Part 17
Das Silber begann spärlicher zu fließen. Ein rasender Zusammenstoß erfolgte zwischen dem böhmischen Oberst und Michna in de Wittes Schreibstube. Erst: »Entweder bemüht sich der Herr Michna nicht oder er hält Silber zurück.« Dann: »Der Herr treibt es, wie er will. Er sehe zu, Silber zu beschaffen von den Juden. Er hat ihnen die Wänste vollgestopft mit gestohlenem Gut.« Als Michna, breitbeinig, mit den Wangen und Lippen zitternd, vor den hageren ihn überragenden, spitzbärtigen Oberst trat, hob der die Faust: er werde sich mit ihm nicht duellieren, er werde ihm mit einem Faustschlag das Maul stopfen. Dann verließ der von Wallenstein den zitternden Mann. Tags darauf wurde dem hilflosen Serben durch de Witte bedeutet, daß der Oberst die Schuld an der Verzögerung der Arbeit auf ihn allein schiebe; der von Wallenstein sei überzeugt, daß Michna noch viel mehr Gewinn aus dem Raub gezogen habe, als er zugebe; er solle zusehen, wie er Silber heranschaffe. Da wurde dem Michna klar, daß Wallenstein vorhatte ihn auszuplündern. Er stellte eine Frage an de Witte; die Antwort bestätigte seine Befürchtungen: der Oberst wollte von seinen Verbindungen Gebrauch machen, ihn wegen Raubes festnehmen und einkerkern, sein Geld beschlagnahmen. Der Serbe sank heulend zu Hause zusammen, welk von der Anstrengung der vergangenen Wochen. Er zerrte sich nach einigen Tagen zu dem Oberst, der ihn in eine Vorkammer eintreten ließ, in der sechs Arkebusiere ihn fesselten und, ohne daß er widerstrebte, in den Stock führten.
Dies hatte sogar de Witte nicht erwartet. Der Oberst erklärte, er hätte nur gewartet, um den Serben unschädlich zu machen. De Witte: »Wir können ja auch so von ihm alles erlangen.« Das hielt Wallenstein für zweifelhaft, fragte lachend, ob de Witte gar den Michna bemitleide, der keinen Strick zum Hängen wert sei. Gegen den Serben wurde ordnungsmäßig vorgegangen, seine Frau warf man aus dem Haus. In diesem Augenblick setzten sowohl der Holländer wie der Judenprimas ihre ganze Energie ein, um einen weiteren Fortgang der Sache zu verhindern, von der sie nicht wußten, ob der Oberst sie bloß seines Vorteils wegen oder aus Rachsucht betrieb; sie waren beide nach ruhiger Überlegung der Meinung, daß der Böhme nur seinen Vorteil im Auge hatte. Denn er hatte auch sonst, trotz seiner gräßlichen Leidenschaftlichkeit, nie einen ernsthaften Handel gestört. Bassewi bot im Namen der Prager Judenschaft, die sich von einer allgemeinen Haussuchung bedroht sah, dem Oberst einen ungeheuren Rohsilberbetrag für die Zwecke der Münze an, wenn die Sache niedergeschlagen würde. Von Wallenstein fand das, seinem alten Helfer Bassewi die Hand streichelnd, erstaunlich von der Judenschaft, denn wie denke sich die Judenschaft schadlos zu halten? Er schien nicht geneigt, den Serben loszulassen. Als ihm erklärt war, daß von Michnas Teil ein Betrag abgezogen würde, wurde die Haftentlassung Michnas von dem herzlich amüsierten Oberst in Aussicht gestellt. Sie erfolgte nach einigen Wochen. Michnas Teilhaberschaft am Münzkonsortium verblieb. Der klägliche Serbe schlich sich, von de Witte geführt, in das Haus des Obersten, um zu danken. Der war verwundert, daß der Serbe schon entlassen war, freute sich mit ihm über den guten Ausgang der Angelegenheit. »Was hab' ich?« jammerte der Serbe, als er neben de Witte zwischen den fürstlich gekleideten Trabanten des verschwenderischen Obersten auf die Gassen ging, die von hungernden Menschen belagert waren, »ich muß wie ein Bauer arbeiten, um den Juden ihr Geld wiederzugeben.« »Wißt Ihr, Herr, mit einem Mann wie dem Obersten soll man es nie verderben. Ihr werdet sehen, es wird Euch gut gehen, wenn Ihr zu ihm haltet. Es gibt noch große Möglichkeit in Böhmen. Wenn die Leute auch etwas hungern.«
Das Silber wurde knapper. Der Preis stieg. Michna, geängstigt über den Ausgang der Sache, schlug selbst vor, neue Mitglieder zu suchen. Sie wurden allmählich vierzehn; ihre Namen waren nur wenigen aus dem Kaisertum bekannt. Der alte Fürst Liechtenstein trat ein, -- der Oberst arrangierte es, -- um im Interesse des Kaisers seine Hand im Spiel zu haben; dann ergriff ihn die Leidenschaft; er konnte nicht mehr heraus.
