Wallenstein. 1 (of 2)

Part 16

Chapter 163,544 wordsPublic domain

Man mußte weiter. Das Vieh blökte, die Kinder schrien, es wollte regnen, die Sachsen trieben sanft. Mit Haß unterdrückte man rechts und links das Aufweinen. Man geleitete sie ins Plauensche, in den Erzgebirgischen Kreis; sie wehrten sich, weiter zu wandern; an die Zschopau, die Zwickauer Mulde, um Neustädtel, Merdau, Sayda, unfern Chemnitz. In der Stadt Wolkenstein stand die Hälfte aller Häuser leer. Zu finster, tief geschlagen, stumpf waren die Flüchtlinge, um sich darüber zu verwundern; sie hörten lange nicht das scheue Flüstern der Einwohner: man hatte sie untergebracht in verlassenen ausgestorbenen Pesthäusern. Noch ging die Pest mit Beulen und Geschwüren im Erzgebirge um; sie regten sich kaum bei der Nachricht. Als man sich an sie wandte, Mädchen dem Rat zu schicken zur Übung des Pestbannes, blieben sie stumm; die mitleidigen Bürger zogen auch ihre Häuser in den Bann ein. Mitternachts sammelten sich erwählte Knechte, reine Jungfrauen, dazu eine Witfrau am Ende Wolkensteins; die Weiber traten beiseite, entkleideten sich; die Jungfrauen spannten sich an einen Pflug, rissen eine Furche im Finstern um den Ort; die Witfrau führte, ein Knecht ging nach, der andre hütete die Kleider. Aber die erwünschte Pest näherte sich den Einwanderern nicht. Es brauchte Wochen, ehe sie ihre verregneten Wagen abluden, noch nach einem halben Jahr sah man Karren vor Häusern und Hütten stehen, als wenn gestern einer angelangt wäre. Dies geschah aus Trägheit, aus Widerwillen und Groll; man ließ es so in einer Art liebevoller Schonung, die man sich angedeihen ließ, und in Angst, sich zu berühren. Man tat sein notwendiges Gewerk mit Fluch und Drohung. Die Bibeln lagen in keiner Kammer mehr auf dem Tisch, der Truhe, auf Ehrenschränkchen; wie unabsichtlich war das Buch verschoben überlagert worden von Decken, war wie in Gedanken heimlich beiseite geschafft, in Kisten ganz tief vergraben. Keiner durfte von ihm sprechen, kaum, daß man die alten Tages- und Tischgebete sprach. Man hatte ein Geheimnis, verbarg etwas wie ein Verbrechen. Wer von der Heimat sprach, den alten Putz anlegte, die bestickten Hauben, roten Westen mit Messingknöpfen, konnte gewärtig sein von einem rasselnden Schwall Zornes überschüttet zu werden; auf wen diese glühenden bangen Augen gerichtet waren, der war beschämt. In Trotz und leiser Wut lebte man hin zwischen Ackerbau Hausjammer im fremden Voigtlande. Die Sachsen fanden kein Ende sich zu wundern über die Gottlosigkeit der vielgerühmten Böhmen, die in die Kirche nicht gingen, werkten werkten. Oft warf einer der Böhmen seine Axt beiseite, sah seine Balken an, spie darauf, stöhnte mutlos. Es war nichts Bleibendes: wer mochte Orte schmücken, an denen man nichts zu suchen hatte! Wolkenstein, Wolkenstein! Prag! Darum weinten sie und konnten sich nicht entschließen, Mörtel für neue Häuser zu rühren, den Boden, der ihnen gestellt war, zu brechen. Halbes Werk leisteten sie, und wenn die sächsischen Amtmänner und Rentmeister vorbeiritten, leise schalten, hatten sie daran ihre Freude wie an nichts. Mit Grimm erzählten sie abends in den Stuben einander: der Sachse auf dem Pferd hätte sie gescholten, hätten Lust, ihn totzuschlagen, wenn er wieder vorbeikäme. Und von Zeit zu Zeit erfolgten in ihren Häusern Explosionen; das entschlossene nicht zu hemmende Hinstöhnen der alten Männer, das Aufweinen und Heulen der Weiber und vergrämten Kinder, die nicht beachtet wurden. Das klagte rüttelte winselte durch die Straßen; von Haus zu Haus, von Erker zu Erker pflanzte es sich fort; und wer draußen im Dunkeln seine Wohnung suchte, konnte im voraus wissen, was ihn erwartete. Man küßte sich, rief sich mit Namen an, zeigte sich die Kinder, sprach, jubelte von Böhmen, Caslau, Teschen, Königgrätz, erinnerte einander an die Reise über das Gebirge, lachte tränenfließend über die Kroaten, rief sich ins Gedächtnis zurück gramlos die grausamen Bekehrungsszenen mit Liebe Verzückung Verklärung, sprach von Braunaus Dragonern, dem tollen Wolfsstirn, -- die Kinder lauschten. Es war für halbe Stunden, wo die Türen geschlossen, die Läden angelegt waren, die Unschlüttkerze brannte, als säße man eingehüllt in Böhmen draußen; man brauchte nur die Tür aufzumachen hörte das böse vermißte katholische Abendgeläut!

