Wallenstein. 1 (of 2)

Part 25

Chapter 253,504 wordsPublic domain

Tosendes Gelächter in München. Der krummbeinige Zigeuner, der struppige gezeichnete Mansfeld, wie ein Affe sprang dem Friedland über den Kopf weg, nahm sich ein Herz, entwischte, der Herzog ließ ihn durch, in die Erblande, zu einer Verbindung mit den Ungarn, Türken, Tataren. Das Gelächter in München scholl nach Wien herüber. Dies angetan der kaiserlichen Armada von einem Habenichts, einem Hühnerdieb, Pferdejungen des Königs von England. In der kaiserlichen Antikamera spotteten die Italiener: man gebe dem Friedländer noch fünfzigtausend Mann und er wird sich gegen zweitausend -- verteidigen. Tapfer wird er es tun, die Zähne verbeißen, man wage es gegen ihn, den tapferen Schwaben, Nachfolger des mazedonischen Alexanders. Sähe man nur: ein Wucherer, ein Güteraufkäufer, ein leidlicher Oberst als Heerführer; ein Narr, den die Großmannssucht gepackt hat. Die Räte waren nur schwach bereit, ihn zu verteidigen. Als aber die schmerzlichsten Klagen aus Schlesien einliefen, Mansfeld weiter sprang, ergriff alle Angst und Wut. An den Kopf eines Verbohrten waren sie nicht gebunden. Er saß bei Halberstadt und erpreßte Geld. Es war eingetreten, was man befürchtet hatte. Man hatte noch Kollalto; Karaffa war noch da. Ruin, Ruin! Gelächter für Europa. Der wild gewordene Spekulant als Feldherr. Mit Lärm traten sie am Hofe auf.

Wallenstein, auf einem Bauerngut bei Halberstadt, auf die Wiener Nachrichten in tobsüchtiger Erregung, fuhr in die Stadt zurück; der Mund ging ihm über von Schmähungen gegen die Räte, die er treulos und Schelmen nannte. Mit dem feinen Aldringen verfuhr er auf das wildeste; dieser war zum erstenmal Zeuge eines solchen Zustandes; er hielt den Herzog für wahnsinnig, fürchtete, von ihm ermordet zu werden. Der Herzog warf ihm vor, daß er seine Sachen bei Hof nicht vertrete, ihn anschwärze. Das Heer sei verloren, alles sei verloren, er selbst verloren durch die Narrheit, Bosheit der Wiener Räte. Es sei alles verloren, denn er werde genötigt sein -- dabei geriet der Herzog in solche Erregung, daß er auf Minuten die Sprache verlor -- das Heer jenem Strauchdieb nachzuschicken und damit hätte der Bayer erreicht, was er wollte -- nach Ungarn die Kaiserlichen! Nach Ungarn, wo man zugrunde gehen müsse. »Ich geh nach Ungarn,« schrie er besinnungslos Aldringen an, »die Herren setzen es durch; die treulosen an ihrem Kaiser. Aber sie sind nicht meine Herren, sie sollen es fühlen; sie sollen mich suchen später, wenn sie mich brauchen und werden mich suchen wie eine fromme Seele im Höllenfeuer.«

In der Tat, trotz des lauten Jammerns des ligistischen Führers, der allein gelassen wurde gegen Dänen und Niedersachsen, brach wie ein toller Stier der Friedländer auf. So gräßlich war sein Schelten und Toben auf den Wiener Hof, der ihn zu der Fahrt hinter dem Mansfelder zwang, daß Aldringen Briefe an den erschrockenen gänzlich kopfscheuen Präsidenten Kremsmünster schrieb: Der Friedländer sei unterwegs aus Niedersachsen mit seiner ganzen wilden Armada; er schwärme auf Schlesien zu; »begütigt ihn, laßt den Kaiser freundlich schreiben; es kann geschehen, daß er in seinem blinden Wahnsinn auf Wien losstürzt und Euch zertritt.«

