Wallenstein. 1 (of 2)

Part 22

Chapter 223,701 wordsPublic domain

Er ritt und ritt. Er flog fast durch die schwarze Luft. Er hatte das Gefühl, daß das edle Tier unter ihm gleichmäßig trabe, aber so weich war der Boden und doch nicht lehmig, daß kein Schall an seine Ohren heraufkam. Ein moosiger Waldboden. Hier hat ein alter Wald gestanden. Nur ab und zu tauchten Stämme auf, fuhren um ihn herum, wichen aus. Der Wind blies sanft. Und er erinnerte sich, daß Eleonore auf dem Schiff auf der Donau langsam fuhr, auf dem Schiff, das keine Furchen machte; der Weg, der Fluß lief mit ihr mit. Und der Gedanke, daß dies doch einmal ein Ende nehmen müsse. Er könne doch nicht ewig reiten. Sein Zerren am Zügel, seine Sporen, Aufreißen hatten keine Macht. Es schien, als ob er seine Beine nicht bewegte, als ob er sie nur bewegen wollte, und mit keiner Anstrengung einen Muskel spannen konnte. Es hieß, o Jesus, o Jungfrau, sich beruhigen. Es hieß, o Jesus, o Jungfrau, nicht verzagen. Wie ließ sich nur ein Gebet sagen; wie sind die Worte vom Wind verweht. Bäume, Stangen, Dünste, Rinnsale. Und immer das Heben und Senken, Gleiten, Rudern. Das Spritzen des Moors. Es wird heller; es ist die Helligkeit, die der Mund junger Kätzlein hat, bleiches Rosa. Er bemerkte, daß er ein Gießen, Rinnen überhört hatte bis eben. Und dann lag es am Himmel, über der Erde, etwas Schwarzes, Breites, langsam Bewegliches. Das Pferd lief noch weiter. Er konnte den Rumpf nicht wenden, den Kopf nicht abdrehen, um dem Atem zu entgehen, der von oben gegen ihn anwehte. Eleonore fährt auf dem Prunkschiff drüben von ihm ab mit dem Fluß, mit dem Weg nach Wien hin, hinten nach Wien hin, in das Rosa hin.

Menschliche behaarte Brust, die sich über ihn schob, Haare, die wie Wolken, Spinnweben über ihn flockten, menschliche Arme, denen er entgegenritt. Aber ein Wulst, fleischige glatte schlüpfrige Säulen und kalt wie die Haut eines Salamanders. Federnde Bewegungen machte es, mit Ruck, her und hin kam es dichter über ihn. Und unter immer neue Arme glitt er, er schnappte nach Luft, keuchte auf. Ein Tausendfuß, unter dessen Bauch er ritt. Tiefer mußte er sich krümmen auf dem wogenden rastlosen Pferderücken. Ein weiches Wallen des Bauches benahm ihm den Atem, es waren geblähte luftgefüllte schwappende Säcke; sein Bewußtsein schwand auf Sekunden. Seine Kehle suchte ein: »Äh, äh« auszusprechen, seine Ohren rangen nach Klang. Und der Schwanz des Unwesens schlug von oben herunter, herum von unten wie eine Peitsche, erst unter die Fußsohlen, daß es mit elektrischem Zucken ans Herz drang und stach, dann mit feinen Stacheln gegen die Nasenlöcher, tief tief ins Gehirn herauf tötend. Dann fuhr es gegen den Nabel von vorne her, wirbelte wie ein Drehbohrer, in den Magen, den Leib, den Rücken. Und jetzt dröhnte es auf einmal, ein volles Orgelwerk, sinnlos ungeheuer von der Tiefe in die Höhe tosend, bei einem gellen pfeifenden Ton verharrend, knirschend an- und aussetzend, wie ein Hund, den man an einen Pflock mit den Pfoten angebunden hat, der sich krampft, streckt, krampft, streckt, beißt, beißt. -- Er war mit heiserem Gekreisch aufgewacht.

Er nahm die Hand langsam von den Augen, besah sich seinen Handteller, als wenn etwas von dem Traum daran klebe, rieb ihn am Knie.

