Wallenstein. 1 (of 2)

Part 3

Chapter 33,570 wordsPublic domain

Als nach zwei Tagen der Abt Anton von Kremsmünster, Kammerpräsident, sie in seinem stillen Refektorium empfing, ein ehrerbietiger schlaffwangiger Herr, der überaus verschüchtert schien, wehmütig demütig um sich blickte, von Zeit zu Zeit entsetzt vor einer Motte zusammenfuhr und sich entschuldigend, fast weinend, sein Käppchen verlierend hinter ihr her durch das Zimmer rannte, vergeblich nach allen Seiten klatschend, schmerzvoll seinen Gästen die leeren roten Handteller zeigend, als er sie empfing, bat er mit dem Abgesandten des Königs von England und den Beratern des pfälzischen Kurfürsten getrennt verhandeln zu dürfen. Die Verbeugung wurde steif beantwortet; die deutschen Herren blieben den Bescheid schuldig, warfen sich ratlose Blicke zu. Dighby, ungeschlacht, wilder blonder Kinnbart, Fäuste in den Weichen, die beiden fixierend wie ein bekanntes absonderliches Tierpaar, machte eine demonstrierende Handbewegung: die Herren seien noch nicht so weit, sie würden wohl morgen antworten.

In ihrem Quartier, von Dighby aufgesucht und befragt, weigerten sie sich überhaupt zu antworten, würden sich erst beraten. Sie kämen selbständig für den Böhmerkönig und pfälzischen Kurfürsten, würden sich aber gewiß nicht trennen lassen in der Diskussion von England. Er fragte den Reitstock wirbelnd, ob sie der Verhandlung ein Bein stellen wollten, ob er also warten solle, bis sie etwa Kuriere zu ihrem Herrn schickten. Die Herren spien einsilbig Wörtchen aus den Mundwinkeln wie »Pflicht«, »unabänderlich«, »Beschluß«.

»Wollt mich tribulieren, ihr Herren von Heidelberg. Seid aber hier auf heißem Boden, wisset.«

Knauten: »Unabänderlich. Muß sein.«

»Können die Herren ihre Anliegen selbst betreiben. Scheinen zu glauben, ich wäre ihretwegen zur Stelle. Bin Gesandter des englischen Königs und Parlaments, das beleidigt ist. Das ist alles.«

»Gut. Gut. Verstehen. Der Herr verstatte.«

»Verstatte. Ich habe Zeit.«

»Unsere Dienste dem Herrn. Gott zum Gruß.«

»Nun, nun, die deutschen Herren. Machen wir Parlament oder Boxkampf?«

Schob seine blauseidenen Ärmel hoch, Stock zwischen den starken Zähnen, wies seine dicken Muskeldrähte. Minutenlang stand er da, wiegte die Arme. Sie gingen geduckt auf und ab, Hände auf dem Rücken. Er zog den zerknitterten Stoff wieder herunter, stampfte mit grobem Lachen hinaus.

Der Kaiser war nicht da. Als er da war, empfing er nicht. Die Wut der beiden Pfälzer Räte, daß Dighby in Wien flanierte, sich um nichts kümmerte, vielleicht für sich verhandelte.

Spät abends trat er in die Gaststube ihres Quartiers, wo sie unter den Kerzen saßen, Honigbier tranken. Auf der Schwelle schrie Dighby, dessen Masse im Dunkeln sich unsicher bewegte: »Rusdorf.«

»Der Herr?«

»Rusdorf, kusch dich!«

Der entsetzt.

»Hui hui. Was ich sag'. Kusch dich.«

»Er ist verrückt,« flüsterten die Räte.

»Auf den Tisch, hopp.«

»Was.«

»Hopp auf den Tisch.« Mit schütternden Schritten Dighby näher. Pavel hauchte: »Er ist verrückt. Tus.« Rusdorf im langen braunen Rock vor Dighby ausweichend sprang plötzlich auf den Tisch neben das Bier, hob den Arm: »Ich protestiere im Namen meines königlichen und kurfürstlichen Herrn.«

»Bist ganz still. Der andre.«

Der sagte gar nichts, achtete verkniffenen Gesichts auf Dighbys Mund.

