Part 28
An seinen Wagen spannte er die ungeheuerlichen Wildgestalten der Herzöge von Lauenburg. Die verschuldeten Reichsfürsten, lahm daliegend, buckelten sich hoch und schüttelten sich, sie ließen sich die langen starken Leinen Wallensteins überwerfen. Der Mansfelder, abenteuerlich, bezaubernd vorüber tosend, hatte ihnen ins Herz gestochen, die Zungen klebten ihnen am Gaumen vor Gier. Rudolf Maximilian, der Sachsenlauenburger, ein haarschaukelnder Kentaur, langschenklig, stieß seine Fahnen im Erzstift Mainz in den Boden, ließ die rotblutigen Glotzaugen rollen, donnerte, schrie, kehlte Spießgesellen heran, Grauen verbreitend. Er war eine Röhre, ein Rinnsal, ein Kanal, Wein und Biere flossen von Morgen bis Abend über ihn; er war wie ein Schwimmer, ertrank nicht drin, schlug um sich, wie ein Fisch. Der Fürstbischof suchte ihn zu besänftigen, ließ ihm Proviant, Furage zufahren; er stopfte, was man ihm gab, ohne zu danken, behielt den Hunger. Seine Backen blaurot geädert; die Söldner sahen es mit Freude. Reich war das goldene Mainz. Kleine Detachements erbrachen Kirchen; wie Rudolf Max sagte, aus Verzweiflung. Und eines Sonntags machte sich der Herzog selbst auf, ging auf Lüttich zu. Da hatten seine Leute trefflich geworben, und als sein Quartiermeister kein Handgeld weiter hatte und die Reiter ins Saufen kamen, schenkte Max ihnen den Markt von Lüttich und die sechs einstrahlenden Hauptstraßen. Die Pferde standen parat. Die Bürger waren auf der Hut. Als man einige Pikeniere totgeschlagen hatte, andere aus Schenken Weinfässer fortrollten auf geraubte Karren und Wagen, wurden die widerstrebenden Bürger, die sich zu Hilfe kamen, umringt. Mordiogeschrei und Getümmel in die Finsternis hinein. Alarm die Glocken. Bei Morgengrauen saß das Untier, der barhäuptige Herzog, flüchtig in der Sakristei des Sankt Lambrecht Klosters auf den Stufen; die mitleidigen Mönche wichen angstvoll vor ihm aus, dem schnaubenden schweißflutenden, der sich entstellt den Brustharnisch schlug. Der Bürgermeister von Lüttich nahm sich drohend und höhnisch seiner an, heimlich in der Frühe zu ihm gelassen. Knirschend mußte der Lauenburger sich gefangen geben. Pferde Wagen Leute Soldateska im Stich gelassen. Knirschend mußte er sich vom Bürgermeister und Stadtsekretär die Knie binden lassen. Dann wie ein Kalb in den Sack gesteckt, auf einen Packwagen des Klosters geworfen, von Mönchen gefahren aus der tumultierenden Stadt über die Grenze. Fünfhundert Gulden hatte er dem Bürgermeister aus seinem Säckel geben müssen. In Mainz wurde er nicht stiller, warb sechstausend Mann zu Fuß, eintausendfünfhundert zu Pferd.
