Part 11
Das war die Bibliothek; der Offizier zog den Hut, trat zurück. In dem weißgetünchten langen Säulenraum des Saals verloren sich die zehn Herren, zu denen ihn, nahe einem kleinen Springbrunnen mit Blattpflanzen, über die Strohmatte der Offizier führte. Unter der geschnörkelten Stuckdecke, zwischen den Städtebildern, den Köpfen Amouretten, den vollen Bücherschränken, den Tischen mit Globen Büsten Kruzifixen saßen gelassen die Politiker und Soldaten; mit tiefer Verachtung, fremd, saß unter dem Springbrunnen der Jesuit mit den kurzen weißen Haaren, der knolligen Nase zwischen ihnen, betrachtete sie wie eine Ziegenherde. Als Lamormain statt einer Klage ruhig eingeladen hatte: »Mögen die Herren beginnen«, dienerte der alte galante Harrach, nach rechts und links lächelnd; sie hätten gestern mit Vergnügen seine Geneigtheit vernommen, sich ihren Gedankengängen anzuschließen, müßten aus nicht näher zu erörternden Gründen sogleich in nähere Besprechung mit ihm eintreten. Er könnte aus dem Formlosen ihrer Gegenwart erkennen, wie dringlich ihnen die Zustimmung des ehrwürdigen Paters und Beichtvaters der Römischen Majestät sei. Es seien in aller Kürze schwerwiegende Beschlüsse zu fassen, bei denen die Herren unbedingt gewiß seiner Haltung sein müßten.
Da konnte Lamormain nicht umhin, lächelnd den Arm zu erheben; eben entstand draußen ein heftiges Rufen und Pferdetrappeln; offenbar drangen Berittene in den Hof des Hauses; es lief auf dem Gang, in den oberen Zimmern; Aufschreie, flüsterndes Stimmengewirr vor der Saaltür. »Wie glaubt ihr, soll meine Haltung sein unter diesen Umständen?«
»Wir haben geglaubt, Euch den Entschluß erleichtern zu müssen. Es muß Euch, in dem Falle Ihr nicht beistimmt, eine Genugtuung selbst sein, nur eben diesen Umständen die Verantwortung aufzuladen.«
»Ihr seid doch ein Mensch«, sprach ihm bieder Questenberg zu; sie nickten alle. Wieder lief der Schwindel unter dem fassungslosen Zorn über Lamormain; wie er sich bezwang, kam es fast kläglich aus seinem weißen Mund: »Was soll geschehen?« Sie verlangten von ihm einen vorbehaltlosen Eid über seine Verschwiegenheit, dann eine ebensolche Versicherung, daß er ihnen nichts in den Weg legen würde, wenn er es vermöchte, daß er den Kaiser beeinflussen würde zu einer veränderten Haltung gegen die notwendigen Ereignisse, zu einer Mitregierung des Erzherzogs Leopold.
»Wenn dies alles nun nicht meine Meinung, meine Überzeugung, mein Wunsch ist, -- was, glauben meine Herren, wird der Weltenrichter Jesus beim letzten Gericht, wenn die Posaune ruft, urteilen über diese Tat: rechts meine Pflicht und links in der Wage die Umstände? Diese Pferde, Musketen, Spieße gegen mich?« »Ich glaube,« dröhnte Questenberg, »gegen so viele Soldaten zu erliegen, macht dem tapfersten Krieger keine Unehre. Was vermeinen die Herren? Wir werden nicht Weltenrichter spielen, aber es ist so.«
Harrach lächelte verbindlich, aufdringlich vertraut in einer Weise gegen ihn, die den Priester tief reizte: »So denke ich, daß darüber der Lehrer der Gesellschaft Jesu sich am besten äußern wird, auch gegen unsern Heiland. Wir sind unwürdige schlechte Menschen, werden ihm nicht in sein Handwerk pfuschen. Wir können schließlich nichts, als unsre Bosheit erkennen mit Schmerz, mit Reue, und können nicht aus unsrer Rolle fallen.« Der hagere Oberst, mit dem starren Blick auf den Priester, schloß: »Und letztlich sind wir Christen und getrösten uns, daß Jesus sein heiliges Blut um unserer Sünden willen, die er auf sich nahm, vergossen hat.«
Lamormain horchte auf das ängstliche Geflüster vor dem Saal; seine innere Ruhe wuchs; er fand sich heiter. Und mitten während einiger Sätze, die er sprach, durchzuckte es ihn: diese Herren glaubten, es ginge hier für ihn auf Tod und Leben, und stellten ihm nichts entgegen als Soldaten, Pferde. Hundert gewappnete Reiter suchen mit ihren Lanzen den schwebenden Geist der Heiligen Kirche zu durchbohren! Wehen ihn mit jeder Bewegung höher!
