Wallenstein. 1 (of 2)

Part 15

Chapter 153,516 wordsPublic domain

Einer saß aufrecht auf seinem Lager; der Spittelmeister, dickbäuchig schlüsselklappernd, benannte sein Leiden -- merkurialische Zeichen wie krampfhaftes Lachen, Zungenbrand, Pusteln in den Augen --, er lallte sonderbar bei der Annäherung der bewaffneten Gruppe: »Habe von Euch gehört, Ihr Herren. Hab' Euch erwartet. Was wollt Ihr mich fragen, Pater.« »Nach deinem Bekenntnis, armer Freund und was du von Gott, der Jungfrau und den Heiligen denkst.« »Von Gott, der Jungfrau und den Heiligen. Das ist viel auf einmal für mich. Aber Ihr habt recht, mir liegt nichts so am Herzen als das Bekenntnis. Gott ist Gott. Die Jungfrau hat unsern wahrhaften Erlöser geboren. Und ein Heiliger bin ich.« Er lachte heftig, erschreckend rauh und dann wieder ganz tonlos, versuchte zu kreischen, vor seine Augenhöhlen traten wässerige, rötlich gefärbte Tropfen. Die Männer bekreuzigten sich. »Was sprichst du armer Mensch?« »Und woran zweifelst du ärmerer Mensch?« schrie der zornig wieder, zitterte mit dem Kopf, »bin ich nicht ein Heiliger? Hast du nicht vor, mich zu martern meines Glaubens wegen?« »Du bist also kein Katholik?« Er schrillte, streckte fuchtelnd die Arme aus, man wich um ihn: »Ein Heiliger! Ihr seid Bären und Füchse. Betet mich an!« Sie hoben ihn auf an den zerrenden Händen und Füßen: »Faßt mich nicht an, ich verfluche Euch bei allen Höllenteufeln.« »Seht, ob er nicht Zaubermittel unter der Achsel eingenäht hat. Ihr müßt ihn rasieren. Wann warst du zur Teufelssynagoge?«

»Folterer. Betet an.« »Man wird eine Probe mit ihm vornehmen müssen.«

Schlurrend stampfend murmelnd in die Stube der Kindsbetterinnen. Ein fieberheißes junges Weib rief jubelnd an der Wand zu ihnen herüber: »Zu mir! Fragt mich zuerst! Ich weiß schon, was ihr wollt!« Ein winziges, kupferrotes Säuglingsköpfchen sah unter ihrem rechten Arm hervor. »So antworte.« Gläubig weite feuchte Augen blickten den kopfsenkenden Jesuiten an, innig sagte sie, nach seiner hängenden Hand mit ihren schwitzenden greifend: »Ich war nicht katholisch, aber ich will es werden, gleich, bald, kommt recht bald zu mir. Und dann, dann werde ich gesund, nicht wahr, Ihr könnt das machen. Und dann kann ich mein Kindchen behalten, nicht wahr?« »Wir schicken noch heute zu dir.« »Ich werde gesund werden?« »Bete, bereue deine Sünden.« »Und bleibe ich leben? Seht doch mein Kindchen.« »Bereue deine Sünden. Der Gnadenschatz der Kirche ist groß.« Sie, eine Sekunde still, warf sich schreiend zurück, hob den schlafenden Säugling vor ihr verzerrtes Gesicht, so daß die kleinen Händchen über ihrem schluchzenden Mund hingen, das Bett zitterte unter den Erschütterungen. Als die Kommission an die Türe ging, rief sie aus ihrem Kissen: »Herr, Ihr vergeßt mich nicht. Ihr schickt zu mir.«