Sein Freund war der Herr von Gürzenich, Adam Wilhelm Schelhard Dorenwart; er hatte das Patent, in der Wetterau und den Nachbarquartieren ein Regiment zu Fuß aufzurichten, ferner zu seinen auf den Fuß gebrachten vier Kornetten Kürassiere sechs Kompagnien Arkebusierreiter. Eine Kartätschenkugel steckte ihm aus einem Gefecht in Ungarn mit dem Grafen Zriny in der Leber; sein Blut floß gelb. Nichts hatte er; auf sein ausgeschlagenes Auge und die Kugel im Bauch schoß ihm der Herzog von Friedland Anritt und Laufgeld vor; davon warf der Gürzenich vor die Soldaten keinen Heller, die Ausrüstung beschaffte er; Lohn hieß er sie sich selber holen. Auf einem stämmigen Rumpf mit krummen starken Beinen saß der kurze Hals mit dem gelben Kleinkindergesicht und den riesigen Kiefern. Seine Kompagnien stürzten sich über die Wetterau. An den Weibern hatte ihr Oberst solchen Spaß, daß er schwur, kein Weib im Umkreis zwischen vierzehn und vierzig Jahren sollte passieren, ohne sich seinen Leuten ergeben zu haben oder über die Klinge zu springen. Und wenn seine Leute auch die Ernte wegfräßen und die Menschen verdürben, krächzte er voll Wonne, so wollte er doch verbürgen, daß ihre Aussaat unvergleichlich sei, prächtig, gescheckt braun und purpurn mit der Franzosenkrankheit, geschwürige Embleme auf der Haut, wie sich für Adlige ziemt, schöne Kielköpfe, pralle Wasserbäuche; man würde nicht wissen, wenn sie auf den Beinen stünden, ob sie besser watscheln, schwimmen oder fliegen könnten; aber rauben, saufen und stehlen würden sie, so wie sie das Tageslicht erblickten, so gewiß ihre Väter es täten.
Vor Limburg an der Lahn erschien der Herzog Adolf von Holstein-Gottorp, ein Bruder des regierenden Herzogs Friedrich. Ihm hatten ein Jahr zuvor seine Quartiere nicht behagt; darauf machte er sich mit einigen Fähnlein Knechten auf, fiel ins Gebiet des Trierer Erzbischofs ein, wüstete dort. Jetzt trat er ganz zaghaft zu Limburg auf, sein Trompeter verkündete dem Torschreiber, sie wollten friedlichen freundlichen Durchzug durch die Stadt. Der Herzog Adolf liebte Zorn und Blut für sein Leben. Drin würfelten sangen spazierten die Spanier, lagen als Besatzung in den Häusern Schenken Gärten Bädern; und als der Herzog die schönen Quartiere besah, erschien ihm doppelt gut, hier haltzumachen. Die Spanier lachten: sie säßen da; der Herzog: er käme an. Wachtmeister Kornett Korporal Musketier sahen nur ihren weißblonden Oberst auf seinem Gaul an, schlank stählern im silbernen Küraß, unter der buntfedrigen Eisenhaube das lange viereckige Gesicht, frisch rosa, mit den vorstehenden Oberzähnen; sie sahen, wie seine Unterlippe sich füllte, hochstieg wie eine Pflanze nach dem Regen und umkippte. Er gab vom Pferde springend den Spitzhammer abhalfternd das Zeichen; von fünfhundert schäumenden Spaniern entkamen nur sechs. Die Bürger hatten gedroht, sie fürchteten sich nicht, hätten sich vor dem Grafen Mansfeld nicht gefürchtet. Sie mußten das Wort bald bereuen. Nach vier Tagen ritt der weißblonde Herzog mit seinen Knechten und vielen Beutewagen wieder aus, die Lippe schlaff, der Blick leer.
Der Oberst von Merode, Schrecken Schlesiens, schlug im Fränkischen seine Werbeplätze auf: zehntausend Mann war sein Ziel.
Bei Nürnberg tauchten auf zwei Großoheime des regierenden Märker Kurfürsten, die Markgrafen Johann und Johann Georg von Brandenburg-Kulmbach; zwei Regimenter zu Fuß, zwei Regimenter zu Pferd.
Hans Georg von Arnim aus der Uckermark stand in Diensten Gustav Adolfs von Schweden, dann bei Sigismund von Polen, beim Mansfelder. Vom Friedländer wurde er mit einem Regiment beliehen.
Torquato Konti Graf von Quadragnola, am Weißen Berge bewährt, Generaloberstleutnant in päpstlichen Diensten, zum Wallenstein einschwenkend. Wolmar von Fehrensbach, Graf von Karkus zubenannt, aus schwedischem Dienst verräterisch zum Polen übergehend, vom Friedländer zum Obersten über ein Infanterieregiment mit dreitausend Mann bestellt, in Schlesien eingelagert.
Herr Sparr von Hohen-Finow, zehn Kompagnien Arkebusierreiter, nach Jüterbog gewiesen.