Er saß ganz still, war traurig wegen der geängstigten Freunde draußen. Mit welchen faden Gesellen saß er in seiner Bibliothek zusammen. Es mußte leicht sein, mit ihnen zu herrschen. Er neckte sie, ohne daß sie es merkten: er hätte keine Kompetenz, müsse erst seinen Vorgesetzten, den General des Ordens in Rom, befragen. Sie wurden wütend, häuften leicht widerlegbare Gegeneinwände. Dann berieten sie, im Ernst. Schließlich hatten sie bei sich eine Papierrolle, die sie ihm zum Lesen, Unterschreiben hinschoben; von innerlichem Gelächter war er erschüttert: »Auch das noch.« Sie waren Kinder zum Erbarmen.
Als er allein stand, prustete er hinter den abrasselnden Wagen: »Wir werden zusammen regieren.« Getümmel von Pferden; der Lärm verhallte.
Auf dem Gange küßten ihm die Scholaren, die entsetzten älteren Brüder die Hände; das Haus von Wehrufen und Protesten erfüllt. Lamormain hinkte durch das Gewimmel. Vor den frommen Bildern an der Fensterwand erinnerte er sich seines leidenschaftlichen Entschlusses beim Kommen, nicht nachzugeben, der Heiligen gedenk zu sein. Er machte sich scherzend den Vorwurf, zum Märtyrer kein Zeug zu haben.
Er hatte das Dokument nur flüchtig gelesen. Darin stand, sie wären genötigt, den Kaiser gefangenzunehmen, um eine Störung der Politik durch ihn zu verhindern. Man sehe vorläufig davon ab, wenn der Beichtvater es übernehme, den Kaiser zum Nachgeben zu zwingen. Es wird garantiert: die geheiligte Person des Kaisers bleibt unangetastet. Der Kaiser solle sich -- wie sie es nannten -- der politischen Notwendigkeit fügen.
* * * * *
Am dritten Tage trat Eggenberg in die kaiserliche Antikamera, lud den Kaiser zu einer Sitzung von Hofrat und Geheimen Rat. Ferdinand sagte zu, erschien nicht. Tags darauf berichtete Eggenberg neben Gleichgültigem, es seien im Rat lebhafte Stimmen laut geworden, man müsse dem allgemeinen Verlangen Rechnung tragen, das bei den frommen Reichsständen bestünde, und der Freude über den siegreichen Fortschritt des rechten Glaubens, die zerschmetternden Niederlagen der Reichsfeinde, öffentlichen geziemenden Ausdruck geben. Auf die Frage Ferdinands, wer diesen Wunsch im Rat vorgetragen hätte, antwortete Eggenberg, es ließe sich bei der freudigen Erregtheit, die nur durch die Abwesenheit des allergnädigsten Herrn getrübt war, nicht sicher sagen, wer zuerst gesprochen hätte; das dringende Verlangen sei allgemein gewesen, mit dem Kaiser in einer Feier sich zu vereinigen. Ferdinand ging herum, riß an seiner goldenen Halskette, lachte heiser; er wollte wissen, wer damit angefangen hätte. Und dieser klägliche gequälte Blick aus den schwarz umrahmten Augen jammerte den grauen Hofmann, erschreckte ihn so, daß seine Stimme zerriß. Er hielt dafür, man müsse rasch aller Welt, auch der feindlichen, zeigen, welcher Siege man sich bewußt sei; der Pfälzer und sein freibeuterischer Anhang sei in alle Winde geblasen; möge man den fremdländischen Beschützern der Friedensbrecher zeigen, daß man halte, was man habe, daß man den Mut zu Erfolgen habe, daß man auch wagen werde, weiter zu siegen, wenn einer darauf dringen sollte.