In Trautenau bauten die Soldaten hinter dem Tanzhaus einen rohen Stall, da hinein sperrten sie eine große Menge starker Doggen und Vorstehhunde, die sie in Bayern aufkauften. In der Stadt verbreitete sich blitzschnell das Gerücht, als das gräßliche Gekläff von Tag zu Tag wuchs, die Dragoner hätten vor, bevor die Kommission käme, Angehörige von Rebellen in den Stall zu jagen. Mit Freuden hörten die Soldaten das, auch die anströmenden Scholastiker und Dominikaner widersprachen nicht. Eines Vormittags, als die Kommission umgegangen war, trieb man eine Anzahl utraquistischer Bürger auf den sogenannten Entenmarkt unweit der katholischen Emeranskirche. Die Kirchentüren standen weit offen. Als das Orgelspiel begann, der erste Knabengesang hörbar wurde, hieß man einen Trupp von sechs Bürgern, die Hüte abgerissen, auf der Straße nach der Kirche laufen. Sie waren noch nicht zehn Schritt vorwärtsgekommen, als aus einer Seitengasse, die in den Markt mündete, plötzlich ein greller Pfiff tönte, kurz darauf Hundegebell Menschenrufe. Im Nu sprangen hinter den fortrasenden sechs Männern, toll sie anfallend, die schäumenden gehetzten Doggen her; die Männer schleuderten sie von Schulter und Nacken ab; die gestürzten Tiere holten sie ein, saßen an ihnen, schlangen sich vorn herum, hingen sich an die Beine, warfen die Männer um. Die schlagend schreiend rafften sich hoch, krochen, wurden umgeworfen, rannten weiter, zerfetzte Kleider, blutende Arme, zerkratzte Lippen. Torkelten an die nahe Kirchentreppe, der Schwall der Hunde über sie, dann war eine Treppenstufe erreicht. Stöcke und Riemen der Soldatenreihe fuhren unter die sich verknäulenden Tiere. Dahinter zogen sich die Männer fußgetreten faustgeworfen vierbeinig die Stufen hinauf. Am Weihbecken im weißen Chorhemd standen Priester, sie zu empfangen. Vor die händefaltenden Weißröckigen krochen keuchten die unkenntlichen Entgeisterten; sie spien Blut Schleim, ihre Lungen rasselten, die Augen weiß und rollend. Sie wollten sich blind und bewußtlos an den Priestern vorbei in die dunklen Winkel drücken. Die Geistlichen sprachen sie an, führten sie, vor denen die Menge zischelnd schaudernd zurückwich, vor an eine Bank. Sie ließen alles mit sich tun. In die leisen Worte, die stille Andacht sägten gleichmäßig und ohne Scheu die rasselnden Atemzüge. Schnauben, plötzliches Winseln: »Schlagt mich tot, schlagt mich tot!«, immer wieder unterdrückt von Händen, die sich vor die Münder legten. Wie die Menge sich von den Knien erhob, klatschte einer von den Zerfleischten lang auf den Steinboden, die Arme vorstoßend, den Kopf anhebend, tierisch gröhlend: »Schlagt mich tot!« Und während die umringenden Scholaren sein Geschrei vergeblich zu ersticken versuchten, tobte draußen die zweite Jagd gegen die Kirchentreppe an, das Gekläff Getrappel Geheule, das Winseln Stöhnen Brüllen hallte gegen die Gewölbe, das triumphierend heiße Bellen der Hunde, ihr gelles Quietschen scholl gräßlich herein. Unter den Betern sanken ohnmächtige. Auf der Anjagdstraße mußten die Doggen mit Händen und Stöcken von Gefallenen abgerissen werden.

In den Stuben der Neugläubigen unermeßliches Gejammere. Der Tag war bald vorbei, nach der Nacht mußte der neue Morgen kommen mit der Kommission. Dann klopfte es mit knappen Schlägen an, das Gebell hatte die Nacht nicht nachgelassen. Wenn man sich mit zagen zweifelnden Blicken ansah, das Weib an dem Mann hing, die Kinder in die Winkel krochen, war alles entschieden; zwischen Dragonern konnte man zur Messe gehen, taub, nur mit den Füßen auf diesem Boden konnte knien, während andere draußen zerfleischt wurden und halb tot auf die Fliesen hinklatschten. Die frommen zufriedenen Menschen drin bebten unter den Mienen dieser Knienden, hielten sich ihre Blicke vom Gesicht ab. Noch nie waren die bunten blumenbehangenen Heiligenbilder des Altars von solchen brennenden Augen angesehen worden; mitleidig beteten sie für die Unglücklichen Verblendeten, riefen die nieversagende Fürbitte Marias, der paradiesischen Wundertäterin, an.