Der schmerbäuchige hartstirnige Münzmeister, der uralte Wresowicz, der auch Kammerpräsident war, wurde hineingezogen; die Umtriebe konnten ihm nicht verborgen bleiben. Er, der sein Amt verrotten ließ, drängte sich gierig vor, die Gesellschaft war gesichert, er segelte bald auf dem Schifflein Fortunas.
Der Schwindel ergriff das Konsortium; man rollte einem Abgrund zu.
Gemietete und freiwillige Aufkäufer von Silber flitzten durch das Land, drangen in die Bauernhäuser; mancher von ihnen ließ sein Leben für zehn Dukaten. Eine Anzahl Glücksritter, das Attentat auf das Volk ahnend, organisierte auf eigene Faust Banden, die sich Soldatentracht anlegten; unter dieser Maske zogen sie auf Raub aus. Kaiserliche Trompeter verkündigten auf den Plätzen, alles Silber müsse abgeliefert werden an die Münze; darauf verschwand es unter dem schwülen Gerücht der Dinge, die umgingen, jäh aus dem Verkehr. Schon wurden für einen Reichstaler vier neue Gulden geboten. Das Mißtrauen im Volk wuchs rasend; verstört fragte einer den andern aus. Man fragte überall, wo die Kammer sei, wo Wresowicz sei; Vertreter der Zünfte der Kaufmannschaft liefen auf die Ämter, bestürmten die ihnen bekannten Landesoffiziere. Bekamen Lachen und mitleidiges Achselzucken zur Antwort, es verliere ja keiner bei dem Sturz des Geldes, bleibe alles so. Für immer? Für immer! Und einige glaubten es, die meisten ließ die Furcht nicht los, sie sahen ihr Hab und Gut ohne Öffnung der Tür aus den Stuben gestohlen. Die schrecklichen Gerüchte nahmen kein Ende, daß hinter den Silberaufkäufern eine Wuchergesellschaft stecke, der sich der Kaiser in seiner Geldnot mit Haut und Haaren verschrieben hätte; daß die Jesuitenpater dahinter säßen, Rache an den böhmischen Brüdern zu üben.
Daß man in einem Sack saß der täglich fester zugeschnürt wurde, erfuhren alle an jedem Morgen: der Hunger stellte sich ein. Die Stadtarmen lungerten aufsässisch auf den verbotenen Märkten herum, ihre Sterzenmeister erklärten, keine Gewalt über sie zu haben; es stürben zu viele, die Männer und Frauen seien ihrer Sinne nicht mehr mächtig. Die Rudel dieser verlumpten und vertierten Menschen bildeten an den Toren und Hauptstraßen eine Gefahr; Bauern wagten sich mit ihren Fahrzeugen nicht hinein; was sie brachten, war im Nu verschlungen von dem sich grausam balgenden Gesindel. Sie wollten auch für das lange Geld nichts hergeben. Söldner, die man gegen die Bettler aufbieten wollte, verbündeten sich mit ihnen, plünderten, was sich blicken ließ. In die Häuser rief man hinein, was der Gulden koste. War man noch erschreckt von den sechsundvierzig Gulden der Mark, so kletterte der Wert auf fünfundfünfzig, auf dreiundsechzig, auf siebenundsiebzig. Eine Mark galt siebenundsiebzig Gulden.
