Part 14
Was erwartet wurde, trat ein. Nach der Ankunft des Kaisers sammelten sich nach und, nach Kurfürsten und Fürsten in Regensburg; als aber der Kaiser zum Anfang des neuen Jahres den Konvent im Rathaussaal eröffnete, um die Proposition dem Reichserzkanzler, dem Kurfürsten Erzbischof Johann Schweikard von Mainz, dem würdigsten ernstesten ältesten der Herren zu übergeben, fehlten Kursachsen und Kurbrandenburg. Gesandte von ihnen waren da. Ihre Tätigkeit: zu hören berichten keine Instruktion haben protestieren hinhalten. Die Anwesenden ließen sich nicht düpieren, Ratsgang auf Ratsgang fand statt ohne die evangelischen Herren. Tollköpfe Jesuiten und Kapuziner wollten rasch ohne sie zum Entscheid kommen. Pommern, das erwartet wurde, kam nicht, Braunschweig entschuldigte sich; nur viel umworben sah man den ehrgeizigen, sich anschmeichelnden Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt in den Fürstenquartieren herumreiten als einzigen Protestanten.
Während die kaiserlichen Räte nervös wurden im Warten und Hoffen auf Kursachsen und Brandenburg, während sich der ehrlich über den Zwiespalt betrübte Mainzer abmühte in Vermittlungsversuchen, saß in seinem gediegenen Quartier an der Grube der junge überstolze Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg. Sein Vater, erkrankt, war ganz faselig geworden; notgedrungen wurde der Sohn ins Vertrauen gezogen; er ging wild wie ein Stier auf die Sache los, staunend und grollend, in welchen Geheimnissen er blind lebte, zornig entschlossen, es mit aller Welt zu verderben, um die sonnenklaren Ansprüche Neuburgs durchzusetzen. Sein Vater überflutete ihn von Neuburg mit Ratschlägen und Vermahnungen; es konnte geschehen, der Sohn fürchtete, daß der Alte selbst anfuhr. Jenes stolze Gebaren der Neuburgischen Doktoren gegen Leuker in Wien war nur ein Abglanz der Haltung Wolfgang Wilhelms; hochfahrend gebieterisch trat er in Regensburg gegen kaiserliche Räte Kurfürsten und Fürsten auf; man sah ihn mit den prächtigsten Gäulen und Kutschen in dem schneebeladenen Tummelgarten bei den Barfüßern; seinen Aufwand trug er in drohender Weise zur Schau. Die Gemahlin, eine Schwester des bayrischen Max, hatte er wider ihren Willen nach Regensburg geschleppt, sie fürchtete ihren Bruder; Wolfgang Wilhelm setzte ihr mit schmähenden Äußerungen zu, daß sie geboren sei zum Aschenputtel, zur Winkelsteherin; hätte nicht an ihren Bruder zu denken, sondern an ihn und an ihren Bruder mit Bitternis, denn er wolle ihm das Recht streitig machen, ihm, ihr, ihren unmündigen Kindern. Da saß die unschöne kränkliche Frau in italienische Kostbarkeiten gehüllt in dem heißen Empfangssaal an der Grube. Vor die Angesichter aller Kurfürsten wurde sie geschleppt, bald sollte sie zur Audienz erscheinen bei den kaiserlichen Majestäten, bald sollte Maximilian aus München in Regensburg landen.
Der kaum dreißigjährige Pfalzgraf, braunlockig, in französische Schillerseide gekleidet, hatte schmutziggraue Farben an den Backen bekommen, seitdem ihn der Kurfürstenteufel ritt; sein Blick, ehemals flüchtig, jetzt steif und abwesend; die Haltung ohne Zusammenhang, bald versunken, bald kalt abweisend und herrscherisch. Der Alte hatte noch von der Universität Löwen ein ausführliches Gutachten anfertigen lassen zur Begründung seiner Rechtsansprüche; das Gutachten verbreitete der Sohn in Abschriften; vergnügt las der spanische wie französische Botschafter, Mainzer Kölner Trierer Räte, sächsische Abgeordnete, die Vertreter Maximilians von Bayern, wie gut fundiert die Neuburger Ansprüche waren. Die goldene Bulle war zitiert, Titula sieben, Paragraph fünf, worin stand, daß beim Erlöschen einer Kurlinie über die Neubelehnung der Kaiser unter Hinzuziehung der Kurfürsten zu entscheiden habe. Die nahe Verwandtschaft, ehemalige Mitbelehnung, war angerufen und daß keiner aus der Linie Neuburg die geringste Schuld an dem böhmischen Kriege habe.
