Wallenstein. 1 (of 2)

Part 21

Chapter 213,648 wordsPublic domain

Dröhnend, ehrfurchtheischend der Österreicher vor der Infantin in der Ratsstube. Er überbrachte die besonderen freundschaftlichen Grüße der verwandten Majestät; sie hege die Hoffnung auf glückliche Befestigung des Bündnisses. Die Infantin antwortete stark und kalt; ihre Damen, die um ihren Sessel standen, bewunderten sie, wie sicher sie dem Österreicher seine Anmaßung und Triumph wiedergab. Maximilian zog sich aus dem verlorenen Spiel zurück; sein Gesandter bellte, der Kurfürst müsse über den Vorschlag mit seinen ligistischen Freunden beraten, dann biß er nach dem Spanier: Maximilian wolle jeden Punkt erfüllen, aber Spanien müsse sich mit Waffenhilfe für den ganzen kommenden Feldzug, für alle seine Möglichkeiten bis zum gemeinsamen Frieden festlegen. Eine Forderung, mit der er brüllende Wutausbrüche bei dem fremden Gesandten auslöste. Die alte Abneigung Bayerns und Spaniens lag offen zutage.

Der Zwischenfall war erledigt. Eine herzliche Sonderbotschaft wurde von Wien nach Madrid getragen. Maximilian war allein.

In den Kammern der Burg gingen die Geheimen Räte gespannt umeinander. Der Schlag war abgewendet; wessen sollte man sich vergegenwärtigen. Der Bayer rüstete gewaltig mit seinen ligistischen Freunden und Anhängern. Es konnte das Furchtbare eintreten, daß er den Dänen allein besiegte.

* * * * *

Zwanzig Karossen trabten auf den böhmischen Landstraßen, die den reichen von Wallenstein nach Wien führten. Dieser Böhme war mit nichts in den Krieg gezogen; in fünf Jahren waren ihm an vierundsechzig Dominien im Norden des Königreichs zugefallen, die an der Grenze im Norden bis Melinik, von Leipa-Neuschloß bis Wildschütz im Osten reichten. Als Wahlspruch hatte er gewählt: dem Neid zum Trotz. Er besaß das Land des Rebellen Christoph von Redern Friedland-Reichenberg; ihm gehörte Kumburg-Aulititz, Welisch, Sagan, Weißwasser, Hühnerwasser, Smil, Trotzky, Hauska. Er hatte Böhmen abgerahmt; aus dem feinen giftigen Mund seines Vetters Slavata stammte das Wort: die Schlacht am Weißen Berge hat Wallenstein gewonnen. Der Zug seiner Karossen wälzte sich gegen Wien. Man erwartete ihn mit Beklemmung; die Folgerungen aus der Situation mußten gezogen werden. Man forschte seine Begleiter unterwegs aus, was er sagte, wie er sich äußerte, wie seine Stimmung sei; schickte ihm zwei Ärzte entgegen, die für seinen Zustand bürgen sollten. Während Meggau und andere noch zögerten, waren Eggenberg, Trautmannsdorf, auch Questenberg nach der spanisch-bayrischen Attaque entschlossen, es ginge wie es wolle, sich des tollen Böhmen zu bedienen, ihn auszuschütteln, bis kein Dukaten an ihm hinge; nur auf das Geld käme es an; man lasse ihn projektieren, störe ihn beileibe nicht; die hohen Kurfürsten und Stände würden schon für die Einrichtung zur rechten Zeit sorgen. Die beiden Ärzte hatten Geheimauftrag, in keinem Fall den Böhmen nach Wien hereinzulassen vor oder während eines Schieferanfalls. Aber nichts wurde gemeldet als die prächtige Verfassung, in der sich der Reisende befand; man erwog für ihn Festlichkeiten Schauspiel Judenverbrennungen, unerhörte Ehrungen für einen Privatmann. Trautmannsdorf scherzte, er wolle sich zu einem Tanz um dieses goldene Kalb erbieten.