Die Münze in der Prager Altstadt gelegen, weitläufiges plattes unansehnliches Gebäude aus Holz mit Eisentüren. Posten des Regiments Wallenstein in den Höfen, patroullierend zu zwei, Pulverflasche Lunte Gabel an der Seite, schwere Musketen auf den Schultern durch die Nachbargassen. Fuhren Bauernwagen mit Holzscheiten an, öffnete sich das niedrige breite Haupttor, blitzten am Eingang zur Rechten und Linken bronzene starke Vierpfünder auf gezogenen Lafetten; darüber lungerten Schneller und Zeugdiener, brannten unter sich Kohlen im Becken. Mit Paß versehen schlurrte an dem Lumpenpack vorbei der ungeheure Michna Tag um Tag über den Hof; sein Pferd hielt ein Musketier. Der Serbe, ohne den Hut zu ziehen, wanderte über Treppen und Galerien, von Kammer in Saal, in Diele, durch die glühen vergasten Schmelzräume, lustigen klingenden Stempelstuben, an den Prägestöcken vorbei, in die streng bewachte Vorratskammer, das Wiegezimmer. Leckte sich die Lippen, strich die schwarzen Barthaare zurück, die ihm in den Mund kamen. In schwerer Spannung sprach er keinen der zahllosen polternden Knechte an, Meister und Untermeister wich aus, grimmig seine schwarzbraunen Augen unter dem scharfkantigen Vorbau der Stirn.
Der größte Spekulant des Landes, der tolle Vabanquespieler Wallenstein, lang hohlbrüstig, mit schwarzem Knebelbart, eine kostbare Diamantkette am Hut, stand halbe Stunden lang vor Prägestöcken; wie man auf ihn aufmerksam wurde, wurde er unruhig, schloß die Augen, verschwand.
Das Landvolk, das neue Geld ablehnend, verkaufte nach außen. Da schloß man die Grenzen. Sie trieben nichts auf die Märkte. Ein kaiserliches Patent wurde auf den Plätzen ausgerufen: der Geldwert würde später nicht herabgesetzt werden; man brauche keine Furcht zu haben. Sie höhnten: »Der Kaiser, der Kaiser, er ist mit im Betrug; die Aristokraten kochen ihm ihren Brei, dem Kaiser, dem blinden Hund.«
In der Münze hämmerte es. Heimlich fuhr der steife Liechtenstein nachts vor; Wallenstein begleitete ihn; legten eine halbe Kompagnie Musketiere in die Kellerräume und unter das Dach; den Rest der Kompagnie verteilten sie auf die Nachbargassen, deren Häuser sie mieteten.
Das Jahr um, die Vertragszeit abgelaufen, beschloß das Konsortium den Vertrag zu kündigen; man konnte nicht hoffen noch Silber hereinzubringen. Wie auf de Wittes Einladung die drei Herren, die sich kannten, sich in seinem verschwiegenen Bankgewölbe nacheinander einfanden zu einer Rücksprache -- um eine einfache Laterne, die reichen Männer auf Schemeln und Truhen, sehr leise -- waren sie, bereit, sich aus jeder Öffentlichkeit für einige Zeit zurückzuziehen, von großer Dankbarkeit gegeneinander erfüllt. »Es soll einer versuchen, nach uns in Böhmen zu münzen«, prahlte de Witte. Sie gingen nicht auseinander, ohne daß Wallenstein sie festhielt und fragte, ob sie vorhätten so sich davonzubegeben, ohne sich des kaiserlichen Dankes zu versichern. »Bitten wir«, er sah den Herren fest unter die Augen, »den Kaiser um eine Ergötzlichkeit. Es hat uns allen Arbeit und Sorge gemacht, wir haben der Majestät über Schwierigkeiten geholfen; soll keiner sagen, der Kaiser lasse sich ungelohnt dienen.« Der kleine Judenprimas im schwarzen Tuchmantel, der mit Wallenstein im Vertrauen schien, fügte vorsichtig hinzu, es hätte sich in der letzten Woche noch zufällig einiges Metall gefunden. Man könnte vielleicht dieses Metall noch ausmünzen ohne neue Pacht. Michna, der plattnasige Riese, zagte. Kalt schloß der Oberst: »Es wäre erstaunlich, wenn die Römische Majestät unsere Lage nicht begriffe.«
In der Tat erlangten sie Verlängerung des Münzvertrages um sechs Wochen als Dank des Kaisers. Dann versuchte der Kaiser, allein gelassen, weiter zu münzen. Die Münze stand still aus Mangel an Material. Die Herren hatten sich aus dem Spiel zurückgezogen.