»Der andre.« Als Dighby zum dritten Male brüllend ansetzte: »Der --« stieg Pavel zusammenfahrend auf Tisch, Stuhl, setzte sich auf die Kante der Tischplatte gegenüber Rusdorf. Zufrieden nickte der Große: »Ist schön. Ist schön. Runter vom Tisch.« Nahm sich eine Kerze, ging hinaus, vor sich leuchtend. Allein die beiden. Sie tasteten sich auf Pavels Zimmer, schlossen die Tür, sahen sich an, machten eine Bewegung, als wollten sie sich in die Arme fallen, griffen sich nach den Händen.

Pavel stöhnte: »Was bleibt uns übrig, als uns umzubringen.«

Rusdorf gebrochen: »Herr Bruder.«

Pavel konnte sich nicht beruhigen: »Er kommt öfter. Verlaßt Euch darauf. Es war das erstemal. Er hat es heute erst versucht.«

»Pavel, was sollen wir tun.«

»Es kommt noch schlimmer. Und -- wir müssen unserem Herrn dienen.«

»Unser armer armer König.«

Als Dighby am nächsten Mittag kam, saß Rusdorf, der aus Furcht nicht das Quartier verließ, allein da. Ohne ein Wort zu sagen, hob Dighby den Stock. Dann pfiff er. Flehentlich sagte Rusdorf: »Der Herr treibt es zu weit. Weiß der Herr nicht, wem wir dienen?«

Der pfiff.

»Einem hochgeborenen Herrn, dem Schwiegersohn des Königs von England.«

Es bedurfte nur eines Schritts von Dighby, um Rusdorf auf den Tisch zu bringen neben eine Breischale.

Der Lord, Hut Stock Degen auf die Diele schmetternd, rückte sich den Stuhl zurecht, langte nach dem Krug, fragte schluckend den Rat: »Wie war das mit seinem Herrn. Es gefiel mir.« Rusdorf beschwor ihn leise, mit einem gewissen vertraulichen Ton in der Stimme, er möchte doch Vernunft annehmen, ihre gemeinsamen Interessen bedenken, die Verwandtschaft ihres Herrn und alles; sie müßten sich persönlich verstehen lernen, da ihre Sachen Hand in Hand gingen. Dighby fragte, wessen das fast ausgetrunkene Weinglas sei; und zum maßlosen Entsetzen Rusdorfs rief der Lord nach dem Hausdiener, der sogleich eintrat, an der Tür stutzend stehen blieb. Wein wollte der Lord; für den Herrn oben auf dem Tisch ein neues Glas.

Rusdorf hatte nicht vermocht, vom Tisch herunterzusteigen; ein kleiner Blick Dighbys von unten hielt ihn fest. Jetzt saß er, die Augen mit den Händen verhüllend, da, stumm, während der Lord schmatzte schluckte, ihm kräftig zum Abschied die Schulter schlug.

Rusdorf erwähnte gegen Pavel diesen Besuch nicht. Er sah es kommen, wie Dighby mit dem Stock spielte, daß er Hiebe von ihm kriegte. Mit schmerzlichem Verständnis suchte er die Unerzogenheit und Wildheit Dighbys auf sich zu lenken, damit mit Pavel die Geschäfte von statten gingen; verteidigte öfter den Lord vor Pavel, Jugend hat keine Tugend.

»Wir waren nicht besser, als wir jung waren. Ich selbst, Pavel, in Altdorf, o jeh!« Leckte sich zärtlich die Lippen.

Pavel saß allein an der Mittagstafel. Dighby herein: »Wo ist der andre?«

»Ich weiß nicht. Ich weiß, aber ich antworte nicht.«

Dighby öffnete stumm die Tür zur Nebenkammer: »Ruß! Ruß! Rusdorf!«

Über die Stiege: »Rusdorf. Her. Ran.« Im grüntuchenen Schlafrock, mit dem roten Schlafkäppchen tappte etwas aus einer zweiten Seitenkammer.

»Aber schneller, wenn ich bitten darf.«

Rusdorf stand unsicher vor ihm, flüsternd: »Mein Gott, Lord, Graf, redet nicht mit mir in dem Ton.«

Der zischte zwischen den Zähnen: »Ich schlag mich mit dem herum. Wo steckt Ihr denn, verdammter Schnappsack?«

»O Gott, mein Allmächtiger. Vor Pavel, Lord.«

»Still. Geh mir voraus.«

Zeigte mit dem Stock auf Pavel, der still dasaß, mit seinem Degengriff spielte.