In dem Städtchen Ellrich bei Nordhausen erlebte der alte Graf Tilly eine letzte Begegnung mit dem Herzog vor dem Abmarsch, die in ihm die Hoffnung auslöschte, jemals mit dem Böhmen kameradschaftlich auszukommen. Wider alle Wahrheit und Wahrscheinlichkeit erklärte der Böhme, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, auf den Tisch hin, der Däne, die Niedersachsen, Mansfeld, dazu auch schwedische Völker, seien eins darin, konzentrisch auf Schlesien vorzugehen, die kaiserlichen Erbländer zu überfallen, nachdem sie dem Siebenbürgen, Türken und Tataren die Hände gereicht hätten. Er könne nicht säumen, auch nicht das Quantchen eines viertel Tages und müsse mit ganzer Macht auf. Er, der Jüngere, überhörte in einer Roheit, die den Grafen zittern ließ, jeden Einwand, der von eben anlangenden Kundschaftern vorgebracht und von dem sesselversunkenen kopfsenkenden Ligisten bekräftigt wurde. Es war wie das Amen in der Kirche, daß er, der kaiserliche General, keinen Troßbuben an der Elbe stehenlassen könne, es würde davon nicht abgegangen werden und wenn das ligistische Heer mit dem letzten Mann zugrunde ginge. Mit einer Bosheit und Grausamkeit ohnegleichen schmetterte der lange herumwandernde Böhme das dem Tilly vor die Füße. Draußen wieherten die Pferde der Kaiserlichen. Auf einem Nachtritt waren sie hergekommen. Als Abschluß, nach Verstreichen von fünf lautlosen Minuten, gab der Herzog ohne Vorbereitung mit heiserer, unnatürlicher Stimme von sich, er werde fünfundachtzig Fahnen zu Roß und Fuß zurücklassen, mehr nicht. Mit einem verzehrenden Blick äußerte er das, während er schon die eiserne Türklinke in der Hand hatte. Und Tilly konnte drin überlegen, was dies Ganze sollte: fünfundachtzig Fahnen, mehr, viel mehr, als er gefordert hatte.

Wie von einem Unwetter wurde die friedländische Front abgebaut. Von der ruhmreichen Dessauer Brücke riß sich Oberst Pechmann los, hinüber auf das rechte Elbufer, fünftausend Mann mit ihm, Kürassiere und Arkebusiere des Marradas, Gonzaga, Scharffenberg, Areyzago d'Avandago, Koronini, Dragoner des Hebron. Mit wenig Tagen Abstand Infanterie und Artillerie, dann Wallenstein mit seiner Hauptmacht. Sie hatten ihn von Wien ängstlich gebeten, nicht nach Schlesien einzudringen oder nur wenig, damit dem armen kaiserlichen Lande nicht noch mehr geschehe; schlage er doch den Mansfeld vorher. »Geschieht,« brüllte der Rasende im Abmarsch zurück; »wie die Herren es aufs Papier setzen, wird der Feind auf mich warten und sich schlagen lassen. Und ich bin hin und her spaziert mit der Karosse von Halberstadt nach Breslau, nach Wien, nach Halberstadt. Jetzt gibt's nur ruinierte Länder oder verlorene Länder. Macht kein Unterschied der Krieg zwischen des Kaisers oder eines anderen Land.«

Sehr blaß sagte Trautmannsdorf im Rat: »Ich weiß nicht, ob wir Siege oder Niederlagen von ihm hören werden. Er ist klug, geschickt; vielleicht wird er siegen. Aber es scheint mir, als ob uns noch anderes von ihm zu Ohren kommen wird.« Und später: »Es ist mir nicht klar, gegen wen der Herzog Krieg führt.«

