reiße an Bäumen und Gewächsen -- nun er werde sich verrauschen und verbrausen, aber genug Schaden richte er an und sollte nicht geduldet werden um seines Tosens willen.

Sie tranken, freuten sich ihrer Einigkeit, erzählten von niederländischen Bildern, kamen auf das Reich zurück. Das Neuste, das Neuste im Heiligen Reich, Herr Wallenstein und Böhmen. Wer wird ihm noch Länder verkaufen zu billigem Preis, damit er dem Kaiser bessere Vorschüsse leisten kann? Die Jüdlein haben ihn im Sack. Wie lange, klopft Herr Bassewi, das Hofjüdlein aus Prag, in der Burg an: »Kaiserliche Majestät, alles vertan; wollen die Majestät noch leben, müssen sie ein Jüdlein werden, einen gelben Fleck auf den Purpurmantel nehmen. O heiliges jüdisches Reich deutscher Nation.«

»Seid nicht so kräftig«, warnte der zufriedene Kurfürst; sie aßen Lebkuchen von Tellern, die sächsische Pagen herumtrugen. »Es ist schon gut, wenn wir uns hier zusammenfinden. Nicht verzagen, nicht übermütig sein. Mag der Römische Kaiser wissen, daß wir hier zusammensitzen und unliebsam die Dinge im Reich empfinden. Er wird uns gnädig anhören.«

Der feine Kurz von Senftenau, vom Bayern geschickt, neben dem Hohenzollern sitzend, rosig wie ein Kind, klein, die Stirnhaut ständig gerunzelt, pfiff: »Der Böhme wird sich lustig machen über uns. Wir wissen ja, daß er die Liga verachtet und unsern Grafen Tilly erbärmlich und veraltet findet. Er ist sehr sicher, der Böhme, er verachtet das Alter. Er wird seine Macht erfahren. Wir haben still mit unseren Völkern am Boden liegend die Jahrhunderte für uns. Der Böhme soll versuchen, diesen Urwald zu roden. Ein einziger Baum kann ihn umwerfen. Er ist ein Knecht Habsburgs, einer von den zahllosen; eines Tages wird Habsburg ihn abschütteln.«

Grollend zustimmend richtete sich der schmeerbäuchige Kurfürst im Stuhl auf: »Auf einem unterwühlten Boden lebt der Kaiser. Seine Räte sind gekauft, es bleibt ihm nichts übrig, als sich ihnen zu fügen.«

Auf dem riesigen Treppenflur und im Prunkvestibül wurden die Schritte vieler Menschen laut. Während einzelne feierlich gekleidete Männer, von pikenbewehrten Trabanten und Saalwächtern hereingeführt wurden, sprach man drin von dem Auftreten der niedersächsischen Landvertreter in Wien. Behaglich erzählte man sich Einzelheiten, stritt über die Zahl der Leichen, die sie mitgeführt hatten, wie viele Leichen hinzugekommen wären, wie sie verpackt waren, über den Heroismus der Leute. Es erschienen die ehrsamen Vertreter der Reichsstädte mehrerer Kreise in der Mitte des Halbrunds, in dem die Herren saßen; mit freundlicher Grußerwiderung, mit gnädigem Schnurren und Behagen ließen sie an sich die Klage vorüberziehen. Die Reichsstädte erhoben entrüsteten Protest gegen die endlosen Einlagerungen Durchzüge und Kriegspressionen, denen sie ausgesetzt seien, trotz teuer erkaufter Assekuranzen und Salvaguardien. Der fränkische Kreis drohte, er sei nicht mehr geneigt, beim Herzog von Friedland zu petitionieren. Das Stift Magdeburg enthielt sich bitter jeder Klage; legte seine Kontributionsrechnungen für die letzte Zeit vor, an siebenhunderttausend Taler. Die Stadt Halle kam, Schwarzburg-Rudolstadt, Sondershausen mit hunderttausenden Gulden an erzwungenen Kriegsabgaben. Dem schwäbischen Kreis waren unerschwingliche Summen abgenötigt worden. Eine lange Klageschrift lasen die märkischen Herren vor, klagten über die Regimenter des Fahrensbach und Montekukulli, deren Übermut darin bestünde, daß sie ganze Kontributionen für halbe Regimenter erhöben.