In dem Pomp, mit dem er sich zu umgeben liebte, zog er in die Stadt ein; die Wiener steckten verwundert die Fäuste in die Säcke, als die versilberten Partisanen der Vorreiter anrückten, Zaumzeug und Schabracken, wie ihr Kaiser sie führte, Lakaien, Pagen in feinsten französischen Stoffen, eine halbe kriegsstarke Kompagnie voraus, eine halbe hinterher als Bedeckung. Unter den Scharen der Herumstehenden lief das Wort, da komme einer von den neuen Alchymisten, die machen Gold aus böhmischem Blut. Als er an dem einstöckigen verfallenen Spukhaus von Schabdenrüssel vorbeifuhr, steckte der Oberst den mageren kurzgeschorenen Kopf ohne Hut zum Fenster heraus, lachte erschreckend stark, wie man sagte, hier könne einer den Buckel verlieren; draußen höhnte man über den Hanswurst, der in seiner Kutsche ungeniert fast eine viertel Stunde lang vergnügt rumorte und meckerte. Verwegene Gesellen der Rauchfangkehrer saßen auf Bänken vor ihrem Bierhaus; brachten ihm ein Konzert, als sie ihn lachen hörten, indem sie mit ihren Besenstielen gegen die hölzerne Hauswand ein knallendes Lied schlugen. Nahe dem leeren weiten Stephansplatz, am Bischofsplatz neben dem Heiligturmstuhl, stand das Haus des Kaufherrn Hans Federl. Da bezog der als überreich und verschroben verschriene Böhme sein Quartier. In diesem Hause hatte noch ein anderer Mann seinen Wohnsitz seit einigen Wochen, der Prager Judenprimas Bassewi. Juden wohnten nicht mehr in der Stadt, sie waren durch kaiserliches erneutes Dekret vor die Mauern verwiesen an den unteren Werd; der Prager mit dem gelben Barett hatte einen kaiserlichen Schutzbrief, man mußte ihn dulden. Das Gesindel, das mit Wallensteins Kavalkade anschwärmte, schrie und tobte, als der abenteuerlich schöne und kostbare Troß vor Bassewis Hause sich staute, die Kutsche Wallensteins sich öffnete und ihn auf die Stiege entließ, die Begleitung in die Nachbarschaft abritt. Haufen über Haufen sammelten sich vor dem Federlhof an; wieder sprangen die Rauchfangkehrer, die berußten Gesellen, stellten ihre Leitern vor das Haus, zu sechs, zu zehn, zu zwanzig, standen da schwarz und grimassierend, meckerten, näselten, kreischten Judenspottlieder, machten sich drauf und dran, auf das Dach zu klettern. Es war eine Beleidigung ohnegleichen, die Wallenstein der Stadt erwies, er, von dem es hieß, daß er vom kaiserlichen Hof geladen war.

Und kurz nachdem die liederliche Stadtgarde, die mit dem Gesindel paktierte, das übermütigste Volk vertrieben hatte, erschien mit einer goldenen Kette um den Hals hoch zu Roß unter dem Heiligturmstuhl ein starkleibiger Stadtrat. Mit entschlossener Großartigkeit stieg er an der freigemachten: Treppe ab, ließ sich in die Empfangsstube führen; eingeladen vom Bassewi selbst, in die Ritterstube zu treten, blieb er starr unter dem Deckenleuchter stehen; er bekenne, sagte er mit durchdringenden Blicken gegen den lächelnden kleinen Graukopf, daß er nicht vorhabe mit Bassewi was auch immer zu besprechen, vielmehr habe er mit dem eben eingetroffenen Prager Oberst, der in kaiserlicher Gunst stehe, zu verhandeln. Jedoch sei dieser, verneigte sich bedauernd der Hofjude, hinten von Berechnungen, nicht astrologischen, sondern einfach geschäftlichen okkupiert; es sei bei dem bekannten Humor des Gastes nicht ganz beliebig ihn zu stören; selbst wenn ein ganz illustrer Besuch vorläge. Darauf fand es der Rat für gut, zu wiederholen, daß er angemeldet zu werden wünsche.

Ehe aber Bassewi die Tür geöffnet hatte hinter einem teppichartigen Vorhang, kam mit langen Schritten, den Blick gegen den Boden, Wallenstein heraus.

