Part 18
Das Dokument mit dem Zeichen Ferdinands gab mit langem Arm stumm Liechtenstein dem Sprecher der Herren zur Einsicht. Er machte eine weite Abschiedsbewegung mit Öffnung der Hände. Die Herren, lippenkneifend, die Augen verschleiernd, verbeugten sich tief. Unter denen, die sich am tiefsten verneigten, war auch der schönlockige Slavata.
* * * * *
In der Synagoge saß Bassewi mit fünf alten Männern der Gemeinde zusammen. Er hatte ihnen lange zugehört; er riet so viele Gelder aufzubringen für den Kaiser, wie sie ohne Schaden vermöchten; mit Böhmen sei es zu Ende; sie müßten, müßten. Die anderen wackelten sorgenvoll die käppchenbedeckten Köpfe; einer sagte gegen seine Füße: »Prag hat reiche Leute und schöne Giebel. Aber eines Tages wird es uns gehen wie der Verwandtschaft in Frankfurt, wenn wir zu stolz sind. Man wird uns auf dem Friedhof zusammenjagen, unsere jungen Leute werden sich an den Türen für uns und unsere Weiber totschlagen lassen, ein Trompeter wird blasen und uns über die Brücke zur Stadt hinausführen.«
Ablehnend hob ein anderer die Schultern: »Und wie lange sind die draußen geblieben? Wie lange hat der grausame Lebkuchler, der Fettmilch, Giftmilch sollt er heißen, triumphiert gegen den Kaiser Matthies? Waren's zwei Jahre, waren's drei Jahre. Dann ist wieder der Trompeter dagewesen, hat vor der Stadt geblasen, durch alle drei Tore sind die Verwandten wieder in die lieben Häuser gezogen.«
Bassewi lächelte fein: »Die Kalvinischen, Reformierten und wie sie sich nennen, sind heraus aus dem schönen Land; ist Platz im Land geworden. Man kann sich gut ausdehnen; ich denk, wir werden nicht immer in der Stadt in einem schmutzigen Winkel in der Finsternis sitzen wollen. Sie haben um ihres Jesu willen die Christen herausgejagt mit großen Hunden und mit den Dragonern des bösen Wolfsstirn; warum sollen sie nicht um desselben Jesu willen uns hereinlassen?«
Einer der Männer machte ein mitleidig spöttisches Gesicht: »Möglich wär's.« »Möglich ist's,« lehrte Bassewi, »sicher ist's, sie tun's.«
Der von Fettmilch erzählt hatte summte, mit dem Kopf unzufrieden wackelnd: »Und lassen sie uns herein, so lassen sie uns herein. So geh' ich doch nicht herein. Laß sie in ihrem Land sitzen und sich wohlfühlen. Es ist uns nicht beschieden, uns hier anzusiedeln. Werd' ich mich versündigen an Gottes Wort und mein Glück im Lande Böhmen suchen. Was steht geschrieben vom Lande Böhmen? Wo steht etwas geschrieben vom Lande Böhmen? Nirgends. Werd' ich ein alter Narr sein, aus meinem Haus gehen, mich in Böhmen ansetzen.«
Sein Nachbar: »Und wie lange denkst du und deine Kinder hier in der Finsternis zu sitzen?«
»Solange wie Gott will. Was werd' ich fragen? Ist doch alles klar für uns Juden. Wird es heißen, wir sollen wieder das Bündel schnüren, nach Jerusalem wandern, gelobt, gelobt sei unser Herr --, so werd ich's tun. Wird es nicht so heißen, werd' ich sitzen bleiben und werd' wissen, ich muß doch warten.«
»Und deine Kinder, Moses?«
»Was ist mit meinen Kindern? Sie sollen tun wie ich. Sie werden Geduld haben. Der Herr vergißt uns nicht. Sie werden nicht dicke Christen werden und sich mit Gesindel vermischen.«
Bassewi blickte lange vor sich hin: »Der Herr segne deine Geduld, Moses. Ich meine, wir werden nicht vergessen, an den Herrn zu denken, wenn wir im Licht sitzen mit unseren lieben Kindern und Enkeln und mit unseren Weibern und allen Verwandten. Wir werden fröhlich sein und doch an Gott denken.«