Wie verraten hielt man sich später in Raserei, zerschmetterte die Stühle, streckte steif die Arme aus, wollte dies nicht dulden, immer immer dulden. Die Kinder schrien, versteckten sich. Nach diesen dumpfen Orgien war die Verdrossenheit gesunken, aus der Apathie schlugen von neuem die dunklen Flammen des Jähzorns, der wilden Gehässigkeit und Schadenfreude. Brutalität war an der Tagesordnung bei den vertriebenen Böhmen; gefürchtet waren sie auf dem Lande und in einzelnen Städten, wo nicht scharfe Polizei herrschte. Sie hatten miteinander keine Verbindung, liebten sich gar nicht, und nur dies verhütete großes Unglück. Ein Dorn im Auge war vielen die sächsische Kirche, und gegen das freche Inwegsetzen beim sonntäglichen Kirchgang konnten die sächsischen Bürgermeister nicht genug eifern. Es konnte nicht ausbleiben, daß bei gelegentlichen Handgreiflichkeiten zwischen Sachsen und Zuwanderern offene Feindseligkeit zutage trat, die sächsischen Ansässigen sich Klage führend an ihre Gerichte wandten über die Behandlung, die sie innerhalb ihrer eignen angeborenen Wohnstätten von undankbaren Fremden erfuhren. Das waren von Bürgermeistern Amtleuten vertretene Klagen ganzer Gemeinden, die Gerichte und befragte Behörden in allergrößte Verlegenheit setzten. Dahin war es gekommen, daß sie wie bösartige Bettler den Stadt- und Landgemeinden auf dem Hals saßen, nichts taten, was sie erhielten, bespöttelten. Katholische Singspiele, papistische Martyrien führten sie zu fünf, zu zehn an den Märkten auf, scheinbar sich zum Spaß, aber doch nur um den Ansässigen Ärgernis zu geben; höhnisch gaben sie Widerrede auf die Verwarnung; könnten tun, was sie wollten, und selbst wenn sie Lust hätten eine Prozession nach Art der Papisten zu begehen, würden sie sich dies von keinem nehmen lassen. Und von da gab es nur einen Schritt, sich zusammenzutun und das Werk in den Weg zu leiten.

Gegen das gefährliche rachsüchtige Gebaren traten, von den Dresdener Behörden angegangen, böhmische Edle, auch der alte Graf Thurn, Flüchtige wie sie selbst, auf. Smil von Hodojevsky, in Dresden am Verschwörerzentrum gesessen, stürmte wie ein Sperber auf die Zuwanderer los, als der von Rhönberg, ein sehr klarer vorsichtiger Mann, ihm die sächsischen Besorgnisse entwickelt hatte. Dem Smil folgten der kühne Sohn des Berka, der sich aus der Gefangenschaft nach der Prager Schlacht befreit hatte, und Adam Luksans älterer melancholischer Sohn Daniel. Diese drei mit ihrem Anhang gedachten ihre Landsleute zu zähmen und sich Einfluß bei ihnen zu erwerben.