Als ganze Züge von Söldnern, die abgelohnt wurden, sich weigerten, das lange Geld anzunehmen und auf der Prager Brücke und in der Altstadt meuterten, weiteten sich die Herzen des Volkes. Die vor Hunger sterben wollten, nahmen ihre Wut zusammen. Man jubelte, wo die Randalierenden sich auf den Straßen sehen ließen, sie, die gefürchteten gehaßten. Man freute sich, daß sie die Backstuben und Schlachthäuser erbrachen. Der lange erwartete Sturm auf die Münze erfolgte von Bettlern in ganzen Regimentern, Gesellen Söldnern Meistern Kaufleuten, als hätten sie ein Signal bekommen. Die Kanoniere an den Geschützen, rechtzeitig benachrichtigt von den Münzmeistern, liefen davon; kein Schuß fiel. Und als man in die Vorratskammern und an die Prägestöcke kam: kein Stück Silber in Kästen und Körben. Sie zerschlugen brüllend die Schränke mit den Formen. Die Nachfolgenden, wütend, warfen sich auf die Ersten, sie hätten gestohlen, sollten hergeben, teilen. Sie faßten sich an die Hälse. Die Masse warf sich in die Nachbarstraßen, wogte rachsüchtig vor das Landschaftshaus, vor den Palast des Gouverneurs. Da war im weiten Umkreis Kavallerie aufgestellt, untermischt mit Musketenträgern. Einige Ladungen streckten soviel hin, wie der Hunger an mehreren Tagen. Zwei Stunden lang schossen die Soldaten über die leeren Straßen.
Der Reichshofrat zögerte nicht, den Beschluß zu fassen, dem der Gouverneur von Böhmen zustimmte, den Wallenstein längst angeraten hatte: den Staatsbankrott zu erklären. Durch Dekret wurde, auf Plätzen und Straßen verkündet, der Gulden auf den sechsten Teil seines Wertes herabgesetzt, nur drei Monate durfte die lange Münze laufen, dann war sie verfallen.
Und nun sahen die Böhmen ihre Armut, wußten, daß sie besiegt waren. Das Elend klafterte auf sie nieder, die gesättigten Herren ließen sie los. Saßen mit leeren Händen; neue riesige Kirchen standen zum Beten offen.
Der Haß wurde in die Massen gehetzt; Schuldner und Gläubiger verstanden sich nicht, der Geldwert verwirrt, auf den Schlichtungsämtern standen sie nebeneinander, spien sich an.
Dies war noch ein Nebengewinn für die Anstifter. Die Götzenbildsäule, Liechtenstein, empfing Michna, murmelte ihm zu: »Das Volk wird sich jetzt leicht regieren lassen. Es ist zwar arm, aber dafür ist es kraftlos. Wir können noch mehr Truppen entlassen.«
* * * * *
Der größere Teil des Infanterieregiments Rudolf Kolloredo, einige Kompagnien des Dragonerregiments Neuhaus wurden abgedankt.
Aus den Summen, die an Wallenstein geflossen waren, ersteigerte er neue Güter; streckte die Hand nach dem freiwerdenden Besitz im Nordosten aus; Friedland und Reichenberg Welisch Schuwigara Gitschin kamen an ihn aus dem Nachlaß des Redern. Das Geld, das an ihn floß, hielt er nicht zurück. Als sein Besitz so groß geworden war, als er dem Kaiser neunzigtausend Gulden für die Abdankung des Regiments Holstein vorgestreckt hatte, dazu noch unaufgefordert die Kavallerie bezahlte, war der Wiener Hof ihm eine Standeserhöhung schuldig. Man zeichnete ihn vor den übrigen böhmischen Edlen, die an der Unterwerfung Böhmens gearbeitet hatten, mit dem Fürstentitel aus. Der Serbe wurde belohnt durch Aufnehmen in die böhmische Kammer.