In Kuttenberg sprang mit den böhmischen Brüdern Don Martin da Huerta samt seinen Kürassieren; in Leitmeritz Don Balthasar der reiche edle Herr, begleitet von den hochgelehrten und geschickten Kapuzinermönchen Valerian, zubenannt der Lange, und Franziskus; mit Königgrätz wurden die Kroaten fertig. Und als dann noch Haufen Verzweifelter sich zusammenrotteten, da doch alles verloren war, und rechts und links unter bestialischer Wildheit Feuer in Häuser und Scheunen warfen, auch in die eignen, ihre abtrünnigen Brüder anfielen, konnten die um sie besorgten Jesuitenväter, schmerzvoll den Kopf schüttelnd, sich nur zurückziehen; hier war nicht mehr ihr Gebiet. Den Soldaten wurde freies Feld gegeben. Das Land hatte kein Korn auf den Äckern, da es kaum bestellt wurde; dafür setzten die Soldaten auf die Felder die blaugrünen Gesichter der Erwürgten, die purpurnen Stümpfe der Niedergemetzelten, deren Beine in die Luft ragten, Verweste. Den Haß stampften sie ein, wo sie ihn trafen, machten die Erde fett, aus der er gequollen war. An den Galgen dampften in der Hitze die Leiber der Gehängten. Der stinkende Wind warnte vor Rebellion zwischen Elbe und Moldau.

Aus ihren geplünderten Dörfern flohen die Begnadigten, denen Nasen Ohren abgeschnitten waren, die Zunge fehlte, die Eidfinger fehlten. Die Gedanken liefen ihnen kreisförmig um den Kopf, sie irrten nicht lange in den Wäldern zwischen den Kadavern ihrer verzweifelten in die Seligkeit eingegangenen Brüder.

Starr saß über dem Land wie ein fremdländischer Götze, dem man Menschenopfer bringt, um ihn ruhig zu halten, ein alter Mann, Gundakar von Liechtenstein, der Gouverneur und Oberstburggraf, Herr von Troppau und Jägerndorf. Er war schon durch die Kabinette des irrsinnigen Kaisers Rudolf gegangen, hatte den Kaiser Matthias sich abkämpfen sehen. Schwerkrank war er, seine Nächte gestört durch Herzbräune. Er saß vor der Theinkirche unter dem Baldachin an dem Tage, an welchem das rotbehangene Schafott auf dem Altstädter Ring für die Rebellen aufgeschlagen war. Im Karree sperrten zwei Schwadronen Kavallerie, ein Fähnlein Fußvolk den Platz; aus einem Fenster stiegen nach und nach die grauhaarigen herrischen leidenschaftlichen Männer neben dem Priester vor den Henker. Sie hatten nicht viele Schritte gemacht, dann wurden ihre spritzenden Leiber wie Kälberrümpfe angefaßt gehoben geschwungen, in die leeren Holzkisten gekracht. Dem Stadtbüttel fielen ihre Kleider zu.

Nahe beim Veitsdom vor der tiefeingeschnittenen Schlucht des Hirschgrabens stand auf dem Hradschin die Burg. Der Laurenzerberg schob seine dichtbelaubten Gänge zur breitfließenden Moldau herunter. In den spanischen Saal der Burg ließ sich der Gouverneur vor den päpstlichen Nuntius, den Kardinal Caraffa, tragen, der auf ihn wartete. Der Neapolitaner verlangte im Namen seines Herrn, des Statthalters Christi auf Erden, des Mannes in Rom, die Menschen des Landes Böhmen für seine Kirche. Und zwar ohne Verzug in Anbetracht der bedrohten Seelen. Liechtenstein ließ ihn erst zerren, dann dachte er an sein Ende, küßte, auf ihn zuwankend, seine Hände. Sie kamen überein.

In einem ungeheuren Krampf zog sich das Land zusammen, schleuderte mit einer einzigen hebenden schüttelnden Bewegung die ganze Masse der Unbotmäßigen von sich. Nachdem ihnen Todesstrafe und Güterverlust angedroht war, wofern sie Unziemliches von Gott, der Jungfrau, den Heiligen, sowie dem glorreichen Hause Habsburg sprächen, sammelten sie sich. Handwerk und Handel waren ihnen verboten, wenn sie nicht ihren Glauben abschworen. Da traten im ausgehenden Sommer die Ältesten Prediger Ratspersonen der Familien zusammen, denen die Wahl gestellt war, den Boden zu verlassen oder in den habsburgischen Himmel zu fahren.