Sie ritten, redeten, donnerten, lobten, entwickelten Pläne. Sie überfuhren die Einwanderer mit ihren Worten, Blicken und Gesten wie eine pelzige Raupe eine Steinplatte: kaum daß sie sie berührt und mehr auf ihr hinterläßt als etwas graue Feuchtigkeit, derer sich die Platte schämt. Der Smil, im feinen französischen Gewand mit Degen, wie der prächtige Pfälzer sich zu tragen pflegte, redete lockend vom Sterne, dem Prager Tiergarten, wo die böhmische Jugend sich verblutet hatte für die gerechte Sache, Wahlkönigreich, freie Religionsübung. Die Worte schlugen den Böhmen um die Ohren und trafen sie nicht. Der Berka wandte sich direkt an die Ältesten, die Angesehenen, die Patrizier; er ging zu Fuß, sprang unter sie, feurig wie er war; prahlend beschrieb er ihnen die Schönheiten ihres Landes, dessen sollten sie eingedenk sein; von ihrem Land sei die Welle der Befreiung über die Welt gegangen; sollten nicht verzagen, die Welle käme zu ihnen zurück. Daniel Luksan, reich wie er war, ritt auf einem Maultier in kläglichem blauem Tuch, die Federkappe auf dem Kopf. Stellte sich mit trübem Gesicht unter die Leute des Abends, hörte ihnen zu, fing an. Sprach von den Köpfen auf dem Altstädter Brückenturm, beschrieb das Leben und den Tod der Männer, traurig, mit innerem Anteil, dabei stumpf und sichtlich verzweifelt. Erzählte, was er gehört hatte gestern und vorgestern aus der Heimat, ließ nichts aus; das Weinen bekümmerte ihn nicht, das sich um ihn erhob. Sprach nicht, um aufzuhetzen; ließ sich nur gehen vor ihnen; sein schweres Temperament hatte ein Fressen gefunden am Unglück seines Vaterlandes. Betrübt sah er wie die Weiber wegschlichen, wie man ihm auswich. Bald erlebte er es, daß man ihm zuschrie beim Reden: »Genug!« Die Weiber, die noch herumstanden, schluchzten, die Männer hoben mit wütenden Mienen gegen ihn die Arme, gingen gegen ihn vor: ob er plane mit ihnen ein Spiel zu treiben, ob sie nicht elend genug seien. Man brauchte dem Daniel Luksa nicht lange zu drohen; er hörte, man wollte ihn nicht, ging.

Und hinter den drei her das hitzige Gerede: das waren die Herren, für die wir gebrannt wurden; es ist ihnen noch nicht genug, wir sollen noch einmal ins Feuer! Herren, die Böhmen ins Unglück gestürzt hätten; sie hätten sich den fremden Pfälzer verschrieben, um besser ihr wüstes Selbstregiment zu führen; wollten einen König, um ihre krummen Sachen gerade zu machen.

