Wallenstein. 1 (of 2)

Part 23

Chapter 233,379 wordsPublic domain

Sie wanderten durch die gereinigten fackelerleuchteten Gassen zur Synagoge. Die Truhen mit den Prachtstücken, den hingegebenen Beutestücken ihrer Feinde hatten sie entleert. Die Weiber in dunkelroten Kleidern und Seide, mit Gold- und Silberborten, darüber rote Jäckchen, brokatverbrämt; blitzender Schmuck der vollen Arme, der Stirn, Korallen, Steine; die Männer gegürtet, auf hohen Schuhen, in veilchenfarbigen, dunkelblauen Gewändern, Pelzbarette auf den Köpfen. Und drinnen zwischen den brennenden siebenarmigen silbernen Armleuchtern stieg ein rotwangiger Greis unter einem Silberkäppchen die zehn Stufen zur Bundeslade hinauf; an seinem Obergewand von Hyazinthfarbe hingen goldene Glöckchen und Granatäpfel. Fünf Gürtel hatte er sich umgetan, aus Gold Purpur Scharlach Hyazinth Bysus; auf seinen Schultern schildförmiger Schmuck aus Gold mit Steinen. Er sang, hob die Hände. Sie sangen kopfwiegend, sich verneigend, trunken mit.

Böhmen empfing mit dumpfem staunenden Murren die Nachricht von dem Ereignis; der unersättliche verabscheute Mann stand in dem blendenden Licht des Kaiserhofes. Man wußte, er hatte schon die Baupläne zu einer Prager Zitadelle in seinem Palast; sein Name war unter den Münzkonsorten genannt, sein Regiment hatte am Weißen Berge die Unglücksschlacht mit entscheiden helfen; nun segnete den Todbringer die deutsche siegreiche Majestät. Der Böhme! Der Erzverräter! Die hoffärtige Bestie, die an Wien die Ehre verloren hatte. Wie Judas hatte er sich einnisten wollen in das Herz seines Volkes, hatte er in der Stunde der Erhebung mit teuflischer Tücke starke Truppen an sich gezogen, täuschend, um sie gegen das eigene Land zu werfen. »Da kam Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und Knütteln; und der Verräter hatte ein Zeichen mit ihnen verabredet und ihnen gesagt: der ist's, den ich küsse, den greift und führt ihn ohne Zögern ab.« Es sollte nicht so weit kommen; die Truppen verließen ihn. Mit Schimpf und Schande stand er in Wien, armselig, trug einen gestohlenen Säckel in der Hand, die Regimentskasse. Der Kaiser selbst schickte den Beutel zurück. Der Mann aber war nicht verdorben, war wie Hederich gewuchert, hatte Schandtat auf Schandtat gehäuft, erkannte nichts an als Gewalt. In kleinen Klubs saßen die Edlen und ihr Anhang zusammen; die Verwandten, Neffen, Söhne, Frauen derer, die von Ligisten niedergemetzelt waren oder hatten fliehen müssen. Katholisch geworden mit dem heißesten Grimm, bis in den Kern ihres Lebens vom Sieger getroffen. In hohe Ämter hatten sie sich geschoben; niemand wußte, daß zu ihnen gehörten Wratislaw von Mitrowitz, der Hauptmann der Prager Kleinseite, die Appellationsräte Wenzel von Fließenbach, Kobach, ja ein Sohn des öffentlichen Anklägers Pribik Jenissek von Oujezd. In ihrer Mitte heranwachsende Jünglinge, blühend schöne Weiber, Alte, die schon daran gewesen waren, ihr Dasein abzuschließen. Sie sangen in ihren Zusammenkünften ihre Lieder; vom Peter Chelicky sprachen sie, vom Netz des Glaubens, und daß der Staat ein Übel für den Christen sei -- aber dachten nur an den Staat der Habsburger. Sie redeten den Satz nach: »Gott hat nicht widerrufen das Wort: du sollst nicht töten«, damit erhoben sie sich stolz und drohend über die grausamen Verfolgungen, die ihre Angehörigen erlitten, trösteten sich. In dieser ausgestoßenen Aristokratie blühte, angstvoll behütet, das Wunderkraut der sanften menschenbewältigenden Lehren, die im Volk umgegangen waren einstmals, von ihm selbst kaum beachtet. Wie flüsterten sie, sich an den Händen fassend, daß es den guten Christen nicht anstehe, teil an der Macht zu haben --, fühlten sich ruhiger, halfen sich über Schlimmes hinweg. Durch die Gedanken ihrer Kinder ließen sie rasseln die Märchen vom fellbewachsenen Böhmenherzog Krok und seiner geliebten Tochter Libussa; wie in ein Kinderland fanden sie -- alternd, heimatlos -- in die uralten Fabeln; der starke Premyzl stand auf, Wenzel tat seine Wunder. Ehrerbietig taten sie gegen die neuen Machthaber, geduldig waren sie, unbezwungen, stolz. Sie waren die Adligen, in diesem Land konnte niemand sonst von Adel sprechen.