Die Pfalz Birkenfeld, die Grafschaften an der Eifel besetzten die Brüder Cratz von Scharffenstein, Alwig Graf Sulz. In der Grafschaft Stollberg nahm Quartier Hans Ernst Vitztum von Eckstädt, Oberstleutnant über fünfhundert Dragoner.
Johann Franz Barwitz, Oberst über fünf Kompagnien Dragoner.
Verdugo, des Ordens Sankt Jakobi a Spada Ritter, des Königs in Hispanien Kriegsrat, dreitausend Mann zu Fuß, fünfhundert Kürassiere.
Baron Bettino Riccasoli della Trappola, fünfhundert Arkebusierreiter.
Johann Philipp Hußmann de Namedy, tausend Kürassiere.
Graf Ferdinand Nagaroll, elf Kompagnien.
Oberst Hebron, ein Arkebusierregiment, ein Dragonerregiment.
Herrmann Frank, der Däne, ehemaliger Mansfelder, ein Infanterieregiment.
Hans Friedrich von Stößel, sechs Kompagnien Arkebusierreiter.
Marquis de Boissy, sechs Kompagnien Arkebusiere.
Scharen über Scharen, unermeßliche, strömten dem Friedländer zu. In der Nähe von Pirnitz erschien der Kroatenführer Milli-Dragsi mit fünfhundert leichten Reitern.
Freiwillige Franzosen, vierhundert Mann, eine begeisterte kampfgierige Schar, setzten bei Lauenburg über den Rhein; in Rotten folgten andere.
Als die Ordnung unter dem Übermaß des Zudrangs zu springen drohte, wurde zum Generalwachtmeister ernannt: Lorenzo del Maestro, Hannibal von Schaumburg. Don Balthasar Marradas wurde Stellvertreter des Herzogs, sein Generaloberstleutnant und Feldmarschall.
* * * * *
Wie der Fürstbischof von Mainz, des alten sanften in das Grab gesunkenen Schweikhard Nachfolger, Friedrich von Greiffenklau, die Untaten des wütigen Lauenburgers auf seinem Stiftsboden sah, hatte er keine Freude mehr an Messelesen Falkenbeizen Würfeln. Finster kaute er an seinem Zorn. In seinen Jagdgründen erlegte er mit eigener Hand wildernde Pikeniere, das schaffte ihm eine kleine Ruhe. Sein Grimm labte sich an den brennenden kleinen Bauernhäusern, die den Wallensteinern über den Köpfen angezündet waren. Er ritt an der Spitze seiner geharnischten Leibgarde, segnete vor den drohend andringenden Knechten die Bauernhaufen. An der Tafel saß er abends mit seinen Äbten und Domherren, man löste ihm den Brustpanzer. Schmetternd sprach er, ließ seine schwarze Inbrunst rollen vor den samtenen händefaltenden sich sättigenden Frommen. Auf seinen Gütern! Auf dem Stiftsbesitz der heiligen Kirche! Freches Raubgesindel, vom Kaiser legitimiert! Den anderen weichen troffen die Lippen, sie lobten den Bischof; das Unrecht, das sie erlitten, blähte sie auf; das Rebenblut, das sie schluckten, feuerte ihr Herz. Draußen zogen die Bauern trübe in die Wälder, Kinder auf den Schultern, Gänse, Hühner auf Karren. Das Schreiben, das der Herr, des Heiligen Reiches Kanzler, an seinen benachbarten Freund, den Kölner Kurfürsten, richtete, besagte im Stolz des Rechtes, wenn nicht baldigst Abhilfe erfolge, so werde er auf Mittel bedacht sein, sich der unerträglichen Last mit der Tat zu erwehren. Als darauf die Kölner ihn sondierten, ob er nicht an den Kaiser schreiben wollte, schob er sie erregt beiseite; er wollte sich seine Wut, die ihn erfrischte, nicht durch einen Brief entreißen lassen. Der Kölner Ferdinand selbst, ein Bruder des bayrischen Maximilian, vexierte die Wallensteiner auf seine Weise; er hatte von Bestellungen gehört, die Wallensteinische Obersten in seinem Gebiet auf Rüstungsstücke gemacht; als Oberst Hebron nach seinen Kürassen forschte, stellte sich heraus, daß der Kölner Kurfürst sie hatte beschlagnahmen lassen. Da zappelten sie und schrien vor dem Wiener Kriegsrat.