Mit einem gezwungenen Lächeln fragte Ferdinand vorbeispazierend: »Sind Eure Kassen gefüllt?«
»Zur Siegesfeier?«
»Nein, zu neuen Kriegen.«
Zur Zeit stünde alles gut, man könne nicht zu weit denken, es sei jedenfalls gut, so zu scheinen, als herrsche Überfluß; auch darum sei die Feier nötig, um als Drohung zu wirken; es müßten von mehreren dem Kaiser nahestehenden Seiten, jedoch nicht von kaiserlichen Beamten, heftige Reden an der Tafel und öffentlich geführt werden; auf die Fremden sei mit vielem Pomp zu wirken.
»Ich habe nur zu erscheinen und mich zu freuen?«
»Nicht doch, Majestät. Daß die Römische Majestät sich ihrer Siege freut, weiß alle Welt. Sie mag nun offen zeigen, wie sie sich freut. Wenn ich ein biblisches Bild nehmen darf, ohne in das Gebiet meines Gönners und Freundes, des ehrwürdigen Paters Lamormain, zu fuschen, so möchte ich an den judäischen König David erinnern, der singend und lauteschlagend, ja tanzend hinter der Bundeslade einherzog, nachdem er die Feinde geschlagen hatte.«
»Wie hieß noch die, die aus dem Fenster sah, als er vorüberzog?«
Die Antikamera des Kaisers war von einem dunklen Licht erfüllt, das aus den beiden bunt verblendeten Fenstern über den Tisch Ferdinands nur wenig in den tiefen Raum vordrang und die riesigen Figuren erhellte, die in den Wandnischen saßen, Maria mit ihrem Kinde, den glühenden Heiland, der das Kreuz in den Händen vor sich trug; zwischen den Pfeilerpaaren der Längsseite üppige Gemälde neben Gemälden auf der Wandfläche, deckenhoch, von goldflügeligen Engelsköpfen umgeben; zwei mächtige ebenholzschwarze Engelleiber lagen über dem Türrahmen, blickten blind nach oben. Eggenberg war nicht die beiden Stufen zu dem Sitz Ferdinands hinaufgestiegen; beklommen stand er auf dem Fußteppich, sah den Fürsten zu sich heruntertreten: »Was soll es mit dem Weib?«
»Ich möchte wissen, wer mir zusehen wird bei dem Feste.«
»Die Heiligen im Himmel werden zusehen, die für uns gestritten haben.«
Beide Hände Ferdinands lagen zitternd auf Eggenbergs Schultern: »Oh, ihr! Wie seid ihr rasch avanciert zu Heiligen; ich bin euch wohl noch Anbetung schuldig. Und Ihr, Eggenberg, wenn ich Euch doch noch kenne, von Grätz, wißt Ihr, wo Ihr noch nicht so viel wart, ist Euch nicht bange bei Eurer Rolle? Sagt von der Leber; es wird das einzige sein, was mich an Euch erfreut. Hat man Euch dies aufgehalst, und steht Ihr nun hier --, nicht wahr, es ist jämmerlich, und Ihr merkt es?«
»Allergnädigster Herr«, sagte der alte Mann, seine Unterlippe bebte; er schwieg.
»Sprecht weiter, Eggenberg.«
»Allergnädigster Herr« -- Eggenberg raffte sich zusammen.
