Wallenstein. 1 (of 2)

Part 19

Chapter 193,656 wordsPublic domain

Als wenn ihn der Schwung der Ereignisse verjüngte, heiratete der Friedländer nach den Münzunruhen eine Tochter des Grafen Harrach, des kaiserlichen Lieblings, der neben ihm Güter gesammelt hatte und dem die Herrschaft Bruck an der Leitha, die Grafschaft Ungarisch-Altenburg zugefallen war, begann ein glänzendes Treiben zu Prag, er, Oberst und Gubernator im Königreich Böhmen. Unfaßbar wie ein Aal war er geworden. Der Umfang seiner Geschäfte, an denen sich die halbe Prager Judenschaft, große auswärtige Bankhäuser beteiligten, übertraf alles Bekannte. Man sah ihn hager, im roten Purpurmantel, darunter der einfache braune Lederkoller, täglich durch die Straßen der Altstadt reiten, von seinen Offizieren gefolgt. Mit ihnen pokulierte er, seine Gicht nicht achtend, in ihren Häusern, bramarbasierte, spekulierte. Die frechen Beutezüge, die Kriegsdrohungen des Mansfeld, der im Haag saß, waren das tägliche Gesprächsthema. Die Kriegsoffiziere drängten fort, wollten nicht versauern. Täglich schrien sie: »Der Mansfeld, der Mansfeld!« Sie hingen an ihrem Oberst, der sie mit reichem Geld überschüttete: »Sind wir nicht üppig genug? Müssen wir zurückstehen? Der Mansfeld rüstet wieder!« Lärmten täglich mehr, wollten ins Reich hinaus; bestürmten den Friedländer, der mit seinen listigen lautlosen Augen saß und nichts vernehmen ließ.

Ganz unvermutet erschien in München in der Residenz eine sonderbare kostbar gekleidete Deputation, von livrierter Dienerschaft gefolgt, geschickt wie sie sagte von einem mährischen Edelmann, der sich anheischig machte, dem Kurfürsten in den kommenden Kriegsnöten beizustehen mit einer großen Zahl Regimenter, wenn ihm, bei Treuschwur gegen den Kurfürsten, gewisse Selbständigkeit über seine Regimenter belassen würde. »Warum,« kam als Antwort zurück, »stellt sich der anonyme Herr nicht auf seine eigenen Beine? Will er ein Königreich gründen, kann er's besser ohne uns.« Das machte kein böses Blut in Prag. »Ein kluger weltkundiger Herr, der Bayer,« schwadronierte der Fürst: »hat er doch recht!«

Fing es auf andere Weise an; brachte die ihm unterstellten und von ihm ausgehaltenen Regimenter auf Kriegsstärke und höher, dann holte er seine Kriegsoffiziere zusammen, lieh ihnen Geld, hieß sie sich um Patente bewerben, die Regimenter hielt er wieder aus. Bald waren mit ihm versippt und verbrüdert die meisten Obersten in Böhmen und Mähren. Währenddessen war noch nicht verlautet, was er vorhatte; und unvermindert, ja heftiger trat das Drängen der Offiziere hervor, auf den Feind, der sich zusammenballte, loszuschlagen, fortzuhuschen aus dem verruchten kahlgefressenen Böhmerland. Raufbolde, italienische spanische Kavaliere, dreiste Spieler, Waghälse Trinker Duellanten um ihn, der stundenlang den Würfelbecher nicht aus der Hand gab, Rapiere vor Wut zerbrach, wenn er verlor, aus dem eisigen Berechnen, Belauern nicht herauskam. So groß war sein Anhang zwischen Elbe und Moldau, daß er jedem, der ihm widerstrebte, hätte den Garaus machen können, und weithin ruchbar, nicht verschwiegen wie das Münzkonsortium, war, wer in seinem Gefolge stand. Demonstrierend lud er seine Herren zu sich ein, und es fehlte keiner von den Machthabern des Landes. Die kaiserlichen Verwalter kamen hinzu mit der Pflicht, an diesem Tisch zu repräsentieren, um nicht ganz zu verschwinden.