Wie im Frühling die Meldungen einen abenteuerlichen, nie gesehenen Umfang der Rüstungen erkennen ließen, fanden sich Vertreter der ligistischen Herren zusammen; Maximilian gab das Stichwort; unruhige fragende Klageschreiben gingen an den Kaiserhof ab, von Mainz und Köln, dann gemeinsam von den vier altgläubigen Kurfürsten. Der Druck der Einlagerungen wuchs; der Umfang des Heeres nahm zu, von Tag zu Tag; Werbungen Durchzüge Einlagerungen Kontributionen, in immer neuen Reichsbezirken. Bayrische Zwischenträger streuten die Ansicht aus: Wallenstein suche durch die große Menge des Volkes die deutschen Länder zu beschweren und durch unerhörte Drangsale zu entnerven; alsdann gedenke er alles nach Belieben zu disponieren. Man geriet in wachsende Spannung und Furcht. Der starke Greiffenklau von Mainz war schon nicht mehr so eigenbrödlerisch; er ließ an seiner Tafel hören, es möchten seines unvorgreiflichen Ermessens noch Mittel zu finden seien, wie sich die Liga, wenn es gegen die Freiheit der Fürsten ginge, mit dem König von Dänemark so weit verständige, daß die Bundesarmee mit anderen Reichsständen das Reich verteidigen könnte, die kaiserliche Armada aber sattsam zur Erhaltung der Erbkönigreiche gebraucht werde.
Das Frühjahr rückte gnadenlos vor, jeden Tag konnte der Losbruch der Heeressintflut auf das Reich erfolgen.
Da wußten sich die Fürsten, in Würzburg zusammengekommen, keinen Rat. Sie bewilligten ohne Debatte eine Million Taler für Heereszwecke. Es würde erfolgen -- blickten sie sich lahm an -- was man sich erzählte, daß der Däne geschlagen würde, das Heer aus Deutschland nicht wiche, sondern wachse, ohne Schranken, wie es in den wenigen Monaten gewachsen war. Und niemand konnte wissen, was ihnen drohte. Was aus ihnen würde. Wie weit es Friedland mit seinen Kontributionen triebe. Sie faßten Beschlüsse; im letzten Augenblick sollte vorgebeugt werden. Zwei Kuriere jagten sie nach Wien zum Kaiser. Sie baten ihn erstmals, ihnen einen baldigen Kurfürstentag zu veranstalten zur Besprechung urwichtiger Dinge und einzuschlagender Maßnahmen, dann flehten sie an, des unbeschreiblichen Unwesens gedenk zu sein, das mit der Überflutung Deutschlands durch die riesigen Truppenmassen erfolge; der Fluch der Nation würde sich gegen die Fürsten richten, die dies nicht haben verhindern können. Sie böten ihm starke, ausreichende Truppen gegen den Dänenkönig an; dem friedländischen Heere würde die Säuberung und Verteidigung der Erblande in Schlesien nach Ungarn gegen die Türken zufallen. Hinter die beiden Abgesandten lief ein Kurier, der ihnen als letzten Trumpf eine Verschärfung ihrer Instruktion ans Herz zu legen hatte: man sei bei Ausbleiben einer Remedur des Heereswesens entschlossen, die Bundesarmee vom Feind abzuziehen und in Notwehr zur Verteidigung der deutschen bedrängten Stände zu gebrauchen.
Friedland gelüstete nach Wien. Kein besonderes Vorkommnis drängte ihn; er wollte noch einmal den Kaiser, die Räte sehen. Er wollte wissen, woran er war, bevor er aufbrach.