»Weiter, mein alter Freund, Brautführer meiner Schwester nach Spanien.«
Leise der Geheimrat, den Kopf hebend: »Es war eine schöne Zeit, als ich nach Spanien zum König Philipp ging. Majestät ist jetzt viel allein; wie gern wollte ich meine alten Glieder ölen und wieder solchen Gang tun im Dienste Eurer Majestät. Ja, Majestät.«
»Warum ist die Majestät so viel allein, Hans Ullrich?«
»Majestät ziehen sich zurück von uns. Wir werden ein Fest feiern. Es soll ein Siegesfest sein. Wenn es doch auch zugleich eine Friedensfeier sein dürfte zwischen dem allergnädigsten Herrn und uns allen, die verlassen sind.«
Ferdinand stand hinter seinem Schreibsessel, den er mit beiden Armen von hinten umfaßt hielt; matt hauchte er, ausdruckslosen fremden Gesichts: »Hört auf, Herr. Redet nicht so weiter zu mir. Macht mich nicht schwach.«
Er hob den Sessel auf, stieß ihn kurz auf den Boden, knirschte mit den Zähnen: »Über Euer Fest, Herr, werdet Ihr morgen beschieden werden.«
* * * * *
Auf dem Gang zur Kapelle blickte sich fünf Tage vergeblich Ferdinand nach seinem Beichtvater um. Da standen in zwei Reihen die Hellebardenträger, breitbeinig, in den erzherzoglichen Pannierfarben Rot und Weiß, Blau und Gelb; die Hellebarden geätzt, mit langen stählernen Spießklingen, die emporwuchsen aus dem starken Schaft, der halbmondförmige Beile und Haken trug; in die Spießklingen eingetragen der kaiserliche Wahlspruch: Legitime certantibus. Türhüter Pagen eröffneten den feierlichen Kirchgang, Kammerherren mit hohen Namen folgten blickesenkend, hinter seinem Obersthofmeister, dem weißen Grafen von Meggau, ging mit lahmen Füßen in einem scharlachroten Kleid Ferdinand, Diamanten an dem Hute, Diamanten am langen schmalen Degen. Schwingende Bronzeglocken der Schloßkapelle. Sie gingen schweigend von Kammer zu Kammer, durch das lichte, sich immer mehr verengernde Spalier. Aus allen Gängen und Seitengemächern quollen goldtressige duftende Herren; blonde und greise; italienische Gesichter und deutsche breite Schultern, Soldatenmienen, Schreiberblässe, schwarze Jesuiten, fremde Herren in polnischen Mützen, siebenbürgische Gesandte. Die Zimmer hoben sich mit hohen Decken; weißer üppiger Stuck war darüber geworfen, in vielen Gemächern lagen die Balken oben grad nebeneinander dunkel von Beize, in neuen gossen sich Bilder über die Flächen, vielfarbig, jäh nach Troja entführend, in die Liebesabenteuer Jupiters; dann tauchten Gewölbe, Kreuzgänge auf, und das Scharren der seidenen Jacken, das Schleifen der Sohlen, das Klingeln der goldenen und silbernen Behänge, wurde in Hall und Widerhall von den schweren Mauern begrüßt, murrend angesprochen.
Über breite Marmortreppen senkten sie sich herunter in eine kurze Tannenallee; weiß und golden am Ende die Kapelle. Gewaltige Glockenschläge. Missa solemnis. Die erzbeschlagenen Türen.
* * * * *
Triumphierend schlurrte der Kaiser neben der ihn überschattenden Gestalt Lamormains durch den blühenden Garten seines Schlosses Schönbrunn. Den rotbefrackten Narren Jonas hatte er fortgejagt in die Brunnenstube. Pfaue spazierten auf den kiesbestreuten Wegen. Durch die warme, dicke Luft schwammen Häherschreie; es sangen unsichtbare Vögel auf den Ästen; mit langen Melodien sprachen sie sich an, die Melodien endeten fast immer mit einem rauhen, tonlosen: Ze kirrh, zekrütt rrr--öh, bisweilen brachen sie in der Mitte ab, standen still, wartend; dann kam nach einer immer bestimmten Pause die leicht modulierte Antwort; schließlich gab es ein Schwirren in den Blättern, die Vögel flogen fort; an einer andern Stelle fing es an in der hin und her wandernden Süße, die Töne beugend und verschlingend, als wäre ein Drahtarbeiter Netzflechter am Werk, der den Eisenfaden rasch hin und her zieht, im Nu Körbchen neben Körbchen hinsetzt. Die Koppeln der französischen Hunde schlugen von Zeit zu Zeit in der Nähe an. Die Bäume standen in vollem Grün hinter dem mauerumzogenen Schloß; dick gebläht und breit hockte das Laubwerk auf den mächtigen verwurzelten Stämmen, wiegte sich oben wie eine geplusterte Henne nach allen Seiten. Unten stand und ging der kurzatmige Habsburger, wich der grellen Sonne aus, gestikulierte mit dem goldknopfigen Rohrstöckchen.