Es war seine Art breitspurig zu gehen, wenn er nachdachte, die Stühle beiseite zu rücken, dabei die Lippen aufeinander zu pressen, manchmal rüsselartig zu wölben, um die Möbel herumzuwandern. Er machte lebhafte Grimassen, stieß heftige Worte aus, zischte, lachte, blieb stehen, rüttelte an einem Schrank, schlug wiehernd auf die Tischplatte, ließ sich die Fransen des Vorhangs über den Kopf hängen; öfter setzte er sich mitten während des Wanderns, wo er sich gerade aufhielt. Er kam mit stürmischen Bewegungen aus der Tür heraus, spielte mit den Blicken um die beiden Männer, bemerkte sie offenbar nicht. Bassewi, nach einem Augenwink gegen den Wiener, wich ihm aus, und als er merkte, daß Wallensteins Weg wieder gegen ihn führte, riß er zwei Tischchen und einen kleinen Schemel zur Seite gegen die Wand, verhielt sich völlig lautlos. Der Rat seinen Degengurt umziehend, räusperte sich bei Öffnung der Tür. Als der Oberst um ihn herumging, räusperte er sich unter Scharren der Schuhe; er war entrüstet über die völlig ungewöhnliche Tracht des Fremden, der mit nackten, stark behaarten Armen schlenkerte, um die Brust nur eine niedrige Samtweste, unter den Achseln hervorlugend ein enges Panzerhemd. Dann tönte durch das schmale von Scharren Fußstapfen Zischeln erfüllte Gemach die gepreßte gekränkte Stimme des fetten Rates: »Edler Herr, edler und gestrenger Herr. Unser viellieber Freund.« Der blieb nach einer kleinen Weile vor ihm dicht stehen, den Kopf über ihn hängend; knurrende knirschende Laute stieß er tierisch über ihm aus, den Mann aufs allerhöchste erschreckend, drängte ihn an die leere Wand, zerrte ihn an dem Degengurt, der einriß, einmal rechts und links, ließ ab; vier große Schritte, hinter Wallenstein wehte der Vorhang, die Tür schmetterte ins Schloß.

Als Bassewi dem krummstehenden Mann helfen wollte, holte der aus, schlug ihm gegen den Hals. Bassewi sagte nichts, nicht einmal, daß sein Haus unter dem Schutz des Kaisers stünde. Der Rat fluchte sich zurechtmachend, spie gegen den Hebräer.

Zwei andere Stadträte, die kurz vor dem Nachtessen kamen, benahmen sich höflich; Bassewis Einladung zum Mahl lehnten sie ab, erhielten aber den beruhigenden Bescheid, daß der Gast seit einer knappen halben Stunde das Haus verlassen habe. Denn draußen standen und rotteten sich die Menschen zusammen, man kannte das sich steigernde Gejohl aus dem vergangenen Jahre, die Eisenhaube der Rumorwache, die Piken der Stadtgarde. Dieses Krakeels wegen ließ sich Wallenstein, der allen Ernstes vorhatte, hier zu übernachten und das von der Stadt angebotene Quartier abzusagen, herübertragen, nachdem seine Soldaten in Kürze die Straße von Volk gesäubert, mit Hieben zurückgedrängt, die verwahrlosten Männlein der Stadtgarde über den Haufen geworfen hatten unter kurzem gräßlichen Gebrüll. Die Erbitterung dieser Stadtwache, die mit dem Pöbel fraternisierte, war so groß, daß der Herr Daniel Moser, der Bürgermeister, den Hauptmann der böhmischen Eskorte aufsuchte, von ihm beruhigende Versprechungen erhielt. Und was den Zorn der auf ihre Piken und Federn stolzen Rotte von Säufern Hehlern Kupplern Gelegenheitshandwerkern am meisten besänftigte, war die Großmut des Fremden.

Als er von der Notlage einiger kleiner Brüderschaften in der Stadt hörte, von ihren verfallenen Baulichkeiten, wies er ihnen hohe Beträge an. Es hieß, er habe zweihunderttausend Reichstaler mitgebracht.