»Wer wird fröhlich sein, zwanzig Jahr, dreißig Jahr, und an Jerusalem denken. Bassewi, du bist ein kluger Mann, unser klügster und tüchtigster, bist auch unser Richter und Vorstand. Aber glaube mir: gehen sie hinaus in die Stadt oder aufs Land unter die Christen, so sitzen sie im Licht, aber sie werden kriechen vor dem Christ, um ebenso im Licht zu sitzen wie er, und sie werden sich schämen, beschnitten zu sein. Möchten lieber mit Wasser begossen sein und Judäa, ach, das werden sie verkaufen für ein kleines Dorf in Böhmen.«
Sie seufzten zusammen. »Was meint Ihr,« sang Bassewi, »wenn wir wollen, können wir vom Kaiser einen Brief bekommen, daß wir Handel und Handwerk treiben auf dem Land, auf den Dörfern, an den Märkten.«
Laut weinte plötzlich der am äußersten auf der Bank sitzende alte Mann auf: »Wenn ich das noch sehen kann für meine Kinder! Bassewi, was sollen unsere Kinder Euch Liebes tun.«
Als die Judenschaft Prags eine riesige Summe Geldes dem Kaiser vorgestreckt hatte und ihr durch besonderen Gnadenerlaß gestattet wurde, sich in Böhmen anzusiedeln auf Märkten Städten Dörfern Flecken, wo sie wollte, um Handel und Gewerbe zu treiben, erzitterte der böhmische Volkskörper, eine weißglutende Stange bohrte sich in sein Fleisch. Dies war der größte Schimpf. Nun sollten sie die Bösewichter und Verbrecher unter sich dulden, deren Nährmutter das böse Schwein war, die mit dem Wucherspieß liefen, die das Kreuz schändeten, denen die Falschheit auf der Stirn stand. Ausgesogen das Land; nun sollten sie sich nicht einmal ruhig in ihrer Bettelarmut hintrollen dürfen. Der Giftmord sollte über den reinen Boden des Märtyrers Johannes Huß spreizbeinig spazieren, der Brunnentod. Die Sieger hatten dies getan. Wessen sollten sich unschuldige Säuglinge und Kinder versehen von dem übergegorenen Haß dieser Spinnen, dieser uranfänglichen Malefizer. O wie sie sich wanden.
* * * * *
Die Welle der Kaiserlichen und Ligisten wühlte sich in ihr Bett. Ersäuft unter ihrem Bauch das Wahlkönigreich Böhmen, die Pfalz; der Bund der Fürsten zerdrückt, sein Haupt, der glanzvolle Friedrich, über die französische Grenze geschleudert. Steinern die katholische Macht vom Main bis zur Adria. Truppen hatte der Kaiser in Böhmen, Mähren, Elsaß; Heere hielten am Rhein, Neckar, in der Oberpfalz.
Vierzehn Regimenter zu Fuß, sechs zu Pferd standen für die Liga, gefürchtete Regimenter: Herbersdorf, Graf zu Fürstenberg, das gräfliche Zollersche, Altringische, Pechmannsche, Schönberg, Lindlo, de Maestro, Erwide, Einnaten, Desfours, Kratz, Pappenheim; Infanterie Anholt, Herliberg, Schmit, Mortaigne, Truchseß, Heimbhausen.
Wie sich der übermächtige Sieger bedrohlich reckte, erstickend über sein Opfer fiel, ging der englische König Jakob mit sich zu Rat. Mit Dighby, dem verbrühten bösen Lord, fuhr der Prinz von Wales, Karl, heimlich nach Spanien. Prinz Karl sollte um Donna Maria, die Infantin werben; so wollte der spintisierende Graukopf vom spanischen Habsburg auf das österreichische Habsburg drücken, daß es den Pfalzgrafen wiederherstellte. Alles sollte ausgeglichen werden durch eine Heirat. Und dann spann er das schläfrige Märchen, gab es den beiden über das Meer mit: der älteste Sohn des Pfälzers solle am Kaiserhof erzogen werden, die Tochter des Kaisers solle ihn heiraten, dann solle er den Kurhut erhalten, spätestens nach dem Tode Maximilians und wieder im schönen Heidelberg am Neckar residieren. Dem König war katholisch wie lutherisch, jeder sollte etwas abgeben, es war alles so leicht.