Liechtensteins Ansicht, daß das Volk anfange, weich zu werden, schloß sich der kaiserliche Hofrat an, indem er befahl, nunmehr neue besondere Steuern auszuschreiben. Die Räte in Wien waren übler Stimmung über die Unordnung in Böhmen; die Schwierigkeiten waren nicht zu beheben. Auf Gurland, dem Schatzmeister, und dem Abt Anton lag das Entsetzen; die Schuldenlast verminderte sich nicht; dazu hing neuer Krieg in der Luft. Abt Anton wandte sich durch den Gouverneur an die reichen Herren des Landes; die schwiegen, taten, als ob sie ratlos wären. Sie wußten auch, daß neuer Druck gefährlich war, da sie nicht allein in Böhmen hausten; ringsum wohnten Bauern, in deren Schränken sich auffällig viel Morgensterne Schlaghämmer Sensen sammelten. Man fing Boten ab von Bethlen Gabor, dem protestantischen Fürsten von Siebenbürgen, geschickt an die böhmischen Brüder; sie sollten nicht verzagen, nicht verzagen.
Eine Getreidekontribution wurde ausgeschrieben. Michna, der Kammerrat, hob noch einmal die Sense zum Schnitt. Er hatte keine Furcht. Er fragte in Wien an, was man von ihm verlange, wenn er den Wert der ganzen Getreidekontribution erwerbe. Michna, nach Abtragung seiner Schuld an die Judenschaft wieder im Besitz ungeheurer Summen, ein blinder Eber, so stürzte er vorwärts, um die Distanz zu den übrigen auszugleichen. Bassewi Liechtenstein berechneten schon den Ertrag seines Nachlasses, denn er würde von den Bauern erschlagen oder von der Hofkammer entlarvt werden. Aber er war verzaubert, sein Herz verkrampft. In sein kleines ärmliches Haus in der Neustadt war eine geringe Wohlhabenheit gestiegen; er hielt sich einen Reiterjungen für sein Pferd, eine alte Kutsche für seinen schweren Leib. Seinen Eltern schickte er unbedeutende Summen, duldete nicht, daß sie ihn besuchten. Mit Vergnügen ging er in die Paläste seiner Geschäftsfreunde; das schien ihm alles kindisch und verächtlich. Eine schmerzartige Wut befiel ihn nur in dem Schlosse Wallensteins; von hier nahm er einen Stachel mit; dieser Oberst baute aus einem Überfluß heraus, so frech, so aufreizend, daß er vor seiner schönen heimwehkranken Frau schmähte: dieser Oberst sei eine Schande für das Land, es sei schon recht, wenn ihn die Bauern beseitigten; es sei ein Hohn auf alles, was unter Menschen billig sei. Der Anblick des Schlosses Wallensteins, der Grimm über die erlittene Gewalt, war es, der Michna kopfüber auf die Getreidekontribution stürzte. Sie fiel ihm zu um den Preis der Brotlieferung an sämtliche in Böhmen stehenden Truppen. Michna rannte vorwärts. In dem Staub hinter seinen rasenden Füßen ließ er seine Konsorten zurück. Er hatte sich nicht über die Größe der Kontribution und über seinen Gewinn auszuweisen; hatte nur das Brot zu einem niedrigen bestimmten Satz zu liefern. Michna gab sich nicht willenlos in die Hände der Bauern; er besaß Erfahrungen aus dem Silberhandel. So wie er im Beginn seiner Laufbahn über die Schlösser gezogen war, stellte er sich an die Spitze von Söldnertrupps; kalt und hart beaufsichtigte er Äcker und Saaten, ließ Widerwillige Säumige in Eisen legen, von ihren Gütern reißen, bewirtschaftete selbst. Er stieß sie morgens im Dämmer aus den Betten, schloß ihre Vorratskammern auf, prüfte die Güte des Saatkorns. Nie kam ein Tröpfchen Glück in ihn; gepeinigt vergrämt und gehetzt warf er sich, wo er sich fand, in einer Hütte neben Soldaten an den Boden; neidisch dachte er seiner stillen Frau in der Stadt. Ihn trieb nur die Lust, Menschen zu unterwerfen, in großem Besitz zu sein, die betrügerischen Bauern büßen zu lassen.