Über die Niedrigen suchten sie ihre Lockungen auszubreiten, die blieben stumpf und gefährlich. Ließen sich nicht Böhmen nennen, wollten nur Bauern sein, stalpten auf ihre Felder, in die Ställe, wandten sich grimmig von allem, was ihnen mit Bekenntnis und Vaterland kam; in vielen Dörfern brachen nach dem Auszug der Sachsengänger Treibjagden aus wider die aufdringlichen Hußfreunde, Totschläge an heimlichen Friedensstörern und ihren verkappten Sendboten.

Die Edlen versammelten sich in geheimen Häusern, mit brachten sie Listen alles jüngst gegen sie geschehenen Unrechts, aller Schikanen, Bedrückungen. Dann war plötzlich eine Lithurgie da: ein furchtbarer Klagegesang, ein chronikartiges Verzeichnis alles Leids in Böhmen seit den Tagen Rudolfs und Matthias. Keine Versammlung begann, ohne daß wie ein Gebet dieses Verzeichnis verlesen wurde, die Morde Vernichtungen Verbrennungen, der Zug der Verbannten über das Erzgebirge. Und die, deren Angehörigen es geschehen war, da saßen sie, standen an den Wänden -- nannten sich draußen kaiserlich, hatten ihrem Huß abgeschworen. Die Gesichter tief gerötet, jene erblichen, verzerrt, streng gerissen. Wilde Worte wurden ausgestoßen, Tränen standen in den Augen, Stöhnen Schreien zog sich in die Unterhaltung hinein. Es würde einmal sterben die spanische Geißel, der Jesuit Ximenes; Marias Säule würde von der Theinkirche gestürzt werden; in den Boden gestampft Caraffa, der päpstliche Nuntius, der Seelenmörder. Es gab welche, die diesen Teil der Zusammenkünfte mieden, zu spät kamen, das Verlesen für eine Albernheit dekorativen Charakters nahmen; die Welt ging voran, sie wollten mit. Aber sie beirrten nicht die rache- und haßatmende Gesellschaft.

