Wallenstein. 1 (of 2)

Part 13

Chapter 133,491 wordsPublic domain

Beruhigt und doch beunruhigt hakte Leuker ein, der sich tief atmend im Stuhl zurücklehnte, was das heißen sollte, Gerechtigkeit, was er damit gesagt haben wolle; er rieb sein krankes Bein, das ihm plötzlich wieder einfiel: »Nicht doch, Gerechtigkeit, laßt das Wort. Der Schein der Gerechtigkeit, wollen wir so sagen. Wir kommen ohne den Schein nicht aus. Ihr auch nicht.«

Die beiden schwiegen undurchdringlich.

Mit entschlossenem würdevollen Brustton entgegnete der Bayer: »Uns liegt durchaus an der Gerechtigkeit. Wir scheuen sie nicht. Wir wollen nur nicht gar zu spitzfindiges Eingehen auf juristische Kompliziertheiten; man kommt damit nicht weiter. Die Realitäten müssen durchdringen, Anerkennung finden.«

»So und nicht anders verstehe ich Gerechtigkeit,« bestätigte der Abt.

Bevor Leuker ging, befriedigt und doch mißtrauisch, ein Duplikat der heutigen Kammermitteilung in der Hand, unklar zweifelnd, sagte er noch einmal halb fragend, es stände also alles gut.

»Für wen?« meinte Trautmannsdorf.

»Ich meine,« verbesserte sich der an der Tür, »es lag ein Mißverständnis vor.«

»Von wem?« schüttelte ernst Trautmannsdorf den Kopf.

Anton schüttelte dem Bayer die Hand: »Ihr werdet, besonders lieber Herr, vornehmlich wenn Ihr die Sache nachher in Ruhe überlegt, zugeben, daß Euch nichts Übles widerfahren ist von mir.«

Dann saßen Anton und Trautmannsdorf sich allein gegenüber, und Trautmannsdorf blickte den Abt an.

Der hatte auf der Truhe plötzlich einen ernsten Ausdruck, als wenn er eine Maske ablegte, einen verdrossenen harten Blick; winkte ab, bevor der Kleine die Stimme erhob.

»Ihr gesteht, Trautmannsdorf, nachdem Ihr zu meiner Freude dies mit angehört habt, daß ich nicht zu weit gegangen bin. Ließ ich es gehen, wie Leuker und sein Herr es wollten, so wären wir Knechte und Schürzenträger der Bayern. Sie glauben, wir seien dazu verpflichtet. Das ist zu viel, überschreitet das Maß. Was wir geben, muß geachtet werden. Forderungen an die Römische Majestät dulde ich nicht.«

Still der Kleine: »Ihr sprecht aus meiner Meinung.«

»Schließlich kann ich, und ich weiß, kann der Kaiser und der Erzherzog nicht die Verantwortung für das Folgende übernehmen. Mag sie der Bayer selbst tragen. Wir nehmen sie ihm nicht ab. Niemals. Wir haben keinen Grund dafür, gegen ihn milde zu sein. Denkt an, Herr, ich will es Euch nicht verhehlen, ich habe ihn nach Rücksprache mit Eggenberg anfragen lassen sub rosa, wodurch und wie sich die Römische Majestät von ihm freikaufen könnte, von ihren Pfälzer Verbindlichkeiten. Ich habe den Erzherzog nichts davon wissen lassen. Ich wollte einen runden Betrag. Den hat er genannt.«

»So sprecht doch, Ehrwürden.«

»Das Herz kann es mir zerreißen. Ich bin ein Christ, Katholik und dazu bin ich geweihter Priester. Mir steht kein Haß oder Abscheu gegen Menschen zu. Schon gewiß nicht gegen einen andern, der Christ, Katholik ist und -- ein Verwandter unseres Herrn. Aber die Wut zerreißt mir die Eingeweide, wenn ich es bedenke. Noch nie ist dieser getreue gerade Kaiser so geschmäht und infernalisch gehöhnt, als durch diese Antwort.«