In diesem Jahre wurden zwei Millionen Gulden aus Böhmen erpreßt. Unruhig bewegte sich das Volk. Fester spannte sich die Hand um die Kehle Böhmens. Damals machten einige Leute den Versuch, sich der Krone entgegenzustellen. Es kamen eine kleine Zahl Landesoffiziere Oberbeamte Landrechtbeisitzer, vom jammernden Volk überlaufen, im Landschaftshaus zu Prag zusammen; im Sitzungssaal warf sich einer von ihnen in die Brust, schwor, sie seien Vertreter der böhmischen Stände; man schriebe Steuern aus, verkündige, ohne sie zu fragen; rechtlich ungültig sei solch Vorgehen. Andere ließen sich hinreißen; die Herren saßen in ihren Ämtern, sie hielten etwas von sich und ihren Ämtern, waren beleidigt. Manche erklärten scheu, man müsse sich des Volks erbarmen, das Land werde gänzlich ausgesogen. Nach zwei Zusammenkünften war man einer Meinung: wenn neue Steuern ausgeschrieben und verkündet würden, seien zuerst sie zu befragen; sie seien nicht gewillt, sich ihr Recht aus Händen winden zu lassen. Sie verfaßten ein Schreiben heimlich vor Liechtenstein und den militärischen Behörden, dahingehend, die neuerliche Publikation einer Weinsteuer und Ochsensteuer sei eine unerhörte Steuerung, sie verstoße gegen ständische Privilegien, sie legen Protest dagegen ein. Die Herren faßten die Sache von der formalen Seite; planten einen Kompetenzstreit auszufechten. Sie unterschrieben im Namen der böhmischen Stände.
Der Abend, an dem der Fürst Liechtenstein die Deputation der fremdblickenden Herren empfing, war der fröhlichste, der ihm in Böhmen beschieden war. Er sagte am Tage darauf zu dem Stadtobersten von Prag: »Die Herren sind nicht so im Unrecht. Man muß sich in ihre Gedanken hinein versetzen. Ich kann nicht umhin, das zu bemerken.« Wie die Szene verlaufen wäre. »Ich habe ihnen sogleich gesagt, die Sache schiene mir so dringlich und so ernst, daß ich nicht werde umhin können, sie ohne weiteres der Hofkammer weiter zu reichen. Und sie stimmten mir zu.« »Sie stimmten zu?« »Sie baten dringend darum und unter energischen Hinweisen. Ich mußte den Sprecher beruhigen, daß dies auch wirklich geschehen sollte.«
Während der Gouverneur und der Oberst auf Schemeln nebeneinander an dem roten Kachelofen saßen, trat der schöne braunlockige Slavata ein, ein noch jugendlicher Mann mit kühner spitzer Nase, böhmischer Kammerrat und weitläufiger Verwandter des von Wallenstein, setzte sich unter dem Fenster auf eine Truhe. Er fragte, seine Handschuhe über das Knie spannend, mit sanfter Stimme, wie die Durchlaucht die Deputation der böhmischen Landesoffiziere gestern empfangen habe: »Wie beliebten Durchlaucht die Herren zu bescheiden?« »Nicht, zunächst gar nicht. Dann las ich laut den Schluß des Schriftstücks durch, das übrigens gut verfaßt war, -- ich glaube Euren Stil erkannt zu haben, Herr Slavata.« Der bog sitzend den Kopf zurück, verneigte sich mit vieldeutigem Lächeln: »Man wandte sich an mich; ich redigierte ungern.« Liechtenstein winkte ihm vom Schemel herüber: »Ich danke Euch für die Klarheit der Gesichtspunkte, die Schärfe des Ausdrucks. Besonders die Unterschrift ist von einer Exaktheit, die nichts zu wünschen übrig läßt.«
»Euer Durchlaucht haben mir empfohlen, in meiner Umgebung für Klarheit zu sorgen.«
»Und am Schluß des Schriftstücks, den ich laut vorlas, stand die Jahreszahl.«
»Nun?« drängte Wallenstein händeklatschend.