Langsam hatte sich ihnen Slawata genähert. Er, dem edelsten Hause entstammend, dem Kaiser anhängend, den Konventikeln nachschleichend wie ein Tier seiner Beute. Sie hatten sich seiner nicht erwehren können, ratlos, wessen sich versehen von ihm. Ihn hatte Wallenstein irre gemacht. Er ging einsam, seit er selbständig geworden war, neben den großen Akteuren, war ihr Stolz, ihre Standarte. Einsam wandte er sich. Es trieb ihn, er wußte nicht wie, zu seinen Vettern und Sippengenossen, in die geheimen Zirkeln. Auf ihre Wege trieb es den Stillen Blauäugigen Umwölkten; wie er sich dunkel den großen Akteuren beigesellt hatte, wandte er sich den Böhmen zu. Spöttisch und traurig stand er unter ihnen, die mit ihren Gesängen und Reden verlegen schwiegen, wenn er, den vollen Kopf halblinks auf die Schulter senkend, sehr langsam sie begrüßte mit Zwinkern der Augen und tonloser Öffnung des üppigen Mundes. Es war nur eine Erkundung, was er bei ihnen vornahm; »wer seid Ihr?« war seine ungesprochene Frage. Und sie merkten, daß er mit ihnen Fühlung nehmen wollte, wußten nicht, ob sie sich offenbaren oder verleugnen sollten. Schon waren sie willens, mit Banalitäten die Zusammenkünfte auszufüllen, bei denen er anwesend war. Da näherte er sich ihnen mehr; fragte sie eines Abends, als sie sich unter Selbstpersiflage von Dingen der holden Kaiserin Eleonore unterhielten, warum sie zusammenkämen und was sie gemeinsam betrieben. Sie sagten, sie seien Freunde der kaiserlichen Regierung und wünschten die Böhmen dem Kaiser näher zu führen. Slawata blickte lange in seinen Schoß, seine ringblitzende Hand vor die Augen hebend: »Ihr wünscht, daß ich Euch allein lasse?« Darauf ratloses Gerede der Herren und Damen; er verneigte sich trübe nach einiger Zeit, ging. Sie beschlossen kühn, es darauf ankommen zu lassen; und als Slawata nach längerer Weile lautlos in eine Versammlung der Herrschaften trat, von jungen Männern geleitet, nahm keiner Notiz von ihm; man tat sich Zwang an, wagte. Die Liste der Klage wurde verlesen, das Aufschluchzen und Stöhnen begann, die Namen der Toten und Verschollenen klangen tonlos; der Vorleser bedurfte keines Winkes seines Nachbars, eines uralten Mannes, um auf den Namen Slawatas, des Bösewichts und Verderbers zu achten; der jugendliche Vorleser sah den Namen in seiner Liste kommen, las ihn, samt der Anklage, Drohung, Hoffnung. Als beträfe es nicht ihn, stand Slawata in der nur bankbestellten kerzenhellen Stube nahe der Tür. Auch sie sprachen an sich haltend mit ihm, als wäre er nicht der Slawata, dem sie fluchten. Sie wollten ihn locken, sich zu offenbaren; er schwieg, war höflich gegen sie, kehrte wieder. Nichts geschah einem von ihnen. Sie fühlten, daß sich eine Wandlung mit ihm vollzog, fanden keine Handhabe, ihn zu sich zu ziehen. In offener Gesellschaft der Herren der Kammer ließ Slawata sogar unbekümmert das Wort fallen, daß er den und den Herrn in einem böhmischen Konventikel kennengelernt und gesprochen habe, so daß man raten konnte, ob er sich den bedenklichen Verbindungen seiner Sippengenossen zugewandt habe -- er, der Slawata, den sie zum Fenster hinausgestürzt hatten -- oder ob sich die Sippengenossen dem Kaiser näherten. Aber ein Blick auf ihn schien zu zeigen, daß er sich nicht geändert hatte, er nicht.