Das Volk in England raste, als es von dem bald mißglückten Ehevorschlag des Königs Jakob hörte; mit Steinen wurde Dighby und der Prinz empfangen, als sie in Southampton landeten. Tief verblüfft sagte der König: »Ich habe meine helle Freude an dem Volk. Wie hat es das gemacht! Steine auf meinen Gesandten, auf meinen Sohn! Es hätte nicht viel gefehlt, so hätten sie mir den Kopf abgeschlagen. Es steckt doch viel in den Briten.«
Er knurrte vergrimmt: »Sie nehmen ein schlimmes Ende; dumm sind sie, sie sind dumm. Mit dem Protestantismus allein kommt man nicht durch die Welt.« Er war schwer enttäuscht; hinter allen Widerwärtigkeiten steckte der ekle elegante Springer Buckingham; Prinz Karl sollte ihn scharf beobachten und bei Gelegenheit beseitigen lassen.
Stolz rollten die Reden im Parlament: »Der Katholizismus hat gewettet in zwei Jahren alles wiederzugewinnen, was er in hundert verloren hat. Rettet Böhmen! Rettet das Land des Huß!« »Man schickt eine Britin, die Tochter des Königs, nach Deutschland und läßt es zu, daß sie ihres kalvinischen Glaubens wegen von Hof und Herd gejagt wird.« »Die Götzendiener kommen in Rudeln; sie wollen von Spanien übers Meer. Man will sie noch locken. Schlagt die Ratten tot.« »Der König verrät uns. Er kann seine Tochter schänden lassen, er darf einer Britin nicht den Rechtsschutz verweigern.« »Das neue Indien! Die spanischen Bekehrungen! Inquisition! Rettet Böhmen!« »Die deutschen Protestanten sind feige. Wir müssen ihnen zu Hilfe kommen.« »Der König verrät uns. Die Stuarts sind Papisten. Buckingham verrät uns.«
Es war in den letzten Wochen König Jakobs, wo der Prinz Karl stundenlang an seinem Bett saß, aufmerksam zuhörend; die einzige Stimme, die ihm riet, die bald auch nicht mehr sprechen würde. König Jakob sagte: »Mit Brechen geht's nicht gegen Habsburg, mit Biegen geht's. Laß dir sagen: wir können vorerst nichts weiter als klug sein.«
Der Tod drückte gewaltsam seinen Kopf in das Kissen. Zuerst schickte König Karl Freiwerber nach Frankreich, dem wildesten Feind des habsburgischen Spaniens, um Henriette Marie zu holen. Auf Schloß Hamptoncourt hielten sie Hochzeit. Bald waren die Schiffe gerüstet, die Spaniens Seemacht brechen sollten. Lachend legte Buckingham der junge König, hochgezogene starke Augenbrauen, schultertiefes lockiges braunes Haar, kurzer Spitzbart, grauer Hut mit weißer Feder, die Hand auf den Mund, als er sprechen wollte: »Wir denken nach, dann sprechen wir, dann sprecht Ihr.« Buckingham, der schön parfümierte Mann, mit Schleifen behangen, die Brust mit Liebesbriefen gepolstert, der blasierte Volksverächter, erblich tief, dann begriff er, äußerte: »Die Protestanten müssen zusammenhalten. Böhmen muß gerettet werden.« Karls Blick flammte; er möge sich nicht gehen lassen; Spanien sei zu bekämpfen, wüßte er das nicht? Müßte man nicht auch gegen Spanien kämpfen, wenn es protestantisch wäre? »Wir müssen es, und wenn es unser Leben kostet.« Vorsichtig fühlte Buckingham vor: »Das Volk will Krieg wegen Böhmen. Das Parlament nennt uns Papisten, weil wir Deutschland im Stich lassen.« Die Antwort kam, wie er gewünscht hatte; dem Volk stopft man das Maul, das Parlament findet Platz im Kerker.