»Was ist?« fragte unglücklich Rusdorf.

»Er soll auf den Tisch. Vorwärts.«

Er nahm, die Augenbrauen hochziehend, den Stock zwischen die Zähne, kreuzte den Arm.

Rusdorf bettelnd, das Käppchen abziehend: »O Lord.«

Der bewegte sich nicht.

Rusdorf streichelte ihm die Hand, machte ein kläglich inniges Gesicht, bat ihn sehr leise, in die Nachbarkammer zu kommen; er dachte sich da vor dem Lord zu entwürdigen, wie der es wollte.

Dighbys Runzeln blieben steif.

Zaghaft näherte sich Rusdorf dem andern am Tisch, flehte vor Pavel: »Unser armer Herr.«

Der bewegte keine Miene, schien Rusdorf nicht zu kennen.

»Unser armer Herr,« bettelte Rusdorf. »Geht«, flüsterte er.

Pavels Degen wippte am Boden. Rusdorf sah sich nach Dighby um, der stand still, scharf blickend wie Pavel.

»Kommt, geht auf den Tisch. Ich setz mich mit Euch, wir haben es gestern gekonnt. Es ist ja gleich vorbei.«

Er faßte ihn um die Schulter. Ihn schauderte vor der Berührung des blauen Tuches. Der hatte mit der Schulter gezuckt, den Oberkörper vorwärts, rückwärts geworfen. Abgeschüttelt, seitlich stolpernd fiel Rusdorf auf die Hände.

»So!« stand er demütig vor dem Grafen. Der, den Stock im Gebiß, zeigte mit den Blicken auf Pavel.

Weinend, leise und zornig vor dem Tisch: »Ihr dürft es nicht so lange hinziehn. Ich vermag es dann selbst nicht. Es geht über meine Kraft. Wenn ich dies alles erdulde von, von dem Übeltäter.«

Kaum hörbar: »Geht.«

»Ihr müßt. Ihr müßt. Was hab ich euch denn getan.«

»Rusdorf, geht.«

»Kommt mir nicht mit >geht<. Was mir recht ist, ist Euch billig. Ihr dürft nicht Euer Spiel mit mir treiben.«

»Rusdorf, laßt meine Hand.«

Der schäumte: »Nennt mich nicht beim Namen.«

Er faßte ihn vor der Stuhllehne um die Taille. Pavel, ohne sich zu bewegen, steif wie ein Baumstamm, wurde wenig angehoben. Dann stieß er dem stöhnenden Mann den Degenkorb gegen die Schläfen.

Der ließ aufschreiend los.

Dighby spuckte im ruhigen Anschreiten den Stock auf den Boden, klopfte Pavel auf die Schulter: »War gut so, Herr.«

Drei Tage blieb Rusdorf darauf unsichtbar. Kam lärmend heraus, in alle Ecken sich umblickend. Was inzwischen geschehen sei. Stünde noch alles auf demselben Fleck wie früher. So mache man Geschichte.

»Der Herr Bruder hat keinen Grund sich zu ereifern.«

Und der Graf von Bristol, immer frisch hinter den Hunden und dicken Weibern her; Wirtschaft, saubere Wirtschaft. Frech kreischte er, als Dighby um Mittag erschien. Der ließ es sich schmecken, ohne ihn zu beachten, konversierte mit Pavel. Nur beim Abschied konnte sich der Graf nicht enthalten, auf der Schwelle den erregten Rat mit einem kleinen Peitschenhieb abzuwehren.

»Lustig getäuscht!« duckte sich der, »noch einen, recht, noch einen.«

Als er noch zur Vesperzeit fluchte rumorte, verließ ihn auch Pavel.

Nach schrecklichster Überwindung, fast berauscht vor Angst, betrat dicht hinter ihm Rusdorf die Gasse. Seine hitzigen Blicke, sein Lippenbeben, halblautes Selbstgespräch, die englische Tracht fielen auf; die Jungen, die nachliefen, schrie er an; die Männer Handwerker Studenten suchte er über Straßen Wege auszuforschen, verließ sie lächelnd mitten in der Antwort. Verzweifelnd schritt er an der Spitze eines kleinen Volkshaufens, wußte sich nicht Rat, als sich betrunken zu geben, unter wildem Gejohl nach Stunden wieder vor dem Quartier zu erscheinen, heraufgeholt von Dighby, der ihm finster die Kleider abnahm.