Vom Judenviertel schlug Geschrei herüber, durch Prag liefen die unerhörten Zahlen; der Friedländer wolle hunderttausend Mann auf den Fuß bringen, er werbe Kosaken an, der Tilly werde ihm unterstellt. In den Kammern der Adligen ging man nicht auseinander. »Wir haben die Nachricht von erster Stelle. Der römische Kaiser sucht sein Heil in Böhmen.« »Er fängt ihn, Wallenstein fängt ihn,« kreischte eine breithüftige Dame; sie raste so, daß alle mitgerissen wurden. »Wenn der Teufel seine Wege geht,« flüsterte einer, »geht er sie heimlich.« »Nein,« lachte einer, »er geht sie ja offen, am lichten Tage. Sieht man es nicht. Der Friedländer übernimmt die kaiserliche Armee.« »Man macht dem Verräter, dem Mörder die Tür auf, bittet ihn ins Haus, man drückt ihm den Dolch in die Hand.« »Man bittet ihn darum, er möchte eintreten.« »Küsse mich, Judas, damit keine Lücke im Text entsteht!« »O, wie man ihn bittet! Sie erzählen, Wochen um Wochen laufen schon die Kuriere von Wien mit kaiserlichen Brieflein. Aber der Friedländer will nicht.« Und alles lachte schallend: »Ei, er will nicht, er will es sich noch überlegen; er hat noch Zahnschmerzen.« »Sein Rachen ist weit. Ein paar hundert Quadratmeilen Land hat er bald heruntergeschluckt, er ist verstopft, der Hof gibt ihm Wein zu schlucken.«

»Er ist katholisch.« »Katholisch wie der Teufel. Sinnt Tag und Nacht, wie er den geistlichen Herrn ihr Hab und Gut entreißen kann. Geflucht hat er neulich, die Gläser unter Tosen auf den Estrich geworfen und geschworen, wäre er Protestant, würde er dem Leckerle, dem Kardinal Dietrichstein kein Haar auf dem Fell lassen.« »Lang lebe unser Landsmann Wallenstein, der Herr, der Fürst.« »Weiter! Gottes Allmacht.«

In Dresden arbeitete der alte Graf Mathias Thurn. Als Wallensteins Ernennung vor der Tür stand, hofierte der Dresdener Hof den Grafen plötzlich auffällig; er begriff, was das hieß. Sich Wallensteins bemächtigen! Verräter sei der Friedländer, sagte achselzuckend Thurn dem zähen Kaspar Schönberg. Um so besser, meinte der, Verräter seien auch Verräter nach der andern Seite. Thurn, der Feuerkopf, mit den sächsischen Emigrantenorganisationen nachsinnend, gab die Losung aus nach Prag: »In keinem Fall Aufsässigkeit zeigen, geheim für nahe Erhebung rüsten, sich jeder absprechenden Äußerung über den Friedländer enthalten.« Eine besondere Botschaft betraf den Vetter Wallensteins, den Maximilian, der, wie man wußte, Spionage für den Fürsten trieb: man solle ihn einladen zu den Versammlungen, in den Unterhaltungen lobend den Fürsten erwähnen, und daß man sich ausgesöhnt habe mit ihm, seine alten Taten nicht nachtrage.

Das Elend der Emigration ließ die Hoffnung auf Wallenstein in Sachsen auflodern, die Botschaften, erst belächelt, wühlten hier wie ein Sturm.

Eingestanden oder nicht schillerte in allen Gemütern ein sonderbar tiefes Vergnügen, daß das Heilige Römische Reich von einem Böhmen gerettet werden müsse. Alle Trümpfe hatte man im Spiel; die Sinne zusammen; es galt klug und kühn zu werfen. Und wie auch immer, er, der Friedländer, er würde dem Habsburger das Messer auf die Brust setzen; würde sie rächen an Ferdinand.

Die üppigen schwarzäugigen Frauen, deren Männer gefallen und verjagt waren, sprangen an den geölten Wänden herum: er werde sich rächen an Böhmen, indem er es verschlinge, er hat einen großen Rachen, zweitausend Meilen haben noch Platz. Verschlingen. Und das fiel wie Feuer in alle. Wallenstein würde sie an sich reißen, vielleicht um sie zu unterwerfen, über ihnen zu stehen; würde seinen Haß an ihnen kühlen, indem er über sie herrschte. Er solle es nur. Das übermütige übermäßige Glück.

