Wallenstein. 1 (of 2)

Part 20

Chapter 203,542 wordsPublic domain

»Wollt Ihr nicht auch trinken? Graf Meggau.«

»Ich danke Euch, ich bin nicht durstig.«

Harrach flüsterte dem andern zu: »Nehmt Euch in acht.«

Sie saßen auf einer Bank. Statt zu sprechen, erhob sich Wallenstein, packte seinen Degen, bat um kurzen Urlaub, ging ab, den Degen frei in der Hand schwingend. Harrach atmete tief: »Dies ist das Beste. Es hätte kein gutes Ende genommen. Er will sich beruhigen.«

* * * * *

Tagelang hörten sie von Wallenstein nichts. Wallenstein hatte seinen tollen Zustand, den sie »den Schiefer« nannten; die Gicht war ihm in den Kopf gestiegen, seine Augen geschwollen, tiefrot, das Gesicht tiefblaß. Er saß, lag brütend herum; auf Pantoffeln mußte man gehen. Brüllte, sobald sich ihm einer näherte in Sporen oder mit Hunden; in furchtbarer Gereiztheit schleuderte er Becher, Gläser, fiel Unbedachte mit Peitsche und Degen an. Zwanzig Jäger lagen bei solchem Zustand im Keller seines Palastes, in den anliegenden Straßen; erschlugen auf seinen Befehl jeden Hund, der in der Nähe bellte, würgten krähende Hähne; ringsum die Straßen voll Stroh. Sein Arzt war bei ihm zu Aderlaß Dampfbädern.

Zum Erstaunen des freundlichen gebrechlichen Harrachs war Wallenstein, als er sich wieder blicken ließ, noch zornig: »Machen die Herren mir nicht den Vorwurf, daß ich dem Kaiser schlecht dienen wolle. Ich habe es bewiesen gegen Venedig; fragt meine Feinde, die verräterischen Böhmen.«

Er redete mit kränklichem Gesicht, weiten Augen über den blanken Tisch in dem tönenden Hauptsaal seines Palastes; die Bilder von Cäsar, Alexander dem Großen, Hannibal waren überlebensgroß an den Wänden auf Holzplatten aufgestellt; an einer Querwand sah man in sanften Farben die Geschichte Josephs in Ägypten. Der greise Harrach, seine zitternde Hand berührend, sprach seine Freude aus, ihn gesund zu sehen; sie wollten noch einmal hören, welche Gedanken er, der alte Praktiker, über die Armee zu entwickeln habe. Nach einigem Schweigen, in dem er sich offenbar bezwang, stieß Wallenstein, der den langen zuckenden Arm auf dem Tisch liegen ließ, heiser hervor: »Das Wichtigste ist zweierlei: der Kaiser braucht ein Heer, die Stände wollen es ihm nicht aufstellen. Dann: das Reich ist bedroht, dem Kaiser liegt der Schutz ob. Der Kaiser hat die Aufgabe und das Recht, die Reichsverteidigung in die Wege zu leiten; er stellt das Heer auf.«

Graf Meggau bat innezuhalten; er blickte lange und intensiv den Obersten an: »Dies also ist die Rechtslage.« Dann: »Sie ist Eure Überzeugung, Herr Oberst?«

»Ja.«

»Der Kaiser stellt für das Reich das Heer auf.«

»Danach«, brachte Wallenstein widerstandslos und als ob er jeden Widerstand breche aus sich heraus, »führt der Kaiser niemals gegen das Reich Krieg, wenn er in Deutschland das Heer hinstellt, wo er will, und verpflegen heißt.«

Nun zog der Fürst seinen Arm zurück und schien nicht mehr zuhören zu wollen.