Nunmehr ging er frisch im eigenen Kleid öfter aus, begegnete ihm nichts. Setzte sich weiter in Bewegung. Und eines Tages erfuhr der Lord den unverhofften Besuch eines Geheimschreibers des kaiserlichen Hohen Rats, von dem er zu seinem Erstaunen hörte, daß seine Bemühungen im erfreulichen Einklang mit den Absichten Seiner Majestät wären und daß der Anberaumung einer Audienz nichts mehr im Wege stände.

An den Haaren zog der Lord den lachenden Rusdorf heraus aus der Kammer: »Hinter meinem Rücken agiert! Ohne mich zu fragen, ohne mich zu informieren. Ihr! Ihr! Wer ist die Pfalz. Ich würg den Herrn.« Entzückt kläffte Rusdorf dagegen. Wildes Lamentieren Dighbys, der davonrannte.

Pavel, der zugegen war, schleppte seine schwermütige Gestalt durch den Raum, voll Ekels über den Briten und seinen Gefährten. Der Triumph des andern klang kaum an seine Ohren. Als ihn abends Dighby aufstöberte, roh schreiend, ob der Herr auch etwas gegen ihn im Sinne habe, sagte Pavel matt, er würde den Herren beiden nicht lange mehr zur Last fallen, der Herr möchte nichts von ihm befürchten.

Rusdorf, der sich an Pavel drängte, las abends entsetzt die auf dem Tisch ausgebreiteten Papiere, Abschiedsbriefe; ruhig ließ ihn der gewähren. Als aber Rusdorf nach seiner Hand greifen wollte, fuhr der andre wie gestochen zurück, leise scharf ausstoßend: »Scheusal. Viehisches. Schmieriges. Nicht mich angerührt.«

Rusdorf weinte: »Wir können nichts machen ohne Dighby. Verzeiht mir.«

»Rühr der Herr mich nicht an.«

»Ich weiß mir keinen Rat.«

»Es mag sein, wie dem Herrn gefällt. Nur möchte ich ihn bitten, mir bald aus dem Gesicht zu gehen.«

»Was will der Herr Bruder tun. Wo will er hin?«

Der schwieg.

»Bruder, Herzensbruder, ich muß dir etwas sagen. Du darfst nicht weg. Bruder, du magst deine Briefe abschicken oder nicht. Ich will es nicht hindern. Nein, du wirst nicht weggehen. Ich, ich laß dich nicht.«

»Wie aber gedenkt Herr Rusdorf das zu hindern.«

»Das mag der Herr nicht fragen.«

»Ich werde noch heute Dighby und den Herrn verlassen.«

»Ihr werdet das Haustor nicht zumachen. Ihr könnt nicht. Ihr zwingt mich. Ihr mögt denken, ob ich Ehre habe oder nicht. Mich tragt Ihr nicht so zum Gespött hinaus mit Euch, Herr. Ich muß bei Dighby bleiben.«

»Ihr werdet sehen.«

»Ich fleh' Euch an, es nicht zu versuchen.«

Rusdorf kniete, wimmerte vor dem andern, der sehr traurig von ihm abrückte.

Zwei Stunden später wurde Pavel, verkleidet über die halbdunkle Stiege hinabschleichend, am untersten Absatz aus der Finsternis von zwei Degenstößen getroffen, durchbohrt am Oberarm und beiden Schenkeln, daß er mit Wehgeheul hinsank. Rusdorf mit dem blutignassen Stahl entwischte in eine Seitengasse.

