Wallenstein. 1 (of 2)

Part 12

Chapter 123,501 wordsPublic domain

In der halbfertigen Kaisergruft des Kapuzinerklosters, für deren Kapelle die Gemahlin des toten Kaisers Matthias ihr Silbergeschirr und ihre Gemälde hingegeben hatte, in dem langen düsteren Gewölbe hinter dem Neuen Markt diktierte noch während der Siegesfeierlichkeiten Ferdinand sein Testament. Der feine Abt von Kremsmünster war für die Mittagsstunde in die Gruftkapelle bestellt mit seinem Geheimschreiber. Unmittelbar vom Quintanrennen in klirrender schwarzer Turniertracht, die Sturmhaube in der Hand, stieg Ferdinand mit seinem Gespenst, dem Grafen Paar, den er an sich gelockt hatte, über Balken und Steine zu dem Abt her. Die Baugrube war nicht geschlossen; von oben seitlich fiel ein scharfes Bündel Licht herunter; über das Tischchen gebeugt, ohne sich zu setzen, diktierte Ferdinand: »Wenn es der göttlichen Majestät gefällig sein wird, uns aus diesem irdischen Jammertal durch den zeitlichen Tod abzufordern, so befehlen wir unsre edle Seele im alten katholischen Glauben, in starker Hoffnung auf unsern einigen Seligmacher Jesu und sein heilig unschuldiges Leiden und Sterben. Und wir rufen in ganz inbrünstigen Bitten ihn an, er wolle durch das unaussprechliche Werk seiner gnadenreichen Erlösung uns unsre Sünden, unsre Übertretungen gnädiglich verzeihen; auch durch Fürbitte seiner allerheiligsten, glorwürdigsten Mutter, der allerreinsten Jungfrau Maria, des heiligen Evangelisten Johannes, des heiligen Augustin, Antonius von Padua, der heiligen Maria Magdalena, Cäcilie, Katharina und des seligen Ignaz, des Stifters der Jesugesellschaft. Er wolle unsre arme Seele mit seinen göttlichen Gnaden in die himmlische Freude aufnehmen.« Er traf die Bestimmung, daß seine Eingeweide am Sterbeort bestattet würden, sein Leichnam in der von ihm erbauten Kapelle der heiligen Jungfrau und Martyrin Katharina zu Grätz, das Herz zu den Klarisserinnen.