Er fing an in aufsehenerregender Weise mit seinem Geld umzugehen. In seiner Stadt Gitschin setzte er ein Gymnasium hin, dazu in Kürze ein Alumnat, ein Armenhaus, Hospitäler, ein Kolleg für vierzig Jesuitenväter. Ließ verbreiten, daß er vorhabe aus Gitschin eine bischöfliche Residenz mit Kathedralkirche zu machen. Vom Wiener Hof hatte er erlangt, daß sein Fürstentum Friedland einen besonderen Appellationsgerichtshof erhielt; nahm in dem Land eine Reform von Verwaltung und Rechtspflege vor. Prunkend baute ihm Meister Andreas Spezza ein Haus am Fuß der Prager Königsburg auf dem Hradschin, wozu er sieben Häuser des Klosters Sankt Thomas und zwanzig Lagerhäuser niederriß. Man erzählte, daß er sich als Sonnengott oder römischen Imperator malen ließ.

Wie Wallenstein unbeschäftigt im Lande seine Hände rührte, träge wartend, umspielt von seinen Offizieren, belauert von den reichen Männern und Machthabern des Landes, näherte sich ihm die schwermütige weiche Figur Wilhelms von Slawata, seines Vetters. Dieser Mann, von Verachtung über sein Land geschüttelt, hatte Wallenstein zum Henker Böhmens erkoren, und wollte ihn bewegen, in zwei drei Jahren niederzustrecken, was gegen den Kaiser noch Widerspenstiges in Böhmen lebte. Dieser Mann aus edlem altböhmischen Geschlecht war zum kaiserlichen Beamten geworden, ohne einen Finger danach bewegt zu haben. Von der Universität und der Kavaliertour durch Oberitalien zurückkehrend wurde er Landschaftsoffizier, Vertrauensmann der Martinitz und anderer, die den Abfallbewegungen des Landes die Spitze boten. Slawata hielt zu ihnen, weil er den Tumult verabscheute. Neben ihnen ging er mit langen Schritten, schweigsam, ein schwermütiges dunkelgetontes Gesicht, starke braune Brauen, unter denen weite blaue Augen lagen, deren kalter Ausdruck gut stimmte zu dem breiten Mund mit den eingekniffenen Ecken. Immer standen senkrecht über der Nasenwurzel zwei tiefe Falten; die Stirn zog sich zu ihnen zusammen, sie verfinsterten das Gesicht und ließen nicht den Blick zu auf die schöne Schwingung der Kieferlinie und das Grübchen am Kinn. Er trug auf dem schultersinkenden dunkelblonden Haar ein schwarzes niedriges Samtbarett. Den fleischigen Hals trug er bloß; er bog leicht den Kopf wie lauschend nach vorn und nach links, während er das linke Auge halb zufallen ließ, das sich in der Spalte zitternd hin und her bewegte. Seine rechte beringte Hand, viel weißer als das Gesicht, hielt sich an dem Besatz des violetten schweren Mantels fest, dessen breiter kostbarer Hermelin seine weichen, teilnahmslos abfallenden Schultern überzog. Er war mit Wallenstein eins gewesen in den Angriffen auf das rebellische böhmische Volk; aber der Fürst schenkte dem Volk nicht die geringste Aufmerksamkeit, auch der Verachtung nicht. Slavata, sein Vetter im dritten Grad, verlangte haßvolles Einschreiten, Knebelung. Er liebte keine Frau und kein Kind, haßte nur Böhmen, weil ihn Rebellion anwiderte und die Rebellion ihn, als er sich gegen sie stellte, mit ihren schmutzigen Händen angefaßt hatte. Der Anblick der elf vermoderten Köpfe auf dem Brückenturm gab ihm nur geringe Genugtuung. Mit Freuden hatte er das Münzkonsortium am Werk gesehen, tief beglückte ihn der Zusammenbruch des Königreichs. Es mußte noch mehr geschehen, noch mehr. Um zu erfahren, was der Fürst triebe, besoldete er friedländische Kammerdiener; die belanglosen Sachen, die sie ihm überbrachten, regten ihn tief auf.