* * * * *

Ferdinand befahl, die Verhandlungen mit dem Böhmen zu einem günstigen Abschluß zu führen. Nur nebenbei sagte er, dies sei ja der tapfere, der ihm bei Gradiska gegen Venedig herausgeholfen habe. Und dabei sah er forschend seinen geheimen Rat Eggenberg an, der an sich hielt. Man hatte dem Kaiser nichts gesagt von den Plänen des Böhmen über die Erhaltung der Armee, es war ausgeschlossen, daß er ein solches Projekt in Erwägung zog; nun riet Eggenberg, und mit ihm der fromme Herr von Strahlendorff in ihrem Widerwillen und Verzweiflung, dem Herrscher reinen Wein einzuschenken. Drei gedankenschwere Herren legten ihr Veto ein, sie drückten die beiden nieder, Anton, Trautmannsdorf, Harrach: »Stellt Habsburg keine Armee auf, ist es voraussichtlich verloren, samt der ohnmächtigen Liga. Gewinnt die Liga, die Liga allein, ist der Kaiser in einigen Jahren erdrückt von dem Bayern.« »Ruhe,« sagte Abt Anton sanft, als der alte Eggenberg schwieg, die Hände ringend vor das krampfende Gesicht legte. »Ich bin ruhig,« stöhnte der.

Von Wallenstein arrangierte in Wien mit Bassewi und dem herbeizitierten de Witte umfangreiche Geldgeschäfte; nach Prag zurückgekehrt, gewährte er dem Kaiser ein Darlehen von neunhunderttausend rheinischen Gulden zu sechs Prozent. Und während noch der greise Fürst Liechtenstein ihm Glück wünschte im Friedländerhaus zu Prag, zu dem guten Fortgang seines Wiener Vorhabens, kehrte zum dritten Male Graf Meggau bei ihm ein, diesmal begleitet von einem hohen schmerbäuchigen Edlen, der unter buschigen Augenbrauen herblickte, ein listiges Kinnbärtlein strich, feuerrote Backen und Nase, der weindurstige Graf Kollalto, des kaiserlichen Hofkriegsrats Präsident. Der schloß formell ab.

Nach einer Anweisung Ferdinands wurde der Durchlaucht dem Fürsten von Wallenstein ein Dekret ausgestellt, wodurch er zum Kapo über alles Volk, das man aus dem Reich und den Niederlanden schicken werde, ernannt wurde.

Mit einer verzweifelten Tollheit waren die Karten hingeworfen; niemand am Hofe hatte den Schritt verhindern können; keiner hatte ihn gehen wollen, bewußt schloß man die Augen und tat ihn.

Es war ein sonderbares Geschehnis, daß nach der Bestellung des Friedländers, ohne daß einer wußte warum, ein Sturm von Erregtheit, von wilder Freude und Entschlossenheit den Wiener Hof befiel. Wie ein Ruck ging es durch Räte Offiziere. Die Werbetrommel schlug noch nicht in den Landen für den Kaiser. Etwas Erschreckendes Aufreizendes lag vor ihnen. Die Ernennung des halb unbekannten Mannes war der erste Schritt. Das Leben bot ein neues Entzücken, ein noch herzlicheres als vor der Prager Schlacht. Damals lief man neben dem Bayern, jetzt sollte der Kaiser, der Kaiser, Alt Habsburg prangen, mit Zehntausenden. Sachte warfen selbst von den Räten manche ihre Betrübnis ab; die Augen gingen ihnen über.