* * * * *

Nikolaus Gurland, aus dem Sumpf der böhmischen Verwaltung vor dem Krieg nach Wien gekrochen, war ein Misanthrop. Die wüsten Herren von der Landtafel hatten die kleinbürgerliche Rechenmaschine vergeblich zu kujonieren versucht. Seine trostlosen Berichte Memorials Denkschriften an den verstorbenen Kaiser Mathias hatten schon böses Blut bei diesen Herren gemacht; seine langweiligen Zahlen über den Rückgang des Bergwerkertrags in Joachimstal Kuttenberg Ratiboric waren nicht zu widerlegen. Da er immer einen verwitterten blauen Tuchanzug trug und sich nicht um Politik scherte, regelmäßig zur Messe ging, beichtete, konnte man ihm nur zusetzen durch Verweise wegen Vernachlässigung amtlicher Würde in Tracht Gebaren, ihm demütigende Belehrungen erteilen über Umgang mit Behörden. Tief getroffen kaufte er sich einen kostbaren Federhut, zog sich blaue Strümpfe an, schwang einen zierlichen Degen, aber die breiten böhmischen Schuhe schleppte er an den Füßen, den Mantel trug er wie ein Paket unter dem linken Arm. Der Chef, ungerührt, ging ihn eines Tages mit einer frechen Bestechung an; da sah Gurland, daß er mitmachen oder gehen müsse. In Wien wurde er wegen seiner Griesgrämigkeit, des unpersönlichen Mißtrauens, der ruhelosen Strenge und Reinlichkeit von Behörde zu Behörde geschoben. Den Don Marradas, einen großartigen liederlichen Herrn am Hofe, seinen Hausnachbarn, bewahrte er durch private Rechnungsführung vor schwerer Überwucherung; Don Marradas ritt neben der Kutsche des Kaisers und war Kapitän der Hatschiere. So daß dem böhmischen Sekretär Nikolaus Gurland das Letzte geschah, er sturzartig, seiner Verwirrung ungeachtet, in das Amt des Schatzmeisters gelangte. Seine bürgerlichen Sonderheiten waren nun geheiligt; an den Wänden Straßenmauern schlich er wie sonst, hohe Bediente Würdenträger wichen vor ihm aus.

Schiefschultrig feingesichtig, einen mausgrauen Mantel um den niedrigen Leib, stand eines Mittags Kaspar Frey, der Römischen Majestät alter Geheimsekretär aus erzherzoglichen Zeiten, vor Gurlands erhöhtem Schreibpult. Die Tür hatte er fest hinter sich angezogen. Er nahm die Zeit des unruhigen gelbgesichtigen Mannes oben mit höfischen nichtssagenden Redensarten und Pausen in Anspruch. In einem hintern Flügel der Burg lag die Schreibstube; Gurland, schwarze mißtrauische Blicke werfend, schnalzte im Chorgestühl heftig an einem Entenkiel. Kaspar Frey suchte ihn freundlich zu stimmen, reizte ihn, nahm auf der rotbezogenen Besucherbank Platz. Schließlich gab er zögernd Auskunft, auch daß er im Namen des Kaisers käme. Der unzugängliche Mann oben, dem man vieles geboten hatte, schwieg lange. Was Frey vortrug, überstieg alles Frühere; er sollte zum Mitwisser Mittäter eines unglaublichen Unterschleifes gemacht werden; der Kaiser nicht, eine verwegene Person steckte dahinter, denn Frey war sicher nur Zwischenträger. Als sich die Tür hinter dem Abgesandten schloß, nachdem er eine halbe Zusage empfangen hatte, die ihn sicher machen sollte -- in zwei Stunden hoffte Gurland ihn nach einem kurzen Überschlag ganz zufrieden zu stellen --, kramte der erschrockene Mann drin fiebrig mit seinen gelben Fingern nach seiner Seidenmütze. Er setzte sie sich auf seinen glatten starken Schädel, zischelnd rief er nach seinen Schuhen, auf dicken Pantoffeln schlendernd. Zum Kaiser; es war sonst sein eigenes Verderben.

Ferdinand, aus der Kapelle zurückkehrend, empfing ihn traurig. Er streichelte ihm die Hand: »Er kam in meinem Auftrag.« Und als der entsetzt noch einmal fragte, sagte Ferdinand leise: »Ja, wirst du vermögen zu schweigen. Und wenn du es nicht kannst, sag es nur ruhig. Du wirst mich nicht kränken. Du wirst in allen Ehren bleiben.« Gurland fassungslos, Tränen in den Augen, fühlte seine Nasenhöhlen sich weiten; ein kühles Prickeln schlich um die Oberlippe. Er sagte nur »ja«, fiel ihm zu Füßen. In seiner Schreibstube erwog er, ob er abdanken solle; seine Unruhe steigerte sich zur Verzweiflung. Frey kam. Er lief gegen ihn, konnte nichts sagen; alles, was er begehre, wolle er erfüllen; warum er keine Zeile, keinen Ring vom Kaiser mitgebracht hätte.