Die Schiffe stachen in See gegen Spanien. Das Parlament bewilligte die Mittel.
Als aber die Notschreie aus Böhmen, aus der Oberpfalz kamen, wurden unter dem Drängen des Volkes Subsidien für den Festlandskrieg bestimmt. An den rastlosen unbändigen Teufel, den Bastard von Mansfeld gingen sie; er zappelte in Holland, warb Truppen. Er sollte Böhmen retten.
Im Westen lagerte Frankreich. Sein König Louis der »Allerchristlichste«, sein Land altgläubig. Sie kauten an ihren Neugläubigen, die Hugenotten hießen, rebellisch und stark in Larochelle Stimes Sedan saßen. Ein Mann kam auf, Richelieu, Kardinal. Er wurde in den Conseil berufen; den, der ihn hineinberufen hatte, schickte er in die Bastille. Den Vernichtungskampf gegen die rebellischen Hugenotten leitete er ein; inzwischen gab er dem neugläubigen England Gelder, um Spanien zu schwächen. Er gab dem Krüppel Mansfeld Geld gegen den Kaiser. Die Schreie der Böhmen, der Vertriebenen, der ängstlichen protestantischen Stände vernahm er mit Vergnügen. Es gab nichts, woraus er nicht Gewinn ziehen konnte; fast hätte Richelieu dem Kaiser Geld angeboten, um den Stachel noch tiefer zum Bohren zu bringen. Er hatte wandernde Gesandten, die die Finger in die Wunden Deutschlands und sie zum Eitern bringen mußten.
Und wie sich der übermächtige katholische Sieger bedrohlich reckte, erstickend über seine Opfer herfiel, fuhr der Schrecken in die neugläubigen Länder zwischen Weser und Elbe vor ihrem nahenden Schicksal. Magdeburg und Halberstadt waren leckere Braten, zwei Erzstifte, dreizehn Bistümer und Abteien; der niedersächsische Kreis war auf seiner Hut. Und als sie sich einen Kreisobersten wählen mußten, fiel ihr Auge auf den, dessen Heeresmacht manche ihrer Städte genugsam verspürt hatten. Der starke Däne sagte nicht nein; die deutschen Händel behagten ihm. In seinem Reichsrat saßen Christian Frießen zu Borreburg als Kanzler, der verwegene Magnus Uhlfeld zu Sielsva als Reichsadmiral, Jakob Uhlfeld zu Uhlfeldsholm, Breida, Rankamen, Stephan Brahn zu Kundstrap; sie gewährten ihm vier Tonnen Gold zu Rüstungen; schrieben nach England und Holland, an Mansfeld.
Ihre Werbungen begannen entschlossen auf deutschem Boden. Der lange Halberstädter, Anbeter der pfälzischen Elisabeth, rieb seine eingeschlafenen Beine, trabte hinter seinem Freund Mansfeld her.
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Maximilian warnte den Kaiser. Er riß und zottelte mit den Zähnen an seiner Beute. Die Oberpfalz knirschte unter seinen Reformatoren, den Glaubenskommissionen. Seine Kundschafter schwärmten bis nach Ostfriesland. Wien blieb beim Lachen; das Lachen des Kaisers hatte etwas Böses. Nur einige Räte zitterten bei dem Gedanken an Krieg. Wie zahllose Ämter lagen in den Bezirken ob der Ems, unter der Ems, in der Grafschaft Tirol, im vorderösterreichischen Breisgau, im Herzogtum Kärnten, Krain, in Schlesien, Böhmen, Mähren: Salzamt in Wien, Dreißig in Preßburg, Mauth in Linz, Schlüsselamt in Krems, Rentamt in Steyer, Vizedomamt in Linz, Handgrafenamt in Wien. Von allen waren Vorschüsse erhoben, von den niederösterreichischen Ständen Darlehen, von den böhmischen Magnaten, von den Juden, Niederlassungsgelder von den Kaufleuten. Hohe Subsidien vom Papst.