»Ein unerschwinglicher Betrag. Und Ihr?«

»Dreizehn Millionen Gulden. Hört, denkt«, der Abt fast schreiend, dann erschreckt hinter sich blickend, mit heftiger Flüsterstimme und Gesten auf den Grafen eindringend, der im Nachdenken die Augen schloß, »dreizehn Millionen Gulden. Man muß es sich vorstellen, man muß sich ihn vorstellen, den Bayern. -- Laßt mich einmal sehen; die Fensterläden geschlossen, einer auf dem Flur?«

Als er bebend auf und abschritt auf dem Längsläufer, öffnete Trautmannsdorf die Augen: »Ihr seht es jetzt: der Wittelsbacher verachtet uns. Uns alle, samt unserm allergnädigsten Herrn. Dreizehn Millionen: da hat er gelacht und seinen Vater gefragt: »Wollen sehen, was das Bettelpack antworten wird.« Römischer Kaiser und Herzog in Bayern. O, wir hätten ihm wohl doch beistehen müssen damals, dem Kaiser, als die Exekution gegen die Oberpfalz begann. Wir hätten es müssen, Ehrwürden. Der Bayer suchte Macht gegen uns. Es wäre nicht so weit gekommen mit dem Kaiser. Jetzt wagt er dies; er weiß, warum der Kaiser beiseite steht und warum der Erzherzog Leopold am Hofe lebt.«

»Liebwerter Freund, wir hätten es müssen? Es hätte auf ihn keinen Eindruck gemacht, er kennt uns beinah besser als wir uns. Es war schon alles gut; wir haben nichts verfehlt. Er weiß, wie wir ihn brauchen.«

»So laßt es nun sein, ihm den Kurhut zu erschweren. So nützt es doch nichts.«

Der Abt hielt, noch im Schreiten, die Hände vor das Gesicht und weinte fast: »Nehmt mir nicht allen Trost. Ich weiß ja, ich will nicht denken. Darum muß ich ihm nicht Vorschub leisten. Ich entlarve seine Schliche. Ich will ihm diese Stunde nie vergessen, mit dem Brieflein um dreizehn Millionen. Seht, mir habe ich's in der Brust geschworen, in Treue um unsern allergnädigsten Herrn, dem ich nichts von der Botschaft verriet: die dreizehn Millionen soll er uns bezahlen; er soll denken: nie kann ich genugsam Geld aufbieten, um mir Habsburg wieder Freund zu machen und ich kann's nie. Dies will ich ihm nicht ersparen.«

»Ihr habt die Siegesfeier für gut gehalten.«

»Es soll die letzte gewesen sein, Trautmannsdorf.«

»Dies war's, was Ihr mir so dringlich vorgestern mitteilen wolltet; ich war verreist. Und was habt Ihr erreicht mit Euerm Beschluß von vorhin?«

»Einen Wutanfall Maximilians, ich weiß. Weiter nichts. Nur soll er uns nicht für Narren halten, für solche Narren, wie ich es beispielsweise bis jetzt war.«

»Wißt Ihr, Ehrwürden,« begann nach einer Pause, der unbewegliche Graf, »einen Schritt konnten wir gleich weiter gehen.«

»Und?«

»Wir könnten versuchen, den Erzherzog Leopold --«

»In diesem Augenblick dachte ich daran. Wir müssen es an Lamormain bringen. Ich weiß freilich noch nicht, wie er von meinem ersten Schritt denkt.«

»Ist er bayrisch gesinnt?«

»Nicht so und nicht kaiserisch. Er ist von der Gesellschaft Jesu und gehorcht dem Papst.«

»Vielleicht also bayrisch. Er wird, wofern Ihr ihm das Brieflein zeigt, seine Stellung ändern. Er ist tatendurstig, das Brieflein wird ihm als Angriff auf seine Macht vorkommen.«

»Der Bayer soll seine Freude haben an dem Kurfürsten,« drohte der Abt, schwang sich auf die Truhe.