Er lag im Harrachschen Haus in Wien auf der Freyung; wieder lähmte ihn das Podagra. Obersten meldeten sich bei ihm, berichteten, Ordonnanzen von den Gütern; sonst lag er allein. Es besuchte ihn niemand. Im Auftrag des Kaisers bewillkommnete ihn an den ersten Tagen der liebenswürdige Fürst Eggenberg, der ihm zwei Ärzte zuführte. Kurze formale Audienz bei Hofe. Der Hof schwieg, die Räte schwiegen, der Kaiser schwieg. Wallenstein wunderte sich nicht. Er war gewohnt, daß man ihn fürchtete oder verabscheute. Er wies seinen Wirt und Verwandten, den Grafen Harrach, ab; ihn trösten, beruhigen? Was die Herren bei ihm sollten. Als er acht Tage gelegen hatte und leidlich hergestellt war, machte er einen kurzen Abschiedsbesuch bei Eggenberg, reiste gekräftigt, geleitet von einer Kompagnie des Regiments von Löbl, ab. Er war zufrieden; ihn hatte am letzten Tage seiner Anwesenheit noch sehr die Hilflosigkeit der Wiener Stadtgarde beim Löschen eines Brandes in seiner Nähe gelabt, wo im Anschluß an eine Verbrennung beschlagnahmter protestantischer Bücher im Bischofshof eine Feuersbrunst sich erhob, die den Bischofshof selber, zwei Klöster, hundertsechsundzwanzig Häuser einäscherte. Am Fenster zusehend lachte er stundenlang; dort unten ritten auch die hohen aufgeregten Würdenträger und Beamten, sie schlugen die Hände zusammen, schrien sich Unverständliches zu, zeigten in den Qualm, stoben davon; es sei ein vortrefflicher Abschluß, meinte der Herzog gegen seinen Wirt, so hätte er die Herren doch alle kennengelernt.
Dicht bei Wien stellte ihn Doktor Leuker, hinter den sich die beiden Kuriere gesteckt hatten, die nach einigen unverbindlichen Worten vom Grafen Kollalto an den Friedländer selbst gewandt waren, ihm aber ständig aus Furcht auswichen. In einem Dorfgasthaus traf Leuker den Friedländer; der Herzog gab ihm freundlich die Hand. Leuker, sehr blaß, stammelnd, wollte ihn zu einer Unterredung im Garten bitten, der Herzog lehnte lächelnd ab: »Was gibt es zwischen uns zu sprechen, das nicht jeder hören könnte?« Militärische Wünsche trug der kaum seiner Sinne mächtige Resident vor, steif zu Boden blickend, sich an sein Schwert haltend; Tilly wünschte eiligst die Wallensteinsche Hilfe mit einigen Regimentern; er brachte nicht klar heraus, was ihm aufgetragen war, daß Tilly Kommando und Disposition dieser Hilfstruppen haben sollte. Der Herzog, halbseitlich am Fenster einem Ochsengespann zusehend, gestand es bereitwillig zu. Dann gab sich der dicke Leuker einen Ruck, preßte hervor, erst den gelbsüchtigen Herzog mit dem Blick streifend, dann über dessen Kopf sich mit den Augen am oberen Fensterrahmen festnagelnd, was von Truppenübergriffen verlautet sei, von Erpressungen, Verwüstungen. Gutmütig stimmte der andere bei: »Wird wohl bei den Herren Ligisten nicht anders zugegangen sein.« Als der Bayer glaubte, aus den Geschehnissen den Schluß ziehen zu müssen, daß die Werbungen vermindert würden, meinte der Herzog nur, ihm zutraulich die Schulter berührend, er sei unlogisch, eine einzige schlimme Kompagnie richte mehr an als zehn gute Regimenter, er werde die schlimmen Truppen entlassen und weiter gute Regimenter anwerben. Was den Bayern, der den Boden unter den Füßen verlor, zu der fast unwillkürlichen Entladung veranlaßte aber die Kurfürsten und Fürsten wünschten, beständen auf einer Einschränkung der Rüstungen. In voller Heiterkeit der Herzog: »Ja, warum lassen das die erlauchten Herren mir, gerade mir sagen? Sie haben ja den Grafen Tilly: so mag man es ihm doch befehlen; auf die Minute wird es geschehen. Wie sind die Herren hilflos!« Zähne beißend, halbtoll wiederholte, quetschte der andere an seinen Sätzen; der General blieb im schallenden Lachen, bat den Residenten um Verzeihung für seine Heiterkeit; wenn man wolle, werde er es dem Tilly auftragen. Bis der Bayer sich, komme was wolle, zu dem Geständnis hinreißen ließ, auf eben die kaiserlichen Rüstungen sei es abgesehen, weil man sie für überflüssig hielte. »Nicht überflüssig. Sagt nur deutlich, lieber Herr Doktor, gefährlich. Gefährlich für Euch, Ihr werdet nie finden, daß ich ein zugebundenes Maul habe; und Ihr seid ja auch reichlich offenherzig. Euer Herr, der Kurfürst in Bayern, wünscht den Kaiser nicht im Reich. Ich kann es der bayrischen Durchlaucht nachfühlen, aber die bayrische Durchlaucht kann den Kaiser nicht hindern, andere Wünsche zu haben.«