Aber ein Sieb! Regimenter, Regimenter, Regimenter! Sie waren nicht zu entbehren, und wenn sie zu entbehren waren, waren sie nicht zu entlassen aus Mangel an Sold. Erzherzogliche Deputate, prachtheischendes verschwenderisches kaiserliches Hoflager. Abt Anton und Gurland in maßloser Erbitterung über Böhmen, konfiszierte Güter auf fünf Millionen veranschlagt, nur eine Million darauf aufgenommen, ganze vierhunderttausend Gulden vom Gouverneur Liechtenstein abgeliefert.
Unter dem Druck der Kriegsgerüchte, nach Wochen stummen Herumrechnens, hilflosen Keuchens vor Folianten, wütenden Beiseitewerfens von Mahnbriefen der Obersten, verzweifelten Vertröstens von Gläubigern rechts und links in der festdurchjubelten Burg steckte Gurland seine zittrigen Beinchen in die starken Reiterstiefel eines deutschen Kavaliers; die Sporen schienen nicht aus Silber, sondern Blei; breit und schwerfällig stieg er, pumpte seine Beine durch die dunklen Bogengänge. Grämlich lugte er, von Stockwerk zu Stockwerk schwankend, auf den Boden. Umgestürzte Gamaschen hob er mit jedem Schritt hoch. Auf seinem rauchenden Kopf saß ein niedriger Hut mit ungeheurer hinten herabsinkender Krempe und Federsträußen. Ein sehr breites verbrämtes Wehrgehenk hatte er angetan, sein weißer Halskragen war schmal wie ein Band und stand nach rückwärts in die Höhe unter die Hutkrempe. Und wie er in die Stube des Oberhofmeisters hineinpolterte, hatte der nur einen Moment Zeit sich über die abenteuerliche Gestalt des Eindringlings zu wundern, dann stürzten schon die giftigen hitzigen Worte ihn an, trieben ihn aus seinem Sessel. »Herr Graf von Meggau,« schrie der stirnrunzelnde Kavalier ihn an, »wofür habt Ihr das goldene Vließ? Wofür seid Ihr zehn Sachen auf einmal, Statthalter von Niederösterreich, Kämmerer, Geheimer Rat und sonst was. Soll ich das mit ansehen, was hier geschieht und den Mund halten wie eine Nonne? Es behagt mir nicht, ich sag's Euch mit einem Wort; Schelmereien stehen mir nicht.« »Was habt Ihr, Herr Gurland?« »Leere Säckel, leere Säckel, Herr Geheimrat. Und ist alles kein Geheimnis mehr, Herr Geheimrat, und werde es nicht bei mir behalten. Die Ställe voll, die Herren Jesuiter Stiftungen über Stiftungen, die niederländischen Maler malen ein freches Bild nach dem andern, die Jagden, die Stechereien, Bankette: ich sehe die Schelmereien nicht an. Nicht länger. Dafür die böhmische Münze ruiniert, daß ein paar Stunden noch lustiger und herzhafter einhergehen in Wien. Ihr wißt es. Es sind Schelmereien.« Der totblasse kleine Meggau hielt sich rückwärts am Sessel fest: »Wer will von Schelmereien reden?« »Der Kaiser weiß es nicht. Der Kaiser weiß es nicht. Ihr spielt mit mir nicht so. Sonst muß ich, wie ich hier bin, zum Leibdiener laufen, um eine Audienz bitten und reinen Wein einschenken.« Er schrie zornstammelnd, strampelnd, daß seine Federsträuße schlugen: »Wo soll das hinaus? Sprecht. Seht mich nicht so an. Ich . . .