»Mich müßt ihr beurlauben, und ich kann jetzt nicht Euer Gast sein, Ehrwürden. Ich war nicht in meinem Quartier von der Reise. Und ich möchte dann mit einigen Herren, später mit Euch, beraten, wann wir zu unserem allergnädigsten Herrn hinausfahren, um Audienz zu erbitten. Ich denke wie Ihr: Wir sind es ihm schuldig --, wenn er auch nicht viel Freude daran haben wird.«

»Lebt wohl, liebwerter Freund.«

Trautmannsdorf flüsterte schalkhaft: »Ich möchte auch gleich zum Herrn Leuker; ihn trösten, beruhigen.«

»Tut es,« lächelte gezwungen der immer wieder zitternde Abt auf der Schwelle, in den Flur nach rechts und links blickend, als wenn er Gespenster erwarte.

* * * * *

In Sachsen, in Dresden, wie in dem brandenburgischen Berlin hielt man sich die Seiten vor Lachen über den neuen Wiener Vorschlag, die Pfälzer Angelegenheit gänzlich durch ein Dekret des gesamten Kurfürstenkollegs aus der Welt zu schaffen. Johann Georg, dem Kurfürsten, behagte die neue Kunde ebenso kostbar wie seinem Ratspräsidenten, dem Kaspar von Schönberg; er ließ für einige Tage seine Hauptsorge außer acht, die Aufsicht und Reglementierung der Braugesellschaften, das Herumschnüffeln nach verborgenen Braumassen. Wie andere Hoheiten, Gesandte in fremden Ländern, so hatte er geschmackskundige Vertrauensleute in größeren Flecken seines Landes, vereinzelte auch in den berühmten Hansestädten, die für ihn hereinspionierten und ihm berichteten, auch die feinsten Tönnchen, das sorgfältigste Gebräu versiegelt und plombiert unter Geheimchiffern durch Kuriere zurollen ließen. War das Gebräu in der Tat erlesen, das aufgedeckte Geheimnis absonderlich, so konnte es dem gewandten gelehrten Entdecker so bald an nichts fehlen; er hatte sich legitimiert für den Zutritt zum kursächsischen Hof; der Merseburger Bierkönig, wie Johann Georg sich gern nennen ließ, mit Stolz, -- wenngleich die Leipziger Studenten ihn damit zu verspotten glaubten --, empfing sie feierlich dankbar und ehrend, wie es sich gebührte gegen jemand, der dem kursächsischen Leib wohlgetan hatte. Würdig gemächlich und etwas schwach im Kopfe war Johann Georg; er hatte den Blick für das Wesentliche im Leben nicht verloren, eine liebevolle Kenntnis der menschlichen Schwächen war ihm eigen. Für die Details des Daseins, auch des Amtsverkehrs, hatte er sich den Kaspar von Schönberg engagiert, den er noch, damit er nicht gar zu üppig werde, mit dem Schwergewicht einiger seiner edlen Vertrauensleute behängte; mit Gott, im Vertrauen auf die ererbte pfaffenfeindliche Religion konnte er so stattlich den Regierungswagen kutschieren. Kopfschüttelnd hatte er den Lauf des Pfälzer Friedrichs mit angesehen; der Mann hatte den rechten Glauben, auch die rechte Frau, ein schönes fettes englisches Weib, nach dem sich ein armer Deutscher die Finger lecken konnte. Aber wohin konnte es führen, sagte Johann Georg in versunkenen Momenten, wenn einer dies Weib in einem Schiff den Rhein und Neckar hinauf nach Heidelberg geleitet, in einem Schiff, das Silberkammern Schlafkammern Ritterstuben Badekammern habe. Und die Kammern ließe man sich noch gefallen, und sie seien würdig eines solchen geborenen Kurfürsten, auch Königs, und eines so leckeren Frauchens; aber woher das Geld, wofern es nicht er, sondern der König von England, Jakob der Griesgram, der Dickkopf hat? Ja was dann; so sei alles Glück und Hoffnung sogleich auf Sand gebaut. Ein deutscher Fürst, -- ja, es sei so, und so mußte es kommen, und so hätte es kommen müssen mit allen Folgen für ihn, für den Kaiser Ferdinand, für das Heilige Römische Reich, für den evangelischen Glauben; das Weitere sei auch alles so zu erwarten. Das war die Direktive für den »kursächsischen Aktuar und das Spitzmäuschen,« wie er den Schönberg huldvoll benannte und auch bei dem neuen Entschluß, die Pfälzer Angelegenheit durch kurfürstliches Kollegialdekret zu beenden.

