Wallenstein. 1 (of 2)

Part 26

Chapter 263,551 wordsPublic domain

Während der Herzog ohne Wien zu berühren sein Heer durch Mähren führte, in loser Ordnung, den Söldnern alles gönnend, was das Land bieten konnte, drängten sich in der kaiserlichen Antikamera Abgesandte der mährischen Stände; baten bei Gottes Barmherzigkeit mit gebogenen Knien und heißfließenden Zähren, der Kaiser möge ihr Schreien und Flehen erhören, den Brandschatzungen, Plünderungen, Straßenräubereien, Vergewaltigung der Weiber Einhalt tun. Vertreter der österreichischen Stände rangen die Hände: man möge Frieden, um Jesu willen jeglichen Frieden machen; sie müßten durch lauter Siege zugrunde gehen. Ein einzelner Mann, für seine Person sprechend, bot das am stärksten erschütternde Bild der Kriegswirkungen, der Kardinal Dietrichstein, des Kaisers Günstling, gelähmt auf den Schreck der Überschwemmung seiner stillen Güter durch Kroaten, in einer Sänfte vor den Kaiser getragen, immer vier einzelne Silben mit Beben des Gesichts ausstoßend. Von den Briefen des böhmischen Gouverneurs Liechtenstein, dem sein ehemaliger Kumpan, der Friedländer, einen bösen Streich mit der Besetzung sämtlicher Güter gespielt hatte, von den beleidigten Äußerungen des Thronfolgers Ferdinand konnte man nichts vor den Kaiser bringen; dem Sohn des Herrschers waren trotz Einspruchs Troppau und Jägerndorf besetzt worden; der Herzog hatte ihm sagen lassen: es käme auf die Monarchie in Deutschland an; auf nichts sonst.

Eine Versammlung der Jesuiten, eine Provinzialkongregation, fand statt in dem alten Profoßhaus. Sie saßen, die flachrandigen Krempenhüte vor sich auf den Knien, in einem verrauchten langen Saal, sahen ein holzgeschnittenes braunes Bild der Maria an, das hinter dem Katheder auf einem Wandpodest stand. Zehn hohe rote Kerzen unter dem Bild warfen Licht in den Saal. Sie begrüßten Wallensteins Vorhaben, seine Erfolge, seine Methode. Sie nannten ihn stark und gewalttätig. Ein Bersten wird durch den Bau der Feinde gehen. Er wird ein offenes Feuer anfachen, das Gebälk zerfressen. Sechs Rektoren, die längst das vierte Gelübde getan hatten, erschienen in Audienz bei Ferdinand, ihm zu danken für die Wahl des Herzogs von Friedland und zu beglückwünschen. Die Türken hat er durch das Grauen seines Heeres, wie durch das Anheben eines gorgonischen Hauptes, verscheucht, Bethlen hat verzagen müssen, von Mansfeld ist nichts übriggeblieben. Der Herzog kümmert sich nicht um das irdische Jammern; die Menschheit hat ein übernatürliches Ziel, das Reich der Kirche muß ausgedehnt werden über Heiden und Ketzer; wohl dem, der den Arm und das Schwert dazu leihen kann.

Der Kaiser hörte die Väter ehrerbietig an. Befremdet sprach er zu den Räten: »Wofür danken Sie mir?«

In seiner Antikamera versammelte der Kaiser die Herren um sich, seit Monaten zum erstenmal einer Besprechung beiwohnend. Bequem in seinem Armsessel neben dem Ofen sitzend, sagte er: »Nun sehen die Herren. Und sage man nicht, daß nur von bayrischer Seite uns Schwierigkeiten gemacht werden. Ich habe meine Pflicht getan. Wir werden sehen, ob es nicht an der Zeit ist, die Armada heimzuschicken.« Eggenberg setzte die Vorteile auseinander, die die Armada gebracht habe. Harrach, aber auch Trautmannsdorf hielten nicht mit der Äußerung zurück, daß sie etwas anderes zu hören erwartet hatten nach Wallensteins Sieg, nach der Befreiung der Südostfront der Erblande. »Und dennoch hab' ich den Wunsch,« fuhr der Kaiser sehr ernst, ohne eine Miene zu verziehen, fort, »meinen lieben Oheim Wallenstein kommen zu lassen und selber über die Stücke zu vernehmen, die man ihm nachträgt. Die Feldherrn sind verschieden. Ich möchte hören, was er sagt.«