Erschreckend wirkte es auf alle, die dem Schauspiel beiwohnten, daß plötzlich ein regelrechter Buckelhans auf der Bildfläche erschien, im Quartier des Mainzer Kanzlers anrückte, sich offenbarend als Friedrich von Zweibrücken-Birkenfeld und, da er stumm war, durch seine dämonisch erregte Frau und einen imperatorischen Kammerdiener bekundend: er und kein anderer sei nächst berechtigt bei einer Neubelehnung. Man hatte Mühe, mit diesem Prätendenten fertig zu werden, vor allem, da er ersichtlich von Geist schwach, vielleicht völlig blöde war und auch die Möglichkeit bestand, daß er gar nichts wußte von den Dingen, die man mit ihm machte. Aber der gute vielgequälte Schweikard sah schließlich keine Rettung vor den drei Birkenfeldern: die verwandtschaftlich begründeten Ansprüche mußten protokolliert werden, ihren Weg laufen. Es gab eine Szene von großer Peinlichkeit, als Schweikard es dann nicht verhindern konnte, daß bei einem Schauessen im Karthäuser Kloster vor der Stadt der pompöse stocksteife Neuburger mit der Birkenfelder pfalzgräflichen Trias zusammentraf. Aus dem Konventsaal, in dem Truchsesse und Pagen speisten, kamen die drei geirrt in das feierliche Refektorium, in dem feine Geigenmusik erscholl, Kaiser und Fürsten hinter einer langen Tafel saßen, darauf ein zinkerner Berg Parnaß Wasser und Wein verspritzte, ein Pegasus aus Zucker die Flügel schwang. Neben Wolfgang Wilhelm setzte man den tauben blöden Buckelhans ab; rechts und links blieben Sessel frei. Man lächelte drüben, flüsterte sich ins Ohr; dies waren die beiden Prätendenten. Aber manche wandten sich betreten und ergriffen ihrem Mahl zu; Schweikard, weißhaarig, Gesicht einer fetten, alten Frau, mit mächtigem Kehlbraten, zittrigen Lippen, sah schmerzlich vorwurfsvoll zum Obersthofmeister herüber. Verschwunden war die nächsten Tage der Neuburger; man erzählte von Duellen, die zwei seiner Kavaliere mit Franzosen hatten, die in einem Atem Neuburg und Birkenfeld besprachen. Der Leidensweg Wolfgang Wilhelms wäre so lang wie der Fürstentag geworden, hätte Graf Ognate, der spanische Gesandte nicht die beiden Prätendenten zusammengeführt, einen Vertrag zwischen ihnen veranlaßt und den stark geduckten Wolfgang Wilhelm als seinen Kandidaten ausgerufen. Die drei Birkenfelder waren bereit, sich mit Geld abfinden zu lassen, blieben aber böswillig in Regensburg, lauerten; sie saßen dem Neuburger auf den Fersen, zähneknirschend mußte er sich umwenden, lieb Kind mit ihnen spielen; die vulgäre Dienstmagd, Birkenfelds Weib, wagte sich hausfraulich neben die bedrückte Schwester Maximilians.