»Sie haben mir die Verantwortung abgenommen. Sie haben, was jetzt kommt, Kriege mit der ganzen Welt, Niederlagen, Verlust des Vermögens, Vertreibung von Krone und Land, selbst und allein zu verantworten.«
»Allergnädigster Herr, was hätte man tun sollen?«
»Sie hätten mich beseitigen müssen. Was anders wäre ihre Pflicht gewesen. Sie hätten mich beseitigen müssen. Sie haben es nicht getan. Die Schuld haben sie auf sich geladen.« Er sprach mit Haß und Inbrunst: »Mögen die Dänen, die Franzosen, Engländer, Schweden das Reich, die Erbkönigreiche von Grund aus verwüsten. Herzhaft, herzhaft. Das Reich auflösen und hinlegen. Mag es auf sie fallen, die geduldet haben, daß Maximilian den Pfälzer von der Scholle vertrieb, daß er jetzt die Kur an sich nimmt. Sie lassen es zu, sie billigen es, sie fallen ihm nicht in die Zügel. Mag das Unglück ihr Begleiter sein! Mögen die Länder zerfallen, die Grenzen überschwemmt und zerfressen werden, die Städte leer, gebrandschatzt, die Klöster verbrannt, Bauern in Aufruhr -- nichts als die Haut über den Knochen, Seuchen im Blut. Das soll ihr Lohn sein, daß sie Maximilian haben gewähren lassen und mich nicht beseitigt haben.«
Lamormain besah sein schäumendes Beichtkind mit Kälte: »Hört Ihr die Vöglein? Sprechen sie miteinander? Und wenn das armselige Getier seine Zunge und Kehle gebraucht, warum habt Ihr es, allergnädigster Herr, nicht getan? Ihr hättet hingehen sollen zu ihm.«
Ferdinand hörte nicht zu: »Sie, haha, sie alle, die Säulen meines Hauses, meine Brüder, meine Kinder, meine Generäle, meine Räte, sie haben nicht gesehen, wohin es ging, haben mich wüsten lassen wie einen Alb in der Nacht. Und als sie es gesehen hatten -- haben sie mich nicht beseitigt! Nicht! Nicht! Den Kurhut lassen sie ihn sich aussetzen! Paßt auf, Lamormain, paßt auf. Habt Ihr Spaß daran!«
»Ihr hättet hingehen sollen zu ihm.«
»Zu ihm? Zu wem?«
»Zu Maximilian in Bayern.«
»Was hätte ich bei Max sollen?«
»Ihr hättet zu ihm hingehen sollen bis in seine Residenz. Und nicht warten. Und wenn sein Barbier morgens bei ihm stünde, hättet Ihr zu ihm eindringen müssen.«
»Und was hätte ich drin zu tun gehabt?«
»Ich frag' Euch.«
»Ich?«
»Ihr wißt es. Nicht den Blick herunter, allergnädigster Herr. Bin ich Euer Beichtiger? Seht in meine Augen.«
»Ich hätt' es nicht gekonnt. Ihn niederwerfen! Ich hätt' es nicht getan.«
»Und dennoch wie Ihr sagtet: >Das Unglück soll ihr Begleiter sein, die Klöster verbrannt, über den Knochen nichts als die Haut.<«
»Pater, ich bin ein Mensch. Was wollt Ihr von mir?«
»Gebt mir Antwort: Warum gingt Ihr nicht zu ihm? Später, nachdem Euch die Niederlage vor ihm gereut hat?«
»Ihr wollt mir meine Ruhe nehmen.«
»Ich will Euch die Bürde abnehmen, allergnädigster Herr, da Ihr mein Beichtkind seid. Sprecht. Ist Euch nicht wohl?«
Ferdinand, ganz in weißer Seide, hatte seinen Hut abgerissen, in raschem Tempo ging er dem hinkenden Pater voraus, der schwer schnaufte und sich den Halskragen hinter ihm öffnete. Rechts seitlich traten die Bäume auseinander, im Hintergrund eines schattigen Platzes wurde ein niedriges kreuztragendes Bauwerk sichtbar, von Galerien umgeben, das Tor hoch und bildergeschmückt: eine Kapelle der heiligen Magdalene. Ferdinand, bläulich weißen Gesichts, stob in die Mitte des Platzes, aber der Pater folgte; er stützte sich auf seinen Krückstock, hielt den fliehenden Mann im Auge, folgte.
