Part 24
Einen Brief hatte Wallenstein erhalten vom Bundesobersten der Liga, Maximilian aus Bayern, worin der ihn bat um Abordnung des Marradasschen und halben Lauenburgschen Regiments an Tilly, seinen Generalleutnant. Als der Herzog zugesagt hatte, stellte der Bayer dem niedersächsischen Kreis ein Ultimatum, die Rüstungen einzustellen und sich vom Dänenkönig loszusagen. Den Kaiser und seinen Hofkriegsrat fragte Maximilian nicht; nach einer knappen Woche, Wallenstein überschritt eben die böhmische Grenze, erteilte die Durchlaucht in München ihren Feldkommandierenden den Befehl, im Namen Gottes und seiner heiligen Mutter in Niedersachsen einzumarschieren. Worauf der Tilly über die Weser setzte bei Höxter, wie ein Wetter das Braunschweiger Land überraschend, über zwölf Meilen Wegs alles verwüstend. Von Ferdinand war eben ein Handbrieflein an die stolze Münchener Durchlaucht gekommen, er hielte mit seinen Beratern einen Beschluß über Niedersachsen zur Zeit nicht für ratsam, ja gefährlich. Das Präveniere war gespielt, der Wiener Hof erklärte mit verhaltenem Atem, es bei dem Geschehenen bewenden zu lassen. In Maximilian brach aber einen Augenblick die Spannung aus, als die Wallensteinschen Scharen in ungeheuren regellosen Zügen nach Überschreiten der Reichsgrenze an der Oberpfalz vorüberstreiften, massenhaft Leichen von räubernden Söldnern an den Bäumen zurücklassend. In heftigen, kaum mehr diplomatischen Wendungen verwahrte er sich gegen das Treiben dieser Horden, die man besser gegen Ungarn auf Bethlen Gabor gewandt hätte; er werde Truppen bei Weiden aufstellen, die Polizei spielen sollten. Unverhüllt darauf Habsburg, er solle nicht schelten; er solle sich seiner sonderbaren Unterhandlungen mit Frankreich erinnern. Das täte er, knirschte Wittelsbach; der Kaiser möge es nicht dahin kommen lassen, daß er die französischen Anerbietungen annähme.
Auf dem Marsche nach der Weser verstärkte sich Wallenstein weiter; die niederländischen Regimenter stießen zu ihm. Er setzte sich in Schweinfurt, in Wacha an der Werra. Ihn erwartete, mit lauten Rufen begehrte nach ihm der flinke alte Brabanter, der Freiherr von Marbiß und Tilly, Johann Tserklas. Der, Schüler des Alexander Farnese, Belagerer von Antwerpen, bei der spanischen Hilfe gegen die aufsässischen Guisen gestanden, mußte mit Jubel, zum Grimm seines bayrischen Herrn, aus schwerer Bedrängnis auf die toll anrasselnde böhmisch kaiserliche Kavalkade fliegen. Im deckensenkenden Quartier des Bürgermeisters von Hennendorf, bei Lauenstein gelegen, stiefelte Tilly, gebrechlich, in spanischer Kapitänstracht, am kleinen Hütlein hohe schwankende rote Straußenfedern, an den langen hageren Böhmen heran, der heftig lachte und sich mit ihm freute, daß es noch nicht zu spät sei, dem Feinde die Zähne zu zeigen.