»Das ist ein Weiteres. Habt Geduld mit mir, Herr Oberst. Zunächst sah ich, was ich schon wußte, daß Ihr gut kaiserlich gesinnt seid. Ihr erbietet Euch, sofern die Römische Majestät zustimmt, in ihrem Namen Truppen aufzustellen. Hiergegen könnte von niemandem Widerspruch erhoben werden; jeder Fürst stellt Truppen auf. Daß das Reich diese Truppen zu erhalten hat, ist problematisch: dies werden die Stände bestreiten. Ihr meint, sie täten Unrecht daran.«

»Sie täten besser daran, es nicht zu bestreiten und sich vom Kaiser über ihre Pflichten gegen ihn belehren zu lassen. Graf Meggau, wir haben vor allem die Macht, den kaiserlichen Standpunkt zu vertreten. Sie aber nicht ihren.«

Harrach lächelte ihn an: »Wir wollen es nicht gleich auf einen Krieg mit den Ständen ankommen lassen.«

Wallenstein lachte mit: »Eben. Dies wird ihnen schwer werden. Wir machen es ihnen leicht: wir sind gleich erdrückend da. Widerstand ist aussichtslos, Paktieren, Jasagen die einzige Möglichkeit.«

Graf Meggau hatte sein Gesicht in stärkster Spannung zusammengerissen:

»Also Ihr setzt ein Heer hin, ein großes, erdrückendes; das Reich unterhält es. Der Kaiser ist außer dem Spiel.«

Wallenstein einfach: »Hat der Herr Furcht, daß wir den Kaiser beseitigen? Das Heer ist des Kaisers; darum nur wird es vom Reich unterhalten werden.«

»Und der Feldherr?«

»Wird vom Kaiser nach Willkür ernannt.«

»Und Ihr?«

»Ich setze dem Kaiser das Heer hin und werde ihm wie bisher dienen.«

»Wie gedenkt sich Euer Liebden schadlos zu halten?«

»Ich strecke dem Kaiser nicht zum erstenmal einen Betrag vor. Der Kaiser wird rasch in der Lage sein, wenn er ein großes Heer in Deutschland hat, mir meine Auslagen zu ersetzen.«

Die Spannung blieb unverändert in Meggaus blutlosem scharfem Gesicht: »Sprecht deutlich zu mir, damit ich klar in Wien melden kann: Was fordert Ihr, welche Erkenntlichkeit vom Kaiser als Gegenleistung?«

Behaglich, wie die Katze im Spiel mit der Maus, knurrte, sich über die Tischplatte bückend, von Wallenstein und lachte: »Ich werde keine Gnade fordern. Sofern die Räte auf mich hören, ist mir um mein Geld nicht bange. Ich will in das Heer eintreten. Es soll mir vergönnt sein, wie früher für den Kaiser zu kämpfen.«

Meggau räusperte sich unbefriedigt, ohne den Fürsten anzublicken.

Was Wallenstein plante, kam klar heraus in dem, was er seinem väterlichen Verwandten, dem Harrach, offenbarte. Gemildert berichtete der dem Grafen Meggau davon, der die Augen aufriß. Nach diesem Bericht gebrauchte von Wallenstein Wendungen wie: Adlige, Bürger und Bauern vergessen, daß sie ihr Eigentum nur verwalten; daß sie nur vorübergehende Lehnsträger des Reiches seien. Man kann ihnen ihr Lehen wegnehmen, wenn Reichsbedürfnis vorliegt. Einen Grund dagegen zu rebellieren haben sie nicht; besonders nicht die Adligen, Fürsten und Herren, die ihren Besitz seit Jahrhunderten festhalten; diese sind längst reif, ihre Habe wieder abzugeben. Von Wallenstein erklärte, im allgemeinen und besonders in schwierigen und Kriegszeiten könne man das Nutznießen beenden; das Reich, der Kaiser werde dann gedrängt, das Lehen zurückzuziehen. Das gilt von Pferden, Stroh, Heu, jedwedem Material zur Verpflegung, dazu Unterkunft, Holz zum Heizen, auch Gold und Silber.