Auf den obstbaumbestandenen truppenwimmelnden Straßen nach Norden und Westen knarrten die Wagen; die böhmischen Brüder zogen aus, nach Sachsen. Sitzend auf schweren Gäulen, unter breitkrämpigen hohen Filzhüten, Degen an der Seite, verstockte versteinte Männer und Bürger; auf diesen langbärtigen Gesichtern stand: politisches Recht und der König. Neben ihnen die ruhigen freien Bekenner, die sich wiegten in ihrer Hoffnung; ihr Huß in Konstanz verbrannt auf dem Konzil; wer wollte an sie heran? Was wäre aus der Welt und der menschlichen Seele geworden, ohne das Heil, das Huß in Böhmen erneut hat? Jesuiten und ihr Kaiser Ferdinand haben Kelch und Schwert, das Georg Podiebrad vor Jahrhunderten auf der Theiner Kirche aufstellte, herabgerissen; tote Glaubenshelden gruben sie aus, verbrannten sie, schütteten ihre Asche in den Mund: die körperliche Stärke kann sich in alle Ewigkeit nur an der Materie vergreifen, nur an der Materie. Lange braune und blaue Röcke trugen sie alle, große schwarze Schlapphüte; die Westen mit roten Aufschlägen. Viele Jüngere schritten festlich in kurzen Jacken mit gereihten Messingknöpfen und gelben Hosen, an genagelten Stöcken. Hinter den Martyriumsfrohen die Verschüchterten, angstvoll Bestürzten, die das Leben retten wollten. An den Dorfausgängen, vor den Stadttoren schoben sich die Armen; zu ihnen war keine Kommission gestiegen; wie ihre Wohltäter fortgingen, zogen sie mit; mit Schnappsäcken, einrädrigen Karren, Maultiergespannen stießen sie zu den breiten Zügen der Rollwagen Reisekutschen. Jetzt waren sie hier, im beginnenden Elend, die stärksten; Bitterkeit, augenverschleiernde, regte sich bei ihrem Anblick in den Wohlhabenden, denen es heiß aufquoll; Scham bei den Armen. Die Bauern wußten schon, als sie einander stumm in den gefüllten Wagen ansahen, wegblickten von den Mitwandernden, was ihnen bevorstand: im Elend ein fremdes Gefühl zu lernen, den sinnlosen Haß aufeinander! Den Gram würde man sich vorwerfen, um zu vergessen; man würde sich bestrafen für die Erinnerung an die verlassenen Häuser und Felder. Die Strohdächer, roten Ziegeldächer, die Scheunen Ställe Salbeigärtchen Lavendel Reseda Minze. Die schönen Giebel mit Säulchen, gezähnten Luken, krajky, dunkle Schindelvordächer mit Denktafeln, Terrassen vor den Häusern; hinter Bildern Meerzwiebeln.

Tränenvergießend umdrängten an manchen Flecken fast um Verzeihung bittend Altgläubige, Priester im Ornat, ihren Zug. Blicklos zogen sie im Straßenstaub, den sie nicht gehen brauchten, ganz umhüllt von ihren Gedanken; das Buch, die Bibel in der Hand. Das Buch, das entsetzliche Buch, das grausige Buch! Wie oft hatten die altgläubigen Priester sie im Geist mit Trauer und Erbarmen, die Ärmsten, wandern sehen mit dem Buch; welches unsägliche Unglück hatte das Buch angerichtet. Es zogen aus viele Tausende, aus allen Ständen, dazu Weiber und Kinder. Das wandernde Volk nahm seine Fruchtbarkeit mit. Die Frauen volle, junge, vergrämte, Mütterchen, braungesichtige, stolze, verdorrte; Frauen auf Karren, neben Eseln, in Kutschen. Lange Röcke, Kopftücher, bunte Schürzen, Mieder; die gestickte Holubinka auf dem Haar, Frauen aus Pilsen mit weißen Flügelhauben. Die aus dem Chodenlande mit roten Leibchen. Sie reisten im ausgehenden Sommer; auf den großen Straßen trafen sie sich; die Apfelbäume schüttelten runde rote Früchte über sie. In vorwärtsliegenden Dörfern achteten die Amtsleute auf die Kirchtürme, denn es kam vor, daß ein böser Geselle die Glocken bei ihrem Annahen läutete, um das Volk durch den Anblick des traurigen Zuges aufzureizen. Kompagnien wurden vom Regiment Holstein gestellt, die drängten die Auswanderer auf Seitenstraßen, trieben sie um größere Orte herum; auf schwierigen Knüppelwegen, über Brachfelder hin. So mußten sie sich aus ihrer Heimat winden.