Eggenberg erklärte, man werde ihn, sobald er das Heer in die Winterquartiere geführt habe, rufen. Das sei nicht nötig, fand Ferdinand; das Heer brauche nicht erst in die Quartiere geführt werden. »Ich will Euch selbst, mein lieber Eggenberg, schicken, damit Ihr mit ihm beratet und vernehmt, wes Sinnes er ist. Ich trage ihm kein kriegerisches Mißgeschick nach; die Fortuna des Schlachtfeldes ist nicht besser als die Fortuna des Friedens. Auch habe er, ließe ich ihm sagen, am Mansfelder alles wieder ins Gleiche gebracht. Darum handelt es sich nicht. Sondern darum, daß seine von ihm geführte Armada den Namen einer kaiserlichen führt, also nach mir sich benennt. Wie es denn kommt, unter meinen Flaggen, daß Reichsstände zum Jammern vor mich laufen und wie lange das noch geschehen soll.« »Krieg«, lächelte Trautmannsdorf. »Ist das Euer Ernst, Graf Trautmannsdorf?« Bekümmert blickte der kleine in weiße Seide gekleidete Mann auf das Parkett; nach einer Pause richtete er die Augen auf die gespannt vorgebeugte Majestät: »Vielleicht ist es gut, die Sachen nicht zu ernst zu nehmen und nicht zu streng anzusehen. Wenn man durch den Regen laufen muß, wird man naß werden.« »Ach, lieber Trautmannsdorf, ich preise Euch, preise Euch, daß Ihr so denken könnt. Lobet den Heiland dafür, daß Euch das verliehen war. Mir wurde das nicht in die Wiege gegeben. Und wenn es mir in die Wiege gegeben war, so ist es in dem Augenblick wieder von mir genommen, wo mir die römische Krone zu Frankfurt aufgesetzt wurde. Meine Länder sollen nicht zu mir kommen, ohne bei mir gnädiges Gehör zu finden.«

Eggenberg flehte: »Die frommen Patres der Jesugesellschaft haben Kenntnis von allem erhalten, was sich ereignet in Ungarn hat. Die Stände sind zu ihnen gekommen aus Mähren, Schlesien. Sie haben sie freundlich empfangen und verabschiedet. Der Kaiserlichen Majestät dankten sie darauf für die Wahl des Herzogs von Friedland.«

»Die Patres, mein Eggenberg, haben nicht viel gehört, und als die Stände zu ihnen sprachen, haben die Väter nicht an Ungarn Schlesien und Mähren gedacht, sondern an Gott und die Jungfrau. Ich habe unter den Worten der Stände gezittert, als wenn meine Kinder es wären, die geplagt wurden; ich konnte nicht an Gott denken wie die frommen Männer, mein Leib ist nicht so stark, Jesus wird sich meiner erbarmen, ich bin nicht geweiht. Ich muß meiner niedrigeren Natur Opfer bringen.«

»Was soll ich der friedländischen Durchlaucht nahe legen im Namen der Majestät?«

»Eggenberg, lieber Freund, Ihr kennt meine Ansicht. Ich bin ihm gnädig zugetan. Er ist im kaiserlichen Dienst, und wir müssen ihn zur Verantwortung ziehen.«

»Ja, ihn fragen«, wollte Eggenberg am nächsten Morgen zum Abt Anton und Eggenberg sagen. Da kam ein friedländischer Kurier mit einem Handbrief des Generals aus Mähren; er erklärte und bat die Kaiserliche Majestät davon zu informieren, daß er resigniere; er werde die Truppen in die Quartiere verbringen, damit seine Ämter niederlegen.