Der Kaiser selbst, nach Nikolsburg auf das Gut des Kardinals Dietrichstein reisend, begehrte noch einmal nach dem Fürsten. Bei aller Ergebenheit stahlhart trat der leidenschaftliche Wallenstein auf; er sagte nichts neues; der Kaiser hatte auf einmal den Eindruck absoluten Entschlusses und der Macht, jeden Entschluß durchzuführen. In Ferdinand wogte es nicht mehr. Er freute sich. Er entschied sich für Wallenstein. Nach Prag ging Wallenstein als Herzog von Friedland; er solle, sagte sein Diplom, der Ehren und Würden, wie andere Herzöge in dem Heiligen Römischen Reich, Erbkönigreich und Landen, teilhaftig sein. Seine Instruktion folgte; sie setzte die Zahl der anzuwerbenden Truppen auf vierundzwanzigtausend an; lobte den Herzog wegen seiner zahlreichen, von Jugend auf erzeigten ersprießlichen Kriegsdienste, seine Kriegswissenschaft und Erfahrung, wies auf das besondere große Vertrauen hin, das die Römische Majestät in seiner Liebden Person zu stellen verursacht war. »Unsere Waffen,« erklärte der Kaiser, »sollen allein zur Wiederbringung des allgemeinen hochnotwendigen Friedens, zur Erhaltung Unserer kaiserlichen Hoheit, Schutz und Verteidigung des Heiligen Reiches, der Kurfürsten Fürsten und Stände, Land und Leute geführt und geleitet werden.« Sie hätten auf Freunde und Verbündete, vornehmlich den bayrischen Kurfürsten Bedacht zu nehmen; mit seinen Truppen möge sich der Herzog ins Einvernehmen setzen, unabbrechlich kaiserlichen Vorrangs und Respekts; von Wallenstein möge sich mit der Durchlaucht aus Bayern vereinigen, soweit sich tun ließe, doch in allem der Römischen Majestät Autorität und Nutzen in acht nehmen.

Der Kaiser konnte viele Tage zur Freude des Kardinals sich nicht entschließen, von Nikolsburg abzureisen; ein heftiges Erstaunen hatte ihn bei der zweiten Begegnung mit dem Böhmen befallen und verließ ihn nicht. Bisweilen dachte er nicht mehr an Maximilian, dem er die geballte Faust hinstrecken wollte; er hatte urplötzlich den Eindruck, den Faden seines Handelns zu verlieren; fühlte mit einer unklaren Freude, daß er dem Böhmen in einer Weise und mit rätselhaftem Drang vertraue, wie bisher keinem Menschen, wie vielleicht eine Frau ihrem Mann vertraute.

Es war dieser Gewinn, für den er mit dem Herzogstitel wider den Rat seiner Begleiter dankte. Ferdinand mußte den Augenblick zeichnen, in dem solch geheimnisvolles Licht in ihn fiel.

* * * * *

Maximilian erhielt ein Schreiben aus der kaiserlichen Kanzlei. Es redete von der stets noch emporschwebenden starken Kriegsbereitschaft, die gelenkt werde gegen den Kaiser und des Heiligen Römischen Reichs anverwandte Stände und Glieder, von der Neigung, sonderlich die beiden löblichen Häuser Habsburg und Wittelsbach anzufallen. »Aus Unseres kaiserlichen Amtes Sorge, zumal auf Euer Liebden geschehener Erinnerungen, sind wir, ungeachtet unsere Erbkönigreiche und Länder auf den äußersten Grad abgemattet, ausgeschöpft und verderbt sind, Vorhabens und entschlossen, noch neue Kriegsvorbereitungen vor und an die Hand zu nehmen, unter dem Kommando Unseres Hochgeborenen des Oheims, des Reichs Fürsten und lieben getreuen Albrecht Wenzel Eusebius, Regierers des Hauses Wallenstein und Fürsten zu Friedland, unseres Kriegsrates, Kämmerers und Obersten: fünfzehntausend Mann zu Fuß und sechstausend zu Roß, sowohl Unsere Erbkönigreiche wider den Türken und Bethlen zu sichern und mit und neben Euer Liebden und der getreuen, gehorsamen Kurfürsten, Fürsten und Stände zum Widerstand zu konkurrieren, wenn Dänemark Feindliches vorhat.«

Maximilian wog die siegelbeschwerte Aktenrolle in der Hand. Sein Vater, der Herzog Wilhelm, klein, gebückt, saß ihm gegenüber am Innentisch in dem engen überheizten Stüblein der alten Residenz.

»Ruhig, ruhig, mein Sohn,« flüsterte das lebhafte, arglistige Männlein; es steckte in einem groben schwarzen Wollrock; mit seinen langen hängenden Ärmeln wirtschaftete es auf der Tischplatte, das Umschlagkrägelein hatte es frostig an die Ohren heraufgeschlagen.

