Wallenstein. 1 (of 2)

Part 29

Chapter 293,348 wordsPublic domain

Fiebernd und sich selbst grollend erwartete ihn der Däne; voll Ruhmbegier, ohne Not, in der Hoffnung auf den sicheren Sieg hatte er den Krieg begonnen, dann hatte sich, wie von Satanas geschickt, in Böhmen dieses Wesen emporgewälzt, nicht vorauszusehen, noch jetzt nicht zu fassen, ausgestattet mit Reichtum, Härte, Unabhängigkeit, neben einem zusammenbrechenden Kaisertum, und tatzte nach ihm, nach seiner jungen lebensdurstigen Herrlichkeit. Mit diesem gab es keine Versöhnung, der kannte kein Paktieren, der niedriggeborene Mensch, das widrige feuergeglühte Geschöpf. Er jagte jetzt den edlen teuern Mitzlaff her durch halb Europa, wollte ihn fassen. Wenn er doch käme, der Mitzlaff, der tapfere, nicht zu zerbrechende. Und um sich sah der Däne alles anders wie vor einem halben Jahr im winterlichen Haag, wo man sich zugetrunken hatte. Er mußte danken und sich freuen, wenn zwei drei neue Fähnlein Schotten zu ihm stießen und eine Handvoll Franzosen. Wie strahlten die Augen des Grafen Montgommery, der auf seine Franzosen zeigte, die schon gegen die Spanier Siege errungen hatten; was würden sie machen gegen diese zermalmende Masse, von deren Schwere und Sicherheit sie keinen Begriff hatten. Zarte süße dänische Frauen nahmen sich ihres Königs zu Stade im Lager an; er sagte ihnen, ihrem Gesange würden viele dänische Soldaten die Ehre zu verdanken haben. Und dann übergoß ihn mit dem tiefsten Entzücken und stellte ihn wieder ruhig hin die Ankunft eines alten Mannes, des Markgrafen von Durlach, den einmal Tilly besiegt hatte. Das kleine Land, um dessen Erbschaft Durlach gekämpft hatte, war ihm nicht zugefallen; sein eigenes war verloren; er kämpfte jetzt, wie er sagte, für etwas Besseres, wie die andern gegen den neuen Antichristen, der ehedem Papst, jetzt Kaiser und Friedland hieße und wie der Papst sinken werde. Der alte Markgraf hatte als wandernder Kaufmann den schlesischen Besatzungen Mut zugesprochen, dann warb er in Frankreich für Christian, ein holländisches Kriegsschiff trug ihn nach Dänemark. Dünn waren Christians Scharen, die sich von Bremen bis in die Mark streckten, aber tapfere unbekümmerte Männer; oft mußten die Frauen den König trösten, der immer wieder weinte, wenn er seine jungen lachenden Offiziere sah. Er ließ verbreiten, daß auch Mitzlaff zu ihnen stoßen würde, was hellen Jubel auslöste; er sagte nicht, wie Mitzlaff zu ihm komme.