Als gegen Abend die Rollknechte in dem Amalienhof der Burg die leinenverpackten Geräte, kleinen Kisten auf ihren Wagen gehoben hatten, sich in Bewegung setzten unter Begleitung starker, als Knechte verkleideter Hatschiere, hatte Gurland sich im Danksagen Verzeihungbitten gegen Frey gesättigt.

Der geschwollene Lord schmetterte die Türe seiner Kammer zu; Rusdorf mußte ihm tragen helfen; vor dem Bett des melancholischen Pavel stolzierte händereibend der Lord, zwei Kerzen brannten auf dem Tisch; Faulbett Fensterbank Gesims Parkett bestellt mit kaiserlichen Gaben; auf dem kleinen Stollenschränkchen, dem buntgemusterten, mit gewundenen hohen Beinen, eine breite schwere gelbblinkende Schale, eine goldene Waschschüssel.

»So viel sind wir wert, den Herren! Herr von Meggau, Herr von Trautmannsdorf machen saure Gesichter, werfen mit großen dicken Worten. Der Kaiser schickt Geschenke!«

Pavel: »Der Kaiser mag nicht eins sein mit seinem Hofe.«

»Der Kaiser ruft mich zu einer Audienz.«

Rusdorf sondierte, ob er zur Audienz wolle.

»Freilich, ich werde ihn anhören. Dann um ein Geschenk bitten für Herrn Rusdorf. He.«

»Bitte der Herr um nichts. Wenn ich rate, gehe der Herr lieber nicht hin.«

»Das wäre.«

»Der Herr glaube mir. Ferdinand hielt Euch für einen käuflichen Schindhund. Den verruchten bestialischen Sinn wird der Herr bald erkennen. Ist kein Friede zwischen Habsburg und unsern evangelischen Häusern.«

»Neidet mir der Herr meine Lorbeeren. Will der Herr, begleit er mich, sei er mein Diener.«

»Die Zeiten sind vorbei.«

Dighby zynisch lachend: »Ich werde achten, wann der Herr seinen Degen trägt. Man muß sich ja vor ihm fürchten.«

* * * * *

Der Habsburger ritt. Dighby zu Fuß wegen seines Hüftwehs.

Kühler Buchenwald bei Wolkersdorf, warmer böiger Maiennachmittag. Aufgescheuchte Haselhühner Marder, aus Sumpfwiesen der Lichtungen grelles Gequak der Frösche. Der Kaiser leicht gekleidet, weißes Wams geblümt mit Anemonen, bauschige Ärmel, Schlitze mit goldenen Borten; am einfachen Ledergurt quer über die Brust das Wehrgehenk; die Beine in den roten, weiten Kniehosen; hinter ihm wehte der schwarze Mantel gelbgefüttert. Er plauderte gleichgültige Dinge, schwenkte oft seinen Tummler, so daß er leicht heruntergebeugt mit einem Anflug von Verlegenheit und Besorgnis das Gesicht seines gleichmütigen Begleiters studieren konnte. Um seine Familie fragte er den Lord, der einherschritt mit dem Krückstock, tief über dem Magen den Orden am blauen Atlasband; mit dem platten schmalkrämpigen Hut sich Luft fächelnd an seine roten vollen Backen; oft mußte sich der Lord bücken, wenn er mit der großen Goldrosette seiner Halbschuh im Strauchwerk hängen blieb; noch dicker quoll beim Aufrichten in der spanischen Krause sein Hals. Der Kaiser sprach von Italien, setzte Feinheiten beim Saustich auseinander, erkundigte sich nach schottischen Hunden, schwoll über von Jagdgeschichten. Mitten über einen Waldpfad schnürten zwei Füchse dicht hintereinander dahin; der stärkere, der Rüde, voran mit einer Fasanenhenne, die Fähe mit einem zappelnden Junghasen. Dighby zuckte vorsichtig nach, der Kaiser lachte herunter über seine Gespanntheit; stellte ihm frei, morgen den Bau zu graben, die Welpen auszuheben. Noch einmal dankte Dighby für die Gastgeschenke. O, der englische Herr möge nur sehen, daß es nicht an ihm läge, wenn sich Schwierigkeiten erhöben. Er habe mit Freuden von den Ausgleichsbemühungen des Gesandten gehört, Meggau und Eggenberg hätten ihm berichtet, auch in die Denkschriften der Pfälzer Legaten hätte er geblickt. Ob sich die Majestät von der Triftigkeit der britischen Argumente überzeugt hätte. »Weiß, weiß. Meint es gut. Ist Euer Verwandter, der Pfälzer Kurfürst. Der Herr weiß, daß beim Ausgleich mein hoher bayrischer Schwager mitzusprechen hat; fasse der Herr es gut und glimpflich an; an meinem guten Willen soll es nicht fehlen. Was hat ihm sein Souverän Sonderliches ans Herz gelegt?«