Maximilian war feist und kurz; gegen die Schemellehne gedrückt ließ er den bärtigen Kopf vor die Brust sinken, über die silbernen spanischen Verschnürungen; straff hielt sich der feine Rumpf in dem prächtigen breitschößigen Rock, den Degen, bodenlagernd, halbabgegürtet; er sagte leise: »Ich kann es nicht zurückhalten. Er widert mich an. Ich hasse ihn. Niemand auf der ganzen Erde ist so mein Feind als dieser Ferdinand. Ich habe ihm meinen Sieg am Weißen Berge mißgönnt. Ich hätte ihn lieber verderben sollen. Er ist nicht anderes wert. Jetzt, seht, ist er so weit: jetzt hat sich das edle Haus Habsburg den fatalen Lumpen verschrieben, den Wallenstein. Den setzt er neben mich. Das ist mein Lohn für die Prager Schlacht.«

»Mein Sohn, du wirst Rat wissen.«

Maximilian richtete seine kalten Augen auf den gegenüber: »Er mag mit sich umgehen wie er will. Vielleicht paßt der böhmische Herr zu ihm. Ich werde mich wehren und meinem Schwager dies nicht nachsehen; dies bleibt gewiß. Aber daß ich ihn nie bewältige, ihn nie auslösche, verändere, zu einem menschlichen Verhalten erziehe, daß er sich immer wieder regt, das widert mich an.«

»Klag nicht, mein Kind, du willst mich unruhig machen.«

»Ich kann mit ihm nicht in Frieden leben, und wenn er mir den Bruderkuß anböte, müßte ich mit ihm Krieg führen. Ich will ihn nicht, ich will ihn nicht, ich kann ihn nicht dulden. Wie es mich quält, daß mein Land zum Reich gehört, wo in Wien er auf dem Thron sitzt und das Reichszepter in der Hand hält, der Ferdinand von Habsburg heißt. Ein Schlemmer, ein Nichtstuer. Zur Not, daß er fromm ist. Ich würde gut zu ihm stehen, wenn ich in Frankreich oder Dänemark geboren wäre; dann müßte ich gegen ihn offen kämpfen.«

Der kahle Mann lächelte freundlich: »So klagst du mich an, daß ich kein Wasa bin oder kein Welscher. Ich bitte dich um Verzeihung.«

Der Kurfürst sah sehr alt aus, als er das Kinn in die Hand stützte: »Scherzt nicht, Vater. Was soll das hier. Es ist keine Freude für mich. Seht das hier. Albrecht Wallenstein, Fürst von Friedland. Und nicht nur das: Albrecht Wallenstein, Kommando der kaiserlichen Truppen. Dies Ende nimmt durch ihn Habsburg. Kein Regiment haben die Habsburger jemals führen können über ihre Länder, ihr Haus haben sie bereichert, den Wamst sich gefüllt, wüste Spielereien haben sie getrieben wie Rudolf. Das war ihr Glück: ihre Wohnung, ihre Freunde, Musik, Turnier, die Weiber. Böhmen geht unter, in Saus und Braus; was liegt Habsburg daran.«

»Du kannst nichts tun, als den Kaiser weidlich placken, sei auf der Acht wie ein Jude: spring bei und nimm ihm weg was er nicht hütet. Und wenn er betrunken ist und daliegt, wirst du auch wissen, was du zu tun hast.«

Mit seiner weichen Weiberstimme Maximilian: »Arm wie eine Kirchenmaus waren sie; nach Prag haben sie Beamte hineingeschickt, zum Einkauf beim Schlächter Bäcker -- sie konnten das Brot, die Semmeln, den Braten nicht für den Tisch zahlen. Vor acht Jahren. Die Edelknaben waren da; in Lumpen gingen sie, schrieben an ihre Eltern um Geld für Kleider. Aber das wirft diese Verschwender nicht um.«

Maximilian rutschte mit der Schläfe seitlich von der stützenden Handfläche ab, ließ den Kopf in die Armbeuge gleiten, stierte gegen das Holz vor ihm, die Aktenrolle fiel ihm zwischen den Knien auf den Boden. Nach einer langen Pause, während der vermummte Herzog sich vergnügt am Ofen rieb, kam aus dem Munde des fast schlafenden Mannes am Tisch: »Geschenke, Abzahlungen, Botenlohn. Noch ein Dutzend, noch ein Dutzend. Und so hat sich der hochedle Schwager bei mir freigekauft. Er regiert im deutschen Reich und weiß es kaum. Er hat neu gefreit, Eleonore von Mantua, ein junges Kätzchen, das ist seine Lust. Sie und der Friedländer, das gehört zusammen. Pfui, pfui.«