Man genoß die Klagen, schwelgte in den Schandtaten. Auf den Vorschlag Johann Georgs, dem Hauptübeltäter doch einmal auf die Schultern zu klopfen, ganz leise leise, kam man überein, dem kaiserlichen General einen Brief zu schreiben über die Vorgänge, zu deren Kenntnis man gelangt sei. Man schmunzelte, das werde wirken. Es wurden drei lange Zusammenkünfte damit verbracht, die Anrede an den Herzog zusammenzubringen. Es sollte dem Herzog einen Vorgeschmack geben. Würde man ihn als Reichsfürst anerkennen, müßte man ihm die Titulatur »Herr und Freund« geben; man wollte ihn nicht anerkennen, andererseits auch nicht abschrecken. Man einigte sich unter gespannter Mitwirkung des schließlich tief saturierten Kollegs auf die Anrede: »Besonders lieber Freund, auch gnädiger Fürst und Herr.« Und dann schrieben sie, was sie wußten. Und gingen kichernd auseinander.

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Das Heer, lagernd im Reich und den Erblanden, wuchs den Winter durch. Der Herzog Franz von Lothringen erhielt eine Kapitulation auf ein Regiment zu Fuß, sechstausend Mann stark. Franzesko Magni, der Bruder des langen Kapuziners Valeriano Magni, nahm eine Oberstenbestellung über fünfhundert Arkebusierpferde. Oberhauptmann Friedrich von Damnitz warb tausend Knechte, Hebron sechshundert Kürassiere, tausend Arkebusiere, dreitausend Musketiere. Johann Wengler brachte ein Regiment Hochdeutscher auf den Fuß. Johann Virmont wurde angewiesen, fünfhundert Arkebusiere aufzustellen. Zwölf Infanterieregimenter führte Torquato Konti heran. Augustin von Morando verpflichtete sich auf sechs Fußkompagnien, Johann Ludwig Isolani auf neunhundert Berittene. Neue Regimenter stellten auf Graf Wratislaw, der dem Uckermärker Arnim hatte Platz machen müssen, Kolloredo, Karboni, Aldringen.

Die Bewehrungen der Regimenter Wratislaws Kolloredos Aldringens streckte der Herzog mit sechsunddreißigtausend Gulden vor. Für die übrigen Truppen, Werbe- und Anrittgeld, Anfangssold, stiegen die Vorschüsse des Herzogs über den Betrag von einer halben Million, zu der sich der Kaiser erkannte. Wallenstein verstärkte seine eigene noch in Pommern liegende Leibgarde auf zwei Kompagnien Arkebusiere, zwei Kompagnien Dragoner, nur Welsche Wallonen und Italiener, dazu katholische Iren; die ihnen zustehende Kontribution zahlte er aus eigener Tasche.

Die Armee, zum Wintersende seiner Ankunft und seines Befehls wartend, strotzend stolz ungeduldig, wurde von ihm gereinigt, sie sollte biegsam wie eine Rute in seiner Hand sein. Im Magdeburgischen sahen die eingelagerten Ligisten mit Schrecken von weitem angezogene Friedländische Regimenter halbe unter Prozeß stehende Kompagnien umzingeln, fesseln, entwaffnen, aus größter Nähe mit Rottenfeuer über den Haufen schießen. Die Proviantstäbe einzelner Regimenter wurden samt und sonders rasch beseitigt. Eine Anzahl Obersten wurden nach Prag gerufen, andere ritten selbst herbei, um Befehle für den Feldzug entgegenzunehmen. Sie saßen als Gäste im Palast des Herzogs, um Tags darauf dem Generalprofoß zugeführt zu werden. Dem wurde vom Herzog bedeutet, der Herren, die in den letzten Jahren gut waren, Schrecken in Deutschland zu verbreiten, bedürfe er nicht mehr. Der krummbeinige gelbgesichtige Herr von Gürzenich, Schellard Dorenwert, der Einäugige war gefangen, er der die Kurtrierer Nonnenklöster verwüstet hatte; später hatte ihn rachsüchtig der Kölner Erzbischof gefaßt, eingekerkert, erst auf Wallensteins Andringen freigelassen; vom Rhein zur Elbe losbrechend, übte der wilde Schellard Schandtaten über Schandtaten, Plünderungen, Erpressungen; mit triefenden Schnauzen stießen seine Arkebusierreiter und vier Kornette Kürassiere zu der Wallensteinschen Hauptmacht, sie schluckten die Wonnen des Feldzugs herunter. Das Gericht verurteilte den fade blickenden gefesselten Mann zum Tode durch das Rad. Er spuckte dem Generalprofoß, keifend und ihn wie einen Wahnsinnigen verlachend, gegen den Stiefelschaft; es half ihm nicht, daß er sich als friedländischen Lehensmann gab, er wurde eines warmen Märzmorgens auf dem Felde vor der Prager Altstadt ohne Aufsehen mit dem Schwert exekutiert.