Slawata wanderte zwischen ihnen. Die Lichter der Kammer brannten auf erhitzten Gesichtern, verzückten Augen. Er hatte sie jubeln hören, als sie ihn auf dem Prager Rathaus anfaßten, als ihr eitler Herr aus Heidelberg herzog. Jetzt jubelten sie Wallenstein zu. Die Kanaille, Adlige, seine Sippengenossen. In dem Tuscheln Schwatzen wurde man seiner ansichtig, aufmerksam verneigten sich von allen Seiten hertretend vor ihm die rachegeschwollenen Vettern, den Kaiser lobend ob seines Scharfblicks und wie der Friedländer das Reich in seiner Herrlichkeit werde herstellen. Er stand an der glatten Wand.

»Was habt Ihr mich zum besten, liebe Vettern.« Rechtzeitig gewann er es über sich, gegen die Verblüfften zu lächeln, indem er ihnen zwinkernd die Hände und Wangen streichelte. Zu diesem aufgeregten Abend war in Prag die alte Magdalene aus dem Geschlecht der Trzka von Lipa erschienen, ein robustes tatkräftiges Weib, die über Millionen verfügte, mit dem Friedländer verwandt, der sich von ihr fernhielt. Am Stock kam sie auf Slawata zu, burgunderrotes Gesicht vor weißem losem Haar, das auf einen glatten viereckigen Kragen fiel, die linke Gesichtshälfte schlaff, das Augenlid hängend und zuckend, freudig ihm zuschreiend: »Hier ist jetzt nicht Euer Platz, Graf Slawata. Prag ist meinem Neffen Wallenstein zu klein, und Ihr? Ich freue mich, Euch zu sehen.« Er half ihr neben sich auf eine Bank; lächelte starr: »Also nach Wien.« »Nach Wien. Gewiß und sicher. Gedenkt Ihr hier zu versauern? Prag hat aufgehört für die nächsten Jahre Hauptstadt von Böhmen zu sein.« »Nach Wien.« Sie lachte in ihrer gesunden wanderschütternden Art, sah ihn durchdringend an: »Der Kaiser braucht Euch. Ihr seid doch geschickt, Ihr werdet wissen, was Ihr zu tun habt.« Sie redete noch manches; er hielt still.

Als er in seiner Sänfte saß, war er erschüttert von Schmerz, machte sich mühsam kalt. Er hatte nicht vor, seine Politik nach Wallenstein einzurichten; er war es im Begriff gewesen. Er suchte sich auf ein kaltes sachliches Ziel zu besinnen; vermochte es nicht. Mit einem Fluch machte er sich frei: »Nach Wien.« Er gab sich keine Rechenschaft: warum. In einer Wutwelle war er vor den Entscheid getragen.

Drittes Buch Der Krieg

Noch einige Wochen blieb der Friedländer in Prag, dann brach er nach Eger auf, wo, er sein Hauptquartier aufschlug. Im Reiche, in den Erblanden standen kaiserliche Truppen, deren Haupt er war, geschwächt, in alle Windrichtungen zerstreut; in Wien die Stadtguardia, acht Infanterie-, sieben Kavallerieregimenter. Sechs marschierten unter Spinelli zu der Infantin Isabella nach den Niederlanden. In Ungarn Musketiere, in Böhmen das Regiment Breuner, in Mähren die Truppen des Max Liechtenstein, Wallensteins, des Grafen Schlick, des Freiherrn von Tiefenbach; ganz entfernt in Freiburg im Breisgau Hannibal von Schaumburg; dazu die Reiterregimenter Marradas, Wittenhorst, Konti, Kaspar von Neuhaus. Fünf Regimenter zog der Herzog an sich, vierzehn neue stellte er auf; das Regiment dreitausend Mann. In Prag vergab er die Bestellungsbriefe an die neuen Obersten; sie hatten zu übernehmen und vorzustrecken Antritts- und Laufgeld, einen Monatssold und Ausrüstung ihrer Söldner; vielen schoß er selbst den Betrag vor, ihr Gläubiger der Kaiser.