« Der beladene Mann hielt sich an einem Stollenschränkchen fest; er war schwindlig in seiner Wut. Meggau schob ihm einen Sessel hin. Mit einem Sporen stieß der tobende Kavalier gegen die Füße des Sessels: »Ich brauche Eure Sessel nicht. Die Mißwirtschaft, die verruchte!« »Scheltet nicht mit mir. Scheltet mit dem Kaiser.« »Ihr seid allesamt nicht wert, daß ihr seinen Namen in den Mund nehmt. Er könnte zehnmal mehr verbrauchen, als er tut, wenn sein Geld nicht in fremde Taschen flösse. Die tausend Diebe Hehler und Abenteurer, das ist eine christliche Welt. Die Pest soll sie alle befallen.« »Herr Gurland, warum kommt Ihr zu mir?« »Ihr werdet mit mir gehen, jetzt, nach Prag, das Land beschauen. Wir müssen Geld auftreiben.« Versteinert stand der Geheimrat: »Ja, das müssen wir.« »Ja, das müssen wir,« höhnte Gurland in praller Wut; »ratet lieber wo, wo, wo. Zieht Euch an. Erbittet Urlaub.« Der Rat bat: »Ich komm schon.«
Sie fuhren durch die herbstlichen Chausseen, nur sechs Mann Wiener Stadtgarde beritten war ihre Bedeckung. Sie sahen massenhaft Felder, die brachlagen, weil die Ackerer verjagt waren; Gurlands Augen schossen rechts und links. Bevor sie in Prag, einfuhren, flüsterte Meggau: »Laßt Euch nichts merken, die Böhmen brauchen nichts merken.« Schallend lachte der andere: »Der Herr weiß nicht, daß ich selbst Böhme bin.«
Man zog sich vor ihnen wie Schnecken in Gehäuse zurück. Meggau wurde erbarmungslos von dem andern vor die verwüstete Münze geschleppt; als ein Rittmeister sie auf den Friedhof zu den Niedergeschossenen und sonst Füsilierten führen wollte, lehnte der pelzvermummte Rat müde, Gurland bissig ab.
»Gibt es Zauberer hier?« fragte Meggau eines Abends den Gouverneur, bei dem sie zu Gast waren. »Vielleicht«, lächelte der vieldeutig. »Ich möchte«, träumte Meggau vor sich, »einen Zauberer oder eine Wünschelrute finden, um Geld zu heben in Böhmen.«
Sie waren fassungslos über die Schamlosigkeit dessen, was sich ihren Augen bot. Gurland selber wollte Hals über Kopf abreisen, Meggau, pedantisch, melancholisch, an langsames Minieren gewohnt, hielt zurück. Sie pürschten hinter Michna, den Friedländer, Liechtenstein, Wresowicz. Meggau drohte: »Das Geld werden wir langsam wieder aus ihnen herausziehen.« »Warum langsam? Rasch ist es gesunder für die Herren; und zwar seht so.« Dabei machte Gurland schmerzdurchtobt die Bewegung des Aufhängens.
Als die beiden Wiener Herren lärmschlagend in Prag auftraten, wurde auch Liechtenstein kalt und drohend; als sie verlauten ließen, sie würden eine Untersuchung über die Prager Affären beantragen, behandelte man sie als Luft.
Schweres Ringen am Kaiserhof. Es war klar, daß das Geschick Habsburgs bald wieder in den Händen des Bayern lag, wieder und wieder des Bayern, dem man den Kurfürstenhut hatte geben müssen, und der eines Tages mehr begehren würde. Man schrie, wehrte sich, drang in den Kaiser.
Die unbeugsame Ruhe Ferdinands, der wie ein unverbrennbares Tier seinen schleimigen bunten Leib durch die schwelenden Kohlen zog. Seine grausige Sanftmut; sie wußten, er wollte Rache nehmen an Maximilian, den er den Feinden als ersten opfern wollte, selbst um den Preis, daß Habsburg verloren ging.