Nicht lange darauf, noch vor Beginn des Winters, erlebte die Hauptstadt die größten Festlichkeiten seit Menschengedenken in ihren Mauern: die Vermählung des kaiserlichen Witwers mit der jungen wunderschönen Prinzessin Eleonore von Mantua. Entschlossen hatten Räte und Lamormain darauf gedrungen; der Kaiser, erst außer sich, dann in der Furcht, ganz verdrängt zu werden, widerstrebte nicht. Mit vieler Sanftheit und Ehrerbietung, schmerzvoll und demütig bat der alte Eggenberg, seines Fürsten Freiwerber zu sein. Auf einer Pilgerfahrt nach Loretto, angesichts der wunderbergenden morschen Hütte, die Engel von Bethlehem nach Oberitalien getragen hatten aus dem Türkenlande in die beglückte Christenlandschaft, begegnete Eggenberg zuerst der eleganten und zarten Eleonore, brachte ihrem Vater und ihr die Wünsche des Imperators des Heiligen Römischen Reiches vor. Der Herzog von Mantua sprach seiner Tochter kaum zu; da sie wußte, daß er es wollte, verneigte sie sich tief, legte ergeben ihre Hände in die offene Hand des feinen alten Höflings, der so liebevoll von seinem mächtigen, in der nordischen Barbarei hausenden Herrn redete; ihm verlobte sie sich in Vertretung an; der Bischof von Mantua, der sie getauft hatte, sprach den Segen beim Ringwechsel. An diesem Tage hatte in Wien der Kaiser die Erhebung seines Freiwerbers zum Herzog von Krummau verfügt. In der Hofkirche zu Innsbruck begegneten sie sich, von Priestern einander zugeführt; sie sahen sich vor dem Altar zum erstenmal. Die Prinzessin blickte weg, erschüttert von dem gramzerrissenen, halb hilfeflehenden, halb stumpfen Gesicht, das über den ungeheuren Prunkmänteln, über den millionenwerten Halsketten Agraffen Spitzen Bordüren und Ringen sich bewegte; das verquollene ältliche graubärtige Wesen, versteckt in der Schale, mißtrauisch und leidend. Sie wußte nicht, wie sie erschrak und zu der goldenen klingelnden Monstranz blickte, -- den Baum des Lebens darstellend, der sich hoch mit Blattwerk wand, in dessen Laub wunderbar verborgen Maria saß und singenden Engeln zuhörte, -- daß auch der andere sie fürchtete und sich in leisem Haß zusammenzog. Reich war sie gekleidet, ein hochrotes Kostüm trug sie, die Perlenkrone auf dem braunen spröden Haar hatte nicht mehr Farbe als ihr kleines sicher geschnittenes Gesicht mit den dunklen dicken Augenbrauen und dem unentwickelten Mund, der plötzlich trocken wurde. Ihr Oberkleid und Unterkleid trug goldene Ornamente; in den linken Unterärmel war das Wappen von Österreich eingewebt, die Schleife an ihrer Hüfte zeigte den Namenszug Ferdinands. Auf aller Pracht saß ihr eigener, alter, weißer Spitzenkragen und sprach schmachtend dem kalten Hals und dem übermütigen Kinn zu. Ein langer Zug alter Männer, Bürger, Edle und Geistliche trat am Nachmittag vor die Angetrauten in den vom Erzherzog Leopold verschwenderisch geschmückten Rittersaal des Schlosses; sie brachten achtzigtausend Gulden als Geschenk der Landschaft. Salzburg und das heimatliche Grätz wurde berührt. Als man sich Wien näherte, war das Gefolge so groß, daß die Bürgerschaft der Stadt einen Teil ihrer Quartiere räumen und Baracken beziehen mußte. Vier Kompagnien schwerer Reiter zogen dem Kaiserpaar entgegen. Noch war das Stubentor zu bewältigen, wo Herr Daniel Moser, der Bürgermeister der Stadt, wartete auf einem Schimmel mit den Schlüsseln Wiens, hinter ihm der Stadtrichter Paul Wiedemann, sein Beisitzer; mit silbernen Stäben auf ihren Pferden die Stadträte, die Scharen der Stadtschreiber Stadtkämmerer Unterkämmerer Spittelmeister Brückenmeister Mauthener Kirchenmeister Steuermeister Viertelmeister, verstaubt und hochglühend von dem heißen Sturm. Unter dem Baldachin, den sechs Stadträte trugen, bei wogendem Glockenjubel schob man sich, von Scharen windlichttragender Knaben geführt, an das Sankt Stefanstor, wo Botschafter und Universität sprachen; Tedeum im Dom, Segensspruch Verospis, des Nuntius.

Und in den Gängen, durch die Säle und Höfe der stolzen Burg bewegte sich bald neben einem verschwiegenen verschlafenen Kaiser eine verwirrte fremdblickende Kaiserin.

Auf das prächtigste wirtschaftete Erzherzog Leopold; mit Theater Maskeraden Banketten Karussells vergnügte er den Hof; Kaiser und Kaiserin waren dankbar. Eggenberg und Lamormain beglückwünschten ihn zu seinen Erfolgen; frisch, wie er war, ließ er sich von ihnen in Reiten, Schmausen, Jagen, in die schwebenden Angelegenheiten einweihen.

Der Kaiser wurde nach einigen Wochen von einer unvermuteten Neugier nach seiner Gemahlin, der jungen fremdartigen Fürstin, die fromm und reserviert unter ihren Damen ging, ergriffen. Als die Obersthofmeisterin der Kaiserin, Gräfin Portia, Leopold davon berichtete, drängte er den Kaiser zu einem Aufenthalt in Schönbrunn. In Schönbrunn schlug die Neugier des Kaisers in heftiges besinnungsloses Entzücken um, das Eleonore mit Verwunderung und Unruhe entgegennahm. Unter Lamormains Mitwirkung wurde ihr ein Beichtvater bestimmt.