Er suchte den Fürsten in der Meierei Bubna bei Prag auf, konnte sein Herz nicht zurückhalten. Der Edle fiel den andern, der schläfrig schien, an, wie ein Ringer einen geölten Menschen, an dem er zu Boden stürzt. Ein kurzes Gespräch bebte zwischen ihnen. Wallenstein, mit ihm zwischen den Ulmen spazierend, mit dem Stock in dem hohen Herbstlaub wühlend, dankte apathisch; er maße sich nicht an, die kaiserliche Politik zu forcieren. Aber sie hätten gemeinsam dafür gekämpft und es hieße nur, den Kampf vollenden. »O,« blickte ihn spöttisch mitleidig der Fürst an, »was haben Euch die ärmsten Böhmen getan.« Er lachte kräftig. »Schneidet Euch ein Stück Speck aus dem Schwein, dann laßt es laufen!« Mit Schmerz gab der Graf nach einiger Überwindung zurück, der Fürst wüßte, daß Böhmen ihre Heimat sei, und daß man sie reinigen müsse von dem Gesindel, das sie besudele. »Ich bin nicht besorgt, vielleicht wendet sich der Herr an den Kaiser selber. Wir treiben nur unser kleines Geschäft, so tagaus, tagein.« Kräftig klopfte ihm Wallenstein auf den Arm, lud ihn ein, seine Gitschiner Ländereien zu besichtigen. »Der Herr Vetter trägt ja viel nach,« scherzte er unterwegs, »in dieser Weise wird er nichts vor sich bringen.«

Die furchtbare organisierte Macht des Mannes in Regimentern Städten Ländereien. Slavata mußte sie sehen, das Schwert eines hirnlosen Riesen. Bitter und falsch verabschiedete er sich in Gitschin vom Fürsten, der aus dem Befehlen Lärmen Hetzen nicht herauskam: er wolle zurück nach Prag, er sähe, daß er nichts vor sich gebracht habe. »Sei er mein Freund!« schrie der Friedländer hinter ihm her, der in schwelender Empörung noch in Gitschin den brillantenbesetzten Türkensäbel Wallensteins über eine Brücke ins Wasser warf, sich aus dem Wagen beugend, die Hände am Wams abreibend.

Slavata war es, der bei einem gelegentlichen Fest versuchend dem Fürsten, als wenn es nichts wäre, als wenn es ihm gelegentlich so einfiele, den Gedanken hinwarf: der Kaiser brauche Hilfe außerhalb Böhmens; wer reich genug sei, fände einen guten Augenblick; wie es wäre: Parteigänger des Kaisers zu werden? Wie der Halberstädter, der Bastard Mansfeld? Es könnte ein ruhmreiches glänzendes Unternehmen werden. Es war ein ungeheurer Gedanke, der ein paar Minuten ungesprochen zwischen ihnen schwebte; sie standen sich zwischen vielen Gästen vor Friedlands Fasanerie gegenüber. Das heisere Lachen des Fürsten darauf war unecht. Wie sich Slavata einen Augenblick umsah, merkte auch der Fürst, daß sich der Vetter vor ihm fürchtete, daß der Vetter fürchtete von ihm niedergestoßen zu werden, und daß er tatsächlich diese Absicht eben gehabt hatte. Niederstoßen, weil dieser Slavata etwas gegen ihn plante. Eben erst sah er es. Das flimmerte weiß und rot durch ihn, und dann hatte sich der schöne Slavata, kopfsenkend mit bösem Blick, sehr rasch unter die übrigen gedrängt. Es roch hinter ihm nach Parfüm.

Der Augenblick war verpaßt. Erstaunt überlegte Wallenstein, wie man diesen Mann rechtzeitig beseitigte, der sinnlos etwas gegen ihn vor hatte. Der andere, seine Furcht bezwingend, war durch den Garten, das Haus gelaufen; es war erwiesen: der Fürst wollte zum Kaiser; das Tier wollte weiter raffen scharren schlucken gewinnen; es war ein Tier. In heftiger Traurigkeit sank er auf das Polster seiner Sänfte. Er hatte dem Fürsten sein Geheimnis entrissen; wie ein Hund mit dem Knochen lief er davon. In unfaßbarer Weise reizte es ihn, wühlte ihn mit Schlamm auf. Im selben Augenblick wie Friedland wußte er von seinem Haß.