Die heißen Augusttage über dem drängenden Heer. Von den reichen Futterstellen weg in fragwürdige Länder. Hinter Wallenstein die Regimenter Kollalto Tiefenbach Merode, Schlick Sachsen-Lauenburg Wallenstein Nassau, zu Pferd Strozzi Wittenhorst Gürzenich Zriny Neu-Sachsen Orehorzi Isolani Kürassiere Lamottas. Sächsische Ebene, kleine Türmchen, verbrannte Äcker, Kottbus, Forst, Sorau, Sagan. Kontributionen waren nicht zu erheben, Wallenstein war nicht flüssig, rechts und links brachen Rotten und Kompagnien aus, um sich bezahlt zu machen. Die Bäume füllten sich wieder mit Leichen, die Strafen stiegen vom Strengen ins Grausame. Um den General waren der Feldmarschall Marradas und der Feldzeugmeister Graf Schlick; sie bebten vor dem Herzog; mit wüsten Flüchen und auf die Gehängten weisend, frohlockte er: »Wer hat dem Kaiser diesen Krieg eingebrockt? Sie sollen hinsehen, in was für einem Labyrinth wir stecken.« Der Feind hatte immer fünfzig Meilen Vorsprung. Wie Wallenstein Sagan erreichte, erstieg der Feind im Süden schon den Weg zum Jablunkapaß. Sie wateten durch die sandigen Heerstraßen. Der Herzog rief um Geld nach Wien; man schwieg. Ohne den Kaiser und Räte zu fragen, setzte er Proviantrotten fest, sie schwärmten mit festen Plänen von Ort zu Ort; Arkebusiere und Pikeniere waren ihnen beigegeben; wer zu steuern weigerte, verlor seine Habe und oft sein Leben. Hinter Bunzlau drang Pest in das Heer ein; Wallonen des Merode, verlassen, halb sterbend, plünderten die Stadt. Jauer Striegau Schweidnitz Neiße. Man rauschte an Städten und festen Plätzen vorbei, die der weit voran tobende Feind genommen und mit Truppen besetzt hatte; mit Peitschenhieben drang der Anblick der verschlossenen Tore auf sie ein; Gift goß er in ihr schon halb gerinnendes Blut. Drohende Patente warf Wallenstein vor sich durch Schlesien, hieß die Mansfelder meineidig, treulos, und daß ihnen keiner Quartier gebe und jeder ohne Schonung des Lebens niedergemacht werde. Man rauschte durch Schlesien; zur Seite, hinter sich ließ man die genommenen Städte mit den ausfalls- und plünderungssüchtigen Besatzungen; das Land schrie geängstigt, man durfte nichts hören, man hatte keine Zeit. Mußte in die blinde heiße Luft hinein, in das ungarische Elend. Die Pest warf neue Kompagnien hin, die Ernte des Jahres verbrannt; hinter ihnen, wie sie hin schmolzen und verdarben, jubelten die Feinde. In Wien lachte, halb gebannt, alles was mißgünstig war, des Verblendeten, der rannte wie ein tollwütiger Hund. In Prag in der Burg nahm Slawata die Aufforderung des Herzogs Proviant Proviant Proviant zu liefern, langsam vom Tisch, zerknüllte sie, ließ sie zu Boden gleiten.

Der Bastard sah den Friedländer in langen Sprüngen hinter sich; bis an den Jablunkapaß wollte er ihn locken, dann querfeldein, ein Gelächter ausstoßend, mit dem Schwanz des kaiserlichen Heeres durch Mähren, Böhmen fackeln nach Wien oder nach dem Elsaß. Der Friedländer gab kein Wort nach Wien; aber wie jagten die Kuriere herauf zu ihm, bei den unschlüssigen verdächtigen Bewegungen der Mansfelder Bestie. Die Stadtgarde lief mit Wallenstein; und Wien in unmittelbarer Gefahr. Die Boten wagten sich nicht vor den Herzog; der Marradas und Aldringen warnte sie, nahm ihnen ihre Briefe ab; man konnte riskieren, daß der Herzog aus bloßem Groll die Hauptstadt dem Äußersten aussetzte. Er erfuhr nichts von den Briefen; wie ein Magier an seinem Feuer hing er an Mansfeld, dem irrlichterlierenden Springteufel. Eine heiße gefährliche Ruhe hatte sich über den Friedländer gelegt; er schwamm hingenommen, die Erde versunken, im Fahrwasser des Bastards. Schon war der nach Westen umgebogen, hatte vom Jablunka herunter sich auf die Straße nach Leipnik gesetzt, da zuckte der Friedländer in einer gewaltigen Bewegung zur Seite, stellte sich versperrend vor Olmütz. Kavallerie über Kavallerie warf er über die Straßen; der Mansfelder bäumte zurück, schoß nach Süden, um über die Marchbrücke nach Böhmen einzustoßen. Der Herzog legte sich selbst an die Spitze seiner Vortruppen, Eisen und Magnet prallte zusammen. Noch einmal riß sich, Hunderte von Mann verlierend, der Bastard los, heulend, Gott und die Seligkeit verfluchend; ein Donnerwetter von Hufschlägen prasselte über die Straße. Verloren der Weg nach Böhmen. Hinein, hinunter in die heiße Hölle, nach Ungarn. Von den Wagen brachen die Räder, Pferde schlug man nieder, schlang Fleisch.