»Melancholisch bist du wieder, Max, du wirst zur Ader lassen müssen.«

»Er kam von Frankfurt an wie ein Betrunkener; er hat mich geküßt, sein rundes, glühes Gesicht; er roch nach Wein; mich hat geschaudert. Er hat mir den Kurhut versprechen müssen; als Pfand hat er mir fast seinen halben Besitz abtreten müssen. Ich hab ihn hart bei den Ohren genommen und tribuliert, also daß ihm hätte der Verstand wachsen müssen. Und wahrhaftig: er bekommt es fertig, mich zu beschimpfen.«

Er richtete sich auf; wie er sein langwallendes Haar am Nacken hochhob, kamen seine großen verborgenen Ohren zum Vorschein.

»Ich werde ihn wieder schütteln.«

So gespannt man in Wien auf die Antwort Maximilians wartete, es kam kein Bescheid. Sie dachten, er fürchtet sich durch jede Redewendung bloßzustellen; dann: er grollt, er hat den Schlag gefühlt. Sie dachten nicht an das, was sie schon beinahe wieder vergessen hatten: an den Ursprung, die Herkunft dieser neuen Stärke. Mit Zorn verbot der Kurfürst seinem Vater, jemandem davon zu erzählen, wie er von Wallenstein dächte. So tief schämte er sich des aufgetauchten, in kaiserlichen Glanz gehüllten Abenteurers, daß er sich mit Qual gegen Richel und den von Hohenzollern, seinen Obersthofmeister, anerkennende Worte über ihn abrang, damit niemand auf den Einfall käme, ihn eines verächtlichen Umgangs zu zeihen. So wie auch nie ein Wort der Abneigung gegen den Kaiser nach außen gelangte über seinen Vater hinaus. Und der Vater wußte wohl, daß sein Sohn nur unter dem Stolz litt, sein Leben lang von nichts beherrscht wurde, als daß ein Haus im deutschen Reich sich anmaßen konnte, über dem Wittelsbacher zu stehen. Von Kind an, von jenem Kirchgang an, wo Ferdinand in Ingolstadt den jungen Bayern aus der ersten Bank fortgewiesen hatte, und seit da ohne Ruhe weiter.

* * * * *

Zwischen Wallensteins Bevollmächtigten de Witte und den Bankhäusern Walter von Hartoge zu Hamburg, dann Georg Ammann und Julius Cäsar Pestoluz in Augsburg kamen die Geschäfte zum Abschluß, in denen die ungeheuren Summen flüssig gemacht waren für das Darlehen an den Kaiser; unmittelbar daran schlossen sich die Verhandlungen um die Beträge für die Aufstellung der Armada. Wallenstein wollte von sich aus wie bisher Regimenter aufstellen, alsdann brauchte er Summen als Vorschüsse für Obersten, die nicht flüssig waren, dann richtete er auf seinen Gütern, seinen Städten riesige Werkstätten ein für Tuche Stiefel ferner Saliterhütten Pulvermühlen Waffenschmiede.