* * * * *

Von dem schwerkranken Papst Gregor dem Fünfzehnten empfing Verospi, der Nuntius, ein nachdenklicher wissenschaftlicher Mann, ein Breve, worin der römische Kaiser ermahnt wurde, mit der Übertragung der siebenten Kurwürde an den Herzog in Bayern nunmehr nicht länger zu zögern. Er hatte nicht viel Glück bei den Räten, machte sie nervös mit seinen Erörterungen, seinem langweiligen wortlosen Herumstehen; Verospi vergaß bei Gesprächspausen gern, wo er war, erinnerte sich theologischer Probleme; aus seinem Nachsinnen aufgestört fing er von vorn an.

Hyacinth von Casale, ein Kapuziner, erschien nach ihm; er setzte nur durch, daß der Abt Anton ihm Empfehlungen nach Madrid mitgab; der Kaiser könnte nicht, sagte Anton, ohne Zustimmung Spaniens handeln. So wanderte der Kapuziner nach Madrid, während Ognate, der elastische leidenschaftliche Gesandte Philipps in Wien, erregt auf allen Ämtern gegen die päpstlichen und bayrischen Absichten kämpfte, schreiend: dahinter stecke die Absicht, das Haus Habsburg zu schwächen, wenn man den listigen, kriegerischen Führer der Liga in das Kurfürstenkolleg einführe. Hätte man vergessen, wie sich Maximilian früher gesträubt habe, einem Habsburger Einfluß auf die Liga zu geben, ja nur gleichberechtigt ins Direktorium aufzunehmen, aus keinem anderen Grunde, als weil die Liga das Kampfinstrument Maximilians gegen den Kaiser sei. Hätte man das vergessen? Der Wittelsbacher sei schlau, verschlagen, kühn, und ehrgeizig; da er nicht hätte Kaiser sein können, suche er der Kaisermacht Abtrag zu tun, risse die deutschen Fürsten an sich unter dem Vorwand des gemeinsamen Schutzes gegen äußere Feinde, wüßte nur einen Feind, in Wien. Eins, zwei, drei, so ist es klar. Und jetzt werde er versuchen, die Kurfürsten an sich zu ziehen! Ognate war ein hitziger ehrlicher Anhänger seines Königs, verstand nichts als Spanien; die Räte lächelten und ehrten ihn.

Denn der Abt Anton wie Trautmannsdorf hatten mit ihrem Zögern nur vor, den bayrischen Herzog zu erproben; sie wollten sehen, wie weit er gehen würde, ihm in jedem Fall nachgeben. Sie wollten ihn die Größe des Geschenks fühlen lassen.

Als eines Tages hintereinander der trottelige Verospi und der biedere massive bayrische Rat Leuker beim Abt Anton vorgesprochen hatten --, der kleine Trautmannsdorf saß stumm, als ginge es ihn nichts an, auf breitem teppichgetragenen Sessel neben ihm in der dunklen Bibliothek, blies sich über den Handrücken --, seufzte Anton tief auf. Trautmannsdorf nahm von nichts Notiz. Der Abt hob sein Käppchen ab, wischte sich die Tonsur, bat: »Herr Trautmannsdorf.«

Der sah auf.

»Denkt Euch, es ist noch ein Schreiben von der spanischen Majestät eingelaufen.«

»Ja, Ehrwürden.«

»Mein Freund, der Kapuziner Hyacinth von Casale, dieser gelehrte, sehr gelehrte würdige Mann, hat mir auf fünf Folioseiten seinen Standpunkt in dieser Sache entwickelt.«

»Ich verstehe, Ehrwürden.«

»Ich glaub nicht, Herr Trautmannsdorf. Dann hat erneut ein gewisser Pfalzgraf von Neuburg -- Ihr erinnert Euch der Skandalaffaire -- seinen Kammerdiener mit Gründen, schriftlich niedergelegten, mündlich zu diskutierenden Gründen in mein Haus geschickt. Wie es dann noch mit Herrn Ognate, diesem trefflichen Mann des spanischen Königs, in dieser Sache enden wird, läßt sich nicht absehen; ich habe Vorkehrungen getroffen, daß er mich nicht allein spricht und daß mich rechtzeitig zwei oder drei Musketiere schützen können gegen ihn.«