An Wegkreuzungen, unter Mariensäulen tauchten Männer auf, zerlumpt, wie Bettler aussehend, mit gefährlichen Knüppeln; sie waren geschickt vom alten Grafen Thurn, dem geflohenen Rebellenführer, der in Sachsen Brandenburg und Holland agitierte. Verhöhnten die Wandernden, um sie aufzustacheln: »Wo zieht Ihr hin? Wie seht Ihr aus! Hat Euch der Kaiser Euer Land abgekauft? Hat Euch viel gezahlt, daß Ihr es eilig habt damit, daß man Euch nichts raubt. Wieviel ist es, wieviel ist es?«

»Zigeuner, Zigeuner,« lachten sie schallend hinter ihnen her. Und dann ballte es sich vielen vor Schmerz und Verzweiflung in der Brust; die Schultern wurden ihnen schwach, die Knie lose. Das war die Straße! Nach Wegstunden schlängelten sich wieder, auf Maultieren kauzend, die Lumpen heran, boten: »Gelobt sei Jesus Christ.« Die hörten stumm über den papistischen Gruß weg. »Seid ihr Heiden?« »Hat man euch die Zunge schon ausgeschnitten?« »Ah, die Frommen, es sind die Frommen. Von Trautenau, von Königgrätz, von Brunau. Die Aberfrommen; denen die Herren Jesuiter nicht fromm genug waren. Da ist ja Simeon von der Nadlergilde. Hast du die Lade aufgeschlossen, Simeon, die Pokale eingesackt?« »Simeon, seid nicht stolz, ich bin Wanderbursch, Herr Meister, biet Euch ehrbaren Gruß und Mundsprach.« »Die würdige Jungfrau Faustina, schau an, schau an, im Wagen, bei ihrem Herrn Vater; will selbst auf die Freite gehen in Sachsen, vergesse sie mich nicht.« »Ein Schuhknecht gefällig, eine Totennadel gefällig, Junker Schön, daß Ihr fest und gefroren seid, wenn Euch einer anfällt, maßen beim Chausseen walzen?« »Allesamt ehrsame strenge Herren, Mühmchen, Bäschen, Gott zum Gruß. Die ganze Chaussee entlang die liebliche Kompagnie. Willkommen zwischen unseren Pfählen. Das Dach habt Ihr vorsorglich mitgebracht.«

Peitschen schlugen von den Wagen nach ihnen; Steine sausten gegen sie.

Sie wichen aus: »Landstraße, Landstraße! Brüderlein! Schwesterlein! Bräutlein! Wollt Ihr mit, Hände beschauen, Göldrian verkaufen und Enzian?«

»Mühmchen Walpurga, Mühmchen Walpurga, du zartes, zierliches, komm herunter von deiner Frau Mutter. Bist kein Säugling mehr, lüpf dich zu mir. Hab' einen großen Wulst von einem Italiener gestohlen, bündel ihn dir um den Leib, unter den Rock; verdienst mit mir Heller und böhmische Groschen. Was schenkst mir für meine Lehr?«

Wie sie neckend und geifernd herumsprangen, die Kappen hoben, die Beine wetzten, fuhren ihnen Flüche nach aus den Mündern der ruhig schreitenden Männer, der Sackträger mit den schweißtriefenden Backen, der Greise hinter den Hundekarren. »Der Gottseibeiuns über dich Schelm!« »Meister, das ist herrlich gesagt. Euch kann es nicht fehlen. Ihr tragt Euer Glück im Mundwerk herum.«