Man kam überein, dem Kaiser, der vielleicht zugriffe, nichts von der unbegreiflichen Meldung zu sagen; im kalten Schrecken saßen sie beim Abt Anton hin, fanden kein Wort.

»Er hat uns in der Zange,« höhnte der kleine Graf; »nun geht, Eggenberg, zieht ihn zur Verantwortung.«

Kollalto, der weintrinkende Friauler, Präsident des Hofkriegsrats, wurde aufgesucht, nach seiner Bereitschaft das Feldherrnamt zu übernehmen sondiert; von ihm kam der Bescheid, daß er zu arm für den Posten sei; er bat den Fürsten Eggenberg mit zum Herzog gehen zu dürfen; der Herzog werde sich versöhnen lassen; den Kaiser werde man versöhnen können.

Nach Bruck an der Leitha gebeten, erwiderte der Herzog erst nach zwei langen Wochen, er werde sich aufmachen, die freundwilligen Herren zu begrüßen.

Mit Grauen näherte sich der Fürst Eggenberg dem verschneiten Landhäuschen, in dem sie den Friedländer treffen sollten; schweißbedeckt saß er unter den Pelzen in dem Schlitten; wenn der Herzog starr bliebe, was war zu tun; wenn er nachgebe, was würde er fordern? Plötzlich hatte er das Gefühl, dies war die Rache, die Wallenstein für die Feindseligkeit bei seiner Erhebung zum General nahm. Jetzt hatte er den Hof zum zweitenmal beim Kopf; was war dies für ein Mensch.

Rot vor Scham stand der Fürst an der Stiege; der Sekretär des Generals kam ihm entgegen, führte ihn in ein Vorzimmer. Er saß lange da, dann kam der Sekretär wieder; er müsse klopfen, der Herzog sitze drin. Wie Eggenberg gegen die Tür schlug, öffnete Wallenstein selber.

Sie saßen in dem kleinen warmen teppichbelegten Raum auf Lederbänken sich gegenüber. Der Herzog sagte, ein Wunsch, ihn zurückzuhalten, sei vergeblich. Er resigniere. Der Fürst begriff dies nicht; die Erfolge des Feldzugs seien augenfällig. Nein, meinte der Herzog, Blicke schießend, er müsse heraus aus dem Labyrinth. Er ertränke in Schwierigkeiten und Armut, wenn es so weiter ginge. Tief drückte der Fürst den Kopf gegen seine Zobeljacke; was es mit der Armut sei, man habe ihm keine Schwierigkeiten bei den notwendigen Kontributionen gemacht. Keuchend stand der lange Herzog vor ihm, die beiden Augen bis zur Weiße aufgerissen, das Kinn vorgeschoben, die Fäuste hoch vor die Brust schüttelnd, es brauchte einige Zeit bis er, zum Entsetzen des Rats, der an Flucht dachte, Worte ausstieß: »Nach Ungarn,« heulte er mehr als er sprach, »haben die Herren mich gejagt, mein Heer haben sie mir ruiniert. Was nicht verreckt ist, ist mir verhungert; in ein meineidiges treuloses Land haben sie mich gejagt. Ihr werdet's bezahlen. Ihr werdet es mir nicht wieder bieten.« Sich erhebend, bat Eggenberg ihn, sich zu beruhigen; er klopfte ihm sanft auf die gekrampften Hände. Der Unterkiefer Wallensteins schob sich noch nicht zurück; der General zitterte am ganzen Leib; er stierte gegen die Schilde und Waffen an der Wand, keuchte. Er hätte sich doch Lorbeeren in diesem Land geholt, begütigte der Fürst, ihn umfassend, gegen die Bank nach rückwärts ziehend. Unbeweglich stöhnte der Herzog: »Nach Ungarn. Nach Ungarn.« Wieder sagte der mitleidige Eggenberg, er werde dies Land einmal als Wiege seines Ruhmes betrachten. Der Herzog rieb sich die Arme, bald den rechten, bald den linken, rückte von dem Fürsten ab, sich auf die Bank niederlassend; finster murmelnd, sie hätten gesiegt, sie in Wien, die Friedhöfe in Ungarn bezeugten es. Plötzlich freier werdend, das strenge Gesicht gegen ihn gewandt, herrschte der Friedländer: nun würden sie, wie sie sich auch stellten, bezahlen müssen. Wie Eggenberg bekümmert die Hände hob, schwoll die Wut in Wallenstein wieder an; er brüllte, was sie also dann wagten, ihn und seine ehrlichen Soldaten zu verderben, um nichts, sie alle zu Bettlern zu machen.