»Ich verstehe, Ehrwürden. Ist nicht bequem, die pfälzische Angelegenheit zu bearbeiten.«

Abt Anton seufzte: »Wißt, Herr, ich gebe nach. Gewiß. Ich gebe nach. Einmal muß es geschehen. Wozu das Sträuben!«

Da lachte Trautmannsdorf heftig: »Tut es, Ehrwürden. Es fiel mir schon vorhin ein. Der Kammerdiener des Pfalzgrafen von Neuburg soll nicht unverrichteter Dinge heimkehren; sagt zu.«

»Von ihm ist nicht die Rede. Er hat Gründe, ich kann sie Euch im Moment nicht entwickeln; es sind jedenfalls so viele, daß sie ein besonderes Fach in meinem Schranke füllen.«

»Nun?« lachte spitzbübisch der kleine Herr, als er sah, daß der Abt behaglicher wurde.

»Wahrhaft, ein volles großes Fach; Ihr könnt es besehen, bevor Ihr geht; ich zeig es jedem unserer Freunde, die mich besuchen und in diesen Angelegenheiten befaßt sind. Staunen alle; sind alle erschlagen von der Fülle dieser Argumente.«

»So gebt ihm Recht und Ihr habt Ruhe. Laßt das Gericht beschließen.«

»Was seid Ihr für ein loser Vogel, mein Trautmannsdorf.«

»So habt Ihr die Sache vom Hals.«

»Wo bleiben wir, wenn wir jedem wie ein Salomo Recht geben wollten. Sie disputierten mir den Stuhl unter den Beinen weg, auf dem ich sitze; von Gründen würde mir die Kappe weggeblasen werden. Recht, Recht ist nur eine Begleiterscheinung.«

Trautmannsdorf rieb sich vergnügt die Hände: »Wenn es so ist, so würde ich in der Lage von Ehrwürden gar nicht, aber gar nicht nach Gründen fragen und mein Gehirn strapazieren lassen, meine Schränke vollstopfen lassen. Tut, was Euch beliebt, bleibt auf Eurem Stuhl, nehmt für die Kur den Bayern, den Pfalzgrafen --, nehmt meinetwegen mich.«

»Nicht doch«, quietschte Anton, »ich würde Euch gewiß gern nehmen, Ihr verdientet den Kurhut, Trautmannsdorf, Euch würde ich ihn am liebsten geben. Aber seht, es muß alles ein gewisses Ansehen haben, daher kann ich von Gründen nicht ablassen, so gern ich es wollte. Das Wichtigste bleibt immerhin: das Recht muß erkämpft werden. Wird es das nicht --«

»So ist es kein Recht.«

Der Abt lachte heftig, fing wieder an, aus einem Blumenkorb, der auf einer riesigen Truhe stand, Rose nach Rose zu entblättern, an den Blättern zu saugen, sie zu zerkauen und auszuspucken: »Nein, keineswegs, durchaus nicht. Wir wollen niemandem Gewalt antun. Es bleibt Recht. Nur: es geht uns nichts an. Sagt selbst Trautmannsdorf, wen geht denn jedes Recht in der Welt an. Und wenn ich denke, wieviel Unrecht in der Welt geschieht. Die Unsumme Böses: ja, es ist so viel Böses von Haus aus in der Welt, daß der Heiland erscheinen mußte, um alles auf sich zu nehmen. Es ist die größte Tat, wir wissen es, die in der Welt geschehen ist. Was soll da ein kaiserliches Hofgericht, und selbst wenn es auf der Doktoren- und Adligenbank Männer hat wie Euch? Von mir zu schweigen.«

Der Abt saß auf seiner Truhe, hielt den Korb auf dem Schoß und schaukelte sich wie ein kleines Mädchen. Trautmannsdorf beobachtete ihn von unten, blies sich über den Handrücken: »Im Grunde ist es das Richtigste, man schickt die Leute, die Recht suchen, die glauben, daß ihnen ihr Recht nicht geschieht, beten.«

»Freilich.«

»Dazu ist der Heiland erschienen.«

Sie lachten eine Weile zusammen, während der Abt kauend mit dem Finger zu seinem Gast herüberdrohte, der aber nicht aufsah.