Graf Meggau war halb glücklich, halb entsetzt; er hielt sich die Ohren mit den Händen zu, schrie lachend: »Nein, nein.« Er verlangte nach seiner Art wieder nachdenken zu dürfen, erklärte dann, das sei Böhmen, reinstes echtestes Böhmen, was er gehört hätte. »Die tolle Gesellschaft, das Konsortium, Ihr verzeiht mir, weil es Euer Verwandter ist. Aber der Boden ist unverkennbar. Nicht Hab, nicht Gut, nämlich wenn es den andern gilt. O, ich weiß schon, wie man diese Methode bezeichnen wird. Ihr Name ist so alt wie das Strafrecht.«

Der alte Graf Harrach, verliebt in Wallenstein und völlig in seinem Bann, widersprach nicht; auch ihm gingen die Argumente des Obersten schwer ein. Kleinlaut meinte er, er hielte sich für sehr alt und wolle sich nicht dreinmischen; ohne Zweifel sprächen alle Worte Friedlands von seiner Dienstwilligkeit für den Kaiser.

»Und was sagte Euer Verwandter weiter?«

Harrach meinte bekümmert, wenn man dies für Raubritter- und Strauchdieblogik ansähe, so lohne ja gar nicht, darüber zu reden.

»Er meinte also, dem Kaiser stehe im Grunde absolutes Konfiskationsrecht zu?«

»Jedenfalls in schwierigen und Kriegsfällen. Er sagte übrigens auch nach einiger Überlegung, und dabei hat er nicht mit der Wimper gezuckt, daß der Kaiser nicht nur Anspruch auf die Sachen, sondern auch auf die Menschen hätte.«

»Mein Gott und Heiland,« rang Meggau die Hände.

»Nicht, als ob der Kaiser seine Untertanen wie Leibeigene besitzen und nach Belieben verwenden wolle, sondern: wie der Kaiser von Reichswegen Geld, Sachen, Proviant als Steuern anfordere, so die Menschen, die er brauche.« Dem alten Harrach war selbst nicht wohl, als er dies erzählte: »Ich habe ihn gewarnt, solche Reden fallen zu lassen; man möchte die Römische Majestät sonst gefährlicher Dinge gegen die deutsche und christliche Freiheit beschuldigen. Aber ich wußte ja, worauf es ihm letztlich ankam, auf die Söldner. Er ist ernstlich der Meinung, Graf Meggau, ganz ernstlich, daß im Grunde der Kaiser nicht nötig habe, ein Heer anzuwerben und zu bezahlen. Der Kaiser sei unverdient in einer so schwierigen Lage wie jetzt. Er könne im ganzen Reiche eine Wehr ausheben, wenn er es für nötig hielte, und die Leute müßten alles liegen- und stehenlassen und tun, was er befehle.«

»Wißt Ihr,« Meggau verschränkte erregt die Arme, »redet lieber nicht mehr davon. Diese Phantastereien sind mehr als töricht; sie kompromittieren ihren Urheber. Von Wallenstein täte besser an sich zu halten, wenn er wünscht, daß der Kaiser mit ihm in Verbindung tritt. Was soll man von unserem allergnädigsten Herrn denken, wenn er so gegen die Freiheit eines Menschen verfährt; sich erkühnen, eine derartige Vergewaltigung friedlicher Wesen unserem frommen Herrscher zuzumuten. Der böhmische Herr sagte: aller Besitz ginge seinen Weg, heute hierhin, morgen dahin, man müsse nur ohne Zag zugreifen. Das ist Standpunkt des Kriegers. Ich bin kein Krieger. Wir sind keine Krieger.«

Meggau war ernstlich verstimmt, plötzlich fiel ihm die Geste des Fürsten Eggenberg ein, als von Wallenstein gesprochen wurde; jetzt verstand er sie.

Als sie sich am nächsten Mittag an die Tafel in ihrem Quartier setzten, sagte Meggau, die Waschkanne reichend vorwurfsvoll leise zu dem betrübten Harrach, was ihm vor einer Stunde Michna eingeflüstert hatte: »Wißt, lieber Freund, ich habe es ganz heraus, woher der von Wallenstein so toll kaiserlich gesinnt ist. Er streckt uns das Geld für das Heer vor, das Heer aber soll ihm aus dem Reiche sein Geld wiederbringen mit Zins und Zinseszins. Darum ist das Reich mit einmal vogelfrei. Laßt. Ich habe es erfaßt.«