Michna konnte sich nicht bezähmen, als das ungeheure Leben anging, und sich beiseite stellen. Er sah einen beispiellosen Schlag Wallensteins voraus; dies übertraf alles, was jemals projektiert war. Es war Wallenstein nicht darum zu tun, vom Kaiser die ausgelegten Summen wieder zurückzuerhalten; der Schlaue wußte, daß der Kaiser und das ganze Heilige Reich ihm von nun an mit Haut und Haaren verkauft war. Wenn Michna in seinem Häuschen für sich in diesen Tagen das Projekt Wallensteins überdachte, fand er sich nicht zurecht vor Entzücken über seine Großartigkeit. Nichts riskierte Wallenstein, und der unerhörte nicht auszudenkende Gewinn. Und in solche Hitze versetzte Michna das Nachgrübeln über die geschäftliche Situation, daß er sich aufmachte und Wallenstein in seinem Palast aufsuchte. »Seid kein Schlafzipfel,« nickte Wallenstein aufgeräumt, indem er ihm auf die Schulter klopfte, »der Herr versteht vortrefflich Geschäfte zu betreiben; jetzt soll er für den Kaiser Geschäfte betreiben; er wird auf besseren Boden gestellt, als sonst auf der ganzen Erde zu finden ist; zeige er nun, was er kann.« Die Sache hatte ein ganz anderes Gesicht als alles, was er kannte; hier ging es ins Leere hinaus, hier war das Ungewiß von Sieg und Niederlage in Rechnung einzustellen, stand da, alle wußten es, Wallenstein wußte es, und doch steckten sie ihre Vermögen hinein. Und dies, die fiebernde Erregtheit, das schwankende Ungewiß, die Grenzenlosigkeit des Ausblicks, durchzuckte mit einem Blitz Michna, daß er die Hände krampfte. Es ging in ein freieres stolzeres frecheres Leben hinein. Er tadelte sich, als er zugesagt hatte, wie er mit grauen Haaren Manieren annehmen konnte, die einem Grafen Fürsten Grünspecht gut anstanden. Kam er zu Wallenstein, verschwand jedes Bedenken. Hier herrschte Bestimmtheit wie im Lauf der Sonne. Wie zwischen den blitzenden Stangen eines Räderwerks ging man. Hier war plötzlich keine Rede mehr vom Gewinn und dies beängstigte ihn nur, wenn er dem Palast den Rücken kehrte; er merkte, daß ihn die wenigen Wochen des Hin und Her zwischen seinem Häuschen und dem Friedländerpalast gebrochen hatten; seine Frau sah, daß er froher war und verliebter gegen sie; er hatte den Drang aus sich, aus ihr und seinem Leben etwas zu machen. Plötzlich nach vielen Jahren hielt er es für gut, seine Eltern aus Nisch kommen zu lassen; sie sollten ihn sehen; er schämte sich plötzlich ihrer nicht, fuhr mit ihnen als mächtiger Mann und böhmischer Kammerrat aus und hatte Freude, wie sie sich freuten über das starke Treiben in der Alt- und Neustadt. Zum Kommissar für Getreidebeschaffung war er bestellt worden. Wie sehr er sich verändert hatte, merkte er an dem Tage, an dem er den Titel eines Freiherrn von Waizenhofen empfing; er hätte sonst widerspenstig hinter der Titelverleihung etwas vermutet, sich ihr in Zorn widersetzt. Jetzt stiftete er zehntausend Gulden den Armen Prags.

Lange bevor die Stadt etwas ahnte, zog in das Judenviertel das Gerede von Wallenstein, der dem Kaiser ein Heer aufstellen wollte. Als Bassewi, von Wien kommend von dem Abschluß der Verhandlungen, von der Rangerhöhung des Friedländers in der Synagoge erzählte, brach ein Jubel aus, dessen Schall Sicherheitsmannschaften der Besatzungstruppen alarmierte, welche herbeiritten, nichts als ein toll gewordenes Hebräervolk vorfanden, dem sie aufsässigen Lärm verboten. Die abseits standen, die Arme über der Brust skeptisch verschränkten, auf den Gassen und in der Synagoge, blieben in der Minderzahl.