Man brach ab.

Mittags besuchte der Herzog den kaiserlichen Rat auf seiner Kammer. Er verharrte bei seiner Resignation: er hätte erfahren, daß der Graf Rambolt Kollalto im Hause eingetroffen sei und hier logiere; was das zu bedeuten habe. Eggenberg, im Bett liegend, gab den Bescheid, Kollalto sei nach ihm im Augenblick der einzige Kriegssachverständige, der dem kaiserlichen Hause nahestünde; wenn seine Liebden der Herzog beharrlich ablehne, sollte sich Kollalto mit seiner Liebden unterhalten, was zu geschehen habe und ob sie beide das erzherzogliche und kaiserliche Haus im Stiche lassen wollten, beide, nachdem Kollalto gleichfalls den Gedanken der Kommandoübernahme abgelehnt hatte. Der General formulierte darauf mit harter Stimme, am Fenster mit dem Rücken gegen das Bett stehend, seine Bedingungen. Er sei in der Notwehr und müsse sich schützen. Wiederholte seine Ideen zur Kriegsführung, ausgeführt, mit dem Verlangen der ausdrücklichen Bestätigung durch den Kaiser. Eine endgültige Antwort lehnte der Fürst für seine Person ab, versprach, die Bedingungen in Wien zu empfehlen. Der Herzog verlangte Kriegführung im Reiche, Steuern in Böhmen für Kriegszeit fortlaufend. Mit siebenzigtausend Mann und siebzig Geschützen wolle er ins Feld ziehen; das Reich besoldet die Armee so lange, bis es sich zu einem gerechten Frieden versteht.

Man schickte nach Kollalto, der Herzog wünschte es selber. Als der beleibte Mann am Bett Eggenbergs ihm gegenüber stand, fragte er, bevor er die Hand gab: »Sind wir Freunde oder Feinde?« Kollalto ernst, er hoffe Freunde. Der Soldat hatte einen andern Blick für Wallensteins Vorschläge; er äußerte gegen Eggenberg schon nach wenigen Sätzen, daß dieser Weg zur Zeit der einzig gangbare sei.

Es war Gewalt mit List, was der Friedländer vorschlug, ein scheußlicher grauenerregender Plan: entschlossen und ohne Rücksicht sich des Herzens von Deutschland bemächtigen, mit einer maßlosen Heeresmacht dort ruhen, die Vorgänge im Reich bewachen und nicht davon gehen, bis aller Widerstand erstickt und das Heer bezahlt ist.

Mit eisiger Ruhe, aber wie Eggenberg schien, jeden Augenblick im Begriff in Wut auszubrechen, erklärte Wallenstein, sich vom Bett entfernend, seine Arme lang über einen Tisch pressend und die Zeigefinger ausstreckend und krümmend, daß er seinen Posten niedergelegt habe und ihn nicht wieder übernehme vor Anerkennung seiner Bedingungen. Das seien seine Lebensmöglichkeiten. Eggenberg wollte die Debatte auf das Verfängliche der Situation in politischer Hinsicht bringen, der General hielt das Militärische fest. Mit zwei Worten beleuchtete er nachher noch einmal die Sachlage: er sei Privatmann und könne sich aus jedem Strick ziehen, er brauche sich nicht freiwillig in ein Labyrinth zu begeben.