Die Stadt wurde in den nächsten Tagen von Geld überschüttet. Die Räte, hohen Würdenträger, Offiziere, Geistlichen saßen zusammen, sprachen von dem kuriosen Böhmen, der sich mit dem Volk gemein machte und den großen Herrn spielte. Seine Schriftstücke liefen durch die Kanzleien; den Weg hatte er ihnen erleichtert durch Besuche bei den maßgebenden Instanzen. Es geschah etwas, was ohne Beispiel am Wiener Hofe war. Eines Morgens lag der Schnee auf den Straßen und Plätzen hoch, auf den Basteien Brücken Erkern Giebeln Türmchen. Vom Federlhof her rollten Schlitten auf Schlitten auf den Stephansplatz herüber, mächtige unförmige drachenköpfige fischschwänzige Gehäuse, mit Wimpeln und Glöckchen geschmückt. Vor jedem ritten zehn Trabanten; die Gefährte zerstreuten sich in der Stadt. Hielten beim Fürsten Eggenberg, bei Trautmannsdorf, Questenberg, Meggau, beim Abt Anton, beim alten Grafen Harrach, den Beichtvätern Weingärtner, Knorr von Rosenrot, Lamormain, dem Grafen Strahlendorff. Kaum eine viertel Stunde dauerte der Besuch der Abgesandten des Böhmen bei den hochvermögenden Herren; sie überbrachten jedem eine Kostbarkeit, dazu ein Handbrieflein ihres Herrn. Als die aber die Fäden der Brieflein lösten, wurden sie vom Feuer überfahren; der Friedländer schrieb ihnen nach einem Gruße und einer Erinnerung, sein Bankhalter de Witte in Prag sei angewiesen, ihnen die und die Summe, einen ungeheuren Betrag zu überweisen. Mit einer Unverfrorenheit, für die es keinen Namen gab, bot ihnen Wallenstein riesige Gelder an, fragte sie nicht, sagte nicht, wozu warum. Die Schlitten fuhren klingelnd, hellbestaunt in den fröhlichen weißen Straßen herum; die Edlen saßen in ihren Kammern, hielten die Papiere in den Händen, zitterten.

Draußen wälzte sich greifbar, für die Augen kenntlich, grell maskiert der böhmische Schrecken durch die Straßen. Die unten staunten ihn an, aber er hatte Beine, ging in die Stuben ein, war da, widerwärtig, krallte sich an sie fest. Zuletzt fuhr ein Schlitten beim spanischen Botschafter Ognate vor. Er empfing den böhmischen Abgesandten in seinem kleinen Fechtsaal: den dünnen schmalen Degen zwischen die Zähne sperrend nahm er das Brieflein an, nachdem er mit einer hochmütigen Handbewegung die Überreichung einer goldgefaßten Schale aus dem Horn des Rhinozeros, ein breites unförmiges Gerät, verhindert hatte. Die Lippen fletschte er, wie ein Tiger grell wild blickte er den Böhmen und den Trabanten an aus gelblichem erblaßtem Gesicht, machte, ohne sprechen zu können, schüttelnde schleudernde Handbewegungen gegen sie, nach dem Brieflein zu, gegen seine Brust, sein Herz, übersprudelte sie dann, den Degen abziehend, mit losgelassener spanischer Heftigkeit. Darauf plötzlich: sie sollten sich einige Minuten gedulden. Er übergab dem Trabanten dann zu dem Brieflein des Wallenstein einen eigenen, mit geschriebenen Drohungen und Verwarnungen. Ohne sie weiter zu beachten begann er von neuem sein Fechten und Springen, wies nur, als sie die Tür vor sich öffneten, wild auf die Hornschale, die am Boden stand; er hieb flach über sie weg.

Einigen der übrigen Herren half der greise Harrach rasch über die peinvolle Situation. Er lud sie zu sich hin, sprach vom Reichtum seines Verwandten, erwähnte, welche kostbaren Gaben an den Kaiser und die Kaiserin gegangen seien, sagte, wie er ihn bedacht hatte. Man lachte, lachte zaghaft, es war die erschreckende Höhe der Dotationen, die sie erschüttert hatte. Ein Barbar dieser Böhme, gewiß, gewiß. Aber sie waren nicht befreit.