* * * * *

Zurückgeworfen nach Wien konnte Gurland, der sich schwer erholte, der bedrückte einsilbige Meggau nur auf Liechtenstein und Michna, die nicht hoch gewertet wurden, und auf den Friedländer hinweisen.

Bei seinem Namen hob selbst Eggenberg, der zu dem böhmischen Unwesen geschwiegen hatte, abwehrend die Hände: »Sie haben ihn den Unmenschen zu Altorf auf der Universität geheißen. Welcher Praktiken sich der Oberst bedient, wissen die Herren.«

Eggenberg ließ sich zu der Frage hinreißen, ob die böhmische Fäulnis über alle Erblande verbreitet werden solle. Man werde einmal aufdecken müssen, wie die Herren vorgegangen seien und was sie an dem Kaiser gesündigt hätten, wenn sie auch titelgesegnet seien. Und Meggau stimmte traurig bei, es sei schmählich, ja scheußlich, diese Herren anzugehen.

Ungeduldig drängte der Abt, der beim Kopfschütteln blieb: »Gebt Rat, gebt Rat.«

Verbissen stand der sanfte Fürst Eggenberg auf; so wolle er lieber bei der Stadt Venedig betteln als bei dem von Wallenstein. »Wer wandert nach Venedig?« lächelte der Abt mit unbeirrtem Ernst.

»Judäa wird Germanien heißen und nicht anders,« wanderte der Fürst im Saal.

Abt Anton zuckte die Achseln.

Meggau sagte mitfühlend: »Er ist Euer Verwandter, Fürst Eggenberg, vielleicht haltet Ihr ihn im Zaume.«

»Er ist ein Bösewicht, in Böhmen hartgesotten, ich sage es den Herren und sie werden einmal daran gedenken; und wir legen uns alle in seine harten Hände. Er ist Katholik, aber nur er weiß, zu welchem Ende er zu dem wahren Glauben übergetreten ist. Er hat den Satan in sich, Ehrwürden; ich meine es beinahe nicht figürlich. Darum ist er wütend vor Tapferkeit, darum wirft er sein Geld hinaus, weil es doch wieder zu ihm zurückläuft. Darum ist er ohne Erbarmen, eine Furcht für alle, die ihn kennen.«

»Ihr seid sein Verwandter.«

»Ach Ehrwürden, zu seiner Großmutter ist auch der Gottseibeiuns zahm und liebenswürdig. Ich bin nicht stolz auf ihn.«

»Ich hör' es, Fürst Eggenberg. Wie will aber Eure fürstliche Gnaden das erzherzogliche Haus erhalten, die Armee stützen und vergrößern. Wir verhoffen doch, Eures Satans Herr werden zu können.«

Der Fürst lachte bitter: »Ihr!«

Als Wallenstein sondiert wurde, geschah das, was in der Tat nur Eggenberg vermutet hatte: er gab eine geradezu abenteuerliche Summe an, die er in Kürze dem Kaiser vorstrecken würde. Es zeigte sich, daß ihm das Geld nichts bedeutete, und daß er dem Kaiser mit aller Habe ergeben war. Der Oberst ließ sich nicht beirren durch das zaghafte Verhalten seiner ehemaligen Konsorten. Es erwies sich bei dieser Gelegenheit für die Herren seines Verkehrs zum erstenmal schneidend, daß er offenbar für ihre Existenz kein Gefühl hatte und ihre Ermahnungen gar nicht in Betracht zog. Ihnen grauste davor, daß er sich so exponierte; sie fürchteten alle wieder für sich selbst.

Michna warf sich hündisch an ihn heran. Ihm imponierte die unverständliche Art, mit der Wallenstein den von Wartenberg behandelt hatte, diese Härte, die sich hätte vermeiden lassen; Wartenberg war Volksgenosse des Fürsten, hatte nichts rechtlich verschuldet, man hätte mit ihm über die Grundstücke verhandeln können. Der Oberst war reich genug, statt dessen zog er nur die Folgerungen aus der Situation. Michna, der neugierig den Gang dieses Prozesses verfolgte, fand den Oberst verblüfft über die Frage, warum er den von Wartenberg nicht schone oder glimpflich behandele. Ja, warum? Warum sollte er das? Sei er denn ein Kind oder ein Dummkopf? Was möchte wohl einer von ihm denken: er sei im Vorteil und ließe ihn aus den Händen? Sein Volksgenosse, gewissermaßen sein Verwandter? Michna sollte sich nicht lächerlich machen, sie seien von Adam und Eva her allesamt verwandt. Und Michna fiel in das schallende Lachen des Soldaten ein, freute sich über dessen festes Auge und das folgende Gespött über das Prinzeßchen Sabine.