Wie es unter ihnen gärte, wurden sie vom alten Grafen Thurn überfallen und so ergriffen und geschüttelt, daß sie wie ungezogene geschlagene und heulende Kinder an den Wänden standen und nicht wußten, was ihnen geschehen war. Denn dem alten Thurn bedeuteten sie nichts; ihm war nichts gewisser, als daß Böhmen in sehr naher Zeit sich glanzvoll wieder erheben werde über Habsburg; er schlang den Faden, dies war seine Arbeit und sein Beruf. Als er hörte, was im Erzgebirgischen Kreise, im Voigtlande sich ereignete, erfaßte ihn eine Wut über die Aufsässigen Undankbaren Gedankenlosen, die nicht zwei drei Jahre warten konnten; Tausende im Lande hatten sich verblutet, und diese im Asyl rebellierten. Er kannte viele von ihnen persönlich; auf seinen Reisen als Direktoriumsmitglied war er die Dörfer abgefahren, um die Kreisaufgebote zu überwachen. Jetzt saß er in seinem kleinen niedrigen Wagen, die Pferde lenkte er selbst, der grauhaarige kleine schmale Mann mit den mongolisch vorspringenden Backenknochen, den trüben schwarzen Augen und der hellen schrillen Stimme. Die silberne Peitsche hielt er in der Faust; so schrie er die Leute zusammen, und jedesmal wieder, wenn sich die Leute zögernd beieinanderstellten, befiel ihn die Wut über sie, er schmähte sie in dem wohlbekannten heimischen Idiom, überhäufte sie mit jedem gemeinen Schimpfwort. Wer schlaff und unehrerbietig in seiner Nähe stand, den schlug er vom Bock aus mit seiner Peitsche und war imstande ihm nachzuspringen. Ohne ein Wort ihrer Widerrede abzuwarten, fuhr er weiter, drohend und noch nach rückwärts schimpfend. In einigen Dörfern, von deren Gottlosigkeit er gehört hatte, hüpfte er vom Wagen, warf einem Beliebigen in der Nähe, alten oder jungen, die Zügel zu, eilte in ein offenes Haus, verlangte, den Tisch mit der Peitsche klopfend, die Bibel zu sehen. Und wo man zögerte, sich drehte, maulte, riß er selbst Laden Schränke Truhen auf, holte das Buch heraus, schlug es, wer ihm in die Nähe kam, an den Kopf, und das Buch in die Mitte des Tisches legend schwur er mit greller, weit gehörter Stimme, die Bibel bleibe hier draußen liegen; er werde, so gewiß er der Graf Thurn sei, den eigenhändig niederschlagen, der es wagen sollte, das Buch zu verstecken.

Eines Sonntags traf er, nur mit einem halbtauben Kammerdiener reisend, einen Trupp Böhmen auf der Dorfstraße lungern und würfeln; sein Pferd bäumte sich, hitzig hatte er die Leine gezogen. Kochend, eine Bestie von Angesicht, stand er vor den tief erschrockenen Burschen, die er mit wuterstickter Stimme anfauchte, denen er mit der Faust unter der Nase fuchtelte. Jagte sie in die Kirche; er bedauere, keine Hunde wie Wolfsstirn zu haben, um sie zu hetzen. In dem Kirchlein war kein Pfarrer; er sperrte sie ein; nach zehn Stunden holte er sie; sie hatten kein Wörtchen darüber verloren.

Die böhmischen Zustände in Sachsen gewannen ein besseres Ansehen. Größere Rüstigkeit machte sich unter den Flüchtlingen bemerkbar. Sie begannen sich wieder anzuschauen, zu grüßen, nach dem Ergehen zu fragen. Sie schämten sich ihrer früheren Schlaffheit, hatten unbegrenzte Liebe zum Grafen Thurn. Auf ihn setzten sie Hoffnungen. Man arbeitete, um zu zeigen, wer man sei. Die Heimat mußte befreit werden. Jach sprossen die frommen Triebe wieder auf. Glaubenseifer und Glaubensstolz, finster gefärbt, erhob sich, grollte drohend in den Straßen, in den Kirchen; man war das Volk des Johann Huß. Die Bibel war verwandelt; jetzt keine Läuterung, keine Seelenreinigung mehr. In den Kisten, Truhen war das Buch wie unter einer eisernen Presse steinhart geworden, feierte seine Auferstehung als Rüstzeug Waffe Schwert. Soldaten wurden sie. Der sächsische Kurfürst, der Brandenburger Georg Wilhelm hörten es gern.

Über ihre Heimat, über das Erzgebirge, spannten sie sich wie eine furchtbare Wolkenbank, die sich von Jahr zu Jahr schwärzer färbte.

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In Böhmen hieß es Gelder beschaffen, die Truppen aus dem böhmischen Feldzug abzudanken, das Besatzungsheer zu erhalten, die ungarischen Grenzstädte gegen die Türken zu armieren verproviantieren, verdienten Generalen hohen Beamten Gnadengeschenke zu machen. Der Ertrag aus den konfiszierten Rebellengütern reichte nicht, der aus der Schuldenkommission war zu gering.