»Die Kurfürsten haben dem Kaiser geschworen. Aber der Kaiser hat auch dem Reich geschworen.«
»Woraus sich nicht der Schluß ziehen läßt, lieber Herr Doktor, daß der Kaiser eine Holzpuppe ist. Ich kenn Euch gut, Herr Leuker, hörte, daß Ihr sonst ein kluger Mann seid. Ich rechne es Euch darum nicht an, daß Ihr heute kein Glück mit Argumenten habt. Fahrt nur wieder heim. Berichtet so: ich hätte selbst gesagt, Ihr hättet Euch tapfer geführt.«
Mit einer Handbewegung lud er den kauenden Mann an den ärmlichen Kieferntisch im Zimmer, auf dem Messingbecher um einen Weinkrug standen. Als der noch nicht gefaßte Doktor ohne sich zu drehen stumm Bewegungen mit den blassen Lippen machte, lachte Wallenstein, der schon auf dem Schemel saß, so daß ihm die Tränen die Backen herunterliefen: »Was wollt Ihr nur, Herr Leuker? Ihr habt ja alles gut gemacht! Ihr habt das Examen bestanden. Merkt Euch zum Bericht nach Hause das Wort Bildsäule, Statua auf lateinisch. In solchem Zustand kommen Kaiser nur nach ihrem Tode vor.«
* * * * *
Vierzehn Regimenter zogen mit Wallenstein aus Böhmen. Es ging auf den Hauptsammelplatz Neiße. Die Beruhigung der katholischen Kurfürsten hatte er dem Wiener Hofe überlassen. Seine Leibgarde, zweihundert ausgewählt starke und geschickte Knechte aus allen Nationen, eisenknarrend vom Kopf zu den Füßen, auf gepanzerten Pferden, Musketen Lanzen Spieße Beile führend, umschloß seine Sänfte, ritt ihm voraus, folgte auf den wärmebrütenden menschenleeren Chausseen. Meilenweit wich das Volk aus. Er stieß durch ein wüstes Böhmen auf Schlesien zu. An der Spitze der Regimenter fuhr der Herzog in einem puschelwedelnden sechsspännigen Wagen; achtzehn Rüstwagen mit roten Juchten ihm voraus, zwölf zweispännige Kaleschen mit dem Stab; hinter ihm seine prunkende Sänfte, auf Pferden bunte unbewaffnete Pagen und Trabanten, Leibpferde; am Ende offene Feldgeschütze mit Artilleristen und Munitionswagen.
Gitschin Nachod Glatz wurden passiert. Durch Deutschland, das schwang, sich unruhig bewegte und zuckte, donnerten neue Regimenter herüber aus Schwaben Franken Mähren, vom Rhein Dragoner mit Piken, fliegende Musketiere, leichte polnische Reiter, die Freitag und Samstag keine Eier und Butter aßen; Kroaten mit Arkebusen, Husaren, die Panzerstecher trugen, die eingemauerten Eisenmenschen, die Kürisser, ungesehene Massen zu unbekannten Zwecken. In hellen Haufen eine graue Gesellschaft hinter schweren unförmigen Wagen, Schanzbauern Büchsenmeister Schnaller Fuhrknechte Konstabler Schlangenschützen Pulverhüter; unter ihren leinenbezogenen Gefährten Sturmtöpfe Pechkränze Sturmfässer Mordschläge Brandkugeln, Fuder von Salpeter Schwefel Kohle, hundertpfündige Mörser, offen durch die sonnigen blumigen erschreckenden Landschaften gefahren, mäulersperrend wie Leichen urzeitlicher Untiere, Kartaunen Hagelgeschütze Totenorgeln Haubitzen. Inzwischen saßen die Kinder vor den Kellertüren, spielten, kreischten, lachten, drehten ihr Rosenkränzchen, ritten auf Stecken; die Frauen wiegten ihre Säuglinge, sangen, tändelten mit Ohrringen und Ketten; die Bauern vergrößerten ihre Scheunen, dengelten Sensen, prüften Dreschflegel, die Bürger schrieben sich Briefe, kauften, lasen Kalender, malten die Tafeln ihrer Vorfahren auf, dachten an Adelsdiplome, die Kranken betrauerten ihr elendes Schicksal, grollten, daß sie bald sterben mußten; aus den Fenstern hingen Teppiche vom letzten Festtag.