Verängstigt lief Michna zu seinem Todfeind, dem Judenprimas Bassewi; aber sonderbarerweise wußte auch der nichts von den Einzelheiten. Bassewi war offenbar ebenso beunruhigt über Wallensteins Vorhaben wie sein Gast; sie suchten sich gegenseitig auszuhorchen, trauten sich zum erstenmal. Michna schüttete dem Juden sein Herz aus: ob der Oberst etwas gegen ihn plane. In dem alten Juden, der an Wallenstein hing, regte sich eine Spur Mißtrauen, das er auch gegen seinen besten Klienten nicht los wurde, weil er ein Christ war. Wie plante Wallenstein jene ungeheuerliche Summe flüssig zu machen, von der er zu den Wiener Vertretern gesprochen hatte. Wen hatte er im Hintergrund. Neue Rebellenopfer gab es nicht mehr. Vielleicht die Judenschaft, deren Geldverhältnisse er gut kannte, vielleicht plötzlich Front gegen seine ehemaligen Konsorten, Liechtenstein oder diesen Michna. Man konnte nicht wissen, wessen man sich von ihm zu versehen hatte. Michna spionierte; er stellte fest, daß Wallensteins Agenten draußen im Reich herumreisten, zu erkunden suchten, wie groß die feindlichen Heere seien, wo die Musterplätze, wieviel Sold man bot. Es konnte alles nur bramarbasierendes Geschwätz des Obersten gewesen sein, den es im übrigen nach Kriegsehren gelüstete.

Zum zweitenmal fuhr Graf Meggau, der Obersthofmeister, nach Prag, das Terrain zu sondieren. Wallenstein tat, als erinnerte er sich seines Vorschlags gar nicht, schien zurückziehen zu wollen, kam unversehens damit heraus: welche Sicherheit ihm vom Kaiser geboten würde. Meggau war überrascht; das war sonst nicht die Art des Fürsten. Im übrigen zeigte es sich, daß Wallenstein kein Interesse etwa an der Verpfändung eines Landstücks hatte; er erklärte, die Regierung und planmäßige Bewirtschaftung seines Areals genüge ihm völlig. So war die Situation völlig unklar.

Meggau, im dunklen Gefühl, hier noch nicht zu Ende zu sein, reiste nicht ab. Der Fürst erklärte, prüfend den wächsernen eleganten Grafen betrachtend, eines Morgens, er werde für den Kaiser fünf sechs Regimenter anwerben, sie installieren und ein Jahr aushalten. Bassewi, Michna fuhren zu dem Fürsten, boten sich ihm an; der Kaiser sei wieder in Not. Friedland schien übellaunig; dann erklärte er höflich undurchdringlich, er werde dem Kaiser als Soldat dienen; wenn es sein sollte, würde er drei Regimenter aufstellen und unterhalten. Bassewi schüttelte den Kopf; wie man sich in Menschen täuschen könne; Michna kam aus der Flauheit nicht heraus.

Es waren kaum zwei Tage vorbei, daß Meggau strahlend bei de Witte eintrat, der mit Michna und Bassewi über eine Transaktion zugunsten des Kaisers verhandelte und ihnen, stehend, die Arme verschränkend, die abenteuerliche Mitteilung machte: Wallenstein habe ihm formell, erst schriftlich, darauf mündlich den Vorschlag gemacht, er werde dem Kaiser eine ganze Armee aufstellen. Eine ganze Armee.

Der plumpe Michna faßte sich zuerst; wenn Wallenstein dies gesagt hätte, ob es nicht Abend gewesen sei bei einem Gelage, oder ob er nicht vorher seinen Wutanfall gehabt hatte. Dann sei alles denkbar.