Still lag zwischen Niederelbe und Weser im hildesheimischen Städtchen Peine Tilly. Hinter dem Rücken des Friedländers hatte er dem Feinde einen schweren Schlag versetzt, von dem sich der Feind noch nicht erholt hatte. Jetzt drängte der Böhme von Süden herauf, er mußte ihn noch rufen, sich mit ihm verständigen, denn es sah aus, als ob der Däne sich über die Weserarmeen werfen würde. Schrecklich antwortete der kaiserliche General, er könne keine Truppen entbehren; Tilly hätte genug Regimenter, um den Feind in Schach zu halten. Der Ligist, fast erstarrend, meldete den Bescheid dem Bundesobersten, dem bayrischen Kurfürsten. In der Gefahr, überrannt zu werden von den Feinden, die der Friedländer offensichtlich gerade gegen ihn jagte, sprang er auf und drang an die Elbe, nordostwärts durch Lüneburg. Er wollte selbst den Feind stellen und schlagen. Der Däne sollte nach Süden abgeriegelt werden, um im Norden von einer einstoßenden Armee wie in einer Falle gefaßt zu werden. Der Ligist setzte seine Hauptmacht aufs Spiel; der entscheidende Schlag, der Elbübergang unweit Lauenburg gelang. So glückverwirrt war der edle Graf, so völlig aus seinen Angeln gehoben, daß er selbst an den Kaiser, den Herrn der nahenden friedländischen Macht, schrieb, die Entscheidung in dem Feldzug sei gefallen, sei schon gefallen, es sei nicht nötig, daß Truppen herbeieilten, um den Dänen den Garaus zu geben, fast getraue er sich mit einiger Hilfe, ihn zu übermannen. Er triumphierte wild gedankenlos hinaus, nur noch einer kleinen Nachhilfe bedürfe es, um dem Krieg das gewünschte Ende zu geben, bettelte zum Schluß um die Belohnungen und Gaben, die, wie er sich ausdrückte, wohlverdienten Kriegsobersten von kaiserlich mildesten Gnaden aus den verwirkten und konfiszierten Feindeslanden zufielen. »Ich hätte nicht leben können,« schrie er, auf seinem weißen Gaul hängend, gespenstige kleine Figur, unter wallenden Federn, schwarzen Mänteln sich verbergend, gegen den Marschall Anhalt, der ihn am breiten Elbstrom auf einer Pappelallee zur Beratung aufsuchte; »ich hätte nicht länger leben können,« schrie er nach allen Seiten gegen seinen Stab, seine Zeltgäste, »dies ist mir geglückt, Maria sei gelobt.« Und morgens und abends heiser herausfordernd: »Ich hätte nicht leben können; jetzt soll er kommen, der Wallenstein.«

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Aus Böhmen kam er heraus, ohne Zeit für Worte und Blicke, ein nackter Leib der Gewalt, schamlos wie ein Säugling.

Er drängte eine Heeressäule unter seinem Oberst Arnim von Boitzenburg, dem schwärmerischen Protestanten, von Neiße über Krossen auf Frankfurt in die Mark hinein. Dem Kurfürst Georg Wilhelm wurde durch ein Schreiben bedeutet: der Herzog habe vernommen, daß er, der Kurfürst, die Pässe in der Mark und an der Oder gegen des Dänen Einfall nicht versehen könne mit eigenem Volk; der Kaiser habe ihm den Schutz der getreuen Reichsstände wider den Feind gnädigst empfohlen; so werde der Oberst Arnim abgefertigt, Städte und Pässe in der Mark und an der Oder mit der notwendigen Besatzung zu versehen. Ein offenes Patent verkündete den brandenburgischen Landen, man solle sich hüten, Schwierigkeiten zu machen; der Kaiserlichen Majestät sei ein dankbares Gemüt zu erzeigen. Durch die Mark schob sich, nach rechts und links mit Kompagnien ausschlagend, Arnim die Havel und Spree entlang, stieß gegen den weichenden Dänen über Oranienburg, Bernau, legte sich über seine heimische Uckermark, tastete bei Lychen über die mecklenburgische Grenze.

Eine zweite Heeressäule trieb Friedland mit dem Marschall Schlick, die gesamte Kavallerie führend, über Breslau, Liegnitz auf Krossen gegen Havelberg.

Die dritte geleitete er selbst mit dem Fußvolk durch Schlesien über Kottbus, Jüterbog, den ausgesogenen nördlichen Landstrich vermeidend, gegen den festen mecklenburgischen Ort Dönitz an der Elbe.

Und in das Getriebe der sich fortbewegenden Heereskörper geriet, von Süden gescheucht, hin und her taumelnd, der pockennarbige Mitzlaff; bei ihm die Obersten Buben, Holk, Baudissin und zweitausend Pferde und sechs Dragonerkompagnien. Merode und Pechmann hinter ihnen her; wie die Hirsche flogen sie am Jäger vorbei. Schon waren sie bei Küstrin, da zwang sie Pechmann ostwärts herüber. Von seinem Überfluß schickte der vorbeimarschierende kaiserliche General Regimenter um sie herum, todeswütig brachen die Gehetzten über eine Warthebrücke noch einmal nach Westen vor, es war nicht mehr weit nach Dönitz.