* * * * *

In dieser Nacht erwachte der Kammerdiener des Kaisers Ferdinand. Er hörte den Kaiser in seiner Schlafkammer kichern, lachen, schallend lachen. Dann hörte er seinen Namen rufen. Er ging eilig durch das Halbdunkel des weiten Vorsaals, in dem zwei dünne Kerzen brannten, zündete an der Wand, wie er sich einem ungeheuren figurenbelebten Rahmen näherte, der die ganze Breite des Saals einnahm, eine dritte Kerze an. Bis zur Decke reichte der Rahmen heran hinter der schweren Kristallkrone; ein dicker Vorhang fiel von der Höhe des Rahmens herunter, füllte mit dichten Falten seine Mitte aus. Dahinter die Schlafkammer Ferdinands. Eine kleine Glastür zur Linken öffnete, das Licht anhebend, der Diener. Eine bemalte bekränzte Mariensäule, blinkend, wieder in den dicken Schatten huschend. Auf dem hohen Polster Ferdinand, aufrecht sitzend, schluckend, Lachtränen in den zugekniffenen geblendeten Augen, die weiße Nachtkappe gegen die rechte Backe vor den Mund gepreßt; er bat sich verschluckend um ein Sacktuch. Er zischelte, indem er sich zurücklegte: »Könnte nicht der -- ja wie heißt er doch? -- ja könnte nicht der Trautmannsdorf oder der Eggenberg oder einer der Herren gerufen werden? Oder, bleib noch. Schick lieber zu Baroneß Khevenhüller; geh hin, ich ließe sie bitten, sie möchte ihre Herrin wecken, ich wollte ihr etwas sagen.« Hinterher aus der Kammer: »Nimm die Kerze mit, sag' ihr, ich ließe die Kaiserin bitten, es sei nichts, ich sei nicht krank.«

Bis an die Tür des Vorsaals geleitete sie ein Fräulein, dann führte sie unter die Kronleuchter an die kleine Glastür der Kammerdiener.

Auf dem Hofe war unter den Bewegungen in den Gemächern die Wache angetreten, man rumorte über den Plätzen, es liefen Schritte über Holzbrettern. Als sie eintrat, war Ferdinands Schlafkammer verdunkelt; er schrie erschrocken: »Wer ist da?« hatte geträumt. Sie zog einen Schemel von der Wand, setzte sich, die Kerze flammte rot hinter ihr unter der Mariensäule. Er war völlig munter und aufgeräumt, achtete nicht, daß der Diener sich gebückt an der Wand zu schaffen machte; sie hatte ängstlich unterwegs den Mann gebeten, in der Kammer zu verbleiben; schwer konnte sie sich an den deutschen Mann gewöhnen, seine Frömmigkeit war ihr Glück.

»Lore, mir fiel etwas ein. Wie war der Hirsch, den du geschossen hast vorige Woche in Gattersburg; wieviel Enden hatte der noch?«

Sie hatte beide Arme über ihre Knie gelegt, saß leicht gebückt da; ein braunes Seidentuch durchscheinend über ihrem Haar, unter dem Kamm geknotet, verwirrte Locken über der Nasenwurzel; traurig senkte sie den Blick auf ihre gefalteten Hände, weil er sich nicht entschuldigte und weil sie sich nicht darüber wunderte.

»Es war bei Begelhof, Ferdinand.«

»Bei Begelhof freilich. Wieviel Enden hatte das Tier? Zwanzig, nicht wahr?«

»Ich weiß nicht genau.«

»Zwanzig, freilich. Ich zeigte dir doch noch. Ich prägte noch dem Mansfeld ein, nicht zu vergessen an Kursachsen zu schreiben, wieviel Enden es waren, von dir erlegt. Ein kapitales Tier. Denk mal nach. Hast du dich nicht gefreut? Und was hast du denn gesagt, Lore?«

Listig schaute er, auf dem rechten Arm halbseitlings aufgerichtet. »Denk' mal nach, Lorchen. Es war etwas Schönes, Feines, was ich dir versprochen habe für den Schuß.«

Die junge Kaiserin immer stärker befremdet, tief traurig: »Ach. Mein Mantuaer Betpult.«

Er legte sich zurück, zeigte herausplatzend mit dem Finger: »Das war es, dein altes Betpult, nur nicht aus Holz. Aus Gold und Alabaster. Das Bild unter einem Muschelbaldachin. Und ich versprach dir noch die doppelte Summe, daß du es bekommst.«