Es war Spätherbst; in einem Saale seiner Kunstkammer saß Johann Georg auf einem Rollstuhl, mit blauer Nase, frierend in seinem wattierten Wams, seinem Rock aus Wolfspelz, über beide Ohren die Pelzkappe, darunter einen dicken Hut; mit Sämischlederhandschuhen, über die er ungeheure Wolfshandschuhe gestülpt hatte; die Beine in Lammfell geschlagen. Über das Wams floß ihm ein breiter gewellter grauer Bart, grün die Mundstoppeln. Den herumspintisierenden Kaspar von Schönberg, dieses arrogante dienernde Gerüst, verabschiedete er kurzerhand. Dann betrachtete er wohlwollend seinen asthmatischen Kammerdiener, den Lebzelter, der vor einem Pult mit dem aufgeschlagenen prächtig illuminierten eichstättischen Tulpenbuch stand und im Stehen sich Notizen machte. Denn Lebzelter notierte alles, was er sah, was um ihn geschah, seit zwei Jahrzehnten, aus Ordnung, aus Reinlichkeit, damit man nicht wie ein Tier ohne Gedächtnis herumlaufe. »Was hältst du von dem Handel, Lebzelter?« Eifrig sprang der herbei, hob abwehrend beide Hände, riß ehrerbietig die Augen auf, bis unter die lockige graue Perücke:

»Kurfürstliche Gnaden: nicht anrühren! Geheimer Rat Kaspar denkt im Nu, im Hui; Lebzelter --, Eure Gnaden wissen.«

»Woran liegt's, Lebzelter? Was werden wir machen?«

»Nicht anrühren, Eure kurfürstliche Gnaden. Nicht heute, nicht morgen. Das Natürliche braucht seine Zeit. Ich werde notieren.«

»Übermorgen, Lebzelter. Und laß mir den Kaspar nicht vor.«

Nach zwei Tagen staffierte der Diener seinen Herrn sorgsam aus, und als er ihn recht vor die Schränke gehoben hatte; den Bierhumpen zur Seite gestellt, daneben ein Körbchen Salzbretzel, machte er rasch seinen Eintrag, stäubte sich ab, verbeugte sich zum Vortrag. Aber Johann Georg bemerkte schon nach dem ersten tiefen Schluck, es müßte erst festgestellt werden, ob sie auch übereinstimmten in der Hauptsache.

Die Hauptsache sei, -- Lebzelter erhielt das Wort, -- den beiden protestierenden Kurfürsten samt allen Ständen, die sie im Kolleg vertreten, solle das Fell über die Ohren gezogen werden, von kaiserlichen Händen. Gerührt reichte ihm Johann Georg die Hand: »Lebzelter, feuchte dich an.« Alsdann kehre man, meinte geschmeichelt der Kammerdiener, mit kurfürstlich sächsischem Konsens zum Ausgangspunkt zurück: man lache. Denn die Albernheit der deputierten kaiserlichen Räte in dieser Affäre sei zu groß; sähe doch jeder Sachse, Brandenburger, jedes Kind: das Kurfürstenkolleg solle gutheißen, bezahlen, was der Kaiser esse. Es sei den Herrchen, hochzuehrenden, strengen, wohledlen allzusamt, allgemach zu schwer geworden in Wien, die Verantwortung und die Kosten selbst zu übernehmen; so mag es der Kurfürst mit dem guten, breiten Buckel.

»Ich will dir aber sagen,« bemerkte, den Wolfshandschuh abstreifend, nachdrücklich der Herr, »alles lieb und honorig, was Römische Majestät unternimmt und mit kaiserlicher Potenz sich unterfängt. Nur lach du mir nicht zu viel. Es tut nicht gut und hält nicht gut, es verstößt gegen den Respekt. Was soll ich denn, der doch einmal dein Kurfürst, dein gnädiger Herr ist, sagen, wenn Ihr lacht, wo das Reich erschüttert wird?«

Lebzelter hob gravitätisch, überlegen wieder beide Hände: »Wird nicht! Und geschieht nicht! Darum mit jedem Verlaub, kurfürstliche Gnaden, eben lacht man: weil man sich drüben täuscht. Was ist das für ein Gelächter? Ein Spottgelächter, ein vergnügtes, sehr ernstes, ablehnendes Gelächter.«