Breit lagerte der Kaiserliche vor dem Waagstrom, einige Wiener Briefe ließ man zu ihm durch, die vor Bethlen Gabor und den Türken warnten. Stumm blieb der Herzog; abwesend gab er von sich: »Mir graust vor ihnen allen nicht.« Knapp achttausend Mann hatte er nach Ungarn eingeschleppt; ein ganzes Drittel des Heeres war, ohne einen Kampf bestanden zu haben, in die Erde gesunken.

Da standen sie auf den grauen dunstüberlagerten Pußten nach der atemlosen Jagd, regten sich kaum. Fühlten beide eine furchtbare Schwäche in den Gliedern. Der Mansfelder begann zuerst sich davonzuschleppen, nach rückwärts schielend. Der Waagstrom lag braun und tief zwischen ihnen; Wallenstein stumpf, wand sich mit lahmem Kreuz herüber. Die Lagerstätten des andern rauchten vor ihm. Sie schlichen hintereinander; in der Hitze versiegte der Schweiß, wie er nur ausgebrochen war, in der Haut; sie schluckten Wasser und trockneten ein. Einer roch den andern. Sie warfen sich von Ort zu Ort, drückten ihre Leiber fest an den Boden, umklammerten Gehöfte Dörfer Flecken, und wie sie abzogen, ließen sie Schlamm Kot Blut zurück, Schutt, glimmende Asche, gelbe Leichen mit verbogenen Gliedern, offenen Mäulern.

Von Einzelläufern kam die Nachricht -- Mansfeld und den Böhmen erreichte sie zu gleicher Zeit -- daß über die Heide her der Siebenbürger Fürst mit zwölftausend frischen Reitern von Dabreczin schwebe; in Ofen klingle die Janitscharenmusik des Türken, die Türken rennen zu Hauf, die Widersacher, sie kommen, sie kommen bald. Stumpf wiesen die Mansfelder das ab; sie hörten kaum hin, ließen sich nicht stören, sie waren im Geschäft des Sterbens, der Boden war schön. Bis über die stille stille Steppe mitten am hellen Tage kleine zweirädrige Wägelchen auftauchten, unter die Mansfelder rollend Wasser Wein. Man fragte nicht, wer sie seien, zerbrach die Tonnen, verschüttete das Wasser, sank hin. Neue Wagen, Brot Vieh Wasser Wein frische Pferde Heu am hellen Tage über die platte mörderische Steppe. Die Söldner wußten nichts von Krieg, umfingen zärtlich das Wasserchen, weißes Wasserchen, süßes Wasserchen, streckten sich hin, aßen, lachten. Liebes Brot, liebes Wasser, lieber Wein. Richteten sich auf und fingen zu heulen an, küßten sich, die Eisenhauben abgeworfen, umarmten sich, blökten wie Vieh mit verzerrten, kläglichen Mienen, schlugen den Sand mit den Fäusten, pochten mit Riemen an ihre Brüste. Das Heulen verbreitete sich unter allen Soldaten, es artete in fiebriges Wüten aus; monoton schwoll und hallte das Jammern. Wie die Führer unter sie stiegen, weigerten sie sich zu marschieren. Sie hielten sich jauchzend und einander ermunternd an den Wein, das Fleisch, das Wasser. Auf alles Bitten und Befehlen schüttelten sie den Kopf, schlürften, duselten, schliefen, weinten, kannten sich nicht. Braune Sumpfrasen, in die sie singend, lethargisch, triebartig liefen; versanken. Blaugeschecktes mannshohes Goldbartgras; die Ährchen glänzten metallisch, Federgräser, Schmetterlingsblume. Der schwarze Ibis lief vorüber.