Der Brabanter, steif, gespenstig, mit einer weißen Schärpe, zwei Pistolen und einen Dolch im Gurt, kurze weiße Haare; an den Haarspitzen schwankten ihm wie Ähren die tausende erschlagenen Menschen. Sein bleiches spitzes Gesicht, buschige Brauen, starrer borstiger Schnurrbart, überrieselt von den verstümmelten Regimentern eines Menschenalters; sie hielten sich rutschend an den Knöpfen seines grünen Wamses, an seinem Gurt. Seine knotigen Finger bezeichneten ein jeder die Vernichtung von Städten; mit jedem Gelenk war ein Dutzend ausgerotteter Dörfer bezeichnet. Über seine Schultern schoben sich her, zappelten die Körper der gemetzelten Türken, der Franzosen, der Pfälzer, und doch sollte er damit erscheinen vor Gericht einmal, samt ihren Pferden und Hunden, die über ihm hingen kreuz und quer, einer vor dem andern, über dem andern, eine ungeheure Last, so daß sein Kopf samt dem Hütlein darunter verschwand. Die aufgerissenen roten und borkigen Hälse, Bäuche mit weißen regsamen Farben, geädert, triefend über die geschlitzten zurückdrängenden Arme und die einknickenden Beine. Darmschlingen am langen Gekröse, in die er sich verwickelte, wampend und schwabbelnd über die sich stemmenden lederverwahrten Knie, eine riesenlange, weiche, wurmartig rieselnde Schleppe, an der er ruckte, riß, keuchte, wenn er ging. Ein Mammut belastete er den Boden; aber eisig hielt er sich, hörte nicht das Gebrüll der Menschen, das markerschütternde der Schweine, Schrillen Pfeifen der Pferde, die sich alle an ihn hielten, ihr Leben aus ihm saugen wollten, aus den feinsten Röhrchen seiner Haare; herumlangende Pferdehälse, nüsternzitternd, scheckig, schwarz; zerknallte Hunde, die nach seinem Mund, seiner Nase schnupperten, gierig seinen Atem schlürften. Er mußte längst ausgeleert sein, sie sogen an einem dürren Holz, er klapperte drin und sie brachten ihn nicht zum Sinken.
Hinter ihm vierzehn Regimenter zu Fuß und sechs zu Pferd.
Der Friedländer ihm gegenüber, ein gelber Drache aus dem böhmischen blasenwerfenden Morast aufgestiegen, bis an die Hüften mit schwarzem Schlamm bedeckt, sich zurückbiegend auf den kleinen knolligen Hinterpfoten, den Schweif geringelt auf den Boden gepreßt, mit dem prallen breiten Rumpf in der Luft sich wiegend, die langen Kinnladen aufgesperrt und wonnig schlangenwütig den heißen Atem stoßweise entlassend, mit Schnauben und Grunzen, das zum Erzittern brachte.
Hinter ihm vierundzwanzigtausend Männer.
Der Tilly sollte unter dem Schein, den Mansfelder zu stellen, ins Herz des Reichs vorstoßen, sich der beiden sächsischen Kreise bemächtigen, zwei Erzstifte, dreizehn Bistümer und Abteien. Des Böhmen Befehl lautete, durch sanfte Mittel und Traktationen die Gemüter gewinnen, den protestantischen Fürsten den Vorwand der Religion benehmen, welchen die Feinde des Kaisers zur Bedeckung ihrer rebellischen Anschläge meisterlich gebrauchen.
Als sie zusammenstanden bei Hennendorf, wich der Däne von ihnen ab. Das Jahr war vorgerückt. Links dehnte sich das Ligaheer in die Quartiere von der Weser bis nach Goslar in die Berge; Wallenstein wollte sie ihnen nicht strittig machen, hatte Platz in das flache Land hinein nach rechts, zwei Erzstifter, dreizehn Bistümer und Abteien.
Ehe der Brabanter Kriegsmann Zeit hatte zum Disput und die Stifter zum Protest, zog der Böhme vorn den Riegel weg von seiner Avantgarde, das Volk schwemmte schwabbte nach rechts, nach Norden, in das flache Land. In Halberstadt wühlte sich der Friedländer ein; dort schlug er sein Quartier auf; alle Städte und Dörfer besetzte er weit herum; an die Saale herüber langte er nach Halle. Tilly, die kleine Dogge, grollte, aber der andere wies, daß er ihm im Herbst geholfen habe, versprach noch mehr. Nach Wien trompetete der Böhme, er säße mit allem Volk in warmen Quartieren, man staffiere sich weidlich aus; der Kaiser möge wissen, wie schön dies Land sei, wie wohl diese Stifter dem zweiten Sohn des Herrn anstehen würden. Zurück hallte Graf Strahlendorff: Magdeburg sei nicht weit von Halberstadt; möge der General hören, wie schwer die Römische Majestät daran trage, dort die Gebeine des Heiligen Norbert in schlechter Verwahrung zu wissen.