Sie konnten Wallenstein nicht entgehen. Der einzige Trumpf, der in ihren Händen war, die Magnaten und Wucherer Böhmens, ging ihnen in dem Augenblick verloren, wo die Böhmen erkannten, daß Wallenstein in der Tat sein ganzes Vermögen aufs Spiel setzen wollte. Keiner wagte sich da noch neben ihn. Im Augenblick schwenkten die Verängstigten, die schon begonnen hatten, ihre bewegliche Habe zu verstecken, zu ihm über; im Augenblick flossen alle Quellen für ihn. Es stand etwas bevor. Sie wurden aus Wien herüber herunter zu ihm gezwungen. Nach Wien wurde eine Äußerung Wallensteins berichtet: die Herren möchten sich beeilen; der Däne warte nicht auf sie.

* * * * *

Im Erdgeschoß des Antiquariums in der Münchener Neuen Feste stand der gewaltige Doktor Jesaias Leuker, blauroten Gesichts, den federnbesetzten Topfhut an die linke Hüfte pressend, im blauen bauschigen Wams, dessen Knöpfe unter dem Hals krachten, breitbeinig auf spitzen hochhackigen Stiefeln vor dem leeren Armsessel, hinter dem Maximilian an der Fensterwand lehnte. Vierunddreißig Fenster öffneten sich nach dem weiten Hof; die alten Brustbilder darüber in Öl waren unkenntlich nachgedunkelt. Maximilian sagte mit einem fatalen Lächeln: »Sie mögen sich in Wien in Hoffnungen wiegen. Sie tun es. Noch. Sie lassen alles gehen. Treffen keine Maßnahmen. Sie denken, gebt es nur zu, der kommende Krieg ist nur gegen mich gerichtet.«

»Sie denken ähnlich.«

»Sie wiegen sich in falschen Hoffnungen. Wißt Ihr Näheres?«

Leuker wechselte die Beine; die gelben Stiefelschäfte um die Waden öffneten sich zu einem Kelch mit drei bunten Innenblättern, sanken tiefer: »Man hält zurück; Erzherzog Leopold ist der einzige, der sich gehen läßt; er sagte offen, man hätte genug gefochten und gekriegt; Habsburg sei friedfertig, der Kaiser wünsche das Reich zu beruhigen.«

»Sie gönnen mir diesen Krieg, sagt nur gerade heraus. Welche Partei am Hofe hält zu mir.«

Dann fragte er: »Kennt Ihr den spanischen Botschafter gut? Was ist seine Gesinnung? Ist er befreundet mit einem Minister, ist er fromm?«

Er trat neben dem Sessel hart an Leuker heran, leise bemerkend: »Ich möchte wissen, ob Spanien jede Herrschaft über Ferdinand den Andern verloren hat. Ob es die Dinge gehen lassen will, wie sie gehen. Sagt dem Ognate, daß ich ihn warne; Spanien kann die Subsidien an den Kaiser sparen. Mir sind die Hände gebunden.«

Leuker hob den rechten Arm mit der kleinen Spitzenmanschette vor die gewölbte Brust: »Ognate ist ein unberechenbarer Mensch; er will Eurer Kurfürstlichen Gnaden nicht wohl seit seiner mißglückten Intrige in Regensburg.«

»Sagt, ich hätte gesagt, die Sache jeder katholischen Partei steht auf dem Spiel, wenn man den Kaiser nicht aufrüttelt. Sagt, ich hätte gesprochen von: aufrütteln. Oder gedacht; oder scheine gedacht zu haben, daß er seine Pflicht versäume als hispanischer Geschäftsträger. Die Pflicht gegen seinen wohlmeinenden Herrscher. Es täte mir leid, so denken zu müssen von einem gottergebenen Christen.«

»Er schmäht am Hofe, beim Kirchgang, beim Quintanrennen nur auf den Franzosen.«

»Das Heilige Reich schläft; die Protestierenden nehmen einen starken Anlauf, der Pfälzer und sein Anhang wächst.«

»Ich fürchte« -- Leuker bog kraftvoll den geschorenen Kopf in den Nacken, zog unten an dem pludrigen Besatz seines Wamses. Maximilian stand am Fenster, den Rücken gegen ihn: »Der Herr hat nichts zu fürchten. Der Herr hat dem Ognate mitzuteilen, wie ich ihn instruiert habe.«