Als der Flugsand sein Lager fast verschüttete, nahm Wallenstein mit seinem Obersten eine Zählung vor; dann hieß er die Menge der Profosse und Henker verzehnfachen und sie vier Tage lang unter den Erschöpften Widerspenstigen Aufsässigen Kranken aufräumen. Bei der Musterung, die er selbst abnahm, in einer Kutsche wegen seiner Leberschwellung fahrend, erklärte er zum Fenster heraus den Offizieren, sie seien nicht zum Spaß von ihm und dem Kaiser angenommen worden, keineswegs, es könne um das Leben gehen. Er würde Vertrauensoffiziere ernennen, denen er das Recht gebe, in den jetzt beginnenden Schlachten jeden, Offizier und Mann, niederzumachen ohne Gericht, der nicht mit voll erlaubter Grausamkeit sich gütlich tue an den Meineidigen. Dies möge von Profossen und Henkern bekanntgegeben werden. Einen Tag vor der Begegnung mit dem Feinde strömte das Blut im Heere der Kaiserlichen, dem Blutbad fielen vierhundertfünfzig Mann zum Opfer; sie wurden fast ohne Grund von Beauftragten in ihren Zelten oder auf Lagerstraßen zur Abschreckung niedergemacht. Gepeitscht, gänzlich besinnungslos, raste von Neuhäusel das kaiserliche Heer los. Sie lagerten nicht zur Mittagsrast, setzten sich nur vier Stunden über Nacht, rannten -- Wallenstein unter ihnen -- daß Troß und Bagage zurückblieben und ihnen nur Rettung in der Besiegung des Feindes gegeben war. Die Türken streckten die Hälse über die Mauern von Neograd; in starren, unbezwinglichen, grausigen Wellen kamen unten Massen her, ohne Artillerie, ohne Gefährt. Die Türken wichen ab von der Stadt. Die Menschenwellen schlugen über der Stadt zusammen. Sechs Tage setzte sich Wallenstein.

Wieder begann das Suchen nach dem Feind, man irrte tiefer in die Torfsümpfe, kaute rohe Rüben und Blätter, scharfe Pflanzenhalme. Die ungarische Ruhr brach unter den Reitern aus, das Heer erduldete ohne Laut alles. Fast vernichtet, des Äußersten gewärtig, schleppten sich da Bethlen und Mansfeldsche Heere an sie heran. Sie waren aneinander, hatten sich gefunden, gingen nicht auseinander. Lagen sich Wochen auf Sandhügeln gegenüber; Regengüsse, Sturm, Hagel; Fieber schüttelten die Söldner. Meilenweit Öde. Aufglitzernde Teiche, Weidenbüsche, Röhricht, weiße Dünen. Da lagen sie, die sich lange gesucht hatten. Knirschend und schreiend in riesigen Wasserstiefeln, mit Sturmhaube in Eiltrupps tasteten die Wallensteiner herüber, wo sich die Leiber der Mansfelder wanden, fanden nicht hin. Der Himmel schlug mit Keulen auf sie ein, achtete nicht auf erstarrende Herzen. Faulten in ihren Panzern, wußten auf dem Felde nicht, was sie sollten. Auf Wagen hausten sie Tag und Nacht; Wasserratten schwammen durch die lehmigen Tümpel Lachen, zogen sich an Zeltplanen hoch, fraßen Holz Leder Leichen an, stürzten wimmelnd in die Lagerstätten.

Wie der Regen nachließ, gab die Steppe die letzten Menschen von Mansfelds Heer frei; weg liefen sie, verschüchtert vergraust, zu Menschen, in die Städte nach Norden, nach Westen, in die Dörfer Gehöfte, verkrochen sich in Häuser, hingen sich an Kinder, an Tiere, versuchten zu denken mit gerunzelten Stirnen.