Sie bewegte leise sprechend die Hände vor das Gesicht: »Wenn ich das Pult nicht bekommen sollte: verzeih mir. Es war nur ein Scherz. Ich will es gar nicht.« Ferdinand ausgestreckt, eifrig mit den Armen auf die grüne Decke schlagend: »Sollst es haben, sollst es haben; aber durchaus nicht. Aber einer wollte es dir nicht geben. Und das ist ihm nicht geglückt. Lore, ich habe hier so gelacht für dich, ich bin nicht herausgekommen aus dem Lachen.«

»Weißt du,« er richtete sich rasch hoch, geheimnisvoll, »mein Schwager Maximilian ist ein kluger Mann; seine Regierung ist streng und seine Politik, o, das ist das klügste, was es gibt. Ich bewundere ihn, ich will es nicht leugnen. Aber er hat nicht immer Glück. Sie sind ihm jetzt scharf auf den Fersen. Mir freilich auch. Aber er, er ruft mich! Er ruft mich! Nun, ich will dir sagen, Lore, seit die Welt erschaffen ist, wurde solch Witz nicht gemacht. Ich dachte schon eben daran, Eggenberg und die anderen zu wecken. Die Herren sollen auch ihre Freude haben, aber ihnen setzen die Altersgebrechen zu, ich will sie schlafen lassen.«

Er sprang im Schlafanzug heraus, griff nach seinem Nachtmantel, warf ihn sich über: »Wollen wir ihm die Armada schicken, die er begehrt. Wenn er sie will, wollen wir sie ihm schicken? Sag' du, sag' du, Lore!«

Sie bewegte sich nicht, knüpfte sich nur den Schleier unter dem Kinn auf; er fragte sie nun auch nach Politik.

»Sag'. Sag' ja. Wenn er ruft, wollen wir sie ihm nicht versagen. Wollen ihm ein gnädiger Kaiser sein. Ein gnädiger Kaiser. O, o.«

Er schaukelte auf der Bettkante sitzend unter Gelächter den Rumpf. Sie wich ihm mit ihren Blicken aus. Er fuhr fort: »Ich werde es mir mit Gewalt abstreiten lassen. Ich werde ein saures grünes Gesicht machen. Hoho. Homer, der schläft.«

Sie war entsetzt; der Kaiser war so erregt und glühend. Sie bat ihn sich wieder zu legen; hilfesuchend sah sie sich nach dem Diener um, er war fort, ein Weinen war sie. Er umarmte sie, indem er mit den Armen zu der gebeugt sitzenden herüberlangte: »Du bist meine herzliebe Lore. Du bist ein Weib, wie es in ganz Europa nicht besser ist. Nicht bei meinem jungen Vetter Philipp, nicht in Mantua.«

* * * * *

Bei Eleonore die Gräfin Kollonitsch, ihre Freundin.

Der einfache stille erwärmte Raum. Auf dem braunen glatten Holzboden der würflige weiße Kachelofen in einer Ecke, auf plumpen kantigen Füßen. Zwischen Ofen und Wand ein kleiner gepolsterter Sitz; da eingeschlossen saß in blauem Samt die mädchenhafte Kaiserin, hörte sanftblickend die schwarze junge Gräfin an, die unruhig auf der hochleistigen Polsterbank eng an der getünchten Wand lehnte. Still endete die Gräfin: »Ich teile seine Liebe mit den Hunden, zwei Falken, Majolikavasen.«

»Du weißt das lange, Angelika. Grollst du ihm?« »Er liebt ja auch Maria, die Mutter Gottes.« »Angelika!«

»Beneide ich Maria? Ich weiß nicht; ich muß soviel weinen.«

»Meine arme.«

Ruhiger saß die Gräfin: »Wir leben, allergnädigste Herrin, wißt Ihr, in einer Zeit, die wohl die glückseligste von allen ist; die Kirchen sind prächtig, die Menschen in Masse bekehrt, die ehrwürdigen Väter von der Gesellschaft Jesu sind so eifrig und ihre Mühe ist belohnt, wie sie es verdienen. Nur,« sie sah mit Tränen zu den rosettengeschmückten Deckbalken auf, »wir Frauen sind nicht gut daran. Wir haben das Nachsehen. Manchmal denke ich, -- ich schäme mich, es zu sagen, -- wir sind bestohlen und betrogen. Doch, doch, o, ich weiß, ich bin böse.«