Eine Prager Mark galt neunzehn Gulden. Im Braus hatte der schöne Pfalzgraf gelebt, auf Bällen Jagden Schlittenfahrten hatte sich seine üppige Gemahlin getummelt und mit dem Volke gemein gemacht. Nach dem verjubelten Winter steigerten die pfälzischen und böhmischen Räte den Wert der Mark. Der Sieger gab ihm nicht nach; als der Kaiser kam, preßte er den Böhmen das Gebiß zwischen die Zähne, daß eine Mark siebenundzwanzig Gulden betrug. Der Gouverneur Liechtenstein ließ das gute Geld aus dem Lande schleppen.

Der Sohn eines serbischen Fleischhauers, Paul Michna, war Sekretär in der böhmischen Hofkanzlei geworden. Dieser warf sich mit einer Rotte Helfershelfer nach der Prager Schlacht auf das Pferd. Sie ritten in das Land hinaus; allmählich vergrößerte sich der Zug, Wagen schlossen sich an. Sie drangen auf die Güter und Herrschaften der Rebellen, brachen die Tore der Schlösser und Sommerhäuser mit amtlichem Gebaren, Siegeln, Drohungen auf, beschlagnahmten, was sich an beweglicher Habe fand. Während panikartig das Grauen von der verlorenen Schlacht, dem drohenden Hochgericht die Dörfer belief, die Städte lähmte, alles sich zusammenzog, tauchte Michna mit seiner Bande erschreckend, unverständlich, bald hier, bald da auf. Die zurückgelassenen Frauen, die betäubte Dienerschaft lieferte ihnen aus, was sie verlangten. Leiterwagen mit Stroh fuhren, von Ochsen gezogen, in einiger Entfernung hinter den Berittenen; toll hinein stülpten, stauchten sie, was sie erhaschten, übereinander, ohne Schutz Prunkkästen Rollenschränkchen, silberne Spiegel, Perlenketten Ölbilder flämischer florentiner Meister, Pelzwerk Geschirr Kristall Seidengewänder. Sie fuhren so rasch, weil das Gerücht sich bald verbreitete. So daß man, wie den Fuchs an seiner grauen Losung, ihren Weg erkennen konnte an abgerollten Kruzifixen, Splittern der Deckelpokale, Nautilusbecher, den zerdrückten und weggeworfenen am Wegrand liegenden Kredenzstücken Silberplatten Konfektschalen. Wer hinter ihnen suchte, konnte reich werden; aber niemand bedachte Silber und Tafelgerät; alles verrammelte sich.

Rasch war in Spelunken und Gewölben der Juden verschwunden, was eben unerhört strohgelagert über die Chausseen gewackelt war. Die Topase Brillanten Rubine in Ringen und Halsschnüren legte ein alter Jude liebkosend sich über die braune faltige Haut, ließ sie sanft in seine eingemauerte Eisenkiste sinken über wattierte Wämser. Während die böhmische Gräfin schluchzend mit ihren Dienerinnen die aufgebrochenen Holzwände der Schränke anstarrte, krochen die grünen Roben, von kundigen Fingern gezogen, über die fetten Formen eines orientalischen Leibes; die gerafften gürtelgehaltenen Gewänder rauschten wie bei den Bällen der Königin Elisabeth hintennach, über den Synagogenweg. Wieder lachten Weiber in diesen Gewändern herzlich und voller Inbrunst, vor andern gewaltigen Männern. Die Greise vorn auf den Bänken in den Tempeln sahen sich um, sangen im Talare von der Zerstörung Jerusalems, von Jehovas Rache, weinten über die Vergänglichkeit.

Draußen fuhr man auf Karren Rebellen, frisch eingefangen, trotzige Ketzer zur Folter, Arkebusiere stolzierten vor den Häusern, Menschenfleisch wurde billig, verdarb auf Wiesen. Indessen waren die gestohlenen Juwelen gut aufgehoben. Deutsche Flamen Italiener beleckten sie, rieben sie an der Haut; wo sie erschienen, verkleinerten sich die Augen der Menschen, Lippen spitzten sich; wie Schlüssel waren die Juwelen zur Rachsucht Feindseligkeit Eifersucht der Menschen. Im geheimen ganz geheimen hetzten sie, übten ihre Macht, heißes Blut zum Verspritzen bringen, selber nur funkelnde tote entschlafene Steine, die blind in ihrer polierten Härte ruhten.