Den Bastard fand man eines Morgens brüllend und schäumend am Boden seines Wagens liegen; keiner ging zu ihm herein, man wußte, was das war. Zwölf Mann seiner Leibgarde waren bei ihm; die letzten zwei Kompagnien hatte er für tausend Dukaten an Bethlen verkauft. Sie glaubten, er würde im Anfall verrecken.

Mittags stiegen zwei zu ihm auf den überdachten Troßwagen; er saß im Panzer auf den Decken, der kleine geschwollene glotzäugige Mann, wog Geld in der Rechten und Linken, schrie mit versagender Stimme: »Weiter! Weiter!« Warf ihnen eine Hand voll Dukaten zu; die letzten Pferde wurden vorgespannt, man machte sich auf die Flucht. »Ich muß nach Venedig, ich muß nach England. Vorwärts. Wir sollen den Betrüger schlagen, den gelben Böhmen. Der falsche Soldat, Kipper und Wipper.« »Weiber! Weiber!« Man brachte ihm aus Dörfern, aus den Wäldern, vom Ziehbrunnen Frauen, denen man auflauerte, Mädchen. Ärmelhemden aus feiner weißer Leinewand, zartblau, karmoisinrot, am Hals gefältelt, manche mit Korallenkettchen, tiefgeschnittene Leibchen; sie liefen mit nackten Füßen, schaukelten kirschrote kurze Röcke; wie Kälber vor dem Abstechen schrien sie, als man sie auf die Pferde hob. Mansfeld schlug eine Lache an, als man sie ihm in den Wagen setzte und sie weinten, bettelten: »Weg mit den geputzten Affen! Die blödsinnigen Gesichter. Sucht Euch Kornetts, junge Hündinnen.« Überhäufte sie mit Schmähungen; nicht einmal Spaß machte es ihm, als seine Begleiter den Mädchen die Gewänder auszogen auf offenem Feld und hinter die Nackten Piken schleuderten. Sie schleppten ihm ganze Karren voller Weiber an, schwarzhaarige grausträhnige, mit Läusen bedeckt, in morastigen übelduftenden Lumpen. Er befiel mit Inbrunst das welke schmierige Gesindel, die tollen Vetteln vergewaltigte er, das Krähenvolk raschelte verzückt mit den Flügeln und struppigem Gefieder. Vom Küssen und Saugen an ihnen wurde seine Hasenscharte entzündet, schwoll unter der kleinen Stülpnase wulstig an; die Narben, die sein auseinandergezogenes Gesicht kreuz und quer durchzogen, lagen reihenweise in Tälern, über die die blaugedunsene Haut hochquoll. Das gräuliche Gelichter hätschelte er, nannte sie Mütterchen, sich den Säugling; Hellebarden und Dolche lagen neben ihm.

Durch Ungarn nach Süden vorrückend, Bosnien genähert, pries er, täglich stärker von Luftknappheit gequält, den König von England, den reichsten edelsten Mann, den einzigen wahrhaften König, dazu den verlassenen betrogenen Pfalzgrafen Friedrich. In den wilden bosnischen Bergen mußten seine Leute einen katholischen Priester auftreiben; er erklärte ihm, daß er noch zuletzt zu seinem alten Glauben wiederkehren wolle, beichtete und empfing in feierlicher Handlung die Absolution; schlug den Priester dann mit einem Stuhl nieder, seine Leute, die im Versteck zugehört hatten, herbeirufend: »Er hat sie mir gegeben, die Absolution, ich hab' sie, er kriegt sie nicht wieder. Hähä, ich hab' sie mir rechtlich erworben.« Des Nachts zwischen Saratro und Spalatro in einem Dörfchen Utrakowitz in ein Haus verbracht, verjagte er alles um sich, was nicht zu seinem Zug gehörte, ließ sich sterbend den schweren Kürassierpanzer anlegen. In höchster Atemnot stand er die ganze Nacht, wie einmal in der Mark, von abwechselnd drei Mann gestützt mitten in der Stube, ließ sich die Knie halten, den Rumpf. Er rasselte röchelte in den grauen Morgen hinein; bei jedem Versuch, ihn hinzusetzen, schnappte er, schlug rückwärts mit einer Panzerschiene. Mit beiden Fäusten klammerte er sich an sein langes Schwert, das er zwischen den Füßen vor sich in einen Spalt des Holzbodens gestoßen hatte. Als es ihm morgens aus den Händen polterte, packten sie ihn, legten den Zuckenden auf das Bett. Zwischen dem letzten Keuchen nahmen sie ihm die Panzerhaube ab, er umklammerte sie fest, quetschte noch aus der Kehle: »Venedig, nach Venedig«, ehe die Augen glasig wurden.