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Die Verhandlungen klärten die Situation vollständig; dem Schwanken und Widerstreben der Kurfürsten stand die unerschütterliche kaiserliche Forderung der Belehnung Bayerns gegenüber. Wie ein Wurm wand sich das Kolleg unter der täglich stärker drückenden kaiserlichen Faust. Tobsüchtig raste Ognate; sein wildestes Argument: man möchte doch den Franzosen, Monsieur de Baugy ansehen, wie er sich freue über Bayerns Aussichten -- ob dahinter Gutes stecken könne. Und Baugy erklärte in der Tat höflich und spitz, dem frommen König von Frankreich widerfahre bei Ausführung des heiligen Werkes der Belehnung eine persönliche Freude; dies könne dem Heiligen Reich doch nur angenehm sein, vielleicht nicht dem Spanier. Die sächsischen Vertreter stießen täglich und und unter zunehmendem Tumult Drohungen aus, die Übertragung der Kur sei kein Mittel zum Frieden im Reich; der Kaiser hätte nicht ohne ordentlichen Prozeß Acht zu verhängen. Die Brandenburger standen ihnen bei. Das ganze Kolleg zuletzt, von Kurmainz geführt, erhob sich, schloß sich den Sachsen an: es würden sich bösartige Kriege an diese Tat anreihen, der Kaiser könne nicht dies verantworten. Der Erzbischof Kanzler beschwor persönlich den Kaiser; schwere Stunden durchlebten die Räte, die aufs innigste hofften, Ferdinand werde Gebrauch von der Stimmung des Kollegs machen. Aber Ferdinand blieb unbeweglich; bei vollkommener Liebenswürdigkeit antwortete er, die Sache sei zwischen ihm und Maximilian längst geregelt, die Kur vergeben. Es bedurfte der hingebungsvollen Diplomatie der Räte, die voll Bitterkeit erkannten, daß dem Kaiser keine Wahl geblieben war, und der Konzilianz des Mainzers, um die andern katholischen Stimmen zu besänftigen. Sie erkannten alle den ungeheuren Fortschritt der katholischen Sache. Die katholischen Herren gingen nur widerwillig an die Entscheidung heran und stimmten zu; sie sahen in dem Vorgang einen bedrohlichen kaiserlichen Übergriff, der sich auch einmal gegen sie richten könne. Dazu war das böse sehr törichte Wort aus der Kanzlei der Wiener gekommen: Daß die Aberkennung und Neuübertragung der Kur der kaiserlichen Wahlkapitulation widerspreche, sei sonnenklar; aber keine menschlichen Gesetze seien so ewig und beständig, daß sie alle Fälle der Notwendigkeit ausschlössen. Als Maximilian selbst, blaß erregt in Regensburg eintreffend, sich bei Ferdinand nach den Aussichten erkundigte, bekam er den kalten fast befremdeten Bescheid, die Sache sei doch abgemacht.
Ohne daß außer den anwesenden Kurfürsten irgendwer formell benachrichtigt wäre, erfolgte dann eines Tages, vor einem Auditorium von nur Jesuiten Mönchen Beamten, die Belehnung des Bayern in der Ritterstube des Rathauses zu Regensburg. Knieend empfing der Bayer den Kurhut aus der Hand des Kaisers. Zwei Stunden darauf versah er zum erstenmal das Amt als Truchseß an der Tafel des Kaisers, trug die erste Schüssel auf, wurde zum Mahl geladen. Ein Eilbote lief zugleich nach Rom, um in Maximilians Auftrag dem Papst die freudige Kunde zu bringen; die Kanonen donnerten auf der Engelsburg; zum Tedeum zog der Papst Gregor in die Peterskirche.
Die Regensburger hatten dem kaiserlichen Paar ein besonderes Prachtschiff gebaut. Das Kolleg löste sich auf.
Der Franzose hatte gekämpft, um den Bayern in seinem Spiel zu haben, wenn es gegen Spanien ging oder gegen den Kaiser.
Der Spanier hatte gekämpft, um sich England freundlich zu erhalten, den Verwandten des geächteten Mannes.
Den Bayern hatte Rache, Größensucht und Stolz getrieben. Der Kampf war zu Ende.