Meggau, rosig angeglühte Backen, bat um Wein, wiederholte, daß Wallenstein sich in Ruhe mit ihm auseinandergesetzt hatte, so wie sie jetzt; daß er zahlreiche Pläne und Berechnungen vor sich gehabt hatte, daß er ihn durch seinen Kanzler Elz habe zu sich einladen lassen; näheres wolle der Fürst erst später von sich geben.

Die drei Herren in der Gaststube sahen sich an, suchten in ihren Augen:

»Woher hat er das Geld?« In diesem Augenblick hatten sie alle drei Furcht und waren bereit, sich gegen Wallenstein zusammenzuschließen.

Bassewi sagte vorsichtig: »Eine Armee ist keine Kleinigkeit; mit einer Armee kann man viel Unglück anrichten. Wer Soldaten hat, hat die Macht.« De Witte, mit den Fingern spielend, beruhigte sich: »Wallenstein ist treu gegen seine Geschäftsfreunde. Er ist der zuverlässigste, klügste Herr, der mit mir gearbeitet hat.«

»Ist er,« lachte herausfordernd Michna; »aber er war auch einmal gegen Smirsitzky, sein Mündel, untreu.«

»Das alte Lied«, schüttelte de Witte den Kopf.

Michna bekam grelle Blicke, schrie: »Herr Graf Meggau, Ihr vertraut dem Obersten Wallenstein so blind. Hat er Euch verraten, woher er das Geld nehmen will, um den Kaiser zu bezahlen, um ein Heer auf den Fuß zu stellen. Rechnet Euch aus: was kostet eine Kompagnie, Anrittgeld, Laufgeld, Equipierung, Proviant, ein Regiment, Berittene, fünftausend Mann mit Bagage, Artillerie, Brückenzeug, zehntausend Mann, zwanzigtausend. Dann Werber, Werberlöhne, Beamte, Zahlmeister, woher nimmt er das Geld?«

»Ich hab' ihn nicht gefragt,« schluckte der Graf augenschließend an seinem Sektbecher, »dies alles ist eben seine Sache. Die Römische Majestät wird auch nicht danach fragen. Uns liegt daran, daß er sein Wort hält.«

Bassewi: »Hat er sein Wort gegeben?«

»Es schien mir so. Er sagte, es würde an ihm nicht liegen, wenn aus dem Plan nichts würde.«

Bassewi hob den Finger zu den beiden andern: »Er hat's versprochen.«

Wütend kippte der Serbe seinen Schemel: »Das ist es. Er verspricht, und niemand fragt, wie er's halten wird. Er kann es nicht halten, ich sag' es, er kann es nicht halten. Es ist über die Möglichkeit.«

»Herr Michna,« flüsterte bedenklich Bassewi, »er hat es versprochen. Der Friedländer redet nicht in den Wind. Wenn er es gesagt hat, hat er es gesagt.«

Michna brüllte: »Und er verspricht es und wir müssen es halten. Die Majestät fragt nicht, woher er es hat. Warum spricht er nicht mit uns? Ich war täglich bei ihm. Keine Silbe hat er erwähnt. Ist das geschäftliche Treue, Bassewi? Ich will wissen, von wo er bezahlen wird.«

»Weiß man von solchen Herren, wenn sie im Vorteil sind,« hielt ergeben Bassewi hin, »was sie mit einem vorhaben. Kann man doch nichts weiter tun, als sich gut mit ihnen stellen.«

»Nicht aus meiner Tasche«, schäumte der Serbe. »Ihr hört es, Graf Meggau: bleibt es dabei, was der Friedländer versprochen hat, stellt er eine Armee auf, so ist am gleichen Tage mein ganzer Besitz, fahrend und liegend, Eigentum des Kaisers, der Hofkammer, mit der ich verhandeln werde, was ich für Ergötzlichkeit erwarte. Hört Ihr.«

»Gewiß,« lächelte Meggau, »wir wußten immer, daß Ihr dem Hause Habsburg zugetan seid.«

Michna flammte: »Er soll nicht sagen, er habe für den Kaiser gearbeitet und wir für uns. Ihr habt es gehört, Graf Meggau. Es bleibt, wie ich gesagt habe, und diese Herren sind Zeugen, daß ich nichts besitze von dem Augenblick an.«