Wallenstein entfernte sich nicht weit von Prag, um mit de Witte, Michna und Bassewi in Zusammenhang zu bleiben. Die neuen Köpfe tauchten in Eger neben ihm auf, die Obersten Merode, Scharffenberg, die Gonzaga, Desfours, Isolani, der Thomas Karboni, die bald so gefürchteten Namen. Nach dem Elsaß herunter liefen die Ordonnanzen, die Schaumburg und Wittenhorst mobil zu machen und ihren Anmarsch in das Reich zu befehlen. Wallenstein war zugeteilt als sein Oberstmeister-, Zahl- und Quartierungskommissar Johann Aldringen, ein feiner gewandter Hofmann, dessen geheime Aufgabe war, wohl aufzumerken in Wallensteins Quartier und Lager und von allem den Räten in Wien gute Kenntnis zu geben. Er sah bald selbst, daß ihm nichts weiter blieb als dies: die Korrespondenz nach Wien und der Titel; denn der Herzog wies an; er hatte bald kein Verlangen mehr mitzusprechen.

Man schlug Sammelplätze auf in den kaiserlichen Erblanden, im Reich, im fränkischen schwäbischen Kreis. Abgeordnete der fränkischen Ritterschaft erschienen vor dem Herzog in Eger, Direktoren Hauptleute und Räte aller sechs Orte in Franken, zu klagen über den Schaden durch vagierende disziplinlose Truppenkörper; sie wurden höflich empfangen, versichert, daß der Oberst Graf Schlick eine Erinnerung erhalten werde. Im übrigen bemerkte der Herzog mit großer Bestimmtheit beim Abschied, sie möchten mit Proviant und sonstigem Unterhalt nicht zurückhalten, damit die Völker nicht herumstreiften und nicht zu lange an einem Fleck liegen blieben; mürrisch und erstaunt wandten sich die Herren, dabei ein Hektor von Streitberg und ein Redwitz zu Wildenrod, zum Gehen. Aus Hessen, von Frankfurt Nürnberg fuhren rechtskundige stolze Männer nach Eger an, ließen sich nicht abspeisen mit des Herzogs Sekretär, auch nicht mit dem neugierigen und sehr interessierten Aldringen, stellten sich ehrerbietig, fest vor der Durchlaucht selber auf, berichteten von den vorgenommenen Werbungen, errichteten Musterplätzen und den Unterhaltsansprüchen der Völker, zitierten die Goldene Bulle, Reichstagsabschiede. Der Fürst nahm sie freundlich an, schrieb lachend ein Brieflein an Trautmannsdorf nach Wien, der Geheimrat Recke solle bald, bald, bald kommen; cito, presto, die Leute aus dem Reich überzögen ihn mit hochgelehrten Sprüchen, er wisse nicht, wo er drin stecke. Er schickte Unterhändler nach Ulm Halberstadt Nördlingen Nürnberg; die Städte mußten sich freikaufen von Quartierlasten; Nürnberg zahlte hunderttausend Gulden; Eger gab siebentausend her; empört hatte die Stadt die doppelte Summe abgelehnt. Die böhmischen Landesoffiziere wurden trotz Sperrens durch sanften Druck vermocht, hunderttausend Schock Groschen an die Kriegskasse abzuführen. Herr Aldringen hatte in der ersten Woche seines Aufenthaltes im Eger Hauptquartier zaghaft auf die kaiserliche Resolution betreffend Schatzungen hingewiesen, in der es hieß, es sollten leidentliche Kontributionen in den eroberten Örtern und Landschaften zur Erhaltung der Soldateska zugelassen werden, mit dem Maß, daß solche Kontribution der Soldateska von ihrem Lohn abgezogen werde, damit der Kaiser leichter an den Kriegskosten trage. Wo aber seien Ulm Nürnberg Nördlingen eroberte Örter, die freien Reichsstädte, noch dazu mit reichen kaiserlichen Schutzbriefen versehen? Der Herzog hieß ihn, freundlich ihm auf die Schulter klopfend, sich nicht zum Anwalt der Städte machen; sie setzten ihm schon genug zu; er sollte nur fein berichten und hören, was man sage. Da wurde Aldringen aus Wien durch den Abt Anton die schwer verklausulierte Auskunft, er möge sich um Jesu willen mit dem Herzog ins Einvernehmen setzen, sie vermöchten von Wien aus die Verhältnisse nicht zu überschauen, man dürfe gewiß nicht Splitterrichter in so gefährlichen Zeitläuften sein, wobei immerhin sein Rechtsstandpunkt offensichtlich unantastbar sei und er ihn dem Herzog gegenüber vertreten möge, jedoch nicht zu heftig.