Es pries am Schluß der großen Prozession vom Wolfgangsdom zum heiligen Emeran der Kapuzinerpater Hyacinth das geschehene Werk, predigend, man dürfe nicht Furcht vor den drohenden Allianzen und Personen haben; wenn nur der katholische Glaube gefestigt und gefördert werde.
Kochenden Herzens ging aus dieser Predigt hinaus der graublasse Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm von Neuburg; er reiste sogleich dem spanischen Gesandten nach, allein; seine erschöpfte Frau hatte als erste dem Bruder Glück gewünscht, begleitete ihn nach München. Die Birkenfelder Trias war längst mit spanischem Gelde abgeschwommen.
Herr Meggau, Fürst Eggenberg, Abt Anton, Herr Trautmannsdorf, die Recken von Regensburg begleiteten den Herrn heim, eine ehrerbietige stark verbitterte ratlose fast verzweifelte Runde, am heftigsten sich selbst grollend. Der Kaiser war fröhlich mit seiner Gemahlin, empfing freudig noch auf dem Schiff zwischen Passau und Linz seinen Bruder Leopold, den er beim Abschied in Wien dem Hohen Rat mit dem Bemerken empfahl, man möchte sich auch in Zukunft bis auf weiteres an den Erzherzog halten. Er selbst nehme Aufenthalt in Laxenburg und Wolkersdorf.
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In München, in der Residenz, saß der Melancholiker Maximilian, äugte nach allen Seiten. Saß über seiner Beute. Er konnte sie nicht wie ein wildes Tier in eine Ecke schleppen, sie allein schlingen. Aber während er sich mit rasselnder Brust an ihrem Besitz sättigte, funkelten seine Augen. Er knurrte fauchte sprühte. Das Blut troff in zwei Rinnsalen aus seinen Mundwinkeln, bildete Lachen auf dem Boden, indessen seine Hinterbeine schon zum Sprung eingezogen waren, die Vorderpranken locker; der Atem rauschend.
Er warnte den Kaiser, er möge auf der Hut sein. Er schrie nach Wien. Eggenberg Questenberg Trautmannsdorf flüsterten höhnisch: er mag sich verteidigen. Bayern liegt wie ein Wall vor Österreich; wenn Feinde kommen, gehen sie auf die Pfalz; mag Bayern sich strecken.
Max drohte: ich habe dem Kaiser die Krone auf dem Kopf erhalten. Der Kaiser, kaum daß er's hörte. Er lächelte mit seinen Räten: Max hat meine Hand gefühlt.
Maximilians Gebete waren ein Zischen nach Beruhigung. Aber seine Haltung wurde starrer als sonst. Er wartete gespannt, daß sich die Wut der Feinde auf ihn werfen würde. Er dachte schon daran, wie er sich aus dem Spiel stehlen könnte. Heimlich ging bei ihm ein und aus Charnacé, der französische Geschäftsträger. Maximilian hätschelte ihn, stieß ihn von sich, hätschelte ihn.
Zweites Buch Böhmen
Am Altstädter Brückentor von Prag ragten auf den Zinnen, aus den schwarzen viereckigen Fensterluken quer nach vorn in die blasende Luft elf Stangen und Spieße. Mit eisernen Klammern waren sie am Gemäuer befestigt. Auf den Stangen und Spießen saßen mit kurzen Hälsen verdorrte Menschenköpfe, denen die Rümpfe abgeschlagen waren; sie lagen unten verscharrt in der Erde. Als sie noch lebten, hießen sie Wenzel Budovak, Kaplir, Prokop Dovorecky, Friedrich von Bila, Otto von Los, Bohuslav von Michalovik, Valentin Kochan, Tobias Steffek, Kober, Jessenius, Heimschild. Sie waren vorzeitig, wenngleich alte Männer in hohen Stellungen, durch Gewalt umgekommen, weil sie Böhmen gegen den Habsburger ein Wahlkönigreich nannten und sich den blonden Pfälzer aus Heidelberg verschrieben. An drei Stangen waren Armstümpfe mit Händen angenagelt zum Zeichen des geschworenen Meineids. Unter einem weißbärtigen Kopf, dessen Mund angelweit klaffte, baumelte am Holz ein brauner geschrumpfter Fleischlappen, eine Zunge: dies war vor einigen Jahren der Rektor der Prager Universität, Jessenius. Viele wilde Reden hatte der blauäugige Mann in den Wochen des Entschlusses, der Erhebung gesprochen; an seinen Lippen hatten die jungen Adligen gehangen, die sich nach der Unglücksschlacht verzweifelt im königlichen Tiergarten zusammenscharten und nach schäumender Gegenwehr niedergemetzelt wurden. Sein Mund erduldete das Wehen des Windes, mit seinem Schlund, seiner Kehle trompetete der Wind, Zeisige und Spatzen hockten zwischen den Kiefern.