Im Ghetto dunkel, festlos hausten sie. Das Brandmal trugen sie an sich in den gelben Zeichen; gelbe Barette, gelbe Hauben, gelbe Ringe am Ärmel. Man spie auf sie, wo sie sich draußen sehen ließen. Die Henker des Erlösers, die frechen Mörder, die sich am hellen Tag aus ihren Höhlen wagten und denen es nicht graute, sich von der Sonne Gott des Vaters beleuchten zu lassen. Die der siegreiche Kaiser über die Märkte und Flecken jagte, um das Volk zu kränken und seine Wunden zum Schwären zu bringen. Vor ihnen erschien, in ihren verschmutzten Häusern Höhlen Gewölben alles Verbrechervolk. Die Schiffbrüchigen schlichen sich ein, verschleuderten den Rest ihrer Habe. Die Hebräer kannten alle Blicke, kein Beichtiger hörte so gut, so scharf wie sie. Wo die Not sich draußen regte, spürten sie es, an den Dienern der Vornehmen, der Grafen Fürsten, die in Nacht und Nebel mit Edelsteinen Gold Gewändern seltenen Möbelstücken bei ihnen anklopften, bettelnd, drückend. Im Schmutz begraben lagen sie abseits von den Häusern in Unratgruben, schlürften den Reichtum der halben Welt ein und wenn sie davon abgaben, nur um mehr einzuziehen. Lagerten stumpf auf der Habe, wußten nicht wie sie nutzen. Gold gab es, um Lust damit zu kaufen; sie wußten nichts mehr von dieser warmen beseligenden Lust, wie der Maulwurf nichts von der Sonne. Gold gab ihnen nur die böse Freude, die Menschen draußen aufzuziehen und sich an dem schmerzvollen zappelnden Narrenvolk zu weiden. Herren, Richter mit Hohn und Gelächter auf ihre Bändiger, deren schwache Stunden sie belauschten seit Jahrhunderten. Würde man sie sich überlassen haben nur ein einziges Jahrhundert, würde keine Spur selbständigen Lebens um sie existiert haben, die Welt hätte alle Glut an sie abgegeben. So mußte man alle paar Jahrzehnte mit Messern Feuer Knütteln Spießen auf sie eindringen; mußte sie ausrauben totschlagen, brachte die Welt wieder ins Gleichgewicht.

Das große Königsvolk, seit Jahrtausenden von seinem Stuhl geworfen, hatte in einem Bann nichts gelernt; auf dem Gesicht liegend, die Knie gebrochen, den Mund voll Sand; es duldete das Dasein; sinnlos, abgründig tot, was geschah: Jerusalem der letzte Schein des Lebens.

Nichts geträumt seit hundert und aberhundert Generationen als dies: Jerusalem, bei der Einsegnung des Knaben, der Brautpaare, der Leiche.

In den abseits gestoßenen, menschenungewohnten Tieren waren wüste Begierden gewachsen, Haß Hohn und Verachtung in wilder tropischer Breite ausgewuchert, Lust am Verderben. Schakal Hund Schwein war, was in ihnen wuchs. Gelb die Farbe auf ihren Kleidern, heiß-gelb das Leben, das aus ihrer Schwärze schwälte. Zogen Besessene auf Menschenmord aus, lockten wie Spinnen Sanftes, Süßes an sich vom Christenvolk, um es schmerzgeweidet zu vernichten; da lachten die Irren nicht vor Freude. Vor ihren stummen Opfern in den Gewölben brachen sie in Weinen aus; das war das einzige, was ihnen vergönnt war. Diese opferten Blut, rauchendes Leben; man mußte sie binden, in Kellern angeschmiedet halten.

Auf den Straßen, in den Kirchen, an den Häuserwänden der Städte, neben denen sie wohnten, häuften sich die Abbilder der Heiligen, die süßen Marienbilder, die fromm verzückten Theresien Magdalenen; in Prozessionen unter Singsang, mit Fahnen wallten die Götter und Gottähnlichen zwischen den Häuserreihen, über Wiesen, verehrt, bejubelt. In den Hütten Nestern an den Städten, den Ghettos hörten es die Hebräer, den Finger anhebend, die starren Gesichter zu einem grausamen Lächeln verziehend: das sangen die, denen sie dienten, da zogen Götter vor ihnen, den ganz Entgötterten. Da gingen die Scharen derer, von denen sie Qual erlitten, und aus denen ein Drang sie immer wieder wies, Menschen zu antwortender Qual herauszureißen.

Sie torkelten hoch, wandten sich um, trauer- und kotstarrend. Gewaltige des Reichs näherten sich ihnen. Draußen Luft, die rein wehte, draußen Glanz und Wechsel; die weite Erde. Der von Wallenstein, ihr Wallenstein, in den Kaiserhof eindringend, Heerführer des Kaisers.

Schamloses Jubeljauchzen im Prager Ghetto. Frohlocken der Rachsucht. Ungläubigkeit Tränenvergießen und wieder gelles Frohlocken. Es sollte dem neuen Herzog an nichts fehlen.