Darauf hatten Kollalto und Eggenberg abends eine Unterhaltung. Daß der Ton Wallensteins unerträglich war, bemerkten sie kaum, der Plan stand im Vordergrund; auch war Kollalto gedrückt, weil er dem General früher Unrecht getan habe. Er wolle Präsident des Kriegsrats bleiben, um dem General desto besser Dienste zu leisten; so hatte er eingebissen. Gegen Eggenbergs kopfschüttelnden Einwand, sie lüden sich mit dem Plan das halbe oder ganze Kurfürstenkolleg auf den Hals, denn die durchlauchtigen Herren würden die Grundfesten ihrer Fürstenlibertät bedroht sehen, ihre Landeshoheit geschmälert oder verneint durch die Einlagerung eines solchen Heeres, setzte er: das Heer muß sehr groß sein. Eggenberg sah, der Militär war von der Idee eines solchen Heeresmammuts berauscht. Seine Bemerkung, Kurfürsten Fürsten und Stände würden in solcher Einlagerung eine gesetzwidrige Besteuerung durch den Kaiser sehen, welche Besteuerung durch Kollegial und Reichstagung zuvor bewilligt werden müsse, provozierte nur Kollaltos freudige Wiederholung: das Heer muß sehr groß sein. Und als Eggenberg, der im Schlafrock an Stöcken hin und her durch seine Kammer ging im Kerzenlicht, fragte, vor dem glücklich sinnierenden andern haltmachend, ob sie sich denn getrauten, ein solches Heer auf Posto zu bringen, hob er die Arme wiegend hoch: das sei es ja gerade, das vermöchten sie, der Herzog hätte für jeden Kenner ja bewiesen, was augenblicklich zu leisten sei; es sei eine Glückslage jetzt, wie sie bald nicht wiederkehre. Drauf und dran; sie ausnützen, beginnen, nicht zaudern. Eggenberg hielt ihn mit seinen klaren Augen fest: wer dem Kaiser so rät, müsse auch wissen, daß er das Haus Habsburg aufs äußerste gefährden könne. So sollte, lachte Kollalto, der Fürst noch Karaffa, Liechtenstein, wen er wolle, befragen.

Eggenberg hielt es für gut, am nächsten Morgen vor der Abreise dem General seine Zustimmung zu versichern; den genauen Bescheid der Majestät würde ihm nach Prag ein eigener Bote überbringen. Kollalto schied in voller Versöhnung vom Herzog.

Als Eggenberg in der goldblitzenden Antikamera des Kaisers stand, erinnerte er sich erst, daß er nach Bruck gefahren war in den Schnee, um den Friedländer zu warnen vor weiterer harter Kriegführung; kein Wort davon war gefallen. Der Kaiser fragte streng, was der Herzog geantwortet habe. »Nichts, als daß ich Eurer Majestät berichten sollte, daß die Kriegführung mit Härten verbunden sei, auch mit Klagen uneinsichtiger Menschen.«

»Der grausame Mensch. Der Barbar.« Der Kaiser nahm von seinem Tisch eine Rolle, las die Eingabe der mährischen Stände vor. »Also das ist nicht zufällig und als Exzeß begegnet, das war nicht unvermeidbar, das hat mein Oheim, der Herzog, mit Plan getan und geleistet. Eggenberg, lieber,« er schüttelte den Fürsten an der Schulter, »ich habe gehört, daß Ihr nichts mit dem verrufenen Mann zu tun haben wollt. Ihr selbst habt mir nicht zuraten können. Das ist ein Christ, ein Katholik, er hat zu seinem Heiligen gebetet, während ihm dies geschehen ist, nein, während er dies getan hat.« Seine Lippen bebten. »Majestät sind Römischer Kaiser, viele Untaten geschehen im Reiche; man kann nicht alles hindern.« »Das ist nicht mein Geschäft, Eggenberg. Nie und nimmer. Ich weigere mich, ich wehre mich dagegen. Es ist roh, es ist unnatürlich, es ist die planmäßige Vernichtung ganzer Leben, ganzer Landschaften, die Gott geschaffen hat.« Nach einigem Atmen fuhr er fort: »Und wozu? Um den Bastard Mansfeld zu beseitigen. Oder -- mein Haus zu erhalten.« Leise der Fürst: »Gewiß möchte jetzt wohl jeder Euch anbeten, Kaiserliche Majestät. Eure Frömmigkeit ist kein bloßes Lippenspiel; es werden nicht viele deutsche Fürsten wie Ihr sein. Nur: wie werdet Ihr den Thron behaupten können? Wie wollt Ihr das?« »Ihr seid der Meinung, Eggenberg, solche Untaten sollen noch öfter in meinem Namen geschehen?« Eggenberg ballte hinter seinem Rücken die Hände, zwang sich zu sprechen: »Ich meine, es wird Ähnliches öfter geschehen müssen.« Ferdinand von seinem Ton getroffen, musterte ihn scharf; rauh forderte er ihn auf zu sprechen. Leise meinte der Fürst: der General hätte sich dahin geäußert, solche menschlich beklagenswerten Mängel der Kriegführung seien in höchstem Maße erwünscht; der Herzog habe mehr oder weniger deutlich abgelehnt, hier von Schattenseiten oder Mängeln der Kriegführung zu sprechen; vielleicht für die früheren treffe das zu. Er setze aber dies Unglück in seine Rechnung. Er hielte es sogar im Augenblick für nötig, ein großes Heer in die blühenden reichsten Gegenden des Reiches zu werfen; das Heer solle erstickend auf dem Lande liegen; die feindlichen Bewegungen im Reich beobachten, bis sich nichts mehr rege und man nur den Wunsch habe, das Heer zu entfernen.