Die kaiserlichen Räte schoben den Grafen Kollalto, der mit ihm in Prag verhandelt hatte, zu ihm ins Lager, den ehemaligen Hofkriegsratspräsidenten. Kollalto war ein untersetzter gewalttätiger starrer Mann, nicht jünger als der Böhme, dem Kaiser von Gradiska her befreundet, ein starker Trinker. Er sollte Polizei und Disziplin unter den kaiserlichen Truppen aufrecht erhalten; man hatte neben den Böhmen mit Plan den schwer zu behandelnden Friauler gesetzt, mit unscharf begrenzten Funktionen, einen ehrgeizigen eifersüchtigen unbefriedigten Mann. Die Wiener verkannten den Böhmen; dieser blickte mit blinkernden Augen rechts und links, ihm kam es auf einen Gegner mehr nicht an. Er nahm die Entlastung an, der Friauler hielt das Spiel für gewonnen als Nebenregent.
Da wandte sich eine Herzogin von Braunschweig, eine verschüchterte freundliche Person, an den Herzog nach Halberstadt mit der Bitte, ihr durch das besetzte Gebiet die Durchfuhr einiger Wagen mit Kleidungsstücken zu gestatten. Der Herzog gab galant die Salvaguarda, bedauernd, durch die Kriegsgeschäfte ihr Schwierigkeiten zu schaffen. Die Dame mißbrauchte ihren Geleitschein, belud einige Wagen für ihren Keller mit Tonnen Wein. Ein Oberstleutnant mit Patrouille des Zuges ansichtig hielt den Passierschein für gefälscht, ließ die Dame in strömendem Regen aus ihrer Karosse auf ein Pferd setzen, sie ritten in sein Standquartier; fünf Stück Wein wurden von den Wagen gerollt, mitgeschleppt; die Wagen blieben unter Bedeckung liegen, die Fuhrleute davongejagt. Bevor die Herzogin nach zwei Tagen sich an den General wandte, wußte er schon davon, erklärte ihr seinen Unwillen, ließ den Vorfall untersuchen. Der Oberstleutnant, verhaftet, erhielt Befehl, die geraubten Stücke herauszugeben; es war ein Oberstleutnant vom Regiment Kollaltos, des jetzigen Feldmarschalls. Kollalto, sonderbar verbissen und erglühend, verlangte Auslieferung des Oberstleutnants an ihn, den Regimentsinhaber. Der General lehnte den Einspruch ab. In Wien freute man sich schon lebhaft über den Vorfall. Da gab Kollalto nach, bevor eine kaiserliche Instanz mit der Sache befaßt wurde. Auffallend rasch nach anfänglichem Grimm gab er nach; im Hauptquartier erzählte man sich ein Wort des Generals, der Graf Kollalto solle nicht so um die paar Faß Wein jammern; deutlicher wisperten andere, der Oberstleutnant habe für seinen Oberst das Stück unternommen. Und ohne daß sich äußerlich das Verhältnis der beiden obersten Personen des Heeres änderte, verschwand noch während der Winterquartiere der strenge rotwangige Kollalto aus Halberstadt; unvermutet gelangte an den Herzog die Nachricht, der Feldmarschall, sein Herr Bruder, sei aus seiner Stellung ausgeschieden, man habe ihn wieder als Präsidenten des Kriegsrats angenommen. Man hatte sich in Wien durch Kollalto verstärkt.