»Und was bleibt für das Hofgericht, Ehrwürden?«

»Zählt es Euch selbst ab.«

»Demnach nur die, die nicht --«

»Freilich, freilich, die Bayern.«

»Ich meine die Gottlosen, Ehrwürden.«

»Aber Trautmannsdorf,« er war heruntergerutscht und umschlang die Schultern des Kleinen von rückwärts, »was führt Ihr für lästerliche Redensarten. Eure Gedanken sind jetzt nicht klar, Ihr entbehrt gänzlich der Logik. Man wird doch nicht Gegensätze machen, wo man gruppieren kann. Maximilian ist fromm, -- aber schwerhörig. Ihr habt die Schwerhörigkeit nicht in Eure Rechnung eingestellt. Steht ein Stier da und hat zwei Hörner, senkt den Kopf und will mich spießen, so hilft mir keine Umrede, keine Ermahnung, Verwarnung Belehrung; der Stier hört nicht; ich bin nicht heilig genug, wie Franziskus von Assisi, um mich mit dem Tier zu verständigen. Ich werde also dem Stier recht geben; ich werde ihm aus dem Wege gehen. Und dem Bayernherzog werden wir die Tür zum Kurfürstenkolleg öffnen.«

»Tut es, tut es, bald.«

»Wir müssen, Trautmannsdorf, wir müssen. Ich kann mich mit dem gehörnten Stier nicht unterhalten. Er hört nicht.«

* * * * *

In feierlichster Weise, in Gegenwart der gesamten Doktoren- und Edlenbank des Hofgerichts, des Reichshofrats, der Hofkammer, eröffnete, beauftragt von der kaiserlichen Majestät, im langgestreckten Sitzungssaal der Abt Anton von Kremsmünster dem vorgeladenen Vertreter des bayrischen Herzogs, dem still stehenden Koloß Jesaias Leuker, er der graziöse gütige Mann, der während er las nach rechts und links die an der Wand sitzenden Herren mit sonderbaren abwesenden Blicken grüßte, mit der linken Hand an den violetten Gürtelfranzen spielend, daß sich die Hofkammer allein und an sich nicht kompetent erachte, auch die kaiserliche Person allein und an sich nicht vermöge, den geringsten Bescheid, ja auch nur Auskunft in Sachen der dem Pfälzer aberkannten Kur zu erteilen. Vielmehr bleibe alles dies in der Schwebe nach den beschworenen Grundsätzen des heiligen Römischen Reiches, und nur die harmonische Zusammenwirkung von kaiserlicher Person mit dem gebietenden ehrsamen Kurkollegium sei befugt und erachte sich bevollmächtigt ernannt und berufen, die Frage des pfälzischen Vermächtnisses, schwerwiegender Gewalt, von sich aus zu beantworten und gültig zu lösen. Es sei daher zu beschreiten als einzig vorgesehener und allseitig innezuhaltender Weg und Straße die Einberufung einer Deputation auf einen festzusetzenden Tag, zu welchem Ladung erfolgen werde durch des Reiches Erzkanzler, des Kurfürsten Erzbischofs Durchlaucht von Köln, Ferdinand, an beschließende hohe Instanzen und an alle sonst, die es angeht.