Da standen in einer Augustnacht die Wallensteinischen Regimenter auf an allen Seiten um sie. Bei Bernstein wurden die Dänen in der wolkenlosen mondhellen Nacht zusammengehauen, nachdem sie noch vergeblich die geängstigten brandenburgischen Befehlshaber, Lutherische wie sie, ihnen herzlich zugetan, um Durchzug gebeten hatten. Buben, Holk wurden gefangen. Pechmann, der Wallenstein geschworen hatte, er würde die Dänen nicht an ihren König lassen, in der Mondhelligkeit von Mitzlaff erkannt, durch zwei dänische fliehende Leutnants von seinem Stabe abgelockt, wurde, er, der Sieger, von einer besonders beorderten Rotte niedergemacht, zermalmt, im Tode enthauptet, geplündert, zerhackt; man fand später nur seine Rüstungsstücke.

Mitzlaff und Baudissin schwammen, während man im Morgengrauen nach ihnen suchte, schon über die rollende Warthe. Christian gelobte ihnen, als er sie umarmt, den Krampf seines Herzens beruhigt hatte, er werde Widerstand leisten dem Böhmen, aber er wolle fort, er wolle fort aus Deutschland.

Der Uckermärker Arnim mit Ungestüm gegen die Dänen unter dem unbeugsamen Markgrafen von Durlach in Mecklenburg vordrängend nahm von der überschwappenden Fülle der beiden Hauptmächte sieben Regimenter zu Pferde und zu Fuß an sich, hieb aus Ort um Ort, Stadt um Stadt, Schloß um Schloß den Durlach heraus. Die Proteste der beiden regierenden Mecklenburger Herzöge, dem niedersächsischen Kriegsverband angeschlossen, nahm er nicht an. Keinen Ort, der eine Mauer hatte, verschonte er. Vor Wismar, auf die Insel Poel verkroch sich der Feind; da hielt Arnim an.

Der Kommandant von Dönitz übergab kampflos den Ort nach zwei Tagen. Elbabwärts fuhr der Herzog zu Schiffe nach Lauenburg in Tillys Lager; mit Pomp, kostbarer Bewirtung wurde er empfangen, selber mit königlicher Pracht, wahrhaft asiatischem Gepränge auftretend, umgeben von seiner Leibgarde und gefangenen feindlichen Offizieren.

Eine Verabredung wurde getroffen. Graf Schlick, achtundsechzig Reiterkompagnien herumwerfend, gegen die geballten Massen des alten Matthias Thurn, überritt die holsteinische Grenze, brauste über Trittau, Altrahlstadt, an Hamburg vorbei. So groß war die Verwirrung Angst Ratlosigkeit in der Hansastadt, als unabsehbar die Armeen herantobten, daß sie drin die Waffen gegeneinander erhoben und erst die Sorge um die schwere Lebensmittelkontribution sie zur Besinnung zwang. Die schweren Völker des Herzogs, des Brabanters rollten nach, getrennt Lager und Hauptquartiere. Tilly, von Tag zu Tag gepeitscht durch Briefe des Bayern, sich in seiner Selbständigkeit nichts zu vergeben, im Erfolg die Vorderhand zu erlangen, hitzig, vergrämt, kaum dem Kommando gewachsen, Offiziere dauernd an den Herzog verlierend, flackernd zwischen Groll auf sich, Verbitterung gegen seinen Kurfürsten, wurde, der wachsblasse Eisenzwerg, erlöst durch eine Musketenkugel, die ihm nächst den Wällen Pinnebergs das linke Knie aufriß, herunterwarf vom Pferd. In der Prunksänfte Wallensteins, der Herzog drängte sie ihm auf, wurde er aus Pinneberg rückwärts getragen. Und dann, wie er lag, weiter rückwärts. Seine Truppen zog er mit sich, an die Weserstellungen; im Augenblick löste er sich von Friedland, ächzte, blickte steif und drehte sich nicht um. Hinter Wallenstein marschierten nur drei ligistische Regimenter, Fürstenberg, Reinach, Herberstorff, dazu die Artillerie.