»So laß ich mir's gefallen. Wir lehnen ab.«

»Wir lehnen ab, kurfürstliche Gnaden. Geschieht das Gleiche wie mit dem Pfalzgrafen Friedrich und seinem Schiff.«

»Warum, mein Sohn?«

»In diesem Fall hatte der Engländer das Geld, und darum konnte der Pfälzer nicht lange Schiff fahren. Jetzt will der Bayer und die Majestät fahren, und --«

»Gut. Ich habe aber auch kein Geld. Gut, Lebzelter. Von den Menschen soll jeder Freude und Lasten allein tragen, denn so hat ihn unser Herre Gott geschaffen. Der Kaiser ist ein würdiger, seriöser Mann und gar erst der bayrische Maximilian. Bin ihnen beiden redlich zugetan und treu wohlgesinnt. Sie verstoßen aber gegen Gottes Gesetz; sie müssen mit ihren eigenen Beinen laufen.« »Ich werde, wenn Eure Gnaden befehlen, dem Kaspar Schönberg dies als Eure strenge unabweichbare Gesinnung offenbaren.«

»Dem Kaspar befehle ich --. Ich befehl' ihm nichts. Er soll sein Spitzmäulchen da nicht hineinstecken. Er hat mir auch zuviel gelacht über die Affäre, er sieht Respekt und Ernst nicht.«

»Was befehlen kurfürstliche Gnaden?« Unwirsch arbeitete der Fürst an seinem Wolfspelz. »Wir wollen uns nicht mit Politik übernehmen, Lebzelter. Ihr schnakt zu keck in die Welt. Mir wird heiß. Sauf er und lauf, was meine kranke Mutter macht.«

* * * * *

Was die Brandenburger, der Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt dachten, gelangte bald an den kaiserlichen Hof: man erkenne die kaiserliche Gerechtigkeit an, man werde ordentliches Gericht über den Pfalzgrafen Friedrich verlangen, die Gründe seiner Ächtung zur Diskussion stellen. Das war die Parade.

Die Unterschriften zu der Einladung zum Regensburger Fürstentag wurden vom Kaiser vollzogen; er selbst ließ sich von den Räten, auch von seinem vielgeliebten Eggenberg, nicht sprechen. Auf die wiederholte Audienzbitte gingen ihnen durch den kaiserlichen Obersthofmeister gnädige Dankesworte der Majestät zu, der sie an seinen Bruder Leopold wandte. Wie der Kaiser Rudolf mit seinen Astrologen Malern Alchymisten sich von der Welt absonderte, so sein Nachkomme mit einer jungen frommen Gemahlin. Lebte mit ihr in Laxenberg Wolkersdorf im tiefsten Frieden: Diplomaten und Räte saßen oft an seiner Tafel, sahen, wie wohl und kräftig ihr Herr war, wie er schmauste. Hexenfolterungen Maskeraden Ballspiele Wallfahrten Jagden Messebesuch füllten die Zeit ganz mit Wohlgefühl aus. Die Ausstattung aller Jagdschlösser mußte erneut werden. Um die Kaiserin sammelte sich ein immer größerer Hofstaat. Der Kaiser machte ihr ohne aufzuhören Geschenke von riesigem Wert in Geld und Schmuck, die zu beschaffen er, ohne zu fragen, seinem Schatzmeister auferlegte. Nach den Unterschriften für die Regensburger Tagung ließ er die Räte seiner besonderen Huld versichern; die Kaiserin würde ihn nach Regensburg begleiten. Und dann kein Wort über die dringend zu fassenden Entschlüsse, nur Gerüchte von ungeheuren pompösen Vorkehrungen, Prachtgewändern der Kaiserin, der Bedienung, Beschaffung von Pferden, Ausbau der kaiserlichen Donauflottille, Herrichtung kaiserlicher Gemächer in Regensburg, Zitierung von Malern Bildhauern aus München Florenz, den Niederlanden, zur Ausstattung der Departements.