Der Marquis Ognate, der Spanier, mußte den Bayern mehrmals fragen, was Maximilian ihm aufgetragen hatte. Er erzählte dann einigen vertrauten Herrn, auch dem französischen Geschäftsträger, dem neuen Kurträger sei die Angst ins Gehirn gestiegen, dicht unter den Kurhut; nunmehr sei eingetreten, was er seit Regensburg prophezeit hätte: der Bayer müßte um spanische Hilfe bitten. Empört stellte er den Doktor Leuker zur Rede: wie er etwas gegen die Römische Majestät zu unternehmen anräte, gegen den nahen Verwandten des spanischen Königs, seines eigenen Herrn. Später war er äußerst geschmeichelt; er freue sich, das Vertrauen des klugen Kurfürsten Maximilian zu genießen; sie vertreten die gemeinsame christliche Sache; er würde nicht säumen mit dringenden Hinweisen seinen allergnädigsten König und die Infantin in Brüssel zu benachrichtigen; sie würden den Ernst der Lage verstehen, sich mit dem Bayern zusammenfinden, er könne seines Eifers gewiß sein. Und stolz ließ der Marquis bald fallen, die niedersächsischen und dänischen Herren möchten nur ihr Haupt erheben; auch Spanien würde wissen, wessen Partei es unentwegt halte; Bemerkungen, die Unruhe am Hofe erregten. Fürst Eggenberg vermochte keine befriedigende Aufklärung von dem Spanier zu erlangen. Da erbat Ognate eines Tages eine Audienz beim Kaiser; schwermütig vermittelte Eggenberg den Verkehr, und es trat ein, was man schon erraten hatte: Ognate überbrachte dem Kaiser Grüße vom spanischen König, Hinweise auf die drohende Weltlage, die einen Zusammenschluß aller katholischen Fürsten erfordere, schließlich eine Einladung zur Beschickung einer Konferenz, die zu Brüssel stattfinden sollte, zur Bereitstellung eines Defensionswerkes gegen die neugläubigen Mächte. Maximilian, der neue Kurfürst, würde daran teilnehmen, mit Spanien und der Infantin.

Einen Stich in der Brust empfand der tief gebräunte, sommerlich gekleidete Kaiser; atemlos wartete er, bis sich der Spanier entfernte, lächelte dann gespannt den zu Boden blickenden Eggenberg an: »Seht Eggenberg! Seht! Versteht Ihr das? So hat er dies Glück auch! Spanien mischt sich in den Krieg ein. Spanien, mein Vetter Philipp will mit Max und was noch mehr ist, vielleicht bald gegen mich.«

»Habsburg ist nicht gegen Habsburg, Majestät.«

»Warum nicht? Wenn etwas dahinter steckt, das die Feindschaft belohnt? Wir sind arm und wehrlos, Eggenberg, fragt den treuen Abt Anton, Gurland, seht das Gesicht meines lieben Grafen Meggau an, die Säckel leer. Und Spanien hat anderthalb Millionen Skudis aus Indien; es wird sich mit Bayern an uns schadlos halten, das weiß der Bayer.«

Eggenberg stand welk dem Kaiser gegenüber auf dem großen leeren Teppich im Empfangssaal: »Es ist kein schöner Schachzug Bayerns. Bayern droht Zwietracht zwischen das erzherzogliche Haus und König Philipp zu säen, wenn wir ihm nicht zu Hilfe kommen. Es ist kein schöner Zug.«

»Was habe ich ihm getan, Eggenberg? Nichts. Warum muß er so wild sein gegen mich, mir zusetzen, vielleicht meinem Vetter Philipp heimtückisch Stücke deutschen Landes verheißen. Er hat Spanien aufgeregt; ein schrecklicher Dämon lebt in ihm.«

Ohne sich zu rühren sagte matt Eggenberg: »Bayern will uns in den Krieg für sich zwingen. Wir könnten es darauf ankommen lassen; Spanien kann von uns nicht lassen.«