Nach welcher festlichen Bekundung und formellem Akt sich der das Präsidium führende Abt nebst Sekretär und Protokollant entfernte, die übrigen Herren sich in stürmischem Erstaunen untereinander mischten. Vornehmlich der völlig vor den Kopf gestoßene Bayer vermochte sich nicht zu beruhigen. Denn diese seriöse Entladung des hohen Hofkammergerichts erfolgte auf ein Angehen, das gar nicht bestand. Gar nicht war ja offiziell Herr Abt Anton, dieser liebenswürdige Pfiffikus, um Entscheidung oder nur Auskunft in Sachen Kurpfalz gebeten worden; nach allen Seiten hin beteuerte Leuker, bald seinen Gnadenpfennig malträtierend, bald seinen Degen, der gegen sein krankes Bein schlug, wegschleudernd, daß er gänzlich ahnungslos sei, daß vielleicht eine unmaßgebliche, vielleicht mißgünstige Person über seinen Kopf weg vorgegangen sei und diese Peinlichkeit heraufbeschworen habe. »Peinlichkeit, Peinlichkeit« rief er jedem zu, der in seinen Gesprächskreis trat; man möge nicht schlecht und in falscher Richtung argumentieren, »ja was ist das, was ist das?« und zeigte sich so konsterniert, wie er wirklich war. Er wußte auch nicht, wohin mit sich in diesem Augenblick; einen Moment raste er im Raum herum, redete den an, beschwor jenen, es werde doch nichts Eigenmächtiges von Bayern in dieser Sache geplant, es liege alles in der Wage der Gerechtigkeit, des ehrsamen Kurkollegiums und so weiter; im nächsten Moment drängte er nach der Tür, um Hals über Kopf Kuriere nach München zu schicken von dieser nicht auszudenkenden Bloßstellung, oder über den kleinen Abt herzufallen, ihn büßen zu lassen für diesen Affront; denn was bedeutete das nur! Triumphierend standen zwei Doktoren mit einmal ihm gegenüber, im Talar, mit großen Brillen, Herren, deren bezahlte Freundschaft mit dem Kanzler des Pfalzgrafen Philipp von Pfalz-Neuburg bekannt und berüchtigt war; sie erklärten ihm, es sei gar kein Grund vorhanden für ihn, sich beschuldigt zu fühlen, sich reinigen zu müssen; sie seien mehrfach sehr entschieden für das legitime Recht, beruhend auf Verwandtschaft, gegen Macht, beruhend auf Siegen, in Sache der Kurvergebung eingetreten. Was sei nur geschehen? Maximilian habe mit siegen helfen über den Pfälzer und seinen Anhang, dadurch schaffe er sich keinen Beweistitel für seine Ansprüche auf die Kur --, da nämlich nähergeboren der alte Pfalzneuburger sei. Würde man nur nach Siegen und ähnlichem äußeren Geschehen urteilen und entscheiden, barbarischen Bräuchen, so würde die ganze Staatenordnung Europas und besonders des Heiligen Reiches ins Wanken kommen. Sie sprachen ganz, als sei die Sache schon für sie entschieden.

Leuker in heller Wut lächelte, bat um Entschuldigung, man möchte nichts mißverstehen, drehte sich ein paarmal wie ein Verbrecher im Kreise, saß in seinem Wagen.

Drin brauste die Unterhaltung. Einige faßten die Entscheidung angesichts des bekannten Ansturms Bayerns auf den Kaiser als eine entschlossene Absage auf; Harrach, grüngelb von einem noch nicht abgeklungenen Gallensteinanfall, an zwei Stöcken vorsichtig sich schiebend, ließ vor Vergnügen seine Augen blitzen. Questenberg zog den weisen, gelinden Fürsten Eggenberg »Hans Ullrich, du geliebter,« an sich pfeifend: »Der neue Kurs« und »Habsburg zur Attacke!« Man sang das Loblied Leopolds. Eggenberg ließ sich rechts und links Glück wünschen. Seinen dicken Freund Questenberg zog er aber kopfschüttelnd auf eine ganz leere Polsterbank; zeigte auf die erregt diskutierenden Gruppen, sah auf seine Füße; er blieb dabei, der Vorfall sei ihm unverständlich; es sei ein Hieb, der für den Abt Anton doch zu stark sei.