Starr blickte der Kaiser den Rat an, dann lachte er krampfhaft; so hätte man also eine leichte Handhabe, diesen verrückten General wegzuschicken. Darum, verneigte sich der Fürst, habe der General gebeten. »Gut,« schrie Ferdinand, »gut,« und knirschte in Empörung mit den Zähnen, »so ist ja allen geholfen.« Als Eggenberg sich das Kinn rieb, sah ihn Ferdinand an: »Das Dekret der Entlassung wird fertiggestellt werden, wenn die Majestät es befiehlt.« »Ich bitte darum.« »Wir werden nicht wissen, woher wir den General und die Truppen entlohnen sollen. Wir brauchen ein Heer. Majestät, es kann nicht daran gezweifelt werden, daß wir ein Heer brauchen.« »Euer Liebden ist sonst nicht unklar. Wollt Euch nur deutlich ausdrücken: ich soll mich diesem Verbrecher unterwerfen?« »Es ist ein furchtbarer Mensch. Graf Kollalto setzt sich für ihn ein.« »Sprecht noch einmal.« Vor den drohenden fassungslosen Kaiser wurde Graf Kollalto befohlen.

In dieser Unterhaltung stöhnte der Kaiser mehrmals: »Um des Heilands willen schafft den Böhmen weg.« Rotwangig, mit kurzem weißen Knebelbart, kurzstämmig stand der Friauler vor ihm, in hohen Beinstrümpfen, strenger spanischer Tracht; man solle dem Böhmen vertrauen, er verstünde den Geist des Augenblicks. Er wurde, als er die Erregung des Kaisers und die unsichere, verdächtige Haltung Eggenbergs bemerkte, dringender, Wallensteins Ideen seien eine entschlossene Tat. Und dann schmetterten Ferdinand um die Ohren die Worte: »Der Römische Kaiser, das Heer, der Kaiser, das Heer.« Es fiel kein Wort von den Mähren, Schlesiern. Halbbetäubt hörte Ferdinand den Mann an, der seit Gradiska sein Vertrauen besaß.

Der Saal war klein, die Wand schulterhoch mit brauner Verschalung bekleidet, an der blauen Decke rangen riesenleibige Dämonen mit Armen, Balken, Bergen gegeneinander, spien einen stählernen Kronleuchter gegen den Boden, stießen hölzerne Säulenblöcke auf das Parkett. So herrisch trat Kollalto mit seinen Worten auf, so ernst stand Eggenberg, einen Daumen am silbernen Gürtel, neben ihm, daß Ferdinand plötzlich eine Unsicherheit, ja Scham befiel, daß er gegen ein sonniges spitzbogiges Fenster zurücktreten mußte. »Wir können siegen«, klang das rastlose Triumphgeschrei Kollaltos. »Habsburg wird die Feinde im Reich unterwerfen.« Ferdinand beendete die Audienz; er war in Furcht untergetaucht.