Die Kroaten, leichten Reiter, wehten dicht schwärmend wie Staub vor der Stirn des bewegenden Heereskörpers. Ihr Windzug, der Dunst ihrer Pferde warf Beklemmung über den Feind. Der Graf Thurn schäumend, seine Rüstung zertretend, zwang seine Kavallerie, neben sich den Rheingrafen Otto Ludwig, noch einmal ins Feld zwischen Elmshorn und Horst; wie Wasser über dem Feuer verdampfte, verbrodelte die Masse beim Anrücken des Friedländers. Zum König von Dänemark nach Glückstadt wich Thurn. Der Rheingraf rettete sich nordwärts nach Rendsburg. In Glückstadt äscherte der König Häuser und Scheunen um sich ein, das Land längs des Elbeufers setzte er unter Wasser. Die Heere marschierten rechts vorbei. Über Itzehoe, vier Kompagnien Schotten zermalmend, traten und tauchten sie. Die Schlicksche Kavallerie breitete sich ostwärts aus in Holstein, nach Oldenburg im Lande Wagrien. Der Durlacher setzte rettungsuchend, von der Insel Poel abgesperrt, auf Schiffen mit dem Überbleibsel seiner Söldner nach Holstein über, flüchtend und bereit, heimlich am Meer entlang zu schleichen. Von der Höhe des Dorfes Großenbrode stieg im Morgengrauen Schlick überwältigend gegen ihn herunter. Das Heer, nur die graue See hinter sich, in die Knie brechend, streckte die Waffen. Siebenundzwanzig Kompagnien Infanterie, fünfzehn zu Pferd, die des dänischen Königs Krone und Herz gewesen waren, hoben ihre Fahnen, ließen das Regimentsspiel erklingen, dienten dem Sieger. Der Durlach hieb sich, sein Herz versteinernd, durch seine eigene, Wege und Strand finster überlagernde Armee. Zweitausend Reiter riß er mit sich nach Flensburg, nach Fünen. Schlick flutete wild herauf nach Jütland.

Links von ihm Wallenstein faßte Rendsburg mit den Zähnen, schüttelte die Besatzung wie aus einem Sack heraus. Sie liefen zu ihrem König.

Christian in Glückstadt an der Elbe verlassen schwamm mit seinen sanften Frauen auf drei kleinen Barken, um seiner zerschlagenen zertrümmerten Dänen ansichtig zu werden und sich gemeinsam mit ihnen fortwehen zu lassen. Jetzt weinten die Frauen um ihn; aber er, ohne Waffen, weichäugig, im goldgelben Rock, jünglingshaft schlank an einem Mast unter dem bunten Himmel stehend, winkte den Dänen ruhig mit seinem leichten Federhut; es sei eine Wiederholung, was hier geschehe. Der Pfälzer Friedrich, sein lieber edler Freund, sei wie er gegen den römischen Kaiser gezogen; es sei ein Glück, daß Dänemark nicht in Deutschland läge, man könne nicht heran an ihn. Er müsse siegen, stöhnten die Damen, in dünnen Seidentüchern das Gesicht verhüllend, er würde siegen; spitzfüßig liefen sie auf weißen Schuhchen zu drei und vier auf ihn zu, die losen bunten Röcke raffend beim Sprung über die Balken und Seile, die Reseden aus dem Haar verlierend. Nicht, tätschelte er sie, oder doch, er werde siegen, er werde den deutschen Kaiser besiegen, durch Ruhe und Klugheit; er werde Frieden mit ihm schließen. »Ich muß bezahlen, meine lieben Kinder, oder mich in dies weite schöne Meer stürzen.« Seine Armee suchte er bei Rendsburg und fand sie nicht; in Flensburg nahm ihn die Woge der Durlachschen Kavallerie auf; sie legten Hadersleben hinter sich in Asche, Kolding machten sie dem Erdboden gleich; sie mußten Schiffe nehmen, die brachten sie nach Fünen.