Als Michna, ein fettleibiger Mann, dessen Kopf auf einem zu kurzen muskulösen Halse saß, eine kleine Zeit hatte verstreichen lassen, wagte er es, einen Brief an das Bankhaus des Hans de Witte in Prag zu richten, dann selbst angemeldet vor de Wittes Haus anzureiten. Es war ein resoluter furchterregender Mann, der das Kontor des reichen Holländers betrat, welcher die Geschäfte der höchsten Gesellschaft besorgte. Michna wies sich gut aus bei de Witte. Der kannte die Wege, auf denen sein plattnasiger Besucher mit den starken Kiefern, Wulstlippen, geäderten trüben Augen reich geworden war; er hatte Vertrauen zu diesem energischen Kanzlisten. Sie gingen einen Pakt ein. De Witte schlug vor, das Geld so anzulegen, daß man die böhmische Münze pachte. Dies sei ein Vorschlag, der ihm von zwei Herren seiner Klientel gemacht wäre, dem angesehenen Judenrichter Bassewi, der dem Römischen Kaiser schon eine gewisse Summe vorgestreckt hatte, dann einem Soldaten, der freilich hier zulande einen anrüchigen Namen hätte, dem derzeitigen Obersten von Prag, dem Eusebius Albrecht von Wallenstein. Der Kaiser brauche Geld, um die Operationstruppen abzudanken und sonst; es sei ein vielversprechendes Geschäft.

An einem andern Tage erklärte de Witte dem widerstrebenden Serben, der sich durchaus nicht bereit fand, in das lockend geöffnete Gastzimmer des Bankiers einzutreten, mit ihm einen Becher zu leeren, es würde nötig werden, noch weitere Teilhaber bei der geplanten Aktion hinzuzuziehen. Denn nach seinen vertraulichen Informationen übersteige die Pachtsumme durchaus den Betrag, den die bisher interessierten Herren, nämlich sein Gast, dann der Judenrichter, der spekulierende Oberst, er selbst herschießen könnten ohne sich zu ruinieren. Das Geschäft sei zwischen ihm und den genannten Beiden fast abgemacht; sie seien von Michnas Interesse informiert und er sei eingeladen, sich zu beteiligen. Der hatte aber übel Lust zuzuschlagen, denn zwar war gegen den reichen und redlichen Judenprimas Bassewi nichts einzuwenden, aber der andre Geladene flößte ihm Widerwillen ein. Er erklärte de Witte nach langem Herumrücken auf seinem Schemel, während er eine Hornschale der Silberwage tanzen ließ über seinem Handteller, daß ihm die Partnerschaft des Obersten einfach unbehaglich sei, und daß dies das ganze Unternehmen gefährde. Wallenstein hätte schon damals, als die Teuerung in Prag begann, unmenschlich viel Wein in Mähren aufgekauft, um ihn mit unerhörtem Aufschlag an Wucherer weiterzugeben; ebenso sei es bekannt, wie er es mit Kornlieferungen getrieben habe; dann das ominöse, monatelang verschlossene Tuchlager Wallensteins in Olmütz, während nirgends Tuche zu kaufen waren. Alle diese Sachen gefielen ihm nicht; der böhmische Edle werde ihnen das Fell über die Ohren ziehen. Überhaupt, wenn es verlaute, der verrufene Oberst beteilige sich an dem Unternehmen: was die Beamten vom kaiserlichen Schatzamt, die Wind davon hätten, dazu sagen würden.