Proviant, Artillerie, die Brückenequipage fehlte. Die hatte der Kaiser versprochen. Es war an einem gewissen Punkt der Unterhandlungen in Nikolsburg eine pathetische Gebärde der Räte gewesen, dies zu übernehmen; da waren kaiserliche Stückgießereien Zeughäuser Kornlager. Die Gießereien arbeiteten zu langsam, das Material der Zeughäuser war bedeutungslos, unbrauchbar, die Kornlager knapp, für zehn Regimenter reichend. Eger drängte, klagte stürmisch an, sie ließen es im Stich, sollten die Truppen verhungern, sollten sie mit Stecken kämpfen. Man mußte demütig erklären, Eger möge sich gedulden, möge sich behelfen; man konnte nicht hinzusetzen, daß die Hofkammer bisweilen nicht zehn Gulden in der Kasse hatte zur Bezahlung des Kuriers.

Während der Herzog in immer größerem Umfange sein Geld an die Sache setzte, geschah es zur Verwunderung des Wiener Hofes, daß er immer mehr eine ehrerbietige Haltung gegen den Kaiser und seine Beamten annahm, sich, wie es schien, mit Gewalt bezwang und in die Rolle eines kaiserlichen Funktionärs einfügte. Er schien es dem Hof leicht machen zu wollen, sich mit ihm abzufinden, denn, wie Trautmannsdorf bei Berichten aus Eger einmal sagte: lange wachsen lassen kann man solch Ungetüm an Land Leuten und Geld nicht; entweder es pariert bald und kriecht unter, oder es muß erschlagen werden.

Die sechs niederländischen Regimenter wurden zurückbeordert; in Sachsen warb für den Herzog ein Mansfeld als Generalleutnant zwei Regimenter. Dann stand das Heer komplett; fast ohne Artillerie, ohne gesicherte Proviantzufuhr. Unter den peitschenden Worten Wallensteins ging der Rest der Werbung, Musterung, des Drills Hals über Kopf; die Parole war: »Nehmt was ihr kriegt!« Wie Verzweifelte arbeiteten die Offiziere. Gefährliches beutelüsternes Volk lief ihnen zu, sie hatten für die Kriegsstärke dem Herzog zu stehen. Von oben kam der Befehl: »Wenn man keinen Falken hat, muß man mit Raben beizen.« Bevor er in Eger die Hauptmusterung seiner Truppen vornahm, entschloß man sich in Wien zu dem letzten Schritt: ernannte ihn zum General dieses kaiserlichen nach dem Reich abgeordneten Hilfsheeres. Man mußte ihm zum Opfer bringen die alten verdienten Generale, den Spanier Hieronymus, das Kriegsorakel aus Madrid, den Rudolf von Tiefenbach und andere; man besänftigte sie durch Titel, sprach ihnen zu: es ginge alles vorüber, auch der von Wallenstein.

Die Truppen, wie sie standen und lagen, mit und ohne Artillerie, mit ungeklärter Fouragezufuhr, der zehnte Kavallerist ein Pferd, erhielten dann eines Tages, wie aus dem Himmel fallend, den Befehl zum Abmarsch. Sie schwirrten, noch halbnackt, ein buntes halbverbrecherisches Gesindel, gegen die Grenze auf Bayreuth Bamberg zu.