Gleichmäßig schön das Wetter, Tag um Tag, helle luftdurchwehte Nächte, die Tage wuchsen, langsam verschoben sich oben unhörbar die Gestirne.
Am neunten Tage des Aufbruchs erreichte der Generalissimus seine Hauptmacht bei Neiße, der schlesischen Stadt.
Er machte sich den Rücken frei. Von dem teuflischen Zug Mansfelds nach Ungarn steckten schlesische Städte voll feindlicher Besatzungen; die Dänen hatten sie planmäßig aufgefüllt; furchtbar auf das Land ausfallend, eroberten sie Zuckmantel, Starnberg, überrumpelten Sohrau, Beuthen; Kosel wurde ausgeplündert; herausfordernd schwärmten leichte Trupps, Brände um sich werfend, kleine Detachements abfangend, bis vor den Sammelplatz der Kaiserlichen.
Wallenstein schritt mit vierzigtausend Mann am Gebirge entlang. Die Städte Loebschütz Jägerndorf geworfen. Er bog gegen die Oder um, umfaßte Kosel, wo siebentausend Dänen saßen unter Joachim von Mitzlaff, einem bissigen Kavalier, der die Pest und die ungarische Krankheit überstanden hatte, in Polenschlachten zerfleischt war. Er nahm die Belagerung an hinter seiner sumpfumzogenen Schanze; am fünften Tag von drei Seiten bestürmt floh er mit der Reiterei. Raste nach Süden, den Weg Mansfelds, Bethlen Gabor zu. Vom Lande, aus den Nachbarorten schwirrten ihm zersprengte Fähnlein zu, viertausend Pferde staubten Tag und Nacht gegen den Jablonkapaß. Sie prallten auf Kaiserliche. Umwerfend zurück; Mitzlaffs Tobsucht riß seine meuternden Reiter mit; er mußte durch Schlesien Polen auf Brandenburg zu gehen. Hinter ihnen Pechmann und Merode mit der ganzen Friedländischen Reiterei.
»Sie sind verloren wie Judas Seele«, hob Wallenstein die Arme.
Er fiel, von abtrünnigen Dänen verstärkt, Troppau an, das ein Rantzau halten wollte. Nach vierzehn Tagen war drin das Pulver verschossen. Die Stadt war sein. Keine dänische Maus lief mehr in Schlesien. Auf Neiße schwenkte er um.
Harrach auf der Wiener Freyung empfing einen Brief: »Ich übersende Ihrer Majestät fünfundsechzig Fähnlein und Kornette, die dem Feinde abgenommen sind. Übermorgen marschiere ich ins Reich.«
Die Schweidnitzer Stände sandten zu ihm nach Neiße Vertreter, feierlich voll Rühmens glückwünschend zu den unerhörten, blitzschnell herniederfahrenden Siegen, dankend für die Befreiung von den Kriegslasten und den Truppen. Er empfing die barhäuptigen berittenen Herren noch vor dem blumengeschmückten Tore im geöffneten Reisewagen, sah sie, gebückt sitzend, kalt an; es war nicht sicher, ob er ihnen zuhörte.
Ohne weiteres verließ er das Land, ließ hinter sich in dem dumpf staunenden Schlesien und Mähren fünfzehntausend Mann, die sich zu verstärken hatten.
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Und während er sich in drei Heersäulen nach Norden und Nordwesten schob, erwartete ihn der Dänenkönig Christian.