Hinter ihnen nahm das Drängen kein Ende. Die Schlickschen Massen faßten nach Westen herüber, packten bei Viborg versprengtes feindliches Kriegsvolk an, das entwich nordwärts, stach verzweifelt Dämme und Gräben hinter sich durch, warf Brandfackeln um sich, hinter sich in Gehöfte Dörfer: sechsundzwanzig Kompagnien der Regimenter Kalenberg, Nell, Holk; Baudissinsche Reiter, schleswigsche Landmannschaften. Am Limfjord machten sie halt, wollten sich in die Sümpfe, Moräste von Vandsyssel werfen. Da stellte sich ihnen das gereizte Landvolk entgegen, Kompagnien verweigerten den Gehorsam, voll Unsicherheit lief man durch Aalberg zurück ans Meer. Bei Hobro wurden sie zusammengehauen, im Getümmel wälzten sie sich zum drittenmal auf Aalborg; da saß, Piken und Musketen vorstreckend, Graf Schlick. Sie wurden nur schwer durch die Kaiserlichen abgehalten, unter sich selbst in der Wut ein Blutbad anzurichten; man nahm ihnen die Waffen ab; keiner entkam. Die dänischen Generäle, verwundet, von ihren eigenen Soldaten ihrer Pferde beraubt, Konrad Nell, Heinrich Kalenberg, gaben sich schamzuckenden Gesichts in den Schutz ihrer Feinde.

Durch das herbstliche Fünen fuhr langsam in einem Sechsspänner, den Stern auf der linken Brust, eine breite goldene Schärpe auf dem gelben zerdrückten Rock, Christian, sprach freundlich mit jeder Bäuerin, die sich seinem Wagen näherte, ihm weinend ihre Kinder zeigend, drückte in Odense auf dem Rathaus den Reichsräten mit Stolz und Ruhe die Hand. Die, um ihren König klagend, Christian Friessen, Magnus Uhlfeld, Olof Rosenspars, Breide Rantzau, Ewald Kruse, Kanzler, Reichsadmiral, Statthalter, erhoben, wie er den Rücken kehrte und donnernd ungesättigt das grausame Kriegsungeheuer die Krokodilskiefern über ihre Grenze streckte, ein markerschütterndes Wehegeschrei: nicht die Krone Dänemark, nur der niedersächsische Kreis habe mit diesem Krieg etwas zu schaffen, man möge dessen gedenken, menschlich sein, der nachbarlichen Freundschaft sich erinnern. Man möge ein Ziel setzen diesem grausigen, durch fast ganz Europa gezogenen Brand, bei eines fremden Reiches Wassern und Seen, nicht noch mehr, endlos mehr Königreiche Fürstentümer und Lande dem Unwesen, Raub, Verwüstung, grenzenlosem Blutvergießen übergeben und aufopfern.

In Seeland erhob sich das Volk gegen den König, die Begleiter schützten ihn, in Fischertracht flüchteten sie weiter. Im nördlichen Deutschland verbreitete sich das Gerücht, die dänischen Bauern und Bürger hielten in Odense ihren Reichsrat gefangen. Wollten in Entsetzen den Römischen Kaiser oder Wallenstein zu ihrem König wählen, um sich zu retten.

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Der Kaiser entschloß sich, nach den Siegen nach Böhmen zur Krönung zu reisen. In einer unbezwinglichen Bewegung nahm ihn der Entschluß gefangen. Er ordnete die Maßnahme in finsterer Freude, Gehobenheit an, gab der Mantuanerin, die ihn fragte, warum man im Winterbeginn reisen wolle, den Bescheid, daß keine Wahl bliebe. Er wollte sich gekrönt seinem großen Widerpart über alle Länder weg gegenüberstellen, während der noch in Holstein Mecklenburg war. Man brach mit ungeheurer Pracht auf; die Gelder, aus dem Felde geschickt, strömten aus Kontributionen.