»Angelika, wie kannst du so sprechen.«

»Warum dem Glauben alles und den Frauen nichts? Man heiratet uns, der Priester weiht uns zusammen zu einem Paar; und was bin ich dann?«

»Dein Gatte ist nicht gut zu dir. Wir wollen mit ihm sprechen.«

»Ich liebe ihn, allergnädigste Kaiserin, ich bete für ihn. Ich bete für meine Kinder.«

»Du gönnst ihm nicht die Pferde, die Hunde, die Bilder, Angele, nicht einmal den himmlischen Gott und die Heiligen.«

»Ich bin böse, ich bin böse, ich weiß.« Sie blitzte die feine Dame auf dem Ofensitz an, wild den Kopf zuckend: »Ich möchte meinen Gatten irre machen. Er soll alles vergessen. Das Hirn soll ihm wirbeln. Wie ein Bäumchen möchte ich ihn entwurzeln und in meiner Hand haben und ihn schütteln. So, so.«

»Du bist zornig auf ihn.«

Die Gräfin bedeckte ihr Gesicht vor der zarten Kaiserin, die wie ein Kind die Füße schaukeln ließ: »Ich gehe um wie ein krankes Tier und lasse meine Zunge heraushängen. Ich lebe und will zu ihm.«

Die Kaiserin bückte sich trübe herüber zu ihr: »Wie seid Ihr sonderbar.«

* * * * *

Als die Römische Majestät hatte verlauten lassen, sie wolle den böhmischen Herrn, den Albrecht Eusebius, Regierer des Hauses Wallenstein empfangen, war die Scham der geheimen Berater außerordentlich. Sie konnten sagen, daß sie trotz seiner Geschenke ihn nicht begünstigt hatten. Wie sollten sie ihm und der eleganten dezenten Mantuanerin diesen Braten vorsetzen, diesen Edlen von Bassewis Gnaden. Wenn Bassewi ein Jude war, so Wallenstein Judenfürst. Man hielt es nicht für ausgeschlossen nach seinem Verhalten in der Stadt, daß er den Juden zum Empfang mitbrachte.

Es hieß, der Kaiser wollte in seiner Milde seinen Schwager im Kampf gegen Dänen und Niedersachsen nicht allein lassen; die Wut am Hofe auf Maximilian, als das Unvermeidliche sich näherte. Sie mußten folgen, sich in Wallensteins schmutzige Hände geben. Als der bucklige Graf hörte, daß der Prager Wucherer in die Burg einziehen würde, sagte er ganz still beiseite zu seinem Freund, dem Abt Anton, nunmehr könne auch er nicht mehr das Beben in sich unterdrücken; nun müsse er sich fragen, ob das Habsburger Haus sich unter solchen Umständen werde halten können, ob der jetzige Kaiser nicht zwar kaiserlich und konsequent sei, aber den Ruin des Hauses herbeiführe.

Die sechzehnspännigen rotjuchtenbezogenen Karossen fuhren an der Burg vor, den Purpurmantel legte der hastige von Wallenstein im Vorzimmer ab; als er bartstreichend wartete, stand nur der naserümpfende Obersthofmeister bei ihm; keiner der hohen Räte hatte sich ihm in diesen Tagen genähert.

Und als er wieder im Vorzimmer stand, hielt sich Ferdinand, die silbernen Schnallenschuhe übereinander gelegt, allein in dem Saal auf einem Schemel sitzend, sich seitwärts auf die Armlehnen stützend, die Hand vor die Augen. Er erinnerte sich, ihm war nicht gut: dieses Gesicht, diesen Kopf hatte er schon gesehen. Er war diesen eigentümlich lautlos hellen kleinen Augen schon öfter begegnet, aber jäh fiel ihm jetzt etwas ein, zog durch seine Brust, strich über seinen Magen, über seine Zunge, etwas Brennendes, Schweres. Ein Traumgesicht, wie kam das nur hierher.