Die Losung in der Burg: ihn niederhalten. Die Unterhaltungen Eggenbergs Questenbergs und sogar des verwachsenen feinen Trautmannsdorf waren auf diesen Ton gestimmt: niederhalten. Plötzlich erschien im unschlüssigen Wien, mitten im strengsten Winter, eine ungewohnte Person, der Graf Wilhelm Slawata, der böhmische Oberstlandkämmerer, nahm an einigen höfischen Unterhaltungen Treibjagden Konzerten teil. Er, Vetter des Friedländers, von erwiesener Kaisertreue, streute Gift um sich, daß selbst die Räte erschraken. Er zog die Affäre ihres gemeinsamen Verwandten Smirsitzky hervor, dessen Vormund der jetzige Herzog gewesen sei, und dessen Habe er sich nach dem Verrat und dem Ausschluß aus der alten böhmischen Adelsgesellschaft angeeignet habe; der Kaiser sei über den Vorgang falsch informiert worden. Er rührte an den Vorfällen, die mit der Existenz eines geheimen Münzkonsortiums zusammenhingen, brachte Tatsachen von so haarsträubender Korruption vor, daß er sich fast der Lächerlichkeit aussetzte; man konnte nach seiner Darstellung schließlich den Kaiser selbst der Teilnahme an jenem peinlichen Verbrechen zeihen. Man mußte über den erstaunlich veränderten, plötzlich so sensationslüsternen stillen Grafen zur Tagesordnung übergehen. Er sah sich am Hof freudig aufgenommen, interessiert festgehalten, dann isoliert; seine Worte blieben liegen. Lautlos zog er sich plötzlich, wie er erschienen war, in seinen Prager Dienst zurück. In Wien summte man hinter ihm; man rechnete auf ihn; hastig übergab man ihm ein Geheimreferat über böhmische Angelegenheiten.
Und man konnte hoffen, baldig dieses neuen Herzogs und Generals über eine unkaiserliche Armada entledigt zu werden. Denn sein Erscheinen auf dem Kriegsschauplatz, die Drohung mit der kaiserlichen Gewalt, hatte die Niedersachsen bewogen, sich zu Verhandlungen zu bequemen, die in Braunschweig stattfanden. Man schickte die verlässigsten Unterhändler hin, gab die schärfsten Instruktionen, nachzugeben bis an die Grenze des Möglichen. Aber während der langen Debatten ergab sich zur Greifbarkeit, daß die Kreisdeputierten nichts als Verschleppung vorhatten, um ihren Bundesgenossen Zeit zur Verstärkung zu geben. Und zu ihrem Groll erkannten auch die Unterhändler, daß Wallenstein die Atmosphäre gründlich verdorben hatte mit drohendem Auftreten, skeptischer Ablehnung selbst an den Gesprächen teilzunehmen. Er warb rastlos weiter. Spione über Spione warf Wien über ihn, suchten sich an ihn zu hängen. Der Kaiser hatte dem Heer die Sanktion gegeben; jetzt schwamm es draußen in der Welt, im Reich herum, von Woche zu Woche unfaßbarer. Sie hatten dies Roß gezäumt, den Reiter in den Sattel gesetzt; Roß und Reiter jagten; wer wollte sie wieder in den Stall bringen. Sie mußten hören, was man ihnen auf Hintertreppen zutrug. Von dem Herrn kamen manchmal Meldungen, und wenn sie nicht kamen, so kamen sie nicht.
Da schien es ihnen besser von Zeit zu Zeit zu tasten, daß er sie nicht vergäße. Denn unzweifelhaft bewies er sich ergeben der Römischen Majestät; er hatte die strengsten Beweise dafür geliefert, sich der Schmach, der Volksverachtung ausgesetzt. Und langsam kam in den schwerfälligen Körper des Geheimen Rats und der Kammer ein Vibrieren, ein Mitschwingen, ein Mitklingen. Wie wenn einer an der Wand lauscht und unwillkürlich aus seinem Mund die Töne kommen, die auch drüben gesungen werden.
Der matte Winterkönig, Friedrich der Wittelsbacher, lungerte in Sedan bei seinem Oheim, dann raffte er sich auf nach dem Haag. Er ging nicht gern; den Schlag des vergangenen Jahres, verlorene Schlachten, gnadenlose Überwältigung durch den Kaiser, hatte er nicht verwunden; bis ins Mark fühlte er sich geschwächt; leise Bitterkeit und Widerwillen war in den fröhlichen Mann eingezogen. Vom Haag her rief man ihn; seine üppige leichtsinnige Elisabeth lachte ihn aus, als er zögernd nachsann. Die Fremden, Mansfeld, der Halberstädter Analphabet hatten für ihn gerüstet, der starke Dänenkönig schrieb ihm huldigende trostreiche Briefe. Auf, auf!