* * * * *

An der Spitze seiner Musketierregimenter rückte der Herzog von Friedland sehr langsam aus seinem Lager von Modern gegen die mährische Grenze. Die Proviantkommandos jagten ihm voraus. Er setzte sich in Preßburg; zum erstenmal von da schrieb er an den Wiener Hof einen Brief, daß Bethlen Gabor einen Waffenstillstand geschlossen hätte, die Türken geflohen seien, der Bastard Mansfeld seines Heeres verlustig gegangen, in Rakovitza seinen unseligen Geist ausgehaucht habe; er selbst gehe über Kremsier auf Skalitz, um vor Ende des Jahres in seiner Stadt Gitschin zu sein. Kein Wort darin, was er vorhabe. Ungarn verlassend, fluchte er auf das Schelmenland, das nicht wert sei, daß so viele ehrliche Leute aus Not und Krankheit hier hatten sterben müssen. Wie er in größter Stille in Preßburg saß, arbeiteten mit eiserner Strenge die Requisitions- und Kontributionstruppen; keinem von denen, die so lange gehungert hatten und unbesoldet gewesen waren, ging ein Heller verloren; Geldbelohnungen, Ehrenringe, goldene Ketten verlieh er in großer Zahl, die das Land bezahlen mußte.

In Preßburg erschienen vor ihm zwei Obersten der Tillyschen Armee; sie hatten schon seit Wochen Zugang zu ihm gesucht. Der eine war sein Oberst Nikla Desfours. Sie berichteten: es hätte eine Schlacht zwischen der ligistischen Armada und den Dänen stattgefunden, im Norden, am Barenberge bei Hahausen. Der Wallensteinsche Sukkurs hätte daran teilgenommen, sechs Regimenter, außer den Kroaten Peter Galls die Kürassiere Desfours, Sachsen-Lauenburgs und Hußmanns, die Musketiere Kolloredos und Karbonis. Ein Morast hätte beide Heere von einander getrennt. Die ligistischen Regimenter Reinach und Schönberg wurden von den Dänen im Beginn der Schlacht zersprengt, darauf folgte ein Angriff des gesamten feindlichen Heeres, das über den Morast ging; währenddessen sei er, Desfours, mit seiner Kavallerie von Hahausen aufgebrochen, habe sich an Nauen vorbei in den Rücken der Dänen gemacht und es sei zu einer völligen Niederlage des Dänenkönigs gekommen. Der feindliche General Fuchs sei gefallen, Hofmarschall von Rantzau, der Generalkriegskommissar Lohausen, viele Obersten, darunter Frank und Kourvilla, gefangen genommen; die Reiterregimenter Hessen und Solms in den Sumpf gejagt. Schließlich seien von den Dänen an achttausend auf dem Felde liegengeblieben. Das hörte der aufrechtstehende Herzog mit völliger Ruhe an, um dann, nachdem er den zweiten Oberst hinausgeschickt hatte, den Desfour zu fragen, wieviel Tote er selbst gehabt habe. Der nannte eine hohe Zahl. Verächtlich zuckte der Herzog mit dem Kopf; nachdem er ein paarmal im Saal hin und her gewandert war, nahm er ein Kelchglas von der Kredenz, schmetterte es mit einer grimmigen Verzerrung des Gesichts sich selbst vor die Füße. Den Desfour schickte er weg, ohne ein Wort der Anerkennung.