Auf dem Laurenzerberge krachten Geschütze; die Hälfte schoß Salut, die andere schwieg, scharf geladen, zum Schutz des Kaisers. Aus der Wenzelskapelle wurde die Krone geholt, die sich zuletzt der geächtete Friedrich aufgesetzt hatte; ein Kardinal führte den Kaiser zum Hochaltar. Gesalbt am rechten Arm, Schultern, Brust, mit dem Wenzelschwert umgürtet, Szepter und Apfel tragend, die Krone aufgedrückt.

Die Böhmen ließen es geschehen; sie hatten geträumt, Wallenstein würde in Prag erscheinen; er ihr Trost, ihre unsinnige, immer wieder sich erneuernde Hoffnung. Der Landtag wurde eröffnet, seit vielen Jahren der erste, man las ihnen die königlichen Propositionen vor; keine Rettung, es gab keine Wunder. Sie schmeichelten sich an den neuen König, brachten Geschenke, bewilligten Steuern, boten eine Jagd bei Prag an; wurden bedankt, aber wie zum Hohn ließ der Kaiser auch seinen Sohn vor ihnen krönen; man rief sie nicht, nicht einmal zur Dekoration; die Prunkherren und Damen waren aus Wien gefahren, füllten den heiligen Dom, schlossen die Wenzelkapelle auf. Kein Wort klang von den alten Freiheiten und Privilegien, eine erneuerte Landesordnung des Erbkönigreichs Böhmen machte allem ein Ende. Aber der geistliche Stand nahm am böhmischen Landtag teil, Bischöfe, Priester, Jesuiten, an dem Landtag, den die Adligen die habsburgische Krönungsmaskerade nannten. Rasend vor Haß zogen sie sich zurück; weinende und verbissene Gesichter bei ihren Zusammenkünften. Zum Grafen Thurn wollten sie schicken, flehend, sie nicht zu lange leiden zu lassen, aber lebte Thurn noch? Sie schickten Leute, ihn zu suchen; wieder wanderten Adlige aus. Wallenstein gewinnen! Wallenstein gewinnen! Oder ermorden.

Und wie er ankam aus den Winterquartieren durch die gebändigten Gebiete, durch Mecklenburg, die Mark, über Wittenberg Bernau, Sommerfeld Sagan, auf Gitschin, langsam, auf den glatten und verschneiten Wegen, wußte er nicht, daß er von böhmischen Exulanten, mordsüchtigen Fanatikern, seinen Landsleuten umzüngelt war, aber begriff, daß man ihm zu jeder Zeit ans Leben wollte. Er hatte seine Leibgarde auf sechshundert Mann erhöht; mit vierhundert bis auf das Blut geprüften Wallonen und Italienern, die hochmütig auf die deutschen Völker sahen, durch Stärke Gewandtheit Prunk alle überragend, ließ er sich in den böhmischen Kessel herunter.

Da durchwellten schreckenverbreitend zwei Ströme das Land, der römische Kaiserhof und Wallenstein. Wie Fremde standen die Böhmen in ihrem Land, ihre Rücken beugten sie.