Nachdem er sich einige Zeit umgeblickt hatte, trat ein erschreckendes Wesen, der Fürst von Friedland, aus seinem Bau. Er hatte sich aus Abneigung über die Ohnmacht und Haltlosigkeit seiner böhmischen Sippengenossen, dieser phrasenreichen Haufen, gegen sie gestellt. Gewalttätigkeiten machten ihn früh berüchtigt. Dann wurde er katholisch, nahm ein krankes reiches Weib zur Frau, die ihm wegstarb und freie Hand gegen seine Umgebung ließ. Die mährischen Stände waren so töricht, ihm im Kampf gegen den Kaiser seine Regimenter zu belassen; er verriet sie, suchte seine Truppen zum Kaiser überzuführen: wollte sich des mährischen Landtags in Olmütz bemächtigen, desselben, der ihm die Regimenter gegeben hatte. Nur mit dem Rest eines Fähnleins, acht Munitionswagen, Regimentsfahnen und sechsundneunzigtausend Mark der Kasse schlug er sich, selber verraten, nach Wien durch, saß eitel am Tisch des Kaisers; der ließ ihn angewidert heimlich abschieben, warf das Geld den Ständen nach. Abscheu und Gelächter, wo sich der von Wallenstein sehen ließ.
Vor der Prager Schlacht war die Hoffnung der jungen Böhmen ein königlich stolzer reichbegnadeter Mann gewesen, ein Hans Georg von Wartenberg, der nicht dreißig Jahr alt war. Als Kriegskommissar bereiste er beim Anrücken der Katholischen zwei Landkreise, nachdem er sich aus dem schwelgerischen Treiben der englischen Elisabeth auf dem Prager Schlosse gelöst hatte. Wie die Schlacht verloren war, plötzlich, ehe er noch seine Ausgehobenen dem Heer zugeführt hatte, umringten ihn im Standquartier die befreundeten Männer und Frauen aus der Nachbarschaft zusammenströmend; aller Gedanke war nur an ihren Abgott. Sie flehten ihn an, zugleich wie Mütter und wie Kinder, zu fliehen. Wenn alles verloren ginge, er solle bleiben; gefangen war, woran sie sich halten konnten; er möchte leben, fliehen. Leidend fügte er sich, empfand als Kränkung, daß man gerade ihn fortschickte, konnte nicht verstehen, wie gerade diese Frauenstimmen so in ihn drangen, war halb verzweifelt, daß sie letzten Endes auch Verräterinnen an der großen Sache seien. Er war gewohnt nachzugeben. Ritt nach Sachsen. Kaum einen Monat hielt es ihn, da verschwand er aus Dresden; heimlich gelangte er über die Grenze, als er schon von den Landleuten entdeckt war. Aus den Nachbarstädten überholten ihn Sendboten, erzählten vergraust von den Prager Vorgängen; er fluchte, schlug um sich, als sie baten, er möchte umkehren. Aber Liechtenstein in Prag war kühler als die Söldner und die Gerichte; ein Fähnlein Musketiere nahm den todesgemuten brüllenden Wartenberg mit seinem Anhang schon zwischen Saaz und Radonitz fest, führte ihn samt den zwanzig toll sich gebärdenden jungen Edelleuten, die ihn verteidigen wollten, ruhig und ohne Aufsehen aus dem Land heraus. Und dann sahen die Böhmen zu ihrem Vernichtungsschmerz, daß man ihm, der bisher verschont war, den Prozeß machte als flüchtigem Rebell, obgleich er unter die erlassene Amnestie fiel. Er war Besitzer von Rohrzak, Neuschloß, Böhmisch-Leipa; hinter allem steckte Wallenstein; Wallenstein brauchte die Güter zur Abrundung eines eben erstandenen Areals. Mit Ingrimm verfolgte das Land die Angelegenheit. Die Güter wurden ihm abgesprochen. Der geschlagene verbannte Mann lebte, monatelang von Stadt zu Stadt irrend, von den Zuwendungen seiner Sippe. Die pfalzgräfliche Prinzessin Sabine hing sich an ihn; als sie heirateten, schwur sie weinend, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Die Fürsprache des sächsischen Kurfürsten, reich begründete Eingaben an die römische Majestät fruchteten nichts. Die Hofkammer ließ es bewenden bei dem Urteil Liechtensteins; das anfängliche Gnadengehalt, das man der lieblichen Sabine gewährt hatte, wurde ihr entzogen wegen der unerschwinglichen Kriegsauslagen. Zum Schluß bedeutete man ihm, die Güter seien nicht sein Eigentum; er verwalte sie nur als Sequester von seinem Oheim. Sie wühlten sich arm beschämt hilflos in eine kleine Reichsstadt ein.