Völlig starr saß Anton eine halbe Stunde später vor seinem Gast, dem dröhnenden drohenden verzweifelten Doktor Jesaias Leuker, der ihn nicht zu Worte kommen ließ, fast tätlich auf ihn eindrang. Kremsmünster wurde etwas erleichtert durch das Eintreten Trautmannsdorfs, der ironisch höflich den Bayern nach dessen zerstreuter Verneigung bat, sich nicht stören zu lassen, sich selbst auf dem gewohnten Hocker niederließ und sich über den Handrücken blies. Als der bayrische, französisch gespickte Schwall zu ebben anfing, begann Anton mit Interjektionen vorzugehen, um das Versiegen zu beschleunigen. Und so mit »Nein«, »Nicht doch«, »mein gestrenger viellieber Herr« »so bitte ich« gelang es ihm, sukzessive Raum für ganze Sätze zu gewinnen, schließlich sich vor dem matten, hilflos keuchenden Bayern zu bewegen, selbst freilich schon mehr erregt, als er vorhatte. Also er staune, gestand er, er könne sich keines anderen Ausdrucks bedienen, er sei völlig seines Begriffsvermögens beraubt. Er trage eine Rede, eine Entscheidung vor, die so aus dem Wesen der Sache stamme, wie überhaupt ein Urteil aus dem Körper eines Gerichts. Und nachdem dies geschehen, spontan ungereizt unhofiert und ungescholten, schmähe man ihn. Ja, sei er Präsident der kaiserlichen Hofkammer oder sei er es nicht? Sei er Richter oder nicht?

»Lächerlich,« brüllte Leuker wieder, »lästerlich und absurd. Was hat den Herrn veranlaßt, mich zu chokieren, wo ihm nichts von mir widerfahren ist?«

»Weiß Gott, nichts, Herr Geheimrat. Ich bezeug's Euch gern. Ich bin jedoch nicht in bayrischer Dependence -- noch einmal gesagt -- um eines Zeichens zum Redebeginn von Euch zu bedürfen. Sprecht Ihr, Herr Trautmannsdorf, hab' ich mir Unziemliches erlaubt, die Grenzen meiner Kompetenz überschritten. Ihr mögt es hören, Herr Leuker.«

Trautmannsdorf brauchte lange, bis er seine vollen Backen ausgeblasen hatte, dann lächelte er diskret: »Ich weiß nicht.«

»Seht!« trotzte Leuker.

»Nämlich ich weiß nicht, ob Ehrwürden entsprechend mit der kaiserlichen Majestät oder mit seinem hohen Bruder beraten haben.«

»Erzherzog Leopolds Hoheit hat auf kaiserliches Mandat das geschehene Verfahren gebilligt und befohlen.«

Trautmannsdorf wandte sich armhebend an Leuker: »So ist ja alles Klagen und Anklagen überflüssig. Ihr erschießt einen Sperling und meint den Falken.«

»Es ist nicht denkbar«, jammerte Leuker, dem es vor dem Bericht an Maximilian graute, »nichts ist geschehen, was solchen Schritt gegen Bayern rechtfertigen könnte. Wir haben kaiserliche Majestät und Euch nicht herausgefordert. Ich muß protestieren gegen den Erzherzog.«

»Er wohnt nicht hier,« lächelte Trautmannsdorf.

Nun schwiegen sie, die beiden Kaiserlichen ruhig abwartend, der Bayer ratlos.

Der Abt fing wieder an, versöhnlich: »Übrigens, ohne mich in bayrische Politik mischen zu wollen, deren Methoden gewiß besonders studiert werden müssen: ich sehe nicht, welchen Anlaß Ihr habt, mit mir unzufrieden zu sein. Es geht Eurer Sache ja so gut. Euer Wagen fährt so rasch, wie Ihr nur wünschen könnt.«

Das bestätigte der kleine Rat mit kurzem Nicken.

Leuker setzte sich, sah die Herren an; er war vor Angst völlig perplex, hätte am liebsten die Herren um irgendeinen Rat gefragt.

»In zwei drei Monaten hat Euer Herzog den pfälzischen Kurhut; die Wittelsbacher in München haben die in Heidelberg geschlagen. Es kommt nur darauf an, die Kurfürsten zur Zustimmung zu bringen. Ich habe weiter nichts gesagt --, vor allen Ohren, hört es --; die Sache ist, was den Kaiser anlangt, entschieden, nämlich für München. Ich hab' es laut gesagt, damit im Reich niemand daran zweifelt, daß wir uns hier gebunden erachten. Und ich hab' es weiter darum gegen jedermann offenbart, damit es nicht heißt, wir handeln im Dunkeln. Die andern lesen heraus, daß wir gerecht sein wollen; Ihr müßt erkennen, daß auch für Euch diese Meinung von Wert ist. Öffentlicher Deputationstag, öffentliche vorherige Erklärung. Es kommt uns auf Gerechtigkeit an.«