»Wie erschreckt Ihr seid, alter Freund! Dies ist noch nicht die stärkste seiner Künste.« Ferdinand lachte gutmütig. »Er hat uns in der Zwickmühle; er gewinnt, wie wir's auch anstellen. Er zwingt Euch, den Mund aufzureißen, während Ihr bei Tische sitzt, und Euch einen Zahn herauszuziehen. Ich fürchte ihn nicht, ich kenne ihn ja. Er ist so ungebärdig von Haus aus; Ihr sitzt vergnüglich auf Eurer Bank und er kommt, bittet nicht etwa um eine Krume Brot, sondern um Eure Schuh, Euren Wams Hut Kette Degen, alles auf einmal. Es ist seine Art. Ihr dankt ihm dafür, daß er den Kopf nicht mitnahm.«

»Die Konferenz bei der Infantin werden Eure Majestät beschicken müssen, ich sehe es schon. Soweit hat Bayern auf diesen Schlag gewonnen.«

Wieder lachte Ferdinand gutmütig und schüttelte sich: »Und das Weitere wird ihm ebenso zufallen. Das gemeinsame Defensionswerk wird ihm gelingen; wir werden neben ihm fechten und uns dazu Stücke aus unserem Fleisch schneiden. Und damit sind wir noch nicht am Ende.«

»Verhüt' es Gott, verhüt' es Gott.«

Langsam stand der Kaiser auf: »Helft mir parieren, Eggenberg; beten kann ich selber. Rat, Eggenberg, Entschluß, Kraft, Kraft. Ah Dighby: wie ich zu ihm sagte: in die Knie, in die Knie, so ist's recht.«

Er legte beide Arme auf Eggenbergs zarte Schultern, sanft sprechend: »Denkt, Eggenberg, Ihr sollt die Kraft sein, die mir helfen soll.« »Vergebt mir,« sagte er nach einer Weile auf den traurigen Blick, »ich grolle Euch gewißlich nicht.«

* * * * *

Sie schickten aus Wien fort eine finstere zorndrohende Gesandtschaft nach Brüssel; aber sie stießen auf die grauhaarige spanische Infantin, die nicht einmal der Höllenhund unsicher gemacht hätte. Sie war stark in ihrem Glauben und unerbittlich in ihren Ansprüchen, dabei biegsam wie der Wind und gefügig, sich in die feinsten Spalten einzuschleichen. Der Bayer und der Österreicher begegneten sich auf den Gängen ihres Palastes; dem Österreicher war der Zorn auf der Stirn eingetragen, der Bayer wich ihm aus.

Die Infantin trug einen mächtigen weißen Krausenkragen um den dünnen Hals, die braune engärmelige Jacke zeigte ihren mageren sehnigen Arm, sie ging mit kleinen Schritten über den Teppich der Geheimratsstube, der rote weite Rock bewegte sich um sie nicht. Sie setzte sich hochstirnig auf ein niedriges Podium; auf dem grauweißen Haar hatte sie einfachen schwarzen Filzhut mit Reiherfedern. Sie trug dem Gesandten des Kaisers vor, wie arm wehrlos und machtlos das Heilige Römische Reich sei, wie verschuldet der Hof sei bei diesen Ämtern, diesen Staats- und Privatpersonen, wieviel Regimenter noch abzudanken seien und nicht abgedankt werden könnten, so daß der Gesandte nicht faßte, woher ihr diese einzelne Kenntnis kam. Sie stellte Spaniens Macht und dauernde Einkunft daneben; schloß lächelnd stolz: sie wolle für den kommenden Krieg gegen die voraussichtliche Koalition der Katholischen sechstausend Mann, achtzehn Reiterfähnlein, sechs Geschütze stellen.

Der verwirrte prunkvoll ausstaffierte Mann verneigte sich nur, hervorstoßend, daß er davon Bericht nach Hause machen werde. Die Infantin wiederholte ihre Worte, noch freudiger; und stand, nachdem sie ihm mit den Augen zugewinkt hatte, rasch auf; man riß die Tür vor ihr auf.