Die Körper zerschlagen, die Güter zerrissen, verschleudert, die Erde unter das Schwert gestellt. Während sie über Vltava, der breiten nebligen Moldau, trockneten, flohen ihre ehemaligen Freunde als Rebellen ins Ausland, die Berka Luksan Pisetzky Fruewein Wichynik. Ihre Güter belastet mit den Günstlingen des Siegers. Und vor das vergrauste Böhmen trat der bestellte Ankläger, wies auf die Häuser, in die sich die Beamten des Konfiskationshofes begaben. Fünf eine halbe Million Taler heimste der kaiserliche Statthalter aus Nachlässen ein. Aus dem Volke stieg das Wort: Gnade? Was für eine? Eine böhmische? Kopf ab. Eine mährische? Ewiger Kerker. Eine österreichische? Raub aller Güter.
Braunaus Regiment harnischschüttelnd, Pike und Handbeil lösend, rasselte in Böhmen ein. Braunaus Zahlmeister hieß Wolfsstirn, er traf seine Anordnungen für die Einquartierung. Er arbeitete in Trautenau Leitmeritz Caslau. Mit kleinen Trupps rückte er vor ein Haus, seine Söldner verlangten zu essen, zu trinken, Fourage für Pferde Unterkunft Geschenke. Gesättigt und voll fing Wolfsstirn seinen Spaß an. Den Streithammer, den er am rechten Arm trug beim Schmaus, ließ er am Faustriemen in die Hand gleiten, griff nach dem gedrehten Eisenstiel, schrie, den Falkenschnabel in das Tischholz knallend: »Nun wir geschmaust pokuliert gerülpst gespuckt gesudelt haben, ist es Zeit, die Rechnung zu bezahlen. Also bezahlt, Herr Wirt.« Und seine Dragoner schmetterten wiehernd aufstehend ihre Handbeile vor sich in die Tischplatten, zwischen ihre Beine in die Schemel und Bänke, über sich in die Balken der Decke: »Zeigt her Kreide und Schreibtafel, Herr, damit ich weiß, wie hoch ich mich zu bedanken habe, möcht nicht als Lump und Fuchsschwänzer verschrieen sein.« Er meinte den Beichtzettel. Holte der Wirt das Papier, so schaute der Zahlmeister drohend seinen Mann an, tat falsch höflich, keifte böse nach den Pferden. Wo er einen hussitisch Gesinnten, ein böhmisch Brüderlein, Utraquisten, Calvinisten traf, fiel er ihm um den Hals, das Valetetrinken nahm kein Ende: »Herzbruder, wir lassen dich nicht, schändt uns Gottes Element. Wir halten zu dir, sollst nicht verderben.« Fünf zehn seiner Leute quartierten sich ein, waren nicht zu vertreiben. Der tolle krummbeinige Zahlmeister sprach im Durchritt alle Tage vor: »Haltet gut Wacht, daß ihm nichts passiert. Er verdient es. Tot schind' ich Euch, so ihm etwas widerfährt.« Ausschüttete er sein Lachen, wenn sich einer beschwerte, demütig um Erleichterung bat: »Sieh mir einer den Aberweisen an! Ja, weiß der Hundsfott nicht, was ihm bevorsteht, wenn wir ihn lassen? Was ihm droht? Daß der Satan ihn ankrallt, ihn mit Leib und Leben, Haut und Haaren verschluckt. Weißt du, wer der Teufel ist?«