Erzherzog Leopold, der Projektenmacher, ging in dem Rausch seiner Allmacht umher; plante zu heiraten, um sich in Wien zu konsolidieren; war in leidige Geldgeschichten vertieft, von denen er sich jetzt rapid erholte; dirigierte rechts, dirigierte links; die Ehrfurcht der berühmten Staatsmänner, der Eggenberg Meggau Kremsmünster blendete ihn. Als man ihm den Reichshofratsentschluß betreffs Kollegialtag vorlegte, krähte er Beifall; Ordnung müsse sein, bravo, dazu schlau gehandelt, hinterlistig, echt diplomatisch, dächte gewiß niemand daran, daß der Kollegialtag gegen den Bayern sein könnte.

Lange vor dem festgesetzten Termin brach man von Wien auf. In den schönen braunen Herbst fuhr man hinein. In dem ersten Schiffe Ferdinand und die Mantuanerin, einsam. Sie dachte nur, wie sie dem Gemahl, der ihr von Gott zugeführt war, dienstbar sein könne; war ängstlich, ihr Beichtvater führte sie behut; sie hatte eine feine verschwiegene verschlagene Art; öfter hatte einer Lust, ihr Politisches zu suggerieren; er erkannte leicht an ihrer Art zuzuhören, den verlegenen Blick zur Erde, den Mund sehr streng, daß sie nichts damit anzufangen wußte und sich nicht stören lassen wollte auf ihren Wegen. Ferdinand schien es ausnehmenden Spaß zu machen, solchen Unterhaltungen beizuwohnen; es war manchmal, als ob er den und jenen aus seiner Umgebung ermunterte zu einer politischen Attacke auf seine Gemahlin. Er träumte währenddessen und mischte sich nicht ein.

Bevor die Flottille in Regensburg landete, machte der Fürst Eggenberg und Graf Trautmannsdorf einen letzten Versuch, den Kaiser zu sprechen. Und zu ihrem großen Erstaunen nahm er sie auf seiner Kammer an. Schalt sie freundlich, in weißem Anzug herumgehend, sich setzend, daß sie durch Geschäfte seine Lustreise verderben wollten; ob sie es vor seiner Gemahlin verantworten könnten. Die Herren durften sich zu ihm in dem ebenholzbekleideten, sehr weiten, sehr niedrigen Gemach setzen, in das die Sonne blitzte, Ruderschläge hineinklangen. Eggenberg, nachdem er seine Freude über das Wohlbefinden des Herrschers ausgesprochen hatte, wies auf die Unklarheit der kommenden Situation und daß noch ein endgiltiger Entscheid fehle über die Taktik, die Wien auf der Tagung befolgen wolle. Ruhig, ohne die Beine zu wechseln, meinte Ferdinand, vornübergebeugt an seiner Sessellehne vorbeiblickend, es sei doch alles klar und gegeben. Oder seien neue Ereignisse eingetreten, die ihm nicht zu Ohren gekommen wären. Eggenberg, mit dem stummen Trautmannsdorf Blicke wechselnd, vermochte nicht von dem Affront zu reden, den Maximilian dem Hause erwiesen hatte; er lispelte undeutlich, man müsse wissen, wie weit man Wittelsbach, respektive dem Herzog in Bayern folgen wolle. Der Kaiser wandte sich rasch an Trautmannsdorf: »Was meint mein Herr?« Trautmannsdorf, verblüfft über die scharfen Blicke Ferdinands, versicherte, seine Worte zählend, es sei so. Nun, räkelte sich der Kaiser, ihm sei da nicht ersichtlich, wo Schwierigkeiten entstehen sollten; Maximilian erhält die Kur. Die beiden Herren schwiegen. »Ja, mein,« hob Ferdinand plötzlich sich gerade setzend, die Hände, »wo liegen denn für die Herren Schwierigkeiten. Und seit wann machen sich die Herren Bedenken? Was ist diese Fahrt. Wir belehnen unsern Schwager Maximilian.« Es sei beschlossen, bemerkte Trautmannsdorf vorsichtig, seitens des Rates und so verkündet, daß die Entscheidung der Pfälzer Frage in die Hände der Kurfürsten gelegt werde; so stehe man auf dem Boden der Grundgesetze des Reiches. Wieder hob der Kaiser die Hände: »Ja, dazu eben fahren wir. Das Kolleg muß hinzugezogen werden. Wir werden die Kurfürsten zu unserer Meinung bewegen; sie werden sich unsern Gründen nicht verschließen. Die Belehnung erfolgt nach den Reichsgesetzen.« Man dachte, artikulierte Trautmannsdorf weiter, seitens der kaiserlichen Gewalt ganz von einer Teilnahme oder Beeinflußung abzusehen; man dachte, ganz, auch ganz den Kurfürsten die Schwere der Entscheidung aufzubürden.