»Dem flüchtigen Kurfürsten zu seinem erbeigentümlichen Land auf jede Weise zu verhelfen, zu protestieren, daß der Krieg in deutsche Länder getragen werde, da Friedrich den Krieg nicht geführt hat gegen des deutschen Kaisers Majestät, sondern gegen einen habsburgischen Kronprätendenten, er selbst erwählter böhmischer König; zu protestieren gegen die Reichsacht --.«

»Weiß, weiß, die Gründe sind mir bekannt. Sonst nichts Sonderliches?«

»Die Protestierenden werden es im Heiligen Reiche nicht leicht hinnehmen, wenn einem ihrer Glieder ein gewaltsames Leid geschieht. Wie dem sei, will der englische Souverän und sein Parlament nicht ruhig zusehen, wie ihren Glaubensverwandten Gewalt angetan wird.«

»Spreche der Herr nur weiter.«

»Der böhmische Zwischenfall ist erledigt, ist von Ihrer deutschen Majestät siegreich aus der Welt geschafft. Dies scheint uns ein Ende der Angelegenheit. Über Schadloshaltung, persönliche Sicherung sind die englischen Berater bereit, mit Friedrich in Verhandlung einzutreten; wir verhoffen uns einer guten Wirkung auf ihn.«

»Bringe der edle Graf das in München an, Schwierigkeiten und Annäherungen. Haltet nicht zurück. Mein Schwager wird Euren Gründen gerecht werden. Von mir seid gewiß: ich grolle dem Hitzkopf, dem pfälzer Friedrich, nicht; ich weiß, auch der englische Souverän hat seine Pein mit ihm gehabt und sein böhmisches Abenteuer nicht gebilligt. Ich wünschte, der britische Hof hätte vorher Einfluß auf ihn gehabt.«

»Der britische Souverän wird erfreut sein von der Friedensliebe und der Wohlgesinntheit Eurer Majestät durch mich zu erfahren.«

»Ihr müßt nach München. Der bayrische Herzog ist meine rechte Hand im Krieg gewesen; es ist nur billig, daß er es beim Friedenschaffen ist. Sagt ihm auch, daß ich Euch nach meinen Kräften begabt und empfangen habe. Sagt -- nein. Vielleicht ist es besser, Ihr sagt es nicht. Nein, sagt ihm nichts davon.« Er lächelte fremdartig, wehmütig den aufmerksamen Lord an: »Mein Herr Schwager in München ist ein absonderlicher Mann. Ich weiß nicht, wie er es aufnehmen wird; er ist oft melancholisch. Tut nach Belieben. Es gibt nichts zu verbergen.«

Über Mittag an der ländlichen kaiserlichen Tafel im Wolkersdorfer Schlößchen verweilend, wurde Dighby bei Tisch vom alten Harrach, seinem vergnügten, gewandt englisch parlierenden Nachbarn, eröffnet, daß der Kaiser dem Herrn für die Münchner Tour noch Gesellschaft mitschicken wolle, die ihm zur Seite stände bei Audienzen, ihn auf dem Laufenden erhalten möge über Wiener Ansichten, Kenner des bayrischen Herzogs. Den Nachmittag zuvor war dies festgesetzt zwischen dem Herrscher und einigen Mitgliedern der Hofkammer; erregt, fast bettelnd sagte Ferdinand: »Wir müssen alles anwenden. Wir dürfen uns nicht scheuen, jedes Mittel dranzusetzen, um zum Frieden zu gelangen.«

Und keiner der sehr klugen edlen Berater wußte, warum sich der Kaiser so um den Frieden härmte.