»Das ist der Böse selber.« »Recht, da stimmen wir Christen mit euch überein.« »Brauch keine Wache deshalb. Schütz mich schon selbst.« »Hast du es vor, bereitest ihm vielleicht das Bett? Setzst lieber ihm deine Schinken und Hühner vor als meinen frommen Soldaten? Willst gar eine Mantelfahrt mit ihm machen? Ich steh' für dich ein vor Gott und der königlichen Statthalterei, muß mit meiner Seligkeit für dich bürgen. Eher laß ich dir Daumschrauben anlegen, ehe ich ein einziges meiner frommen Kinder wegschicke.« »Wir verhungern bald, Herr!« Wolfsstirn, der gedrungene kleine o-beinige, blaurot die Eisenkappe aus der Hand werfend, schwer in seinem Panzer atmend, zu seinen Leuten: »Habt Ihr zu essen?« Sie schwiegen, schmunzelten. Er drohend, gefährlich: »Daß Ihr nehmt, was Ihr findet, daß Ihr Euch sättigt und Kraft gewinnt, daß Ihr nicht die letzte Ziege und Kuh schont. Weh Euch, wenn ich Euch schlapp finde.« Er hatte gerüstete Heerwagen mit zahlreichen Fuhrknechten Reiterjungen. Mit einer feinen Wage fuhr er, zwei Trommler und Trompeter voraus, durch die Stadt. Wo Einquartierung lag, wog er die Söldner mit dem sonderbaren verbogenen Instrument; wenn einer abgenommen hatte oder ihm dünn erschien, kassierte er die Taler von dem Hausherrn ein, ließ ihm fünfzig Hiebe versetzen von seinem Büttel, dem Söldner selbst halb so viel. Den Beichtzettel, der ihm eines Tages vorgezeigt wurde, salutierte er: »Lieber, juchhei, bist nun ein gottgefälliger rechter Christ. Mein Werk ist am Ziel und Ende bei dir. Wo du dein Heidentum hinter dir hast, wirst du mich verstehen und mir danken. Nur satt fressen konnten sich meine armen Kinder bei dir, nicht besser wie die Säue im Stall waren sie eingesperrt bei dir. Pfui über die Schwelle der Unzucht. Und nun präsentierst du den Beichtzettel.« Er betete mit dem Herrn und seiner Familie auch mit den Söldnern gemeinsam, fiel hin im Harnisch, war befriedigt.
In den Rentämtern Küstereien Stuben der Amtleute Vögte Kellerschultheiße Räte Bürgermeister lagen Kornetts Spielleute Korporale mit wallenden Hüten, spähten zum Fenster hinaus. Regimentsschultheiß Gerichtsweibel thronten im Rathaussaal; wo einer kam sich zu beklagen, nahm der boshafte Schreiber ein Protokoll auf unter spitzfindigem Gefrage; dann hieß es danken, zahlen für die Klage, verlautete weiter nichts. Die Gassen der Neugläubigen versperrten sie mit ihren Troßwagen, quer lagen die schwerrädrigen Gestelle auf den Pflastersteinen oder im Sumpf, konnte keiner herüber von rechts nach links; wer die Gasse entlang wollte, stand vor hölzernen Barrikaden. Ganze Häuserreihen waren von den steinbeladenen Ungetümen gesperrt. Männer und Frauen saßen in den dunklen Höhlen der Keller und Erdgeschosse, oben goß und blies es hinein, das Stroh war von den Schindeldächern mit Haken für die Pferde gezogen. Nur bei Nacht trauten sie sich zum Fenster hinaus, zwischen die Räder, heimlich unter die Wagenbalken, um sich zu verköstigen. Die neugläubigen Kirchen waren vernagelt; und damit jedem die Lust an ihnen verginge, schleppten die Fuhrleute morgens mit dem Gemüllwagen den Unrat aus den Senkgruben bei den Häusern fort, stülpten ihn vor die Kirchtüren. Die Bauern, die Holz vom Amt bekommen wollten, brauchten keine Feldsteine zum Straßenpflastern mehr hereinzuschleppen; sie