»Verflucht säuischer Schalk.« Da rekelte sich einer eitel im Feld, affektiert die schmutzigen unbewickelten Füße spitzend: »So bin ich verflucht, und Ihr nehmt meinen Dank an. Schaut mich: ich bin durch Euren Spruch nicht besser geworden, Meister. Es hat noch nichts genutzt; bin noch nicht schöner, nicht dicker, nicht artiger geworden. Wißt Ihr nichts anderes?«

»Stinkiger Lotterbub, tückischer Hund, gottvergessener Dieb.«

Kopfschüttelnd folgten sie in Entfernung, behaglich schwärmend, den finster Explodierenden: »Noch immer nichts, noch immer nichts.«

Die Steine sprühten, sie meckerten von weitem: »Wir werden Euch füttern müssen, wenn Ihrs nicht besser lernt. Was wollt Ihr mit Hunden? Haben sie Euch gebissen in Caslau, in Königgrätz?«

Bei Leitmeritz weitete sich das Elbetal, dichtblättrige schwerträchtige Obstbäume; grünende, braune, bläulich schillernde Reben auf den Hängen, Dörfer, Dörfer. Dahinter die langausgezogenen Bergreihen, umdünstete Kegel. Steiler wurde der Weg. Rechts und links der Radobil und Lobosch; Fichtenwälder. Die Nelken wuchsen wild; Maria hat sie auf dem Weg nach Golgatha geweint. Wo war nun Mütterchen Prag. Kleine Brunnen flossen vorbei; das näselnde Männlein, das daneben sitzt im grünen Rock, ohne Daumen an der linken Hand, es näht seine Stiefeln, hat rötliches Haar; es führt einen Topf für die Seelen der Ertrunkenen. Höher und höher, liebe Berge, liebe Fichten, liebe Quellen. Wie türmte sich das Gebirge auf, um sie nicht herauszulassen. Keiner sprang um sie, hier pfiffen nur Vögel. Kühler Nadelwald, Dörfer, die noch friedlich lagen vor den Kommissionen, Herrensitze, grüne Matten, Gehöfte. Und wie man noch eben die Füße über den satten Boden hatte schleifen lassen, als sauge man ihn ein, Schluchten und Wälle seufzend heruntergeblickt hatte, dehnte sich eine verwandelte platte Ebene vor ihnen aus, in die die Wagen, die Tiere Männer Kinder Frauen Wagen hineinfuhren, wie in ein Nichts sinkend, in dem sie selbst verschwanden, vom Himmel zur Erde und nach beiden Seiten gereckt. Die Stimmen verklangen, die Farben verliefen; Flächen, Flächen, menschenfremd, unnahbar für Lebendiges.

Blaugrüne Büsche der Sumpfkiefer umgingen sie ahnungsvollen Herzens, nach Heidepflanzen faßten sie, die die Finger stachen; der Moorboden wippte, sie tänzelten, schwankten. Blickten rückwärts, fingen an zu erschrecken, sahen die schwarzen Wälder nicht mehr. Unheimlich die Luft. Aus dem Boden vor ihnen krochen arme Leute hie und da; Hammer Piken und Eimer schleppten sie; grauer Staub, Erze; sonderbare Höhlen, mächtige Haldengänge, ungeheure Pingen. Tiefer sank der Boden ab, die Wagen rollten leichter, von Welle auf Welle sank der Boden, Moorheiden, finster verschwiegene Wälder. Langsam sanken sie alle, den Atem verhaltend, in ein fremdes Gebiet hin, hinüber.