An den nächsten Tagen umgingen den Österreicher hochmütig die niederländischen und spanischen Diplomaten; es war keine Rede von den schwebenden Geschäften, wie auf Verabredung; man beobachtete ihn freundlich; der Gesandte mußte sich vorsehen, nicht irgend jemand unversehens in seiner Gereiztheit zu überfallen. Er schickte seinen Kammerdiener aus, ein Hoffräulein der Infantin einzufangen, um von ihr Heimlichkeiten zu erfahren; er vermochte lange nicht den genauen Anspruch der Infantin zu ermitteln. Es schien ihm, als ob der Bayer sich über ihn lustig mache; der ging Arm in Arm mit dem Spanier; er stand allein. Eines Morgens wurde ihm durch einen Rat der Infantin die Frage gestellt, was das deutsche Habsburg den Spaniern böte, im Falle es sich am gemeinsamen Defensionswerk gegen die drohende Koalition beteilige. Ohnmächtig sah Graf Schwarzenberg wieder, wie man die Sache umkehrte, daß man um diese Hilfe ja nicht gebeten hätte, da man sich nicht angegriffen fühlte. Sofort fügte der Rat hinzu, die Infantin verlange ein Reichsverbot gegen die Holländer, mit Deutschland Handel zu treiben, Sperrung von Weser und Ems für sie; weiter einen Hafen am Belt. Soweit die Infantin von sich aus, für das spanische Niederland; er vermöchte hinzuzusetzen, daß Spanien alsdann dem Kaiser zur Seite treten werde mit dem niederburgundischen Kreis, daß es die Ächtung Hollands begehre, ferner noch etwas Besonderes. Dieses Besondere wollte der im übrigen sehr bestimmte Rat nicht äußern; er sagte, der fragliche Punkt sei nicht von Wichtigkeit im Augenblick; es ergab sich dann, daß Spanien strikte dem Bayern das Recht bestritt der Achtsvollstreckung gegen den Pfälzer; die Besetzung der Pfalz stünde Spanien zu und müsse Spanien eingeräumt werden.

Glückstrunken hörte der Österreicher dies; am nächsten Morgen wurde ihm durch die Infantin bei einer zufälligen Begegnung vor der Messe derselbe Bescheid; liebenswürdig streng, dabei eigentümlich kokett groß die schwarzen Augen aufschlagend, erklärte sie, sie hätte es mit ihren Räten weidlich erwogen; sie werde dem Kaiser helfen wie der König Philipp; sie könne aber von ihrem Begehren nicht abstehen.

Wie auf Sturmwolken rasten die Kuriere von Brüssel an den Rhein, jagten von Mainz nach Regensburg, wo sie sich einschifften, um dem Hofe diese freudige Mitteilung zu bringen, daß Spanien vom Kurfürsten Maximilian Mannheim und Heidelberg begehre. Es werde unmöglich sein, daß sich die beiden verbündeten. Eggenberg reckte sich, wie sich der Kaiser selbst reckte. Es war der alte Wunsch Spaniens, eine Verbindung von Süden her zu den Niederlanden zu haben. Eggenberg lachte befreit: »Wir werden die Pfalz dem Spanier versprechen.« Der kaiserliche Gesandte in Brüssel wurde nicht müde, die Wichtigkeit der spanischen und niederländischen Hilfe für den Kaiser zu betonen, er erwähnte die außerordentliche Bereitwilligkeit seines Herrn in eine Allianz mit Spanien und Bayern zu treten, damit den Ungläubigen der Fuß auf den Nacken gesetzt werde; auch werde eine Einigung über allen und jeglichen Punkt sicherlich zustande kommen; soweit er. Bezüglich der Kurpfalz verhehlte er nicht, daß sich die spanischen Wünsche nicht sehr von den deutschen unterschieden, es sei da leider eine Auseinandersetzung Spaniens mit dem derzeitigen Okkupanten des Landes, dem Kurfürsten Maximilian, vonnöten. Bayer und Spanier hatten von dem Tage an weniger Anziehungskraft füreinander; sie gingen mehr Arm in Arm, aber bald fest Degen gegen Degen.