»Ohne die Kaiserliche Majestät?« Die Herren bejahten.

Da stand Ferdinand auf, ging einige Male in dem rollenden leicht schwankenden Gemach hin und her. Rauhe Stimme: »Wo ist Erzherzog Leopold? Ach, in Wien.« Nach einigem Herumwandern stand der Kaiser vor ihnen: »Bleibt sitzen. Ist etwas eingetreten inzwischen?«

Trautmannsdorf verneinte mit fingiertem Erstaunen; im Gegenteil hätte Herzog Max sich bereit erklärt, um dem kaiserlich erzherzoglichen Hause Weiterungen zu ersparen, auf alle Rechte und Ansprüche um dreizehn Millionen zu verzichten; er sei keineswegs auf die Kur versessen.

Rot blühte es über das volle bärtige Gesicht des Kaisers; als schämte er sich, drehte er sich ab. Er senkte, wie wenn er einen Schlag erwartete, den Kopf, den Rücken gegen sie.

»Was habt Ihr geantwortet?«

»Nichts Sonderliches,« meinte sehr gelassen der verwachsene Graf, »als eben dieses, das Recht nicht zu verzögern. Der Geheime Rat ist übereinstimmend der Auffassung gewesen, daß dem Kurfürstenkolleg eine entscheidende Äußerung in der Sache zustehe.«

»So also habt Ihr geantwortet.«

»Die Kaiserliche Majestät werde dem gefällten Urteil nichts in den Weg legen.«

»Und er?«

»Des Herzog Maximilians Durchlaucht hat geschwiegen.«

Ferdinand setzte sich, nachdem er sich zusammengerafft hatte, schlug eine flache Hand auf die Lehne, blickte sie fest an: »Gesteht, ich bin es nicht gewesen, der das geraten hat. Ich war es nicht, der diese Wendung herbeigeführt hat.«

Eggenberg bejahte warm, hielt den Atem an.

»Es bleibt dabei, Herren. Wir wollen Ruhe haben. Wir wollen nichts mehr aufrühren. Ja, widersprecht nicht. Das ist beschlossen. Dies und nichts anderes.«

Er verharrte auch dabei auf Trautmannsdorfs Vorhalt.

»Die Herren mögen mich erschlagen, aber nicht versuchen, mich einen Finger breit in meiner Meinung zu verrücken. Mein Schwager selbst bringt mich davon nicht ab; ich bin kein Händler. Ich habe mein kaiserliches Wort hingegeben; die Kur könnte ihm nur entgehen, wenn ich vom Thron weggenommen würde. Dies muß ihm geantwortet werden.«

Sie schwiegen auf seine leidenschaftliche Art.

Als die Herren sich auf sein Kopfnicken erhoben, drückte er dem Fürsten Eggenberg heftig die Hand: »Ich müßte Euch hassen, Eggenberg, daß Ihr mir eben dies angetan habt. Trautmannsdorf, Ihr habt mir einen Schmerz bereitet. Ich sag es Euch beiden. Dann danke ich Euch, daß Ihr bei mir waret.«

Er hielt inne, blickte sie abwechselnd mit glühenden Augen an: »Wie wäre alles gewesen, wäret Ihr immer mit mir gegangen. Ahnt Ihr das. Ahnt Ihr das. Was ist inzwischen geschehen. Jetzt seid Ihr da.«

»Mein Schwager erhält die Kur,« wiederholte er fest den beiden auf der Schwelle. Die Ruder schlugen, Kastanien prasselten am Ufer von den Bäumen, barsten.

* * * * *