Man rollte die weiten kahlen Hochflächen, trauriger, aufgelöster. Voran tummelnd auf Pferdchen häßliche kroatische Reiter, trabten hinterdrein. Die wilden schiefen Pelzkappen auf dem Haar, das in schwarzen Locken hoch wirbelte; mit den Füßen kneteten sie den Leib ihrer braunen Tiere; auf und ab arbeiteten in den grellweißen Leinhosen hohen Stiefeln ihre Beine. Sie jagten mit Peitschen und Piken den Zug ab, kreisten ihn ein wie Schäferhunde. Hatten die Necker ihr Spiel zu treiben aufgehört, kreischten die fremdländischen Befehlrufe der unverständlichen Soldaten. Fluch; man duckte sich. Und doch verlor sich die Angst vor ihnen, je mehr man sich der Grenze näherte und abwärts stieg. Man sah mit Angst und Unruhe, wie dies geschah: wie sie sich von der Spitze zurückzogen. Bald werden sie verschwunden sein, nach Böhmen hinein, zurück in die liebe Heimat, sie werden die grünen Matten wiedersehen, und wir stehen draußen. Unwillkürlich verlangsamte sich das Tempo des Vorrückens; die Kroaten hetzten; da und dort brach man heimlich Wagenachsen entzwei, versperrte ganze Straßen. Der Weg ging schon in Straßen abwärts und man hätte rasen können, statt dessen türmte sich der ganze Troß unbeweglich auf. Mit heimlicher Süßigkeit blickte einer den andern an, wehmütig streichelte man sich, sammelte Steine vom Weg, küßte die dürftigen Zwergkiefern; den Rabenschreien lauschte man, als wäre es Mündergesang. Welche drangen bittend in die Reiter, daß sie sie hier verweilen ließen, dachten nicht, von wo sich ernähren. Manche blieben liegen. Wütender jagten die Kroaten, legten selbst Hand an; diese Gegend war ihnen zuwider. Und die wandernden Böhmen, als wenn ihnen ein Unglück bevorstünde, schoben sich übereinander, wurden gesprengt voneinander, kamen elend vorwärts, bremsend, bremsend vorwärts.

Bis am Morgen ein schreckliches fernes sinnenbetäubendes Glockenläuten hinter einem Bergzug, der noch schmal vor ihnen lag, mit einigen Windstößen herschwang, unter dem die Berittenen gelle Freudenschreie ausstießen und sich schmetternd anlachten.

Sachsen! Die ersten weißen armseligen sächsischen Dächer!

Die Begleitrotten zogen sich auf allen Seiten von der Karawane zurück; dann brausten sie unter Geheul, in den Sätteln hängend, von hinten, seitlich gegen die Wagenkolonnen. Spieße Beile Riemen in den Händen. Hieben, lustig krächzend, die Augen rollend, rechts und links, schlugen sich Wege, zerwühlten den Zug, warfen Wagen hügelabwärts. Pferde gingen hoch. Sachsen!

Weiberheulen von seitwärts, rückwärts nach vorwärts, rollte sich verzehnfachend nach rückwärts. Man trieb schrie wirbelte um sich selbst, ließ liegen, was sich nicht bewegen wollte. Die schrecklichen Glocken läuteten den ganzen Tag. Die Kroaten tobten bergaufwärts. Hinüber hinunter. Und als man die Grenze überschritten hatte, die sächsische Landstraße vor den Füßen lag, endloses Lärmen. Flehen, Händeschlagen an der Spitze des Zuges.

Sie wurden wie von Meereswellen nach vorne gespült, schwammen drängten schoben sich rückwärts.

Die benachbarten sächsischen Dörfer und Städte hatten Ratsmannen mit Brotkarren, Prädikanten an die Grenze geschickt, die Glaubensbrüder, die Märtyrer zu empfangen, sie zu bewillkommnen und zu trösten. Diese fanden mit Fackeln herumwandernd die Nacht und den ganzen nächsten Tag das wandernde Volk unbeweglich auf der Landstraße liegen, auf den Äckern; kein Erwachsener nahm die Speise an, die man ihm bot. An der Erde lagen sie, wie hergeworfene Schiffbrüchige; alle waren von den Karren und Wagen gestiegen. Von Zeit zu Zeit erhob sich gräßliches Geschrei; einer schrie, hundert schrien, alle schrien. Dann fielen sie wieder hin, blickten sich zerkratzend nach drüben herüber, wo die Kroaten die Grenze sperrten. Die zappelnden Pelzmützen, die weißen Hosen: da! Aus fünftausend Herzen wurde Gottes Name Tag und Nacht angerufen gewälzt gekaut gebissen geschlungen. In Tränen und Staub mischten sie sich mit der Landstraße, besudelt zertrümmert standen sie auf, rieben sich leer widerspenstig aneinander. Wer nach drüben über den Kirchturm sah, dem gerann das Blut vor dem Unfaßbaren.