Im Haag, im Asyl der Generalstaaten, winterliches Leben. Hin und her zwischen Vlissingen und Southhampton und London schossen die Eilboote. Das Jahr war schlimm für England gewesen, man war nicht aufgekommen gegen die spanische Seemacht, zerbrochen waren die Schiffe mit schweren Verlusten in ihre Heimathäfen eingelaufen. Des selbstherrlichen Königs Karl hatte sich die Sorge bemächtigt; er mußte siegreich sein, die aufrührerische Gesinnung des Parlaments kannte er. Sein Kanzler, der geleckte Wüstling Buckingham, schwärmte um die feinen brünstigen Damen des französischen Hofes seiner Königin. Von hier kam dem König die Einflüsterung, sich Richelieu anzuschließen in der Bewältigung der Hugenotten, um Frankreich stark zu machen gegen das verhaßte nebenbuhlerische Spanien. Und das Abenteuerliche geschah, zur zitternden Freude Buckinghams, dem seine Hündinnen Glück wünschten, daß das strenge papsthassende Britenland Gelder und Schiffe herübersandte nach der Bretagne zur Ausrottung des freien Bekenntnisses. Und der König Karl bog die Knie vor dem kichernden vollbusigen Weibchen, der Henriette, die an ihren braunen Stirnlöckchen schnappte und bekümmert ihr rosarotes Seidenkleid vor dem Mann zurückhielt, und lachte schallend, während sie einknickte und sich an seiner Halskrause hielt, wie das Parlament schäumen würde, welche schlauen untastbaren Wege er ginge dank dieses Meisters der Teufel Buckingham, und wie es dennoch geschehen würde, dennoch. Und zugleich zur Ehre Frankreichs! Sie kicherte und fühlte ihr Strumpfband platzen.
Die Pfälzer Räte schickten nach London: Geld, Geld. Sie fragten ihren Kurfürsten nicht, schrieben aus eigner Machtvollkommenheit in Gram um ihre Heimat, der Schwager des Königs von England sei in Not, seine Schwester ruiniert, sein Neffe zum Gespött; das alte, bald fünf Jahre alte Lied. Widerwilliger von Monat zu Monat flossen die Gelder nach dem Haag, davon der Bastard Mansfeld und der tolle Halberstädter rüsteten. Die beiden, von den Summen erquickt wie Blumen vom Tau, ritten ihrem Kurfürsten auf der Landstraße zum Haag entgegen; sein Herz schlug kräftiger, als er die starken Pferde und die gepanzerten unbändigen Männer antraben sah. Erzählten ihm vom König Christian und den prächtigen Niedersachsen, wie gern der Kaiser auch Magdeburg schlucken wolle und von dem neuesten Ankerseil des löblichen Hauses Habsburg, dem gewissen Wallenstein. Und sie freuten sich zu dritt über den gewissen. Der schlaffe Friedrich fühlte sich wieder erwachen, hineingerissen in das alte Leben zwischen den davontosenden schweren Kürissern.
Es gab für die zweitausend Reiter des Grafen Mansfeld keine Entfernung. Dem kleinen kraftüberladenen Gesellen behagte nicht eine herkömmliche Schlacht, bei der er mit seiner Bande eine Zahl stellte; ihn gelüstete von Jahr zu Jahr stärker nach Wien. Nach Wien! Mit dem eisernen Halberstädter machte er sich auf Hamburg, als das Frühjahr kam; es sollte die Elbe entlang auf Böhmen gehen, während der Fuchs aus dem Bau war und sich die Pfoten in Halberstadt wärmte.