»Die Jahreszahl war eine glänzende Pointe von Euch, Herr Slavata. Sie zuckten nicht mit der Wimper. Ich trieb es so weit, Herr Oberst, am Ende dreimal die Jahreszahl zu lesen. Sie standen nur ernst, im Wohlgefühl ihrer Sache da.«
»Ich kann mir gut vorstellen die Herren,« kehlte der vergnügte Oberst, »sie hatten uns alle in der Tasche, saßen schon hier und beehrten unsern allergnädigsten Herrn mit Berichten über unsre schmähliche Wirtschaft.«
Der Gouverneur: »Ihr seid ihnen nicht wohlgesinnt, Herr Oberst.«
»Ihr hättet mich doch einladen sollen zu dem Empfang.«
Sinnend betrachtete ihn das wächserne Ziegengesicht: »Vielleicht habt Ihr recht. Ihr hättet schweigen müssen, und sie wären noch glorioser abgezogen.«
Wallenstein stampfte vor Spaß mit den Füßen: »Ich hätte sie gern gesehen. Sprachen sie nicht von Braunaus Regiment?«
»Nein,« lachte der lange frierende Greis, dem oft die Augen zufielen, »erst das nächste Mal werden sie's tun.«
»Sie tun's«, kreischte Wallenstein.
Slavata legte stolz den Hinterkopf an den Fensterrahmen, freute sich des Spektakels.
Als von Wien die Antwort eingetroffen war und die Herren wieder vor Liechtenstein traten, stand Wallenstein neben ihm am Ofen gebückt auf dünnen gelben Beinen, stumpfe Lederweste auf roter Schärpe, die Jacke schwarz und golden hervordringend, spanische Wülste um die Schenkel, blickte sie aus kleinen klaren Augen fest an. Der Fürst Liechtenstein überragte ihn noch; er sah wie maskiert aus unter seinem breitkrämpigen Hut mit hellroter nackenwallender Feder; ein schmaler weißer Kragen hing um den knöchernen Hals; die Brust war staffiert mit einem dicken Lederkoller, unter dem das grüne Unterkleid hervorkroch; ein breites goldenes Wehrgehenk belastete ihn. Wallenstein hatte dem Gouverneur gesagt, er wolle den Brüdern und Vettern sich nicht entziehen, ihren Haß gern auf sich lenken.
Gemeinsam wurde ihnen das kaiserliche Intimat verkündet. Wer es gewagt hätte und noch wagen könne, im Namen der Stände an den Kaiser zu schreiben.
Wer sei Beamter und getraue sich einen solchen unehrerbietigen trotzigen Ton gegen die Römische Erwählte Majestät anzuschlagen. Wer sei sich seines Amtes so wenig bewußt, um dem Kaiser und seinem Rat unbefragt zu widersprechen. Und wenn sie Böhmen seien, so mögen sie hingehen auf den Weißen Berg und fragen, was dort geschehen sei, und weiter hinunter in den Tiergarten und nachsehen, wer dort liege. Wofern es doch sicher und erwiesen wäre, daß so wenig sie wüßten, wer sie seien, sie wüßten, wann sie lebten. So wolle es ihnen denn Kaiserliche Majestät nicht vorenthalten, daß die Prager Schlacht geschlagen sei und sei entschieden zum Vorteil Habsburgs. Das Land aber ist unter das Schwert gefallen, erobert durch das Schwert, das nur Leichen und Gehorsam kennt. Dies mögen sie sich vergegenwärtigen in allem, was sie sagten schrieben täten und beschlössen. Möchten dessen auch bald gedenken und nicht noch mehr verspielen.
Fürst Albrecht von Wallenstein, der Stadtoberst, stieß leise mit dem Degen auf und räusperte sich. Man blickte auf ihn; er sah ohne Bewegung seinen Vettern in die verwirrten Gesichter.