Die Kerzen brannten an dem Kronleuchter, auf einem Podium spielte die Hofmusik, die Tür zu einer Nachbarkammer war weit geöffnet, drin saß im prächtigen, eng verschnürten Rock vor einem rostbraunen Gobelin auf der langen Polsterbank der Kaiser, bückte sich über sein Knie. In tiefer Erschütterung fragte er den Fürsten Eggenberg, ließ sich wiederholen. Der ungeheure Gedanke warf ihn um, wie er Kollalto umgeworfen hatte. Die habsburgischen Königreiche und Länder sind zu schützen, indem man den Krieg von ihnen fernhält, das Reich ist zu einem gerechten und vernünftigen Frieden zu zwingen, das Reich muß wissen, daß es die Heere des Kaisers so lange zu besolden hat, bis die Waffen niedergelegt sind. Öfter wollte Ferdinand in einer aufsteigenden Trostlosigkeit, einer ihn durchirrenden dumpfen Verzweiflung bitten, man möchte von diesen Reden lassen, er sei der Schützer, der Mehrer des Reichs, dann trompetete es: »Der Römische Kaiser, die Herrschaft über das Reich, der gerechte Friede«, er legte den Degengriff an seinen Mund, fühlte die Kühle.

Und dann, gerade wie der Fürst eine Pause machte und drin heimlich und sanft die ersten Stimmen eines Kanons von Geigen vorgesungen wurden, stürzte, sauste urplötzlich der Gedanke Bayern über ihn, als wenn ihn die Riesen geworfen hätten, die an der Decke nicht gehalten wurden, beinbewegend ihn mit den platten Fußsohlen betrampelnd.

Ein leises Quietschen steckte in seinem Kehlkopf und kam nicht höher. Bayern: er japste ringend unten weg. Sie hielten ihn. Der Fürst Eggenberg, purpurne Schärpe, blaue Strümpfe, purpurne Kniebänder. Oben jubelte es, knallte: »Sieg, Sieg, der Kaiser, das Heilige Reich.« Er duckte sich aus seiner Höhle, verschämt, beschmutzt, platt hingedrückt, mißgestaltig, blinzelte. Oben jubelte es, aus der kühlen, weinseligen Stimme Eggenbergs, zu den zierlichen, schreitenden Takten des Kanons: Habsburg, Sieg, Wallenstein. »Herr, führe mich nicht in Versuchung!«

Und wie die verzückte Angst, der wüste Taumel sich mit einem langen Ruck durch ihn gestreckt hatte, war im Moment, wo er einen rotgeschwollenen Kopf an den Gobelin legte, alles verschwunden, verrauscht, hatte ihn sitzenlassen wirr in Fieber, Pein; eine nicht scharf erkenntliche, halbschattenhafte wilde Jagd raste durch seinen Körper, er litt es, es schwang hin und her, schwang, seine Muskeln bebten mit. Er setzte sich, während der Rat von der Kriegslage nach der Schlacht am Barenberge sprach, halb seitlich abgewandt, hatte das Gesicht mit der brillantgeschmückten Hand beschattet. Dann zwang ihn etwas aufstehend nach der Mantuanerin zu schicken.

Als sie kam, verlangte er nichts. Er ließ sie nur neben sich setzen, blickte zu der Tür hin, wo die beiden schwarzen Figuren, zwei Damen, zur Musik lange Fächer am Handgelenk schaukelten. Er war von einer tiefen Scham erfüllt, er mochte nicht denken, sein Inneres war ein heißes zittriges Rührmichnichtan.

Er fragte plötzlich, wie des Herzogs von Friedland Liebden, sein Oheim, aussähe. -- Es sei der lange hagere Mann mit kurzgeschorenem Haar. -- Der Kaiser zuckte mit der linken Hand; genug. -- Eggenberg verneigte sich: ob Wallenstein zur Audienz befohlen werde. -- Nein. --