hatten genug an denen, die sie vor den Ketzerhäusern ausreißen durften. Wo ein Kehrichthaufen in der Gosse dampfte, wachte in der Nähe ein bestellter Spitzel, ein Dragoner hinter einem Torbogen, daß er nicht beseitigt wurde ohne besondere Erlaubnis. Dann zogen die Soldatenweiber mit Kind Kegel Raub und Plunder über die geräumigen Dielen, grell juchzend über die Parketts der Innungsstuben; in den Kammern der gelehrten Männer krähten die auf dem Feld, in Ställen geborenen Bastarde, ritten auf den bemalten Folianten. Man durfte sie nicht verjagen; die viehischen Gottesleugner durften sich freuen, daß sich ehrbare Leute bei ihnen bequemten. Dröhnend kletterten die Dragoner durch die verschmutzten Zimmer, über die Stiegen zu den kellergepferchten Besitzern, Teppiche unter dem Arm für ihre Wolfshunde, spektakelten nach Heu Stroh für ihre Pferde. Was nicht zu beschaffen war, mußten die Besitzer kaufen auf den Nachbardörfern; manche kamen nicht wieder von der Wanderschaft. Andre, wenn der Weinkeller geleert, die gedrechselten Holzstühle zerbrochen, die schönen ererbten Schränke zerkratzt, Salzfässer Leuchter und Lichtscheren zerstoßen waren, faßten sich ein Herz. Inmitten des wüsten, auf Faulbett Bankpolster Bank und Boden geworfenen gröhlenden Gesindels pflanzten sie das heimlich gekaufte Marienbildchen auf, auf einen Tisch, einen Wandbort, ein Schränkchen, fielen, den Jammer bezwingend, davor hin. Von seinem Spuk war bald darauf das Haus befreit, die toten Hunde und Hähne auf die Straße gekehrt, der Boden wieder glatt. Nur die Marienbildchen Rosenkranzbehänge waren in alle Räume eingezogen. Wie Knechte schlichen die Besitzer mit fremden Mienen um sie herum, Haus und Hof hatten sie wieder, waren dennoch daraus vertrieben.
Büttel Profosse Pikeniere und Geistliche wanderten von Gasse zu Gasse, Dorf zu Dorf. Sie gingen in die Schlafkammern, zogen die Decken von den Betten, denn viele Ketzer legten sich in diesen Wochen zu Bett, um den Fragen zu entgehen, die jedem entgegendröhnten, der den Kommissionen die Türe öffnete: »Wer ist im Haus? Und Ihr, seid Ihr katholisch geboren, geworden, versprecht Ihr es zu werden oder nicht?«
Über die Betten der Greise, Kranken im Caslauer Spittel beugte sich lederknarrend der Büttel. »Ich bin krank,« wimmerte einer. »Ob Ihr lutherisch, calvinisch, utraquistisch, katholisch seid?« »Ich bin krank. Mir fehlt der Atem, die Beine sind mir vollgelaufen mit dem Wasser, ich ersticke. Geht weg.« Der Jesuit neben dem Büttel, grauhaarig kalt, geistlicher Koadjutor, den viereckigen Hut zwischen den Händen, die Achsel zuckend: »Die Antwort ist schamloser, als Euch gut täte. Es ist ihm gleich, ob katholisch oder ketzerisch. Er pocht auf seine sogenannte Krankheit. Dieser Mensch ist schlimm.« »Geht weg,« schrie der graublasse Schädel, der da lag. »Bald,« sagten die Soldaten, warfen sich die Piken in den linken Arm, zogen dem Menschen Hosen und Wams über, stießen ihn über den Hof vor das Tor. Da keuchte, röchelte er an der Schweineschwemme.