»Ich hab' es gehört und wir sprechen später davon.«

»Es ist geschehen, ich nehme nichts zurück.«

Erschöpft plumpste der Serbe auf einen Schemel, sah wirr und drohend die Herren an, mit Genugtuung schlug er sich auf die Brust, stöhnte: »So.«

De Witte klopfte ihm auf die Schulter: »Habt keine Furcht; er nimmt Euch nichts, der Friedländer.«

Der Serbe atmete ruhiger: »Nun kann er kommen.«

Den Juden berührte de Witte am Kinn: »Was werdet Ihr tun, Bassewi?«

»Wallenstein ist ein kluger Mann, habt Ihr selbst gesagt. Er wird nicht den Krug zerschlagen, aus dem er oft getrunken hat. Er wird wissen, man hat noch öfter Durst.«

De Witte sann nach: »Ich möchte Euch bitten, Graf Meggau, bevor Ihr etwas Bindendes eingeht mit dem Friedländer, wollet Euch mit uns verständigen. Vielleicht können wir Euch nicht weniger leisten; bitter wird es uns angehen; aber wir möchten nicht zurückstehen, wenn das kaiserliche Haus bedroht ist.«

* * * * *

Die beiden Unterhändler, Meggau und Harrach, erschienen in Wallensteins Palast; in seinem prächtigen Palmengarten spazierend, hatten sie mit dem Mann eine kurze Unterredung.

Wallenstein fragte, ob der Fürst, dem zur Aufstellung des Heeres Gelder mangelten, der Kaiser und Römische Majestät sei.

So wolle er den Grafen Harrach, seinen Oheim, fragen weiterhin, ob der drohende Krieg im Namen des Kaisers geführt werden solle, vom Kaiser als Kaiser oder wie sonst.

»So möchte ich«, schwang Wallenstein sein spanisches Rohr, »wissen, woher der Kaiser die Mittel für diesen Krieg nimmt. Nach der Aufstellung der Armee. In welcher Weise gedenkt er die Eintreibung des Kriegsbedarfs zu regeln?«

Meggau erklärte unruhig, der Herr irre sich; er kenne vielleicht die Stände des deutschen Reiches nicht. Sie werden keine Steuern zahlen zur Erhaltung des Heeres.

»Graf Meggau mißversteht mich. Ich sprach nicht von den Ständen. Die Armee wird vorerst von mir aufgestellt und alsdann von den Reichslanden ernährt, da sie eine kaiserliche Armee ist.«

»Die Länder, wir schweigen von der Rechtslage, werden nicht zahlen.«

Wallenstein trat erstaunt zur Seite: »Ja, woher weiß das der Herr?«

»Weiß der Herr es anders?«

»Ich bin Soldat. Ein Dorf, ein Markt, ein Bauernhof zahlt sofort, wenn ein Fähnlein erscheint; eine Stadt, ein Kreis, ein ganzes Land zahlt, wenn das Heer ausreichend groß ist. Fragt die Obersten Kolloredo, Braunau. Fragt Böhmen. Fragt die Oberpfalz, die Rheinpfalz.«

»Wäre Euer Liebden ein anderer, würde ich glauben, Ihr habt nicht gut einige Tatsachen im Kopf. Böhmen war ein besiegtes Land, die Pfalz ist erobert. Der Kaiser führt nicht Krieg mit dem deutschen Reich.«

»Was meint der Herr damit?«

»Daß Euer Liebden nicht glauben müssen, das deutsche Reich sei Böhmen und der Kaiser hätte Befugnis mit Reichslanden, friedlichen, ebenso umzuspringen wie mit diesem.«

Die Wut in Wallenstein. Sein gelbes Gesicht vibrierte. Er warf den Degen auf eine Kredenz, die mit Bechern und Kannen im Grünen stand: »Wollen die Herren etwas von mir, oder ich von Ihnen? Wagt der Graf Meggau mich zu kujonieren?«

Graf Harrach beruhigte den schwer erschreckten anderen, der ratlos stehenblieb.

»Trinkt, Herren.« Wallenstein drängte ihnen Weinbecher auf. Mit starren Blicken auf Meggau hielt Wallenstein das silberne Gefäß, schluckte langsam, preßte die Flüssigkeit, als ginge sie nicht durch den versperrten Schlund.