»Kommt Ihr mit, Pater?« schrie der Weißseidene nach rückwärts. Vor ihm sprang das Tor auf. Da war Kühle und ein weiter stiller Raum. Von traulichen warmen Farben die Luft durchblüht, die runden Fenster prangten mit holden Bildern; seitlich und hinter dem Altar spielten Lichtstrahlen um die Bildsäulen, die Sockel mit heiligen knienden betenden erbarmenden Frauen, tönten sie blau violett purpurrot. Magdalene, die Büßerin, über den grünen Rasen geschmolzen, in ihrer Mitte, die goldene Aureole über dem Haar. Das Tor knarrte hinter ihnen; Ferdinand stand gehetzt, heftig schnaufend, mit dem Rücken gegen die Tür an einem der Pfeiler, die zu viert an jeder Seite durch den Raum liefen.
Der Stock des Priesters stieß auf den gestampften Mörtelboden: »Ich war nicht so rasch auf den Füßen, wie Ihr, allergnädigster Herr.«
»Mir ist gewiß wohl.«
»Ich konnte die letzten Tage nicht zu Euch kommen, ich wollte, daß die Besinnung in Euch erwache. Ich bin Priester, Majestät, mit einem großen Amt gegen Euch vertraut. Ich laß Euch nicht aus, was Ihr auch unternehmt. Ihr wißt, daß Himmel und Erde versperrt sind, und daß es keine Rettung und Flucht gibt, es sei denn in die Hölle.«
»Dies alles versteh' ich nicht, lieber Pater Lamormain, mein lieber Freund.«
»Ja, das bin ich. Es ist gut, daß Ihr es fühlt. Ich muß mehr Mut haben, als Ihr gegen Euern Schwager Max in Bayern. Ich muß, wie Ihr Euch auch spannt, mich einzig vor Gott verdient machen um Euch.«
»Mein Heiland, wer seid Ihr? Was wollt Ihr?«
»Ich bin der gottesfürchtigen Gesellschaft Jesu Pater; Euer Führer an den Thron Gottes.«
»Ihr seid nicht der Satan. Mich schauerts.«
»Weicht mir nicht aus. Wißt Ihr, was Ihr seid? Allergnädigster Herr: Ihr seid feige, sündhaft, hochmütig, grausam.«
Der Priester flüsterte eindringlich, seine bäurischen Züge waren unverändert ruhig, er hielt den Blick gegen den Boden; seine Faust ruhte schwer auf dem Stock. Der andere wölbte an der Säule müde und ergeben den Rücken, er ließ die Arme abwärts fallen: »Ihr seid nicht der Satan. So will ich hingehen zu Maximilian; ich bin der Kaiser, er hat mir nichts abzuzwingen mit Gewalt und Drohung, ich will es ihm sagen, ich will gerecht sein gegen den Pfälzer wie es einem Kaiser gebührt; jetzt soll es geschehen.«
»Ihr werdet nicht hingehen.«
Der Kaiser drehte den schweißtropfenden Kopf gegen den Priester; von den Schläfen lief der Schweiß über die Ohren, rann auf die Schultern, wo die Seide dunkel wurde; die blanke Nase schien gedunsen, die Augen waren schwer beweglich, stumpf, als wenn sie nicht rollen könnten auf ihrer Rundung, der weiche Schlemmermund stand offen; hilflos, ohne Ton kam es hervor: »Was soll ich tun?«
»Kommt. Ein paar Schritt, kommt.«
Lamormain hinkte zurück gegen die Tür. In einer Nische stand ein hölzerner Aufbau, mit schwerem schwarzen Tuch behängt, ein Beichtstuhl. Der Priester öffnete; als der andere vor der Tür zögerte, zog er ihn an der Hand herein; der Vorhang bedeckte sie. Lamormain hauchte: »Allergnädigster Herr, beichtet.«