Der Kaiser zog zu Huldigungen durch die Städte; in Brandeis, auf dem kaiserlichen Schloß, erreichte ihn der General der Armada. Er hatte nicht den Wunsch, den Kaiser zu sprechen; Ferdinand hatte ihn zu sich gefordert. Dann begegneten sie sich in dem Empfangssaal zu Brandeis. Ferdinand, der heitere Banketteur, Wildschweinjäger, demütiger Christ, aufgerissen zu blendender betäubender mystischer Größe unter einem Purpurbaldachin, die Krönungsinsignien, Mantel mit furchtbar springenden schwanzpeitschenden Löwen, goldene Krone, Szepterstab, kreuztragenden Reichsapfel wie eigene Organe bewegend, drohend, lodernd, gar nicht versunken. Und vor ihm durch das Spalier der Trabanten, Fahnenträger, starr stehenden Räte, Priester herschleichend, verwundert und widerwillig, das lange ledergehüllte gelbäugige Geschöpf, mißtrauisch, fremdartig. Mit schwanzpeitschenden giraffenwürgenden Löwen aus Gold, mit bügelüberzogener buntgesteinter Goldkrone, dem uralten Reichsschwert brannte der oben zu ihm her, heischend, stumm sprechend aus einem Gehäuse von Purpur. Er verstand ihn nicht; wollte man ihn morden, nach den Siegen; hatte er zuviel gesiegt; er hatte seine unwiderstehlichen stählernen Wallonen nicht zum Schutz. Man ließ ihn fort, nach feierlichen Gastmählern. Er schüttelte sich draußen, trug nichts davon. Seine Garde führte ihn nach Prag.

Er rechnete mit dem Kaiser ab. Seine Verwaltung machte eine sehr genaue und spezialisierte Aufstellung an den Abt von Kremsmünster, der sie lächelnd dem Kaiser übergab. Ferdinand überflammt, tief beglückt: »So brauch' ich doch nicht verzagen. So gibt mir der Herzog von Friedland eine Gelegenheit, einen Vorwand, ihn zu ehren. Daß seine Verdienste um mich nicht abzuschätzen sind, weiß ich. Ich bin ja geradezu wehrlos, gesteht selbst, Abt Anton, gegen ihn. Wie soll ich mich rächen an ihm für diesen Feldzug?« Er tat, als ob er lächelte, dann berührte er den Abt ernst an der Hand: »Ich muß mich doch behaupten gegen ihn.«

Elf Herren bildeten den Geheimen Rat des Kaisers; zu besonderen Aufgaben wurden noch zugezogen Zdenko Fürst Lobkowitz, Otto von Nostitz. Auf allen lastete nach den beispiellosen Siegen des Sommers der Druck, sich mit dem Böhmen abzufinden. Slawata, der schöne, Wallensteins Vetter, in den Geheimen Rat aufgenommen, äußerte in Abwesenheit des Kaisers: »Der Herzog hat sein Korn schon in den Scheuern. Bemühen sich die Herren nicht. Die edlen Herren sind nicht meiner Auffassung. Die Aufstellung, die der Herzog von Friedland eingeschickt hat, ist schamlos. Es ist richtig, wie er schreibt, daß er den Obersten den genannten Betrag vorgestreckt hat; doch hat er vergessen, von den Obersten, den Offizieren, von sich selbst eine Aufstellung zu verlangen über die Kontributionsbeträge, die von den Städten, Kreisen, Ständen, Privatpersonen erpreßt sind. Diese Gegenrechnung wird uns selber von dem Lande und den Fürsten gemacht werden.«

Kollalto, der Präsident des Hofkriegsrats, der Weintrinker, gab von sich, daß man sich mit solchen Vermutungen auf unsicheres Gebiet begebe. Das Kriegshandwerk bringe Schwierigkeiten und Härten mit sich; insinuiere man dem Herzog keine Gewalttätigkeiten und die Betreibung so ungeheurer Summen.

Trautmannsdorf hielt es für gleichgültig, ob der Herzog zu viel verlange, zu wenig verlange; die Hauptsache bliebe, daß der Kaiser nicht »nein« sagen könne.

Eggenberg gab ein schlechtweg friedländisches Votum ab; Wallensteins Unkosten und Auslagen seien vom Kaiser zu begleichen, darüber hinaus sei der Herzog zu belohnen. Er habe ihrer Majestät Königreiche, Lande, Erzhaus und Nachfolge, die jedermann für verloren gehalten habe, von des Feindes Gewalt befreit, ganz Deutschland zum Gehorsam gebracht, ihre Majestät zum Herrn vom Adriatischen bis zum deutschen Meer gemacht.