Das Frühjahr war noch nicht zu den Kirschbäumen gekommen, da schlichen die Mansfelder durch das Tal der Elbe. Die Hufe ihrer Pferde hatten sie mit Stroh umwickelt, in kleinen Trupps jagten sie, viele mit kaiserlichen roten Feldbinden; bei Tag schliefen sie meist, bei Mondaufgang wirbelte ihre gedämpfte Trommel. So zahm wie jetzt waren Mansfelder Reiter noch nie zu Landbewohnern; einige Kompagnien kamen als verkappte Mönche und hatten ihre Pferde in Wäldern abseits stehen, schrien von Übeltaten, die ihnen geschehen seien und erhielten Quartiere; andere ahmten riesige Warenzüge und Pferdetransporte nach. Sie gaben sich als Dänen, Märker aus. Haufen wanderten als beklagenswerte Flüchtlinge aus dem Holsteinischen, wußten Schmachtaten der Dänen und des Bastard Mansfeld zu erzählen. Das ungeheure sonderbare Treiben zog sich in das Magdeburgische hin; bei Dessau hatten die Wallensteiner die Elbbrücke verwehrt, mit großer Macht lagen sie hinter Schanzen da, warteten auf den Dänenkönig.
Urplötzlich eines sonnigen Apriltages warfen sich unkenntliche Streifkorps gegen den Brückenkopf, schwammen auf Kähnen elbaufwärts. Als wäre es ein Spuk, tauchten aus den Wäldern und Dickichten berittene Mönche und Bauern auf; man wußte nicht, wer es war, aber sie griffen an. Griffen an, daß die Wallensteiner zusammenschmolzen, Schrecken über sie fiel. Die Nacht kam; in der Flanke erschienen die abenteuerlichen Feinde rechts, links, die Front der Schanzen hatten sie eingedrückt. Der Friedländer, im Augenblick bewußt einem Mansfeldschen Durchbruch gegenüberzustehen, rasselte ritt flog die Nacht, den Morgen durch. Er gab stückweise Kraft von sich; die erste stärkte den Widerstand und war blitzschnell da; die zweite wühlte sich Laufgräben bei den Schanzen, lief gedeckt vor; die dritte faßte die siegesheiß vordringenden Reiter in der ungeschützten Flanke, jagte sie zur Seite, ließ sie in die Laufgräben vorrennen. Die Hauptkraft des Böhmen wallte über die Umzingelten Verjagten her, schmetterte sie mit einem langhintreffenden Schlage zu Boden. Die letzten waren die schlachtenden Arkebusiere Gonzagas und Koronius, Lauenburgs beilwerfende Kürisser, Kroaten Isolanis mit der Spitzhacke, dem Schlaghammer und türkischen Jagetan. Mittags wußte Wallensteins ganzes Heer, daß diese einmal säbelschwingenden Mönche, diese einmal schießenden Kaufleute, einmal schwimmenden Fuhrmänner Flüchtlinge Bauern die Mansfelder waren, die in Rauch aufgegangen waren.
Der Mansfelder entwich in die Mark. Es fiel noch einmal Schnee. In einer Nacht trug man den kurzen asthmatischen Mann von einem zweirädrigen Bauernkarren herunter in ein mondbeschienenes Gehöft, dessen Bewohner ihm und den zehn Begleitern ihre Stuben einräumten, vor dem Hause sich ansammelten, wo der herzkranke Graf mit dem Tode rang. Man wollte ihm zum Aderschlagen einen Barbier holen oder einen Arzt aus Tangermünde. Er, in Stahlkappe und Brustharnisch, mit vorquellenden blauen Augen, keuchendem Atem winkte ab, am Tisch hinter einer Kerze stehend, sich festhaltend. Die ganze Nacht setzte er sich nicht. Wenn man ihm einen Sessel zuschob, stieß er ihn rückwärts mit dem Fuß zurück. Kleine Schlucke Weißweins ließ er sich in den Mund eingießen. Blickte immer steif auf das kleine viereckige Fenster, wo das Mondlicht weiß hereinquoll. Als draußen die Hähne krähten, sank sein Rücken zusammen, er seufzte zum erstenmal, legte sich quer auf das Bett des Bauern. Nach einem gekeuchten Fluch trank er, die Arme zitternd, einen halben Krug Wein aus, blickte in seinem Stahlpanzer schauernd den herumstehenden Offizieren unter die Augen: was sie nun dächten. Er röchelte, ohne ihre Antwort abzuwarten: »Einmal ist keinmal. Wir fangen dasselbe Ding, dasselbige Ding noch einmal an.« Sie hoben ihn nach einer Stunde wieder auf den Karren; der Pfaffenkaiser solle nicht glauben, er sei zahm und lieb wie der Pfälzer Herr; er werde dem Friedländer bald am Kragen sitzen, dem Pfuscher, der sich die halbe Welt kaufe und vermeine, damit sei es geschehen. Lauschende Reiter voran, Laternen ausgelöscht.