Als aber der Kaiser hinkniete in der völlig verfinsterten Enge, flüsterte Lamormain über ihm: »Bleibt knien. Bleibt. Macht Euch fertig. Nun will ich Euch töten. Steht nicht auf. Es muß sein. Ihr habt es selbst gesagt und empfunden: man muß Euch beseitigen.«
Der Kaiser suchte sich stöhnend und klagend zu erheben. Lamormain rührte ihn nicht an, auf seine Worte sank der andre immer wieder hin: »Euer ältester Sohn wird wissen, warum Ihr gestorben seid. Ihr seid reif. Ihr seid ohnmächtig, von Haß geschwollen. Ihr wißt es selbst. Ihr wißt keinen Ausweg und ich weiß keinen. Wollet mit mir beten, damit Ihr nicht verloren seid.«
Der andre stammelte durcheinander entsetzt: »Ja. Ich muß beten. Ich bin bereit. Wer seid Ihr? Lamormain, wer seid Ihr? Hilfe.«
»Es ist Hilfe. Fangt an zu beten.«
»Hilfe. Wie soll ich beten?«
»So öffnet Eure Brust. Macht Euern Hals frei.«
Er tastete nach dem Kragen des Kaisers.
»Laßt; befleckt Euch nicht an mir. Ich tu es selbst.«
Er winselte: »Es ist das Beste; ich weiß es, ich muß Euch dankbar sein. Mein Heiland.«
Er hatte sich die Jacke aufgerissen. Die Brust halb offen umklammerte er die Knie des Paters: »Wer seid Ihr?«
Lamormain streifte ihn von sich ab, er richtete sich gleichgültig auf: »Laßt sein, allergnädigster Herr. Steht auf. Ja, gewiß, steht auf.«
Verzweifelt drückte der Kaiser seine Hand an den Mund: »Was ist, Lamormain? Was habt Ihr mit mir vor?«
»Sollte es sein, daß Ihr noch den Wunsch habt, zu leben?«
»Weh mir.«
* * * * *
Durch die nördlichen Tore Wiens rollten die Wagen mit den Gefangenen, in kleinen Trupps liefen sie gebunden hinter Reitern. Dann Lafetten Kartaunen Feldstücke von vielen hundert Gäulen geschleppt. Abordnungen trafen ein von den Regimentern, die sich bei Höchst Wimpfen Lorbeeren erworben hatten.
Die Logis der großen Stadt waren gestopft mit Offizieren Söldnern Beamten Gesindel Troßbuben Dirnen. Vier Tage dauerte die Siegesfeier, deren dröhnende Reden Europa erschreckten. Neben dem regierenden Habsburger saß auf der Schrannenstiege unter dem roten Baldachin sein hitziger Bruder, Leopold, der aus Innsbruck hergereist war und Wien nicht mehr verließ, Leopold, der von einer abenteuerlichen kriegerischen Korona umgeben war und mit seinen gewagten politischen Kombinationen alle Höfe und Gesandten mißtrauisch machte. Dem prangenden Vorbeizug der Gefangenen Kanonen Wagen Fahnen und Standarten wohnten auf dem Hohen Markte in ihrer Karosse auch die beiden dänischen Geschäftsträger bei, die Herren Heinrich Rantzau auf Schmoll und Julius Adolf von Witersheim, die einen drohenden Ton angeschlagen hatten; sie empfingen auf den Ämtern freundliche Worte. Was sie auf dem Hohen Markt sahen, war andres Register; sie hatten es eilig, abzureisen.
Es war inzwischen bekanntgeworden, daß sich wichtige Ereignisse am Kaiserhof vorbereiteten, bei denen sie nicht stören wollten. Bestimmter verlautete, der Römische Kaiser wollte freien. Bediente der Häuser Eggenberg und Trautmannsdorf berichteten von auffälligen Reisevorbereitungen ihrer Herren, von Kurieren, die zwischen Wien und einer oberitalienischen Stadt liefen.