Der hochstirnige alte de Witte, hinter seinem Tisch mit den Folianten in einen Armsessel gestreckt, mit langem geteilten Weißbart, müden langsamen Augen, groß und breitschultrig wie sein serbischer Gast, hörte alles Geflüsterte mit Freude. Er empfand herzlich das Lob seines alten Freundes; er konnte nun bei Wallenstein einen höheren Teilhaberbetrag herauspressen, indem er auf die Schwierigkeit seiner Beteiligung hinwies. Er fragte teilnahmsvoll, ob jener schon von Wallenstein benachteiligt worden sei. Auch die Angst seines Besuchers erfreute den stillen Holländer, sie vergrößerte seine Neigung, mit ihm ein Geschäft zu machen. Michna unterbreitete ihm, man möge bedenken, wie Wallenstein sich gegen seine eigenen Verwandten verhalten hätte, gegen die Smirsitzky; ein Vormund, beim Leben Jesu, der sich schnöde einen Besitztitel auf die Habe seines kranken Mündels erschleicht! Was drohe ihnen dann?

Da meinte de Witte lachend, man solle sich nicht in Familienangelegenheiten mischen; man kenne nicht die persönlichen Beziehungen und so weiter. Michna wollte mehr eifern. De Witte schnitt ihm stärker lachend das Wort ab; sie sollten sich nicht zum Richter aufwerfen. Beschämt lenkte der Fleischhauerssohn ein. Der Handel kam zustande, indem Bassewi für den Oberst gutsagte; Michna wolle auf keinen Fall ohne Sicherung einen Vertrag mit Wallenstein schließen.

Um sechs Millionen jährlicher Pachtsumme fiel ihnen die Prager kaiserliche Münze zu.

Sie konnten prägen soviel sie wollten. Die Technik war den Juden und sonstigen Kippern und Wippern abgelernt: Beschneiden des Geldes, Untermischen unedlen Metalls bis zum Verschwinden des edlen. Die vier Männer, von Michna geführt, warfen sich auf den Handel mit der niedertretenden Wucht einer Stierherde. Die Münzräume wurden von zwei ganzen kriegsstarken Fähnlein gesichert. Fünf Nachbarhäuser, ein halber Straßenblock wurde zugekauft, bei der Kürze der Zeit und der Gefahr drohender Zwischenfälle war keine Minute zu verlieren. Während Bassewi und de Witte nur ihr Geld hineinwarfen, raste die Angelegenheit vorwärts durch das Betreiben dieser beiden: Michna und Wallenstein.

Der Serbe, seiner Sinne kaum mächtig, dauernd geneigt auf Menschen loszustürzen, in gräßlicher Furcht, sein Geld zu verlieren, betrogen zu werden. Er umschlich die Gebäude; seine Frau, ein scheues schönes Weib, mußte die Straßen durchwandern, wenn er schlief.

Der böhmische Edle befehlerisch, in schneidender Ruhe und Unbeirrtheit. Zu dem Serben, den er einmal erschöpft, schmierig vor der Hauptpforte der Münze traf, beugte sich der hagere, prächtig sechsspännig daherfahrende Böhme heraus: »Der Herr sieht nicht aus, als ginge es ihm gut. Denke er zu leben. Sonst will ich ihn beerben.« Das stachelte den Serben, daß er sich mit Qual schonte.

Barren und Münzen häuften sich in den stallartig langen niedrigen Stuben; in Steinkammern standen die Münzknechte vor den Muffelöfen, heizten glühten. Wöchentlich vermehrte sich die Zahl der eisernen Schmelztiegel, über denen die Männer hinter vergitterten Fenstern standen, mit Graphitstangen, langen dicken Stäben, die Schmelzmassen rührten. Hier hatte keiner Zugang aus dem ganzen Gebäude als die Knechte und Meister; hier wurde ihnen in geschlossenen Zink- und Kupferkästen gereicht, was sie in den Tiegeln zu schmelzen und zu verrühren hatten. Stechende Dämpfe durchzogen die Häuser; in Scharen, wie Regimenter, standen die hölzernen Beizfässer nebeneinander, darin schwamm die kochende Säure; die Münzen, geglüht, geschnitten, waren unkenntlich geworden, hatten Masken für die Augen der Menge. Die Knechte arbeiteten in den Räumen; wie in einer Folterkammer rührten sie die Arme; man sah nicht den, dem die Folter bereitet wurde.