Zu ihm stießen die Reste des geschlagenen Heeres; von den Dänen kamen viele herüber, schottische Fähnlein, die seit Hamburg auf seinen Spuren zu spät die Dessauer Brücke erreichten. Ohne Lärm schlossen sie sich in der Mark zusammen; Bauern und Adlige gaben ihnen Geld und Proviant, Pferde Zaumzeug und Wagen, als sie hörten, die Katholischen hätten gesiegt. Bitter lärmte das Volk, daß der Markgraf von Brandenburg sich nicht kümmere um die Dinge, den Mansfelder, der das Land verteidige, verkommen lasse. Aus Städten und Dörfern strömten sie dem tapferen ingrimmigen Kleinen zu, dessen zweites Wort war: »Kaiser? Was! Pfaff und Jesuit!« Erschauernd vernahm das Volk die Gerüchte von der ungeheuren Heeresmacht, die der kaiserliche Feldherr langsam herantrieb gegen die Mark, um sich des geächteten Mansfelds zu bemächtigen. »Der Friedländer« flüsterte es fingerhebend in den Gassen, der grausige Mann des Kaisers, der Jesuiten, der riesenreiche Mann, böhmische Verräter, der sein eigenes Volk geopfert habe, dem alle zuliefen, weil er alle bezahlen könnte, das Glück der vagierenden Räuber und Soldaten, der katholische Teufel, schlimmer als der Tilly. Der Bastard ließ trommeln in der Mark, man lief ihm zu. Westlich der Mark fühlten die kaiserlichen Horden vor, um ihm den Weg nach der Elbe abzuschneiden; täglich verstärkte sich der Friedländer, seiner Sache so gewiß, daß er ruhig anhielt.
Die Schlesier hatten alle Angst abgelegt vor dem Mansfeld seit der Dessauer Brücke. Es war erwiesen, daß mit dem Generalissimus des Kaisers keine Späße zu machen waren. Hatten die Söldner, die sie aus ihren knappen Mitteln angeworben hatten, schon entlassen. Da schlug es ein, der Mansfelder lebe, hätte seine bösen Pläne nicht aufgegeben, auf sie hätte er es abgesehen, urplötzlich wurde im Lande Generalaufgebot befohlen, verkündeten kaiserliche Schreiben, schonend, warnend, sich überstürzend: »Der Ächter Mansfeld ist mit seinem räuberischen Anhang in das Fürstentum Krossen eingebrochen und soll vorhaben, ganz in Schlesien einzufallen.«
Von Havelberg hatte sich das schütternde brusthallende Gelächter aufgemacht; zwanzigtausend Mann stark. Durch Frankfurt marschierte es, es war blühender Sommer geworden. Der Jubel der Studenten. Gedröhn, der Markgraf solle sich erheben und mit gegen die Papisten ziehen. An der Flanke des lagernden Drachens, des Wallenstein keck vorbei, über Krossen her, auf Liegnitz zu, auf Breslau zu. Wüstend, brennend, raubend voran durch die kaiserlichen Erblande.
Sich auf den Fußspitzen, auf den Hufen der Pferde in den Satteln erhebend, trompetend, wiehernd, hohnlachend nach allen Seiten: »Der Kaiser! Der Papistenkaiser!«
Klingendes Regimentsspiel, gefüllter Troß, frische Pferde, Hafer, Heu, Schmuck und Ketten aus den Häusern. Nach drüben zu, auf Mähren zu. Vierzigtausend Ungarn, Türken, Tataren warteten.
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